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Lost in Space oder was die Postmoderne mit dem Web2.0 zu tun hat

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© Joujou; PixelioMacht das Internet doof?“ hat der Spiegel vor einiger Zeit gefragt. Datenmüll oder Informationsüberfluss sind nur zwei Begriffe, die in diesem Zusammenhang fallen. Nils Glück wiederum spricht in einem Blogpost von digitaler Zeitverschwendung und liest wieder Tageszeitungen, um sich über das aktuelle Geschehen zu informieren. Matthias Schwenk vermisst Aggregatoren, um der Informationsflut Herr zu werden und Christiane Schulzki-Haddouti ist von FriendFeed genervt, weil es so unübersichtlich ist. Was ist eigentlich passiert, seitdem wir das Internet nutzen? Und warum ist es heute so schwierig, mit dem Internet umzugehen? Oder ist es ganz einfach und wir machen nur etwas falsch? Vor einigen Jahren bestand das World Wide Web aus lauter Homepages. Auf denen konnte man seine Informationen ablegen und darauf warten, dass jemand diese Seite besuchte, die Informationen aufnahm und verwertete. Der Vorteil einer solchen Seite war, dass man im Unterschied etwa zu den Printmedien, Links setzen konnte und sich so die Möglichkeit anbot, sofort auf eine andere Seite zu springen, die weitere Informationen enthielt. Bildmäßig war das also ein Raum, der aus lauter Punkten bestand, von denen einige miteinander verbunden waren, andere hingegen nicht. Mit den Weblogs und den Permalinks war es plötzlich möglich, ganz konkrete Seiten anzusteuern und darauf inhaltlich Bezug zu nehmen. Die vielen Punkte ließen sich nun also sehr leicht miteinander verbinden, Netzwerke entstanden. Twitter machte die Sache noch etwas komplizierter, denn erstens wurden die „Punkte“ kleiner und zweitens streute jeder Punkt in verschiedene Richtungen aus. Das Netz wurde engmaschiger, der Bezugsrahmen  ging verloren. Wenn man Twitter nutzt, dann ziehen Informationsstränge an einem vorbei, die man entweder weiterziehen lässt oder aufgreift. Und dann kam FriendFeed und auch hier wurde die Kommunikationstruktur weiter verändert. Um wieder ein Bild zu bemühen: aus den Informationssträngen wurden Informationsräume, denn bei FriendFeed erhalte ich nicht nur Informationen von „Freunden“, sondern auch die der „Freunde“ der „Freunde“. Und überall habe ich nun die Möglichkeit, zu kommentieren und mich damit einzuklinken in, ja was eigentlich? Ist das wirklich noch das, was wir Gespräch nennen können? Nicht mehr wirklich, denn die Gespräche werden fragmentiert, denn FriendFeed ist, wenn man das so sagen darf, ein „social aggregator“. FriendFeed sammelt nicht nur verschiedene Kommunikationskanäle (zu denen gehören beispielsweise Blogs und Twitter), sondern erlaubt eben auch das Gespräch. Nur werden die nicht mehr an einem Platz (Weblog) oder einem Strang (Twitter) geführt, sondern entweder im Blog, auf Twitter oder auf FriendFeed. Die Kommunikation ist dreidimensional geworden und die Gespräche haben ihre Linearität verloren. FriendFeed treibt diese Entwicklung auf die Spitze, denn dort läuft trotz der Aggregierung nichts zusammen. Ist FriendFeed deshalb ein schlechtes Tool? In meinen Augen nicht, denn es versucht, unsere Welt noch „realistischer“ abzubilden. Die Kontrolle über die „Welt“ haben wir als Individuum schon lange verloren, nun passiert es auch im Internet. Das „Ganze“ ist für uns nicht mehr greifbar, wir erfassen nur noch Ausschnitte. Mich erinnert das an Alfred Korzybski, der den Standpunkt vertrat, dass es einen Unterschied gebe zwischen unseren Beschreibungen der Welt (den sogenannten „Landkarten“) und der Welt selbst. Das NLP hat diesen Ansatz weiter entwickelt und spricht von einer individuellen Weltsicht. An dieser Stelle ist mir Jean-François Lyotard eingefallen, der in seinem Buch Das postmoderne Wissen: Ein Bericht auf das Ende der „Metaerzählungen“ hingewiesen hat, die unser Wissen konstitutieren. Sind wir mit dem Web2.0 nun auch an einem Punkt angekommen, den Lyotard so beschreibt?
„Die narrative Funktion verliert ihre Funktoren, den großen Heroen, die großen Gefahren, die großen Irrfahrten und das große Ziel. Sie zerstreut sich in Wolken, die aus sprachlich-narrativen, aber auch denotativ, präskriptiven, deskriptiven usw. Elementen bestehen (…). Jeder von uns lebt an Punkten. wo viele von ihnen einander kreuzen. Wir bilden keine sprachlich notwendigerweise stabile Kombinationen, und die Eigenschaften derer, die wir formen, sind nicht notwendigerweise mitteilbar.“ (Das postmoderne Wissen, S.14f)
Heraus kommt, so Wolfgang Welsch in Unsere postmoderne Moderne eine Welt der „Pluralität“.
„Avanciert postmoderne Gestaltung ist in besonderer Weise auf Komplexionseffekte des Pluralen gerichtet. Hybridbildung ist ihr Strukturmerkmal, die dabei entstehende Irritation ihr Ziel“ (Unsere postmoderne Moderne, S.323),
beschreibt Welsch den postmodernen Ansatz. Hybridbildung als Strukturmerkmal und Irritation als Ziel: ist es nicht genau der Punkt, an dem wir stehen, unfähig, die verschiedenen Fäden wieder zu einem großen Ganzen zu vernüpfen? Ich gestehe, ich bin nicht die letzten Wochen in der Kammer gesessen und habe die Postmoderne studiert (das ist nun schon mehr als zwanzig Jahre her :-) ), aber wenn man in Lyotards Buch liest, glaubt man phasenweise, es ist vom Web2.0 die Rede. Welche Schlüsse lassen sich aber nun daraus ziehen? Im Sinne der Postmoderne sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, irgendwann einmal ein Tool vorzufinden, das uns das Wissen der Welt (online und offline) ordentlich sortiert auf einem Tablett anbietet. Es ist wohl zielführender, den Umgang mit nicht linear angelegten Informationsschnipseln zu lernen und sich so seine Landkarte zu schaffen. Am schwersten fällt es uns dabei wohl, den Anspruch aufzugeben, alles zu wissen. Es wird immer nur ein kleiner Ausschnitt sein und wenn in der Zeit, in der ich diesen Beitrag geschrieben habe, zahllose Informationen auf Twitter oder FriendFeed an mir vorbeigerauscht sind, dann ist das kein Malheur. Wer in Netzwerken lebt und arbeitet, der wird wichtige Dinge nicht verpassen. Aber es werden immer Menschen sein, die mich mit Informationen versorgen, deshalb braucht es, denke ich, den Kurator und nicht den Aggregator. Ich bin der festen Überzeugung, kein Tool dieser Welt wird jemals in der Lage sein, für jeden von uns die Informationen dieser Welt umfassend aufzubereiten. Und wenn es das könnte, dann wäre das in meinen Augen eine eher erschreckende Vorstellung.

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  1. „Aber es werden immer Menschen sein, die mich mit Informationen versorgen, deshalb braucht es, denke ich, den Kurator und nicht den Aggregator“ – gefällt mir gut. An der Stelle müsste man jetzt weiterdenken …

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  2. Dass das ideale Tool wohl niemals kommen wird, glaube ich inzwischen auch. Dazu kommt noch, dass die bestehenden Tools oft von den Usern anders genutzt werden als die Erfinder sich das dachten!

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  3. @ Christiane: Kuratoren sind für mich Personen, die ein in meinen Augen interessantes (Themen)-Spektrum abdecken. Gefällt mir ihr Zugang zu diesen Themenbereichen, dann wird ein Vertrauen entstehen, das auf Kompetenz basiert. Ich „verlasse“ mich auf ihre Vorschläge bzw. begleite sie auf ihren Reisen.

    Eigentlich heißt das, dass wir ein Prinzip anwenden, auf das wir in ganz vielen Bereichen setzen und das es auch schon gab, lange bevor das Internet erfunden wurde. Eine wie ich finde beruhigende Vorstellung…

    @ Matthias: ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupte, dieses Tool kann es gar nicht geben bzw. darf es gar nicht geben. Warum? So ein Tool wäre eine Art Filtersystem, d.h. es orientiert sich an der Vergangenheit. Damit wäre uns die Möglichkeit genommen, auf neue überraschende Aspekte oder Gesichtspunkte zu stoßen, denn das ist dann im System nicht vorgesehen. Ein solches Tool wäre so gesehen sogar innovationsfeindlich.

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  4. Pingback: Das Rauschen wird lauter | Kulturblogger

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