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Kulturvermittlungs-Teams in Museen anstellen, ein Handbuch zeigt, wie es geht

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Vor einem knappen Jahr berichtete eine Kunstvermittlerin in einem Zeitungsartikel über die in ihren Augen fürchterlichen Arbeitsbedingungen im Bereich Kunst- und Kulturvermittlung. Dass die Bezahlung im Kunst- und Kulturbereich schlecht ist, wissen wir alle, viele wissen aus eigener Anschauung, was es heißt, prekären Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu sein. Entschuldigt wird das oft mit dem Argument, dass die Arbeit zwar schlecht bezahlt sei, dafür aber Spaß mache. Einerseits ist das eine lausige Begründung, denn schließlich gibt es eine Vielzahl von Jobs, die ebenfalls Spaß machen und darüber hinaus besser bezahlt sind. Andererseits stimmt es traurig, dass zwar viele Kultureinrichtungen vor enormen finanziellen Herausforderungen stehen, dabei aber keine Skrupel haben, diesen Druck nach unten  weiterzugeben. Dort sind oft die Kunst- und KulturvermittlerInnen anzutreffen, die sich als freie MitarbeiterInnen an mehreren Häusern verdingen, um das tägliche Leben finanzieren zu können.

Es ist etwas eigenartig, wenn man sich diesem Thema annähert. Renate Höllwart spricht in ihrem Artikel „Im Auftrag von … Kunstvermittlung – ein Beruf?“ von einer zunehmenden Professionalisierung und einer erkennbaren Aufwertung dieses Arbeitsfeldes. Die ist auch nötig, denn schließlich sind die Vermittlungsteams meist das Bindeglied zwischen den Kultureinrichtungen und seinen BesucherInnen. Wobei Bindeglied vielleicht nicht der passende Ausdruck ist, eigentlich sind sie die Visitenkarte des jeweiligen Hauses. Aber viele Kultureinrichtungen lassen sich nur zögernd darauf ein, obwohl sie sich einem erheblichen Innovationsdruck ausgesetzt sehen und ständig dabei sind, mit neuen Formaten neue Zielgruppen anzusprechen. Dafür gibt es natürlich mittlerweile auch die passenden Studiengänge, aber so ganz scheint das Thema noch nicht angekommen zu sein. Vielleicht ist es nur ein dummer Zufall, aber der Wikipedia-Eintrag zu diesem Thema ist mehr als dürftig, dabei gäbe es zu diesem Thema schon etwas mehr zu sagen, wie diese Publikation zeigt.

Im Technischen Museum in Wien hat man  die Bedeutung der Kulturvermittlung vor einigen Jahren erkannt und den Bereich stark ausgebaut. Das Besondere daran: Seit 2010 sind dort alle KulturvermittlerInnen fest angestellt. Worin die Vorteile einer festen Anstellung liegen, wie man dabei vorgeht und worauf man bei den daraus entstehenden Veränderungsprozessen achten muss, das erfährt man im Praxishandbuch Kulturfairmitteln (Affiliate Link), das von Wencke Maderbacher verfasst worden ist. Das Handbuch, das auch als eBook erhältlich ist, versteht sich einerseits als Anleitung für andere Häuser, zeigt aber auch, wie sich in einem solchen Haus Strukturen aufbauen lassen.

Der Personalentwicklungsplan: Neuland für viele Kultureinrichtungen

Apropos Strukturen: Personalentwicklung, das ist ein Thema, welches in Kultureinrichtungen bis jetzt sträflich vernachlässigt wird. Nicht nur Außenstehende scheinen zu glauben, dass man als MitarbeiterIn in einer Kultureinrichtung gerne für wenig Geld viel arbeitet, weil es einem ja Spaß macht. Auch in den Häusern selbst wird oft die Bedeutung von zufriedenen und motivierten MitarbeiterInnen unterschätzt. Maderbacher zeigt im dritten Teil dieses Buches – ja, ich fange von hinten an -, wie so ein Personalentwicklungsplan für das Vermittlungs-Team aussehen kann, denn letzten Endes geht es ja nicht nur darum, billige und willige Arbeitskräfte an der Hand zu haben, sondern diese langfristig an das Haus zu binden und – in diesem Fall – zu Kulturvermittlungs-ExpertInnen auszubilden.

Wer am technischen Museum als KulturvermittlerIn angestellt wird, durchläuft dem Personalentwicklungsplan folgend vier Phasen. Es beginnt mit einer internen Ausbildung, in der die KulturvermittlerIn die Ausstellungsbereiche und Programme, die Hauptzielgruppen des Hauses und die Vermittlungsmethoden kennenlernt. Natürlich ist es auch wichtig, mit den internen Abläufen des Hauses vertraut zu sein und AnsprechpartnerInnen in den anderen Abteilungen zu haben. Eine ganz wichtige Rolle spielt in dieser ersten, aber auch den folgenden Phasen das Thema Weiterbildung. Im Unterschied zu vielen anderen Kultureinrichtungen muss man sich Weiterbildungen nicht erst „verdienen“, sondern sie sind ein wichtiger Baustein, um die Qualität im Vermittlungsteam zu halten beziehungsweise auszubauen.

„Vermittlungs-Teams haben oft einen heterogenen Background. (…) Das bringt zum einen genau die richtige Spannung und Mischung für kreative Vermittlungsideen. Zum anderen können im Alltag vice versa einerseits Fachwissen, andererseits methodische Fertigkeiten im Team fehlen. Um hier gezielt gegenzusteuern, werden gezielte Schwerpunkt-Schulungen angesetzt…“, (Seite 86)

beschreibt die Autorin die Herangehensweise des Hauses. Diese Ausbildung dauert ein Jahr, dementsprechend ist auch die Anstellung auf ein Jahr befristet, um abzuklären, ob man zueinander passt. In dieser Zeit arbeiten die KulturvermittlerInnen 15 Stunden pro Woche, aufgeteilt sind sie in 80 Prozent Vermittlungen und 20 Prozent Bürotätigkeit.

In Phase 2 erhöht sich die Zahl der Arbeitsstunden auf 20 pro Woche, dazu kommen eine Lohnerhöhung und ein unbefristetes Anstellungsverhältnis. Auch in Sachen Weiterbildung geht es auf die nächste Stufe, unter anderem geht es um Methodenvielfalt, Moderationsfähigkeiten oder museumspädagogische Theorien. Ähnlich ist der Verlauf in den Phasen 3 und 4, die Inhalte werden immer spezieller, die Anzahl der Wochenarbeitsstunden steigt und alle KulturvermittlerInnen werden dabei unterstützt, sich weiteres Wissen anzueignen und mehr und mehr Verantwortung bei einzelnen Vermittlungsprojekten zu übernehmen.

Die Pläne im Handbuch sind sehr detailliert, zeigen aber auch, wie komplex diese Materie ist. Umso hilfreicher sind sie vermutlich, denn es ist viel leichter, einen eigenen Personalentwicklungsplan mit Hilfe einer Vorlage zu erstellen als bei Null beginnen zu müssen.

Strukturen schaffen als Voraussetzung für den Personalentwicklungsplan

Um so einen Plan entwickeln zu können, bedarf es aber einiger Vorbereitungen. Die kommen im zweiten Teil des Buches zur Sprache, in dem es um die Frage geht, wie sich die entsprechenden Strukturen für das Kulturvermittlungs-Team schaffen lassen. Ausgangspunkt im technischen Museum war der Wille, alle KulturvermittlerInnen anzustellen, was aus der Sicht der Autorin die größte Umstellung für das Haus war, denn

„diese neuen Rahmenbedingungen verändern die tägliche Zusammenarbeit der Abteilung und haben Auswirkungen auf die gesamte Kulturinstitution“. (Seite 18)

Was sich da konkret ändert, wird auf den folgenden Seiten sehr genau erklärt. Zum Beispiel gelten ganz andere (fixe) Arbeitszeitregelungen, die berücksichtigt werden müssen und das Erstellen des Dienstplans zur Herausforderung machen. Maderbacher erklärt Schritt für Schritt, wie man ausgehend von der Ist-Analyse zu einem Dienstplan kommt, der auch realistische Chancen hat, eingehalten zu werden und nicht schon zwei Tage später Makulatur ist. Häuser, die damit zu kämpfen haben, sollten mal einen Blick auf dieses Modell werfen. Ich denke, hier kann sich mancher etwas abschauen.

Viel gelernt habe ich beim Thema Steckbrief, der für jede KulturvermittlerIn angelegt wird (Beispiel Seite 29). Ohne das Wissen, wer im Team über welche Fähigkeiten verfügt, lässt sich die Arbeit in einem größeren Team (und Haus) wohl kaum organisieren. Ausgehend von den Basisdaten (seit wann im Haus beschäftigt, wöchentliche Arbeitszeit) und Informationen zur Ausbildung ist darin festgehalten, für welche Themenbereiche die KulturvermittlerIn Führungen anbietet, für welche Zielgruppen und in welchen Sprachen. Festgehalten werden außerdem in diesem Steckbrief die Beteiligung an bisherigen Projekten, Netzwerke, zu denen Kontakt besteht und besondere Interessen.

Verbindet man die Daten der einzelnen KulturvermittlerInnen, bekommt man einen sehr guten Überblick über den Status Quo der Abteilung und kann unter Umständen gleich Defizite erkennen. Wie ist das Geschlechterverhältnis, wie lange sind die MitarbeiterInnen schon im Haus, welche Inhalte werden abgedeckt, in welchen Sprachen können Führungen angeboten werden, all das sind Aspekte, die auf der strategischen oder der Managementebene eine wichtige Rolle spielen. So banal so ein Steckbrief wirken mag, er stellt Daten zur Verfügung, die nötig sind, um effizient arbeiten  und die Abteilung steuern zu können.

Fazit: Es wirkt sehr unscheinbar, dieses Praxishandbuch, aber es bietet unschätzbare Dienste auf mehreren Ebenen. Erstens unterstützt es Museen dabei, geeignete Strukturen zu entwickeln. Das hier vorgestellte Modell lässt sich auch auf andere Arbeitsbereiche übertragen. Zweitens zeigt es, wie die Häuser wertvolles Know-How entwickeln (und halten) können und drittens trägt es dazu bei, die Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich zu verbessern, indem es dafür sorgt, dass MitarbeiterInnen prekären Arbeitsverhältnissen entkommen. Auf den ersten Teil des Buches muss ich jetzt gar nicht mehr eingehen, denn ich glaube, es ist klar, dass alle von der Anstellung eines Vermittlungs-Teams profitieren, Museum, VermittlerInnen und auch BesucherInnen. Um diese Frage geht es nämlich zu Beginn des Buches.

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Sind wir wirklich besser als Armin Klein glaubt?

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Für Kulturblogger Christian Holst ist die Antwort klar: „Wir sind besser als Armin Klein glaubt“ ist sein Blogpost überschrieben, in dem er sich mit dem Buch „Der exzellente Kulturbetrieb“ des Professors für Kulturwissenschaft und Kulturmanagement an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg auseinandersetzt.

Holst stellt in seinem Blogpost fest, dass Bücher, „die in dramatischer Weise gesellschaftliche Missstände aufzeigen und schonungslos Reformen fordern“, seit einiger Zeit Konjunktur hätten. Ihnen allen – und dazu zählt er auch das Buch von Klein – wirft er vor:

„Diesen Büchern ist gemein, dass sie allesamt auf wenigen, immergleichen Mantren beruhen, die in jeweils verschiedenen Abwandlungen lauten: zuviel Staat, zuviel Regulierung und Bürokratie, zu wenig Eigenverantwortung und Eigeninitiative, verbitterte Besitzstandswahrung aller Orten, weiterwurschteln ohne Ziel und Vision.“

Die Bestandsaufnahme erfolge, so Holsts Vorwurf, vor allem auf der Basis von Zeitungsartikeln und Zitaten aus der Sekundärliteratur. Gibt es einen Grund, nicht aus der Originalliteratur zu zitieren? Naja, eine Studie oder die Texte Luhmanns lesen sich halt etwas trocken, was mich zu der Frage führt, was denn das Ziel dieses Buches sein könnte?

In seiner Einleitung schreibt Klein:

„Das vorliegende Buch ist das Resultat zahlloser Gespräche und Diskussionen mit Leitern und Mitarbeitern öffentlicher Kultureinrichtungen (…). Ihre Erfahrungen, aber auch ihre Nöte und Sorgen sind hier eingeflossen.“ (S.13)

Ein Lehrbuch ist es also nicht, was aber dann? In meinen Augen möchte das Buch aufrütteln und kann also wirklich, wie Christian Holst geschrieben hat, in die Kategorie der Bücher gereiht werden, die gesellschaftliche Missstände aufzeigen wollen. Um das zu tun, wählt man in der Regel einen anderen Stil als den in einem Lehrbuch. Insofern habe ich mit Kleins Buch kein Problem. Ganz im Gegenteil: vielleicht ist es immer noch zu brav formuliert, denn wer von denen, die da kritisiert werden, hat es bis heute geschafft, in irgendeiner Form zu reagieren? Hat es irgendwo Diskussionen darüber gegeben? Mir ist nichts bekannt.

Wenn es wirklich so ist, dass die Museen, Theater, etc. alle bereits über eine Mission und Vision verfügen. Warum steht dann niemand auf und weist darauf hin, dass das schon lange kein Thema mehr sei? Ich glaube nicht wie Christian Holst, dass das Thema bereits abgehakt werden kann. Irgendwelche Ziele gibt es wohl, das stimmt, aber wie sieht es mit den Strategien aus? Strategie nicht verstanden als To-Do-Liste für das nächste Jahr, sondern im Sinne von Erfolgsstrategien, die es zu finden, aufzubauen und zu erhalten gilt.

Diskutiert irgendwo jemand darüber, dass es eigentlich auch Geld für Maßnahmen und Programme geben sollte, um neue BesucherInnen zu gewinnen? Um die Strukturen in den Betrieben zu stärken? Ich finde auch, dass ganzheitliches Management für viele Kultureinrichtungen interessant sein könnte, wie Holst schreibt. Aber es ist noch nicht an der Zeit, die SWOT-Analyse zu verteufeln, so lange viele Kulturbetriebe überhaupt nichts analysieren, sondern einfach nur Projekt an Projekt reihen. Lessons Learnt ist doch für die meisten ein Fremdwort, Feedback gibt man nur ganz am Ende, um sich den Frust von der Seele zu schimpfen.

Mir ist klar, das einige Einrichtungen da schon sehr viel weiter sind, keine Frage. Aber die große Masse ist doch zufrieden, wenn es wieder eine Förderung gibt, damit man weiter vor sich hin wurschteln kann. Da braucht es schon jemanden, der sich in so einem Umfeld als Störenfried betätigt. Eigentlich müsste Klein alle sechs Monate so ein Buch veröffentlichen und noch viel mehr provozieren, denn am Ende glauben die Kulturbetriebe wirklich noch, dass sie besser sind als er schreibt. Und das wäre nun wirklich das Allerschlimmste, was passieren kann, fürchte ich.