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Können wir vom Broadway etwas lernen?

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Kunst und Kultur bekommen bei uns immer weniger staatliche Unterstützung, denn die öffentlichen Kassen sind leer. Und wenn Geld da ist, dann wird es für „wichtigere“ Dinge ausgegeben.

In einem Beitrag auf kulturmanagement.net stellt sich Gregor Hopf die Frage, ob wir angesichts der finanziellen Nöte, der unsere Theater ausgesetzt sind, nicht einen Blick auf das angelsächsische System werfen sollten, um von dort zu lernen (Der Beitrag ist auch in der April-Ausgabe des KM-Magazins abgedruckt). Ihn interessieren dabei vor allem die Produktionsbedingungen. In seinem Beitrag vergleicht Hopf die Rahmenbedingungen der Theater in Deutschland und Österreich mit denen am Broadway und präsentiert in seinem Artikel ganz interessantes Zahlenmaterial.

So gab es in der Spielzeit 2003/04 in Deutschland knapp 64.000 Vorstellungen, die Produktionskosten von 2,56 Milliarden Euro verursachten, was etwa 40.000 Euro pro Vorstellung bedeutet. In Österreich liegen die Kosten pro Vorstellung bei 60.000 Euro, am Broadway kann man davon ausgehen, dass sich die Kosten pro Vorstellung in einem ähnlichen Bereich bewegen, schreibt Hopf.

Theater am Broadway ist also ähnlich teuer wie in Deutschland oder Österreich. Der Unterschied ist ein anderer: Während am Broadway die Kosten zum allergrößten Teil produktionsgebunden sind, sind sie in Deutschland vor allem an die Institution gebunden.

Nicht nur die Produktionskosten sind ungefähr gleich hoch, auch der Grad der Auslastung liegt sowohl am Broadway als auch an den deutschen und österreichischen Theater bei durchschnittlich 70 bis 80 Prozent.

Die Potenzialauslastung ist in Deutschland und Österreich zu niedrig

Unterschiede zeigen sich erst, wenn man sich anschaut, wieviele Vorstellungen pro Jahr angeboten werden könnten und wieviele wirklich angeboten werden. Die 39 Broadwaybühnen, die Hopf für seinen Vergleich anführt, könnten pro Jahr insgesamt 16.224 Vorstellungen anbieten, bei 52 Wochen und 8 Vorstellungen pro Woche. In der Theatersaison 2003/04 gab es aber nur 11.944 Vorstellungen und damit eine Potenzialauslastung von 73,6 Prozent.

Ganz anders die Situation in Deutschland und Österreich: In Deutschland hätten die 744 Spielstätten der öffentlichen Theater 309.504 Vorstellungen anbieten können, in Österreich wären es bei 53 öffentlichen Spielstätten 22.048 mögliche Vorstellungen gewesen. Geöffnet hat sich der Vorhang bei den deutschen Spielstätten allerdings nur 63.911 Mal, was einer Potenzialauslastung von 20,6 Prozent entspricht. In Österreich waren es 6.700 Vorstellungen und eine Potenzialauslastung von 30,4 Prozent.

Was bekommen die ZuschauerInnen in den Theaterhäusern geboten? In der Spielzeit 2004/05 gab an den 39 Broadwaybühnen ebensoviele Premieren, also durchschnittlich eine pro Haus. In Deutschland waren es 3,4 Premieren pro Spielstätte, in Österreich sogar 4. Während nun aber in Deutschland bei den Premieren auf eine Uraufführung 5 Neuinszenierungen kommen, ist das Verhältnis Hopf zufolge am Broadway umgekehrt. Dort kommt auf 3 Uraufführungen eine Neuinszenierung.

Was heißt das nun? Interpretiert man die Zahlen, dann könnte eine Schlussfolgerung lauten, dass an deutschen und österreichischen Bühnen zu wenig Vorstellungen angeboten werden und der Broadway sehr viel innovativer als das deutsche oder österreichische Theater ist, da die Häuser dort sich relativ gesehen eher an Uraufführungen wagen als es unsere Theater tun.

Aber wird es unseren Theatern wirklich besser gehen, wenn sie mehr Uraufführungen auf das Programm setzen und die Zahl der Vorstellungen erhöhen? Ich will mich jetzt nicht darauf rausreden, dass man die Broadway-Theater nicht mit der deutschen oder österreichischen Theaterlandschaft vergleichen kann. Lassen wir diesen Aspekt mal beiseite.

Hopf hat ja in seinem Beitrag darauf hingewiesen, dass am Broadway die Kosten zum Großteil produktionsgebunden sind, bei uns aber institutionsgebunden. Ich denke, hier liegt der Knackpunkt. Eine Produktion zu finanzieren ist etwas ganz anderes als Institutionen zu finanzieren.

Eine Institution, wie es die öffentlichen Theater in Deutschland und Österreich ja sind, bietet ihren ArbeitnehmerInnen ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit. Wer eine solche Institution finanziert, finanziert gleichzeitig auch die soziale Sicherheit der dort arbeitenden Menschen mit. Diese soziale Sicherheit war und ist uns wichtig und daher sind wir auch bereit, dafür höhere Kosten zu tragen. Allerdings sinkt diese Bereitschaft, nicht nur im Kunst- und Kulturbereich. Was vor einigen Jahren noch die selbstverständliche Regel war, wird nach und nach zur Ausnahme.

Der Bereich der freien Kunst- und Kulturszene hat es bereits vorgemacht. Dort ist das Fördersystem schon zum größten Teil umgestellt worden. Statt der Institution wird die Produktion gefördert. Soziale Sicherheit beziehungsweise ein gesicherter Arbeitsplatz ist dort nicht mehr gegeben. Das macht die Produktion billiger und die öffentliche Hand geht keine langfristigen Verpflichtungen ein, schließlich schränken die ihren finanziellen Spielraum nur noch weiter ein.

Ohne das jetzt an dieser Stelle bewerten zu wollen, gehe ich davon aus, dass sich dieses System nach und nach auch bei den öffentlichen Theatern durchsetzen wird. Viele werden schließen (es hat ja einen Grund, warum Hopf in seinem Beitrag nur die Broadway-Bühnen für den Vergleich verwendet und nicht die amerikanischen Theater insgesamt) und manche werden versuchen, sich mit einer „kommerziellen“ Ausrichtung über Wasser halten zu können. Und sie werden sich an den Gewohnheiten Ihrer potenziellen ZuschauerInnen ausrichten, was zu völlig neuen Programmstrukturen führen wird. Und da wird es dann interessant für solche Häuser, die ähnlich den Broadway-Bühnen funktionieren, also erstens in einer Großstadt angesiedelt sind und zweitens auch Touristen anziehen.

Grundsätzlich wird sich aber auch unsere Einstellung zu Kunst und Kultur ändern (müssen). Der Staat wird sich nach und nach aus seiner Verantwortung zurückziehen und die Kunst- und Kultureinrichtungen dazu zwingen, sich nach anderen Einnahmequellen umzuschauen. Amerika mit seinem privaten Engagement wird oft von deutschen und österreichischen KulturpolitikerInnen als Vorbild genannt. Dann müssen aber auch die Voraussetzungen für private Initiative geschaffen werden. Solange zum Beispiel in Österreich Spenden für Kultureinrichtungen nicht von der Steuer abgesetzt werden können, haben diese gar keine Chance, sich an Amerika ein Vorbild zu nehmen.

Und ein anderer Punkt ist (mir) mindestens ebenso wichtig: Ein gerne verwendetes Wort im Kunst- und Kulturbereich lautet Professionalisierung. Ein netter Begriff, aber solange das bei uns nur ein Synonym für „billiger“ ist, wird es Professionalisierung nicht geben. Erst ab dem Moment, wo es nicht nur um die künstlerische Qualität geht, sondern auch darum, wie ein Vorhaben umgesetzt wird, darf dieser Begriff ernsthaft verwendet werden.

Das bedeutet aber auch: es muss erst einmal mehr investiert werden, denn: Fundraising zum Beispiel heißt eben nicht betteln, sondern bedeutet zielgerichtetes Investieren, um möglichst große Rückflüsse zu erzielen.

2 Comments Join the Conversation

  1. Ein hochinteressanter Vergleich. Die Unterschiede zwischen Broadway und deutschen (Staats-) Theatern sind aber doch so grundlegend, dass ein Vergleich immer hinken muss.
    Der Broadway setzt sich aus ca. 40 Bühnen zusammen, die ganzjährig Entertainment (vornehmlich Musicals und Plays) anbieten.
    Bei der Angebotserstellung ist der vermutete Zuschauerwunsch oberstes Ideal. Diesem nähert man sich in langwierigen Prozessen an – noch bevor die erste Preview in New York stattfindet.
    Jedes Broadway-Stück verfolgt die Absicht zur Gewinnerzielung. Dazu ist jeder Produzent gegenüber seinen Investoren verpflichtet.
    Die wöchentlichen Einnahmen müssen veröffentlicht werden, die Ausgabe von Freikarten ist nur begrenzt gestattet, werden die laufenden Kosten nicht ausreichend gedeckt, ist der Produzent zum Schutz seiner Investoren zur closing notice verpflichtet.

    Ein staatlich gefördertes Theater in Deutschland verfolgt glücklicherweise grundsätzlich unterschiedliche Ziele. Wäre dies nicht der Fall, so gäbe es in Deutschland kein einziges staatlich gefördertes Haus, welches die nächste Zukunft überleben würde.
    Es ist gerade das Glück unserer Kulturförderung, dass nicht die Gewinnerzielung im Vordergrund steht und diese nicht einmal angestrebt wird.

    Darum sollten wir uns aber auch vor Vergleichen mit dem Broadway hüten!

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  2. Klar weisen die Broadwaybühnen und die deutschen Theater unterschiedliche Strukturen auf und verfolgen zumindest teilweise unterschiedliche Ziele. Aber warum soll man ihre Strukturen nicht nebeneinander stellen und auf die unterschiedlichen Ansätze hinweisen?

    Ich finde solche Vergleiche eigentlich immer ganz hilfreich, denke aber auch, dass es nicht darum geht, das System der Broadway-Theater eins zu eins zu übernehmen. Aber lässt sich aus diesen Mustern nicht was lernen? Gibt es da nicht Elemente, die man auch an deutschen Bühnen ausprobieren könnte?

    Ich denke schon. Innovation kann nur stattfinden, wenn man sich auf solche Experimente einlässt, sonst kommt man aus der Schiene nicht mehr heraus. Und das sich an den deutschen Bühnen einiges ändern wird bzw. muss, darüber sind wir uns doch einig, oder?

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