Monthly Archives of: Januar 2012

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Crowdfunding, ein demokratiepolitisch bedenkliches Finanzierungsinstrument?

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Dass Crowdfunding derzeit boomt, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Die in den letzten Monaten entstandenen Plattformen lassen eine Art Goldgräberstimmung entstehen, die viele auf die Idee bringt, das für die Realisierung des eigenen Vorhabens fehlende Geld auf diese Weise zu beschaffen. Die im letzten Jahr auf Kickstarter eingesammelten 100 Mio. $, in den Medien oft und gerne erwähnte Projekte wie „Stromberg“ oder „Hotel Desire“ und eine oftmals fast euphorische Berichterstattung lassen den Eindruck entstehen, auf diesen Plattformen liege das Geld und warte nur darauf abgeholt zu werden.

Da ist es hilfreich, wenn sich auch ein paar Stimmen zu Wort melden, die sich kritisch mit dem Thema Crowdfunding auseinandersetzen, so wie dies Elisabeth Mayerhofer und Monika Mokre in einem in der Tageszeitung „Der Standard“ veröffentlichten Artikel getan haben, der den schlichten Titel „Crowdfunding“ trägt. Darin hinterfragen die beiden Autorinnen das „Erfolgsmodell“ und melden vor allem demokratiepolitische Bedenken an. Aufhänger ist für die beiden Autorinnen das Pilotprojekt der Hamburg Kreativ Gesellschaft mit der Crowdfunding-Plattform Startnext. Die von beiden gemeinsam initiierte regionale Crowdfundingplattform Nordstarter funktioniert derzeit wie jede klassische Crowdfundingplattform, also ohne öffentliche Förderungen. Was aber ist, so fragen die Autorinnen, wenn öffentliche Förderungen davon abhängig gemacht werden, ob sich auch genügend private UnterstützerInnen gefunden haben? Eine solche Kombination sei aus ökonomischer Sicht zu hinterfragen, wenn die Vergabe einer Förderung nicht auf einem schlüssigen wirtschaftlichen Konzept basiere, sondern auf „emotionsgeleitete(n) Mausklicks nach Ansicht eines Werbevideos“. Auf demokratiepolitischer Ebene bemängeln Mayerhofer und Mokre,

„dass hier Steuergelder nach den Präferenzen einiger Privatpersonen vergeben werden, die zu dieser Machtstellung in keiner Weise demokratisch legitimiert sind“.

Sowohl in diesem Fall als auch bei der steuerlichen Absatzbarkeit von Spenden habe die öffentliche Verwaltung bzw. Politik keine Möglichkeit, diese Entscheidungen zu beeinflussen. Zwar seien im Unterschied zur Steuerabsetzbarkeit von Spenden, beim Crowdfunding mehrere Personen (die UnterstützerInnen) in den Prozess eingebunden, aber es sei ein Irrglaube, so schreiben Mayerhofer/Mokre, dass mehr Partizipation mehr Demokratie bedeute. Diese Sichtweise beruhe auf einer Verwechslung, denn

„Demokratie besteht nicht in der Teilnahme einiger oder sogar vieler an Entscheidungen, sondern in der – mindestens potenziellen – Beteiligung aller Betroffenen, im Konkreten also aller SteuerzahlerInnen, die zugleich diejenigen sind, denen die finanzierten Projekte in irgendeiner Form zugutekommen sollten“.

Ich gestehe, ich sehe das etwas anders. Ich halte nicht nur die Annahme, mehr Partizipation bedeute mehr Demokratie, für falsch (d.h. in diesem Punkt stimme ich mit den Autorinnen überein), sondern behaupte, dass Partizipation grundsätzlich nicht automatisch etwas mit Demokratie zu haben muss. Partizipative Beteiligungsmöglichkeiten im Rahmen eines Ausstellungsprojektes zum Beispiel sind vom Thema Demokratie recht weit entfernt, auch das Thema Mashups lässt sich nur schwer damit in Verbindung bringen.

Im nächsten Schritt stellt sich die Frage, ob Crowdfunding eigentlich eine partizipative Form der Beteiligung an einem Projekt ist? Wenn die finanzielle Form der Unterstützung eines Vorhabens, verbunden mit einer Gegenleistung, bereits  ein partizipativer Akt ist, dann müsste ja auch eine Sponsoringkooperation in die Kategorie Partizipation fallen. Sollten wir uns im Fall von Crowdfunding-Projekten nicht auch darauf beschränken, vom Austausch von Leistung und Gegenleistung zu sprechen? Zumindest steuertechnisch gesehen wird das so gehandhabt, denn das, was da an Geld reinkommt, wird als Einnahme betrachtet und entsprechend versteuert.

Wer aber trotzdem auf der demokratiepolitischen Ebene das Thema Crowdfunding diskutiert und behauptet, dass hier einige wenige Privatpersonen mit Hilfe ihres Geldes entscheiden, was in den gesellschaftlich relevanten Bereichen Kunst und Kultur realisiert wird, der mag diesen Ansatz als negativ empfinden, lässt aber dabei einige Punkte unberücksichtigt.

Erstens sollte jemand, der aus den öffentlichen Fördertöpfen kein Geld erhält, jederzeit die Möglichkeit haben, sich auf diesem Weg Geld zu beschaffen. Es gibt genügend Kunstsparten und Projekte, die keine Chance auf öffentliche Unterstützung haben und das aus Gründen, die demokratiepolitisch vermutlich wesentlich bedenklicher sind.

Zweitens resümiert Michael Wimmer in seinem Buch „Kultur und Demokratie„:

„In ihrem Kern (…) rankt sich die staatliche Kulturpolitik (Anm. in Österreich) um die Aufrechterhaltung eines ursprünglich auf imperiale Repräsentation gerichteten Kulturbetriebes im demokratisch verfassten Kleinstaat Österreich.“ (S.376)

und attestiert dem Kulturbetrieb in Österreich,

„als ein isomorphes System an den Ansprüchen demokratischer Mitentscheidung und Mitwirkung vorbei ins Leere zu laufen“. (S.391)

Von einem demokratiepolitischen Idealzustand sind wir also – zumindest in Österreich – weit entfernt, einerseits belegbar durch die ungleiche Verteilung der Fördergelder und andererseits durch die immer wieder erlebbare Möglichkeit der Beeinflussung von außen (dieses von Tanja Ostojić gestaltete Plakatmotiv gefiel der Kronenzeitung während der österreichischen EU-Präsidentschaft 2006 nicht und wurde nach entsprechenden Protesten nicht mehr gezeigt).

Vor diesem Hintergrund mag jede/r selbst entscheiden, wo die größeren Bedenklichkeiten auftauchen. Eigentlich geht es aber gar nicht um die Frage, ob nun die staatliche Kunstförderung „besser“ sei als Crowdfunding oder umgekehrt. Wir haben es hier mit zwei höchst unterschiedlichen Finanzierungsinstrumenten zu tun, die sich in meinen Augen sehr gut ergänzen. Es gibt eine Vielzahl von Vorhaben, für die Crowdfunding nicht das passende Finanzierungsinstrument ist. Ebenso gibt es auch Projekte, die keine Chance auf öffentliche Gelder haben, sondern auf Crowdfunding angewiesen sind. Ihre UnterstützerInnen haben dabei sehr unterschiedliche Beweggründe. Wenn Elisabeth Mayerhofer und Monika Mokre schreiben,

„(w)enn sich kein genügend großes Publikum zur Eigenfinanzierung einer künstlerischen Produktion findet, so ist es auch unwahrscheinlich, dass sich zum gleichen Zweck genügend Kleinmäzene finden“,

dann liegen sie damit nicht unbedingt richtig. Ich selbst unterstütze via Crowdfunding Projekte, ohne sie zu besuchen oder daran teilzunehmen. Weil sie in meinen Augen wichtig sind. Oder einfach gut. ;-)

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Im 20. Treffpunkt KulturManagement geht es um Social-Media-Marketing: Welches Netzwerk für welche Zwecke?

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Was müssen Kultureinrichtungen tun, um auf Facebook oder den anderen sozialen Netzwerken erfolgreich zu sein? Diese Frage lässt sich nur dann beantworten, wenn klar ist, was wir als Erfolg betrachten. Wer nach den Zielen der Social-Media-Aktivitäten fragt, bekommt häufig zu hören, dass es darum geht neue Zielgruppen zu erreichen, die Auslastung zu erhöhen oder mit dem Publikum bzw. den Kunden ins Gespräch zu kommen.

In meinen Augen sind das alles sinnvolle Ziele und ich glaube auch, dass sie sich durchaus mit Hilfe von Social Media erreichen lassen. Allerdings funktioniert das nicht, indem ich auf Facebook den Hinweis auf meine nächste Veranstaltung poste und sich dann meine Fans gesammelt in Bewegung setzen. Müssen die Ziele, die ich im Social Web verfolge, wesentlich differenzierter betrachtet werden? Community-Building ist eine feine Sache und macht auch im Kunst- und Kulturbereich sehr viel Sinn. Aber ist es wirklich hilfreich, wenn eine kleine, noch unbekannte Kultureinrichtung ihre ersten Schritt im Social Web unternimmt und sich sofort den Aufbau einer Community auf die Fahnen heftet? Ist der Aufwand nicht enorm, unter Umständen zu groß, um hierin erfolgreich zu sein? Da tut sich ein Kulturbetrieb, der über die entsprechende Reputation verfügt und schon länger eine eigene FB-Fanseite betreibt eventuell wesentlich leichter, oder? Also ist es für die kleine, unbekannte Kultureinrichtung wesentlich sinnvoller, erst einmal die Marke bekannt zu machen.

Das schaffe ich zum Beispiel recht gut über eine Facebookseite. Und was ist mit den anderen Netzwerken? Mit Google+, Xing oder LinkedIn? Wo haben die ihre Stärken? Oder sind sie für Marketingzwecke nicht zu gebrauchen? Ich denke schon und genau darum soll es beim nächsten Treffpunkt KulturManagement am 25. Januar gehen. Welche sozialen Netzwerke sind für Kultureinrichtungen interessant und wofür lassen sie sich nutzen, um diese Fragen soll es am nächsten Mittwoch in meiner kurzen Präsentation und der sich anschließenden Diskussion gehen, zu der ich Sie ganz herzlich einladen möchte.

Der Treffpunkt KulturManagement ist ein gemeinsames Onlineformat von Projektkompetenz.eu, Kulturmanagement Network und der stARTconference. Die Teilnahme ist kostenlos, die Installation einer Software nicht notwendig. Es ist zwar kein Nachteil, wenn Sie über eine Webcam und ein Headset verfügen, aber da die Adobe Connect-Plattform, die wir für diese Veranstaltung nutzen, über einen gut funktionierenden Chat verfügt, reicht es, am Mittwoch einfach diesen Link anzuklicken und dabei zu sein.

Wenn Sie sich über die bisherigen Veranstaltungen informieren wollen, können Sie das in unserem Treffpunkt KulturManagement-Wiki tun, dort finden Sie die Aufzeichnungen der bisherigen Online-Veranstaltungen. Der Treffpunkt KulturManagement ist darüber hinaus auch auf Facebook vertreten und wenn Sie schon vorab wissen wollen, wer alles dabei sein wird, dann können Sie im bereits angelegten Event nachsehen und sich auch gleich selbst dort registrieren.

Hier noch einmal die wichtigsten Infos:

Treffpunkt KulturManagement
Termin: 25.01.2012 von 9:00 bis 10:00
Thema: Social Media Marketing: welches Netzwerk für welchen Zweck?
Impulsvortrag: Christian Henner-Fehr

Zugang: http://proj.emea.acrobat.com/treffpunktkulturmanagement

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Crowdfunding: geht es 2012 weiter aufwärts?

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© Gerd Altmann / Pixelio

Zu den Trendthemen des vergangenen Jahres gehört sicher das Crowdfunding. Viele Branchen interessieren sich mittlerweile für diese Finanzierungsform, die leeren Kassen der öffentlichen Hand haben auch das Interesse von Kunst und Kultur geweckt. Obwohl es ja eigentlich die Aufgabe des Staates ist, diesen Bereich zu finanzieren, wie häufig betont wird. Aber was ist, wenn das Geld nicht mehr da ist? Was tun, wenn eine Kommune in die Pleite schlittert und in der Not Museen, Theater oder Orchester geschlossen werden sollen?

So verwundert es nicht, dass Crowdfunding auch für die „Großen“ im Kunst- und Kulturbereich zum Thema geworden ist. Waren es bis jetzt vor allem Kleinprojekte, die auf diese Weise finanziert werden sollten, werden nun die Vorhaben immer größer und die Projektträger bekannter. So gelang es den Produzenten von „Stromberg“, innerhalb einer Woche eine Million Euro für den geplanten Film einzusammeln. Und schon im Herbst hat das Amsterdam Museum für die Restaurierung eines Gemäldes mehr als 50.000 Euro von seinen UnterstützerInnen erhalten.

Wesentlich weiter ist man in den USA, wie die auf dem Kickstarter-Blog veröffentlichten Zahlen zeigen. Fast 100 Mio. $ wurden in 27.000 Projekte gesteckt, von denen dann allerdings nur 46% erfolgreich waren, also das angestrebte Ziel auch erreicht haben. Das bedeutet auch, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Riesensumme wieder an die UnterstützerInnen zurückfloss. Trotzdem sind die Zahlen beeindruckend, vor allem wenn man sie mit denen aus dem Jahr 2010 vergleicht.

Es lohnt sich, die Zahlen der weltweit erfolgreichsten Crowdfunding-Plattform genau anzuschauen, denn sie zeigt nicht nur, dass Projekte aus dem Film- und Musikbereich nach wie vor am erfolgreichsten sind, sondern auch die Zahl der BesucherInnen der Plattform gewaltig nach oben geschnellt ist. Und noch eine Zahl ist bemerkenswert: 2009 beteiligte sich die aktivste UnterstützerIn an 56 Projekten, 2010 waren es bereits 179 Projekte und im letzten Jahr dann 724 Vorhaben, in die eine Person investierte. Das bedeutet, Crowdfunding ist kein einmaliger Akt, sondern etwas, was man immer wieder tut.

Genau dieser Aspekt stimmt mich optimistisch, denn das bedeutet, Crowdfunding hat anscheinend mit Haltung zu tun. Wer einmal ein Projekt unterstützt, tendiert dazu, weiter in Vorhaben zu investieren. Dieser Punkt, aber auch die Tatsache, dass die Plattformen von Jahr zu Jahr mehr BesucherInnen schaffen und so zu gewaltigen Steigerungsraten bei den Umsätzen führen, lässt vermuten, dass es bei uns, die wir Amerika im Technologiebereich meist hinterherhinken, auch 2012 mit dem Crowdfunding weiter steil bergauf gehen wird.

Mit aus diesem Grund soll auch die stART12 mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanziert werden. 30.000 Euro haben wir uns als Ziel vorgenommen, eine Summe, die ambitiös ist, aber auf der anderen Seite ganz gut zu den Entwicklungen der letzten Monate passt. Ich selbst freue mich darauf, denn eine Crowdfunding-Kampagne ist in meinen Augen etwas anderes als ein normaler Ticketverkauf. Die Vorbereitungen haben bereits begonnen, Anfang Februar geht es dann los.

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Das Internet verändert uns

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Gut, die Zahl derer, die das, was da im Internet (und um das Internet herum) passiert, als Modeerscheinung abtun, ist mittlerweile gering geworden. Aber was geschieht da eigentlich und in welcher Form betrifft es auch uns? Natürlich können wir über Facebook reden oder noch besser, darüber schimpfen. Was genau geht da aber vor sich?

Bei den letzten Wahlen im Iran wurde immer wieder die Bedeutung von Twitter für die Berichterstattung betont. Wir haben 2011 den sogenannten arabischen Frühling erlebt und wir stellen fest, dass sich zum Beispiel auf Facebook mehr als eine halbe Million UserInnen zusammengeschlossen hat, um ihrer Forderung „Wir wollen Guttenberg zurück“ Nachdruck zu verleihen.

Seine Gegner sind in dieser Hinsicht weit weniger erfolgreich und haben es nur auf etwas mehr als 50.000 Fans gebracht. Die BefürworterInnen waren also auf Facebook wesentlich „erfolgreicher“ als seine GegnerInnen. Und wenn wir uns die Auseinandersetzungen um den deutschen Bundespräsidenten ansehen, dann stellen wir fest, dass sich da auf Facebook im Vergleich zum Ex-Minister recht wenig tut.

Warum ist das so bzw. was passiert da eigentlich? Antworten auf diese Fragen liefert Peter Kruse, Unternehmensberater und Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen. In seinem (dreieinhalbminütigen) Vortrag im Rahmen einer Sitzung der Enquete Kommission Internet und digitale Gesellschaft gelingt es ihm, in wenigen Minuten das zu skizzieren, was da derzeit um uns herum passiert.

Wir haben erstens, so Kruse, die Vernetzungsdichte in der Welt stark erhöht und mit dem Aufkommen des Web 2.0 dafür gesorgt, dass zweitens Spontanaktivitäten in bisher unerreichtem Ausmaß möglich sind. Durch die Möglichkeit des Teilens und Weiterleitens (z.B. durch das RT auf Twitter) können „kreisende Erregungen im Netzwerk“ entstehen, was letzten Endes dazu führen kann, dass Systeme sich selbst aufschaukeln und dadurch eine bisher ungeahnte Macht entfalten.

Weil die Menschen das gemerkt haben, schließen sie sich zu Bewegungen zusammen in der Hoffnung, genau diese Macht zu erlangen. Nicht mehr die, die oben stehen, üben in einem solchen Prozess die Macht aus, sondern die, die unten stehen, die UserInnen oder mit den Worten Kruses, die NachfragerInnen. Da sich solche Entwicklungen nicht vorhersagen lassen, verlieren die Wulffs und die Guttenbergs die Kontrolle über das, was da in den Netzwerken passiert. Laut Kruse gibt es zwar keine Möglichkeit vorherzusagen, was passiert, aber wer emphatisch ist, verfügt zumindest über ein „Gefühl für die Resonanzmuster der Gesellschaft“. Diesem empathischen Einfühlungsvermögen steht – zumindest in der Politik – meist der Narzissmus derer im Weg, die hier auf eine erfolgreiche Karriere hoffen (was wohl mit ein Grund ist für das Versagen der PolitikerInnen im Social Web ist).

Das Wissen um diese revolutionäre Entwicklung hat natürlich auch Auswirkungen auf uns, die wir das Social Web nicht nutzen, um unseren Narzissmus ausleben zu können (oder vielleicht doch?), sondern die wir Social Media für Kunst und Kultur erfolgreich einsetzen wollen. Im Idealfall lösen wir genau die von Kruse angesprochenen Aufschaukelungsprozesse aus (nicht immer muss es um Revolutionen gehen), nur lassen sie sich leider nicht vorhersagen. das heißt nun nicht, dass wir alles dem Zufall überlassen müssen, klar ist aber: ohne Empathie und die Fähigkeit, Resonanzmuster zu erkennen, haben Konzepte und Strategien  nur begrenzten Wert. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass Kultureinrichtungen diejenigen entdecken, die über empathische Fähigkeiten verfügen. Zusammen mit ihnen lassen sich dann Ideen erarbeiten und Konzepte entwickeln.

Wie das funktionieren kann, hat das Maxim Gorki Theater gestern Abend eindrucksvoll gezeigt. Auf der Maxim Gorki Theater Online-Bühne wurde das Stück Effie Briest 2.0 aufgeführt. Innerhalb kürzester Zeit hatte diese Facebook-Gruppe über 1.000 Mitglieder, aktuell sind es mehr als 1.300. Die Idee war klasse, das „Publikum“ begeistert. Auch in diesem Fall hat ein Aufschaukelungsprozess stattgefunden, der natürlich erhofft wurde, aber sich keineswegs vorhersagen ließ. So hat eine Vielzahl von Menschen die Geschichte der Effie Briest gelesen oder vorgeführt bekommen. Da trifft es sich gut, dass in ein paar Tagen, am 14. Januar, die Effie Briest Premiere auf der Bühne dieses Theaters feiert.

Empathie, Strategien und das Wissen, dass die Sache auch schiefgehen kann, das ist das Erfolgsrezept nicht nur im Social Web, sondern auch im realen Leben, denn die Grenzen zwischen der Offline- und der Online-Welt existieren eigentlich schon gar nicht mehr. Insofern ist das, was Peter Kruse in seinem Video sagt, für uns alle von großer Bedeutung, egal, ob wir uns mit dem Web 2.0 oder unserem täglichen Leben beschäftigen.

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Social Media: wie geht es weiter?

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© Gerd Altmann/graphicxtras / Pixelio

Die meisten Kultureinrichtungen haben sich mittlerweile mit dem Social Web vertraut gemacht, viele experimentieren noch, manche haben diese Phase bereits hinter sich gelassen. Sebastian Hartmann hat in einem Blogbeitrag recht anschaulich beschrieben, was im Museumsbereich social media-mäßig im letzten Jahr passiert ist. Interessant ist auch sein Ausblick auf 2012, in dem er unter anderem nicht nur dem Foto- und Videoformat großes Potenzial zuspricht, sondern sich auch überzeugt gibt, dass den Webapplikationen die Zukunft gehört.

Wer nun glaubt, dass wir damit weit hinter den USA zurückliegen, der irrt. Cindy King hat in ihrem Blogpost „30 Social Media Predictions for 2012 From the Pros“ eine Vielzahl von Expertenmeinungen eingeholt, unter anderem die von Jay Baer, der so wie Sebastian Hartmann davon überzeugt ist, dass Foto- und Videoplattformen in den nächsten 12 Monaten an Bedeutung gewinnen werden. Vor allem der Google-Tochter YouTube prophezeien die Experten eine „soziale“ Zukunft, die den UserInnen mehr Spaß, aber auch mehr Interaktion verspricht.

Während YouTube zu den bereits gesetzten Playern im Social Web gehört, ist Casey Hibbard davon überzeugt,

„that the social media landscape will become more populated with new and powerful players (…).“

Als Beispiel führt sie Pinterest an, ein Online Pinboard, das sich in den USA derzeit wachsender Beliebtheit erfreut. Ob sich die Plattform langfristig durchsetzen kann, wird die Zukunft zeigen. Fakt ist aber, dass sich die Social Media-Aktivitäten immer seltener nur auf Facebook, Twitter und YouTube beschränken und wir auf immer mehr Plattformen aktiv sein werden. Natürlich wird Facebook auch im nächsten Jahr die Nummer eins bleiben, aber Cloud Communication setzt sich mehr und mehr durch, denken wir nur daran, dass die Kommentare auf ein Blogpost immer seltener direkt unter dem Beitrag stehen, sondern irgendwo auf einer Plattform auftauchen.

Eine der insgesamt 30 Vorhersagen in dem Beitrag von Cindy King finde ich besonders bemerkenswert, denn sie hat, wenn sie sich als richtig erweist, Auswirkungen auf die Kommunikation der Kultureinrichtungen im Social Web. Nichole Kelly ist der Überzeugung, dass die Bedeutung von Inhalten weiter zunehmen wird, was in ihren Augen vor allem für den Marketingbereich eine gewaltige Herausforderung darstellt.

„Therefore, marketers will need to find a sustainable model for creating amazing content, which may include more outsourcing. As social media matures, efficiency will become an increasingly important factor,“

lautet ihre Schlussfolgerung. Während wir heute noch davon ausgehen, dass Social Media am besten in der Unternehmensstruktur aufgehoben ist, geht Kelly davon aus, dass die Erstellung der Inhalte mehr und mehr ausgelagert wird. Auf diese Weise könnte ein neues Berufsbild entstehen, nämlich das der unabhängigen ContentproduzentIn, die für verschiedene Kultureinrichtungen tätig ist. Ganz neu ist dieser Job nicht, aber wirklich durchgesetzt hat er sich bis heute bei uns nicht. Allerdings trifft das nicht nur auf unsere Breitengrade zu.

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EU: das neue Förderprogramm „Creative Europe“

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© Stephanie Hofschlaeger ; Pixelio

Mit dem Förderprogramm „Creative Europe“ wird die Europäische Union mehr Geld für den Kunst- und Kulturbereich zur Verfügung stellen. Der aktuelle Vorschlag sieht für den Zeitraum 2014 bis 2020 ein Budget von insgesamt 1,8 Mrd. Euro vor. Wenn es in einem Memo heißt,

„das Programm (..) soll den Kino-, Kultur- und Kreativbranchen in Europa helfen, ihren Beitrag zu Beschäftigung und Wachstum zu leisten,“

dann ist aber auch klar, dass hier auch wirtschaftliche Aspekte eine wichtige Rolle spielen werden . Mit dem Programm fasst Brüssel drei Aktionsbereiche zusammen,

  • einen horizontalen Aktionsbereich für die gesamte Kultur- und Kreativbranche;
  • einen Aktionsbereich „Kultur“ für die Kultur- und Kreativbranche und
  • einen Aktionsbereich MEDIA für den AV-Sektor.

Aufgeteilt wird das Geld nach folgendem Schlüssel, 15 % für den horizontalen Aktionsbereich, 30 % für den Aktionsbereich Kultur und 55 % für den Aktionsbereich MEDIA. Ob es wirklich sinnvoll ist, den klassischen Kunst- und Kulturbereich mit der Kreativwirtschaft in einem Programm zusammenzufassen, wird sich zeigen, wenn die genauen Inhalte und Förderkriterien bekannt sind.

Unabhängig von dieser Frage wird aber, so die Zahlenangaben bestätigt werden, der Kunst- und Kulturbereich mehr Geld aus Brüssel erwarten können. Außerdem kann die EU mit dem neuen Programm die Kreativwirtschaft wesentlich gezielter fördern als bisher. Vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzkrise ist vermutlich der Aufbau einer neuen „Finanzfazilität“, die den Zugang zu den oft dringend benötigten Geldmitteln erleichtern soll. Dabei setzt Brüssel vor allem auf Garantien und erhofft sich einen ähnlichen Multiplikatoreffekt wie bei den im Rahmen des MEDIA-Programms vergebenen Garantien.

Weitere Informationen zum Förderprogramm finden Sie auf dieser Website, außerdem wird es am 30. Januar eine Informationsveranstaltung in Brüssel geben.

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Crowdfunding: macht Kleinvieh wirklich genügend Mist?

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© Klaus Rupp / Pixelio

Die Grundidee des Crowdfunding ist es, dass möglichst viele Menschen mit relativ kleinen Beträgen ein Vorhaben unterstützen und so die Finanzierung sicherstellen. Hohe Transaktionskosten und komplizierte Abläufe machten diesen Ansatz früher unmöglich, heute sieht das allerdings anders aus. Die zahlreichen Crowdfunding-Plattformen machen deutlich, dass hier ein Entwicklungsschritt stattgefunden hat, der die hohen Hürden abgenaut hat. Statt des einen Sponsors machen sich heute viele auf die Suche nach vielen „kleinen“ Unterstützern, oder anders gesagt: der Crowd.

Dass das nicht einfach die anonyme Masse ist, die da vorbeikommt und schnell ein paar Euro liegen lässt, wissen wir bereits. Wer nicht über entsprechende Netzwerke verfügt, tut sich schwer, das benötigte Geld auf diese Weise einzusammeln. Davon lassen sich aber nur die wenigsten abhalten und so nimmt die Zahl der Projekte, die auf den Plattformen um Unterstützung buhlen täglich zu. Und auch die Summen, um die es dabei geht, werden höher, das jüngste Beispiel liefert die Kulturfigur „Stromberg„, für dessen nächsten Film etwas mehr als 3.000 Fans innerhalb einer Woche eine Million Euro locker machten.

Das bedeutet, im Durchschnitt hat jeder Fan gut 300 Euro in diesen Film investiert, eine erstaunlich hohe Summe. Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Blogpost, auf das mich Andrea Kamphuis aufmerksam gemacht hat. In „The 80-20 rule as it applies to the crowdfunding bills“ beschäftigt sich Sherwood Neiss mit der Frage, inwieweit wir bei erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen auf möglichst hohe Einzelbeträge angewiesen sind. Ausgangspunkt seines Beitrags ist das Vorhaben des amerikanischen Gesetzgebers, die Summe, die eine einzelne UnterstützerIn zur Verfügung stellen, gesetzlich zu regeln. Das Vorhaben spielt für uns keine Rolle, interessant ist aber die Argumentation, um diese Begrenzung zu verhindern bzw. möglichst hoch anzusetzen.

Neiss bringt das Pareto-Prinzip ins Spiel, auch als 80-20 Regel bekannt, derzufolge 20% des Mitteleinsatzes 80% zum Ergebnis beitragen. Neiss hat bei mehreren Crowdfunding-Plattformen nachgefragt und mehr oder weniger eine Bestätigung seiner These erhalten, dass dieses Prinzip auch beim Crowdfunding gilt. So zeigt sich, dass auf der Plattform Indiegogo bei Projekten mit einem Budget zwischen $500 und $5.000 der Anteil der UnterstützerInnen, die $500 oder mehr geben, bei 24% liegt und bei Kampagnen, die auf Beträge von $50.000 oder mehr angelegt sind, auf 65% ansteigt (alle anderen Beispiele lesen Sie bitte im Originalbeitrag nach).

Es ist doch logisch, werden Sie vielleicht einwenden, dass bei einer größeren Gesamtsumme auch der durchschnittliche Betrag, mit dem das Projekt unterstützt wird, ansteigt. Ich denke, das hängt davon ab, worum es bei einem Projekt geht und vor allem, welche Gegenleistungen ich als UnterstützerIn erhalten kann. Dass Sie sich mit Geldgebern, die 500 Euro und mehr zur Verfügung stellen leichter tun als mit 50 Euro-Unterstützern ist klar. Wichtig ist aber, dass Sie überhaupt die Möglichkeit anbieten, größere Summen zu investieren. Das heißt, als ProjektinitiatorIn müssen Sie sich entsprechende Gegenleistungen einfallen lassen, um überhaupt die Möglichkeit zu schaffen, ein Vorhaben mit größeren Beträgen zu unterstützen.

Nehmen wir zum Beispiel ein klassisches Theaterstück. Gegenleistungen bis zu einem Wert von 100 Euro lassen sich sicherlich finden. Wie sieht es aber bei 500 Euro aus? Was können wir in dieser Größenordnung anbieten? Ich vermute, wir bewegen uns hier in eine Richtung, die sehr viel Ähnlichkeit mit dem klassischen Sponsoring aufweist. Dies vor allem dann, wenn die Summen, um die es jeweils geht, immer weiter ansteigen. Ab einer gewissen Obergrenze werden wir dann mit kleineren Unterstützungsbeträgen alleine nicht mehr auskommen, eine Entwicklung, die sich auch bei uns bereits abzeichnet. Das heißt, wir müssen uns im Vorfeld auch überlegen, wie realistisch es ist, an großzügigere GeldgeberInnen zu kommen. Sind die Aussichten schlecht, darf das Budget nicht zu hoch angesetzt werden, um sich nicht vorab alle Chancen zu nehmen.

Ich schreibe das auch deshalb, weil wir die stART12 dieses Jahr auf diese Weise finanzieren wollen und da gerade an genau diesem Punkt stehen, wo es eben nicht mehr um Unterstützungsleistungen im Wert von 10 oder 20 Euro geht, sondern um wesentlich höhere Beträge. Und damit auch um andere Gegenleistungen. Und um die Frage, wie groß die Erfolgsaussichten sind. ;-)

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Guter Service als Wettbewerbsvorteil

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© Stephanie Hofschlaeger ; Pixelio

Natürlich sind wir alle davon überzeugt, dass unser Angebot wesentlich interessanter ist als alle anderen Angebote und deshalb ist es in unseren Augen auch nicht notwendig, es groß zu bewerben. Schließlich sollte dankbar sein, wer es in Anspruch nehmen darf. Ob das aber in der Praxis wirklich so funktioniert, darf bezweifelt werden, auch und gerade im Kunst- und Kulturbereich. Oft sind es ganz profane Gründe, die jemanden ins Theater, Museum oder ein Konzerthaus treiben und nicht die Einzigartigkeit des jeweiligen Angebots. Was zeichnet eine Kultureinrichtung dann aber überhaupt aus, wenn es nicht die Inhalte sind?

Für Chad M.Bauman ist die Sache ganz klar: „Customer Service as a Competitive Advantage“ lautet der Titel eines seiner letzten Blogposts im Arts Marketing Blog, in dem er festhält,

„that the general woeful state of customer service provides a prime opportunity for arts organizations to distinguish themselves.“

Dabei beruft er sich auf einen Vortrag von Scott Stratten, in dem dieser von „opportunities to be awesome“ gesprochen hat. Wie aber können solche Gelegenheiten aussehen? Automatismen sind in der Kommunikation und Interaktion mit den Kunden zwar unumgänglich, aber Bauman appelliert an unsere Fähigkeit „to empathize, reason and trouble shoot“. Regeln seien für Routinetätigkeiten geschaffen worden, nicht für Ausnahmesituationen. Sollten wir unsere Kunden nicht wie unsere Eltern oder besten Freunde behandeln, mit denen uns eine lebenslange Beziehung verbindet, fragt Bauman.

Ein weiterer Tipp lautet, unerwartete, überraschende, aber authentische Dinge zu tun. Warum nicht einer BesucherIn zu einem speziellen Anlass eine Karte auf den Sitz legen? Oder einen Fehler wieder gut machen? Baumann schildert den Fall eines Paares, das trotz Schneesturm von außerhalb ins Theater kam, um dort zu erfahren, dass die Veranstaltung nicht stattfindet. Man bezahlte dem Paar die Übernachtung in einem Hotel und lud es zur Aufführung am nächsten Tag ein. Wie das ankam, kann sich jeder denken.

Bauman stellt fest:

„Arts organizations are charged with building communities. Communities are centered around relationships,“

und empfiehlt uns deshalb, im Umgang mit den BesucherInnen eher ein „Ja“ als ein „Nein“ im Hinterkopf zu haben. Solch unerwartete Situationen benötigen nicht unbedingt einen Schneesturm, oft ergeben sie sich zum Beispiel auch durch die Kommunikation im Social Web. Allerdings erfordern sie mehr als den Hinweis auf die nächste Veranstaltung. Sie entstehen nur durch persönliche Kommunikation, durch den Wunsch, langfristige Beziehungen aufzubauen. Und wetten, diese Art von Kundenservice zahlt sich ganz sicher aus?

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Spielplanwahl am Thalia Theater: demokratisches Experiment oder pseudodemokratische Albernheit?

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© Gerd Altmann / Pixelio

Besonders gut geht es dem deutschen Theater derzeit nicht. Die öffentliche Hand ist nicht mehr in der Lage, die steigenden Kosten in den Häusern vollständig zu finanzieren und außerdem scheint das Interesse an dem, was auf den Bühnen zu sehen ist, nicht besonders groß zu sein, denn in der Saison 2009/10 ging die Zahl der BesucherInnen der öffentlich getragenen Theater gegenüber der vorangegangenen Saison um eine halbe Million zurück, wie es in einer Aussendung des Deutschen Bühnenvereins heißt.

Warum die Menschen immer seltener ins Theater gehen, darüber lässt sich nun trefflich streiten. Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass dort Stücke gespielt werden, die niemanden interessieren? Zumindest dachten wohl die Verantwortlichen des Thalia Theater in Hamburg in diese Richtung und ließen über einen Teil des Spielplans für die Saison 2012/13 per Voting abstimmen. Das (Protest-)Geschrei war groß, erstens wegen der Idee, „Dilettanten“ über den Spielplan abstimmen zu lassen und zweitens wegen des Resultats, denn am Ende hatten sich die WählerInnen geweigert, die ersten Plätze den Usancen entsprechend mit Faust, Emilia Galotti und dem Sommernachtstraum zu besetzen.

Stattdessen landeten Dürrenmatts „Die Ehe des Herrn Mississipi“, das Transmedia-Projekt „Peer returns“ und Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davon gekommen“ auf den ersten drei Plätzen. Die Bewertung dieser Wahl, an deren Ende 5.500 Stimmen gezählt wurden, fällt in den Printmedien einhellig negativ aus. Klaus Irler spricht in der TAZ von einem „sauberen Eigentor“, Christoph Twickel schreibt im Spiegel von „völlig unbekannte(n) und skurrile(n) Werke(n), die die vordersten Plätze einnehmen. Gerhard Stadelmaier amüsiert sich in der FAZ darüber, dass das Theater nun „brav Amateurdramen spielen (muss), die mittels sozialer Netzwerke massenhaft gepusht worden sind“ und Till Briegleb bezeichnet das Abstimmungsergebnis in der SZ als „Reinfall“. Letzterer empfiehlt am Ende seines Artikels dem Intendanten Joachim Lux und Dramaturg Carl Hegemann das öffentliche Geständnis: „Wir haben es vermasselt“.

Bleibt die Frage, wer da was vermasselt hat? Sind es nicht eher die Journalisten, die sich hier eine eher peinliche Blöße geben, getrieben von der Angst, dass vielleicht schon bald auch über ihre Artikel abgestimmt  wird und sie von „Amateuren“ und „Dilettanten“ überholt werden? Wäre es nicht ihre Aufgabe gewesen, in klugen Artikeln die Entwicklung des Theaters zu unterstützen und sich Gedanken zu machen, wie sich die Häuser all denen öffnen können, die sich schon lange von den Bühnen verabschiedet haben. Sich über diese Aktion nur lustig zu machen, wird der Sache nicht gerecht, zu ernst ist die Situation. Nicht umsonst widmet der Fachverband Kulturmanagement seine nächste Jahrestagung unter anderem der Erforschung kultureller Beteiligungsstrategien. Ich hoffe, die Herren sind dann vor Ort und berichten darüber.

Vielleicht hätten sie sich auch schon vor dieser Aktion mit der Frage, welche partizipativen Formen das Theater benötigt, beschäftigen sollen? Man kann ein Theater leicht als weltfremd bezeichnen und ihm vorwerfen, eine pseudodemokratische Abstimmung initiiert zu haben. Aber wie würde denn ein demokratischer Prozess wirklich aussehen? Wer soll denn überhaupt daran beteiligt werden? Nur die BesucherInnen des Thalia-Theaters? Alle HamburgerInnen? Oder alle, die sich angesprochen fühlen? Dir Frage ist nicht so leicht zu beantworten.

Und warum ist das Ergebnis so schlecht? Immerhin haben sich Menschen engagiert, um bestimmte Stücke im Ranking in die vorderen Positionen zu bringen. Dürrenmatt und Wilder mögen nicht unbedingt tagesaktuell sein, aber wer weiß, ob das 2013 immer noch so ist? Schließlich sind beide keine Groschenromanschreiber. „Peer returns“ kann man natürlich, wenn es einem gefällt, als „dröhnend ambitioniertes Rock-Musical“ bezeichnen, aber ich hätte viel lieber gelesen, dass sich dahinter eines der ersten transmedialen Projekte verbirgt, das an einem deutschsprachigen Theater aufgeführt werden soll.

Man hätte diesen Entscheidungsprozess, der sicher nicht so abgelaufen ist, wie sich das die Verantwortlichen vorgestellt haben, auch analysieren können, wie das Ulf Schmidt in seinem lesenswerten Blogpost „Das Thalia und die Spiel(plan)verderber 2: Durch Leiden wird man Demokrat“ getan hat. Was ist denn ein demokratischer Prozess eigentlich? Kommt er ohne die Einflussnahme von Interessensgruppen aus oder sind es nicht sie, die in unserer Demokratie mehr und mehr bestimmen? Ist es also nicht scheinheilig, dem Theater etwas vorzuwerfen, was in allen anderen Bereichen schon lange an der Tagesordnung steht?

Schmidt betrachtet den Abstimmungsprozess als eigenes Stück und fordert, das „Drama der Demokratie“ für den Mühlheimer Dramatikerpreis zu nominieren, denn

„seit langem hat (es) kein Theater [..] in ähnlicher Weise geschafft, eine größere Menge von Menschen  in eine theatrale Aktion einzubinden […], die allen Beteiligten am eigenen Leibe erfahren lässt, was es mit Demokratie, Mitbestimmung, Partizipation wirklich auf sich hat. Ein in dieser Hinsicht grandioses Projekt, dem es gelingt, lang verschüttete, halb- oder unbewusste demokratische Prozesse offen zu legen, sie in ihrer ganzen Fragilität, Bedrohlichkeit, Missbrauchs- und Unfallanfälligkeit darzustellen.“

Darüber zu diskutieren wäre vermutlich sinnvoller gewesen als sich über die Idee des Thalia-Theaters lustig zu machen. Das „Drama der Demokratie“ ist derzeit nicht nur auf den Bühnen dieser Welt zu beobachten, sondern auch im realen Leben, wo es unter anderem unter dem Titel „arabischer Frühling“ läuft. Ob es sich dabei um demokratische Experimente handelt oder um pseudodemokratische Albernheiten, muss jede/r für sich selbst entscheiden.

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Zerbrochene Vergangenheit

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© Corinna Dumat ; Pixelio

Der letzte Vorhang droht“ ist ein Interview überschrieben, in dem Alfred Wendel, der Intendant der Duisburger Philharmoniker, ein düsteres Zukunftsszenario für sein Orchester zeichnet. Statt 11,1 Mio. Euro will die Stadt nur noch 8,6 Mio. für die Rheinoper ausgeben, was einschneidende Änderungen für den Opernbetrieb bedeuten würde.

Vermutlich werden die Duisburger Philharmoniker kein Einzelfall bleiben und so werden wir immer häufiger von der „zerbrochene(n) Vergangenheit“, so der Titel des obigen Fotos von Corinna Dumat, so mancher Kultureinrichtung sprechen können.  Natürlich können wir weiter darauf beharren, dass es die Aufgabe des Staates ist, Kunst und Kultur zu finanzieren, dazu bekennt sich die Kulturpolitik ja auch immer wieder. Aber seien wir ehrlich: das System ist an seinen Grenzen angelangt. Immer häufiger ist das benötigte Geld nicht mehr vorhanden, entweder weil die Kassen wirklich leer sind oder weil das Geld für andere Dinge verwendet wird.

Natürlich können wir dagegen protestieren, was grundsätzlich nicht falsch ist. Aber ich denke, das reicht nicht mehr, Kultureinrichtungen, die sich auf die Finanzierung durch die öffentliche Hand verlassen, handeln, ich schreibe das nicht zum ersten Mal, fahrlässig. Fahrlässig, weil immer mehr Zeichen darauf hin  deuten, dass die öffentlichen Mittel der Städte und Gemeinden, aber auch auf landes- und Bundesebene nicht mehr zum Überleben reichen. Aus diesem Grund bleibt Kulturfinanzierung auch 2012 eines meiner Schwerpunktthemen. Lohnt es sich zum Beispiel, sich mit dem Thema EU-Förderungen zu beschäftigen? In den letzten beiden Jahren habe ich dieses Thema etwas vernachlässigt, dieses Jahr möchte ich hier in diesem Blog wieder verstärkt über die Möglichkeiten, Projekte mit Geld aus Brüssel zu finanzieren, informieren.

Wichtig ist es in meinen Augen aber auch, sich nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten umzusehen. Crowdfunding ist kein Allheilmittel, aber in vielen Fällen kann es dazu beitragen, Finanzierungslücken zu schließen. Und um nicht bei der Theorie stehen zu bleiben, werden wir dieses Jahr versuchen, die für Juni geplante stARTconference auf diese Weise zu finanzieren. Wir wollen ausprobieren, ob dieser Ansatz genügend Potenzial besitzt, um auch größere Vorhaben realisieren zu können. Die stARTconference ist kein Großprojekt, aber es geht doch um rund 30.000 Euro, die auf diese Weise zusammen kommen müssen.

Interessant ist für uns auch die Frage, ob es im Social Web Vermarktungsmöglichkeiten für den Kunst- und Kulturbetrieb gibt? Viele Kultureinrichtungen haben jede Menge Fans oder Follower und durchaus beachtliche Zugriffszahlen. Wer sie nur zu den eigenen Veranstaltungen einlädt, nutzt das Potenzial von Social Media nicht voll aus, behaupte ich. Bleibt die Frage, wie ich sonst auf mich aufmerksam machen kann, wenn ich keine Einladungen verschicken soll? Für mich ist in dieser Hinsicht Storytelling das zentrale Thema. In gewisser Weise mache ich einen Schritt zurück, denn schließlich war Transmedia Storytelling eines meiner Schwerpunkte im letzten Jahr, nicht nur hier in diesem Blog, sondern auch auf der stART11. Natürlich bleibt das Thema aktuell, gleich im morgigen Blogpost wird Transmedia Storytelling wieder auftauchen. Aber es geht ganz grundsätzlich um die Frage, in welcher Form sich Geschichten einsetzen lassen? Eines der für mich wichtigsten Werke ist das von Raf Stevens im letzten Oktober veröffentlichte eBook „No Story, No Fans„, das ich zwar schon im November gelesen habe. Eine Rezension habe ich bis heute leider noch nicht geschafft, sie ist aber für diesen Monat fest eingeplant.

Und noch etwas habe ich mir für 2012 vorgenommen: in den letzten Monaten ist dieses Blog hier des öfteren zu kurz gekommen. Das möchte ich ganz gerne wieder ändern und wieder einige Blogposts mehr schreiben als im letzten halben Jahr. Vielleicht lassen sich auf diese Weise Ansätze entwickeln, die dabei helfen, den letzten Vorhang zu verhindern, egal wo.