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Kulturförderung: das Balgen am Futtertrog

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„Das Balgen am Futtertrog“, so beschreibt Hanspeter Gautschin das Tun der Kunst- und Kulturschaffenden in der Schweiz. Dabei bezieht er sich auf einen von Pius Knüsel, dem Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia verfassten und im Tagesanzeiger veröffentlichten Beitrag. Die staatliche Kulturförderung sorge zwar für ein reiches Angebot, schaffe aber auch Zwänge und Abhängigkeiten, so Knüsel. Knüsel diagnostiziert ein intellektuelles Vakuum seitens der Intellektuellen und Visionäre und stellt sich die Frage, warum das Land kaum noch Köpfe hervorbringe,
„so mutig und so talentiert zugleich, dass sie sogar Politiker in Schach zu halten vermögen?“
Die Ursache sieht er in den staatlichen Förderungen, denn einerseits gewinne der Intellektuelle seine Autorität aus der Opposition zum herrschenden System, andererseits sei Förderung aber auf Integration und nicht auf Konfrontation angelegt. Das Problem dabei:
„Auch die garantierte Kunstfreiheit kann nicht verhindern, dass der Kulturschaffende ins Netz der vielen kleinen Abhängigkeiten gerät.“
Abhängig werden die Kulturschaffenden von einem System, das sie erstens nur mit kleinen Summen fördert, Knüsel spricht in diesem Zusammenhang von „Trostgeld“, und sie außerdem dazu verpflichtet zu produzieren, obwohl das Projekt häufig nicht ausfinanziert ist. Da trifft es sich gut, dass der Erfolg ja eigentlich gar nicht erwünscht ist, denn Erfolg , so Knüsel, stehe im Ruch des Populismus, sei also nicht förderfähig. Doch was tun? Für Knüsel hat Erfolg mit Größe zu tun, aber die bedarf bestimmter Voraussetzungen:
„Zum Beispiel einer Kulturförderung, welche ihrerseits Position bezieht, Widerspruch fördert, durch Bevorzugung Zukunft schafft.“
Sie bedarf aber vor allem einer Kulturpolitik,
„welche nicht auf Menge, sondern auf Exzellenz aus ist. Und auf Kultur als öffentliches Geschehen. Dem entspräche eine Kunst, die sich den Fragen der Zeit zuwendet und stärker unser kollektives Funktionieren befragt. Und eine Förderpolitik, die von mitleidsloser Auswahl, Denken in Perspektiven statt in Projekten, Suche nach Widerspruch und Erfolg geprägt ist.“
Ich habe da, ehrlich gesagt, so meine Zweifel. Eine Gesellschaft, die sich weiterentwickeln will, ist auf Intellektuelle und Visionäre angewiesen, das ist keine Frage. Aber will die Gesellschaft sich überhaupt weiterentwickeln? Europa bunkert sich zunehmend ein, das Fremde wird fast ausschließlich als Bedrohung angesehen. Sprich, wir entwickeln uns in Richtung einer homogenen Gesellschaft. Nur ist die sicher kein Hort der Innovation, denn Innovation bedarf der Heterogenität. Und weil man merkt, dass es nicht ganz passt, leistet man sich ein paar Kulturschaffende, die so quasi der Stachel im Fleisch sein dürfen. Aber bitte nicht zu viele und bitte nicht übertreiben. Da hilft es dann auch nicht, wenn Knüsel eine Kulturpolitik fordert, die, wie oben zitiert, nicht auf Menge, sondern auf Exzellenz setzt. Exzellenz zu fordern und zu fördern ist schon in Ordnung, aber um Exzellenz zu erhalten, brauche ich eine kritische Masse an Kulturschaffenden. Auch im Forschungsbereich lässt sich Exzellenz nicht dadurch erzwingen, dass ich einen einzelnen Forscher, eine einzelne Forscherin engagiere, etwas Geld investiere und schon ist sie da, die Innovation. Die Förderung von Exzellenz ist nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil, aber es geht nicht um ein entweder oder, sondern um ein sowohl als auch. Kann man dann die Kulturschaffenden wirklich als eine „dumpfe Masse von Geldempfängern“ bezeichnen, wie Hanspeter Gautschin schreibt? Ich weiß ja nicht. Den Kunst- und Kulturbereich chronisch unterzufinanzieren und von den Kulturschaffenden die Visionen zu verlangen, um den Karren, den die Gesellschaft gerade in den sprichwörtlichen Dreck fährt, wieder herausziehen zu können, das empfinde ich als zynisch.

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