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Elisabeth von Helldorff: Kulturförderung vs. Kulturforderung (Gastbeitrag)

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© plumbe ; Pixelio

Über die Verantwortung, neue Chancen zu ergreifen

Ein Kommentar über Möglichkeiten, die sich in Umbruchsituationen eröffnen und gerade jetzt von Kulturschaffenden wahrgenommen werden sollten. Genau dann, wenn man glaubt, es geht bergab, ergeben sich oft beste Vorraussetzungen, um Neues zu entdecken und zu schaffen – in unserer momentanen Situation nicht nur für die Kulturlandschaft sondern auch für die Wirtschaft…

Irgendwie ist gerade alles anders. Vieles scheint zu zerbrechen und doch haben wir gerade jetzt die Chance, uns neu aufzustellen. Je ausgefallener die Ideen, desto schwungvoller wird die Entwicklung.

Aus diesem Grund fällt mir persönlich das Schreiben über traditionelle Kulturförderung im Moment etwas schwer. Darüber warum der Staat seine Mittel nicht gerechter verteilt. Dass Unternehmen (wie beispielsweise die vom Ausstieg aus dem Ausstieg des Ausstiegs gebeutelte E.ON) in Zukunft weniger für Kultursponsoring ausgeben könnten und somit ganze Institutionen um ihre Existenz bringen könnten.

Betrachten wir die aktuelle Lage der Nation und auch der Welt, so müssen wir zugeben, dass unser zeitweiliges Wutbürgertum zwar durchaus berechtigt ist, die Hintergründe aber keineswegs in Relation stehen zu dem, was anderen Ortes auf dem Spiel steht: sowohl politisch als auch kulturell. Es soll keine Moralpredigt folgen an dieser Stelle. Ich möchte nicht davon erzählen, dass wir uns mit Blick auf die aktuellen Krisenherde mit anderen Dingen beschäftigen sollten als mit den Raffinessen der mitteleuropäischen Kulturförderung.

Umbruch heißt nicht immer Abbruch

Ich denke, dass wir uns im Moment in einer Art Umbruchsituation befinden. Diese Situation fordert vor allem, nicht nur Mängel zu beklagen, sondern sich seiner Chancen bewusst zu werden und diese zu gestalten. Nicht ausschließlich mit Blick auf den Kulturbetrieb, aber auch. Ich sehe es als unsere heutige Verantwortung an, diese Chancen zu nutzen und Dinge zu verändern.

Der Umbruch hat mehrere Seiten. Für den Kulturbetrieb besonders interessant: die finanzielle und die inhaltliche Seite. Finanziell gesehen brechen immer mehr traditionelle Erwerbsmöglichkeiten weg, es tauchen aber gleichzeitig auch immer mehr kreative Wege auf, Geld zu verdienen. Aus inhaltlicher Perspektive ist eine allgegenwärtige Brisanz der Geschehnisse zu spüren. Mit höchster Aufmerksamkeit werden aktuelle Debatten verfolgt und kommentiert. Selten (soweit ich das sagen kann) waren Meinungen so differenziert und auch streitbar wie in diesen Wochen. Diese Aufmerksamkeit und damit auch Neugier sollte genutzt werden, um Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Als Akteur des Kulturbetriebs frage ich mich im Moment, wo die Reise hingehen soll: Was wollen wir überhaupt und wer sind die Rezipienten? Wer soll es bezahlen und warum? Was ist heute der Wert von Kultur? Soll Kultur überhaupt bewertet werden und wenn nicht, können wir uns diese Haltung leisten? Was steht auf dem Spiel, wenn gekürzt wird und wer genau kann diese Kürzungen verkraften und verantworten? Wie soll Kultur in Zukunft aussehen und wo soll sie stattfinden?

Lösungen im Zahlendschungel?

Was Fakten angeht, so geben aktuelle Zahlen nur bedingt Antworten auf all die Fragen. Mit Blick auf Kürzungen wissen wir schlichtweg nicht, was passieren wird. Sehen wir uns bspw. Kulturförderung durch Sponsoring an:

Die zu Beginn genannte E.ON mag ein Einzelfall sein, doch berichtete die Süddeutsche Zeitung am 13.08.2011 bereits darüber und zeigte die Gefahren einer Einstellung des Firmenengagements für einzelne Kulturinstitutionen deutlich auf. Gleichzeitig lesen wir in Studien und Kommentaren (wie in der Studie der Sponsoringagentur Causales), dass gerade Sponsoring für Kulturinstitutionen immer wichtiger wird und immer professioneller angegangen wird. Während hier 133 Antworten von Kulturinstitutionen über die steigende Bedeutung von Sponsoring berichten, liest man dagegen in einer Studie der Universität der Bundeswehr München die Antworten von 591 Unternehmen, die Sponsoring allgemein bewerten. Im Speziellen erläutert die Studie:

„Wie schon 2008, ist eine leicht rückläufige Tendenz bei der Verbreitung des Sponsorings zu verzeichnen. Erstmals ist auch der Anteil des Sponsorings am Kommunikationsbudget geringfügig zurückgegangen. Unverändert bleibt bei der Budgetverteilung die Spitzenposition des Sportsponsorings. Deutlich zugelegt hat wieder das Ökosponsoring. Und auch der Budgetanteil des Bildungs-/ Wissenschaftssponsorings sowie des Soziosponsorings ist erneut gestiegen. Dafür ist das Budget für Kunst-/Kultursponsoring weiter stark gesunken.“

Die aktuelle Lage der Wirtschaft könnte zu einer Prioritätenverschiebung des Engagements führen. Aber definitiv wissen wir es nicht. Besser ist es daher, sich in den Debatten auf das zu stürzen, was über die gängigen Formate hinaus passieren könnte. Darüber, welche Chancen aus der Umbruchstimmung entstehen.

Neue Formate zeigen Lösungen auf und machen Mut

Innerhalb dieses Blogs wurde in den letzten Monaten unter anderem über Crowdfunding diskutiert. Für mich zeigt diese Finanzierungsart, dass durchaus Bewegung in den Kulturbetrieb kommt. Ein Projekt vorzustellen, um es crowdfunden zu lassen, bedeutet ja, dass man davon ausgeht, dass es Menschen gibt, die es vielleicht besser wissen, als die Damen und Herren der Verwaltung, die einen Antrag abgelehnt haben oder es tun könnten. Dieses Selbstbewusstsein brauchen Kulturprojekte, und sie lernen auch zunehmend ihre Stärken zu artikulieren. Mit der Artikulation kann wiederum eines der größten Verständnisprobleme gelöst werden: Viele der oft zitierten Nicht-Kultur-Nutzer verstehen nämlich schlichtweg nicht, was das mit der Kultur soll. Unter anderem verstehen sie nicht, warum viele Kulturschaffende die Erwirtschaftung eines Gewinns gar nicht an erster Stelle sehen. Der Zusammenhang zwischen Produkt und Markt ist oft völlig schleierhaft. Mit dem Format des Crowdfundings kommt ein Handlungsprinzip ins Spiel, das vielen Menschen nahe ist und auch Freude bereiten kann. Crowdfundig hat etwas Spielerisches (ohne zynisch zu sein und für oder gegen das Rollen eines Kopfes zu stimmen), das den Förderprozess emotionalisiert, ein Mitmachgefühl evoziert, das die Beteiligten motiviert, alles zu geben, um ein Projekt umzusetzen. Wie bereits vielfach erwähnt, kann Crowdfunding nicht die staatlichen Mittel ersetzten. Genauso wenig wie Sponsoring, Spenden und andere Finanzierungsarten. Vielmehr bewahrt es den Kulturbetrieb davor, in Angst vor der großen Finanzierungslücke in Untätigkeit zu erstarren.[1] Denn es geht nicht darum, Gefälligkeitskunst für den Nutzer zu produzieren. Ich glaube nicht, dass sich Kultur verbiegen muss, um gehört und gesehen zu werden. Was das Beispiel des Crowdfundings aufzeigt und die Kultur bzw. die Kulturproduzenten vielleicht auch lehrt, ist, dass sie ohne Scheu ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickeln können und sich ihrer Fähigkeiten und Wirkungsmechanismen bewusster werden. Denn oft müssen sich nur Verpackung und Präsentation ändern, damit der Mut erwacht, sich in viele Richtungen zu öffnen. Eine viel diskutierte Richtung ist und bleibt die Kooperation mit Unternehmen. Damit zur Frage, wo Kultur in Zukunft stattfinden könnte.

Mit der Kunst ins Haus fallen

Was ist verkehrt daran, sich mit einem Unternehmen zusammenzusetzen und ein völlig neues Kulturprogramm zu schaffen? Wieder besteht die große Angst, ein Unternehmen vertrete nur eigene Interessen und missbrauche die Kunst bzw. Kultur, um sich zu profilieren. Vergessen wir doch einfach einmal für einen Moment das in diesem Zusammenhang sofort assoziierte Sponsoring. Nicht, weil ich es abschaffen möchte – in sehr vielen Fällen ist es ja eine feine Sache – eher weil ich glaube, dass man den Abstand bräuchte, um Neues zu entwickeln. Danach können wir es ja gerne wieder ausgraben.

Was Unternehmen bewegt … – und auch die Kultur?

Das berüchtigte Unternehmen aus dem Bilderbuch ist reich, skrupellos und undurchschaubar. Doch wer sich schon einmal mit einem Familienunternehmer unterhalten hat, weiß nur zu gut, dass es nicht immer so ist. Gerade in Gegenden, die stark von Abwanderung bedroht sind, in Branchen, die expandieren, wo Fachkräfte aber fehlen, in witterungsabhängigen Wirtschaftszweigen und in etablierten Betrieben, deren Führungsnachfolge ungeklärt ist, hat die Leitung eines Unternehmens viel mit der Leitung einer Kulturinstitution gemeinsam. Der gängige Vergleich ist der eines Dirigenten mit einem Unternehmer – beide Leiter einer buntgemischten Truppe von Individuen, die doch ein großes Ganzes schaffen wollen. Oft geht es aber auch um die Kunst der Improvisation. Die Organisation einer Ausstellung in Kooperation mit einer anderen Institution stellt eine logistische Meisterleistung dar, genauso wie die Herstellung einer Maschine, die von vielen Zulieferern abhängig ist.

Es ist sicher fraglich, ob jedes Unternehmen in der Kooperation mit einer Kulturinstitution die perfekte Investition in die Zukunft sieht.

Gleichzeitig ist es aber frappierend zu sehen, wie viele Artikel, Veranstaltungen und Anzeigen darauf hinweisen, dass die Industrie händeringend nach Lösungen für komplexe Probleme sucht. Integration und Retention, Arbeitsplatzgestaltung und Gesundheit, altersgerechte Anreizsysteme, lebenslanges Lernen, Karrieremanagement und Austrittsmodelle, Wissensmanagement und Wissensbilanzierung und schließlich Diversity Management. Um nur einige zu nennen… [2]

Kultur kann – wenn sie will

Wenn ich jetzt die Kultur als einen Lösungsvorschlag einbringe, soll das nicht heißen, dass sie sich prostituieren muss. Im Gegenteil: Hier kann sich ein weiterer Zweig auftun, in dem sie zeigen kann, was ihre Stärken sind. Und bevor hier etwas falsch verstanden wird: Ich halte Unternehmenstheater zur reinen Mitarbeiterbespaßung für eine nette Sache. Aber ich denke nicht, dass es alles ist, was Kunst und Kultur zu bieten haben. Was die Kultur kann, ist intervenieren, analysieren und umdrehen. Sie kann in Prozesse eingreifen, sie überdenken und umstrukturieren. Sie kann animieren, motivieren und begeistern. Sie kann das, was Lévi-Strauss einst „Bricolage“ nannte. Er meinte damit nicht das Basteln im wörtlichen Sinne, sondern eine Form von Wissen. Für den Bricoleur sind Objekte nur zur Hälfte zweckbestimmt, die andere Hälfte lässt er offen für zukünftige Projekte. Der Bricoleur empfindet dann ein Erfolgserlebnis, wenn er es geschafft hat, neue Zusammenhänge zu schaffen, die vorher nicht denkbar gewesen waren. Es macht ihn zu einem nachhaltigen Arbeiter, denn er bewahrt Dinge auf und denkt sie bereits in der Zukunft, ohne das genaue Ziel zu kennen. Sein Metier ist die Zweckentfremdung, da ihm meist nicht unendliche Ressourcen zur Verfügung stehen, er ist also ständig damit beschäftigt, die gewöhnliche Verwendungsweise von Material und Werkzeug auch verlassen zu können. [3]

Diese Offenheit, Ressourcen anders und neu einzusetzen, drei Mal um die Ecke zu schauen statt nur ein Mal, das sind Kompetenzen, die gerade jetzt wichtig sind und immer wichtiger werden – auch in der Wirtschaft. Wenn Kunst und Kultur ihre Aufgabe darin sehen, Gesellschaft zu reflektieren, dann haben sie im Moment die Möglichkeit, sich etwas aufzubauen, mit dem sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn das Leben und Schaffen unserer Gesellschaft findet zu einem großen Teil in der Industrie und im Handel statt.

Kunst als Mitarbeiter in Unternehmen

In einem Unternehmen als Kulturproduzent aktiv zu werden (in Form von Intervention oder auch Mitarbeit), bedeutet die Möglichkeit einer enormen Lernarena für den Künstler – menschlich wie technisch. Gleichzeitig bringt der Kulturproduzent sein Wissen in das Unternehmen ein. Ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe. Ein echter Kompetenzaustausch also. Trägt eine kulturelle bzw. künstlerische Intervention wirklich den Status eines „Mitarbeiters mit besonderen Kompetenzen“ und nicht den eines anonymen „Dienstleisters“, werden firmeninterne Finanzierungsmodelle durchaus denkbar. Zum Beispiel durch die Integration in ein Schulungsprogramm oder als „Abteilung für Innovation und Entwicklung“, die wie Marketing, EDV und Personalbüro einen festen Platz im Unternehmen einnimmt.

Natürlich ist die entscheidende Frage, wie eine solche Kooperation oder Mitarbeit nun aussehen soll.

Wie so oft, bleibt eine Standardlösung aus. Einige Beispiele können aber genannt werden:

Bereits bekanntes bietet sicherlich der dm-Drogeriemarkt mit seinem Schulungsprogramm, das vor allem nach innen und nur nebenbei auch nach außen wirkt. Unternehmenstheater wird hier nicht eingekauft, sondern von den Mitarbeitern als Fortbildungsmaßnahme wahrgenommen. Zu nennen wäre aber auch der Künstler Paul Huf, der seit längerem in einer Unternehmensberatung angestellt ist – als Künstler, wohl bemerkt, nicht als klassischer Berater. Oder aber das Projekt „Menschen – Technik – Emotionen“, in dem Mitarbeiter einer Firma gemeinsam mit den Mitgliedern eines Kulturvereins die Produktionshallen fotografisch inszenierten und eine Ausstellung für die Einwohner der Stadt konzipierten. Hier wurde der Arbeitsplatz künstlerisch und vor allem persönlich reflektiert. Einige Beispiele bietet auch die Liste der Gewinner des Wettbewerbs der Kultur- und Kreativpiloten, die mit ihren Ideen genau das schaffen, was Tania Breyer, Beraterin im Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft, „das Gegenteil von Kultursponsoring“ [4] nennt. Darunter verstehe ich persönlich, sich selbst zu helfen mit schlauen Ideen.

Zu den Voraussetzungen

Ein wesentlicher Faktor muss beiden Seiten vorher bewusst sein: sie brauchen sich gegenseitig. Nicht als Geld- bzw. Imagegeber. Sondern für eine gemeinsame Sache. Die gemeinsame Sache kann sein, einen Mikrokosmos (wie bspw. ein Unternehmen) durch eine Idee zusammen weiterzuentwickeln. Dieses „Zusammen“ kann allerdings nur erreicht werden, wenn sich die Akteure als „Partner“ bezeichnen und sich als solche auch auf Augenhöhe begegnen und anerkennen. Warum sollte das einer mitmachen, wo er sich doch auch einfach einen Unternehmensberater einstellen könnte, um profitabler zu wirtschaften. Vielleicht macht er es ja genau deshalb, weil er gemerkt hat, dass Dinge komplexer sind. Dass bei all den oben genannten Problemen eben keine anonymen Berater helfen können. Dass sie verwurzelt sind. Und dass künstlerisches Denken ein Schlüssel sein kann, der interne Abläufe überdenkt und der externe Zusammenhänge überhaupt erst gestalten kann – und genau damit vielleicht die eigene Existenz zu sichern vermag (zum Beispiel im Wirkungskreis einer Kommune).

Der Weg dort hin

Ganz bewusst schreibe ich oben „Kunst und Kultur haben die Möglichkeit, sich so etwas aufzubauen […]“. Trotz vieler Kooperationen zwischen Kulturinstitutionen und Unternehmen, ist eine solche Form des Kompetenzaustauschs nicht gang und gäbe. Aber sie bietet ungeahnte Potentiale, die mit Kreativität und Verständnis für (manchmal auch fremde) Prozesse ausgeschöpft werden können. Wichtig ist vor allem der Aspekt der Gemeinsamkeit. Es soll nicht darum gehen, voneinander zu „profitieren“, sondern zusammen etwas zu entwickeln, das auf lange Sicht für alle Akteure einen Mehrwert schafft – sowohl finanziell als auch inhaltlich.

Mit Mut ins Getümmel

Die oben genannte Artikulation ist einer der Schlüsselbegriffe: Wer sich bewusst wird, was er mit seinem Werk, mit seiner Idee oder mit seinem Produkt zu bieten hat, der findet auch diejenigen, die sich dafür interessieren. Sieht er dabei nicht nur den klassischen Markt, sondern auch einen gesellschaftlichen oder systemrelevanten Aspekt, ist er von der Industrie oft gar nicht weit entfernt. Dazu gehört die richtige Verkaufsstrategie – keine Frage. Doch wer von seinem Gegenüber erwartet, sich auf die Sprache der Kunst und Kultur einzulassen, der sollte sich auch mit dessen Welt beschäftigen. Wahrscheinlich wird er feststellen, dass die Unterschiede gar nicht so gewaltig sind. Kreativität und künstlerisches Schaffen haben als Wissens- und Produktionsform Wesentliches zu bieten.

Mit Mut das Andere wagen

Auch für Unternehmen ist eine Öffnung hin zur Kultur als „Mitarbeiter“ noch Neuland. Doch die Auseinandersetzung mit und der Einsatz von Kultur im Unternehmen stellen laut Brigitte Biehl-Missal einen der großen Trends des 21. Jahrhunderts dar. Sie nennt ästhetische Kompetenz „eine Art Navigationsfähigkeit in der Wirtschaftswelt“ und formuliert weiter

„Mit einer ästhetisch kompetenten, verständnisvollen Haltung der Menschen in und außerhalb von Unternehmen kann Einfluss auf nicht nur ein ansprechenderes, „schöneres“, sondern partizipatives und nachhaltigeres Leben genommen werden. Nun ist es an Forschung und Praxis, besondere Ansprüche an den Einsatz von Kunst zu formulieren, um das Verhältnis mit noch mehr Energie und herausfordernden Ideen aufzuladen. Es geht jetzt darum, dass die Wirtschaft die Herausforderung der Kunst wirklich annimmt.“ (in: Brigitte Biehl-Missal: „Wirtschaftsästhetik: Wie Unternehmen die Kunst als Inspiration und Werkzeug nutzen“ S.178)

 

Mit Verantwortung Chancen ergreifen

Diese Art von Zusammenarbeit ist ein Ziel. Vielleicht auch eine Vision. Meiner Meinung nach ist sie aber eine absolute Notwendigkeit. Sowohl aus inhaltlicher als auch aus finanzieller Sicht. Der Appell geht an alle Akteure, die Gesellschaft formen und gestalten. Neben dem Erhalt des Kulturguts, dem Aufbau und der Unterstützung neuer Sparten, der Ermöglichung von Raum für künstlerisches Schaffen, dem Drang nach Innovation, geht es vor allen Dingen um eines: Verantwortung.

Kultur sowie die weitreichenden Effekte künstlerischen Schaffens können das Bindeglied zwischen allen Akteuren der Gesellschaft sein, die sich ihrer Verantwortung für diese bewusst sind und gemeinsam daran arbeiten, etwas zu verändern, diese zu formen und gestalten. Gerade in Zeiten eines Umbruchs und wenn Debatten aktiv geführt werden, kommt es zur Hinterfragung von Systemen. Kulturschaffende sollten diese Momente daher nicht verschwenden und jammernd auf ihre Daseinsberechtigung pochen, indem sie Akteure aus Politik und Wirtschaft auffordern Engagement zu zeigen. Sie sollten viel mehr frischen Mutes neue Ideen und Lösungen entwickeln und damit sowohl die Kultur- als auch die Wirtschaftslandschaft bereichern.

Über die Autorin

Elisabeth von Helldorff (*1983) hat in Hildesheim Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis und in Växjö (S) und Mérida (Mex) Violoncello studiert. Mit ihrem Team gewann sie 2010 den Gründerwettbewerb „Herausforderung Unternehmertum“ der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und der Heinz Nixdorf Stiftung und gründete daraufhin das Büro für Kulturprojekte „Schwarz+Weiss: Kultur | Wirtschaft | Kreative Allianzen“ mit Sitz in Leipzig.


  • [4] Dierks, Birthe, Ein Interview mit zweien, für die sich die Systeme längst entgrenzt haben. Tania Breyer und Frank Lemloh im Gespräch mit Birthe Dierks. In: Breitbach, Helldorff, Mittag, Trollmann (Hrsg.) (2011): Publikation zum Symposium Kulturpolitur – Kultur und Wirtschaft neu denken. Offizielle Veröffentlichung der Publikation 09/2011.
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Drei Konferenzen, auf denen ich dabei sein darf

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Neben vielen interessanten Seminaren und Workshops in Deutschland, Österreich und erstmals auch in Südtirol bin ich in der nächsten Zeit auch auf einigen Konferenzen dabei. Los geht es nächste Woche (28./29. Oktober) mit dem kulturinvest Kongress 2010 in Berlin, wo ich eingeladen wurde, das Forum Online- & Social Media Marketing zu moderieren. Mit Ulrike Schmid, Tim Ringel und Christian Reimann darf ich drei interessante Gäste zu diesem gerade sehr aktuellen Thema begrüßen. TimRingel ist Experte in Sachen Online-Marketing, betreibt ein eigenes Blog und hat 1999 die Firma metapeople gegründet, ein Unternehmen, das nicht überraschend Dienstleistungen im Bereich Online- und Social Media Marketing anbietet. Quasi als Vorbereitung auf den Freitagnachmittag können Sie schon mal den von metapeople herausgebrachten Report Social Media Marketing lesen. Vor allem die auf Seite 4 zu findende Grafik „Kategorisierung und Impact von Social Media finde ich interessant.

Ob Kultureinrichtungen diesen Impact nutzen können, diese Frage beantwortet Ulrike Schmid, Kommunikationsexpertin und vielen wahrscheinlich durch ihr Blog Kultur 2.0 und als Sprecherin der stARTconference bekannt. Sie wird ihre vor kurzem veröffentlichte Studie, in dem sie das Social Media-Engagement deutscher Museen und Orchester untersucht hat, vorstellen, die viele von Ihnen unter Umständen schon kennen.

Christian Reimann schließlich arbeitet bei der Firma Music Networx , die Sie vielleicht wegen ihres großen Angebots an Musik Streams bereits kennengelernt haben. Reimann geht der Frage nach, inwiefern solche Streaming-Angebote als Zukunftsmodell  für den darbenden Musikmarkt dienen können?

Ich werde aber bereits am Donnerstag in Berlin sein, denn natürlich interessieren mich auch die anderen Foren, in denen es beispielsweise um das Thema Kultursponsoring, Kundenbindung mit Hilfe des Internets oder innovative Kulturkommunikation geht.

„Auftakt Kulturpolitur. Kultur und Wirtschaft neu denken“ in Rendsburg

Am 18. und 19. November bin ich dann in Rendsburg beim Nordkolleg zu Gast, wo das Team von Schwarz+Weiss beim zweitägigen Symposium Auftakt Kulturpolitur neuen Formen der Zusammenarbeit von Kultur und Wirtschaft auf die Spur zu kommen hofft. In der Diskussionsrunde, zu der ich eingeladen worden bin, soll es genau um diese Formen der Zusammenarbeit gehen. Ich denke, Kunst und Kultur haben einiges zu bieten und so sollten Kultureinrichtungen ihren Partnern aus der Wirtschaft auf Augenhöhe begegnen.

Gespannt bin ich vor allem nach dem heutigen Treffpunkt KulturManagement auf den Vortrag von Elisabeth von Helldorff, der den schönen und provokanten Titel „Kultursponsoring ist tot“ trägt und sicher auf Widerspruch stoßen wird. Ob Kultursponsoring schon tot ist, weiß ich nicht, aber es wird sich zumindest weiterentwickeln müssen, sonst ist es in Bälde tot. Auf alle Fälle bieten die zwei Tage ein ganz spannendes und für den Kulturbereich ungewohntes Programm.

Taten.Drang.Kultur in Ludwigsburg

Im nächsten Jahr, nämlich am 10. und 11. Februar geht es dann nach Ludwigsburg, wo die StudentInnen des Instituts für Kulturmanagement den Kongress Taten.Drang.Kultur organisieren. Ich freue mich darauf, dort einen Vortrag zum Thema Kulturmarketing Online halten zu dürfen und bin gespannt, wie der Blick zurück auf 20 Jahre Kulturmanagement ausfällt und, was noch viel wichtiger ist, wie die nächsten 20 Jahre in der Vorausschau aussehen werden.

Auch hier gibt es bereits ein Programm, aus dem für mich der Vortrag von Pius Knüsel, Geschäftsführer der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, hervorsticht, weil er diesen bereits im Blog angekündigt hat und dabei den Kulturmanagern vorwirft, über die 1980er Jahre nicht hinausgekommen zu sein. Ich maße mir nicht an, die Kulturpolitik der Schweiz zu beurteilen, weil mir dazu das Wissen fehlt. Aber bezogen auf andere Länder würde ich mir wünschen, dass die Kulturpolitik bald in den 1980er Jahren angekommen ist. Hilmar Hoffmann wurde 1970 Kulturstadtrat in Frankfurt und wenn man mich nach Namen aus der Zeit danach fragt, dann fallen mir nicht viele ein. Langweilig wird es also nicht, ganz im Gegenteil. Aber das zeichnet eine gute Konferenz ja aus. ;-)

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Kunst und die Marktwirtschaft

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Die Frage, ob Kunst und Kultur Bestandteil unseres kapitalistischen Systems sind bzw. sein wollen oder ob sie außerhalb desselben stehen, wird schon ziemlich lange diskutiert. Macht es Sinn, Kunst nach ökonomischen Gesichtspunkten zu bewerten und wie können KünstlerInnen in unserer Marktwirtschaft finanziell überleben? Viele Fragen, wenige Antworten, so lässt sich die Diskussion zusammenfassen.

Einen ganz interessanten Zugang zu diesem Thema verspricht die Los Angeles Times. Sie hat Lewis Hyde interviewt, dessen vor 25 Jahren veröffentlichtes Buch „The Gift“ im letzten Herbst neu aufgelegt worden ist und Mitte Februar erstmals auch auf Deutsch erscheint.

“ The main assumption of the book is that certain spheres of life, which we care about, are not well organized by the marketplace. That includes artistic practice, which is what the book is mostly about…“,

heißt es eingangs des Artikels. Und weiter:

„This book is about the alternative economy of artistic practice. For most artists, the actual working life of art does not fit well into a market economy, and this book explains why and builds out on the alternative, which is to imagine the commerce of art to be well described by gift exchange.“

Das heißt, Hyde schreibt über ein alternatives Wirtschaftssystem für KünstlerInnen. Die Inspiration, aus der heraus Kunst entsteht und die Fähigkeit, das Werk zu vermarkten, stellen einen Widerspruch dar. Es gebe zwar durchaus Ausnahmen, so Hyde, aber

„Most of the fiction writers I know struggle to make a living from their writing and have to take second jobs. And for those people it’s important to remember that it’s not a failure on their part: It’s a structural problem that comes with the practice of art.“

Seit Beginn der 90er Jahre triumphiere der Markt, was dazu führe, dass Branchen, die auf Inspiration basieren (neben der Kunst nennt Hyde unter anderem auch Bildung und Gesundheit) ihre finanzielle Grundlage verloren hätten. Seitdem versuche man, diese Bereiche zu „privatisieren“.

Aber Kunst muss nicht am Markt kommerzialisiert werden, um wertvoll zu sein.

„It has a value of its own, and sticking to that value is going to bring a satisfaction that you can’t get elsewhere“,

so Hyde weiter.

Diesen, ich denke, man kann sagen, kunstphilosophischen Ansatz, finde ich sehr interessant. Auf der Suche nach weiteren Informationen darüber bin ich dann auf den fast drei Jahre alten Blogbeitrag „The Gift Economy“ von Dave Pollard gestoßen, der sich darin mit Hyde beschäftigt. Was können wir unter diesem Begriff verstehen? Anfangs dachte ich, dass er in Richtung Solidarische Ökonomie geht. Das tut er auch, aber er geht noch darüber hinaus, wie Pollard mit einem Zitat Hydes zeigt:

„I speak of the inner gift that we accept as the object of our labor, and the outer gift that has become a vehicle of culture. I am not concerned with gifts given in spite or fear, nor those gifts we accept out of servility or obligation; my concern is the gift we long for, the gift that, when it comes, speaks commandingly to the soul and irresistibly moves us.“

Es gilt zu unterscheiden zwischen dem „inner gift“ und dem „outer gift“. Während letzteres wohl der solidarischen Ökonomie verwandt ist, handelt es sich beim „inner gift“ um etwas anderes, das tief in der KünstlerIn steckt und sie inspiriert.

Zurück zu Pollards Beitrag, in dem die Unterschiede zwischen unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem und der „gift economy“ beschrieben werden.

„The present economic system is based upon exchange, giving in order to receive. The motivation is self-oriented since what is given returns under a different form to the giver to satisfy her or his need. The satisfaction of the need of the other person is a means to the satisfaction of one’s own need. Exchange requires identification of the things exchanged, as well as their measurement and an assertion of their equivalence to the satisfaction of the exchangers that neither is giving more than she or he is receiving. It therefore requires visibility, attracting attention even though it is done so often that the visibility is commonplace. Money enters the exchange, taking the place of products reflecting their quantitative evaluation,“

zitiert er Genevieve Vaughan. Ganz anders die „gift eceonomy“:

„In a ‚market‘ economy, says Hyde, the highest status belongs to those who have acquired the most. In a Gift Economy, the highest status belongs to those who have given the most. But what is most important, he says, is that the gift must always move,“

schreibt Pollard.

Eine interessante Theorie, die Lewis Hyde entwickelt hat und die mich neugierig auf sein Buch gemacht hat. Bei Amazon kann man sein Buch, das auf Deutsch den Titel Die Gabe trägt, bereits bestellen. Erscheinen wird es dann, wie gesagt, Mitte Februar. Ich bin auf alle Fälle sehr gespannt und habe es mir bereits bestellt.

Ich könnte mir vorstellen, dass es in der Diskussion um das Verhältnis zwischen Kunst und Wirtschaft einige Anregungen enthält. Übrigens: Lewis Hyde hat auch eine eigene Website.