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Die Zukunft von Kunst und Kultur: alles wird anders

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Als gestern der Bundestagsabgeordnete Siegmund Ehrmann den diesjährigen Kulturinvest Kongress eröffnete, passierte etwas ganz interessantes. Kurz nach Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise – damals war es vor allem eine Finanzkrise – hieß es seitens der Politik, dass sich in einer solchen Situation der Vorteil unseres Systems zeige, denn hier bei uns, wo die Finanzierung von Kunst und Kultur in den Händen der öffentlichen Hand liege, müssten sich die Kulturbetriebe keine Sorgen machen.

Ehrmann, der als Mitglied der SPD im Parlamentsausschuss für Kultur und Medien sitzt, sprach nur sehr selten über Kunst und Kultur, dafür aber umso häufiger über die Kultur- und die Kreativwirtschaft. Welche Wirtschaftsleistung diese Branche vorweisen können und wie viele Beschäftigte dieser Bereich aufweise. Gleichzeitig prophezeite er der staatlich geförderten Kunst und Kultur Probleme und in Anlehnung an diverse Studien meinte er, dass die öffentliuche Kulturförderung bis 2020 um 8 bis 10% zurückgehen werde und jede zehnte Kultureinrichtung von der Schließung bedroht sei. Nicht sofort, aber innerhalb der nächsten Jahre. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, nahm er nicht sich selbst, den Kulturpolitiker in die Pflicht, sondern die Unternehmen und die Zivilgesellschaft, die sich vermehrt für das Überleben von Kunst und Kultur einsetzen sollten.

Da verabschiedet sich also die Kulturpolitik klammheimlich aus einer Verantwortung, die ihr Pius Knüsel gerade erst umgehängt hat und entsprechend logisch ist es dann natürlich, wenn sich die Diskussion von der „Makropolitik“ hin zum „Mikromanagement“ bewegt. Auf dieser Ebene versuchte Adalbert Kurkowski von der Berliner Bank zu beweisen, dass zumindest sein Unternehmen die Botschaft schon verstanden hat und sich darum bemüht, Kunst und Kultur zu unterstützen. Die daraus resultierende Win-Win-Situation ergibt sich aber in meinen Augen nur dann, wenn die Bank die geforderte finanzielle Unterstützung verweigert und damit nicht nur sich, sondern auch den oder die KünstlerInnen vor (finanziellem) Schaden bewahrt. Diese auf Anfrage getätigte Aussage war entwaffnend ehrlich, aber sie trifft ins Schwarze. Schließlich verändert sich auch der Anspruch des Publikums, wie Susanne Keuchel, die Direktorin des Zentrums für Kulturforschung in ihrem Vortrag „Der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf das Kulturpublikum“ ausführte.

Ihre zentrale These lautete: das Publikum wird älter und bunter, was die Sache für die Kulturbetriebe nicht leichter macht, vor allem in den klassischen Sparten. Für die, z.B. das Theater interessiert sich noch die Generation 50+, aber die Jüngeren können mit dem Theater oder der Oper immer weniger anfangen. Interessanterweise definiert die jüngere Generation Kunst aber genau über die Sparten, die sie nicht mehr nutzt. Genutzt werden Kunst und Kultur vor allem von den Jugendlichen, die über eine hohe Bildung verfügen. Mit der einher geht auch das Interesse, selbst aktiv zu werden und wer selbst aktiv wird, nimmt dann eher kulturelle Angebote wahr.

Das spricht also nicht unbedingt dafür, dass man den Musikunterricht in den Schulen kürzt und das Thema kulturelle Bildung nach und nach aus den Augen verliert. Auf diese Weise verliert die Kunst nämlich ihr junges Publikum. Die, die sie schon verloren hat, geben an, so Keuchel, dass unter anderem hohe Preise und ein fehlendes jugendgerechtes Ambiente sie vom Besuch von Kulturveranstaltungen abhalten. Interessant, dass die Generation 50+ genau das Gegenteil als Hindernis angibt, nämlich zu viele Angebote, die sich nur an Jugendliche richten. Theoretisch müsste es dann eigentlich passen. ;-)

Klar ist aber: Kunst muss unterhalten und dementsprechend, so der Rat der Vortragenden, sollten Kultureinrichtungen den Unterhaltungsfaktor wieder mehr in den Vordergrund rücken. Kunst als Unterhaltung, das war jahrzehntelang verpönt, wie der Soziologe Kai-Uwe Hellmann in seinem Vortrag „Kulturpublikum zwischen Konsumtion und Produktion. Alvin Tofflers ‚Prosumer‘ und dessen Nachfahren“ erläuterte. Adorno war es, der mit seiner Kritik an der Kulturindustrie und der Gegenüberstellung von Kunst und Konsum dazu beitrug, dass wir noch heute zwischen ernster und unterhaltender Kunst unterscheiden, einer Trennung, die anderen Kulturkreisen fremd ist.

Erst die Cultural Studies machten aus dem passiven (Kultur)-Konsumenten den aktiven Konsumenten, denn es bedarf entsprechender Willensanstrengungen, um sich mit dem jeweiligen Themen beschäftigen und auseinandersetzen zu können. Alvin Toffler bereitete dann mit seinem Buch „The Third Wave“ den Boden für den „Prosumenten“, ohne dessen aktiven Beitrag ein Produkt oder eine Dienstleistung, so Hellmann, nicht fertiggestellt werden könne. Das heißt, der Anbieter ist auf den Prosumenten angewiesen. Ikea ist da in meinen Augen ein schönes Beispiel, denn erst unsere Bereitschaft, die Möbelstücke zu kaufen und selbst zusammen zu bauen, macht aus dem Haufen Bretter ein Regal.

Hellmann hat im nächsten Schritt versucht, die Prosumtion auf den Kultursektor zu übertragen. Herausgekommen ist dabei die folgende Grafik (die Kurve ist nur bei mir so zittrig und krumm geworden, sorry):

In den Bereichen Hoch- und Trivialkultur sieht Hellmann wenig bis keine prosumtiven Ansätze, wohl aber im Bereich der Soziokultur. Mir erscheint diese Unterscheidung gewagt, ich denke, es geht hier um partizipative Ansätze und die kann es in allen Bereichen geben, wobei ich auch der Meinung bin, dass es uns im Fall der Trivialkultur darum geht, uns berieseln zu lassen. Hellmann behauptet außerdem, dass wir uns immer mehr in Richtung Trivialkultur bewegen, d.h. wir schlagen die Richtung ein, die Adorno vor mehr als 50 Jahren kritisiert hat, als er zwischen Kunst und Konsum unterschied.

Wenn wir uns auf die Hochkultur konzentrieren, dann bedeutet das, so Hellmann, im Falle des Theaters: die jetzige Konstellation Produktion und Konsumtion  wird ergänzt durch die Prosumtion. Hellmann beruft sich dabei auf Gerhard Panzer, der Theater in die drei Phasen Werkproduktion, Inszenierung und Aufführung einteilt. Prosumtion ist für Hellmann nur in der Phase der Aufführung möglich, in den anderen beiden Phasen sieht er hierfür kein Potenzial.

Dieser Ansatz bzw. Erklärungsversuch ist für mich sehr interessant gewesen, weil er eigentlich das Thema der stART10 aufgreift, bei der es um Geschäftsmodelle und die oft diskutierte Öffnung der Wertschöpfungskette aufgreift. Ist es wirklich so, dass nur in der Aufführung Prosumtion möglich ist? Ich glaube nicht, verschiedene Museen in den USA haben immer wieder mal versucht, ihr Publikum mit einzubeziehen, wenn es um die Konzeption der Ausstellung ging.

Im Theaterbereich fällt mir Peter Brook ein, der mit seiner Theatergruppe in Afrika unterwegs war und Einheimische in das Theaterspiel integrierte, sie an der Entstehung des Stückes beteiligte. Außerdem fällt mir hierzu mein Blogbeitrag „Theaterfinanzierung: geht es auch ohne Förderungen?“ ein.

Aufschlussreich war für mich die große Ablehnung, auf die Hellmanns Ansatz stieß. Verstehen kann ich sie, denn Kunst verliert so den Habitus des Elitären, wenn der Prosument plötzlich auch etwas zu sagen hat. Und das finden nicht alle gut. So wird aus einer nicht geführten kulturpolitischen Debatte plötzlich etwas ganz Neues, bei dem die Kulturpolitik keine Rolle mehr spielt. Oder anders ausgedrückt: Kulturmanagement beschäftigt sich mit „Makropolitik“ und beginbt sich, das muss man zugeben, auf ein gefährliches Pflaster.