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Kulturmanagement als Diskursfeld

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Diese Beschreibung von Kulturmanagement gefällt mir gut. Gefunden habe ich sie in einem Bericht über die erste Tagung des Fachverbandes für Kulturmanagement, der auf den Seiten des Kulturmanagement Network zu finden ist. Verfasst wurde er von Birgit Mandel, Professorin am Institut für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim und Vorstandsmitglied im Fachverband.

Mandel schreibt darin, dass Kulturmanagement in den vergangenen Jahren vorwiegend als Unterdisziplin der Betriebswirtschaftslehre betrachtet worden sei, um mit der Hilfe von „Tools“ die Kulturbetriebe zu professionalisieren. Das ist eine Sichtweise, die übrigens in den öffentlichen Kulturabteilungen immer noch oft anzutreffen ist, schließlich geht es dort darum, Mittel und Wege zu finden, mit möglichst geringem (finanziellen) Input einen maximalen (künstlerischen) Output zu erreichen.

Richtig ist auch Mandels Feststellung, dass aus dem Abwehrreflex gegen Kommerzialisierung und Professionalisierung seitens der KünstlerInnen das Kulturmanagement eine „dienende“ Rolle eingenommen hat. So nach dem Motto: Den KünstlerInnen ihre Kunst, den KulturmanagerInnen ihr Management.

Wenn man das zu Ende denkt, dann sind KulturmanagerInnen dazu da, dass Kunst und Kulturpolitik bzw. -verwaltung miteinander auskommen, und sich gegenseitig erhalten. Nachdem beide Seiten aber unterschiedliche Sprachen sprechen, brauchen sie einerseits ÜbersetzerInnen und andererseits jemanden, der die Projekte für beide Seiten kompatibel gestaltet.

Darüber hinaus haben wir dann aber auch noch das Publikum, die Medien und alle anderen Stakeholder. Es ist daher kein Wunder, dass, wie Mandel feststellt, die meisten Kulturmanagement-Studiengänge einen generalistischen Ausbildungsansatz verfolgen. Die Anknüpfungspunkte sind dabei vor allem:

  • die Kulturpolitik,
  • die Betriebswirtschaftslehre,
  • die Kulturwissenschaften,
  • Kunst-Lehre/Kunstwissenschaften und
  • die Sozialwissenschaften.

Das finde ich bemerkenswert, denn ich würde erwarten, dass es da mittlerweile ganz andere Disziplinen, die für das Ausbildungsfach Kulturmanagement zumindest ebenso relevant geworden sind, zum Beispiel Marketing, PR oder, ich gehe noch einen Schritt weiter, die Neuen Medien mit dem ganzen Thema Social Web bzw. Web 2.0.

Einiges davon wird aufgefangen, wenn man sieht, in welchen Feldern die Lehrenden forschen. Mandel nennt hier:

  • „Kulturmarketing, Kulturbranding,
  • Kulturbesucherforschung und Audience Development,
  • Kulturpolitik und Kulturförderung, New Governance, Kulturentwicklungsplanung,
  • Institutionentheorie, Change Management,
  • Professionalisierung von Managementprozessen.“

Und dann kommt ein für mich entscheidender Absatz:

„Sämtliche Befragte sind der Ansicht, dass Kulturmanagement zur Zeit noch keine vollständig etablierte und anerkannte Wissenschaft ist. Als zentraler Grund dafür wird das Forschungsdefizit benannt. Zu oft werde Kulturmanagement in den Studiengängen nur als Praxeologie behandelt, es fehle der theoretische Überbau, es gäbe noch kein eigenständiges methodisches Fundament.“

Nur was heißt das jetzt? Ist das die Aufforderung, sich im Studierzimmer einzuschließen und mit der Forschung zu beginnen? Mandel berichtet vom Eröffnungsvortrag der amerikanischen Kulturmanagementwissenschaftlerin Margret Wyszomirski. Sie hat darin konstatiert, dass die Forschung erstens in der Regel nicht öffentlich gemacht werde und in den Schubladen verstaube. Und sie berichtet zweitens vom Trend in Amerika, demzufolge es nicht mehr hauptsächlich um das Institutionen bezogene Arts Management geht, sondern um gesamtgesellschaftliche Konzepte im Sinne von „Cultural Policy“.

Damit spricht sie zwei meiner Lieblingsthemen an.

Erstens: die Forschung in den Hinterstuben mag zwar für den oder die ForscherIn befriedigend sein, dem Forschungsbereich Kulturmanagement erweist man damit aber keinen guten Dienst. Er bleibt in den Hinterzimmern.

Wenn wir Kulturmanagement im Sinne Mandels als Diskursfeld verstehen wollen, müssen wir uns, bevor wir zu forschen anfangen, erst einmal darüber verständigen, worüber wir forschen. Und bevor wir das tun, werfen wir doch erst einmal einen Blick in die Welt „da draußen“. Da gibt es schon sehr vieles, von dem wir lernen können. In meinem Beitrag „Das Museum als ‚community space‘“ habe ich über Nina Simon berichtet, die der Frage nachgegangen ist, was Museen von den Spiele-Communities im Internet lernen können. Es gibt Fundraising-Modelle, Marketing-Ansätze, und, und, und.

Zweitens: wenn Kulturmanagement sich mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen bzw. Konzepten beschäftigen darf, dann müssen wir auch in die Gesellschaft hineinhören. Was interessiert diese Gesellschaft überhaupt? Welche Werte dominieren sie? Wenn es keine Zwangsbeglückung werden soll, dann müssen wir mit der Gesellschaft – und das sind die Menschen – ins Gespräch kommen.

Das heißt, Kulturmanagement muss vor allem kommunizieren,

  1. um sich selbst in der Gesellschaft zu verorten,
  2. um die relevanten Forschungsfelder zu entdecken,
  3. um die Forschungsergebnisse auf der ExpertInnenebene zu diskutieren und
  4. um die Ergebnisse dann wieder an die Gesellschaft „zurückzugeben“ und sie mit ihr zu diskutieren.

Das ganze sehe ich nicht als schematischen Ablauf, sondern eher als einen Kreislauf, denn wenn ich bei Punkt vier gelandet bin, werde ich mit den aus der Diskussion gewonnenen Erkenntnissen wieder bei Punkt eins beginnen können.

Und ich wage die Behauptung: wenn es gelingt, Kulturmanagement als einen solchen Prozess, als Diskursfeld zu verstehen, dann wird die Nutzung des Social Web für KulturmanagerInnen ganz selbstverständlich sein. Dort geht es nämlich genau um diesen Diskurs.

Um diesen Diskurs zu führen, gibt es übrigens dieses Blog. Warum brauchen wir Kulturmanagement, was ist Kulturmanagement und wie sieht die Praxis aus? Das sind die Fragen, die es zu beantworten gilt. Wenn Sie Antworten, Anmerkungen oder auch neue Fragen dazu haben, freue ich mich über Ihre Kommentare.

Update: als Reaktion auf die auf Facts entstandene Diskussion habe ich den folgenden Beitrag geschrieben: Wenn der Begriff KulturmanagerIn einen zum Gruseln bringt

3 Comments Join the Conversation

  1. Lieber Christian,

    einen kleinen Beitrag zu einer möglichen Klärung der praktischen Frage: „Wie der Spagat zwischen Wissenschaft (Management) und Kunst gemeistert werden kann.“ möchte ich hier beitragen.
    Am Theater ist es üblich, dass Studierende( vorwiegend Theaterwissenschaften, Regie ) ein Praktikum absolvieren müssen, bevor Sie an einem Theaterbetrieb arbeiten können. Vor ein paar Jahren arbeitete ich mit einem Theaterwissenschaftler, frisch von der Uni, zusammen. Er war so fern des praktischen Lebens, dass ich nur staunen konnte. Ich finde jeder Kulturmanagementstudent sollte ein Praktikum in einem Kunstbetrieb absolvieren bevor er tätig wird.

    Liebe Grüße
    Bettina

    Reply

  2. Bettina, da gebe ich Dir Recht. Wer über keinerlei praktische Erfahrung verfügt, sollte die erst einmal sammeln.

    Die Frage ist dann aber: ist das alles Kulturmanagement, was der Student oder die Studentin im Theater tun? Wie grenzen wir das ab?

    Ich kenne das Problem aus eigener Erfahrung. Wenn mich wer fragt, was ich beruflich mache, dann sage ich, wenn ich Zeit habe ;-) , dass ich Kulturmanager bin. Die nächste Frage ergibt sich automatisch, nämlich was der denn mache?

    Womit wir bei der Frage wären, was Kulturmanagement denn überhaupt ist? Bevor diese Frage nicht geklärt ist, tut sich Kulturmanagement schwer, als eigenständige wissenschaftliche Disziplin anerkannt zu werden.

    Reply

  3. Pingback: Wenn der Begriff KulturmanagerIn einen zum Gruseln bringt « Das Kulturmanagement Blog

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