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Entartete Kunst

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„Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.“

Ich will jetzt gar nicht über die katholische Kirche und die Äußerungen eines Kardinals herziehen, der immerhin den Bau eines sehr spannenden und eigentlich weltoffenen Museums mitverantwortet hat. Einer Religionsgemeinschaft, in der solche Äußerungen möglich sind, gehöre ich zum Glück nicht an. Nachdem ich sehr viel mit KünstlerInnen zu tun habe, denen es in ihrer Arbeit nicht um „Gottesverehrung“ geht, lasse ich mich gerne auch als entartet bezeichnen. In diesem Kontext ist das schon fast eine Auszeichnung.

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  1. Die „Religionsgemeinschaft“ insgesamt mit diesen Äußerungen in Zusammenhang zu bringen, finde ich problematisch, schließlich wurde Meisner auch „aus den eigenen Reihen“ scharf kritisiert. In meinen Augen ist es mal wieder ein gutes Beispiel für eine ungeschickte und unbedachte Aussage, die über die Maßen aufgebauscht wird und von vielen Leuten zum Anlass genommen wird, um sich als aufrechte Demokraten und wache Mitbürger zu profilieren. Ich verteidige die Äußerung keinesfalls, ich meine nur, sie ist die ganze überzogene Empörung gar nicht wert.

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  2. Ich will jetzt keine Sippenhaft verhängen, aber in meinen Augen ist es die Aufgabe eines jeden Mitglieds der katholischen Kirche, dazu beizutragen, dass solche Äußerungen nicht möglich sind. Und Kardinal Meißner hat diese Äußerungen nicht als Privatperson getätigt, sondern in seiner Eigenschaft als Kardinal, der ein Museum eröffnet.

    Und ich glaube auch nicht, dass es sich dabei um eine „ungeschickte oder unbedachte“ Äußerung gehandelt hat. Das Bild der alten, etwas senilen Herren, die nicht wissen, was sie sagen, teile ich so nicht. Sonst hätte er seine Aussagen ja auch bedauern können, was aber nicht geschehen ist.

    Ich kann Roger M. Buegel nur zustimmen, der im Interview auf 3Sat (Kulturzeit) die katholische Kirche als ein Unternehmen bezeichnet hat. Dieses Unternehmen ist sehr erfolgreich, ich kenne kein erfolgreicheres. Da passiert einem der Verantwortlichen so etwas nicht einfach so.

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  3. Bedauert hat Eva Herman, bei der die ganze Aufregung genauso lächerlich war und nur der PR für ihr neues Buch gedient hat. Aber was ist deine Schlussfolgerung aus der Erkenntnis, dass es nicht einfach „versehentlich“ passiert ist? Wollte Meisner sehen, ob er es auch als Bild-Aufmacher schafft? Ist es eine PR-Provokation für das Museum wie bei Herman für ihr Buch? Wollte er gar faschistische Kulturpolitik propagieren? Ich sehe da den Kern des Skandals nicht ganz, denn inhaltlich ist es wohl kaum überraschend oder gar provozierend, dass Meisner nicht einem avantgardistischen Kunstverständnis das Wort redet. Man regt sich über dieses eine Wort auf, das man tatsächlich nicht benutzen sollte. Aber was sagt es, wenn man es doch benutzt?

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  4. Im Fall von Eva Herman fand ich die Aufregung auch übertrieben. Interessant ist aber, dass sie sich erstens für ihre Äußerungen entschuldigt hat und zweitens von ihrem Arbeitgeber entlassen worden ist.

    Kardinal Meisner hat seine Äußerungen nicht zurückgenommen, sich nicht entschuldigt und ist auch nicht „entlassen“ worden. Insofern kann man beide nicht wirklich miteinander vergleichen.

    Ich denke auch nicht, dass es ihm darum ging, die Bild-Titelseite zu schmücken oder PR für sein Museum zu betreiben. Ich würde ihn auch nicht als Nazi bezeichnen und behaupten, er rede einer faschistischen Kulturpolitik das Wort.

    Nein, zwei Dinge sind meiner Meinung nach zu kritisieren: Erstens der Begriff „entartet“. Für mich heißt es den Anfängen zu wehren. Zugegeben, ich schreibe diesen Kommentar in einem Land, in dem ein Landeshauptmann (Ministerpräsident) folgenlos sagen kann, dass Minarette „artfremd“ seien und wo der Vorsitzende einer Partei, die im Parlament vertreten ist, an nicht zugelassenen Demonstrationen mit heute in Deutschland verbotenen rechtsextremistischen Jugendgruppen teilgenommen hat.

    Kardinal Meisner selbst deshalb als Nazi hinzustellen, wäre lächerlich, zugegeben. Aber er trägt dazu bei, dass ein bestimmter Jargon wieder gesellschaftsfähig wird.

    Und zweitens stört mich an seiner Aussage, dass seine Definition von Kunst nur einem Kriterium unterliegt, nämlich ob die KünstlerIn der katholischen Kirche angehört oder nicht. Damit werden KünstlerInnen, die nicht den katholischen Gott verehren, diskriminiert.

    Und dieses Kunstverständnis passt für mich in eine Reihe von Äußerungen, die ich aus der katholischen Kirche vernommen habe und in denen anderen Religionen quasi die Legitimität abgesprochen wird. Nach dem Motto: es gibt nur eine einzige wahre Religion.

    Etwas ähnliches bedeutet für mich nun die Äußerung Meisners. Ob er damit diee Linie der katholischen Kirche vertritt, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich würde mir von dieser Kirche erwarten, dass dann auch Konsequenzen gezogen werden, so er nicht im Namen seiner Kirche gesprochen hat.

    Aber bis jetzt weigert sich die Deutsche Bischofskonferenz, offiziell dazu überhaupt nur Stellung zu beziehen. Dadurch fällt es mir schwer, die Sache als Ausrutscher abzutun.

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  5. Dass ein Kardinal das Wort „entartet“ benutzt finde ich nicht besonders intelligent, aber auch nicht so hochramatisch. Es ist doch naiv zu glauben, dass sich Geschichte am selben Ort 1:1 wiederholen wird. Warum regen sich die Leute nicht viel mehr über die Pläne und Aussagen von bestimmten deutschen Ministern auf, die die vielzitierte „demokratische, freiheitliche Grundordnung“ viel allmählicher und subtiler untergraben? Hier stimme ich dir zu mit „Wehret den Anfängen“.

    Gar nichts damit zu tun hat ja letztlich Punkt 2. Hätte Meisner nicht das böse Wort benutzt, würde sich doch kein Mensch für seine Kunstauffassung interessieren, oder? Ich kann sie insoweit nachvollziehen (das ist jetzt seeeehhhr allgemein), als gute Kunst eigentlich immer an existenzielle Fragen rührt, wie eben auch Religion. Das muss natürlich nicht speziell Gottesverehrung sein, auch wenn sie tatsächlich etliche der großen abendländischen Kunstwerke inspiriert hat.

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  6. Die Gefahr, dass sich die Geschichte so noch einmal wiederholt, besteht meiner Meinung nach nicht, da sind wir uns wohl einig. Die Frage, warum wir uns nicht eher gegen die Pläne der Politik wehren, beschäftigt mich auch.

    Vielleicht resignieren wir in dieser Hinsicht bereits, weil wir glauben, eh keine Chance gegen „die da oben“ zu haben. Aber ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.

    Punkt 2: Stimmt, ohne das „böse Wort hätte es die ganze Aufregung nicht gegeben. Und selbstverständlich gibt es zum Beispiel zwischen Theater und Religion jede Menge Verbindungslinien. Nur beschränkt sich das halt nicht auf die katholische Religion.

    So gesehen muss ich Kardinal Meisner dankbar sein, dass er von „entartet“ gesprochen hat. Sonst wären seine Predigtworte nie bis nach Wien gelangt. ;-)

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