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„Amateure im Web2.0“: (k)ein Konferenzbericht

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„Amateure im Web2.0“. So lautete der Titel einer Konferenz, die Freitag, Samstag hier in Wien stattfand. Vorweg: es ist bedauerlich, dass diese Konferenz auf so geringes Interesse stieß, die Vorträge, denen ich folgen durfte, waren nämlich hochinteressant. Aber vielleicht hätte man genau dieses Web2.0, um das es an den zwei Tagen ging, ein klein wenig mehr nutzen sollen, um auf diese Veranstaltung aufmerksam zu machen? Wäre da nicht Jana Herwig gewesen, die das Progamm auf ihrem Blog digiom online gestellt hat, hätte ich die Konferenz wohl auch verpasst. Und da es dort auch eine kurze (und trotzdem lange) Zusammenfassung der Konferenz gibt (ein Dankeschön an Jana Herwig!), kann sich jeder einen zumindest ungefähren Eindruck verschaffen, worum es dort ging. Ich möchte gerne zwei Punkte herausgreifen, die ich im Hinblick auf die Themen hier im Blog interessant fand. Schon ein paar Mal habe ich auf das Projekt Steve-Museum hingewiesen, dessen Grundannahme es ist,
„that social tagging may provide profound new ways to describe and access cultural heritage collections and encourage visitor engagement with collection objects“.
Dank Meike Wagner, die als wissenschaftliche Assistentin für Theaterwissenschaft an der LMU München arbeitet und im Rahmen der Konferenz einen Vortrag zum Thema „Das Populäre und das Archiv. Social Networking als Archivpraxis“ hielt (Jana Herwig geht in ihrem Konferenzbericht auf diesen Vortrag ein), bin ich auf Artigo gestoßen, ein Kunstgeschichtsspiel, das auf einem ähnlichen Ansatz basiert. Auch ganz interessant in diesem Zusammenhang: Hyperimage, ein Forschungsprojekt, das
„neue, innovative Wege zur durchgängig kollaborativen Zusammenstellung, Bearbeitung, Publikation, Archivierung und Nachnutzung von Bildcorpora“
erschließen möchte. Das Potenzial solcher Ansätze ist gewaltig. Einerseits erlaubt das Social Tagging das „leichtere“ Auffinden von Bildern in den Datenbanken der Museen (siehe z.B. das Philadelphia Museum of Art, das das Auffinden von Bildern mit Hilfe von Social Tagging anbietet). Andererseits lassen sich daraus mittel- und langfristig Ordnungsstrukturen identifizieren, die Ausdruck veränderter „Sehgewohnheiten“ sein können. Nicht zu vergessen der soziale Aspekt, denn natürlich lassen sich solche Ansätze auch für das Community Building nutzen, etwa wenn wie im Fall von Artigo gegeneinander gespielt wird und ein erster Platz einen Geldgewinn verspricht.

YouTube: die evolutionäre Weiterentwicklung des Videomaterials

Einen zweiten für mich interessanten Aspekt sprach im Rahmen der Konferenz Roman Marek in seinem Vortrag „Wenn der Rezipient zum Produzenten wird: Die Zirkulation der Videobilder auf YouTube“ an. Für ihn stellt YouTube nicht einfach nur eine Plattform darf, auf der Videos hochgeladen haben, denn
„durch das Ineinandergreifen neuer Ausprägungen von Distribution, Organisation, Zugänglichkeit und Vernetzung (kommt es) zu einer in diesem Umfang bisher unbekannten Zirkulation von Videobildern“,
wie es in seinem Abstract heißt. Das Ergebnis ist ein audiovisueller Diskurs, in dessen Verlauf die Videoclips verändert werden bzw. sich weiterentwickeln. Marek, der sich im Rahmen seiner Dissertation mit der Video-Kultur im Internet beschäftigt, spricht von sogenannten „Recycling- oder auch Remix-Videos“,
„die auf den Videoplattformen mit den ursprünglichen Versionen des Bildmaterials um die Aufmerksamkeit durch die Betrachter konkurrier(en)“.
Offensichtlich wird das am Beispiel des „Fan“-Videos „Leave Britney Alone!“:
Dieses Video wurde auf verschiedenste Art und Weise weiterverarbeitet, meist auf künstlerische Art und Weise, wie z.B. dieses Beispiel hier zeigt:
Aus einem normalen Kreislauf wird, so Marek ein „Ideenumlauf“, bei dem es um die „produktive Weiterverwendung“ des Ausgangsmaterials geht. Spannend fand ich die Analogie, die Marek zur Welt der Biologie, konkret zur Evolution herstellte:
„Die Bildsequenzen entsprechen dem genetischen Code, das Recycling-Video dem mutierten Individuum, die Aufmerksamkeit der Rezipienten der Selektion durch die Umwelt, die Anzahl der Abrufe der Größe der Population, der Produzent dem Auslöser der Mutation (und) die Verkettung der verschiedenen Videoversionen dem Stammbaum in der Natur“,
formuliert es Marek in seinem Abstract. Interessant wird die Sache, wenn Kunst- und Kultureinrichtungen darauf einsteigen (siehe dazu mein Blogpost „Partizipation: wie das Publikum in das eigene Projekt einbinden?„) und damit die Trennung zwischen Produzent und Konsument komplett aufheben. Einher her geht sie mit einer, wie Marek schreibt, „Aufwertung des Amateurs“. Eine, wie ich denke, gewaltige Herausforderung für die Kulturbetriebe, die auch zu einem Umdenken in deren Rollenverständnis führen muss.