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Monetäres und symbolisches Kapital

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Wenn ein Opernstar wie Anna Netrebko eine Halle mit 5.000 BesucherInnen füllt, dann wird niemand auf die Idee kommen, eine solche Veranstaltung mit Geld aus der Staatskasse zu finanzieren. Ebenso selbstverständlich ist es, dass ein Haus, das z.B. Opern für Kinder inszeniert, öffentliche Mittel erhält. Wo aber verläuft aber die Grenze? Und nach welchen Kriterien geht man dabei vor? Oder ein anderes Beispiel: Musicaltheater 1 spielt „Cats“ und bekommt im Gegensatz zu Musicalthater 2, das auch „Cats“ spielt, keine öffentlichen Gelder. Warum ist das so und wie wird da auf Seiten der KulturpolitikerInnen argumentiert? Oder geschieht das, weil das schon immer schon so war? Universitäten werden als Unternehmen geführt Diese Fragen habe ich mir gestellt, als ich in der letzten ZEIT (Ausgabe Nr.40) einen Beitrag von Richard Münch, Professor für Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, gelesen habe. „Akademischer Kapitalismus“ ist er überschrieben und beschäftigt sich mit der Umwandlung von Universitäten in Unternehmen. Leider steht er nicht online zur Verfügung, daher erlaube ich mir, die wichtigsten Punkte zu zitieren. Münch spricht vom
„globalen Regime der Gedankenlosigkeit, das McKinsey & Co. errichtet haben“,
und unter dem es selbstverständlich geworden sei, dass auch Universitäten als Unternehmen geführt würden. Rektoren werden seiner Meinung nach zu CEOs, die ihre Professoren mit Hilfe von Kennzahlen dazu bringen, profitabel zu arbeiten. Die Konsequenz für Münch:
„Aus Forschern und Lehrern, die in eigener Verantwortung vor der wissenschaftlichen Gemeinschaft handeln und auf dem Fundament des akkumulierten Wissens das Neue und Überraschende suchen, werden durch ‚Konditionierung‘ Punktejäger gemacht.“
Das führt dazu, dass, so Münch, Forscher nicht mehr auf Erkenntnisgewinn aus sind, „sondern Universitätsunternehmen auf Kapitalakkumulation“. Darin erkennt er eine Zielverschiebung, denn
„die Verrechnungseinheit für wissenschaftliche Erfolge war der individuelle Forscher, von dem der Glanz auf die Institution ausstrahlte.“
In einem Universitätsunternehmen ist die Verrechungseinheit nicht mehr der einzelne Forscher, sondern das Unternehmen. Münch bezeichnet das als „akademischen Kapitalismus“, dessen Erfolg sich dadurch bemisst, dass möglichst viel monetäres Kapital“ angehäuft werden kann und zwar „in Gestalt von finanziellen Ressourcen“, die dann wieder dazu eingesetzt werden, um noch mehr monetäres Kapital zu erzeugen. Wer die Macht hat, schafft an Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Universitäten Einfluss auf die Definition der Erfolgskriterien nehmen und
„eine dominante, weithin sichtbare Position im Feld einnehmen, so dass sie andere Wettbewerber sowohl in den Wissenschaftsorganisationen, die über Erfolgskriterien ‚guter‘ Forschung entscheiden, als auch bei der Einwerbung von monetärem Kapital vom Markt verdrängen können“.
Hier kommt für Münch die Reputation ins Spiel, die für ihn das „symbolische Kapital“ darstellt und dazu dient, weiteres monetäres Kapital „anzulocken“. Münch schlussfolgert daraus:
„Im Erfolgsfall ergibt sich ein zirkulärer Prozess der Anhäufung von symbolischem und monetärem Kapital.“
Daraus entstehen dann die „Elite-Universitäten“, die sich Spitzenforscher einkaufen, um damit ihre Reputation zu steigern. Davon hängt dann auch die Höhe der Studiengebühren ab, je „elitärer“ die Universität, desto höher die Gebühr. Für Münch heißt das:
„Ein Bachelorabsolvent einer solchen Elite-Institution weiß zwar nicht mehr als ein Absolvent einer gewöhnlichen Institution. Er bezahlt ausschließlich für den Prestigewert eines exklusiven Klubgutes den hohen Preis – ohne dass ihm anschließend ein höheres berufliches Einkommen sicher ist, wie sich in den Vereinigten Staaten zeigt.“
Die Bildung von (Elite)-Allianzen führt dazu, dass Wissen, das außerhalb dieser Zirkel entsteht, kaum noch Chancen hat, wahrgenommen zu werden und damit natürlich auch nicht weiterentwickelt werden kann. Für Münch wirkt sich ein solches
„globales Oligopol lähmend auf die Evolution des Wissens aus“.
Es entsteht eine „wissenschaftliche Monokultur“. Das heißt für Münch, dass das Universitätsunternehmen nicht der Wissenschaft nützt, sondern nur sich selbst. Daher stellt sich Münch die Frage, ob Universitäten, die sich als Unternehmen begreifen, überhaupt noch öffentliche Gelder bekommen sollten, denn ein öffentliches Interesse könne seiner Meinung nach kaum noch reklamiert werden. Daher wäre es für ihn nur konsequent, wenn die Elite-Institutionen an Investoren verkauft würden und der Erlös in die „breite Förderung von Bildung und Wissenschaft“ fließen würde. Das kann aber nur funktionieren, wenn man den Elite-Universitäten die Möglichkeit gibt, Gelder von Privaten zu lukrieren. Für Münch heißt das,
„der Staat muss die Einkommenssteuersätze kräftig senken und die Gesellschaftspolitik weitgehend dem privaten Engagement der Bürger überlassen.“
Anfreunden kann sich Münch mit diesem Gedanken nicht, denn daraus würde seiner Überzeugung nach eine Gesellschaft entstehen, die auf öffentlicher Amut und privatem Reichtum aufbaut. So wie in Amerika eben. Auch im Kunst- und Kulturbereich werden monetäres und symbolisches Kapital angehäuft Soweit der sehr lesenswerte Artikel von Profesor Richard Münch. Ich habe mir nach dem Lesen die Frage gestellt, ob wir uns im Kunst- und Kulturbereich nicht in eine sehr ähnliche Richtung bewegen? Und witzigerweise habe ich den ZEIT-Artikel genau an dem Tag das erste Mal gelesen, als das neue Buch von Armin Klein mit dem Titel „Der exzellente Kulturbetrieb“ bei mir im Briefkasten lag (ich habe das Buch noch nicht gelesen, daher kann ich zum Inhalt noch nichts sagen). Geht es im Kunst- und Kulturbereich nicht auch darum, monetäres und symbolisches Kapital anzuhäufen? Und liest man nicht regelmäßig davon, dass sich große Museen, Theater oder Opernhäuser zusammengetan haben? Was heißt das für die kleinen Einrichtungen, die einen substantiellen Beitrag zur Entwicklung künstlerischen Wissens beitragen? Fallen sie auch einem „globalen Oligopol“ zum Opfer? Wie gehen KulturpolitikerInnen damit um? Ist es zielführend, wenn die „Elite-Institutionen“ mit öffentlichen Geldern bekannte Namen und damit symbolisches Kapital anhäufen; und dadurch der breiten Masse die Luft zum Atmen bzw. das Geld zum Überleben abnehmen? Insofern hat beispielsweise die EU den falschen Weg eingeschlagen, wenn sie immer häufiger immer größere Kunst- und Kulturprojekte fördert. Auch hier droht uns die Monokultur. Nun wäre es natürlich einfach, an diesem Punkt die PolitikerInnen in die Pflicht zu nehmen und von ihnen Lösungen zu verlangen. Was aber wollen wir eigentlich, die wir tagtäglich in diesem Bereich arbeiten? Fragen gibt es dazu wahrscheinlich viele, Antworten, vermute ich, eher weniger. Aber das ist nicht weiter tragisch, dazu gibt es Diskussionen. Nur: Die müssen geführt werden, und zwar jetzt.

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  1. Verschärfend dürfte hinzukommen, dass große Institutionen (mit viel „symbolischem“ und monetärem Kapital) beim Marketing (Budget und Personal) die Nase vorn haben und die kleinen Einrichtungen sehr leicht „übertönen“.

    Einen Verkauf an private Investoren halte ich aber für falsch: Der Fußball zeigt es uns nämlich. Dort dominieren in der Champions League eben nur jene privat finanzierten Clubs (teils im Besitz russischer Oligarchen), während „normale“ Vereine kaum eine Aufstiegschanche in diese Liga haben.

    Weder europäische Spitzenuniversitäten noch Kulturinstitutionen sollten privatisiert werden. Gewiss brauchen sie Spielraum und ebenso muss es (gesunden) Wettbewerb geben. Aber es bedarf auch der Einbettung in die jeweilige Gesamt-Landschaft, so dass das Gefüge nicht zu weit auseinander driftet.

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  2. Ich bin auch der Meinung, dass die völlige Privatisierung ein Unsinn ist. Nur führt die derzeitige Entwicklung dazu, dass wir uns in diese Richtung bewegen.

    Wohin diese Idee, z.B. öffentliche Einrichtungen als „Unternehmen“ zu sehen, führt, kann man gelegentlich auf EU-Ebene beobachten. Da befinde ich mich plötzlich in Konkurrenz mit öffentlichen Stellen, die eigentlich dazu da sind, mir Geld für meine Vorhaben zu geben. Und in Brüssel nehmen sie mir das Geld weg. Das ist absurd…

    Ich sehe es aber als Notwendigkeit an, sich Gedanken darüber zu machen, wohin die Reise gehen kann, welche Alternativen es gibt. Erst dann macht es in meinen Augen Sinn, sich für einen Weg zu entscheiden. Aber das dauert wohl noch etwas. ;-)

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