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Crowdsourcing: Das Wissen der Masse anzapfen

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Wer schon mal die Millionenshow gesehen hat, kennt die Situation. Der Publikumsjoker kommt zum Einsatz, weil eine Kandidatin oder ein Kandidat die Frage nicht beantworten kann. Meistens beantwortet der größte Teil des Publikums die Frage richtig, im Unterschied etwa zum Telefonjoker. Hier kommt nur das Wissen einer einzelnen Person zum Einsatz. Und ob die die richtige Antwort weiß, ist sehr viel unsicherer.

Auf das Wissen der Masse setzen, das tun auch immer mehr Unternehmen. Ob IBM, BMW oder Procter & Gamble, sie alle vertrauen darauf, dass irgendwo auf der Welt jemand ihr Problem lösen kann. Das ganze nennt sich Crowdsourcing.

Bestimmte Aufgaben werden an Kunden oder Nutzer vergeben und somit in die Wertschöpfungskette eingebunden. Beispiele dafür gibt es viele. Wer sich bei Ikea einen Tisch kauft, muss diesen selbst zusammenbauen. In einem Beitrag der Financial Times Deutschland wird der Soziologe Günter Voß zitiert. Er rechnet vor, dass sich Ikea bei bisher 80 Mio. verkauften Billy-Regalen, einer Aufbauzeit von einer halben Stunde und Arbeitskosten von 25 Euro pro Stunde etwa 1 Mrd. Euro erspart hat.

Den Begriff Crowdsourcing hat Jeff Howe mit seinem im Wired Magazine erschienenen Beitrag „The Rise of Crowdsourcing“ geprägt. Seitdem beschäftigt er sich auf einem eigenen Blog mit diesem Thema.

Vor allem im deutschsprachigen Raum ist ein regelrechter Hype um „die Weisheit der Massen“ entstanden. Beiträge dazu gibt es in einigen Printmedien (z.B. ZEIT oder Spiegel Online), aber vor allem in der Blogosphere gab es jede Menge Artikel.

Die Meinungen über Crowdsourcing gehen auseinander. Im Spiegel-Online (SPON)-Artikel ist von einem „globalen Proletariat“ die Rede und das Handelskraft-Blog sieht dahinter den einfachen Gedanken

„der Auslagerung (engl.: Outsourcing) von Arbeit an eine Schar kostenloser oder gering bezahlter Amateure (engl.: Crowd), die bereitwillig Inhalte generiert, diverse Aufgaben und Probleme löst oder an Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt ist“. (Hier geht es zum Beitrag)

Für Hannes Treichl ist Crowdsourcing „eine Management-Einstellung und ein Bekenntnis zu kunden- und lösungsorientierten Produkten und Dienstleistungen“, schreibt er in seinem Beitrag „Marktchance Crowdsourcing.

Die Liste von Beiträgen ist mittlerweile sehr umfangreich. Neben den hier schon erwähnten Quellen lohnt sich auf alle Fälle noch ein Blick in das von Markus Pöhlmann gestartete Crowdsourcing-Blog „Crowdwisdom“.

Ob Crowdsourcing nun eine Entwicklung ist, die wir begrüßen oder kritisieren, lässt sich meiner Meinung nach so einfach nicht sagen. Ich denke, eine Bewertung hängt weniger vom Modell selbst als vielmehr von den Menschen, die mit diesem Modell arbeiten, ab.

Und es hängt natürlich davon ab, in welchem Kontext Crowdsourcing angewendet wird. Da ist z.B. Innocentive, ein amerikanisches Unternehmen, das sich als webbasierte Plattform versteht, die ForscherInnen und Firmen zusammenbringt. Firmen wie etwa Procter & Gamble versuchen über die Plattform Menschen zu finden, die für sie Probleme im Forschungs- und Entwicklungsbereich lösen. Schaffen sie das, winken ihnen im günstigen Fall ein paar zehntausend Dollar.

Ein Beispiel für Crowdsourcing sind aber auch die zahlreichen Fotoplattformen, auf denen man sich für „ein paar Cent“ Bilder inklusive Nutzungsrecht runterladen kann, z.B. iStockphoto.

Neben den monetären sind es für Markus Pöhlmann auch die immateriellen Anreize, die jemanden dazu bringen, sich an einem „Projekt“ zu beteiligen, wie er schreibt: „Die Beteiligung verschafft Ansehen in der Community, man profiliert sich als Experte oder die Mitarbeit erhöht die eigene Reputation. Ganz simpel kann auch die Freude an der eigentlichen Tätigkeit bzw. dem damit verbundenen sozialen Austausch der Grund der Mitarbeit sein.“

Wikipedia ist auf diese Weise entstanden. Für mich stellt sich aber die Frage, ob, und wenn ja, wie der Kunst- und Kulturbereich Crowdsourcing einsetzen kann? Etwa um einen Film zu finanzieren. „A Swarm of Angels“ nennt sich ein Projekt, dessen Macher sich vorgenommen haben, das Geld für die Produktion eines Films aufzutreiben. Ihren Weg dorthin sehen sie als spannendes Experiment:

„A Swarm of Angels is a third way between the top-down approach of traditional filmmaking and the bottom-up nature of user-generated content. A way for anyone to influence the creation of a professional £1 million+ ($1.8M+) feature film.

We are gathering 50,000 people in a giant new media experiment to be part of an exclusive community which funds and helps make this film. We want people to freely download, share and remix the feature film and all original media made for this project and have embraced the flexible digital-age copyright of Creative Commons toward this end.”

Aber auch das Bild des einsam schaffenden Künstlers kann dadurch ins Wanken geraten. Neue Formen der Zusammenarbeit können entwickelt werden, die durchaus auch potenzielle ZuschauerInnen miteinbezieht. Hartnäckig hält sich das Vorurteil, die Zuschauer würden keine Ahnung von Kunst haben und müssten deshalb quasi zu ihrem Glück gezwungen werden. Vielleicht lassen sich NutzerInnen und KundInnen (ZuschauerInnen) in die Entwicklung von Projekten miteinbeziehen. So wie bei „A Swarm of Angels“, wo diejenigen, die sich mit 25 englischen Pfund am Projekt beteiligen, nicht nur an der Entstehung des Films über Podcast, Blog, etc. „teilnehmen“ können, sondern auch in Entscheidungen eingebunden werden.

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