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Kulturvermittlungs-Teams in Museen anstellen, ein Handbuch zeigt, wie es geht

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Vor einem knappen Jahr berichtete eine Kunstvermittlerin in einem Zeitungsartikel über die in ihren Augen fürchterlichen Arbeitsbedingungen im Bereich Kunst- und Kulturvermittlung. Dass die Bezahlung im Kunst- und Kulturbereich schlecht ist, wissen wir alle, viele wissen aus eigener Anschauung, was es heißt, prekären Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu sein. Entschuldigt wird das oft mit dem Argument, dass die Arbeit zwar schlecht bezahlt sei, dafür aber Spaß mache. Einerseits ist das eine lausige Begründung, denn schließlich gibt es eine Vielzahl von Jobs, die ebenfalls Spaß machen und darüber hinaus besser bezahlt sind. Andererseits stimmt es traurig, dass zwar viele Kultureinrichtungen vor enormen finanziellen Herausforderungen stehen, dabei aber keine Skrupel haben, diesen Druck nach unten  weiterzugeben. Dort sind oft die Kunst- und KulturvermittlerInnen anzutreffen, die sich als freie MitarbeiterInnen an mehreren Häusern verdingen, um das tägliche Leben finanzieren zu können.

Es ist etwas eigenartig, wenn man sich diesem Thema annähert. Renate Höllwart spricht in ihrem Artikel „Im Auftrag von … Kunstvermittlung – ein Beruf?“ von einer zunehmenden Professionalisierung und einer erkennbaren Aufwertung dieses Arbeitsfeldes. Die ist auch nötig, denn schließlich sind die Vermittlungsteams meist das Bindeglied zwischen den Kultureinrichtungen und seinen BesucherInnen. Wobei Bindeglied vielleicht nicht der passende Ausdruck ist, eigentlich sind sie die Visitenkarte des jeweiligen Hauses. Aber viele Kultureinrichtungen lassen sich nur zögernd darauf ein, obwohl sie sich einem erheblichen Innovationsdruck ausgesetzt sehen und ständig dabei sind, mit neuen Formaten neue Zielgruppen anzusprechen. Dafür gibt es natürlich mittlerweile auch die passenden Studiengänge, aber so ganz scheint das Thema noch nicht angekommen zu sein. Vielleicht ist es nur ein dummer Zufall, aber der Wikipedia-Eintrag zu diesem Thema ist mehr als dürftig, dabei gäbe es zu diesem Thema schon etwas mehr zu sagen, wie diese Publikation zeigt.

Im Technischen Museum in Wien hat man  die Bedeutung der Kulturvermittlung vor einigen Jahren erkannt und den Bereich stark ausgebaut. Das Besondere daran: Seit 2010 sind dort alle KulturvermittlerInnen fest angestellt. Worin die Vorteile einer festen Anstellung liegen, wie man dabei vorgeht und worauf man bei den daraus entstehenden Veränderungsprozessen achten muss, das erfährt man im Praxishandbuch Kulturfairmitteln (Affiliate Link), das von Wencke Maderbacher verfasst worden ist. Das Handbuch, das auch als eBook erhältlich ist, versteht sich einerseits als Anleitung für andere Häuser, zeigt aber auch, wie sich in einem solchen Haus Strukturen aufbauen lassen.

Der Personalentwicklungsplan: Neuland für viele Kultureinrichtungen

Apropos Strukturen: Personalentwicklung, das ist ein Thema, welches in Kultureinrichtungen bis jetzt sträflich vernachlässigt wird. Nicht nur Außenstehende scheinen zu glauben, dass man als MitarbeiterIn in einer Kultureinrichtung gerne für wenig Geld viel arbeitet, weil es einem ja Spaß macht. Auch in den Häusern selbst wird oft die Bedeutung von zufriedenen und motivierten MitarbeiterInnen unterschätzt. Maderbacher zeigt im dritten Teil dieses Buches – ja, ich fange von hinten an -, wie so ein Personalentwicklungsplan für das Vermittlungs-Team aussehen kann, denn letzten Endes geht es ja nicht nur darum, billige und willige Arbeitskräfte an der Hand zu haben, sondern diese langfristig an das Haus zu binden und – in diesem Fall – zu Kulturvermittlungs-ExpertInnen auszubilden.

Wer am technischen Museum als KulturvermittlerIn angestellt wird, durchläuft dem Personalentwicklungsplan folgend vier Phasen. Es beginnt mit einer internen Ausbildung, in der die KulturvermittlerIn die Ausstellungsbereiche und Programme, die Hauptzielgruppen des Hauses und die Vermittlungsmethoden kennenlernt. Natürlich ist es auch wichtig, mit den internen Abläufen des Hauses vertraut zu sein und AnsprechpartnerInnen in den anderen Abteilungen zu haben. Eine ganz wichtige Rolle spielt in dieser ersten, aber auch den folgenden Phasen das Thema Weiterbildung. Im Unterschied zu vielen anderen Kultureinrichtungen muss man sich Weiterbildungen nicht erst „verdienen“, sondern sie sind ein wichtiger Baustein, um die Qualität im Vermittlungsteam zu halten beziehungsweise auszubauen.

„Vermittlungs-Teams haben oft einen heterogenen Background. (…) Das bringt zum einen genau die richtige Spannung und Mischung für kreative Vermittlungsideen. Zum anderen können im Alltag vice versa einerseits Fachwissen, andererseits methodische Fertigkeiten im Team fehlen. Um hier gezielt gegenzusteuern, werden gezielte Schwerpunkt-Schulungen angesetzt…“, (Seite 86)

beschreibt die Autorin die Herangehensweise des Hauses. Diese Ausbildung dauert ein Jahr, dementsprechend ist auch die Anstellung auf ein Jahr befristet, um abzuklären, ob man zueinander passt. In dieser Zeit arbeiten die KulturvermittlerInnen 15 Stunden pro Woche, aufgeteilt sind sie in 80 Prozent Vermittlungen und 20 Prozent Bürotätigkeit.

In Phase 2 erhöht sich die Zahl der Arbeitsstunden auf 20 pro Woche, dazu kommen eine Lohnerhöhung und ein unbefristetes Anstellungsverhältnis. Auch in Sachen Weiterbildung geht es auf die nächste Stufe, unter anderem geht es um Methodenvielfalt, Moderationsfähigkeiten oder museumspädagogische Theorien. Ähnlich ist der Verlauf in den Phasen 3 und 4, die Inhalte werden immer spezieller, die Anzahl der Wochenarbeitsstunden steigt und alle KulturvermittlerInnen werden dabei unterstützt, sich weiteres Wissen anzueignen und mehr und mehr Verantwortung bei einzelnen Vermittlungsprojekten zu übernehmen.

Die Pläne im Handbuch sind sehr detailliert, zeigen aber auch, wie komplex diese Materie ist. Umso hilfreicher sind sie vermutlich, denn es ist viel leichter, einen eigenen Personalentwicklungsplan mit Hilfe einer Vorlage zu erstellen als bei Null beginnen zu müssen.

Strukturen schaffen als Voraussetzung für den Personalentwicklungsplan

Um so einen Plan entwickeln zu können, bedarf es aber einiger Vorbereitungen. Die kommen im zweiten Teil des Buches zur Sprache, in dem es um die Frage geht, wie sich die entsprechenden Strukturen für das Kulturvermittlungs-Team schaffen lassen. Ausgangspunkt im technischen Museum war der Wille, alle KulturvermittlerInnen anzustellen, was aus der Sicht der Autorin die größte Umstellung für das Haus war, denn

„diese neuen Rahmenbedingungen verändern die tägliche Zusammenarbeit der Abteilung und haben Auswirkungen auf die gesamte Kulturinstitution“. (Seite 18)

Was sich da konkret ändert, wird auf den folgenden Seiten sehr genau erklärt. Zum Beispiel gelten ganz andere (fixe) Arbeitszeitregelungen, die berücksichtigt werden müssen und das Erstellen des Dienstplans zur Herausforderung machen. Maderbacher erklärt Schritt für Schritt, wie man ausgehend von der Ist-Analyse zu einem Dienstplan kommt, der auch realistische Chancen hat, eingehalten zu werden und nicht schon zwei Tage später Makulatur ist. Häuser, die damit zu kämpfen haben, sollten mal einen Blick auf dieses Modell werfen. Ich denke, hier kann sich mancher etwas abschauen.

Viel gelernt habe ich beim Thema Steckbrief, der für jede KulturvermittlerIn angelegt wird (Beispiel Seite 29). Ohne das Wissen, wer im Team über welche Fähigkeiten verfügt, lässt sich die Arbeit in einem größeren Team (und Haus) wohl kaum organisieren. Ausgehend von den Basisdaten (seit wann im Haus beschäftigt, wöchentliche Arbeitszeit) und Informationen zur Ausbildung ist darin festgehalten, für welche Themenbereiche die KulturvermittlerIn Führungen anbietet, für welche Zielgruppen und in welchen Sprachen. Festgehalten werden außerdem in diesem Steckbrief die Beteiligung an bisherigen Projekten, Netzwerke, zu denen Kontakt besteht und besondere Interessen.

Verbindet man die Daten der einzelnen KulturvermittlerInnen, bekommt man einen sehr guten Überblick über den Status Quo der Abteilung und kann unter Umständen gleich Defizite erkennen. Wie ist das Geschlechterverhältnis, wie lange sind die MitarbeiterInnen schon im Haus, welche Inhalte werden abgedeckt, in welchen Sprachen können Führungen angeboten werden, all das sind Aspekte, die auf der strategischen oder der Managementebene eine wichtige Rolle spielen. So banal so ein Steckbrief wirken mag, er stellt Daten zur Verfügung, die nötig sind, um effizient arbeiten  und die Abteilung steuern zu können.

Fazit: Es wirkt sehr unscheinbar, dieses Praxishandbuch, aber es bietet unschätzbare Dienste auf mehreren Ebenen. Erstens unterstützt es Museen dabei, geeignete Strukturen zu entwickeln. Das hier vorgestellte Modell lässt sich auch auf andere Arbeitsbereiche übertragen. Zweitens zeigt es, wie die Häuser wertvolles Know-How entwickeln (und halten) können und drittens trägt es dazu bei, die Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich zu verbessern, indem es dafür sorgt, dass MitarbeiterInnen prekären Arbeitsverhältnissen entkommen. Auf den ersten Teil des Buches muss ich jetzt gar nicht mehr eingehen, denn ich glaube, es ist klar, dass alle von der Anstellung eines Vermittlungs-Teams profitieren, Museum, VermittlerInnen und auch BesucherInnen. Um diese Frage geht es nämlich zu Beginn des Buches.

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Storytelling: Nur eine einzige Geschichte ist viel zu wenig

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Storytelling sei der Gegenpol zur Einwegkommunikation, denn wer erzähle, spreche damit auch eine Einladung aus, sich zu beteiligen und mitzuerzählen, schreiben Karolina Frenzel, Michael Müller und Hermann Sottong in ihrem Buch Storytelling (Affiliate Link), denn „(w)er mit Geschichten kommuniziert, ‚öffnet‘ den kommunikativen und sozialen Raum ebenso wie den Raum des Denkens“ (S.5). Bei diesen Sätzen wird schnell klar, warum Storytelling so wichtig für die Kommunikation im Social Web ist. Dort wünschen wir uns nichts sehnlicher als mit den UserInnen ins Gespräch zu kommen beziehungsweise zu interagieren.

Storytelling als Lösung des Problems, dass wir nun zwar auf Facebook und anderen Netzwerken vertreten sind, aber Kommunikation und Interaktion nicht so funktionieren, wie wir uns das vorgestellt haben? Wie haben wir es uns denn überhaupt vorgestellt? Ich glaube, viele haben sich das noch gar nicht so genau überlegt, greifen aber das Thema Storytelling begierig auf, weil ihnen nun von allen Seiten eingeflüstert wird, dass man mit tollen Geschichten die UserInnen begeistern könne und die dann schon Produkte kaufen und Dinstleistungen in Anspruch nehmen würden.

Seitdem glaubt man in den sozialen Netzwerken den Rauch von Lagerfeuern förmlich riechen zu können. Fehlt nur noch die geeignete Geschichte. Das Portland Art Museum scheint so eine Geschichte gefunden zu haben, aber sie sieht ganz anders aus als wohl die meisten erwarten würden. Mike Murawski, Director of Education and Public Programs, erzählt sie in einem Blogpost über „Object Stories„, ein vor drei Jahren begonnenes Projekt. Murawski erzählt vom TED-Vortrag der nigerianischen Autorin Chimamanda Adichie, die darin vor der Gefahr einer einzelnen Geschichte warnt. Adichie berichtet darin unter anderem von ihren Erfahrungen, die sie während ihres Studiums in den USA gemacht hat. In einem Studentenwohnheim wurde sie von ihrer Zimmerkollegin ganz erstaunt gefragt, warum sie so gut Englisch könne und ob sie in der Lage sei, einen Herd zu bedienen? Der Grund: Die meisten von uns kennen nur eine einzige Geschichte dieses Kontinents.

„a single story of catastrophe. In this single story there was no possibility of Africans being similar to her in any way, no possibility of feelings more complex than pity, no possibility of a connection as human equals,“

wie Adichie es formuliert. Das heißt, eine einzelne Geschichte wird der Sache meistens nicht gerecht, sie simplifiziert und genau das war der Ausgangspunkt für das Portland Art Museum, als man sich dort, so Murawski, die Frage stellte, mit welchen Strategien man den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen könne und welche Beziehung man zum Publikum anstrebe?

User generated Content statt Berieselung

„Wir hinterfragten die Rolle unserer BesucherInnen, die wir ausschließlich als KonsumentInnen von Informationen sahen,“ blickt Murawski zurück und resümiert: „In doing so, we uncovered that both the Museum and the public needed a catalyst for active participation, personal reflection, and meaningful ways to rediscover works of art in the collection.“ So entstand „Object Stories“, ein Projekt, bei dem die BesucherInnen dazu eingeladen werden, die Geschichte von Gegenständen zu erzählen, die ihnen wichtig sind. Das Ziel sei es gewesen, „to demystify the Museum, making it more accessible, welcoming, and meaningful to a greater diversity of communities – while continuing to highlight the inherent relationship between people and things,“ fährt Murawski in seinem Blogpost fort. Fast 1.000 Storys wurden mittlerweile produziert, die BesucherInnen werden eingeladen, vor Ort in einem kleinen Aufnahmeraum ihre Geschichte zu erzählen.

Das Projekt habe aber nicht nur zu einem neuen Umgang mit den BesucherInnen geführt, auch die Organisationskultur habe sich verändert, gibt sich Murawski überzeugt.

„The internal process of developing and implementing Object Stories has encouraged the dissolution of long-established departmental silos, the growth of new partnerships with community organizations, and the confidence to experiment with a formative approach to programming that incorporates audience feedback,“

fasst er die Entwicklungen zusammen. Aber auch für die Menschen außerhalb des Museums habe sich etwas verändert, denn viele Menschen sehen das Museum nun als einen Ort, „that invites the voices and stories of its community and welcomes the public in this act of co-creating content“. Coca Cola hat diesen Ansatz mit seiner Content Strategie 2020 weiterentwickelt und setzt auch auf seiner Website konsequent auf user generated Content. Mit Lagerfeuerromantik und Geschichten von früher hat das alles wenig zu tun. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen, nicht nur im Kunst- und Kulturbereich.

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Macht das Internet Kulturvermittlung überflüssig?

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Wer ein Museum, aber auch andere Kultureinrichtungen in Anspruch nimmt, trifft dort häufig auf KulturvermittlerInnen, die als eine Art ÜbersetzerInnen tätig sind, heißt es auf Kulturvermittlung-Online:

„Ein Großteil der Vermittlungsansätze in den traditionellen Kulturinstitutionen arbeitet (oftmals nicht bewusst) mit der Idee der Übersetzung, der Erklärung des Sinns einer künstlerischen Produktion in einer „autorisierten“ Fassung, ausgehend von der Prämisse, dass sich Kunst ohne Vorwissen nicht erschließen lässt. Kulturvermittlung als „Kunstübersetzung“ basiert auf der Erkenntnis, dass Kunst nicht voraussetzungslos verständlich ist.“

Was aber ist mit der Kunst, die im Internet entsteht beziehungsweise dort präsentiert wird, fragt Christoph Deeg in seinem Beitrag „Vermittlung digitaler Kultur im Web2.0„:

„Wenn Kulturvermittlung bedeutet, Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Inhalten zusammen zu bringen, brauchen wir dann nicht Kulturvermittler, die dies auch ausschließlich mit dem Internet bzw. mit den Onlineinhalten tun? Oder können das die vorhandenen Institutionen leisten? Oder braucht die Community gar keine Kulturvermittler denn die vorhandenen Strukturen sorgen für eine – vielleicht sogar demokratischere – Verbreitung?“

Die Fragen sind berechtigt, alleine schon deshalb, weil es oftmals die Kultureinrichtungen sind, die die KulturvermittlerInnen beschäftigen und damit finanzieren. Wer kommt dafür auf, wenn Kunst nicht in einem Museum zu bewundern ist, sondern im Internet? Leisten sich in Zukunft KünstlerInnen die entsprechenden ExpertInnen, die dazu in der Lage sind, Kunst zu übersetzen oder zu erklären? Ob diese Mittlerrolle wirklich notwendig ist, mag jede/r für sich selbst beantworten. Das KünstlerInnen diese Übersetzungsarbeit selbst in die Hand nehmen, scheint unrealistisch, denn Übersetzen heißt auch Einordnen und das ist nicht Aufgabe derer, die ein Kunstwerk produzieren. Sie könnten höchstens für die Verbreitung der Kunstwerke sorgen, aber ist Kunst- und Kulturvermittlung nicht mehr als das? Ich denke schon und bin davon überzeugt, dass es ausgebildete ExpertInnen auch für die Kunst braucht, die keinen Platz in einer Kultureinrichtung gefunden hat.

Bleibt die Frage nach der Finanzierung, nach dem Geschäftsmodell, die derzeit nicht wirklich zu beantworten ist, denn realistische Modelle fehlen. Allein dieser Grund kann dazu führen, dass Kulturvermittlung zwar nicht überflüssig, aber trotzdem irgendwann einmal plötzlich verschwunden ist.

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Ein neues Blog zum Thema Kulturvermittlung

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Kulturvermittlung und Social Web, das scheint eigentlich gut zusammen zu passen, wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten uns die digitalen Technologien heute bescheren, mit Menschen in Kontakt zu treten und mit ihnen zu kommunizieren. Aber die Vorbehalte sind groß, immer wieder liest man von der Bedrohung, die den Kultureinrichtungen durch die Verlagerung der Kommunikation ins Netz droht.

Erst gestern habe ich einen Blogbeitrag gelesen, in dem die Frage gestellt wurde,

„wie (es) wäre, wenn alle Kunstwerke virtuell zu besichtigen wären?“

Die Antwort erfolgt postwendend:

„Wäre dies nicht schrecklich? Wo bleibt da die Atmosphäre, zuhause vor dem PC? Virtuelle Welten haben wir doch schon genug! Da ist ein Ausstellungsbesuch kein Event mehr. Die Kunst verschwindet aus dem räumlichen Umfeld und wird Teil der Informationsflut. Und schließlich ist die Betrachtung eines Abbilds niemals das gleiche wie der direkte Blick auf das Original.“

Eine ähnliche Sorge klingt auch bei Birgit Mandel, Professorin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, durch. Zusammen mit Christoph Deeg hat sie gerade das Blogprojekt zukunftkulturvermittlung gestartet und schreibt in ihrem Beitrag Funktionen von Kulturvermittlung im Web 2.0:

„Jahrzehntelang arbeiteten Kulturvermittler an der Mission, mehr Menschen mit Live-Kunstaufführungen, mit der Aura des Originals in Berührung zu bringen, mehr Menschen zu eigener sinnlicher Auseinandersetzung mit Kunst und künstlerischer Gestaltung zu animieren. Welche Ziele und welche Bedeutung kann die Kulturvermittlung im Zeitalter des Internets noch haben, wenn ein Großteil der Lebenszeit sich in virtuellen Räumen abspielt, die kaum mehr zu überschauen, geschweige denn zu steuern sind? Verlagert sie ihre Aktivitäten nun auch in diese Räume, spielt sie dort mit? Oder versucht sie, Menschen von den virtuellen Welten aus von der Attraktivität realer Kunst-Welten zu überzeugen?“

Diese Sorge ist, denke ich unbegründet, schließlich fürchten sich Kulturbetriebe ja auch nicht vor Filmen, die über Kunst berichten oder gar vor Büchern. Aber ich vermute, als damals Buch, Radio oder TV aufkamen, sahen auch viele das Ende von Kunst und Kultur unmittelbar bevorstehen. Eine Studie aus den USA, über die ich vor einiger Zeit bereits einen  Beitrag verfasst habe („Audience 2.0″: ersetzt der mediale Kunstgenuss das reale Kunsterlebnis?), zeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist. In „Audience 2.0: How Technology Influences Arts Participation“ kommen die AutorInnen eigentlich genau zu dem umgekehrten Schluss. Joe Frandoni formuliert es in einem Beitrag („Audience 2.0 – Condensed, Part I„) über die Studie so:

„Participation in the arts through electronic and digital media actually spurs participation in live arts performances and exhibitions.“

Jetzt wäre es im nächsten Schritt interessant herauszufinden, warum das so ist. Mit diesem Wissen wäre, und hier widerhole ich mich, für die Kultureinrichtungen viel gewonnen, denn sie hätten damit eine Art Schlüssel, wie sie die medialen bzw. digitalen Inhalte aufbereiten müssen, um die Menschen besser ansprechen bzw. für einen Besuch motivieren können.

Vielleicht lassen sich ja im Rahmen des Blogprojekts zukunftkulturvermittlung Antworten darauf finden? Für Kunst und Kultur wäre das vermutlich ein großer Gewinn.

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Forschungsplattform Kulturvermittlung

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Das Thema Kulturmanagement im weitesten Sinne ist im Internet noch sehr schwach vertreten. Ich kann mich zwar über die diversen Studienangebote informieren, aber eine inhaltliche Auseinandersetzung ist online kaum möglich, weil die meisten Texte nicht online zur Verfügung stehen.

So allmählich scheint sich das aber zu ändern. Nachdem in den letzten Wochen und Monaten immer wieder neue Blogs aufgetaucht sind, gibt es seit letzter Woche eine Online-Plattform, die sich dem Thema Kulturvermittlung verschrieben hat.

„Ziel der Website ist die Förderung und Vernetzung von Forschungsaktivitäten im interdisziplinären Feld der Kulturvermittlung. Kulturvermittlung umfasst dabei sowohl Vermittlung der Künste, Kulturelle Bildung wie auch kulturmanageriale und kulturpolitische Strategien, die sich mit dem Wechselverhältnis zwischen Kunst- und Kulturproduktion und –rezeption befassen“,

schreiben die beiden Initiatorinnen der Plattform Prof. Birgit Mandel und Vera Timmerberg vom Institut für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim. Erreicht werden soll dieses Ziel durch die Erfassung von Studien, die auf der Plattform auch online abgerufen werden können. Konkret geht es um die Themenbereiche kulturelle Bildung, Kunstvermittlung, Audience Development, Kulturnutzung und PR/Kulturmarketing.

Einige interessante Dokumente sind dort schon zu entdecken, aber ich bin mir sicher, es gibt noch jede Menge Diplomarbeiten, Studien, etc., die irgendwo einsam auf einem Computer vor sich hinschlummern und ganz gut auf diese Plattform passen würden. Deshalb heißt es auf der Website auch: Weitere Beiträge sind willkommen!

Mir gefällt die Idee, denn während es im angelsächischen Raum Studien ohne Ende gibt, ähnelt die Suche nach interessanten Arbeiten bei uns eher der nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Und dann geht es noch darum, diese Seite bekannt zu machen. Aber mit Hilfe von Social Bookmarking, Twitter, etc. sollte das kein Problem sein. ;-)

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Herausforderungen für die Kulturvermittlung

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Vor ein paar Tagen habe ich die Arbeit von Max Wintersteller vorgestellt, in der es um Kunstvermittlung in Museen ging. Passend zum Thema habe ich in der aktuellen Ausgabe von „Transfer“, der Zeitschrift für Kulturvermittlung von KulturKontakt Austria einen sehr lesenswerten Beitrag von Birgit Mandel, Professorin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, gefunden. In ihm beschäftigt sie sich mit den „Anforderungen an das Berufsfeld Kulturvermittlung“ und bietet darin einen sehr schönen Überblick über dessen Funktionen und Zielsetzungen.

Wenn ich mich an meine letzte Museumsführung erinnere, dann kann ich Mandel nur zustimmen, wenn sie schreibt:

„Ein Großteil der Vermittlungsansätze in den traditionellen Kulturinstitutionen arbeitet (oftmals nicht bewusst) mit der Idee der Übersetzung, der Erklärung des Sinns einer künstlerischen Produktion in einer autorisierten Fassung, ausgehend von dem Anspruch, dass sich Kunst ohne Vorwissen nicht erschließen lässt, oftmals auch davon ausgehend, dass es die eine „richtige“ Fassung der Entschlüsselung eines Kunstwerks gibt.“

Kulturvermittlung ist aber nicht nur als Kunstvermittlung zu verstehen, sondern kann auch dazu dienen, Menschen beim Erwerb kultureller Kompetenzen zu unterstützen. Dieser von Mandel als kulturpädagogisch beschriebene Ansatz wurde Anfang der 1970er Jahre noch erweitert, indem der Kulturvermittlung die Aufgabe zukam,

„Menschen in einer demokratischen Gesellschaft zu aktiv Mitgestaltenden zu machen“.

Seit dem Ende der 1980er Jahre bedeutete Kulturvermittlung, so Mandel, eher,

„Aufmerksamkeit, Interesse und Nachfrage für Kunst schaffen“,

wobei hier Formen von Marketing und PR an Bedeutung gewannen.

Und welche Ziele verfolgt die Kulturvermittlung heute? Mandel stellt fest, dass sie sich nicht auf die Kunstwertschätzung innerhalb der Kunstwelt beschränken dürfe:

„Ziele von Kulturvermittlung weisen deutlich über Kunst hinaus und bestehen etwa darin, Kommunikation und Gemeinschaft zu stiften, Lebensqualität zu erhöhen, Menschen zu ermutigen, neue Sichtweisen auf ihr Leben einzunehmen, sie zu stärken.“

Und nun kommt ein Satz, den ich für entscheidend halte:

„Gerade in ihrer Zweckfreiheit ist Kunst in einzigartiger Weise in der Lage, diese Prozesse zu stimulieren.“

Mandel ist der Überzeugung, dass Kunst und Kultur als wichtige gesellschaftliche Integrationsfaktoren anzusehen sind. Notwendig seien dafür aber auch neue Formen der Kulturvermittlung,

„die sich in besonderem Maße den Problemen der potenziellen Rezipienten zuwenden“.

Wenn dem so ist, dann bedeutet das in meinen Augen, dass erstens Kulturvermittlung und Kulturmanagement immer enger zusammenrücken bzw. die Schnittstellen zunehmen. Das heißt aber zweitens, dass hier auch die (Kultur)-Politik gefordert ist, entsprechende Ansätze zu unterstützen. Und zu finanzieren.