Monthly Archives of: November 2011

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Stefan Lau: Was ist aus dem Karneval der Kulturen geworden? (Gastbeitrag)

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Fotograf: Michael Flascha; Dieses Foto steht unter einer CC-Lizenz

1996 zog zum ersten Mal die bunte Karawane durch die Straßen Berlin – Kreuzbergs, die von ca. 50.000 Zuschauern bestaunt wurden. Die Grundidee war, der besonders in Berlin sichtbaren immer stärker werdenden Internationalität Rechnung zu tragen und den Menschen aus verschiedenen Kulturen und Erdteilen die Möglichkeit zu bieten, ihr Land und ihre Kultur zu präsentieren, sich musikalisch und tänzerisch auszudrücken. Damit sollte der Respekt und die Toleranz untereinander und miteinander gefördert und zugleich eine Plattform geboten werden, wo sich Berliner aller Nationalitäten begegnen um miteinander zu feiern, sich auszutauschen und Kulturtransfer zu ermöglichen.

2002 konnte ich das erste Mal dabei sein und in der Percussiongruppe La Forêt Sacrée, die von Rale Dominique für den Karneval der Kulturen in Berlin gegründet und aus ca. 20 – 30 Trommlern, Tänzer und Maskenträger bestand, mitspielen und das Gänsehautfeeling erleben, was man hat, wenn man musizierend durch die Straßen voller begeisterter Menschen läuft.

Nach einigen Jahren Pause wurde ich dann eingeladen bei der Percussiongruppe Furioso mitzuspielen und eine Tanzgruppe, bestehend aus Bauchtänzern und Cheerleedern zu begleiten. Das hat allen Beteiligten Spaß gemacht, besonders auch den beteiligten Kindern und Jugendlichen. Zwei Jahre später fuhren wir auf einem Wagen, der in unseren Spielpausen Technomusik spielte. Die Lautstärke blies uns fast das Gehirn raus, doch was uns viel mehr überraschte, dass sich das Publikum mehr für die Technomusik begeisterte und wir Trommler uns eher als schmückendes Beiwerk fühlten.

Eigentlich war der Karneval damit für mich „gegessen“, ich hatte keine Lust mehr darauf. Ich sah Leute die hinter einem Wagen mit Elektromusik, mit über dem Kopf gezogenen Unterhosen dazu tanzten. Da wusste ich, dass das nicht mehr meine Veranstaltung war. Doch dann sah ich dass die Gruppe Afoxè Loni noch Mitspieler für den Karneval sucht. Ich habe die Gruppe immer schon bestaunt, wie sie in einem Meer aus Weißgelb den Karneval anführt und mit ihren brasilianischen und religiös geprägten Rhythmen die Zuschauer in ihren Bann zieht.

Im Percussion Art Center, einem Kulturzentrum in dem international bekannte Percussionisten verkehren, CDs aufnehmen, Workshops und Trommelkurse abhalten nahm ich erneut Trommelunterricht, lernte die Timba zu spielen und studierte die Rhythmen von Afoxé Loni ein. Im PAC fanden auch die Proben und die Vorbereitung für den Karneval statt, mit teilweise bis zu 80 Trommlern. Die Energie, Begeisterung, Kompetenz und die Ausstrahlung von Dudu Tucci, Krista Zeissig und Murah Soares rissen mich mit! Ich war wieder drin, im Karnevalfieber!

Doch während ich so auf der Euphoriewelle schwamm erfuhr ich, dass die Gruppe nach 15 Jahren zum letzten Mal beim Karneval teilnehmen sollte. Die Organisatoren waren einfach am Ende ihrer Kräfte, ausgelaugt und fühlten sich ausgenutzt. Finanziell war das ganze nicht mehr zu schaffen, nach dem Karneval blieben oft noch Schulden übrig. In einem offenen Brief, der an alle Medien ging erläuterte die Gruppe warum sie aus dem Karneval aussteigt und klagt an! Der Brief ist hier zu lesen.

Das machte mich sehr traurig da ich gerade diese unglaubliche Energie spüren durfte die von dieser Gruppe ausging. Dadurch bekam der Karneval noch mal eine ganz besondere Note, eine Mischung aus Begeisterung, Enttäuschung, Wut und Traurigkeit machte sich breit. Doch alle Teilnehmer gaben noch mal alles und zum Schluss flossen bei einigen, die zum Teil schon seit Beginn, vor 15 Jahren, dabei waren, einige Tränen. Einige der Organisatoren waren danach krank oder mussten sich wochenlang erholen. Zu groß ist einfach die Belastung die sich auf wenige Schultern verteilte.

Fotograf: Michael Flascha; Dieses Foto steht unter einer CC-Lizenz

Sollte es das wirklich gewesen sein? Afoxé Loni ist nicht die einzige Gruppe die sich den Karneval nicht mehr leisten kann und es werden weitere folgen. Soll der Karneval der Kulturen zu einer Massenveranstaltung werden bei dem es nur darum geht möglichst viel Touristen und Berliner auf die Straße zu locken damit die Geschäfte guten Umsatz machen? Masse statt Klasse? Elektronische Musik statt Folklore?

Ich möchte mich nicht damit abfinden! Doch was könnte man tun? Zum einen diesen Artikel möglichst weit verbreiten damit sich immer mehr Menschen darüber Gedanken machen. Es gab bereits einige Anregungen wie man das Ganze wieder in seine ursprüngliche Bahn zurückbringen könnte.

Was mir gut gefiel:

  • den K.D.K. neu organisieren, z.B. das Tempelhofer Feld dafür nutzen und Eintritt nehmen um das Ganze besser finanzieren zu können. Vielleicht kämen dann ‚nur’ noch 500.000 Zuschauer statt einer Million, aber sie bekämen dann auch etwas ganz Anderes geboten.
  • Sponsoren finden die die Veranstaltung großzügig unterstützen. Finanzelle Unterstützung sollte es den Gruppen ermöglichen wieder teilzunehmen, indem sie die Organisation auch auf Mitarbeiter delegieren können.
  • Eine Kommission, zu der auch die Organisatoren der großen etablierten Gruppen gehören, könnten eine Vorauswahl treffen und nur Gruppen zulassen die wirklich ein Programm liefern das den Grundgedanken des Karnevals unterstützt. Lieber 60 Gruppen als 160, dafür aber bunt, interkulturell, mit Niveau!
  • Die verschiedensten Kulturzentren in Berlin noch mehr in die Planung mit einbinden.

Dazu müssten sich aber die Vertreter der Senatsverwaltung mit der Werkstatt der Kulturen und den Organisatoren der großen etablierten Gruppen an einen Tisch setzen und über eine Neustrukturierung reden mit dem Ziel, den Leitgedanken wieder aufzunehmen und eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen die Europaweit ihresgleichen sucht.

Das sind alles nur Ideen und ich hoffe nach wie vor dass sich etwas bewegt und die jetzige Entwicklung beim Karneval der Kulturen Berlin gestoppt wird.

Anmerkung: dieser Beitrag steht unter dieser CC-Lizenz und erscheint im Rahmen der von Ina Müller-Schmoß initiierten Blogpatenschaften.

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stART11: der Tag danach…

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Was für zwei Tage! Bevor gleich der Flieger zurück nach Wien geht, nutze ich die Gelegenheit, um die ersten Eindrücke „zu Papier“ zu bringen. Es waren zwei schöne Tage, denn ich habe viele Menschen wieder, aber auch viele Menschen zum ersten Mal getroffen. Durch den kleineren Rahmen und die geringere Zahl an TeilnehmerInnen ergaben sich viel mehr Möglichkeiten zum Gespräch.  Wahrscheinlich lag es aber auch daran, dass wir die zwei Tage nicht mehr so vollgepackt haben wie in den letzten beiden Jahren. Nur noch drei Angebote zeitgleich und ausreichend Pausen dazwischen, so musste niemand von Vortrag zu Vortrag hetzen.

Es waren zwei lehrreiche Tage, denn dank Jelena Kovacevic-Löckner und der stART11en konnte ich mir dieses Jahr viele der Vorträge anhören. Gelernt habe ich nicht nur von diesem Meister des Storytelling, Marcus Brown.

Nicht nur er, sondern auch alle anderen Vortragenden machten deutlich, dass es vor allem auf die Geschichten ankommt. Wer nichts zu erzählen hat, wird weder Storytelling noch Transmedia Storytelling nutzen können. Insofern war es ein alter Hut, worüber wir in den letzten zwei Tagen gesprochen haben. Amos kreierte dazu ein schöne Bild, indem er zu Beginn seiner Präsentation einen Hut auf die Bühne legte.

Spannend war es auch, mit der Haniel-Akademie und der Calvinistenkirche zwei sehr gegensätzliche Spielorte nutzen zu dürfen (danke an die Firma Haniel, die uns beide zur Verfügung gestellt hat!). So hilfreich die Infrastruktur der Haniel-Akademie, so faszinierend präsentierten sich die zu künstlerischem Leben erweckten Räume des ansonsten leerstehenden Gemeindehauses.

Frank Tentler hat bereits Fotos und Videos vom ersten Tag der stARTconference auf dem Konferenzblog gesammelt, natürlich werden wir auch noch die Präsentationen zur Verfügung stellen. Ich werde mich in den nächsten Tagen noch eingehend mit den Inhalten der stART11 beschäftigen, zum Abschluss dieses Beitrags möchte ich noch auf das Video hinweisen, das Bernd Uhlen produziert hat. Auch ihm vielen Dank für seine Arbeit und Unterstützung!

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Der Appetizer zur stART11: das eBook „Transmediales Erzählen“

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Wenn Sie heute in einem Theater eine Inszenierung von Ibsens Peer Gynt ansehen, dann bekommen Sie dort eine Geschichte mit einem abgeschlossenen Ende erzählt. Sie gehen nach Hause und das war es dann. Was schade ist, denn warum muss diese Geschichte an dieser Stelle zu Ende sein? Muss sie nicht, wie das Projekt „Peer Returns“ beweist, das Gregor Hopf auf der stART11 vorstellen wird, die in wenigen Tagen in Duisburg beginnt.

Was aber bringt es einem Theater oder auch jeder anderen Kultureinrichtung, eine Geschichte weiter zu erzählen? Wir alle kennen genügend Beispiele, die zeigen, dass Fortsetzungen häufig nicht mehr an die Qualität des Erstlings herankommen. Warum also weitermachen, anstatt sich einem neuen interessanten Thema zu widmen? Liest man den Wikipedia-Eintrag „Transmediales Erzählen„, dann werden dort interessanterweise an prominenter Stelle ökonomische Gründe genannt. Die transmediale Erzählstrategie mache sich oft synergetische Effekte der modernen Marktwirtschaft zu Nutze und verfolge das Ziel, ein Produkt auf möglichst vielen Märkten zu etablieren, heißt es darin. Das mag jetzt für Theater, Museen, etc. auf den ersten Blick noch nicht allzu spannend klingen, die in dem Wikipedia-Eintrag formulierte Konsequenz aus diesem Ansatz ist es aber sehr wohl:

„Das transmediale Erzählen ermöglicht es dem Konsumenten je nach Interessenschwerpunkt über sein ‚Lieblingsmedium‘ in den Komplex einzusteigen und sich dann auch über sonst weniger genutzte Medien vorzuarbeiten.“

Das heißt, über den Umweg anderer Formate kann ich etwa das Interesse auch für eine Theaterinszenierung wecken. Natürlich kann ich als Theater sagen, das interessiert mich nicht, ich konzentriere mich weiterhin auf die Inszenierung. Aber was ist, wenn Ihre Geschichte, die Sie auf Ihrer Bühne inszenieren, weiterentwickelt und in anderen Formaten weitererzählt wird? Und das nicht von Ihnen, sondern von Unternehmen, die, wenn deren Pläne aufgehen, damit auch noch Geld verdienen? Macht es nicht Sinn, hier Kooperationen zu etablieren, über die es erstens gelingt, mit Hilfe verschiedener Formate das Interesse an einer Geschichte oder einer transmedialen Welt zu wecken? Und die zweitens die Möglichkeit bieten, neue Erlösmodelle zu entwickeln, von denen dann alle profitieren?

Genau um solche Themen geht es auf der stARTconference und wenn Sie jetzt noch nicht wissen, was sich hinter dem Begriff „Transmedia Storytelling“ verbirgt, wie man transmediale Welten kreiert und wie so etwas dann in der Praxis aussehen kann, dann ist vielleicht unser eBook „Transmediales Erzählen“ ein guter Einstieg in das Thema. ;-)

Unser Dank gilt einerseits den AutorInnen Dorothea Martin, Anna E. Rentsch und Manuel Scheidegger für ihre Beiträge. Andererseits bedanken wir uns aber auch bei den Medienpartnern der stART11, nämlich kulturkurier inside und Kulturmanagement Network, die uns bei Erstellung, Bewerbung und Verbreitung dieses eBooks unterstützt haben und noch unterstützen. Viel Spaß beim Lesen und wenn Ihnen das eBook gefällt, dann sagen Sie es bitte weiter.

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Storytelling hat nicht nur was mit Märchenstunde zu tun

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© Gerd Altmann ; Pixelio

„Es war einmal“, so beginnen viele Geschichten. Um die geht es auch im Storytelling, der

„innovativste(n) und erfolgsversprechende(n) Methode, um Kundenbeziehungen zu verbessern, Mitarbeiter zu begeistern, für die Imagekommunikation und Selbstdarstellung erfolgreicher Unternehmen“,

wie es im „Waschzettel“ des von Karolina Frenzel, Michael Müller und Hermann Sottong herausgegebenen „Praxisbuch“ Storytelling (Affiliate Link) heißt. Das mag jetzt sehr marktschreierisch klingen (was auf einem Buchdeckel durchaus erlaubt ist), weist aber auch darauf hin, dass Geschichten zu ganz unterschiedlichen Zwecken genutzt werden. Steve Denning hat schon vor längerer Zeit ein Blogpost verfasst, in dem er diese Unterschiede recht anschaulich erklärt. In „Leadership Storytelling 3.0: From Arithmetic to Calculus“ erzählt Denning, welche Entwicklung das Storytelling aus seiner Sicht genommen hat und spricht in diesem Zusammenhang von drei Entwicklungsstufen.

Am Anfang stand das eingangs schon erwähnte „es war einmal“, der Ausgangspunkt so vieler Geschichten, die „nur“ das Ziel verfolgten, uns in eine Phantasiewelt zu führen. Es sind die Geschichten, die zufällig entstehen, die uns berühren und die wir, so Denning, an allen möglichen Orten erzählen, immer da, wo Menschen sind. Diese erste Entwicklungsstufe bezeichnet Denning als Storytelling 1.0:

„Storytelling 1.0 involves no more than simply telling, retelling and celebrating stories as they are occur in a state of nature“,

schreibt er in seinem Blogbeitrag. Aus diesem Geschichten erzählen um ihrer selbst Willen entwickelt sich im nächsten Schritt ein Bewusstsein, dass die Potenziale von Storytelling erkennt und sich mit dessen Mechanismen beschäftigt.

„In this world, there is explicit awareness that one is “telling a story” as well as the development of expertise as to what sort of story is effective in which context, and how the story could be told in a way that would maximize that effect“,

konstatiert Denning und sieht auf dieser Ebene unter der Überschrift Storytelling 2.0 die Erkenntnis wachsen, dass unterschiedliche Erzählmuster für unterschiedliche Zwecke nötig sind. Aber der gezielte Einsatz von Storytelling führt auch dazu, so Denning, dass dieser Ansatz seine Unschuld verliert. Manche Leute würden daher melancholisch werden, wenn sie an die Vergangenheit denken und das Gefühl haben, die Magie der alten Geschichtenerzähler sei verloren gegangen, fährt Denning fort.

Die Gefahr, dass mit Hilfe von Storytelling die ZuhörerInnen manipuliert werden können, leugnet Denning nicht, hat aber auch ein Gegenmittel parat:

„This risk doesn’t materialize where the storytellers are in an interactive relationship with their listeners and recognize that the only important stories are not the stories that the storytellers tell, but rather the stories that the listeners generate for themselvess.“

Denning verspricht sich von dieser Entwicklung einiges für den Unternehmensbereich, auch wenn dieses Potenzial derzeit noch nicht ausgeschöpft werde:

„The hope that storytelling would enable leaders to transform dehumanizing workplaces, and turn them into creative and energizing experiences that uplift the human spirit has been only partially fulfilled.“

Für ihn ist das sogenannte Leadership Storytelling der Schlüssel, um Organisationen erfolgreich managen zu können. Das geschieht aber nicht nur durch Geschichten.

„We need to change the very processes and systems that drive the organization“,

fordert Denning und bewegt sich damit auf die dritte Entwicklungsebene.

„In order to create people-centered organizations, organizations need people-centered processes. They need systems and processes that will keep the organization focused on systematically achieving people-relevant outcomes rather than merely the production of outputs“,

lautet sein Credo. Für ihn ist klar, dass die hierfür notwendigen methodischen Ansätze, die sich an den Menschen ausrichten, auf Geschichten aufbauen. Aber inwiefern handelt es sich dabei noch um Storytelling? Sind wir nicht weit von den geheimnisvollen Geschichten entfernt, die auf der ersten Entwicklungsstufe erzählt werden? Denning beantwortet diese Frage mit dem Verweis auf eine Metapher von Maelyn Blair:

„You have to understand what numbers are before you can do algebra.  And you have to understand algebra before you can do calculus. It doesn’t mean when you are doing calculus that the numbers aren’t important.“

Überträgt man sie auf das Storytelling, wird deutlich, dass die magischen Geschichten nach wie vor wichtig sind. Auf dem Weg zum Storytelling 3.0 muss man die ersten beiden Entwicklungsstufen durchlaufen. Aber erst auf der dritten Stufe ist es möglich, Unternehmen grundlegend zu verändern.

Aber:

„To achieve this, we need to recognize that storytelling is more than just a tool. It is a different way of thinking, speaking and acting in the workplace.“

Mir gefällt diese Argumentation, denn hier wird eine Entwicklung skizziert, die auch durch Social Media unterstützt werden kann. Wir sind gerade dabei, neue Entwicklungsstufen zu erklimmen und sowohl Social Media als auch Storytelling unterstützen uns dabei. Deshalb freut es mich auch, dass es auf der stART11 um diese beiden Themenbereiche geht. ;-)