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Kunst und die Marktwirtschaft

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Die Frage, ob Kunst und Kultur Bestandteil unseres kapitalistischen Systems sind bzw. sein wollen oder ob sie außerhalb desselben stehen, wird schon ziemlich lange diskutiert. Macht es Sinn, Kunst nach ökonomischen Gesichtspunkten zu bewerten und wie können KünstlerInnen in unserer Marktwirtschaft finanziell überleben? Viele Fragen, wenige Antworten, so lässt sich die Diskussion zusammenfassen.

Einen ganz interessanten Zugang zu diesem Thema verspricht die Los Angeles Times. Sie hat Lewis Hyde interviewt, dessen vor 25 Jahren veröffentlichtes Buch „The Gift“ im letzten Herbst neu aufgelegt worden ist und Mitte Februar erstmals auch auf Deutsch erscheint.

“ The main assumption of the book is that certain spheres of life, which we care about, are not well organized by the marketplace. That includes artistic practice, which is what the book is mostly about…“,

heißt es eingangs des Artikels. Und weiter:

„This book is about the alternative economy of artistic practice. For most artists, the actual working life of art does not fit well into a market economy, and this book explains why and builds out on the alternative, which is to imagine the commerce of art to be well described by gift exchange.“

Das heißt, Hyde schreibt über ein alternatives Wirtschaftssystem für KünstlerInnen. Die Inspiration, aus der heraus Kunst entsteht und die Fähigkeit, das Werk zu vermarkten, stellen einen Widerspruch dar. Es gebe zwar durchaus Ausnahmen, so Hyde, aber

„Most of the fiction writers I know struggle to make a living from their writing and have to take second jobs. And for those people it’s important to remember that it’s not a failure on their part: It’s a structural problem that comes with the practice of art.“

Seit Beginn der 90er Jahre triumphiere der Markt, was dazu führe, dass Branchen, die auf Inspiration basieren (neben der Kunst nennt Hyde unter anderem auch Bildung und Gesundheit) ihre finanzielle Grundlage verloren hätten. Seitdem versuche man, diese Bereiche zu „privatisieren“.

Aber Kunst muss nicht am Markt kommerzialisiert werden, um wertvoll zu sein.

„It has a value of its own, and sticking to that value is going to bring a satisfaction that you can’t get elsewhere“,

so Hyde weiter.

Diesen, ich denke, man kann sagen, kunstphilosophischen Ansatz, finde ich sehr interessant. Auf der Suche nach weiteren Informationen darüber bin ich dann auf den fast drei Jahre alten Blogbeitrag „The Gift Economy“ von Dave Pollard gestoßen, der sich darin mit Hyde beschäftigt. Was können wir unter diesem Begriff verstehen? Anfangs dachte ich, dass er in Richtung Solidarische Ökonomie geht. Das tut er auch, aber er geht noch darüber hinaus, wie Pollard mit einem Zitat Hydes zeigt:

„I speak of the inner gift that we accept as the object of our labor, and the outer gift that has become a vehicle of culture. I am not concerned with gifts given in spite or fear, nor those gifts we accept out of servility or obligation; my concern is the gift we long for, the gift that, when it comes, speaks commandingly to the soul and irresistibly moves us.“

Es gilt zu unterscheiden zwischen dem „inner gift“ und dem „outer gift“. Während letzteres wohl der solidarischen Ökonomie verwandt ist, handelt es sich beim „inner gift“ um etwas anderes, das tief in der KünstlerIn steckt und sie inspiriert.

Zurück zu Pollards Beitrag, in dem die Unterschiede zwischen unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem und der „gift economy“ beschrieben werden.

„The present economic system is based upon exchange, giving in order to receive. The motivation is self-oriented since what is given returns under a different form to the giver to satisfy her or his need. The satisfaction of the need of the other person is a means to the satisfaction of one’s own need. Exchange requires identification of the things exchanged, as well as their measurement and an assertion of their equivalence to the satisfaction of the exchangers that neither is giving more than she or he is receiving. It therefore requires visibility, attracting attention even though it is done so often that the visibility is commonplace. Money enters the exchange, taking the place of products reflecting their quantitative evaluation,“

zitiert er Genevieve Vaughan. Ganz anders die „gift eceonomy“:

„In a ‚market‘ economy, says Hyde, the highest status belongs to those who have acquired the most. In a Gift Economy, the highest status belongs to those who have given the most. But what is most important, he says, is that the gift must always move,“

schreibt Pollard.

Eine interessante Theorie, die Lewis Hyde entwickelt hat und die mich neugierig auf sein Buch gemacht hat. Bei Amazon kann man sein Buch, das auf Deutsch den Titel Die Gabe trägt, bereits bestellen. Erscheinen wird es dann, wie gesagt, Mitte Februar. Ich bin auf alle Fälle sehr gespannt und habe es mir bereits bestellt.

Ich könnte mir vorstellen, dass es in der Diskussion um das Verhältnis zwischen Kunst und Wirtschaft einige Anregungen enthält. Übrigens: Lewis Hyde hat auch eine eigene Website.

5 Comments Join the Conversation

  1. Diese „gift economy“ ist im Internet im Entstehen. Denn der gesamte User Generated Content des Web 2.0 kann in diese Richtung interpretiert werden. Allerdings gibt da auch noch Felder, wo in den traditionellen Denkmustern gedacht wird: Etwa bei der Technorati-Authority, die nur misst, was man erhält (=eingehende Links), nicht aber, was man selbst verschenkt (=ausgehende Links).

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  2. Ja, das sehe ich ähnlich. Aber einen Unterschied gibt es: das, was im Internet geschieht (user generated content) entspricht in meinen Augen der solidarischen Ökonomie . Bei Hyde kommt noch der Aspekt der Inspiration dazu, insofern geht das für mich noch einen Schritt weiter. Aber ich muss gestehen, ich kenne mich da zu wenig aus und weiß nicht, ob die Inspiration auch in der solidarischen Ökonomie ein Thema ist.

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  3. Die Inspiration ist in der Ökonomie eigentlich kein Thema, da man damit keinen Handel treiben kann… ;-)

    Ich muss schon etwas in der Hand haben, das ich verschenken, verleihen oder verkaufen kann. Alles was „davor“ passiert, ist für die Erklärung von Marktmechanismen eher uninteressant.

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  4. Welche Rolle die Inspiration da genau spielt, ist mir auch noch nicht klar. Aber wie gesagt, das Buch ist bestellt. Wenn ich es gelesen habe, bin ich hoffentlich schlauer. :-)

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  5. Pingback: Theaterfinanzierung: geht es auch ohne Förderungen? « Das Kulturmanagement Blog

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