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Was Kulturpolitik und Peepshows verbindet

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In den Niederlanden hat das höchste Gericht entschieden, dass Peepshows nur sechs statt wie bisher 19 Prozent Mehrwertsteuer zahlen müssen. Diese Nachricht ist nun nicht so sensationell und weltbewegend, dass sie in einem Blog auftauchen muss, in dem es um Kulturmanagement geht. Nein, interessant ist nicht die Tatsache des reduzierten Steuersatzes, sondern die Begründung dafür. Peepshows werden damit nämlich kulturellen Veranstaltungen gleichgestellt. In ihrem Bericht zitiert die Süddeutsche Zeitung das Gericht wie folgt:

„Es gibt eine Bühne, eine Vorstellung und ein zahlendes Publikum – das reicht, um von einem Theater zu sprechen.“

Ich weiß jetzt leider nicht, wie groß das Publikumsaufkommen in einer Peepshow ist, aber Kulturblogger Christian Holst, der den SZ-Artikel entdeckt hat, nutzt diese Vorlage, um sich mit dem zahlenden Theaterpublikum zu beschäftigen.

„Wie neue Publikumsschichten für das Theater erschlossen und begeistert werden können – das ist eine der ganz großen Fragen, die Theaterleute umtreibt. Eine wirklich schlüssige Antwort darauf hat bislang niemand gefunden“,

schreibt er in seinem Blogpost „Ausziehen oder nicht ausziehen?„. Warum das so ist? Christian Holst sieht einen Grund darin, dass man sich

„gedanklich in seinen Vorstellungen darüber festgefahren hat, was Theater überhaupt sein kann und soll?“

Aber ist es wirklich die Aufgabe des Theaters, die Frage nach den eigenen Zielen zu beantworten? Was kann und was soll das Theater? Da haben wir auf der einen Seite die KünstlerInnen, die mit ihrer künstlerischen Arbeit Ziele verfolgen, die auch im künstlerischen Bereich angesiedelt sind. Diese Ziele können individuell und damit höchst unterschiedlich aussehen.

Was aber ist mit dem Management des Theaters? Den Theater- bzw. KulturmanagerInnen? Sollen die auch Ziele formulieren? Wenn es ein kommerziell geführtes Haus ist, dann wird ihr Ziel der wirtschaftliche Erfolg sein. Wie aber sieht es in den Häusern aus, die von öffentlichen Geldern leben? Sind es da auch die KulturmanagerInnen, die festlegen, „was Theater überhaupt sein kann und soll?“.

Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, einen Blick in die aktuelle Ausgabe der kulturpolitischen Mitteilungen zu werfen. Darin versucht Armin Klein in seinem Beitrag „Kulturpolitik vs. Kulturmanagement?“ einige Missverständnisse im Spannungsfeld von Kulturmanagement und Kulturpolitik auszuräumen.

In seinem Beitrag kreidet Klein die Fehlentwicklung, „dass sich öffentliche Kulturbetriebe (ebenso wie die Rundfunkanstalten) seit vielen Jahren immer mehr dem vorgeblichen Marktgeschmack anpassen“, vor allem der Kulturpolitik an, denn

„gerade durch diese Anpassung an den Marktgeschmack verlieren nämlich diese öffentlich getragenen bzw. geförderten Kultureinrichtungen ihre Legitimation, vom Staat subventioniert zu werden.“

Das führt zu der Frage, wer denn eigentlich verantwortlich ist für das, was da in den Theatern, aber natürlich auch allen anderen öffentlich geförderten Kultureinrichtungen passiert? Und hier gelte es, so Klein, anzuerkennen, dass Kulturpolitik und Kulturmanagement auf unterschiedlichen Ebenen agieren. Kulturpolitik entscheide, so behauptet er, über die inhaltliche Ausrichtung, setze die normativen Ziele.

„Hier geht es also in erster Linie um das Was? bzw. um das Wozu? aller aktivierenden Bemühungen der Kulturpolitik, also um Fragen, die nicht »wissenschaftlich « (im Sinne der Fachdisziplin Kulturmanagement), sondern eben nur diskursiv gelöst werden können.“

Kulturmanagement hingegen habe lediglich den Anspruch,

„Auskünfte darüber zu geben, wie die Ziele der Kulturpolitik bestmöglich umgesetzt werden, d.h. wie kulturbetriebliche Prozesse optimiert werden können.“

Jetzt haben wir allerdings das Problem, dass es diesen (kulturpolitischen) Diskurs nicht gibt, das heißt, der normative Überbau für das, was bei uns im Bereich Kunst und Kultur mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, fehlt. Es gibt zwar durchaus noch Gesetze, die für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen, aber gibt es dafür wirklich ein gesellschaftliches Commitment? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass die gesellschaftlichen Diskurse über Kunst und Kultur fehlen. Aus welchen Gründen, darüber kann man spekulieren. Ich vermute, dass es auch die Angst ist, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft sich nicht mehr dafür interessiert und so die Legitimation für die öffentliche Unterstützung verloren gehen könnte.

Dieses Vakuum wird nun sehr häufig von KulturmanagerInnen ausgefüllt, die sich darüber Gedanken machen, „was Theater überhaupt sein kann und soll?“, um diese Frage von Christian Holst noch einmal aufzugreifen. Nur ist es eigentlich nicht ihre Aufgabe, da sie nur für die operative Ebene zuständig sind.

Statt sich aber um die normative Ebene und den damit verbundenen Diskurs zu kümmern, tummeln sich Kulturpolitikerinnen ganz gerne auf der operativen Ebene. Das ist ja auch viel einfacher, denn die dort angepeilten Ziele liegen heute mehrheitlich im betriebswirtschaftlichen Bereich und sind damit messbar. Womit wir dann wieder bei den Peepshows wären.

Zwar ging es im Urteil des niederländischen Gerichts um eine Frage des Steuerrechts. Aber mal ehrlich: wenn Kunst nur noch ein Spektakel sein soll, das möglichst viele BesucherInnen anzieht, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Theater und Peepshow, da hat Christian Holst schon Recht. Es liegt also an den verantwortlichen KulturpolitikerInnen, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Sonst ist es wirklich egal, ob sie für Theater oder Peepshows zuständig sind.

2 Comments Join the Conversation

  1. Ich halte die scharfe Trennung zwischen Kulturpolitik und Kulturmanagern für sehr modellhaft und theoretisch. Wenn zum Beispiel wenn ein Intendantenposten neu besetzt werden soll, läuft das in aller Regel so, dass die zuständige politische Stelle (z.B. das Kulturministerium) eine Findungskommission einsetzt, die aus einer Reihe von Experten besteht. Da sind dann andere Intendanten, der Bühnenverein, Personalvertreter des Hauses, Journalisten, Künstler, Politiker etc. drin und entscheiden zusammen, wer den vakanten Posten bekommen soll. Auf diesem Wege wirken zahlreiche Personen in die normative Ebene hinein, die keine Kulturpolitiker sind. Die politische Entscheidung für oder gegen einen Kandidaten ist dann vor allem eine Entscheidung für oder gegen ein Konzept, das in jedem Fall direkt aus dem Kulturbereich heraus entwickelt wurde und auch in direkter Interaktion mit dem Kulturbereich bewertet wird. Darüber hinaus gilt die Freiheit der Kunst, die gerade heisst, von politischer Seite aus keine inhaltlichen Vorgaben für die Kunst machen zu dürfen. Wenn das Theater sich selbst überflüssig macht, indem es sich in inhaltliche und ästhetische Belanglosigkeit manövriert, dann ist das ein Versagen des Kulturbereichs selber, nicht eins der Politik. Insofern überzeugt mich Kleins Argumentation – wieder einmal – überhaupt nicht. Zudem ist es immer sehr wohlfeil, Verantwortung auf Politiker abzuschieben.

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  2. Ich denke, es gibt solche und solche Entscheidungen, wobei ich das Zahlenverhältnis nicht einzuschätzen vermag. Allerdings gibt es genügend Beispiele, wo künstlerische Konzepte eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben.

    Ich denke, die Besetzung der Intendantenposten in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist da ein recht anschauliches Beispiel.

    Oder die Staatsoper in Wien…

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