All Posts Tagged ‘verlag

Post

Die Digitalisierung des Buches findet schon statt

6 comments

Dass die Musikindustrie sich im Umbruch befindet. ist keine wirkliche Neuigkeit mehr. Die Zahl der unterschiedlichen Ansätze wieder Geld zu verdienen ist mittlerweile so groß, dass es schwer fällt, den Überblick zu bewahren.

In der Buchindustrie geht es (noch) viel ruhiger zu. Aber auch dort ist in den letzten Jahren einiges passiert, wie Rüdiger Wischenbart in der Wochenendausgabe des STANDARD schreibt (leider habe ich dazu keinen Link entdecken können).

Nachdem das elektronische Buch um die Jahrtausendwende herum seinen ersten Hype erlebt hat, erleben wir nach Ansicht von Wischenbart mit der Markteinführung des Kindle und anderer eBook-Reader einen neuen Versuch, uns das digitale Buch schmackhaft zu machen. Im Unterschied zu damals haben sich, so Wischenbart, unser Umgang mit Informationen und unsere Lesegewohnheiten verändert. Die Dominanz von Zeitung, Radio und TV sei gebrochen. Vor allem junge Menschen bilden sich ihre Meinung,

„indem sie bekannte Kolummnisten mit den Kommentaren ihrer Freunde, Kollegen oder Netzbekanntschaften vergleichen“.

Und noch etwas habe sich geändert, so Wischenbart:

„Für junge Leser wird der Zugang zur Information üblicherweise nicht mehr per Stück abgerechnet. Vielmehr bezahlt man für den Zugang selbst eine Art Abonnementgebühr, eine ‚flat rate‘ für Internet oder Handy, über die man sich dann ohne weitere Kosten alle Informationen oder Unterhaltung holt, wann immer und wo immer man möchte.“

Interessant, dass die größten Informationskonzerne auf diesen Zug aufgesprungen sind und dieses Geschäftsmodell übernommen haben. So erwirtschaftet die frühere Thomson-Gruppe, die sich seit der Übernahme der Nachrichtenagentur Reuters Thomson Reuters nennt, nach den Angaben Wischenbarts

„mehr als 80 Prozent ihrer Einnahmen aus digitalen Publikationen und bevorzugt ganz entschieden Informationsdienste, die man im Abonnement Firmen oder Einzelkunden anbieten kann“.

Betrachtet man die zehn größten Verlagsgruppen, dann sehe man, so Wischenbart weiter, dass bereits zwei Drittel der Umsätze aus elektronisch vertriebenen Inhalten bzw. überwiegend digitalen Bildungsangeboten resultieren.

Im Unterschied zu vielen anderen Branchen wird dieser Bereich von europäischen Unternehmen dominiert. Für Wischenbart ist es dabei bemerkenswert, dass die Konzerne noch immer stark durch die Wurzeln ihres Herkunftslandes geprägt seien und außerdem – von Ausnahmen abgesehen – von starken Eigentümerfamilien geführt würden.

Die Verlage haben in diesem Jahr damit begonnen, die digitalen Lesegeräte zu promoten und versprechen, Bestseller künftig auch im dazu passenden Format anzubieten.

Für Wischenbart versteckt sich dahinter entweder eine Werbestrategie oder eine Fehleinschätzung, denn

„für einen – europäischen oder angelsächischen – Bestseller mit einer Auflage von 50.000 oder mehr Exemplaren sorgt der Druck auf Papier wohl noch auf viele Jahre hin für die einfachste und billigste Form der Verbreitung“.

Die digitale Verbreitung sei aber eher etwas für die Werke mit einer geringen Auflage, stellt Wischenbart fest, denn die Kosten für Papier, Druck, Vertrieb und Lagerhaltung würden mindestens die Hälfte des Ladenpreises eines Buches ausmachen.

Er sieht also eher in den Nischen ein Potenzial und verweist auf das Genre der Fantasy-Romane, die in China großteils online zur Verfügung stehen, weil die Geschichten, wie Wischenbart schreibt, für gedruckte Bücher einfach zu umfangreich wären.

Daraus leitet Wischenbart aber nicht das Ende des Buches ab, sondern eher die Entstehung „eine(r) neuen(n), auch wild wuchernde(n) Vielfalt der gleichzeitigen Wege und Möglichkeiten“. Einher werde damit der Niedergang der gewachsenen Geschäftsmodelle gehen, ist Wischenbart überzeugt und prognostiziert

„sehr unterschiedliche Strategien für Große und Kleine, für lokale Verlage oder thematisch spezialisierte Plattformen mit verstreuter Leserschaft“.

Vor allem die Kleinen, denen der Bestseller nicht gelingt, werden sich intensiv um ihr Lesepublikum kümmern. Für sie gelte es, die eigene Community zu gewinnen und zu pflegen, wie Wischenbart es formuliert. Wischenbart liegt sicher nicht falsch, wenn er die Brücke zur Vergangenheit schlägt:

„Wer möchte, kann sich da der Tradition der romantischen Salons zu Beginn des 19. Jahrhunderts besinnen – jetzt verstärkt durch die neuen Informationsmedien und das Internet.“

Die ersten digitalen Strukturen haben sich also bereits herausgebildet. Die eBook-Reader sind nun, wie Wischenbart glaubt, ein weiterer Hinweis, für eine Entwicklung, auf die wir nicht mehr warten müssen, sondern die bereits begonnen hat.

AutorInnen wie Alice Gabathuler oder Martin Gleissner, die ich jetzt hier erwähne, weil ich ihre Blogs lese, aber auch ein bekannter Schriftsteller wie Paulo Coelho haben die Zeichen der Zeit erkannt und betreiben eine ganz neue Form der Leserbindung. Aber auch Veranstaltungsformate wie das von Sabine Gysi initiierte Projekt Salonpalaver weisen in eine Richtung, in der AutorInnen und Publikum sich immer näher kommen.

Darüber hinaus gibt es dann Plattformen, auf denen die LeserInnen Empfehlungen aussprechen können (Amazon) oder sich über ihre Lektüre austauschen (z.B. Shelfari oder readme.cc). Rüdiger Wischenbart hat schon Recht, wenn er feststellt, dass auch für das Buch das digitale Zeitalter schon lange begonnen hat. Trotzdem bleibt es spannend, denn wir alle haben keine Ahnung, was die Zukunft bringen wird.

Post

Wie LeserInnen vom Web2.0 profitieren können

2 comments

Mein Beitrag „Warum Bücher vom Web2.0 profitieren können“ beschäftigte sich mit der Frage, in welcher Form Verlage das Web2.0 nutzen können und welchen Stellenwert Communities für LeserInnen besitzen. Der hängt meist davon ab, welchen Nutzen eine Community ihren UserInnen bieten kann.

Anregungen dazu lassen sich im OCLC (Online Computer Library Center) Report „Sharing, Privacy and Trust in Our Networked World“ finden. Darin geht es nicht um die Verlage und mögliche Vertriebsformen, sondern um die Rolle der öffentlichen Bibliotheken. Wie reagieren Bibliotheken darauf, dass das Internet ein nicht wegzudenkender Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden ist? Und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen, dass wir uns immer häufiger auf „social web sites“ aufhalten?

Die Websites der Bibliotheken verlieren an Attraktivität

In der Zusammenfassung des Reports heißt es, dass die Zahl der InternetuserInnen (in Canada, U.K. und den USA), die Websites von Bibliotheken besuchen, in den letzten beiden Jahren von 30 auf 20 Prozent gesunken ist.

Die Fragestellung lautete:

„…what are the services and incentives that online libraries could offer users to entice them to come back or to visit more often or even devote some of their own time to help create a social library site?“

Die im Rahmen der Studie durchgeführte Befragung ergab wichtige Aufschlüsse, warum „social networks“ besucht werden. Die meistgenannten Gründe waren:

  • „Connect with friends“,
  • „be part of group“,
  • „have fun“,
  • „express myself“.

Vor diesem Hintergrund liefern die VerfasserInnen des Reports eine ganz interessante Beschreibung des Begriffs „social networking“:

„Social networking is doing something more than advancing communications between individuals, driving commerce or speeding connectivity. It is redefining roles, muddying the waters between audience and creator, rules and relationships, trust and security, private and public.“

Ihre Schlussfolgerung daraus:

„And the roles are changing, not just for a few but for everyone, and every service, on the Web.“

Im realen Leben stehen Bibliotheken für Austausch und Dialog

Interessant ist die Tatsache, dass die Bibliotheken im realen Leben als soziale Räume wahrgenommen werden und für Austausch und Dialog stehen. Im virtuellen Raum traut man Bibliotheken diese Rolle aber nicht zu. Obwohl diese zu den Pionieren bei der Nutzung digitaler Dienste gehören, zum Beispiel Datenbanken. Auf dieser Stufe sind sie aber, so das Resumee der AutorInnen, stehengeblieben. Bibliotheken spielen im „social Web“ keine Rolle mehr.

Was aber können Bibliotheken tun, um sich hier wieder ins Spiel zu bringen? Die AutorInnen der Studie hatten folgende Annahme:

„We conceived of a social library as a library of traditional services enhanced by a set of social tools—wikis, blogs, mashups and podcasts. Integrated services, of course, user-friendly for sure and offering superior self-service.“

Aber die ExpertInnen kommen zu dem Ergebnis, dass sie damit falsch liegen.

„The social Web is not being built by augmenting traditional Web sites with new tools. And a social library will not be created by implementing a list of social software features on our current sites. The social Web is being created by opening the doors to the production of the Web, dismantling the current structures and inviting users in to create their content and establish new rules.“

Und diese Erkenntnis ist nicht nur für den Bereich der Bibliotheken wichtig, sondern für uns alle, die wir uns im Internet bewegen. Die AutorInnen des Reports stellen nämlich richtigerweise fest, dass diese Unterscheidung von „normalem“ und „sozialem“ Web bald hinfällig sein wird. In nicht allzuferner Zeit werden „User generated content“ und collaboration tools“ Bestandteil einer jeden Website sein.

Communities laufen Verlagen und Bibliotheken den Rang ab

Was bedeutet das für den Bereich der Bücher? Interessanterweise haben Verlage auf der einen und Bibliotheken auf der anderen Seite noch einen ziemlichen Nachholbedarf in Sachen Internet. Zu füllen scheinen diese Lücke Communities, die den UserInnen die oben beschriebenen Angebote machen. Diese mögen in Europa und den USA durchaus unterschiedlich aussehen und unter völlig anderen Rahmenbedingungen entstehen. Fakt ist aber, dass sie den Verlagen und den Bibliotheken schon weit voraus sind und dass es für beide gar nicht so einfach sein wird, diesen Rückstand aufzuholen.

Noch eine Anmerkung zum Abschluss: Diese Studie habe ich auf Globolibro, einem höchst lesenswerten Bibliotheksblog gefunden. Wer sich mit dem Thema Buch beschäftigt, findet dort viele lesenswerte und anregende Beiträge.

Post

Warum Bücher vom Web2.0 profitieren können

1 comment

Als das Internet aufkam, sahen darin viele das Ende des Buches. Heute können wir davon ausgehen, dass sich diese Prophezeiung nicht erfüllen wird. Auch in vielen Jahren werden wir wohl noch das haptische Vergnügen haben, ein Buch zu lesen.


Quelle: Pixelio

Aber müssen wir das Internet überhaupt als „Feind“ des Buches betrachten? Sollten wir uns nicht vielmehr überlegen, wie wir es zum Nutzen des Buches einsetzen können? Matthias Schwenk hat sich auf seinem Blog bwl zwei null Gedanken darüber gemacht, wie sich „Bücher im Internet vermarkten“ lassen. Er hat sich bei den Verlagen umgesehen, ob und wenn ja, in welcher Form diese auf das Internet und in weiterer Folge auf das Web2.0 beim Vertrieb ihrer Bücher setzen. Herausgekommen ist eine Einteilung in Verlage 1.0 und 2.0.

Aber brauchen die AutorInnen die Verlage überhaupt noch? Erinnern wir uns an die Musikbranche, an das Beispiel Radiohead, die ihre neue CD selbst über das Internet vertreiben. Und das recht erfolgreich. Wie sieht es in der Buchbranche aus?

Adhoc fällt mir dazu Elfriede Jelinek ein, die ihren neuen Roman „Neid“ derzeit kapitelweise auf ihrer Homepage veröffentlicht. Und das kostenlos und ohne einen Verlag im Hintergrund. Schwenk verweist auf Paulo Coelho, der sein eigenes Autorenblog betreibt, im Unterschied zu Elfriede Jelinek aber seine Werke nicht ins Web stellt, sondern das Web2.0 gezielt für Marketingzwecke einsetzt. Neben seinem Blog verfügt er über ein eigenes MySpace-Profil, einen YouTube-Channel und ist auch in Facebook vertreten (erreichbar über sein Blog).

Matthias Schwenk kommt in seinem Beitrag zu dem Ergebnis, dass die Verlage nicht überflüssig werden. Ich denke, Verlage werden nur dann weiterbestehen, wenn es ihnen gelingt, neue Kommunikations- und Vertriebsmodelle zu entwickeln. Schon heute kann ich als Autor meine Werke über verschiedene Plattformen (z.B. Lulu, readbox) vertreiben, ohne die Dienste eines Verlages in Anspruch nehmen zu müssen.

Wohin die Reise gehen könnte, zeigen Communities, in denen LeserInnen die Möglichkeit haben, ihre Lieblingsbücher vorzustellen und darüber zu diskuieren. Matthias Schwenk hat sich dankenswerterweise zwei von ihnen angeschaut und die Ergebnisse in seinem Beitrag „Über Bücher im Netz diskutieren: Shelfari und readme.cc“ zusammengefasst.

Für ihn ist readme.cc ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte und begründet das explizit mit zwei Punkten:

  1. readme.cc ist noch nicht im Web2.0 angekommen und wirkt optisch „altbacken und schwerfällig“.
  2. readme.cc zeigt die Buchcover nicht, um keine Werbung für die Verlage zu machen.

Mir ist beim Vergleich der beiden Communities etwas ganz anderes aufgefallen. Während readme.cc von der EU und einem österreichischen Ministerium gefördert wird, hat Shelfari sich auf die Suche nach Investoren gemacht und unter anderem Amazon von der Idee überzeugen können.

Hier geht es daher meiner Meinung nach um ganz grundlegende Mentalitätsunterschiede. In Europa werden solche Projekte subventioniert, in den USA sind solche Vorhaben für Investoren attraktiv. Wie würden einheimische Investoren reagieren, wenn man ihnen so ein Projekt präsentieren würde? Das ist die spannende Frage.

Und wie sieht es auf der Seite der LeserInnen bzw. der UserInnen dieser Plattformen aus? Ich wage mal die provokante Behauptung, dass auch dort die Mentalitätsunterschiede gewaltig sind und daher die Angebote genau richtig sind. Shelfare für die amerikanische Kultur, readme.cc für die europäische Kultur.

Für mich geht es daher gar nicht so sehr darum welche Community besser oder schlechter ist, sondern um die Frage, was wir von ihr erwarten? Und das bedeutet, wir müssen herausfinden, was die LeserInnen sich wünschen. Denn um die geht es letzten Endes, egal ob ich ein Verlag, AutorIn oder Community bin. Dem Buch wird all das nützen, denn egal, wer mich als Leser anspricht, ich bekomme Informationen über Bücher, die ich in Katalogen nie erhalten habe.