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Sueddeutsche Zeitung 0.0

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Irgendwo in einer fast endlosen Aneinanderreihung von Buchstaben findet sich ein Zwischentitel, der da lautet:

„Ich blogge, also lebe ich.“

Daraus kann ich als Leser schließen: der Autor muss einen philosophischen Hintergrund haben. Und richtig: Bernd Graff hat Germanistik und Philosophie studiert. Und wohl auch, weil er es schaffte, sein Wissen in kurze knackige Sätze zu fassen (siehe Zitat), wurde er schon während seines Studiums Redakteur bei der Sueddeutschen Zeitung. Als die Zeitung 1997 mit ihrem Online-Auftritt startete, war er dabei. Heute ist Graff im Online-Bereich nicht nur für die Kultur zuständig, sondern darüber hinaus auch stellvertretender Chefredakteur.

Und als kluger Mensch finden sich von ihm jede Menge Aussagen im Internet. Etwa diese hier auf die Frage nach den wichtigsten Fähigkeiten eines Online-Journalisten:

Ein gutes Gespür für Themen, eine kluge Herangehensweise an ein Thema und damit ein einhergehender Sinn für einen guten Stil, der abwechslungsreich und tiefgründig sein sollte.

Nun habe ich seinen aktuellen Artikel Web 0.0 vor mir und versuche, diesen an seinen Anforderungen zu messen. Das Gespür für Themen kann man ihm nicht absprechen, die zahlreichen Kommentare unter seinem Text zeigen, dass er ins Schwarze getroffen hat. Ob seine Herangehensweise klug ist, hängt vom Ziel des Artikels ab. Wenn es darum ging, Aufmerksamkeit zu erregen, dann hat es funktioniert, die zahlreichen Reaktionen (meine eingeschlossen) beweisen es.

Ob sein Stil abwechslungsreich ist, darüber kann man streiten, tiefgründig ist es aber ganz sicher nicht. Wortreich, nicht wortgewaltig beklagt er sich darüber, dass

„das Internet (…) zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten (verkommt).“

Rettung bringe die Qualitätszeitung, so Graff, der denjenigen, die sich im „partizipativen Web“ artikulieren, vorwirft, sie würden jedes Thema zerfleddern.

Ob es aber Sinn macht, sich an einem Tag über die „Ahnungslosen“ aufzuregen, an dem in anderen Medien darüber berichtet wird, dass der Süddeutsche Verlag, und damit auch die SZ, noch vor Weihnachten den Eigentümer wechselt? Und dass in den Online-Bereich investiert werden soll. Nicht, dass am Ende Bernd Graff ein Poesie-Album, Verzeihung, ein Weblog führen muss, wie das in den Webauftritten anderer Qualitätszeitungen mittlerweile üblich geworden ist.

Dann würde er auch zu denen gehören, die Debattenquickis anzetteln, nach Gutsherrenart pöbeln und dann zeternd weiterrauschen, wie er selbst schreibt.

Eigentlich schade, dass ein so kluger Kopf wie Graff es nicht schafft, sich auf sachliche Art und Weise mit dem Thema Web 2.0 auseinanderzusetzen. Einige Punkte wären durchaus zu diskutieren, aber was soll ich von der pauschalen Verurteilung und Verunglimpfung des partizipativen Webs halten, wo doch auch die SZ unter jedem Artikel Kommentare zulässt und zum Debattieren auffordert. Zwar bitte nur zu Dienstzeiten, aber irgendwie würde man halt schon ganz gerne mitmachen.

Und was ist von dieser Ansammlung von Icons zu halten, die ganz unten am Seitenende zu finden sind? Hallo Herr Graff, habe ich da nicht die Möglichkeit entdeckt, diesen Ihren Artikel bei Mister Wong zu bookmarken? Dabei schreiben Sie:

„In der Nutzer-Hierarchie von del.icio.us gelangen nur drei Prozent der Nachrichten, die das Weltgeschehen bestimmen, auf die Plätze. Wesentlich wertiger werden hier Stücke über Kaffeekochen in Japan und die Beschaffenheit von Flugzeugsitzen empfunden.“

Ich vermute, damit wollen Sie Ihre Web 2.0-LeserInnen testen. Aber ich verrate Ihnen etwas, Herr Graff: ich habe gerade Ihren Artikel gebookmarkt, denn was dessen Aussagekraft und Relevanz angeht, liegt er für mich ziemlich genau zwischen dem Thema Kaffekochen in Japan und der Frage nach der Beschaffenheit von Flugzeugsitzen.

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  1. Was für ein Artikel – so kennt man Sie gar nicht! Die Süddeutsche Zeitung scheint sich zum Mittelpunkt des Widerstands gegen das Web 2.0 zu entwickeln, mit Herrn Graff an der Spitze. Das wird noch lustig….

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  2. Ich habe diesen Artikel gestern auch gelesen und wollte es Ihnen den Link zukommen lassen (vergessen leider). Es ist interessant auch die andere Seite der Sache zu sehen. Vor allem auch auf einem Blog, der sich sonst sehr für das Web 2.0 einsetzt. grüsse aus basel

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  3. Ich finde es schade, dass hier ein Wettbewerb zwischen den klassischen Medien und dem Web 2.0 propagiert wird. Und Journalisten hier glauben, Qualitätsunterschiede feststellen zu können. Die gibt es auch zweifelsohne, aber nicht nur zwischen „Qualitätsjournalismus“ und z.B. BloggerInnen, sondern zwischen Zeitungen ebenso wie zwischen Blogs.

    Und selbst eine Zeitung, von der ich behaupte, dass sie „gut“ ist, enthält schlechte Artikel.

    Besonders entlarvend ist es doch aber, wenn auf der einen Seite das Web 2.0 (was immer das sein mag) schlecht gemacht wird und auf der anderen Seite die Online-Auftritte der Zeitungen mit Web 2.0-Tools „aufgemotzt“ werden. Wozu haben Zeitungen Blogs, lassen ihre LeserInnen kommentieren, zeigen Videos und bieten die Möglichkeit, Artikel zu bookmarken, wenn das alles Schwachsinn ist? Irgendwo stimmt doch da die Argumentation nicht.

    Und wenn man sich dann noch vor Augen hält, dass die Auflagen der Printmedien permanent sinken, dann kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass hier jemand Angst hat. Angst davor, seine Existenzberechtigung zu verlieren.

    Schade, ich würde eigentlich viel lieber über die Sache diskutieren. Aber ich gebe zu, der Beitrag hat mir schon auch Spaß gemacht. :-)

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