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Wo findet der Machtkampf statt?

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Nachdem wir nun also wissen, was Macht ist und woher sie kommt, möchte ich ganz gerne noch bei Christine Bauer-Jelinek und ihrem Buch Die helle und die dunkle Seite der Macht bleiben. In ihm beantwortet sie im nächsten Schritt die Frage, wo der Machtkampf stattfindet. Macht wird an verschiedenen Orten unter jeweils verschiedenen Bedingungen ausgeübt, stellt sie fest, denn, eine Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern ist etwas anderes als mit einem Arbeitskollegen. Bauer-Jelinek spricht in diesem Zusammenhang von den „Schauplätzen der Macht“.

Das Wertesystem der Schauplätze liefere, so die Autorin, die Kriterien zur Auswahl der konkreten Handlungen und Strategien, mithin die „Spielregeln der Macht“. Denn so Bauer-Jelinek

„(d)ie acht Quellen der Macht zeigen unterschiedliche Wirkung, je nach dem, auf welchem Schauplatz man sich befindet“.

Diese Schauplätze werden in ihrem Buch durch vier Metaphern versinnbildlicht,

  1. das Haus
  2. den Markt
  3. die Burg
  4. den Tempel

Das Haus: Dieser Schauplatz kann als der private und persönliche Bereich angesehen werden. In ihm haben aber alle BewohnerInnen des Hauses Platz, meist die Familie, Platz.

„Alle Mitglieder waren durch einen starken Zusammenhalt miteinander verbunden, denn ihr gemeinsames Ziel war ein essentielles – die Sicherung des Überlebens“,

schreibt Bauer-Jelinek. Dafür mussten früher die Eigeninteressen zurückstehen, denn sonst geriet das Gesamtsystem in Gefahr. Das Individuum hatte daher, so Bauer-Jelinek,

„nur geringe Möglichkeiten zur Entfaltung, Interessenskonflikte wurden durch starre Normen möglichst gering gehalten und Verstöße gegen das Regelsystem streng geahndet.“

Das System baut auf der „solidarischen Fürsorge“ auf und ist geprägt von Werten wie Gerechtigkeit und Ehrlichkeit. Auseinandersetzungen werden an diesem Schauplatz, so Bauer-Jelinek vor allem über die Macht der Gefühle (z.B. Liebesentzug) und über die Macht der Materie (z.B. Geld) ausgetragen. Interessant ist die Feststellung, dass diese beiden Machtbereiche jeweils die Domänen von Mann (Macht der Materie) und Frau (Macht der Gefühle) sind.

Der Markt: Er ist das Symbol für Produktion und Handel, wie es in dem Buch weiter heißt. Während es im System Haus darum geht, zu überleben und damit „die Grundbedürfnisse“ abgedeckt werden,

„können auf dem Markt die Möglichkeiten der Lebenssicherung ausgeweitet und Zusatzbedürfnisse befriedigt werden“.

Bauer-Jelinek stellt fest, dass Objekte im Kontext Markt eine andere Bedeutung erhalten. Lebensmittel, die im System Haus die lebensnotwendige Ernährung sichern, werden hier zum Tauschobjekt, womit ihre „Vermarktbarkeit“ in den Vordergrund tritt.

Angetrieben werden wir dabei von der Aussicht auf Gewinn. Dieses Streben lässt uns die am Schauplatz Haus anzutreffende Solidarität ablegen, am Markt sind wir alle Gegner, es dominiert das Leistungsprinzip. Dazu brauche man, so Bauer-Jelinek, Risikobereitschaft, einen gesunden Egoismus und einen Hang zur Selbstdarstellung.

Auseinandersetzungen sind großteils geprägt durch die Macht des Wissens und der Kontakte.

„Doch auch die Macht der Herkunft, die Abstammung aus einer einflussreichen Familie und natürlich die Macht der Materie in Form von Geld und Besitz finden hier ihre Anwendung.“

Dazu kommt, mit steigender Komplexität des Wirtschaftssystems, die Macht der Funktion.

Die Burg: Bauer-Jelinek vertritt in ihrem Buch die Ansicht, dass die Menschen nur in begrenztem Ausmaß mit ihren Mitmenschen direkt kommunizieren können. Wird die Gruppe zu groß, die Autorin spricht von 50 Menschen, entwickelt sich eine neue übergeordnete Struktur heraus, versinnbildlicht durch den Schauplatz der Burg.

„Der Schauplatz Burg hat die Aufgabe, komplexe Gesellschaftssysteme zu strukturieren, die Menschen vor Gewalt innerhalb der Gemeinschaft und vor Feinden zu schützen sowie bei Katastrophen zu helfen“,

schreibt die Autorin. Dafür ist ein gewisser (Verwaltungs)-Aufwand notwendig und da die Burg selbst keine Güter produziere, müsse sie vom Haus und vom Markt erhalten werden, heißt es weiter. Dafür ist so etwas wie eine Administration notwendig, was dazu führt, dass Menschen nicht mehr im Mamrkt arbeiten, sondern in die Verwaltung gehen, Beamte werden.

Die Burg ist geprägt vom Wunsch nach „Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung“, wozu klare Strukturen, effiziente Kontrolle sowie gute Organisation nötig seien, wie Bauer-Jelinek schreibt. Ein wichtiger Punkt:

„Zur Durchsetzung des gemeinsamen Zieles, nämlich den einzelnen und das Gesamtsystem vor Gefahren zu schützen, ist die Akzeptanz des ‚Gewaltmonopols‘ der Burg notwendig. Das bedeutet, dass in unserer Gesellschaft der Staat als einziger zum Einsatz von Gewalt legitimiert ist.“

Gespeist wird die Macht an diesem Schauplatz vor allem durch die Macht der Funktion, aber auch durch die Macht der Kontakte. Die Ängste der Menschen (z.B. im Hinblick auf Sicherheit) zu nutzen, heißt, auch auf die Macht der Gefühle zu setzen. Verteilen PolitikerInnen vor Wahlen Geschenke (Absenkung von Steuern), dann heißt das, die Macht der Materie ist im Spiel.

Der Tempel: Das ist der Schauplatz, „wo der Mensch sich seiner selbst bewusst wird“, wie Bauer-Jelinek schreibt. Er decke, so die Autorin weiter, die Belange ab, bei denen der Mensch mit seiner „Schulweisheit“ nicht mehr weiter wisse. Zur Hilfe nehmen wir „Rituale, Verhaltensregeln und Erklärungsmodelle“, um diese „jenseitige Welt“ für uns fassbar zu machen. Von hier aus fließt unser Bild vom „guten Menschen“ in unsere Gesellschaft ein.

„Der Tempel produziert die Wertesysteme, die über das Moralsystem in die Gesellschaft einfließen und den Menschen Orientierung bieten. Die Themen auf dem Schauplatz Tempel sind: Magie, Rituale, Religion, Metaphysik, Ethik, Wissenschaft und Kunst.“

Das Streben nach Einheit und Ganzheit ist die Grundlage der Gemeinschaft, die sich daraus bildet. Die Werte, die das System Tempel hervorbringt, fließen in die anderen Systeme (Haus, Markt, Burg) ein, der Tempel ist diesbezüglich also eine Art „Metasystem“.

Auch hier wird, wenig überraschend, Macht ausgeübt, häufig über die Macht der Funktion und der Überzeugung. Der teilweise geforderte Verzicht auf Reichtum ist ein Beleg dafür, dass auch die Macht der Materie am Schauplatz Tempel zum Tragen kommen kann.

Während das Haus früher der anfangs einzige und später dominierende Schauplatz war, hat sich das im Laufe der Zeit verändert. Heute leben wir in einer Gesellschaft, in der die Schauplätze fast als „getrennte Welten“ bezeichnet werden können. Auch die Aufgaben, die es an den verschiedenen Schauplätzen zu erfüllen galt, haben sich gewandelt bzw. wanderten hin zu anderen Schauplätzen. Für Bauer-Jelinek sind Pflege und Gesundheit Beispiele dafür, wie die Bereiche von Schauplatz zu Schauplatz wandern können. Wurden die Kranken oder Alten anfangs zu Hause gepflegt, so übernahmen Im Laufe der Zeit Ordensspitäler (Schauplatz Tempel) diese Aufgabe. Das änderte sich mit dem Aufkommen der Krankenhäuser, die im Besitz der öffentlichen Hand (Schauplatz Burg) waren. Heute können wir erleben, dass die Verantwortung dafür an den Markt weitergegeben wird und der Staat sich damit mehr und mehr zurückzieht.

Das bedeutet, dass sich auch die Spielregeln innerhalb der verschiedenen Bereiche verändern. So ist beispielsweise die Kunst ursprünglich am Schauplatz Tempel angesiedelt. Heute lässt sich sehr schön beobachten, dass sie mehr und mehr am Schauplatz Markt anzutreffen ist. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt, Fakt ist, dass sich die Spielregeln ändern und Machtinstrumente, die früher hilfreich waren, heute an Bedeutung verlieren und dafür neue Instrumente (z.B. die Macht der Materie) an Relevanz gewinnen.

Bauer-Jelinek hält fest, dass wir heute in einer Zeit leben, in der wir ohne Probleme zwischen den verschiedenen Schauplätzen wechseln können, „sogar mehrmals täglich“, wie sie schreibt.

„Der Erwerb von Wissen und Kenntnissen der jeweils anderen Schauplätze gelang relativ problemlos. Hingegen fehlte die Einsicht, dass die Spielregeln der Macht auf den einzelnen Schauplätzen unterschiedlich sind und ebenso einer Aneignung bedürfen wie die Kompentenzen.

Die Herausforderung besteht also darin, zu erkennen, auf welchem Schauplatz wir uns bewegen und welche Spielregeln dort gelten. Wenn sich der Kunst- und Kulturbereich vom Schauplatz des Tempels in Richtung Markt bewegt, dann müssen wir analysieren, welche Spielregeln dort gelten, wenn wir uns dort bewegen bzw. behaupten wollen.

Teil 1: Was ist Macht?
Teil 2: Woher kommt die Macht?

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