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Wenn Fördergeber innovative Projekte erwarten

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Von einem sehr interessanten Urteil des Schweizer Bundesverwaltungsgerichts berichtet Hanspeter Gautschin auf Bodeständigi Choscht. Eine Band hatte sich nicht mit der Ablehnung ihres Förderansuchens abgefunden und sich an der Begründung gestoßen, „der Musik der Band fehle der innovative Charakter“. Das Gericht gab der Gruppe AIYve Recht und verpflichtete die beklagte Kulturstiftung Pro Helvetia, ihre Bescheide zukünftig besser zu begründen. Nun ist Pro Helvetia ja nicht die einzige Fördereinrichtung, die von den Antragstellern innovative Projekte verlangt. So bewertet zum Beispiel die EU im Rahmen ihres Kulturförderprogramms die Qualität der eingereichten Projekte unter anderem auch nach dem Grad der Innovation, wie es im Leitfaden zur aktuellen Ausschreibung auf Seite 12 heißt. Aber nicht nur im Kunst- und Kulturbereich wird Innovation gefordert, wenn es um Förderungen geht. Ob auf lokaler, nationaler oder internationaler Ebene, immer muss das Vorhaben innovativ sein, um in den Genuss öffentlicher Gelder zu kommen. Ohne jetzt den Begriff diskutieren zu wollen (damit habe ich mich an anderer Stelle beschäftigt), stellt sich mir die Frage, ob es m Rahmen unserer Fördersystems überhaupt möglich ist, innovative Vorhaben zu fördern? Warum? Für mich stellt sich erstens die Frage, ob Innovation planbar ist? Nehmen wir mal an, sie ist es, dann wäre die zweite Frage, ob auch das Ergebnis bereits bekannt ist? Ist es bekannt, dann frage ich mich, ob wir in diesem Fall noch von Innovation sprechen können? Meiner Meinung nach nicht. Ein innovatives Projekt ist in meinen Augen ein Vorhaben, mit dem ich zwar ein bestimmtes Ziel verfolge, bei dem ich aber nicht weiß, ob und wenn ja, wie ich dieses Ziel erreichen kann. Das bedeutet, bei einem solchen Projekt ist das Risiko relativ groß, dass ich mein Ziel nicht erreiche und damit scheitere. Öffentliche Fördergelder sind in der Regel Steuergelder, die nicht wahllos und unbegründet verteilt werden können. Die fördergebenden Stellen unterliegen diversen Kontrollen (z.B. durch den Rechnungshof), damit gewährleistet ist, dass die Gelder ordnungs- und widmungsgemäß verwendet werden. Als Fördergeber werde ich also einen klaren Rahmen vorgeben, damit ich nachweisen kann, dass das Geld sinnvoll eingesetzt worden ist. Dementsprechend sehen dann die Leitlinien der Programme aus. Gehen wir wieder zurück zum aktuellen Call des EU-Kulturförderprogramms. Dort muss ich meine Ziele klar definieren und so präzise beschreiben, wie ich dieses Ziel erreichen werde, dass sogar schon angegeben werden muss, an welchem Tag ich 2009 von z.B. Wien nach Rom fliege, um ein Meeting mit meinen Projektpartnern zu haben. Gibt es dann später Abweichungen, muss ich mir diese genehmigen lassen. Nur: Glaubt irgendwer, dass ich dann am 27. Mai 2009 in Rom „innovativ“ sein werde? Ich kann Förderstellen schon verstehen, dass sie sich „abzusichern“ versuchen, keine Frage. Für mich ist das ein eher grundsätzliches Problem, denn die wirklich innovativen Köpfe werden sich nicht in den Rahmen eines solchen Antragschemas pressen lassen. Förderungen erhalten daher diejenigen, die das Spiel durchschauen und in der Lage sind, es mitzuspielen. Das Ergebnis sind dann Anträge, in denen es von Innovation, Kreativität, Netzwerken, etc. nur so wimmelt. Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?
  1. Ich denke, es macht durchaus Sinn, Innovation zu „fördern“. Ob das allerdings im Rahmen von Förderprogrammen funktionieren kann, wage ich unter den gegebenen Rahmenbedingungen zu bezweifeln.
  2. Scheitern muss erlaubt sein. Wer „scheitert“, hat in den Augen der Gesellschaft versagt, eine zweite Chance gibt es nur selten oder gar nicht. Damit meine ich nicht, dass man ein Konzert oder eine Ausstellung nicht organisiert bekommt, sondern z.B. eine Fragestellung nicht lösen kann.
  3. Wir sollten etwas vorsichtiger mit dem Begriff Innovation umgehen. Es mag zwar mühsam sein, aber vielleicht lassen sich die Erwartungen an potenzielle Fördernehmer auch anders formulieren, sonst klingt „innovativ“ irgendwann einmal nach „ich weiß auch nicht so genau“. Und dann wäre der Begriff endgültig runtergewirtschaftet. Das gilt aber nicht nur für Fördergeber. Auch Antragsteller sollten bedenken: nicht jedes Projekt ist innovativ. Einzigartig ja, aber das ist etwas anderes.
Erfreulich wäre es, wenn ein solches Urteil etwas Bewegung in ein mittlerweile erstarrtes System bringen würde und die Möglichkeit eröffnet, sich darüber Gedanken zu machen, wie innovative Ansätze im Kunst- und Kulturbereich unterstützt werden können.

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  1. Ich stimme Ihnen da voll und ganz zu. Innovationen sind wünschenswert, aber eben nicht präzise planbar. Zudem wird der Begriff der „Innovation“ zur Zeit inflationär gebraucht – so viele davon gibt es gar nicht.

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  2. Ich hänge derzeit an der Frage, welche Alternativen es zur Förderung geben könnte? Z.B. ist eine kritische Masse ein Erfolgsfaktor für Innovationen. Müssen wir also Kunstinkubatoren und -cluster schaffen, um eine „innovative Atmosphäre“ zu schaffen?

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  3. Die „kritische Masse“ kann doch auch leicht in die Irre führen: Nicht alles was populär ist, ist gleichzeitig auch innovativ. Eher im Gegenteil: Was dem Massenpublikum gefällt, ist meist das Altbewährte und Bekannte. Das kann also kein Kriterium sein.

    Vielleicht sollten die fördernden Stellen eine Art „erweiterten Beirat“ haben, bei dem eine größere Anzahl von Personen etwa über eine Internetplattform eingebunden und um ein Votum gebeten wird. Wäre dieser Beirat mit Personen besetzt, die als Vordenker bekannt sind, könnten sie als eine Art Stimmungsbarometer für den Innovationsgrad neuer künstlerischer Ansätze gesehen werden. Das würde die Entscheidungen der fördernden Stellen objektiver und auch ein Stück demokratischer machen.

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  4. Planziele und Qualitätskontrollen (s. auch neues Kulturleitbild der Stadt Zürich) sind Ausdruck modischer Theorien des New Public Managements. Sie verschärfen jedoch m.E. nur noch die Unvereinbarkeit der Ziele von Staat und Kunstschaffenden.

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  5. @ Matthias: Sorry, ich war etwas kurz angebunden mit der „kritischen Masse“. Ich meinte damit, ob es nicht sinnvoll ist, eine innovative Umgebung zu schaffen, d.h. es gibt einen realen Ort, an dem Menschen zusammen arbeiten, die an der Realisierung ihrer (innovativen) Ideen und Konzepte arbeiten. Das heißt, sie arbeiten nicht alle am selben „Problem“, sondern die Gemeinsamkeit ist, dass sie im Kunst- und Kulturbereich tätig sind und in eben diesem Bereich ihre eigenen Vorstellungen umsetzen wollen.

    Bis jetzt arbeiten die meisten ja als EinzelkämpferInnen und ich könnte mir schon vorstellen, dass es motivierend wirkt, in einem solchen (innovativen) Umfeld zu arbeiten.

    Dass ein Beirat entscheiden kann, was innovativ ist und was nicht, glaube ich nicht. Provokant gesagt, schließen sich die demokratischpolitisch notwendige Mechanismen und Innovation meiner Meinung nach aus, wenn es um die inhaltliche Bewertung geht. Da habe ich eine ähnliche Sichtweise wie Hanspeter Gautschin.

    Nehmen wir als Beispiel Artauds Theater der Grausamkeit (ich kann meine Herkunft als Theaterwissenschaftler halt nicht verleugnen ;-) ), das nie in irgendwelche Leitbilder gepasst hätte und von keinem Beirat dieser Welt empfohlen worden wäre.

    Planziele und Qualitätskontrollen sind richtig und wichtig! Allerdings dann, wenn es um die Frage geht, wie das Projektvorhaben umgesetzt wird. Interessanterweise ist dieser Punkt bei der Evaluierung der Projekte durch die Subventionsgeber überhaupt kein Thema. Es geht nur darum, ob die Ausstellung, das Konzert, etc. stattgefunden haben. Ob das Projektmanagement eine einzige Katastrophe war oder nicht, spielt keine Rolle. Da stellt sich ja dann auch die Frage, warum ich mich überhaupt weiterbilden soll? Normalerweise tue ich das, damit ich mich beruflich über kurz oder lang verbessere und damit auch finanziell davon profitiere. Nur ist diese Form der Qualifizierung kein Argument, um nun z.B. höhere Stundensätze verlangen zu können.

    In dieser Kontext macht das New Public Management also durchaus Sinn, aber wenn es darum geht, „künstlerisch hochwertige und innovative Projekte“ zu entwickeln, wie es oft in den Programmrichtlinien heißt, dann stößt man da an Grenzen.

    Vielleicht erkennen wir einfach an, dass es im Kunst- und Kulturbereich gar nicht immer um Innovation geht und streichen diesen Begriff aus der Kriterienliste? Und öffnen gleichzeitig einen Topf für Projekte, die sich dezidiert als innovativ bezeichnen. Ich weiß zwar nicht, ob sich damit die Probleme wirklich lösen lassen, aber ehrlicher wäre es allemal.

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