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„…das alltägliche Grauen des Netzes.“

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So stellt sich für Jens Jessen von der ZEIT das Internet dar. „Am Pranger“ ist sein Artikel überschrieben, in dem er das Netz als einen Ort beschreibt, an dem das Aufeinandertreffen verschiedener Millieus zu „Hassexplosionen und Gewaltfantasien“ führt. Der Grund:
„die von allen sozialen und intellektuellen Zugangsschranken befreite Öffentlichkeit.“
Und weil das Internet nichts kostet und die Printmedien schon – der Preis als Barriere, um auf die Barrikade zu gehen – , tobt sich der Pöbel online aus. Schuld ist übrigens das
„herrische Auftreten von Privatkommentatoren, Blogger genannt;“
Was sagen eigentlich Jessens Kollegen dazu, die im Auftrag der ZEIT bloggen? Sind das auch Privatkommentatoren, oder gehören die Blogs der Printmedien in eine eigene Kategorie? Wenn man sich in der Blogosphäre seines Lebens nicht sicher sein kann und dort Hassexplosionen und Gewaltfantasien an der Tagesordnung sind, dann frage ich mich, warum die Zahl der Zeitungen und Magazine, die im Internet ein Weblog betreiben, von Tag zu Tag zunimmt? Ich selbst bin weder Hassexplosionen noch Gewaltfantasien im Internet ausgesetzt. Vielleicht liegt das daran, dass ich mir nicht mit „Provokationen im Netz“ Aufmerksamkeit verschaffen will und deshalb nicht der „kollektiven Neigung (ausgesetzt bin), darauf mit einem Scherbengericht zu antworten.“ Ach ja, und anonym agiere ich auch nicht. Die Frage ist nun, ob dieses Prinzip nur im Internet gilt? Die diversen Talkshows im TV beweisen in meinen Augen das Gegenteil. Mich stimmt es traurig, wenn ich in der ZEIT solche Artikel lesen muss. DAS Internet gibt es nicht, genauso wie es DIE Printmedien nicht gibt. Aber am besten ist es wohl, wenn man darauf mit etwas reagiert, was es im Internet laut Jessen gar nicht gibt: mit Gleichgültigkeit…

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  1. Pingback: Das PM-Blog » Am Pranger: Nur Missverständnisse und Irritationen?

  2. Berechtigte Frage, Michael! Als ich Jessens Artikel gelesen habe, war die erste Reaktion Ärger. Ärger über die Verallgemeinerungen. Aber gerade die Verallgemeinerungen sind es dann auch, die mich dazu gebracht haben, meinem Ärger im Beitrag nicht Luft zu verleihen. Und irgendwo hatte ich dann auch noch sein Video im Hinterkopf, das zu Reaktionen geführt hat, in denen man Jessen unter anderem den Schädel einschlagen wollte.

    So ist dieser Beitrag entstanden, aus einer, ich würde sagen, indifferenten Haltung heraus. Ich habe ihn, eher unbewusst, so offen gelassen, um das Thema vielleicht später in der Diskussion weiterführen zu können. Wobei ich das, wie gesagt, nicht geplant habe. Das ist mir eher so passiert.

    Rainer Helmes hat den Beitrag als Aufhänger verwendet und richtigerweise festgestellt, dass in dem, was Jessen sagt, ein“Fünkchen Wahrheit“ steckt. Als ich seinen Beitrag gelesen habe, ist mir klar geworden, was mich an Jessens Beitrag stört. Was mich auch an seinem Video schon gestört hat. Es geht um den Beziehungsaspekt, den Friedemann Schulz von Thun in seinen „vier Seiten einer Nachricht“ beschrieben hat. Hierin bringen wir zum Ausdruck, was wir von unserem Gegenüber halten, wie wir zu ihm stehen.

    Und auf dieser Ebene ist Jessen meinem Empfinden nach aggressiv und auch verletzend. Sowohl sein Video als auch sein Artikel enthalten jede Menge Wahrheiten, aber die Art und Weise, wie er mir seine Meinung an den Kopf wirft, verursacht bei mir Unbehagen.

    Wenn Jessen das Internet nun in seinem Artikel als einen Ort des „alltäglichen Grauens“ beschreibt, dann frage ich mich, warum er als Kommunikationsexperte auf dieser Schiene fährt? Rainer Helmes hat in seinem Beitrag darauf hingewiesen, dass in der Online-Kommunikation Missverständnisse vorprogrammiert sind. Für mich spielt Jessen damit, in dem er z.B. von DEM Internet spricht. DAS Internet? Was ist das bitte?

    Und so ist auch meine Feststellung zu verstehen, dass mich ein solcher Artikel in der ZEIT traurig macht, denn er macht sich nicht ernsthaft Gedanken darüber, wie Kommunikation online funktionieren kann und sollte, sondern er arbeitet mit Bewertungen. Wir da oben in der Zeitung und ihr da unten im Internet.

    Das ist jetzt quasi die Fortsetzung des Beitrags geworden. Sozusagen work in progress ;-)

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  3. Ich glaube, das eigentliche Problem von Herrn Jessen (und den vielen anderen Journalisten, die Ähnliches äußern) ist, dass viele Blog-Angebote viel zu gut sind. Schließlich ist das Konkurrenz. Sicher nicht ganz unmittelbar, aber wer anfängt Blogs zu lesen, hat weniger Zeit, die Zeit zu lesen, die Jessens Gehalt bezahlt.

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  4. Der Vorwurf an Jessen ist völlig berechtigt!

    Abhängig davon, ob wir mehr „logisch“ oder mehr „emotional“ denken, nehmen wir Botschaften anders auf.

    Sehr gut gefällt mir der Hinweis auf das „4-Ohren-Modell“ von Friedemann Schulz von Thun.

    Jeder, der eine breite Öffentlichtkeit – d.h. viele völlig unterschiedlich „tickende“ Empfänger – erreichen will, muss seinen Text (gilt auch für eine Rede bzw. einen Vortrag) so gestalten, dass alle „4 Ohren“ der Empfänger die Botschaft widerspruchsfrei aufnehmen.

    Sobald „unsere 4 Ohren“ einen Widerspruch wahrnehmen, wird die gesamte Botschaft für uns unglaubwürdig – wir lehnen diese dann komplett ab.

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  5. @ Christian: Ich will ja immer noch nicht glauben, dass es die „Angst“ vor der Konkurrenz ist, die zu solchen Ergebnissen führt. Ohne dieses Thema jetzt auszubreiten: Zeitungen und Blogs sind eine ideale Ergänzung, ich möchte auf beide nicht verzichten. Und das kann ich als jemand sagen, der nicht nur die ZEIT abonniert hat, sondern auch noch zwei Tageszeitungen.

    @ Rainer Helmes: Vor allem auf der Beziehungsebene sollte man seinem Gegenüber nichts „reindrücken“, sonst habe ich beim eigentlich Thema keine Chance, obwohl es da vielleicht sogar Übereinstimmung gibt.

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