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Reale vs. virtuelle Welt

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Eigentlich wünschen wir uns das ja alle: wir schreiben einen Artikel oder Text und erhalten darauf Reaktionen oder lösen eine Diskussion über das Thema bzw. einzelne Aspekte aus. Weblogs bieten sich da – neben anderen Kommunikationskanälen – an, denn sie machen es uns leicht, ein Thema aufzugreifen und auf den Beitrag oder darauf folgende Diskussionsbeiträge einzugehen.

Sich zusammen mit anderen über ein Thema auszutauschen, andere Standpunkte kennen zu lernen und neue Einsichten zu gewinnen, sind ad hoc die Pluspunkte, die mir dazu einfallen. Karin Janner hat nun auf ihrem Blog die Frage gestellt, warum so wenige Theater diese Möglichkeit nutzen, mit anderen ins Gespräch zu kommen?

Wer sich ihren Beitrag und die zahlreichen Kommentare durchliest, erfährt eine Menge über den Theaterbereich. Im Kommentar Nr. 15 trifft Rochus Schneider vom Volxtheater eine ganz interessante Feststellung, wenn er schreibt:

„Erlebnisse im Internet (Du nennst Online-Spiele, Second Life) sind Erlebnisse aus Zweiter Hand. Sie können nie die Tiefe haben, wie eine direkte Kommunikation incl. Körpersprache etc. und vor allem ist es eine Scheinwelt, die uns Erlebnisse vorgaukeln, die künstlich erzeugt, aber nicht real sind. Fatal wird es, wenn Menschen (vor allem Kinder oder Jugendliche, die das Kommunizieren noch lernen) sich einbilden, daß die Erlebnisse ihrer Figuren real sind und sie sich darauf beschränken. So kann es dazu kommen, daß sie eine Kommunikation von Mensch zu Mensch mit all ihren Schwierigkeiten und Fallen nicht mehr führen können.“

Worin ich übereinstimme: Erlebnisse im Internet unterscheiden sich von direkter Kommunikation, in die noch Körpersprache, Mimik und Gestik einfließen. Fatal ist es, und auch da bin ich der gleichen Meinung, wenn Kinder nur noch die Kommunikation im Internet beherrschen. Ich würde diese Form der Kommunikation aber nicht als ein Erlebnis aus zweiter Hand bezeichnen. Es ist ein Erlebnis und ich nehme es auf eine bestimmte Art und Weise wahr, so wie ich einen bestimmten Inhalt als Buch oder als Film „erleben“ kann.

Burkhard Rosskothen, der mit einfallsreich.tv ein sehr spannendes Projekt betreibt, hat daraufhin (in Kommentar Nr.17 und in einem eigenen Blogeintrag) die Unterschiede zwischen der realen und der virtuellen Welt herausgearbeitet und bringt die Sache auf den Punkt, wenn er fordert, dass wir die unterschwellige Angst überwinden müssen, dass das Eine das Andere substituieren könnte.

„Das Internet will nicht erobern, es soll uns dienen, besser in Kontakt zu kommen – weltweit.“

Genau aus diesem Grund möchte ich mich eigentlich gerne von der Vorstellung verabschieden, dass wir es hier mit zwei Welten zu tun haben. Das Internet bietet uns verschiedene Möglichkeiten an, miteinander in Kontakt zu treten, uns auszutauschen und, so wir das wollen, dann irgendwann auch zu treffen.

Sollten wir uns nicht vom Gedanken verabschieden, dass das Internet eine eigene (virtuelle) Welt ist? Es ist doch eigentlich eher ein Kanal, über den wir miteinander kommunizieren können. Wäre das WWW eine eigene Welt, dann müssten wir konsequenterweise auch das Telefon als eine eigene virtuelle Welt betrachten, schließlich gilt auch hier, dass der direkte Kontakt fehlt und der Austausch auf meist digitalem Weg erfolgt. Angenommen, Sie telefonieren mit irgendjemandem. Wenn ich Sie nun fragen würde, ob Sie in einer anderen Welt gewesen sind und ob das nicht eine Kommunikation „aus zweiter Hand“ sei, um die Worte von Rochus Schneider zu verwenden, wie würden Sie reagieren? Wahrscheinlich würde ich ein Kopfschütteln ernten.

Das Telefon ist heute so in unsere tägliche (reale) Welt integriert, dass wir kein Wort darüber verlieren. Wir nützen es in bestimmten Situationen, wissen aber, dass es nur ein möglicher Kanal ist, um andere Menschen zu kontaktieren. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in meiner Schulzeit stundenlang mit einem Freund Schach per Telefon gespielt habe (damals wurde noch pro Gespräch und nicht pro Zeiteinheit abgerechnet). Das geschah aber nur, wenn wir uns nicht an einem Schachbrett gegenüber sitzen konnten.

Kein Mensch hat mir damals gesagt, dass das „schlechter“ sei, abgesehen von der Tatsache, dass ich stundenlang die einzige Leitung blockiert habe. Ich musste lernen, wann ich das Telefon nutze und wann nicht. Das ist, denke ich, mit dem Internet ähnlich. Mit anderen ein Online-Spiel zu spielen und diese Form der Kommunikation als die einzige anzusehen und andere Kanäle nicht nutzen zu können, führt in eine Sackgasse. Vielleicht schaffen wir aber die entsprechenden Voraussetzungen für den „sinnvollen“ Umgang mit dem Internet dadurch, dass wir nicht mehr vom Gegensatz der realen und der virtuellen Welt sprechen. Es ist genau eine Welt und in ihr stehen uns verschiedene Wege offen, mit anderen in Kontakt zu treten. Das Internet ist nur einer davon.

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  1. Ich denke auch, dass es ineinandergreifende Dimensionen sind und wir sie nur aus einem Einheitsgefühl heraus flexibel und spielerisch vor allem nutzen.

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  2. Der Vergleich mit dem Telefon hinkt insofern, daß es in dem beschriebenen Beispiel neben der Kommunikation per Telefon, die wirkliche Begegnung gibt. Diese erdet und stellt die Dinge wieder auf die Füße.
    Ich will das Internet nicht verteufeln. Man darf aber die Augen nicht davor verschließen, daß es mit der Medienkompetenz in unseren Breiten nicht weit her ist.
    Sicher, das Internet ist nur ein Instrument. Aber nicht ohne Gefahren. Ich würde mich auch unbehaglich dabei fühlen, wenn mein Kind alleine mit einem scharfen Messer spielt, auch wenn ein Messer ein wunderbares Werkzeug ist.

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  3. Ich telefoniere doch auch mit Menschen, denen ich in meinem ganzen Leben nicht wirklich begegne. Insofern verstehe ich den Unterschied nicht ganz. Und warum soll ich jemanden, den ich über das Internet kenne, nicht auch irgendwann treffen. Erst gestern hatte ich so ein nettes Erlebnis mit einem Blogger…

    Ob etwas mit Gefahren verbunden ist, hängt von uns ab. Vor einigen Jahren habe ich über einen Volksstamm gelesen, bei dem man die kleinen Kinder sehr wohl mit dem Messer spielen ließ. Es passierten auch nicht mehr oder wneiger Unfälle als bei uns. Leider habe ich keine Ahnung, wo ich das gelesen habe, aber gemerkt habe ich mir, dass es vor allem deshalb kein Problem war, weil die Mütter dort keine Angst hatten und ihren Kindern vertrauten. Aber die ganze Begründung bringe ich jetzt nicht mehr zusammen. Vielleicht kennt ja jemand das Beispiel und kann mehr dazu sagen?

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