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Die soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunstund Kulturvermittler/innen in Österreich (2018)
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Die soziale Lage der Kunstschaffenden in Österreich (2018)

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Als 2008 der Rohbericht einer Studie veröffentlicht wurde, der die soziale Lebenssituation im österreichischen Kunst- und Kulturbereich analysierte, konstatierte ich: Die soziale Lage der KünstlerInnen in Österreich ist beschämend (Kurzfassung und Endbericht finden Sie in meinem Blogbeitrag Eine Studie beschreibt die soziale Lage der österreichischen KünstlerInnen). Zehn Jahre später ist ein Update erschienen, um die Frage zu beantworten, wie die Rahmenbedingungen im Kunst- und Kulturbereich denn heute aussehen. Endbericht und Kurzfassung der Studie über die „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittlerinnen und -vermittler in Österreich 2018“ stehen auf der Website des Bundeskanzleramts zum Download zur Verfügung.

Die (soziale) Lage vieler Kunstschaffender ist unverändert ernst

Vorweg: Ich bin wirklich froh und dankbar, dass es diese beiden Studien aus den Jahren 2008 und 2018 gibt. Sie liefern jede Menge Datenmaterial und bringen etliche interessante Ergebnisse hervor. Man könnte jetzt etwas flapsig konstatieren: Viel geändert hat sich nicht. Statistisch gesehen geht es nämlich denen, die heute im Kunst- und Kulturbereich arbeiten, im Vergleich zu 2008 weder signifikant schlechter noch besser. Das heißt aber auch:

„Der Anteil einkommensschwacher Personen ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mehr oder minder konstant geblieben und markiert damit wie bereits 2008 einen deutlich unterdurchschnittlichen Lebensstandard relativ vieler Kunstschaffender in Österreich.“

Petra Wetzel, Lisa Danzer, Veronika Ratzenböck, Anja Lungstraß, Günther Landsteiner: „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler/innen in Österreich 2018“ (Kurzfassung, Seite 9)

Wer arbeitet eigentlich im Kunst- und Kulturbereich?

Wer sind denn nun diese Kunst- bzw. Kulturschaffenden? Die Auswertung der insgesamt 1.757 Fragebögen zeigt ein recht interessantes Bild. Das Geschlechterverhältnis ist, wenn man den gesamten Kunst- und Kulturbereich betrachtet, fast ausgeglichen (Frauen 51%, Männer 48%, Inter/divers 1%). Allerdings gibt es zwischen den Kunstsparten recht große Unterschiede. Während Frauen die Bereiche Bildende und Darstellende Kunst mit 57,8% bzw. 58,2% dominieren, sind es in den Bereichen Film und Musik (50,8% und 67%) die Männer. Ganz eindeutig ist das Geschlechterverhältnis in der Kunst- und Kulturvermittlung: zwei Frauen stehen dort jeweils einem Mann gegenüber.

Wo finden Kunst und Kultur hauptsächlich statt? Schaut man sich an, welches die Wohnbundesländer der Antwortenden sind, dann steht da – nicht überraschend – an erster Stelle Wien (56,8%), gefolgt von Nieder- (10%) und Oberösterreich (9,5%). Zwei Drittel derer, die in Wien leben, sind nicht dort geboren. Das heißt, für viele Kunstschaffende ist Wien so attraktiv, dass sie irgendwann im Laufe der Ausbildung oder ihrer Karriere in die Bundeshauptstadt ziehen.

Insgesamt gesehen zeichnet sich der Kunst- und Kulturbereich nicht durch große Internationalität aus. 83,6% der Kunstschaffenden besitzen die österreichische Staatsbürgerschaft, 14% sind EU-Bürger und nur 2,4% besitzen einen Pass aus anderen Teilen der Welt. Dass von den EU-Bürgern 54,3% Deutschland als Geburtsland angegeben haben (auf den weiteren Plätzen folgen die Schweiz (5%) und Frankreich (3,7%)), passt in dieses Bild. Nichtsdestotrotz gaben mehr als 80% der Befragten an, über internationale Erfahrungen zu verfügen.

Zwei Dinge fallen noch auf: Erstens lebt knapp die Hälfte der Kunstschaffenden und VermittlerInnen ohne Partner oder Kinder. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind sie somit häufiger alleine. Zweitens verfügen 58% der Befragten über einen akademischen Abschluss und weisen damit ein höheres Ausbildungsniveau auf als die Gesamtbevölkerung.

Die wenigsten sind nur rein künstlerisch tätig

Die wenigsten Kunstschaffenden konnten 2008 von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben. Es überrascht wohl niemanden, dass das auch 2018 so ist. Dementsprechend haben viele noch einen anderen Job. 70% der Befragten gaben an, noch eine kunstnahe oder kunstferne Tätigkeit auszuüben. Im Musikbereich sind es meist kunstnahe Beschäftigungen, vermutlich, weil viele Musikerinnen und Musiker in Musikschulen oder privat Unterricht geben. Im Literaturbereich hingegen finden nur wenige eine kunstnahe Tätigkeit, was wohl daran liegt, dass es diese kunstnahen Jobs einfach nicht gibt.

Wer künstlerisch tätig ist, macht das meist als Selbständige oder Selbständiger. Während im Bereich der Darstellenden Kunst nur 50% angaben, ausschließlich auf selbständiger Basis künstlerisch tätig zu sein, waren es in der Literatursparte 94%. In der Kunst- und Kulturvermittlung waren nur 42% der Befragten ausschließlich selbständig. Leider fehlen hier die Vergleichszahlen von 2008, aber vermutlich nimmt die Zahl derer, die hier in einem fixen Beschäftigungsverhältnis stehen, langsam, aber sicher zu. Ein Drittel gab an, ausschließlich unselbständig tätig zu sein.

Von der künstlerischen Tätigkeit kann kaum jemand leben

Ich hatte ja schon geschrieben, dass auch aktuell (die Daten wurden 2017 erhoben) nur die wenigsten Künstlerinnen und Künstler von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben können. Die Hälfte der Befragten gab an, dass das daraus erzielte Einkommen bei ihnen unter 5.000 Euro netto liegt. Vor allem in den Bereichen Bildende Kunst (Medianwert: 3.500 Euro) und Literatur (Medianwert: 3.700 Euro) sieht es schlecht aus, während in der Filmsparte immerhin im Mittel 10.000 Euro pro Jahr verdient werden. Auf ähnliche Beträge wie in der Filmbranche kommen die Kunstvermittler und -vermittlerinnen, zeigt die Studie.

Da viele der Kunstschaffenden neben ihrer künstlerischen auch noch kunstnahe und/oder kunstferne Tätigkeiten ausüben, ist das persönliche Einkommen entsprechend höher. Bezieht man alle Tätigkeiten ein, liegt das persönliche Netto-Jahreseinkommen im Schnitt bei 14.000 Euro. Am niedrigsten ist das Einkommen mit 11.000 Euro im Bereich der Bildenden Kunst, während die in der Filmsparte und der Kunstvermittlung Tätigen durchschnittlich 17.000 Euro erreichen.

Interessant ist es, die Einkommenssituation im Kunst- und Kulturbereich mit der Gesamteinkommenssituation in Österreich zu vergleichen. Bei denen, die nur selbständig arbeiten, zeigen sich kaum Unterschiede zwischen den Kunstschaffenden und der Gesamtheit der Selbständigen. Die Einkommen der ausschließlich unselbständig Tätigen liegen bei den Kunstschaffenden rund 10% unter den Zahlen für die unselbständig Beschäftigten in Österreich. Auffällig ist, dass es aber große Unterschiede bei denen gibt, die sowohl selbständig als auch unselbständig arbeiten.

Während diese „Mischfälle“, wie sie in der Studie genannt werden, laut Einkommensjahresbericht 2016 über ein mittleres Jahresnettoeinkommen von rund 26.000 Euro verfügen, sind es bei den Kunstschaffenden nur 17.500 Euro. Bei dieser Diskrepanz der Zahlen muss man aber berücksichtigen, dass sie aus unterschiedlichen Jahren stammen. Der Jahreseinkommensbericht weist Zahlen aus dem Jahr 2015 aus, bei den Kunstschaffenden sind das Zahlen von 2017. Nichtsdestotrotz klafft da wohl eine Lücke, deren Ursache unbekannt ist.

Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Die Ergebnisse zeigen, so heißt es in der Studie, dass sich in den letzten zehn Jahren keine großen Veränderungen ergeben haben. Was damals wie heute auffällt: Nur eine Minderheit der Kunstschaffenden ist ausschließlich künstlerisch tätig. Aber so lautet eine der Schlussfolgerungen dieser Studie:

Markant bleibt ein Auseinanderdriften von ideellem Arbeitsschwerpunkt, welcher für die Mehrheit der Befragten in der Kunst liegt, und finanziellem Schwerpunkt, der oft in anderen kunstnahen oder kunstfernen Tätigkeitsfeldern verortet ist. Diese Kombination von unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern ist – heute wie vor zehn Jahren – die Realität im Arbeitsalltag vieler Kunstschaffender. Damit verbunden ist die Betroffenheit durch Mehrfachbeschäftigungen, im Sinne der Kombination von unselbstständigen und/oder selbstständigen Beschäftigungsverhältnissen im Verlauf eines Jahres, an welche sich eine durchaus komplexe sozialversicherungsrechtliche Situation mit häufig negativen Folgen für die soziale Absicherung anschließen kann.

Petra Wetzel, Lisa Danzer, Veronika Ratzenböck, Anja Lungstraß, Günther Landsteiner: „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler/innen in Österreich 2018“ (Endbericht, Seite 115)

Handlungsbedarf sehen die Autoren und Autorinnen unter anderem in folgenden Bereichen:

  • Soziale Absicherung: Hier stellt sich die Frage, so heißt es in der Studie, wo man ansetzen möchte. Entweder versucht man das bestehende System zu optimieren. Oder man ändert die „Sozialversicherungsarchitektur“.
  • Finanzielle Ressourcenausstattung: Wir können nicht davon ausgehen, so die Studie, dass öffentliche Förderungen die finanziellen Probleme der Kunstschaffenden lösen werden. Auch die private Finanzierung von Kunst und Kultur, zum Beispiel Crowdfunding oder Sponsoring, wird kaum in der Lage sein, die benötigten finanziellen Mittel bereitzustellen. Meiner Meinung nach kann einer der Lösungsansätze im Blick über den Tellerrand bestehen. Förderungen aus kunstfernen Bereichen und Kooperationen mit Unternehmen sind sicher nicht für alle, aber vielleicht für einige Kultureinrichtungen eine Lösung.
  • Arbeitsmarktpolitik: Wenn Menschen permanent zwischen selbst- und unselbständiger Tätigkeit wechseln, dann stimmt die Definition von Arbeitslosigkeit einfach nicht mehr. Interessant wäre es, die Weiterbildungsangebote nicht im Hinblick auf die Vermittlung in den Arbeitsmarkt zu sehen, sondern im Hinblick auf zukünftige Projekte. Nicht ohne Grund erkennt die Studie Handlungsbedarf in Sachen Aus- und Weiterbildung.

Fazit

Die beiden 2008 und 2018 durchgeführten Untersuchungen machen deutlich, wo die Probleme im Kunst- und Kulturbereich liegen. Sie zeigen aber auch, dass sich in diesen zehn Jahren nicht viel geändert hat, Kunstschaffende stehen immer noch vor den gleichen Herausforderungen wie vor zehn Jahren.

Und trotzdem hat sich in diesem Zeitraum viel getan, oft sind es nur Kleinigkeiten. Aber der Kunst- und Kulturbereich ist ein hochkomplexer Raum, in dem wir Zusammenhänge oft gar nicht erkennen. Deshalb sollte es eigentlich noch viel mehr Studien geben, die einerseits Datenmaterial über längere Zeiträume zur Verfügung stellen. Andererseits wären aber auch Studien hilfreich, die noch viel mehr in die Tiefe gehen und sich mit den Details beschäftigen. Ich schaue oft etwas neidisch in Richtung USA, denn dort gibt es jede Menge Studien und viel mehr Datenmaterial. Datenmaterial, das die Grundlage bildet, um – hoffentlich – prekäre Arbeitsverhältnisse im Kulturbereich zu verhindern.

Titelbild: analogicus (Pixabay)

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Treffpunkt KulturManagement: Vom Dorf 0.1 zum Dorf 2.0 oder Neue Pläne braucht das Land.

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Wo Wege länger werden, wo eine ausgedünnte Infrastruktur zu einer Behinderung des Daseins wird, müssen vordringlich zwei Aufgaben bewältigt werden: Die Sicherstellung der umfassenden Versorgung der Menschen im ländlichen Bereichen und die Reintegration der „verwaltungstechnisch-verlorenen” Bürger in eine Gesamtsozietät.

Das zart wachsende Pflänzchen im Kulturbereich – die Beschäftigung mit dem demographischen Wandel – wird in den nächsten beiden Jahrzehnten neue Umsetzungs- und Anwendungsfelder vor allem im ländlichen Bereich erschließen (müssen). Während städtische oder stadtnahe Bereiche aufgrund der Urbanisierung wachsen, leidet der ländliche Bereich unter Abwanderung insbesondere junger Menschen mit erheblichen Folgen für das Wirtschaftsleben und das Gemeinwesen. Für die Kulturarbeit bietet sich die Chance zur Entwicklung neuer Modelle für unternehmerische, finanzielle, arbeitsplatzrelevante sowie sozialintegrative Aspekte, um den Ansätzen, Entwicklungen und Herausforderungen des derzeitigen Denkens und Lebens zu begegnen.

Eine funktionierende Infrastruktur öffnet den Menschen vor Ort den Fächer an Angeboten, um Lebens- und Handlungswelten im ländlichen Raum durch Dienstleistungen und durch technische wie auch persönliche Assistenz attraktiv zu gestalten. Damit wird die Voraussetzung geschaffen, personalisierte und gemeinschaftliche Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben in ländlichen Räumen wieder zu ermöglichen, zu verbessern und zu etablieren.

Ein offenes, mitbestimmendes und selbstbestimmtes Zusammenleben ist eine wesentliche Voraussetzung für die Veränderung allgemein. Das gilt verstärkt für die Entwicklung und gelebte Umsetzung in der Community des „Dorf 2.0“, in der die Daseinsvorsorge sozial, wirtschaftlich und technisch unterstützt werden soll. Zusätzlich müssen Synergien gestärkt und genutzt werden, um das Gemeinwesen weiter zu fördern und neue Anreize zu setzen.

Die Entwicklung eines praxisbezogenen und übertragbaren innovativen Sets verschiedener Instrumente und Modelle zur Bewältigung des demographischen Wandels im Bereich der kulturellen Daseinsvorsorge im ländlichen Bereich erfordert neue Modelle in der Bereitstellung individueller und situativer Assistenzen. Am Beispiel eines momentan laufenden Projektes in einer ländlichen Modellregion werden Ideen, Ansprüche und bestehende Bedingungen vorgestellt und mögliche Entwicklungen  einer situativen Assistenz aufgezeigt.

Im 32. Treffpunkt Kulturmanagement spricht Ernst Karosser (Nittendorf bei Regensburg) über die Aspekte kultureller Teilhabe, mögliche Modelle für die Kulturentwicklung im ländlichen Raum und die Herausforderungen in der Umsetzung.

Über den Treffpunkt KulturManagement

Der Treffpunkt KulturManagement ist ein gemeinsames Onlineformat von Projektkompetenz.eu, Kulturmanagement Network und der stARTconference. Die Teilnahme ist kostenlos, die Installation einer Software nicht notwendig. Es ist zwar kein Nachteil, wenn Sie über eine Webcam und ein Headset verfügen, aber da die Adobe Connect-Plattform, die wir für diese Veranstaltung nutzen, über einen gut funktionierenden Chat verfügt, reicht es, am Mittwoch, den 20. Februar, um 16 Uhr (!) einfach diesen Link anzuklicken und dabei zu sein.

Wenn Sie sich über die bisherigen Veranstaltungen informieren wollen, können Sie das in unserem Treffpunkt KulturManagement-Wiki tun, dort finden Sie die Aufzeichnungen der bisherigen Online-Veranstaltungen. Der Treffpunkt KulturManagement ist darüber hinaus auch auf Facebook vertreten und wenn Sie schon vorab wissen wollen, wer alles am 20. Februar dabei sein wird, dann können Sie im bereits angelegten Event nachsehen und sich auch gleich selbst dort anmelden.

Hier noch einmal die wichtigsten Infos:

Treffpunkt KulturManagement
Termin: 20.02.2013 von 16:00 bis 17:00 (Achtung, geänderte Uhrzeit!)
Thema: Vom Dorf 0.1 zum Dorf 2.0 oder Neue Pläne braucht das Land.
Gast: Ernst Karosser

Zugang: http://proj.emea.acrobat.com/treffpunktkulturmanagement

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Zwischen Kulturinfarkt und Kulturvision

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fail better„; By All in One Training (CC BY-SA 2.0)

Ich weiß nicht, welche Erwartungen mit der Veröffentlichung des Kulturinfarkt seitens der vier Autoren verbunden waren und ob sie mit diesem Aufschrei und den teilweise ins Persönliche gehenden Beleidigungen gerechnet haben. Aber es scheint schon wieder Gras über die Sache zu wachsen und so tun wir mittlerweile alle das, was wir vor dem Erscheinen dieser „Polemik“ auch schon getan haben, wir arrangieren uns mit der Realität, die für viele Kultureinrichtungen aus finanzieller Sicht recht trostlos aussieht, so dass man sich fragen muss, warum die Aufregung so groß war. Schließlich sind viele dem Infarkt schon sehr nahe, allerdings hat ihnen, so denke ich, die Lösung, die die Autoren Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz vorgeschlagen haben, nicht wirklich gefallen.

Dass dabei alle auf ihren eigenen Vorteil schauen, ist nachvollziehbar. Zwar meint Thomas Trenkler das österreichische Kunst- und Kulturbudget, wenn er feststellt, dass die „Schere zwischen der Erhaltung der Infrastrukturen und der Förderung ‚lebender Kunst‘ (.) immer weiter auseinander (klafft)“. Aber ich denke, diese Feststellung lässt sich auch auf Deutschland übertragen. So kämpft also jeder für sich ums nackte Überleben und dabei geht das verloren, was in meinen Augen mit das wichtigste ist, wenn wir über das künstlerische Gestalten sprechen, die Vision.

Karlsdialoge #012 „Kulturinfarkt oder Kulturvision?“

In den vielen Repliken auf das Buch habe ich zwar oft gelesen, dass das, was die Autoren da vorschlagen, nicht geht. Niemand hat das aber an den Zielen, an den Visionen der eigenen Arbeit festgemacht. Über dieses Manko, die fehlenden Visionen in Kunst und Kultur, habe ich mich vor einigen Tagen mit Patrick Breitenbach im Rahmen der Karlsdialoge unterhalten. In der 12. Ausgabe dieser Podcastreihe haben wir uns „zwischen Kulturinfarkt und Kulturvision“ bewegt. Im Rückblick auf das Gespräch, für das ich mich bei Patrick Breitenbach sehr herzlich bedanken möchte, bleibt mir die Erkenntnis, dass die meisten Kultureinrichtungen ängstlich darauf bedacht sind, den Status Quo aufrecht zu erhalten, weil sie fürchten, sonst etwas zu verlieren. „Fail, fail again, fail better“, dieser Aufforderung Samuel Becketts möchte heute niemand (mehr) folgen, denn es könnte ja der letzte Fehler sein. Aber diese Angst lähmt und verhindert Innovation und auch Visionen.

Siehe dazu: „Deutschland: Kulturpolitik ohne Visionen

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Die Deutsche Oper am Rhein: rettungslos verloren?

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Extraschicht 2011 – Duisburg„; By Jens Pletsch (CC-Lizenz)

Während das Autorenteam des Kulturinfarkt nur im Konjunktiv darüber sprach, was denn wäre, wenn man der Hälfte der Kultureinrichtungen die finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand verweigern würde, sieht die Realität ganz anders aus. Der Stadt Duisburg fehlt das Geld, um die Opernehe mit Düsseldorf aufrecht zu erhalten. Zwar sind die 11 Mio. Euro, mit der Duisburg die Rheinoper unterstützt, als Schnäppchen zu bezeichnen, aber nachdem die Stadt in den nächsten zehn Jahren 80 Mio. Euro einsparen muss, wollen die Verantwortlichen auch Kunst und Kultur bei ihren Sparbemühungen nicht ausnehmen.

Grundsätzlich ist das nachvollziehbar, denn warum sollte ein Bereich gegenüber den anderen bevorzugt werden? Nur so ganz einfach ist es nicht, denn den meisten Kultureinrichtungen fehlt die finanzielle Manövriermasse. Die Personalkosten steigen regelmäßig, das Gesamtbudget muss aber gleich bleiben, da weder private Geldgeber noch die öffentliche Hand höhere Beträge bereitstellen wollen bzw. können. Das bedeutet, die Summen, mit denen „gearbeitet“ werden kann, schrumpfen und sind irgendwann ganz verschwunden. Ab diesem Zeitpunkt kann ein Kulturbetrieb zwar noch seine MitarbeiterInnen bezahlen, aber es ist kein Geld für Inszenierungen, Ausstellungen, etc. da. Das wäre dann der Moment, wo man eigentlich zusperren muss und immer häufiger geht es um genau diesen Punkt.

Um diesem Dilemma zu  entkommen, müsste man die Bedeutung von Kunst und Kultur hervorheben und herausarbeiten, warum diese bedien Bereiche von den Sparbemühungen auszunehmen sind. Wer als Fan von Kunst und Kultur gesehen hat, wie schnell öffentliches Geld in den Finanzsektor gepumpt werden kann, wird sich fragen, warum das nicht auch im Kunst- und Kulturbereich möglich ist, zumal es hier doch meist nur um ein paar Millionen geht?

Interessant ist die Begründung: Banken haben Geld bekommen, weil sie systemrelevant sind. Gleiches wird vom Kunst- und Kulturbereich behauptet, nur ist die Systemrelevanz wohl auf einer anderen Ebene angesiedelt. Wenn Kunst und Kultur gesellschaftsrelevant sind, dann muss das in der Gesellschaft auch akzeptiert werden. Das bedeutet nicht, dass diese Relevanz einmal beschlossen als unangreifbar gilt. Im Grunde genommen muss sie immer wieder neu ausverhandelt werden. Das heißt, es macht wenig Sinn, die für die Rheinoper benötigten Summen mit den Beträgen zu vergleichen, die in den Finanzsektor geflossen sind. Eigentlich geht es darum, die Relevanz von Kunst und Kultur herauszuarbeiten und einen gesellschaftlichen Konsens herbeizuführen.

Davon sind wir aber leider weit entfernt, glaube ich. Wenn ich mir in der ZEIT die Kommentare auf den Artikel „Verwahrloste Finanzen“ anschaue, dann wird da schnell deutlich, dass die Subventionierung von Kunst und Kultur von vielen vehement abgelehnt wird. Das ist das Recht von uns allen, erschreckend sind allerdings die Begründungen. Wenn es dort heißt, Oper sei „Bonzenkultur, da geht nur rein, wer einen Benz in der Garage hat“, dann stellt sich mir die Frage, ob diejenigen, die an die Systemrelevanz von Kunst und Kultur glauben, in der Vergangenheit nicht den Fehler begangen haben, die richtige Argumentation dafür zu finden.

Wenn in der Facebookgruppe „Für den Erhalt der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg“ Kritikern entgegnet wird:

„Nimm dir einfach mal ein Buch über Musikgeschichte und lies es, dann wirst du darauf kommen, dass es nicht von ungefähr kommt, dass es in Deutschland so eine vielfältige Orchesterlandschaft gibt und dass wir weltweit dafür bewundert werden und als Nation große Anerkennung bekommen“,

dann spricht daraus eine Haltung, die ich als arrogant und überheblich bezeichnen würde. Auf der Ebene könnte ich dem Verfasser obiger Zeilen raten, doch mal ein Buch über die Geschichte der Menschheit in die Hand zu nehmen, um zu erkennen, dass alles vergänglich sei, auch ein Opernhaus.

Ich finde es gut, dass es eine Online-Petition zur Rettung der Deutschen Oper gibt. Aber das ist nicht genug. Wenn es uns nicht gelingt, die KritikerInnen von Kunst und Kultur ernst zu nehmen, uns wirklich mit ihnen auseinander zu setzen und Argumente zu finden, die für den Erhalt von Theatern, Museen und Opernhäusern sprechen, dann wird es sie vermutlich bald nicht mehr geben. Und es ist unsere Schuld, denn jemand als Deppen zu bezeichnen, weil er meine Ansicht nicht teilt, war noch nie eine Strategie, die zum Erfolg geführt hat.

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Deutschland: Kulturpolitik ohne Visionen

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Sasquatch main stage and the gorge„; By Jess Sloss (CC-Lizenz)

Jimi Hendrix, Ray Charles und auch Kurt Cobain wurden in Seattle geboren, der Stadt, die am Pazifik liegt und sich selbst als Musikstadt bezeichnet. Die Bezeichnung ist berechtigt, denn die Musikindustrie spielt mit einem Umsatz von 1,2 Mrd USD und 20.000 durch sie entstandenen Arbeitsplätzen eine wichtige Rolle. Eine 2008 veröffentlichte Studie zeigt darüber hinaus, wie breit die Branche aufgestellt ist und welch interessante Kooperationen in den letzten Jahren entstanden sind.

Arnaudville hingegen ist ein kleiner Ort im US-Bundesstaat Louisiana, über den es eigentlich nichts zu berichten gibt. Laut Wikipedia hatte dieser kleine Flecken vor zwölf Jahren knapp 1.400 Einwohner, heute sind es ca. 100 mehr. Dieser für den Ort beachtliche Bevölkerungszuwachs hat auch mit dem Künstler George Marks zu tun, der 2005 eine alte verlassene Autowerkstatt zum Ausgangspunkt seiner Aktivitäten machte und Arnaudville zu einem ländlichen Zentrum kultureller Aktivitäten machte.

Seattle und Arnaudville ist gemeinsam, dass sie für ihre Aktivitäten Geld aus den Fördertöpfen des National Endowment  for the Arts (NEA) erhalten haben. „Our Town“ nennt sich ein Programm, hinter dem der Grundgedanke des Creative Placemaking steht. Was sich hinter diesem Begriff versteckt, erklären Ann Markusen und Anne Gadwa in ihrem gleichnamigen Whitepaper, in dem noch weitere Projektbeispiele beschrieben werden. In dem bereits 2010 erschienenen Bericht bezeichnen die beiden Autorinnen Creative Placemaking als einen Prozess, in dem

„partners from public, private, non-profit, and community sectors strategically shape the physical and social character of a neighborhood, town, city, or region around arts and cultural activities.“ (S.3)

Das Grundprinzip ist schnell erklärt:

„Creative placemaking animates public and private spaces, rejuvenates structures and streetscapes, improves local business viability and public safety, and brings diverse people together to celebrate, inspire, and be inspired.“ (S.3)

Ausgangspunkt ist die Krise und die erleben wir in Deutschland derzeit auch. Und um die zu lösen haben Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz ein Buch geschrieben, das in der nächsten Woche erscheinen und für Aufregung sorgen wird, wie der Spiegel prophezeit. In „Der Kulturinfarkt“ stellen die vier Autoren das derzeitige Fördersystem in Frage und provozieren mit der Idee, den etablierten Institutionen einen großen Teil ihrer Fördermittel wegzunehmen und für innovative Entwicklungen abseits der Hochkultur einzusetzen. Finanzierungsbedarf orten die Autoren in den Bereichen

  • der öffentlichen Kulturinfrastruktur,
  • der Laienkultur,
  • der (noch nicht existierenden) Kulturindustrie,
  • der Hochschulen für Kunst, Musik und Design und
  • der gegenwartsbezogenen kulturellen Bildung.

Das heißt, man nimmt den „Großen“ etwas weg, damit die „Kleinen“ etwas bekommen können. Eine nette, allerdings vermutlich auch unrealistische Idee: es wird nicht „die Hälfte“ der öffentlichen Förderungen eingespart, sondern lediglich umverteilt. Nach welchen Regeln dieser Verteilungswettbewerb ausgefochten werden soll, lassen die Autoren allerdings offen, schließlich verstehen sie ihr Buch (und den Spiegel-Artikel) nur als Provokation und Anlass für die Debatte über eine zukünftige Kulturpolitik. Ob wir anlässlich dieses Buches jemals über die Frage diskutieren werden, unter welchen Voraussetzungen Innovation im Kunst- und Kulturbereich entstehen kann, darf bezweifelt werden, die Kritiker haben bereits Stellung bezogen, so etwa der Deutsche Kulturrat, der sich in einer Stellungnahme „irritiert“ zeigt und die Frage stellt, von welcher Realität da die Rede sein solle. Oder Max Hollein, der den Autoren Populismus vorwirft und der Ansicht ist, dass die Thesen extrem pauschal und nicht durch Zahlen belegbar seien.

Eine Diskussion wird so wohl nicht entstehen und wenn, diskutieren wir vermutlich nur die Frage, ob es wirklich sinnvoll sei, den etablierten Kultureinrichtungen die Hälfte ihrer Förderungen wegzunehmen? Aber ist das wirklich die Frage? Ich bin, ehrlich gesagt, von dem Spiegel-Artikel enttäuscht. Zwar heißt es immer wieder, es gehe gar nicht so sehr ums Geld, aber auch Stephan Opitz landet in einem Deutschlandradio-Interview recht schnell wieder bei diesem Thema.

Statt nur über die verkrusteten Strukturen und den Änderungsbedarf zu schreiben, hätte ich mir ein paar Anhaltspunkte erwartet, wohin die Reise gehen kann. Ich hätte mir erwartet, dass mögliche Ziele formuliert und zur Diskussion gestellt werden. Unter diesen Voraussetzungen bin ich dann recht schnell wieder bei Ann Markusen und Anne Gadwa gelandet, die in ihrem Bericht einen in meinen Augen sinnvollen Bottom-up-Ansatz verfolgen, denn

„Instead of a single arts center or a cluster of large arts and cultural institutions, contemporary creative placemaking envisions a more decentralized portfolio of spaces acting as creative crucibles.“

Wie lässt sich dieser Ansatz umsetzen? Neil Takemoto nennt in seiner Zusammenfassung des Berichts sechs Komponenten:

  • „Creative Initiator – Finding that one person or small team that starts it all.
  • Designing Around Distinctiveness – Build on existing expertise and characteristics of place.
  • Mobilizing [Government Will] – If your city government isn’t supportive, good luck.
  • Garnering Private Sector Support – If no one’s looking to invest in it, good luck.
  • Securing Arts Community Engagement – This is more than working with arts leaders, this is about crowdsourcing the time and investment of thousands of its patrons.
  • Building Partnerships – Figuring out a way for all of the above to work together.“

Wo sind unsere InitiatorInnen? Wer kann bei uns diese Veränderung auslösen? Wo ist die Kulturpolitik, deren Aufgabe es eigentlich wäre, solche Entwicklungen zu initiieren?

Peter Linett stellt in seinem Blogpost „As the arts conversation shifts to ‚creative placemaking‘, will large institutions still count?“ fest, dass in den USA in den letzten Jahren vermehrt neue Förderprogramme aufgetaucht sind, in denen Kunst nicht mehr um ihrer selbst Willen gefördert werde, sondern eher als Mittel zum Zweck diene, um zivilgesellschaftliche, ökonomische Probleme oder solche im Bildungsbereich zu lösen. Solche Ansätze wünsche ich mir auch für den deutschsprachigen Raum. Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz haben da eine große Chance vertan, denn der Ansatz des „Creative Placemaking“ verlangt gerade von den großen Kultureinrichtungen ein hohes Maß an Veränderung. Veränderung, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen ist aber, so denke ich, allemal attraktiver als der aus der (finanziellen) Not heraus entstehende Druck, sich verändern zu müssen.

Neil Takemoto spricht davon, dass der Erfolg auch von der Fähigkeit abhängt, Verbündete zu gewinnen. Wenn ich mir die Scharmützel im Vorfeld der Veröffentlichung des Buches anschaue, kann ich nur schwer glauben, dass das gelingen wird. Aber ich lasse mich gerne überraschen.

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Crowdfunding, ein demokratiepolitisch bedenkliches Finanzierungsinstrument?

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Dass Crowdfunding derzeit boomt, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Die in den letzten Monaten entstandenen Plattformen lassen eine Art Goldgräberstimmung entstehen, die viele auf die Idee bringt, das für die Realisierung des eigenen Vorhabens fehlende Geld auf diese Weise zu beschaffen. Die im letzten Jahr auf Kickstarter eingesammelten 100 Mio. $, in den Medien oft und gerne erwähnte Projekte wie „Stromberg“ oder „Hotel Desire“ und eine oftmals fast euphorische Berichterstattung lassen den Eindruck entstehen, auf diesen Plattformen liege das Geld und warte nur darauf abgeholt zu werden.

Da ist es hilfreich, wenn sich auch ein paar Stimmen zu Wort melden, die sich kritisch mit dem Thema Crowdfunding auseinandersetzen, so wie dies Elisabeth Mayerhofer und Monika Mokre in einem in der Tageszeitung „Der Standard“ veröffentlichten Artikel getan haben, der den schlichten Titel „Crowdfunding“ trägt. Darin hinterfragen die beiden Autorinnen das „Erfolgsmodell“ und melden vor allem demokratiepolitische Bedenken an. Aufhänger ist für die beiden Autorinnen das Pilotprojekt der Hamburg Kreativ Gesellschaft mit der Crowdfunding-Plattform Startnext. Die von beiden gemeinsam initiierte regionale Crowdfundingplattform Nordstarter funktioniert derzeit wie jede klassische Crowdfundingplattform, also ohne öffentliche Förderungen. Was aber ist, so fragen die Autorinnen, wenn öffentliche Förderungen davon abhängig gemacht werden, ob sich auch genügend private UnterstützerInnen gefunden haben? Eine solche Kombination sei aus ökonomischer Sicht zu hinterfragen, wenn die Vergabe einer Förderung nicht auf einem schlüssigen wirtschaftlichen Konzept basiere, sondern auf „emotionsgeleitete(n) Mausklicks nach Ansicht eines Werbevideos“. Auf demokratiepolitischer Ebene bemängeln Mayerhofer und Mokre,

„dass hier Steuergelder nach den Präferenzen einiger Privatpersonen vergeben werden, die zu dieser Machtstellung in keiner Weise demokratisch legitimiert sind“.

Sowohl in diesem Fall als auch bei der steuerlichen Absatzbarkeit von Spenden habe die öffentliche Verwaltung bzw. Politik keine Möglichkeit, diese Entscheidungen zu beeinflussen. Zwar seien im Unterschied zur Steuerabsetzbarkeit von Spenden, beim Crowdfunding mehrere Personen (die UnterstützerInnen) in den Prozess eingebunden, aber es sei ein Irrglaube, so schreiben Mayerhofer/Mokre, dass mehr Partizipation mehr Demokratie bedeute. Diese Sichtweise beruhe auf einer Verwechslung, denn

„Demokratie besteht nicht in der Teilnahme einiger oder sogar vieler an Entscheidungen, sondern in der – mindestens potenziellen – Beteiligung aller Betroffenen, im Konkreten also aller SteuerzahlerInnen, die zugleich diejenigen sind, denen die finanzierten Projekte in irgendeiner Form zugutekommen sollten“.

Ich gestehe, ich sehe das etwas anders. Ich halte nicht nur die Annahme, mehr Partizipation bedeute mehr Demokratie, für falsch (d.h. in diesem Punkt stimme ich mit den Autorinnen überein), sondern behaupte, dass Partizipation grundsätzlich nicht automatisch etwas mit Demokratie zu haben muss. Partizipative Beteiligungsmöglichkeiten im Rahmen eines Ausstellungsprojektes zum Beispiel sind vom Thema Demokratie recht weit entfernt, auch das Thema Mashups lässt sich nur schwer damit in Verbindung bringen.

Im nächsten Schritt stellt sich die Frage, ob Crowdfunding eigentlich eine partizipative Form der Beteiligung an einem Projekt ist? Wenn die finanzielle Form der Unterstützung eines Vorhabens, verbunden mit einer Gegenleistung, bereits  ein partizipativer Akt ist, dann müsste ja auch eine Sponsoringkooperation in die Kategorie Partizipation fallen. Sollten wir uns im Fall von Crowdfunding-Projekten nicht auch darauf beschränken, vom Austausch von Leistung und Gegenleistung zu sprechen? Zumindest steuertechnisch gesehen wird das so gehandhabt, denn das, was da an Geld reinkommt, wird als Einnahme betrachtet und entsprechend versteuert.

Wer aber trotzdem auf der demokratiepolitischen Ebene das Thema Crowdfunding diskutiert und behauptet, dass hier einige wenige Privatpersonen mit Hilfe ihres Geldes entscheiden, was in den gesellschaftlich relevanten Bereichen Kunst und Kultur realisiert wird, der mag diesen Ansatz als negativ empfinden, lässt aber dabei einige Punkte unberücksichtigt.

Erstens sollte jemand, der aus den öffentlichen Fördertöpfen kein Geld erhält, jederzeit die Möglichkeit haben, sich auf diesem Weg Geld zu beschaffen. Es gibt genügend Kunstsparten und Projekte, die keine Chance auf öffentliche Unterstützung haben und das aus Gründen, die demokratiepolitisch vermutlich wesentlich bedenklicher sind.

Zweitens resümiert Michael Wimmer in seinem Buch „Kultur und Demokratie„:

„In ihrem Kern (…) rankt sich die staatliche Kulturpolitik (Anm. in Österreich) um die Aufrechterhaltung eines ursprünglich auf imperiale Repräsentation gerichteten Kulturbetriebes im demokratisch verfassten Kleinstaat Österreich.“ (S.376)

und attestiert dem Kulturbetrieb in Österreich,

„als ein isomorphes System an den Ansprüchen demokratischer Mitentscheidung und Mitwirkung vorbei ins Leere zu laufen“. (S.391)

Von einem demokratiepolitischen Idealzustand sind wir also – zumindest in Österreich – weit entfernt, einerseits belegbar durch die ungleiche Verteilung der Fördergelder und andererseits durch die immer wieder erlebbare Möglichkeit der Beeinflussung von außen (dieses von Tanja Ostojić gestaltete Plakatmotiv gefiel der Kronenzeitung während der österreichischen EU-Präsidentschaft 2006 nicht und wurde nach entsprechenden Protesten nicht mehr gezeigt).

Vor diesem Hintergrund mag jede/r selbst entscheiden, wo die größeren Bedenklichkeiten auftauchen. Eigentlich geht es aber gar nicht um die Frage, ob nun die staatliche Kunstförderung „besser“ sei als Crowdfunding oder umgekehrt. Wir haben es hier mit zwei höchst unterschiedlichen Finanzierungsinstrumenten zu tun, die sich in meinen Augen sehr gut ergänzen. Es gibt eine Vielzahl von Vorhaben, für die Crowdfunding nicht das passende Finanzierungsinstrument ist. Ebenso gibt es auch Projekte, die keine Chance auf öffentliche Gelder haben, sondern auf Crowdfunding angewiesen sind. Ihre UnterstützerInnen haben dabei sehr unterschiedliche Beweggründe. Wenn Elisabeth Mayerhofer und Monika Mokre schreiben,

„(w)enn sich kein genügend großes Publikum zur Eigenfinanzierung einer künstlerischen Produktion findet, so ist es auch unwahrscheinlich, dass sich zum gleichen Zweck genügend Kleinmäzene finden“,

dann liegen sie damit nicht unbedingt richtig. Ich selbst unterstütze via Crowdfunding Projekte, ohne sie zu besuchen oder daran teilzunehmen. Weil sie in meinen Augen wichtig sind. Oder einfach gut. ;-)

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Stefan Lau: Was ist aus dem Karneval der Kulturen geworden? (Gastbeitrag)

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Fotograf: Michael Flascha; Dieses Foto steht unter einer CC-Lizenz

1996 zog zum ersten Mal die bunte Karawane durch die Straßen Berlin – Kreuzbergs, die von ca. 50.000 Zuschauern bestaunt wurden. Die Grundidee war, der besonders in Berlin sichtbaren immer stärker werdenden Internationalität Rechnung zu tragen und den Menschen aus verschiedenen Kulturen und Erdteilen die Möglichkeit zu bieten, ihr Land und ihre Kultur zu präsentieren, sich musikalisch und tänzerisch auszudrücken. Damit sollte der Respekt und die Toleranz untereinander und miteinander gefördert und zugleich eine Plattform geboten werden, wo sich Berliner aller Nationalitäten begegnen um miteinander zu feiern, sich auszutauschen und Kulturtransfer zu ermöglichen.

2002 konnte ich das erste Mal dabei sein und in der Percussiongruppe La Forêt Sacrée, die von Rale Dominique für den Karneval der Kulturen in Berlin gegründet und aus ca. 20 – 30 Trommlern, Tänzer und Maskenträger bestand, mitspielen und das Gänsehautfeeling erleben, was man hat, wenn man musizierend durch die Straßen voller begeisterter Menschen läuft.

Nach einigen Jahren Pause wurde ich dann eingeladen bei der Percussiongruppe Furioso mitzuspielen und eine Tanzgruppe, bestehend aus Bauchtänzern und Cheerleedern zu begleiten. Das hat allen Beteiligten Spaß gemacht, besonders auch den beteiligten Kindern und Jugendlichen. Zwei Jahre später fuhren wir auf einem Wagen, der in unseren Spielpausen Technomusik spielte. Die Lautstärke blies uns fast das Gehirn raus, doch was uns viel mehr überraschte, dass sich das Publikum mehr für die Technomusik begeisterte und wir Trommler uns eher als schmückendes Beiwerk fühlten.

Eigentlich war der Karneval damit für mich „gegessen“, ich hatte keine Lust mehr darauf. Ich sah Leute die hinter einem Wagen mit Elektromusik, mit über dem Kopf gezogenen Unterhosen dazu tanzten. Da wusste ich, dass das nicht mehr meine Veranstaltung war. Doch dann sah ich dass die Gruppe Afoxè Loni noch Mitspieler für den Karneval sucht. Ich habe die Gruppe immer schon bestaunt, wie sie in einem Meer aus Weißgelb den Karneval anführt und mit ihren brasilianischen und religiös geprägten Rhythmen die Zuschauer in ihren Bann zieht.

Im Percussion Art Center, einem Kulturzentrum in dem international bekannte Percussionisten verkehren, CDs aufnehmen, Workshops und Trommelkurse abhalten nahm ich erneut Trommelunterricht, lernte die Timba zu spielen und studierte die Rhythmen von Afoxé Loni ein. Im PAC fanden auch die Proben und die Vorbereitung für den Karneval statt, mit teilweise bis zu 80 Trommlern. Die Energie, Begeisterung, Kompetenz und die Ausstrahlung von Dudu Tucci, Krista Zeissig und Murah Soares rissen mich mit! Ich war wieder drin, im Karnevalfieber!

Doch während ich so auf der Euphoriewelle schwamm erfuhr ich, dass die Gruppe nach 15 Jahren zum letzten Mal beim Karneval teilnehmen sollte. Die Organisatoren waren einfach am Ende ihrer Kräfte, ausgelaugt und fühlten sich ausgenutzt. Finanziell war das ganze nicht mehr zu schaffen, nach dem Karneval blieben oft noch Schulden übrig. In einem offenen Brief, der an alle Medien ging erläuterte die Gruppe warum sie aus dem Karneval aussteigt und klagt an! Der Brief ist hier zu lesen.

Das machte mich sehr traurig da ich gerade diese unglaubliche Energie spüren durfte die von dieser Gruppe ausging. Dadurch bekam der Karneval noch mal eine ganz besondere Note, eine Mischung aus Begeisterung, Enttäuschung, Wut und Traurigkeit machte sich breit. Doch alle Teilnehmer gaben noch mal alles und zum Schluss flossen bei einigen, die zum Teil schon seit Beginn, vor 15 Jahren, dabei waren, einige Tränen. Einige der Organisatoren waren danach krank oder mussten sich wochenlang erholen. Zu groß ist einfach die Belastung die sich auf wenige Schultern verteilte.

Fotograf: Michael Flascha; Dieses Foto steht unter einer CC-Lizenz

Sollte es das wirklich gewesen sein? Afoxé Loni ist nicht die einzige Gruppe die sich den Karneval nicht mehr leisten kann und es werden weitere folgen. Soll der Karneval der Kulturen zu einer Massenveranstaltung werden bei dem es nur darum geht möglichst viel Touristen und Berliner auf die Straße zu locken damit die Geschäfte guten Umsatz machen? Masse statt Klasse? Elektronische Musik statt Folklore?

Ich möchte mich nicht damit abfinden! Doch was könnte man tun? Zum einen diesen Artikel möglichst weit verbreiten damit sich immer mehr Menschen darüber Gedanken machen. Es gab bereits einige Anregungen wie man das Ganze wieder in seine ursprüngliche Bahn zurückbringen könnte.

Was mir gut gefiel:

  • den K.D.K. neu organisieren, z.B. das Tempelhofer Feld dafür nutzen und Eintritt nehmen um das Ganze besser finanzieren zu können. Vielleicht kämen dann ‚nur’ noch 500.000 Zuschauer statt einer Million, aber sie bekämen dann auch etwas ganz Anderes geboten.
  • Sponsoren finden die die Veranstaltung großzügig unterstützen. Finanzelle Unterstützung sollte es den Gruppen ermöglichen wieder teilzunehmen, indem sie die Organisation auch auf Mitarbeiter delegieren können.
  • Eine Kommission, zu der auch die Organisatoren der großen etablierten Gruppen gehören, könnten eine Vorauswahl treffen und nur Gruppen zulassen die wirklich ein Programm liefern das den Grundgedanken des Karnevals unterstützt. Lieber 60 Gruppen als 160, dafür aber bunt, interkulturell, mit Niveau!
  • Die verschiedensten Kulturzentren in Berlin noch mehr in die Planung mit einbinden.

Dazu müssten sich aber die Vertreter der Senatsverwaltung mit der Werkstatt der Kulturen und den Organisatoren der großen etablierten Gruppen an einen Tisch setzen und über eine Neustrukturierung reden mit dem Ziel, den Leitgedanken wieder aufzunehmen und eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen die Europaweit ihresgleichen sucht.

Das sind alles nur Ideen und ich hoffe nach wie vor dass sich etwas bewegt und die jetzige Entwicklung beim Karneval der Kulturen Berlin gestoppt wird.

Anmerkung: dieser Beitrag steht unter dieser CC-Lizenz und erscheint im Rahmen der von Ina Müller-Schmoß initiierten Blogpatenschaften.

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Treffpunkt KulturManagement: Kulturpolitik in Österreich oder „die Macht der Beharrungskräfte“.

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Wenn Österreich sich gerne als Kulturnation präsentiert und bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die künstlerischen und kulturellen Glanzlichter der Vergangenheit verweist, dann bietet es sich an, sich am österreichischen Nationalfeiertag mit der österreichischen Kulturpolitik zu beschäftigen. Wir freuen uns, mit Michael Wimmer, dem Geschäftsführer von Educult, einem „unabhängigen Institut für für Forschung, Beratung und Management in Kultur und Bildung“, beim nächsten Treffpunkt KulturManagement am 26. Oktober von 9 bis 10 Uhr einen ausgewiesenen Experten der österreichischen Kulturpolitik begrüßen zu dürfen.

Der Musikerzieher und Politikwissenschaftler hat erst vor wenigen Wochen mit „Kultur und Demokratie“ ein Werk vorgelegt, das sich eingehend mit der österreichischen Kulturpolitik beschäftigt (siehe dazu meine Rezension) und sehr präzise deren Defizite herausarbeitet. In einer Zusammenfassung seiner Buches konstatiert Wimmer,

„dass die wesentlichen kulturpolitischen Inhalte bis heute ihre Referenz in einer kulturellen Norm finden, die sich als Ausdruck imperialer Herrschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat.“

Wimmer beschreibt in seinem Buch ein kulturpolitisches System, das die Veränderungen des politischen Systems unbeschadet überstanden hat. Daraus resultiert der Titel unseres 17. Treffpunkt KulturManagement „Kultur und nationale Identitätsbildung in Österreich: oder warum sich der österreichische Kulturbetrieb so schwer tut, in der Demokratie anzukommen“, zu dem ich Sie ganz herzlich einladen möchte. Wir wollen die Diskussion über die Herausforderungen einer zukünftigen Kulturpolitik nicht ganz auf Österreich beschränken und richten diese Einladung deshalb auch an alle diejenigen, die nicht aus Österreich kommen, sich aber für Kulturpolitik interessieren.

Der Treffpunkt KulturManagement ist ein gemeinsames Onlineformat von Projektkompetenz.eu, Kulturmanagement Network und der stARTconference. Die Teilnahme ist kostenlos, die Installation einer Software nicht notwendig. Es ist zwar kein Nachteil, wenn Sie über eine Webcam und ein Headset verfügen, aber da die Adobe Connect-Plattform, die wir für diese Veranstaltung nutzen, über einen gut funktionierenden Chat verfügt, reicht es, am Mittwoch einfach diesen Link anzuklicken und dabei zu sein.

Wenn Sie sich über die bisherigen Veranstaltungen informieren wollen, können Sie das in unserem Treffpunkt KulturManagement-Wiki tun, dort finden Sie die Aufzeichnungen der bisherigen Online-Veranstaltungen. Der Treffpunkt KulturManagement ist darüber hinaus auch auf Facebook vertreten und wenn Sie schon vorab wissen wollen, wer alles dabei sein wird, dann können Sie im bereits angelegten Event nachsehen und sich auch gleich selbst dort registrieren.

Hier noch einmal die wichtigsten Infos:

Treffpunkt KulturManagement
Termin: 26.10.2011 von 9:00 bis 10:00
Thema: „Kultur und nationale Identitätsbildung in Österreich: oder warum sich der österreichische Kulturbetrieb so schwer tut, in der Demokratie anzukommen“
Impulsvortrag: Dr. Michael Wimmer

Zugang: http://proj.emea.acrobat.com/treffpunktkulturmanagement

Update: Auf Kulturmanagement Network ist ein Nachbericht zu dieser Veranstaltung erschienen, die Aufzeichnung ist hier zu finden.

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„Kultur und Demokratie“ (Rezension)

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In der Vorbereitung auf diesen Beitrag habe ich unter anderem bei Google nach  der „Zukunft der Kulturpolitik“ gesucht und interessanterweise tauchen auf der ersten Seite der Trefferliste mehrheitlich Verweise auf Artikel, Veranstaltungshinweise, etc. auf, die sich bezüglich der Zukunft von Kulturpolitik eher skeptisch äußern. So stellte sich etwa Martin Wassermair schon vor drei Jahren die Frage, ob sich über Kulturpolitik „in Zeiten ihrer Selbstauflösung“ überhaupt diskutieren lasse? Eine traurige Geschichte, wenn andererseits immer wieder die Bedeutung von Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft betont wird.

Ich selbst habe in der Vergangenheit immer wieder die Visionslosigkeit der Kulturpolitik kritisiert und die Frage gestellt, ob es Kulturpolitik überhaupt noch gebe? Nachdem ich das neue Buch von Michael Wimmer, Kultur und Demokratie. Eine systematische Darstellung von Kulturpolitik in Österreich (Affiliate Link) gelesen habe, weiß ich, dass es sie gibt. Man muss nicht unbedingt zufrieden sein mit ihr, aber sie existiert, was die Grundvoraussetzung für Veränderung ist.

Was aber versteckt sich hinter dem Begriff Kulturpolitik eigentlich. Wer sich auf Wikipedia informiert, ahnt schon, dass die Beschäftigung damit nicht so ganz einfach ist. Wimmer verweist gleich zu Beginn seines Buches auf ein Dilemma, denn die Kunst versuche sich einerseits der Politisierung zu entziehen und sei andererseits in der Praxis auf diese angewiesen. Heraus kommt

„eine Art spätromantisches Mäzenatentum, dessen einziges Interesse darauf gerichtet ist, dass es Kunst gibt.“ (S.15)

Auch wenn es oft so scheinen mag, aber die Autonomie der Kunst stellt noch kein kulturpolitisches Programm dar und es bleibt die Frage, welche Interessen denn in der Kulturpolitik durchgesetzt werden sollen? Zuvor skizziert Wimmer aber die gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und macht deutlich, dass sich auch die Kunst letzten Endes nicht gegen die fortschreitende Ökonomisierung aller unserer Lebensbereiche wehren  konnte und wir heute Abschied genommen haben von der Idee, Kulturpolitik könne auch als Gesellschaftspolitik verstanden werden.

Aber noch eine zweite Entwicklung verändert die Rahmenbedingungen: die wachsende Ethnisierung des Sozialen:

„Je mehr sich die ökonomischen Konkurrenzverhältnisse zwischen den Menschen verschärfen, desto eher würden ethnische und damit auch kulturelle Differenzen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft als Ab- bzw. Ausgrenzungskriterium (…) ins Treffen geführt,“ (S.24)

beruft sich Wimmer auf den Politikwissenschaftler Christoph Butterwege. Die Kulturalisierung des Sozialen führt dazu, dass unterschiedliche Kulturen eher als Kampfplatz denn als Hort von Innovation gesehen werden.

Natürlich kommt man in einem solchen Buch nicht umhin, den Begriff der Kultur zu definieren. Wimmer geht hier sehr geschickt vor und beschreibt „lediglich“ die Spannungsfelder (Zivilisation, Bildung, Religion, etc.), in denen sich „Kultur“ bewegt. Zur Sprache kommt dabei (natürlich) auch die Beziehung der beiden Bereiche Kunst und Kultur. Wimmer konstatiert, dass wir nicht nur umgangssprachlich, sondern auch im kulturpolitischen Fachdiskurs dazu neigen, beide Begriffe synonym zu verwenden. Dass dem nicht immer so war, zeigt Wimmer am Beispiel Gottfried Benns, der sich vehement dagegen aussprach, die Kunst als repräsentative Ausdrucksform von Kultur zu verstehen.

Ähnlich schwierig stellt sich die Annäherung an den Begriff Kulturpolitik dar. Wimmer sieht eine enge Verknüpfung zwischen den jeweiligen politischen Systemen und ihren kulturellen Ausformungen. Die Beobachtung Friedrich Schillers, dass es der Kunst immer dann gut ging, wenn es den Menschen schlecht ging, oder, wie es Wimmer formuliert,

„dieses offenkundige Auseinanderklaffen zwischen demokratischen Errungenschaften und institutionellem Niedergang des Kulturbetriebs“ (S.87)

veranlasst ihn dazu, sich das Verhältnis der verschiedenen politischen Modelle zu ihrem Kulturbetrieb genauer anzuschauen und zwischen einem liberalen, einem wohlfahrstaatlichen, einem republikanischen und einem ästhetischen Verständnis zu unterscheiden. Die historische Entwicklung hat dazu geführt, dass wir es heute, wenn wir die institutionelle Basis von Kulturpolitik betrachten, mit unterschiedlichen Modellen zu tun haben. Den meisten von uns sind das zentralistische und das föderalistische Modell wohl bekannt, während das außerdem von Michael Wimmer beschriebenen para-staatliche Modell, das Modell des staatlichen Kulturunternehmers sowie das transnationale Kooperationsmodell eher selten genannt werden.

Aus den unterschiedlichen Modellen ergibt sich auch ein unterschiedliches Instrumentarium, um staatliche Kulturpolitik betreiben zu können. Die Republik Österreich zum Beispiel verfügt über Sammlungsbestände der vormaligen Herrscherhäuser, kümmert sich aber nicht nur um die Pflege und den Erhalt dieser Sammlungen, sondern tritt auch aktiv als Käuferin von Kunstwerken auf. Diesen akquisitiven stehen restriktive Maßnahmen gegenüber, in denen bestimmten, als schädlich betrachteten Entwicklungen wie zum Beispiel dem Wiener Aktionismus der Kampf angesagt wurde.

Ausgestattet mit diesem Wissen folgt man dem Autor gerne in Richtung österreichischer Kulturpolitik. Welche historischen Wurzeln hat sie, wie ist die Kunst- und Kulturverwaltung organisiert und welche Größe weist das Budget für diesen Bereich auf? Darauf aufbauend bietet der Autor dann eine eingehende Analyse des „Politikfeldes Kulturpolitik in Österreich“, wie er das siebte Kapitel des gut 400 Seiten dicken Buches überschrieben hat. Wimmer konzentriert sich dabei auf die Rahmenbedingungen (polity), Prozesse und Verfahren (politics) und die politischen Inhalte (policy).

Vor allem der letzte Punkt hat mir oft überraschende Einblicke in die Konzepte und inhaltlichen Vorstellungen derer, die in den letzten Jahrzehnten die österreichische Kulturpolitik bestimmt haben, gewährt. Für Wimmer stehen hinter der österreichischen Kulturpolitik bestimmte Ansprüche, die ideologisch unterlegt sind und völlig unterschiedliche Auswirkungen auf die kulturpolitische Praxis haben. Wimmer unterscheidet dabei zwischen folgenden Ansätzen:

  • dem konservativen Anspruch: dahinter verbirgt sich der Wunsch, eine „durch den Kulturbetrieb repräsentierte kulturimperiale Sonderrolle Österreichs“ zu bewahren, die auf der einstigen Größe des Landes aufbaut.
  • dem demokratiepolitischen Anspruch: Kulturpolitik als ein Instrument zur „Harmonisierung der Gesellschaft“, dieser Glaube trieb vor allem die Regierung unter Bruno Kreisky an.
  • dem kultur- bzw. gesellschaftsliberalen Anspruch: den KünstlerInnen und Intellektuellen kommt eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung zu; sie sind es, die Diskurse führen und die gesellschaftliche Entwicklung auch über ihr Kunstschaffen vorantreiben.
  • dem wirtschaftsliberalen Anspruch: wirtschaftliche Argumente gewinnen an  Bedeutung, die Entwicklung geht in Richtung Kulturwirtschaftspolitik, das Ergebnis ist eine Ökonomisierung des Bereiches.
  • dem nationalen Anspruch: Kunst und Kultur als Instrumente, um sich gegenüber dem Fremden abzugrenzen und der damit verbundene Versuch, kulturelle Unterschiede zum Austragen sozialer und gesellschaftlicher Konflikte zu nutzen.
  • dem integrativen Anspruch: die Idee einer Kulturpolitik, „die darauf abzielt, staatlicherseits eine Gleichwertigkeit kultureller Ausdrucksformen in einer ausdifferenzierten, demokratisch verfassten Gesellschaft herzustellen“. (S.307)

Hat man dieses Buch durchgelesen, sind die Defizite der österreichischen Kulturpolitik offensichtlich. Aber das Wissen um die Ursachen dieser Defizite können der Ausgangspunkt für die so dringend benötigten Veränderungen im österreichischen Kunst- und Kulturbereich sein. Michael Wimmer hat nicht nur in seinem Buch, sondern auch in einem eigenen Text Empfehlungen ausgesprochen, über die es sich zu diskutieren lohnt. Als Anstoß zur Diskussion hat er sein Buch auch verstanden. Das Zeug dazu hat es, es lohnt sich, das Buch zu lesen. Fragt sich, ob jemand da ist, der es diskutieren möchte?

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Das langsame Sterben der Kultureinrichtungen

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© Alipictures ; Pixelio

Als ich vor 5 Jahren mit dem Bloggen begann und froh war, wenn mein Blog mehr als zehn LeserInnen hatte, wurde ich immer damit getröstet, dass Kulturmanagement eben nur ein Randthema sei und das Blog deshalb nie auf besonders großes Interesse stoßen würde. Heute hat dieses Blog Zugriffszahlen, mit denen ich den Vergleich zu anderen Branchen nicht unbedingt scheuen muss. Spreche ich über diese Zahlen, bekomme ich als Antwort zu hören: „Ja, Du hast ja auch ein interessantes Thema.“

Bei Kultureinrichtungen gibt es auch viele interessante Themen, sie schöpfen aus einem reichen Fundus, wenn es darum geht, das, was sie tun, zu vermitteln. Für sie ist dieses Vermitteln noch viel wichtiger, denn sie gestalten mit dem, was sie an künstlerischer und kultureller Leistung  erbringen, unsere Gesellschaft mit. Wohl auch mit aus diesem Grund wird Ihr Tun großteils aus öffentlichen Fördertöpfen finanziert. Wenn ich nicht in der Lage bin, meine Leistungen adäquat an den Mann oder die Frau zu bringen, ist das mein eigenes Problem. Bei Kultureinrichtungen sieht das etwas anders aus, denn es ist das Geld der SteuerzahlerInnen, das hier verwendet wird.

Dabei haben es die Kultureinrichtungen nicht leicht, denn erstens sind die öffentlichen Kassen ziemlich leer und zweitens wird die Konkurrenz immer größer und damit bedrohlicher. Immer häufiger lesen wir davon, dass Kultureinrichtungen zusperren müssen oder von der Schließung bedroht sind. Dagegen anzuarbeiten heißt, jede Menge Überzeugungsarbeit zu leisten, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Auch ich muss Überzeugungsarbeit leisten und mit den Menschen ins Gespräch kommen, deshalb war ich von den Möglichkeiten, die mir ein Blog bietet, so begeistert. Und ich bin überzeugt, dass Blogs und all die anderen Tools und Plattformen, die im Laufe der Zeit dazu gekommen sind, auch für Kultureinrichtungen eine gute Möglichkeit bieten, mit denen ins Gespräch zu kommen, deren Steuergeld sie ausgeben und die sie von ihren Angeboten (wieder) überzeugen wollen.

Aus diesem Grund habe ich mich über jede Kultureinrichtung gefreut, die den Schritt ins Social Web gewagt hat und ganz besonders gefreut habe ich mich, wenn dabei ein Blog zum Einsatz kam. „Externe Blogs von Kultureinrichtungen sind tot„, konnte man gestern bei Axel Kopp nachlesen, der die Schließung des Blogs der Duisburger Philharmoniker zum Anlass genommen hat, sich mit den Blogs von Kultureinrichtungen zu beschäftigen. Kopp begrüßt diese Entscheidung, denn, so seine Meinung, das Blog sei langweilig und würde eh niemanden mehr interessieren. Das gelte, so schreibt er an anderer Stelle, auch für viele andere Blogs von Kultureinrichtungen. Ich möchte ihm da nicht widersprechen, auch ich gehe davon aus, dass in den nächsten Monaten einige Blogs wieder verschwinden werden beziehungsweise ein recht trauriges Dasein ohne neue Beiträge fristen müssen.

Im Unterschied zu Axel Kopp spielt es in meinen Augen keine wirklich entscheidende Rolle, ob das Blog in die eigene Website integriert ist oder an anderer Stelle seinen Platz im virtuellen Raum gefunden hat. Er erklärt zwar recht einleuchtend die Vorteile des integrierten Blogs, aber dadurch werden die Inhalte auch nicht spannender. Alfred Wendel, der Duisburger Philharmoniker, verstieg sich in einem Interview für Kulturmanagement Network zu der Behauptung:

„Es hat immer wieder zu Irritationen geführt, dass es für dasselbe Orchester zwei verschiedene Websites gibt, weshalb wir es für besser hielten, dies nun zentral zusammenzuführen.“

Ich würde eher sagen, je größer die Zahl meiner Anlaufstellen im virtuellen Raum ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich gefunden werde. Die Sorge, den User zu irritieren, müsste dann ja auch konsequenterweise zur Schließung sämtlicher Accounts im Social Web führen. Wäre das wirklich der Punkt gewesen, hätte man ja, wie von Axel Kopp empfohlen, das Blog in die eigene Seite integrieren können und das Problem damit gelöst.

Was ist aber nun eigentlich das Problem? Kultureinrichtungen gelingt es meist nicht, denke ich, den richtigen Ton zu finden. Das ist auch nicht so ganz einfach, denn die traditionelle Unternehmenskommunikation funktioniert im Social Web nicht mehr. Erst jetzt mit den entsprechenden Rückkanälen merken wir, dass es die Menschen sind, die ein Gespräch führen und nicht das Unternehmen. Hinzu kommt: nicht jedes Chefego hält es aus, wenn sich auf den Social-Media-Kanälen die PraktikantIn zum heimlichen Star der Kultureinrichtung mausert. Dabei ist genau das vermutlich eines der Erfolgsgeheimnisse: Pläne und Strategien helfen Ihnen nur dann weiter, wenn Sie jemanden vor der Tastatur sitzen haben, der mit Begeisterung und Hingabe dabei ist. Genau aus diesem Grund glaube ich auch nicht, dass, wie Axel Kopp meint, kleine Unternehmen mit ihren Blogs chancenlos seien. Natürlich wird, mit steigender Sichtbarkeit, die Zeit immer knapper, aber es lohnt sich auf alle Fälle, so meine Meinung als (ganz kleiner) Unternehmer.

Bei Kultureinrichtungen würde ich aber noch einen Schritt weiter gehen. Wenn sie wollen, dass sie wahrgenommen werden und auch weiterhin von der öffentlichen Hand finanziert werden wollen, dann ist es für sie unumgänglich, das Gespräch mit dem Publikum, aber auch mit dem Steuerzahler zu suchen. Natürlich steht es jeder Kultureinrichtung frei, sich die entsprechenden Kanäle auszusuchen, aber wenn die Entscheidung den Schritt vom Web2.0 zurück zum Web1.0 mit sich bringt, dann sollten doch die Alarmglocken klingeln. Nicht so sehr bei den Orchesterverantwortlichen, sondern vor allem bei denen, die dieses Orchester finanzieren. Irgendwo sei dann schon die Frage erlaubt, wer da eigentlich für wen da ist?

Axel Kopp hat seinen Blogbeitrag mit „Externe Blogs von Kultureinrichtungen sind tot“ überschrieben. Ich prophezeie: Kultureinrichtungen, die ihre Blogs schließen, sind tot. Nicht sofort und nicht weil sie ihr Blog schließen, sondern weil ich den Eindruck habe, dass hier Entwicklungen verpasst werden. Entwicklungen, die dem Orchester helfen würden, den Verantwortlichen aber, das sollte fairerweise dazugesagt werden, schaden könnten. Veränderung bedeutet immer, ich muss jemandem etwas wegnehmen. Dass sich der dagegen wehrt ist verständlich. Nur: Veränderung lässt sich nicht aufhalten. Genau aus diesem Grund ist es auch erlaubt ein Blog zu schließen. Aber bitte nicht für den Schritt nach hinten, sondern nur für den nach vorne.