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Kunst verwursten

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So ähnlich schrieb Michael Buckler in einem Kommentar zu meinen Bericht über die Konferenz „Amateure im Web2.0„. Ausgangspunkt war der Vortrag von Roman Marek, in dem er auf den audiovisuellen Diskurs auf YouTube einging und anhand des Videos “Leave Britney Alone!” zeigte, auf welche Art und Weise die Konsumenten dort zu Produzenten werden.

Wenn ich Michael Buckler richtig verstanden habe, dann stört es ihn, dass ich bzw. Roman Marek den Begriff der Evolution gewählt hat, wenn dort auf der Basis eines online gestellten Videos ein neues Video produziert wird. Marek bezeichnet dieses neue „Recycling-Video“ im Sinne der Evolution als Mutation. Manche dieser Mutationen überleben, manche nicht. Überleben heißt auf YouTube, das Video hat hohe Zugriffszahlen.

Das, was Marek als Recycling-Video bezeichnet, ist ja nicht unbedingt neu. Wir kennen aus dem Musibereich die Coverversionen und wenn ein Stoff zum zweiten Mal verfilmt wird, sprechen wir vom Remake. Dank Wikipedia bin ich in diesem Zusammenhang auf den ZEIT-Artikel „Malen nach Zahlen“ gestoßen, den Jan Freitag schon vor fast fünf Jahren geschrieben hat. Darin stellt er fest, dass Anfang der achtziger Jahre durchschnittlich 350 Titel jährlich in die Musikcharts kamen, während es 2003 mehr als doppelt so viel waren, nämlich 827.

Damals wurde eben noch komponiert, schreibt Freitag und fährt dann fort:

„Heute dagegen funktionieren die Charts nach dem Baukastenprinzip: Wie beim Zahlenmalen werden Liedzitate zu Bildern verfugt. Im Airbrush-Stil sprüht perfektionierte Mixtechnik Bewährtes mit digitalem Weichzeichner gegenwartstauglich. Nach Karaoke-Art trällern talentfreie Tanzmäuse ganze Stücke nach.“

Sprich: wenn ständig nur kopiert wird, ist der größere Output leicht erklärbar. Das klingt für mich so ähnlich wie das, was Michael Buckler schreibt. Allerdings gibt es einen Unterschied. Freitag spricht von professioneller Musikproduktion, Buckler von Amateuren. Die technische Entwicklung ist so weit fortgeschritten, dass es heute ohne großen Aufwand möglich ist, ein Video zu produzieren und es über die verschiedenen Videoplattformen zu verbreiten.

Während die KünstlerInnen also früher nur die eigenen Kollegen „fürchten“ mussten, droht die Gefahr heute (auch) von anderer Seite. Und besonders gefährlich ist das Web2.0, denn dort, so heißt es, werde der Konsument zum Produzenten. Wobei das so neu nun auch wieder nicht ist. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich mit einem Fotografen zusammen gearbeitet habe. Auf wieviele Experten sind wir damals gestoßen? Experten deshalb, weil sie selbst in Besitz einer Kamera waren und glaubten, man könne ihre Bilder bereits als Kunst bezeichnen.

Als dann später die ersten Book on Demand-Angebote aufkamen, konnten wir plötzlich unsere eigenen Bücher auf den Markt bringen. Vorbei die Zeit, als die Verlage unserer literarischen Karriere im Weg standen. Und nun sind die Hürden also auch im audiovisuellen Bereich fast vollständig abgebaut. Ein Song oder ein Video sind schnell aufgenommen und mit etwas Glück ist das der Beginn einer Karriere.

Auch jenseits der Kunst erobern die Amateure (den Begriff Dilletant hören wir nicht so gerne) einen Bereich nach dem anderen. Wozu brauchen wir noch Journalisten? Ein paar Zeilen kann doch jede/r schreiben, Hauptsache, unser Schreibstil ist authentisch.

Zwar klingt das jetzt alles etwas ironisch. Nur: so lustig ist die Sache gar nicht. Spätestens seit Paul Potts bzw. Susan Boyle wissen wir, dass aus Amateuren schnell Profis werden können. Oder sind das dann gar keine Profis, sondern nur erfolgreiche Amateure?

Spielt das eine Rolle? Nicht wirklich, oder? Hauptsache, man erregt Aufmerksamkeit und schlägt dann daraus (finanzielles) Kapital. Kann man das jemandem verdenken, wenn er oder sie diese Chance nutzen? Und um bei Susan Boyle und Paul Potts zu bleiben: sie werden wahrscheinlich mit ihrem künstlerischen Tun erfolgreicher sein als manche bzw. viele „Profis“.

Für mich heißt das: es geht nicht darum, ob jemand Profi oder Amateur ist, sondern es geht um die Qualität. Genauer gesagt geht es darum, ob jemand den Geschmack der Anderen trifft. Denn wir alle wissen ja, wie kompliziert das mit der künstlerischen Qualität ist. Nehmen wir den Song „Crimson and Clover“, den die amerikanische Band „Tommy James and the Shondells“ 1969  veröffentlicht hat. Nachdem dieser Song schon einige Male gecovert worden ist, hat ihn nun auch Prince „verwurstet“. Muss ich das jetzt schlecht finden, weil da jemand einen Song abgekupfert hat? Oder darf ich begeistert sein, weil es Prince der Superstar ist, der sich dieses Songs angenommen hat?