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Fragezeichen, wenn es um Ziel- und Bedarfsgruppen im Kulturbereich geht
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Über Zielgruppe und Bedarfsgruppe

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Heißt Ihre Zielgruppe „alle“? Ich finde, das ist kein Fehler. Allerdings ist es schwierig, „alle“ anzusprechen und auf sich aufmerksam zu machen. Deshalb macht es Sinn, sich kleinere Gruppen herauszufischen und mit diesen in den Dialog zu treten. Aber wie machen sie das, wen wollen sie überhaupt erreichen? Anke von Heyl hat einen lesenswerten Beitrag zum Thema Besucherorientierung verfasst, in dem sie zeigt, wie man dafür die Persona-Methode nutzen kann. Ich möchte Ihren Blogbeitrag als Impuls nutzen, mich mit dem Zusammenspiel von Zielgruppe und Bedarfsgruppe zu beschäftigen.

So wie Anke arbeite ich gerne mit Persona, stelle mir aber immer häufiger die Frage, ob das reicht. Warum?

„Die Persona ist das Gesicht der jeweiligen Dialoggruppe, mit der man in Kontakt treten möchte“,

schreibt Anke in ihrem Beitrag. Damit haben wir die Adressaten unserer Marketingaktivitäten gefunden, wir könnten auch sagen, das ist unsere Zielgruppe. Aber interessieren sich nun all diejenigen, die Teil dieser Zielgruppe sind, für meine Inhalte? Nein, oder? Also ist noch nicht Schluss, wenn ich meine Zielgruppe kenne. Anke spricht von Besucherorientierung, das ist ja mehr als das Wissen über die Zielgruppe.

Besucherorientierung: Es geht um Bedürfnisse und Erwartungen

Bei der Suche nach einer Definition von Besucherorientierung habe ich schnell festgestellt, dass es die eine, die für alle und alles gilt, nicht gibt. Annette Noschka-Roos, Professorin für Museumspädagogik, spricht in ihrem Artikel „Besucherorientierung in Museen: Vielfalt als Prinzip“ von einem „weiten Feld mit je nach Museumsgattung unterschiedlichen Konturen“. Klar ist aber, es geht immer um die Erwartungen und Bedürfnisse derer, die man gerne als Nutzer*innen der eigenen Angebote sehen möchte.

Aber fangen wir von vorne an: Was ist eigentlich eine Zielgruppe?

„Unter einer Zielgruppe (engl. target audience) versteht man im Marketing eine bestimmte Menge von Marktteilnehmern, die auf kommunikationspolitische Maßnahmen homogener reagieren als der Gesamtmarkt“,

heißt es auf Wikipedia. Diese Menge an Marktteilnehmer*innen muss ich jetzt noch in irgendeiner Form eingrenzen. Meist geschieht das, man kann es auch auf Wikipedia nachlesen, mit Hilfe soziodemografischer Merkmale. Im Kulturbereich ist die Gruppe derer, die in der Stadt leben, über einen hohen Bildungsgrad und ein entsprechend überdurchschnittliches Einkommen verfügen, wohl am häufigsten anzutreffen.

Warum jemand kommt, wissen wir meist nicht

Bei vielen künstlerischen und kulturellen Veranstaltungen ist es auch genau diese Zielgruppe, aus der der Großteil des Publikums kommt. Man könnte jetzt sagen: Wunderbar, alles richtig gemacht. Meine Antwort darauf wäre ein: ja, aber.

Ja, weil wir damit in der Tat ein Segment unserer Gesellschaft beschrieben haben, das im Verhältnis zu anderen Gruppen überdurchschnittlich oft solche Veranstaltungen besucht. Mit „aber“ antworte ich, weil zwar weiß, wer etwa meine Veranstaltungen besucht. Aber die Gründe kenne ich nicht, ihre Erwartungen oder Bedürfnisse. Spätestens, wenn man auf Content Marketing setzt, wird das aber wichtig.

Bedarfsgruppe und Value Proposition Canvas

Für mich ist das der passende Moment, um die Bedarfsgruppe ins Spiel zu bringen. Eine Definition dazu zu finden ist gar nicht so einfach. Am besten gefällt mir diese hier:

“ Eine in der Bedarfsfor­schung aggregierte Gruppe von Wirtschaftssubjekten (potentiellen und aktuellen Abnehmern) mit ähnlicher oder gleichartiger Bedarfsstruktur.“

Quelle: Wirtschaftslexikon24.com

Viele von Ihnen werden das Value Proposition Canvas kennen (siehe dazu „Value Proposition Design“ von Alexander Osterwalder et al. (Affiliate Link)). Mit diesem Instrument lassen sich recht gut die Bedürfnisse der (potenziellen) Kund*innen mit dem eigenen Angebot abgleichen. Auf der einen Seite haben wir das Kundenprofil, auf der anderen Seite die Value Map, die unsere Angebote auflistet. Je größer die Übereinstimmung von Kundenprofil und Value Map ist, desto besser.

In meinen Augen ergänzen sich Ziel- und Bedarfsgruppe wunderbar. Mit dem Persona-Ansatz entwickle ich eine – im Idealfall -repräsentative Figur, die mir vor allem Aufschluss darüber gibt, wie Menschen, die sich in dieser Persona wiederfinden lassen, ticken. Ticken, weil ich mich natürlich auch mit deren Bedürfnissen und Erwartungen auseinandersetze. Aber ich lasse die außen vor, die nicht dieser Zielgruppe angehören, aber die gleichen Bedürfnisse und Erwartungen haben. Für die müsste ich jetzt eine neue fiktive Figur schaffen, was, wenn man weiterdenkt, dazu führt, dass wir recht schnell sehr viele Persona haben.

Die Zielgruppe ist vor allem für das Outbound Marketing wichtig

Was tun? Aus Kommunikationssicht macht es Sinn, mit der Zielgruppe zu beginnen. Vor allem, wenn es Ihnen darum geht, mehr und neue Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Möglichst große Reichweite, aber Streuverluste in Kauf nehmen, das ist das gute alte Outbound Marketing (Siehe dazu: „Der Unterschied zwischen Outbound- und Inbound-Marketing„). Oft verpönt und sogar schon totgesagt, hat es in meinen Augen sehr wohl eine Berechtigung. Gut zeigen lässt sich das anhand der Customer Journey:



Quelle: Nick Nijhuis (Wikimedia Commons) [CC BY-SA 4.0]

Gerade Kultureinrichtungen oder auch Künstler*innen, die eher unbekannt sind, müssen, denke ich, auf das Outbound Marketing setzen, wenn sie ihre Angebote sichtbar machen wollen. Die Suchmaschine ist ihnen da (noch) keine große Hilfe. Aber Google und Facebook mit ihren Angeboten, Werbung zu schalten.

Haben wir auf die richtige Zielgruppe gesetzt, ist uns zwar die Ansprache gelungen. Mehr aber noch nicht. Jetzt müssen wir in den nächsten Phasen Überzeugungsarbeit leisten. Wenn wir wissen, welche Erwartungen und Bedürfnisse jemanden antreiben, fällt es uns leichter, unser Angebot ins rechte Licht zu rücken und den richtigen Content zu produzieren.

Bedürfnisse und Erwartungen: Daten helfen nur bedingt

Aber wie finden wir heraus, welche Erwartungen und Bedürfnisse jemanden antreiben, ein bestimmtes Angebot zu nutzen? Was lässt uns ein Konzert oder eine Ausstellung besuchen oder ein Buch lesen? Gründe dafür gibt es natürlich viele, mit einer Theateraufführung sind also viele Erwartungen verbunden und werden viele Bedürfnisse gestillt.

Eine Möglichkeit besteht darin, mit Daten zu arbeiten. Was ist, wenn meine Persona gar keine von mir erfundene fiktive Figur darstellt, sondern auf Daten basiert, über die ich verfüge? Möglichkeiten, an diese Daten zu kommen, gibt es viele. Google Analytics, der Emailnewsletter, die Stammdaten des Abopublikums. Auch auf diese Weise kann ich eine Persona kreieren.

Stehen mir genügend Daten zur Verfügung, muss ich keine repräsentative Figur mehr schaffen. Christoph Kucklick spricht in seinem Buch „Die granulare Gesellschaft“ (Affiliate-Link) von einer „Differenz-Revolution“. Dank der Digitalisierung seien wir nun dazu in der Lage, die Welt neu zu vermessen. Früher waren Daten rar und so orientierten wir uns am Durchschnitt, schreibt Kucklick.

Wer zum Beispiel bestimmte Krankheitssymptome aufwies, wurde wie alle anderen behandelt. Erst wenn die Behandlung nicht anschlug, versuchte man an zusätzliche Informationen zu kommen. Neue Managementmodelle wurden auf alle Unternehmen übertragen. Das Erstaunen war groß, wenn der Ansatz keine Wirkung zeigte. Der Grund: Man orientierte sich immer am Durchschnitt, die Abweichungen konnte man erst im Nachhinein erkennen.

Clayton M. Christensen und die „Jobs-to-be-done“-Methode

Clayton M. Christensen ist davon nicht ganz überzeugt. In seinem Buch „Besser als der Zufall“ (Affiliate-Link) lehnt er das Sammeln von Daten nicht ab. Die Schwierigkeit sieht Christensen aber darin, die Daten richtig zu analysieren. Die Daten erklären zwar, dass etwas ist, aber nicht, warum etwas so ist, wie es ist. Korrelationen lassen sich so sichtbar machen, aber um ein Angebot erfolgreich unter die Menschen zu bringen, brauche ich Kausalzusammenhänge.

Um Kausalzusammenhänge zu entdecken, kommt es auf die richtige Frage an. Wenn es um Innovationen geht, glaubt Christensen die richtige Frage gefunden zu haben:

„Mit welcher Aufgabe haben Sie dieses Produkt beauftragt?“

Clayton M. Christensen: „Besser als der Zufall“ (Position 148)

Eine Aufgabe definiert Christensen als den Fortschritt, den ich mit Hilfe eines Produkts oder einer Dienstleistung machen möchte. Diese Aufgabe kann entweder auf der funktionalen, der sozialen, der emotionalen oder in der Verbindung dieser Dimensionen gestellt werden.

So kann ich zum Beispiel ins Theater gehen, weil mich ein bestimmtes Stück und das dahinter stehende Thema interessiert (funktionale Ebene). Vielleicht möchte ich aber auch nur gut unterhalten werden (emotionale Ebene) oder es ist wichtig, dass andere mitbekommen, dass ich mich für Theater interessiere (soziale Ebene). Zugegeben, das ist jetzt etwas platt. Aber so wird, denke ich, klar, was damit gemeint ist.

Sie sehen, es gibt etliche Möglichkeiten, sich ein Bild von denen zu machen, die man erreichen möchte. Wofür Sie sich entscheiden, hängt davon ab, um welches Produkt es sich handelt und ob klar ist, wen Sie mit welchen Bedürfnissen und Erwartungen erreichen möchten.

Zielgruppe und Persona sind vor allem in der Awarenessphase wichtig

Wenn wir die Customer Journey als Ausgangspunkt verwenden, dann sind Zielgruppen und Persona vor allem in der Awareness-Phase besonders wichtig. Sind Sie schon über diese Phase hinaus und haben Ihre Kanäle, über die Sie Menschen erreichen, dann hängt es jetzt davon ab, was Sie anbieten. Daten sind eine gute Grundlage, aber wie Christensen schreibt, hängt der Nutzen von der richtigen Auswertung der Daten ab. Korrelationen sind nur bedingt hilfreich, entscheidend sind Kausalitäten, also wenn-dann-Beziehungen.

Ob Sie sich für das Value Proposition Canvas oder die „Jobs-to-be-done“-Theorie von Christensen entscheiden, ist eigentlich gar nicht wichtig, denn im Grunde ähneln sich beide Absätze sehr stark. Beide gehen von den Bedürfnissen potenzieller Nachfrager*innen aus und fordern uns auf,d ie Frage nach dem „Warum“ zu stellen. Diese Aufgabe, mit der wir als Anbieter konfrontiert werden, hat in beiden Ansätzen drei verschiedene Ebenen: die funktionale, die soziale und die emotionale. Oft handelt es sich um vielschichtige Aufgaben, die zwei oder vielleicht sogar alle drei Ebenen umfassen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Zielgruppe und Bedarfsgruppe gut ergänzen, vor allem in Verbindung mit verschiedenen Persona. Wenn Sie so vorgehen, ist es übrigens viel leichter, neue Zielgruppen anzusprechen, weil Sie über Ihre schon vorhandenen Kund*innen / Besucher*innen sehr viel wissen und klare Vorstellungen haben, welche Fragen wichtig sind, um sich neue Kundensegmente zu erschließen.

Titelfoto von Emily Morter on Unsplash

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Digitale Transformation, Herausforderungen für den Kunst- und Kulturbereich

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Bild: Old Idea„; von Fran Parra Carrión (CC BY-SA 2.0) auf Flickr Eigentlich ist das, was wir derzeit rund um die Entwicklung der digitalen Technologien erleben, genau das, wovon Kulturbetriebe immer geschwärmt haben. Noch heute stehen viele derer, die voller Idealismus und inhaltlich getrieben im Kunst- und Kulturbereich arbeiten, Marketing und Werbung skeptisch bis ablehnend gegenüber. „Wir wollen unsere künstlerische Arbeit nicht bewerben, uns geht es um die Inhalte.“ Solche Aussagen gab es früher, solche Aussagen gibt es auch heute noch. Der Unterschied: Heute entsprechen sie den Entwicklungen, die wir derzeit erleben. Brian Solis spricht in diesem Zusammenhang von digitaler Transformation. In seinem Beitrag „2014 – The Embolden Years: Change agents lead the way for digital transformation“ stellt er seine Agenda für das gerade begonnene Jahr vor. Dabei geht es im besonders um die Weiterentwicklung des Social Business, ein Thema, mit dem er sich bereits im letzten Jahr intensiv beschäftigt hat. Während Social Media für Solis eher ein Ansatz ist, mit dessen Hilfe wir vom Broadcasting-Modell Abschied nehmen können,  siedelt er den Begriff Social Business auf einer Ebene an, auf der es um Werte, Haltungen und Weltanschauungen geht (Die wichtigsten Punkte seines dazu erschienenen eBooks habe ich in meinem Beitrag „Und es geht weiter: von Social Media zum Social Business“ zusammengefasst).

Social Business betrifft das ganze Unternehmen

Die Aktivitäten im Social Web sind für Solis nur der Teil eines großen Ganzen, wo die alles entscheidende Frage nicht mehr die nach der Zahl der Fans auf der Facebookseite ist, sondern die nach der Unternehmenskultur. Veränderungen stehen an und dass die nicht bei den PraktikantInnen, die für Social Media zuständig sind, ihren Ausgangspunkt nehmen können, dürfte uns allen klar sein. Wobei: Wir sollten den Beitrag nicht unterschätzen, den die Kommunikation im Social Web hierzu leistet. Allerdings geschieht das meist unbeabsichtigt. Noch. Aber keine Sorge, das ist kein Phänomen, das wir nur im Kunst- und Kulturbereich antreffen. Social Business, das heißt vereinfacht gesagt, die Aktivitäten im Social Web mit den Zielen eines Unternehmens und auch mit den Zielen einer Kultureinrichtung zu verbinden. Diese Entwicklung hin zum „social“ muss von oben erfolgen, also von den Führungskräften ausgehen.
„This is less about technology and more about how transparency, authenticity, internal and external engagement, et al are used to influence new vision, philosophies, strategies and supporting systems that build meaning relationships and experiences with customers, employees and stakeholders alike,“
schreibt Solis und macht damit deutlich, dass es um mehr geht als die Frage nach der richtigen Plattform. Gefragt sind neue Managementansätze, die über das im Kunst- und Kulturbereich noch immer als innovativ geltende „Management by Objectives“ hinausgehen. Aber nicht nur intern stehen Entwicklungen an, die an den Kulturbetrieben nicht spurlos vorüber gehen werden. Auch das Publikum, die KundInnen werden an Bedeutung gewinnen und mit dazu beitragen, dass Innovation stattfindet.

Customer Experience führt Marketing, Verkauf, Kundenservice und IT zusammen

Während in den USA Stiftungen immer wieder Studien in Auftrag geben, die versuchen, etwas über die NutzerInnen von Kunst und Kultur herauszufinden, wissen wir hier noch relativ wenig über diese Menschen. Auf welchen Wegen finden sie in die Ausstellungen, Konzerte oder kaufen Bücher und CDs? Wo lassen sich diese Menschen überhaupt ansprechen und für kulturelle Angebote gewinnen? Immer häufiger taucht in diesem Zusammenhang der Begriff der „Customer Journey“ auf, um herauszufinden, wie diese Wege eigentlich aussehen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Customer Experience (CX), ein weites Feld, das für Solis nicht mehr nur auf das Marketing beschränkt bleibt:
„New areas of expertise will also be necessary to support these new efforts ranging from experience architects to digital anthropologists to data scientists to cross media strategists.“
Welche Kultureinrichtung beschäftigt sich mit solchen Themen? Vermutlich noch keine, aber nachdem diese Entwicklung gerade erst begonnen hat, ist das (noch) kein Problem. Aber diese Herausforderungen komen auf den Kunst- und Kulturbereich zu, was bedeutet, dass wir uns schon mal anfreunden können mit Begriffen wie „journey mapping“, „experience architecture“ oder „digital anthropology“, um nur einige zu nennen, die Solis in seinem Artikel anspricht. Die Begriffe sind das eine, entscheidend sind aber Erkenntnis und Bereitschaft, sich auf diejenigen einzulassen, für die wir die Arbeit in den Kultureinrichtungen machen, die BesucherInnen, das Publikum. Und das ist genau das, was Kultureinrichtungen immer als ihr Anliegen genannt haben, wenn sie sich gegen Marketing und Werbung gewehrt haben. Jetzt ist die Chance da, mit ausgelöst durch die Entwicklungen im Technologiebereich.