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Nicht überall, wo „2.0“ draufsteht, ist „2.0“ drinnen

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Hanspeter Gautschin hat sich in seinem gestrigen Beitrag über den Slogan des Zentrums für Kulturmanagement an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften beschwert. „Unsäglich“ nennt er ihn. Ich finde ihn gar nicht so schlecht. Aber urteilen Sie einfach selbst:

„Kultur bewegt uns. Wir bewegen Kultur – mit Management.“

Neugierig wie ich bin, habe ich dann die Website des Zentrums für Kulturmanagement angeklickt. Und was durfte ich da entdecken? Die Ankündigung einer Veranstaltung, die sich Kulturmanagement 2.0, „Von Arts Administration zum Management kultureller Kontexte“ nennt. Ist das nicht sensationell? Das verheißt doch Aufbruchstimmung. Sollte das wirklich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Kulturmanagement und all dem, was wir als Web 2.0 bezeichnen, sein?

Klar, dass ich mir als nächstes gleich den Tagungsflyer angeschaut habe. Hier ist er:

Tagungsflyer

„Marktorientierung und und Anpassungsfähigkeit bei gleichzeitig hoher Innovationsbereitschaft gehören zu den besonderen Eigenschaften des Kulturmanagements. Als mittlerweile ausgereifte Optimierungstechnik leistet Kulturmanagement einen wesentlichen Beitrag bei der Gestaltung und Umsetzung staatlicher Kulturpolitik“,

heißt es dort in der Einleitung auf der zweiten Seite. Kulturmanagement würde ich zwar nicht unbedingt als „Optimierungstechnik“ bezeichnen, aber gut. Wo ist jetzt aber das „2.0“?

Schon im nächsten Absatz ist von der „digitalen Revolution“ die Rede. Aha. Klingt nach: „Web 2.0 ist zur Zeit in aller Munde…“, also nach Phrase.

Vielleicht wird das Rätsel im Abschnitt „Zielsetzungen“ gelöst?

„Die Veranstaltung wirft unter neuer Perspektive die Frage auf, welche Rollen und Funktionen Kunst und Kultur in einer globalisierten und durchökonomisierten Gesellschaft postindustriellen Zuschnitts einnehmen“,

heißt es dort am Ende. Ähm, ja. Da kann man Kunst und Kultur durch jeden beliebigen Begriff ersetzen. Passt immer.

Zu diesem Zeitpunkt, muss ich gestehen, war ich ja schon etwas enttäuscht. Und das Programm? Nicht uninteressant, aber von „2.0“ keine Spur.

Was ist dieses 2.0 überhaupt? Im MAIN blog Webtalk habe ich gesagt, dass es da vor allem um Kommunikation und Partizipation geht. Ein schönes Beispiel aus dem Kunstbereich beschreibt Robert Scharfenberg auf seinem Blog mindestens haltbar. Also nicht die Einbahnstraße ist gefragt, sondern das Miteinander. Wenn ich nun einer Tagung das 2.0 umhänge, dann erwarte ich mir so etwas ähnliches, Barcamps zum Beispiel. Deren Besuch kostet übrigens nicht 140 Schweizer Franken, sondern ist kostenlos. 2.0 halt…

Und wie schaut das Programm von Kulturmanagement 2.0 aus? Vorträge im 30 Minuten-Takt, 90 Minuten Workshop und am Ende noch eine Panel-Diskussion. Irgendwo taucht der Begriff Fachtagung auf, der es eigentlich ganz gut trifft. Ich habe nichts gegen Fachtagungen. Aber, und das ist der Kern meiner Kritik, mit 2.0 hat das alles nichts, aber auch gar nichts zu tun. Die digitale Revolution taucht im Programm nicht mehr auf und ich fürchte, in den Vorträgen auch nicht.

Fazit: das klingt mir alles irgendwie zu sehr nach Marketing und spätestens an diesem Punkt würde ich mir gerne das „unsäglich“ von Hanspeter ausleihen. Auch ein paar Handmalereien auf der ersten Seite des Programms machen da kein Kulturmanagement 2.0 mehr daraus. Schließlich kann ich mit diesem Bild aus meinem Blog auch kein Blog 2.0 machen.
'Screen_01' von hennerfehr

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  1. @ Slogan: …wenn zuviel auf Nominalisierung* (NLP) gemacht wird, dann nehm‘ ich solche Phrasen gerne ein bisschen genauer unter die Lupe. Also hinterfrag‘ ich halt einfach mal, was genau gemeint ist, wenn behauptet wird: Wir bewegen Kultur – mit Management. Und siehe da, es ist ist doch mehr als eine Worthülse. Denn Management als Prozess ausgedrückt, bedeutet ja nichts anderes als geplantes Handeln zur Erzielung von Ergebnissen unter Nutzung von Ressourcen.

    Nach wie vor finde ich jedoch diesen Slogan zumindest: holperig. Das ‚unsäglich‘ nehm‘ ich hiermit zurück.

    * Nominalisierungen sind abstrakte Hauptwörter, die kein Ding, sondern eine Tätigkeit, einen Prozess bezeichnen. Sie suggerieren etwas Fixes, etwas Statisches und je mehr dies jemand für bare Münze nimmt, desto weniger Handlungsmöglichkeiten existieren.

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  2. Naja, Nominalstil muss ja nicht automatisch NLP bedeuten, sonst müsste man vermuten, dass das, was wir an Schreiben aus den diversen Ämtern erhalten, von lauter ausgebildeten NLP’lern verfasst wird. Und das glaube ich nicht. ;-)

    Zu dem Slogan: Ich hätte den Anhang „mit Management“ wahrscheinlich weggelassen, da mir das Management so zu sehr in den Vordergrund rückt. Auf der anderen Seite habe ich natürlich als Zentrum für Kulturmanagement genau die Intention, auf das Management hinzuweisen. Es hängt also davon ab, wofür ich ihn brauche.

    Ich für mich verwende lieber den Slogan „Kunst möglich machen“, spreche damit aber auch nicht potenzielle Kulturmanagement-StudentInnen an.

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  3. Die Bürokratie macht solches natürlich unbewusst richtig (richtig für die Bürokratie). Sie schnürt uns arme Sünder mit ihren Verdinglichungen ein und gibt uns dadurch keine weiteren Handlungsmöglichkeiten…

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