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Prekäre Perspektiven: das bm:ukk stellt die Vorträge einer Konferenz online

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Viel ist noch nicht passiert, seitdem das österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (bm:ukk) die Studie „zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich veröffentlicht hat. Für die Kunst- und Kulturpolitik lasse sich aus dieser Studie Handlungsbedarf ableiten, wurde Kulturministerin Claudia Schmied damals in einer Pressemeldung zitiert. Ende Juni fand in der Wiener Urania die Konferenz „Prekäre Perspektiven – zur sozialen Lage von Kreativen“ statt. Nun hat das Ministerium die Vorträge als PDF auf seiner Seite online gestellt. Man kann jetzt darüber streiten, ob der Handlungsbedarf nicht zu schnellerem Tun führen sollte. Aber es lohnt sich trotzdem, einen Blick in die PDFs zu werfen. Hervorheben möchte ich die Präsentation von Andreas Joh. Wiesand, der sich in seinem Vortrag mit dem sozialen Status und er Mobilität der Kulturberufe in Europa beschäftigte. Ach ja, das Konfuzius-Zitat am Ende passt sehr gut:
„Wer neu anfangen will, sollte es sofort tun, denn eine überwundene Schwierigkeit vermeidet hundert neue.“
Siehe dazu: „Kulturpolitik: wohin geht die Reise?“ Gefunden im Newsletter von Günther Wildner
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Die soziale und berufliche Situation von Künstlerinnen und Künstlern: ein Skandal

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Via Christian Holsts Kulturblog bin ich auf die NachDenkSeiten aufmerksam geworden, die sich in einem Artikel mit der sozialen Situation von Künstlerinnen und Künstlern beschäftigen. „Arm – aber frei?“ ist er überschrieben und zeichnet auf der Grundlage des Ende letzten Jahres erschienenen Abschlussberichts der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ ein düsteres Bild der wirtschaftlichen und sozialen Situation der deutschen Künstlerschaft. Viele dieser KünstlerInnen entscheiden sich für einen Weg, so Autor Wolfgang Lieb,
„der ihren Neigungen entspricht und ihnen die Realisierung eines gewissen Maßes an Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit erlaubt. Dafür sind sie offenbar auch „bereit“, auf Dauer mit (sehr) wenig Geld auszukommen.“
Lieb merkt an, dass es sich also gleichzeitig auch um LebenskünstlerInnen handeln müsse. Fast 800.000 Menschen sind heute künstlerisch tätig. Seit 1995 ist ihre Zahl um insgesamt 33 Prozent gewachsen, das sind durchschnittlich 3,6 Prozent pro Jahr. Und die meisten von ihnen sind hochqualifiziert:
„Die allermeisten Künstlerinnen und Künstler verfügen über einen Hochschulabschluss sowie spezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten, wozu auch ein „hohes Maß an Risikobereitschaft“ sowie „Zusatzkompetenzen wie Selbstvermarktungs- und Selbstorganisationsfähigkeiten“ gehören,“
stellt Lieb fest. In dem Abschlussbericht selbst heißt es auf Seite 290 außerdem:
„Neben dem traditionell hohen Anteil von Hochschulabsolventen ist Selbstständigkeit in Kulturberufen von einer zunehmenden Feminisierung gekennzeichnet. (…) Hieraus kann durchaus der Schluss gezogen werden, dass es vor allem Künstlerinnen sind, die in den öffentlich finanzierten Kulturbetrieben nicht mehr eingestellt werden. Das entspräche dem typischen Muster der Geschlechterverhältnisse in den Künsten und stütze die Annahme, dass Frauen insbesondere dort erwerbstätig seien, wo flexible Arbeits- und Lebensformen potenziell besser aufeinander abgestimmt werden können. Für diese Gruppe von Erwerbstätigen trifft dann allerdings auch zu, dass sie mehrheitlich nur über ein niedriges und überdies stark schwankendes Einkommen verfügen .“
Rund ein Drittel der 800.000 ist selbständig, Lieb vermutet, dass es sich oftmals um Scheinselbständigkeit handelt. 9.483 Euro beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen von Künstlerinnen, ihre männlichen Kollegen stehen mit 12.452 Euro etwas besser da. Liebs Fazit:
„Bedenkt man, über welche herausragenden Qualifikationen, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten diese Berufsgruppen verfügen und welchen Beitrag die meisten von ihnen in einer von der Dominanz ökonomischer Imperative geprägten Gesellschaft für die geistige und kulturelle Reproduktion der Menschen leistet, dann ist es ein Skandal, mit anzusehen, unter welchen materiellen Bedingungen viele von ihnen ihr Dasein fristen.“
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Interessant ist aber der Vergleich, den der Autor noch mit der Landwirtschaft zieht. Die Zahl der dort tätigen Landwirte entspreche in etwa der der Kulturschaffenden. Dank hervorragender Lobbyarbeit stehen die Landwirte finanziell aber wesentlich besser da. Nun stellt sich mir die Frage, warum es nicht möglich ist, dass sich der Kunst- und Kulturbereich entsprechend organisiert, um für die eigene Sache zu lobbyieren? Aber nachdem der Begriff als solcher schon ziemlich diskreditiert ist, ist man von solchen Ansätzen weit entfernt. Und wenn dann ein Versuch unternommen wird, scheitert er oder kommt nicht aus den Startlöchern heraus. Ein Beispiel: Dirk Heinze schildert im aktuellen Newsletter (update: hier ist er online zu lesen) von Kulturmanagement Network seinen Besuch des vom österreichischen Kulturrat veranstalteten Symposiums „State of the Art“ in Wien, bei dem es um die aktuelle Arbeits- und Berufssituation von KünstlerInnen ging. Obwohl es ihnen ja nun wirklich nicht besonders gut gehe, hätten lediglich 50 bis 60 Gäste an der Veranstaltung teilgenommen, wundert sich Heinze. Er vermisst die entsprechenden Plattformen, auf denen die KünstlerInnen beginnen, im Dialog die so dringend benötigten Konzepte zu entwickeln und konstatiert, dass in Wien eine erste Chance dafür vertan worden sei. Wenn es wirklich so ist, dass die KünstlerInnen VorreiterInnen in Sachen neue Arbeitsformen sind und damit eine gesellschaftliche Entwicklung vorwegnehmen, in der der soziale Zusammenhalt immer mehr abnimmt und das Individuum immer häufiger auf sich alleine gestellt ist, dann sollte die Gesellschaft diese Probleme ernst nehmen. Das entbindet aber den Kunst- und Kulturbereich nicht von seiner Pflicht, sich zu organisieren und Lobbying in eigener Sache zu betreiben. Denn ich glaube nicht, dass die Landwirtschaft so sehr viel wichtiger ist als der Kunst- und Kulturbereich. Oder sehe ich das falsch? Was muss man tun, um diesen Prozess in Gang zu bringen? Plattformen, Diskussionen? Das gibt es schon, mit den bekannten Fehlern. Wie könnte ein neuer Ansatz aussehen? Oder anders gefragt: wie lässt sich so etwas wie Solidarität entwickeln?