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Die soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunstund Kulturvermittler/innen in Österreich (2018)
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Die soziale Lage der Kunstschaffenden in Österreich (2018)

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Als 2008 der Rohbericht einer Studie veröffentlicht wurde, der die soziale Lebenssituation im österreichischen Kunst- und Kulturbereich analysierte, konstatierte ich: Die soziale Lage der KünstlerInnen in Österreich ist beschämend (Kurzfassung und Endbericht finden Sie in meinem Blogbeitrag Eine Studie beschreibt die soziale Lage der österreichischen KünstlerInnen). Zehn Jahre später ist ein Update erschienen, um die Frage zu beantworten, wie die Rahmenbedingungen im Kunst- und Kulturbereich denn heute aussehen. Endbericht und Kurzfassung der Studie über die „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittlerinnen und -vermittler in Österreich 2018“ stehen auf der Website des Bundeskanzleramts zum Download zur Verfügung.

Die (soziale) Lage vieler Kunstschaffender ist unverändert ernst

Vorweg: Ich bin wirklich froh und dankbar, dass es diese beiden Studien aus den Jahren 2008 und 2018 gibt. Sie liefern jede Menge Datenmaterial und bringen etliche interessante Ergebnisse hervor. Man könnte jetzt etwas flapsig konstatieren: Viel geändert hat sich nicht. Statistisch gesehen geht es nämlich denen, die heute im Kunst- und Kulturbereich arbeiten, im Vergleich zu 2008 weder signifikant schlechter noch besser. Das heißt aber auch:

„Der Anteil einkommensschwacher Personen ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mehr oder minder konstant geblieben und markiert damit wie bereits 2008 einen deutlich unterdurchschnittlichen Lebensstandard relativ vieler Kunstschaffender in Österreich.“

Petra Wetzel, Lisa Danzer, Veronika Ratzenböck, Anja Lungstraß, Günther Landsteiner: „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler/innen in Österreich 2018“ (Kurzfassung, Seite 9)

Wer arbeitet eigentlich im Kunst- und Kulturbereich?

Wer sind denn nun diese Kunst- bzw. Kulturschaffenden? Die Auswertung der insgesamt 1.757 Fragebögen zeigt ein recht interessantes Bild. Das Geschlechterverhältnis ist, wenn man den gesamten Kunst- und Kulturbereich betrachtet, fast ausgeglichen (Frauen 51%, Männer 48%, Inter/divers 1%). Allerdings gibt es zwischen den Kunstsparten recht große Unterschiede. Während Frauen die Bereiche Bildende und Darstellende Kunst mit 57,8% bzw. 58,2% dominieren, sind es in den Bereichen Film und Musik (50,8% und 67%) die Männer. Ganz eindeutig ist das Geschlechterverhältnis in der Kunst- und Kulturvermittlung: zwei Frauen stehen dort jeweils einem Mann gegenüber.

Wo finden Kunst und Kultur hauptsächlich statt? Schaut man sich an, welches die Wohnbundesländer der Antwortenden sind, dann steht da – nicht überraschend – an erster Stelle Wien (56,8%), gefolgt von Nieder- (10%) und Oberösterreich (9,5%). Zwei Drittel derer, die in Wien leben, sind nicht dort geboren. Das heißt, für viele Kunstschaffende ist Wien so attraktiv, dass sie irgendwann im Laufe der Ausbildung oder ihrer Karriere in die Bundeshauptstadt ziehen.

Insgesamt gesehen zeichnet sich der Kunst- und Kulturbereich nicht durch große Internationalität aus. 83,6% der Kunstschaffenden besitzen die österreichische Staatsbürgerschaft, 14% sind EU-Bürger und nur 2,4% besitzen einen Pass aus anderen Teilen der Welt. Dass von den EU-Bürgern 54,3% Deutschland als Geburtsland angegeben haben (auf den weiteren Plätzen folgen die Schweiz (5%) und Frankreich (3,7%)), passt in dieses Bild. Nichtsdestotrotz gaben mehr als 80% der Befragten an, über internationale Erfahrungen zu verfügen.

Zwei Dinge fallen noch auf: Erstens lebt knapp die Hälfte der Kunstschaffenden und VermittlerInnen ohne Partner oder Kinder. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind sie somit häufiger alleine. Zweitens verfügen 58% der Befragten über einen akademischen Abschluss und weisen damit ein höheres Ausbildungsniveau auf als die Gesamtbevölkerung.

Die wenigsten sind nur rein künstlerisch tätig

Die wenigsten Kunstschaffenden konnten 2008 von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben. Es überrascht wohl niemanden, dass das auch 2018 so ist. Dementsprechend haben viele noch einen anderen Job. 70% der Befragten gaben an, noch eine kunstnahe oder kunstferne Tätigkeit auszuüben. Im Musikbereich sind es meist kunstnahe Beschäftigungen, vermutlich, weil viele Musikerinnen und Musiker in Musikschulen oder privat Unterricht geben. Im Literaturbereich hingegen finden nur wenige eine kunstnahe Tätigkeit, was wohl daran liegt, dass es diese kunstnahen Jobs einfach nicht gibt.

Wer künstlerisch tätig ist, macht das meist als Selbständige oder Selbständiger. Während im Bereich der Darstellenden Kunst nur 50% angaben, ausschließlich auf selbständiger Basis künstlerisch tätig zu sein, waren es in der Literatursparte 94%. In der Kunst- und Kulturvermittlung waren nur 42% der Befragten ausschließlich selbständig. Leider fehlen hier die Vergleichszahlen von 2008, aber vermutlich nimmt die Zahl derer, die hier in einem fixen Beschäftigungsverhältnis stehen, langsam, aber sicher zu. Ein Drittel gab an, ausschließlich unselbständig tätig zu sein.

Von der künstlerischen Tätigkeit kann kaum jemand leben

Ich hatte ja schon geschrieben, dass auch aktuell (die Daten wurden 2017 erhoben) nur die wenigsten Künstlerinnen und Künstler von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben können. Die Hälfte der Befragten gab an, dass das daraus erzielte Einkommen bei ihnen unter 5.000 Euro netto liegt. Vor allem in den Bereichen Bildende Kunst (Medianwert: 3.500 Euro) und Literatur (Medianwert: 3.700 Euro) sieht es schlecht aus, während in der Filmsparte immerhin im Mittel 10.000 Euro pro Jahr verdient werden. Auf ähnliche Beträge wie in der Filmbranche kommen die Kunstvermittler und -vermittlerinnen, zeigt die Studie.

Da viele der Kunstschaffenden neben ihrer künstlerischen auch noch kunstnahe und/oder kunstferne Tätigkeiten ausüben, ist das persönliche Einkommen entsprechend höher. Bezieht man alle Tätigkeiten ein, liegt das persönliche Netto-Jahreseinkommen im Schnitt bei 14.000 Euro. Am niedrigsten ist das Einkommen mit 11.000 Euro im Bereich der Bildenden Kunst, während die in der Filmsparte und der Kunstvermittlung Tätigen durchschnittlich 17.000 Euro erreichen.

Interessant ist es, die Einkommenssituation im Kunst- und Kulturbereich mit der Gesamteinkommenssituation in Österreich zu vergleichen. Bei denen, die nur selbständig arbeiten, zeigen sich kaum Unterschiede zwischen den Kunstschaffenden und der Gesamtheit der Selbständigen. Die Einkommen der ausschließlich unselbständig Tätigen liegen bei den Kunstschaffenden rund 10% unter den Zahlen für die unselbständig Beschäftigten in Österreich. Auffällig ist, dass es aber große Unterschiede bei denen gibt, die sowohl selbständig als auch unselbständig arbeiten.

Während diese „Mischfälle“, wie sie in der Studie genannt werden, laut Einkommensjahresbericht 2016 über ein mittleres Jahresnettoeinkommen von rund 26.000 Euro verfügen, sind es bei den Kunstschaffenden nur 17.500 Euro. Bei dieser Diskrepanz der Zahlen muss man aber berücksichtigen, dass sie aus unterschiedlichen Jahren stammen. Der Jahreseinkommensbericht weist Zahlen aus dem Jahr 2015 aus, bei den Kunstschaffenden sind das Zahlen von 2017. Nichtsdestotrotz klafft da wohl eine Lücke, deren Ursache unbekannt ist.

Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Die Ergebnisse zeigen, so heißt es in der Studie, dass sich in den letzten zehn Jahren keine großen Veränderungen ergeben haben. Was damals wie heute auffällt: Nur eine Minderheit der Kunstschaffenden ist ausschließlich künstlerisch tätig. Aber so lautet eine der Schlussfolgerungen dieser Studie:

Markant bleibt ein Auseinanderdriften von ideellem Arbeitsschwerpunkt, welcher für die Mehrheit der Befragten in der Kunst liegt, und finanziellem Schwerpunkt, der oft in anderen kunstnahen oder kunstfernen Tätigkeitsfeldern verortet ist. Diese Kombination von unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern ist – heute wie vor zehn Jahren – die Realität im Arbeitsalltag vieler Kunstschaffender. Damit verbunden ist die Betroffenheit durch Mehrfachbeschäftigungen, im Sinne der Kombination von unselbstständigen und/oder selbstständigen Beschäftigungsverhältnissen im Verlauf eines Jahres, an welche sich eine durchaus komplexe sozialversicherungsrechtliche Situation mit häufig negativen Folgen für die soziale Absicherung anschließen kann.

Petra Wetzel, Lisa Danzer, Veronika Ratzenböck, Anja Lungstraß, Günther Landsteiner: „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler/innen in Österreich 2018“ (Endbericht, Seite 115)

Handlungsbedarf sehen die Autoren und Autorinnen unter anderem in folgenden Bereichen:

  • Soziale Absicherung: Hier stellt sich die Frage, so heißt es in der Studie, wo man ansetzen möchte. Entweder versucht man das bestehende System zu optimieren. Oder man ändert die „Sozialversicherungsarchitektur“.
  • Finanzielle Ressourcenausstattung: Wir können nicht davon ausgehen, so die Studie, dass öffentliche Förderungen die finanziellen Probleme der Kunstschaffenden lösen werden. Auch die private Finanzierung von Kunst und Kultur, zum Beispiel Crowdfunding oder Sponsoring, wird kaum in der Lage sein, die benötigten finanziellen Mittel bereitzustellen. Meiner Meinung nach kann einer der Lösungsansätze im Blick über den Tellerrand bestehen. Förderungen aus kunstfernen Bereichen und Kooperationen mit Unternehmen sind sicher nicht für alle, aber vielleicht für einige Kultureinrichtungen eine Lösung.
  • Arbeitsmarktpolitik: Wenn Menschen permanent zwischen selbst- und unselbständiger Tätigkeit wechseln, dann stimmt die Definition von Arbeitslosigkeit einfach nicht mehr. Interessant wäre es, die Weiterbildungsangebote nicht im Hinblick auf die Vermittlung in den Arbeitsmarkt zu sehen, sondern im Hinblick auf zukünftige Projekte. Nicht ohne Grund erkennt die Studie Handlungsbedarf in Sachen Aus- und Weiterbildung.

Fazit

Die beiden 2008 und 2018 durchgeführten Untersuchungen machen deutlich, wo die Probleme im Kunst- und Kulturbereich liegen. Sie zeigen aber auch, dass sich in diesen zehn Jahren nicht viel geändert hat, Kunstschaffende stehen immer noch vor den gleichen Herausforderungen wie vor zehn Jahren.

Und trotzdem hat sich in diesem Zeitraum viel getan, oft sind es nur Kleinigkeiten. Aber der Kunst- und Kulturbereich ist ein hochkomplexer Raum, in dem wir Zusammenhänge oft gar nicht erkennen. Deshalb sollte es eigentlich noch viel mehr Studien geben, die einerseits Datenmaterial über längere Zeiträume zur Verfügung stellen. Andererseits wären aber auch Studien hilfreich, die noch viel mehr in die Tiefe gehen und sich mit den Details beschäftigen. Ich schaue oft etwas neidisch in Richtung USA, denn dort gibt es jede Menge Studien und viel mehr Datenmaterial. Datenmaterial, das die Grundlage bildet, um – hoffentlich – prekäre Arbeitsverhältnisse im Kulturbereich zu verhindern.

Titelbild: analogicus (Pixabay)

Geld ist Mangelware, zur sozialen Lage der Künstlerinnen und Künstler in Österreich
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Eine Studie beschreibt die soziale Lage der österreichischen KünstlerInnen

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Beschämend, so habe ich in einem früheren Blogpost die Situation der KünstlerInnen in Österreich genannt. Damals waren ja erst ein paar Details bekannt. Nun habe ich im Blog von Andrea Mayer-Edoloeyi gelesen, dass die Studie zur sozialen Lage der Künstlerinnen und Künstler in Österreich endlich offiziell veröffentlicht worden ist.

Hier finden Sie den vollständigen Endbericht als PDF zum Download. Falls Sie die gut 200 Seiten nicht lesen wollen, es gibt auch eine Kurzfassung.

„Für die Kunst- und Kulturpolitik lässt sich aus dieser Studie Handlungsbedarf ableiten“,

wird Kulturministerin Claudia Schmied in der Pressemeldung zitiert. Ja, stimmt!

Bild: stevepb (Pixabay)

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Eine Website informiert über EU-Strukturfonds-Gelder für Österreich

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Das ist doch erfreulich: das österreichische Bundeskanzleramt hat eine Website online gestellt, auf dem es ausführliche Informationen über das Thema Strukturfonds in Österreich gibt. Wieviel Geld aus Brüssel steht zur Verfügung und um welche Beträge geht es? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die die Seite beantwortet. Auf ihr befindet sich auch eine Art Datenbank, in der man auf Bundesländerebene die Ansprechpartner für die Geldtöpfe recherchieren kann. Es gibt darin zwar auch eine eigene Kategorie „Kultur“, aber den tieferen Sinn vermag ich nicht zu erkennen. Bei acht der insgesamt neun Bundesländer endet die Suche nach einer Förderstelle ergebnislos. Nur die Suche in Oberösterreich scheint vom Erfolg gekrönt. Was man auf dieser Seite, auf die der Link verweist, dann allerdings finden soll, erschließt sich mir nicht so ganz. Wenn man für den Kunst- und Kulturbereich im Bereich der Strukturfonds nach Fördermitteln sucht, stößt man also nicht sofort mit der Nase drauf. Das muss kein Nachteil sein, denn das heißt ja nicht, dass es kein Geld für diesen Bereich gibt. Die Herausforderung besteht nun darin, herauszufinden, ob es bezüglich der eigenen Vorhaben und Ideen Querverbindungen zu anderen „Kategorien“ gibt. Und dort schauen Sie sich dann um. Aber Vorsicht: Sie müssen im Sinne dieser „Kategorie“ argumentieren.