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Das Volkskundemuseum als Veranstaltungsort des stARTcamp 2019
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Das Internet als ein demokratischer Diskursort

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Im Vorfeld des stARTcamps habe ich Dr. Matthias Beitl, dem Direktor des Volkskundemuseum Wien, per Email einige Fragen gestellt.

Kulturmanagement Blog: Zuerst einmal möchte ich mich bei Ihnen für die Gastfreundschaft bedanken. Wir freuen uns, heute bei Ihnen mit dem stARTcamp zu Gast sein zu dürfen. Das Volkskundemuseum ist ein sehr geschichtsträchtiges Museum, es wurde bereits 1895 gegründet. Ich habe in den Jahren, in denen wir mit dem stARTcamp in einer Kultureinrichtung zu Gast waren, fast immer im Vorfeld ein Interview geführt, in dem es um den digitalen Wandel ging. Das empfinde ich bei einem Haus mit so einer langen Geschichte als besonders interessant.

Im Mission Statement kann man nachlesen, dass sich das Haus in der Auseinandersetzung mit seinen Sammlungen mit der Kultur und ihren materiellen Äußerungen beschäftigt. Dabei geht es um Selbst- und Fremdbilder, um Identitäten und Vorstellungswelten sowie um soziale Räume und gesellschaftliche Prozesse. Welche Rolle spielt denn in all diesen Entwicklungen, die Sie beobachten der digitale Raum, der ja vor allem ein sozialer Raum ist, weil er letzten Endes von der Dynamik, der Interaktion lebt?

Der digitale Raum als ein Ort der Versammlung und Auseinandersetzung

Matthias Beitl: Als Museum nützen wir den digitalen Raum, um unsere Inhalte und Haltung zu kommunizieren. Da Museen keine neutralen Orte, sondern Dealer von Wissen und Werten sind, ist der digitale Raum ein wesentlicher Teil der Vermittlungsarbeit. Konkret auf unsere Inhalte bezogen sehen wir den digitalen Raum als einen politischen Raum im Sinne der Agora, als einen Ort der Versammlung und Auseinandersetzung. Das steht jedoch im Gegensatz zu dem „Hassraum“, den bestimmte politische Haltungen durch ihre ideologischen Funken zünden.

Abgesehen davon ist der digitale Raum für uns auch das „Feld“ und somit Teil der Empirie. Dort bilden sich ja gesellschaftliche Prozesse ab, deren spezifische Phänomene sich dann entweder gesamtheitlich oder auch nur zeichenhaft niederschlagen.

Kulturmanagement Blog: Sie verstehen das Museum als einen Ort, an dem gesellschaftliche Diskurse geführt werden. Ich habe den Eindruck, dass wir unsere Diskursfähigkeit mehr und mehr verlieren, obwohl wir immer mehr Kanäle dafür zur Verfügung haben. Wie sehen und erleben Sie die Entwicklung? Hat das Internet neue Diskursräume eröffnet? Oder sind die für den gesellschaftlichen Diskurs gar nicht (mehr) geeignet, Stichwort Filterblase?

Matthias Beitl: Ich glaube an Diskursräume im Internet, aber es ist halt ein emotionales Schreimedium. Im Grunde ist es ein sehr demokratischer Diskursort, in dem sich jede und jeder betätigen kann. Dabei schält sich natürlich die Realität von Charakter, Bildung, sozialer Bedingung heraus. Wir lernen direkter über Wertegefüge von Menschen, zumindest von jenen, die sich äußern.

Allerdings weiß man auch nicht mehr genau, wer dann die maschinengesteuerten Trolle sind und wer noch echt ist, in diesem Raum. Das ruiniert natürlich den Möglichkeitsraum, und wenn Behauptungen mittels Big Data individuell portioniert verabreicht werden, dann sperren wir uns selber ein.

Kulturmanagement Blog: Eva Menasse hat in einem Artikel in der NZZ den Standpunkt vertreten, dass die Digitalisierung unsere Kommunikation zerstört hat und wir nur noch eine personalisierte Öffentlichkeit haben, in der es keinen Streit und keinen Kompromiss gibt. Mark Zuckerberg propagiert gerade den Rückzug ins Private. Wo können wir denn den gesellschaftlichen Diskurs noch führen, wo führen Sie ihn als Museum?

Mitmachen im digitalen Raum ist schon fast demokratische Pflicht

Matthias Beitl: Ohne zu wissen, wie Zuckerberg seinen Rückzug ins Private sieht – und es ist auch egal – macht es schon Sinn, sich genau zu überlegen, wie sehr man „sich interagieren lassen will“. Bezogen auf Diskurse und Haltung meine ich, dass es Zeiten gibt, in denen ein Mitmachen im digitalen Raum fast schon demokratische Pflicht ist. Wenn wir mit Haltung und Körper auf die Demo gehen, sollten wir auch mit Haltung im virtuellen Raum unterwegs sein.

Matthias Beitl, Direktor des Volkskundemuseum Wien
Foto: Inge Prader

Ich finde, unsere Kommunikation ist nicht zerstört. Ich denke an die vielen Interessensgruppen, denen es um Austausch und gemeinsame Interessen geht. Jede und jeder hat mehr Wahlfreiheit, alle sind Autorinnen und Autoren – wir sollten darauf Bedacht nehmen, was das bildungspolitisch heißt. Selbst wenn die medialen Inhalte immer kürzer und bildhafter werden, müssen wir uns zu jeder Zeit über die Auswirkung unseres Beitrags auf das Gesamtsystem im Klaren sein – das ist eine Verantwortung.

Kulturmanagement Blog: Wenn die sozialen Netzwerke angeblich out sind, nutzen Sie Facebook & Co überhaupt (noch)?

Facebook und Instagram als kommunikative Primärflächen

Matthias Beitl: Für uns sind Facebook und Instagram kommunikative Primärflächen, da wir kein Geld für klassische Werbeflächen haben. Da wir aber an so etwas wie einer polyphonen Institution arbeiten, wollen wir uns bemühen, weitere Kanäle – wie zum Beispiel Twitter – zu erschließen und laden auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, als Botschafterin und Botschafter des Museums im digitalen Raum unterwegs zu sein. Hier geht es um Fragen der gemeinsamen Haltung und des individuellen Sprechens darüber.

Kulturmanagement Blog: Sie sind ein Museum jenseits des Spektakulären. Wie schafft man es in einer Zeit, wo nur Superlativen zu zählen scheinen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und sie nicht sofort wieder zu verlieren?

Matthias Beitl: Wir machen Projekte, weil sie uns wichtig erscheinen. Wir arbeiten im Sinne einer Plattform mit vielen externen Initiativen zusammen, weil wir meinen, dass sie notwendig sind. Jenseits der Superlative lebt es sich interessanter, freier, herausfordernder, und die Effekte der eigenen Arbeit sind direkter ablesbar. Es ist ein persönlicheres Erlebnis, jenseits der Spektakulären, und ich glaube, dass Menschen solche kleinen übersichtlichen Räume mögen und brauchen.

Kulturmanagement Blog: Welche Kanäle nutzen Sie für Ihr Marketing und wieviel Zeit planen Sie für Ihre Onlineaktivitäten ein?

Matthias Beitl: Zurzeit nutzen wir Facebook und Instagram als Museum und durch ein paar von uns, die persönlich rund herum aktiv sind. Mit Newsletter arbeiten wir natürlich auch, außerdem legen wir großen Wert auf die Aktualität und Qualität unserer Homepage. Die Frage nach der Zeit ist schwierig, das hängt sehr von der Dichte des Programms ab. 10-20 Stunden pro Woche werden es wohl sein.

Kulturmanagement Blog: Und zum Schluss noch eine Frage, die ich anderen Kultureinrichtungen auch schon gestellt habe: Verändern sich durch die Digitalisierung Prozesse und Strukturen in Ihrem Museum?

Matthias Beitl: Ja sicher, beispielweise die Archivarbeit. Bei einer Sortierung und Aufarbeitung des Archivs werden viele interessante Inhalte zu Tage gefördert. Für ein Storytelling aus diesem Fundus sind digitale Kanäle bestens geeignet. Und dann ist da noch der ganze Sammlungsdigitalisierungsbereich, die Online Sammlungen, das Online Repositorium unseres Verlags, etc. Im Rahmen unserer Möglichkeiten sind wir schon mitten in der Digitalisierung.

Kulturmanagement Blog: Danke für Ihre Antworten!



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Wenn die Reichweite auf Facebook über die Höhe der Förderung entscheidet

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Foto von Jad Limcaco auf Unsplash Um es kurz zu machen: Es gibt verschiedene Kriterien für die Vergabe von Fördergeldern im Kunst- und Kulturbereich. Oft werden Innovation und die Qualität der Arbeit genannt. Das Problem: Es handelt sich um zwei sehr dehnbare Begriffe. Sehr viel leichter ist es, Auslastungsgrad und/oder Besucherzahlen als Kriterien heranzuziehen. Was aber ist, wenn Kultureinrichtungen nun auch im virtuellen Raum aktiv werden? Da gab es zum Beispiel vor fast 6 Jahren das Maxim Gorki Theater mit seiner Live-Aufführung der Effi Briest auf Facebook.
Oder das Rijksmuseum, das seine Werke online zur Verfügung stellt und sie darüber hinaus auch zum Download beziehungsweise zur Bearbeitung anbietet. Das heeresgeschichtliche Museum in Wien geht noch einen Schritt weiter und lädt zu eine virtuellen Rundgang durch seine Ausstellungsräume ein. Ist es da nicht an der Zeit, nicht nur die BesucherInnen vor Ort zu zählen, sondern auch die, die die Online-Angebote nutzen? Gut, nur die Reichweite der Facebook-Seite als ein Kriterium für eine Förderung heranzuziehen, ist vielleicht nicht ganz fair. Eigentlich müsste es die organische Reichweite sein, schließlich habe sonst die großen Kultureinrichtungen einen Wettbewerbsvorteil. Sie können mit bezahlten Postings und Werbeanzeigen arbeiten. Wobei es natürlich auch nicht sinnvoll ist, sich nur auf Facebook zu beschränken. Vielleicht sollten wir besser den Klout-Wert als Maßstab verwenden? Er umfasst die Aktivitäten der diversen sozialen Netzwerke. Und später, wenn wir dann an dem Punkt angekommen sind, an dem auch die Aktivitäten vor Ort in diesen Wert einfließen, können wir dann wirklich einen auf der Basis von Algorithmen erstellten Wert als Gradmesser für die Vergabe von Fördermitteln verwenden, oder? Wenn Ihr Pulsschlag sich gerade ein wenig erhöht hat und Sie schon überlegen, was für böse Worte Ihr Kommentar enthalten wird, kann ich Sie beruhigen. Ob Facebook-Reichweite oder Klout-Wert, bis jetzt ist das nur eine Fiktion, eine von „95 Thesen zu #theaterimnetz“. Sie kommen von den Kulturfritzen und entstanden während der letzten „Theater & Netz“-Konferenz, organisiert von der Heinrich Böll Stiftung und nachtkritik.de. Aber: Ist der Gedanke, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Facebookaktivitäten von Kultureinrichtungen sich auf die Fördervergabe auswirken und sich die Höhe der Fördergelder an deren organischer Reichweite auf Facebook orientiert (These 48), so abwegig? Ich denke nicht. Auch der 50. These kann ich viel abgewinnen:
„Das Programmheft steht nach dem Theaterbesuch als eBook kostenlos zur Verfügung.“
Gut, über das kostenlos lässt sich streiten, denn warum soll ein inhaltlich und auch optisch qualitativ hochwertiges Digitorial kostenlos sein, während wir für die Printversion ohne mit der Wimper zu zucken, das Portemonnaie öffnen? Während wir alte Ausstellungskataloge schon seit längerer Zeit kostenlos downloaden können, zum Beispiel die der Kunsthalle Wien oder des Metropolitan Museum of Art, gibt es das im Theaterbereich anscheinend noch nicht. Zumindest bin ich nicht fündig geworden. Was schade ist, denn ich habe in den letzten Jahrzehnten nicht nur tolle Ausstellungskataloge gesehen, sondern auch wunderbare Programmhefte in den verschiedenen Theaterhäusern. Was passiert mit all diesen alten „Büchern“, in denen das dramaturgische Grundkonzept der jeweiligen Produktion zu finden ist? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, mir gefallen die 95 Thesen. Etliche sollten oder könnten heute eigentlich schon umgesetzt sein, zum Beispiel These 31: „Ein WhatsApp-Service informiert über Restkarten.“ Dieses Angebot kommt mir so selbstverständlich (und auch nützlich) vor, dass ich vermute, dass irgendein Theater diesen Service schon heute anbietet und ich ihn nur nicht entdecken konnte. Oder These 35: „Die Theater-App ersetzt das Ticket-Büro.“ Schon klar, nicht alle kaufen ihre Tickets online, aber die Theater-Apps gibt es ja heute schon. Ich denke, es ist eine Frage der Zeit, wann die ersten Kartenvorverkaufsstellen geschlossen werden, weil sie kaum oder nicht mehr genutzt werden. Diese hier könnte auch sofort umgesetzt werden (These 40): „Pausengetränke-Vorbestellung jetzt auch als In-App-Kauf möglich.“ Oder diese (These 77): „Blogger gestalten zusammen mit der Dramaturgie das Programmheft als Online-Magazin.“ Natürlich gibt es auch ein paar völlig abwegige Thesen, etwa „Alle Theater entwickeln Social-Media-Guidelines für ihre Mitarbeiter“ (These 66) oder „Jedes Theater hat eine Social-Media-Strategie“ (These 25). 😉 Aber wäre ich ein Theater, dann würde ich mir diese 95 Thesen ganz genau ansehen und überlegen, welche ich umsetzen kann. Womit wir wieder beim Thema Innovation angekommen wären. Eine These liegt mir aber besonders am Herzen: „Theater als Diskursort erlebt seine Renaissance.“ Sie steht an dritter Stelle dieses Thesenpapiers und das nicht ganz zufällig. Schließlich ging es ja auch bei der Konferenz „Theater & Netz“ Anfang Mai 2017 in Berlin um Filterblasen, Echokammern, Fake News und die Tatsache, dass wir gar nicht mehr miteinander reden können. Wir verlernen es, weil wir alle in unseren Filterblasen leben, in denen Andersdenkende gar nicht vorkommen. Hier kann Theater eine wichtige Rolle übernehmen, nämlich der Ort zu werden, an dem der Diskurs noch möglich ist und gepflegt wird. Mit diesem Blogbeitrag nehme ich an der Blogparade der Kulturfritzen teil, die dazu aufgerufen hatten, diese Thesen zu diskutieren. Mein Beitrag kommt leider einen Tag zu spät, ich hoffe, Anne und Marc sehen es mir nach. Aber so sehe ich, wer sich daran beteiligt hat und wer nicht. Unter den zehn sehr lesenswerten Beiträgen ist leider keiner von einem Theater dabei. Schade. Aber wir können ja ausmachen, dass jedes Theater eine der Thesen aufgreift und umsetzt. Deal? ;-)
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Literaturausstellungen im virtuellen Raum #literafutur

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Eingang Schloss Blutenburg Eingang Schloss Blutenburg„; By Björn Láczay (CC BY-SA 2.0) Man fühlt sich in die weit entfernte Vergangenheit zurückversetzt, wenn man durch dieses Tor das Schloss Blutenburg betritt. Vor rund einem halben Jahrtausend als Jagdschloss weit vor den Toren der Stadt genutzt, liegt es heute im Münchener Stadtteil Obermenzing, direkt am Beginn der Autobahn Richtung Stuttgart und ist Sitz der Internationalen Jugendbibliothek. Nicht um die Vergangenheit, sondern um ein Zukunftsthema ging es letzte Woche hinter diesen Mauern, denn deren Direktorin, Frau Dr. Raabe, hatte zu „Liter[fu]tur“ eingeladen, einer Veranstaltung, bei der es einen ganzen Tag um die Frage gehen sollte, wie die Zukunft von Literaturausstellungen im Internet aussehen könnte? Die Ausgangssituation war komplex, aber spannend. Im Rahmen eines World-Café gab es drei Thementische, an denen es um Fluchtgeschichten in der Kinder- und Jugendliteratur, um Sportgeschichten (ebenfalls im Bereich Kinder- und Jugendliteratur) sowie um das Michael Ende-Museum ging. Die TeilnehmerInnen dieser Veranstaltung hatten sehr unterschiedliche Hintergründe und kamen aus den Bereichen Literatur, Kommunikation (Schwerpunkt Social Media) und Technik (Augmented Reality und ähnliches Teufelszeug). Und damit es nicht zu einfach wird, brachte die Leiterin der Jugendbibliothek in ihrem Inpulsvortrag noch die vier Eckpfeiler einer Ausstellung ins Spiel, nämlich
  • das Exponat, also „die Ansammlung von Materialien, die in einer Ausstellung in sinnvolle Zusammenhänge gebracht werden“,
  • Paratexte, die den Exponaten die entsprechende Bedeutung zuweisen,
  • die räumliche Inszenierung und
  • die AusstellungsbesucherInnen.
In jeder von insgesamt drei Runden mussten sich die TeilnehmerInnen an den einzelnen Tischen vorab für eines dieser vier Punkte entscheiden. Ein interessantes Ergebnis vorweg: Kein Tisch beschäftigte sich mit den Paratexten. Rückschlüsse vermag ich nicht daraus zu ziehen und kann deshalb nicht einschätzen, ob das Thema so uninteressant ist oder etwa Paratexte im Internet eine Selbstverständlichkeit sind. Da ich die Veranstaltung moderieren durfte, war ich nie direkt in die intensiv geführten Diskussionen involviert, hatte aber den Vorteil, überall reinhören und am Ende die Ergebnisse zusammenfassen zu dürfen. Wenn ich jetzt hier ein paar der letzte Woche in München diskutierten Punkte anspreche, erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern greife mir sehr subjektiv einige Aspekte heraus. Eine der interessantesten Erfahrungen war es für mich zu erleben, wie Menschen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen (Literatur, Kommunikation, Technik) auch ganz unterschiedlich an das Thema herangehen. Um das etwas zuzuspitzen, gab es in der Einstiegsrunde sehr homogene Gruppen, d.h. die Literaturmenschen waren genauso unter sich wie die Kommunikations- und die Technikmenschen. Die Ergebnisse an den drei Tischen waren so völlig unterschiedlich und die Vorgaben für die nächsten Runden dementsprechend herausfordernd. Aber am Ende lief es dann doch auf einzelne Punkte hinaus, die unabhängig von beruflicher Herkunft und Thema alle beschäftigt haben. So ist es im Hinblick auf die „BesucherInnen“ einer virtuellen Literaturausstellung für alle das große Ziel, sie emotional anzusprechen und ihnen ein sinnliches Erleben zu ermöglichen. Das kann mit Hilfe von Bildern, Videos oder auch Audiobeiträgen geschehen, allerdings gilt es, sich sehr genau zu überlegen, welche Zielgruppen angesprochen werden sollen, vor allem im Hinblick auf partizipative Ansätze, die natürlich ein Thema waren. Spätestens an diesem Punkt kam das Thema Marketing ins Spiel. Während es den einen eher um Interaktion und virale Effekte ging, damit die virtuelle Ausstellung überhaupt gefunden werden kann, überwog bei den anderen der Vermittlungsgedanke. Ich denke, die Abgrenzung zwischen Marketing und Vermittlung ist auch deshalb so schwierig, weil wir nicht genau sagen können, wo die virtuelle Ausstellung aufhört und das Marketing anfängt (oder umgekehrt). Litera[Fu]tur © Internationale Jugendbibliothek München Während die BesucherInnen noch halbwegs greifbar sind, ist das bei den Exponaten nicht mehr so einfach. Immer wieder tauchte die Frage auf, ob eine virtuelle Literaturausstellung für sich alleine stehen oder an eine real existierende Ausstellung angeschlossen werden soll? Während ich in der klassischen Ausstellung Bücher als Exponate verwenden kann, kommt im virtuellen Raum noch eine Ebene dazu. Hier kann ich nur das Bild eines Buches zeigen, in dem der Text zu finden ist. Welche Rolle spielt der literarische Text in einer virtuellen Literaturausstellung? Kann ich den ganzen Text online stellen und die Linearität des Textes, die mir gleichzeitig als Orientierungsrahmen dient, mit Hilfe von Hyperlinks aufbrechen und so Platz für die „räumliche Inszenierung“ schaffen? Und welche Rolle spielt User Generated Content? In der klassischen Literaturausstellung existiert er nicht, im virtuellen Raum kann er technisch gesehen verhältnismäßig leicht eingebunden werden. Aber möchte ich das als KuratorIn überhaupt? Und wenn ja, sind das dann lediglich additive Exponate und welche Rolle spielen sie? Auf diese wie auch auf viele andere Fragen haben wir an diesem Tag keine endgültigen Antworten gefunden, eher neue Fragen. Aber das war auch das Schöne und Inspirierende an diesem Tag, wir mussten keine fertigen Lösungen finden. Aber es sind viele Ideen aufgetaucht, die es sich weiter zu verfolgen lohnt. Aber es ging nicht nur um tolle Einfälle und kreative Ideen, sondern auch um die Voraussetzungen für eine virtuelle Literaturausstellung. Sämtliche Exponate müssen nicht nur in digitaler Form vorhanden sein, sondern es gilt auch, diese Daten in eine entsprechende Struktur zu geben. Ob wir es Nomenklatur, Ontologie, Taxonomy oder Normdatensatz nennen, spielt gar keine entscheidende Rolle. Sollen die Daten später etwa gefiltert werden, bedarf es einer entsprechenden Ordnung. Auch sehr wichtig, vor allem wenn es um das Marketing, insbesondere Social Media geht: Die Objekte müssen teilbar sein, um sie in den sozialen Netzwerken zirkulieren zu lassen und so virale Effekte zu erzeugen. Vernetzung ist aber nicht nur in Sachen Marketing gefragt. Auch die inhaltliche Beschäftigung mit einem Thema ist wohl dann besonders nachhaltig, wenn es mir gelingt, die BesucherInnen  zum gemeinsamen Tun zu bringen. Aus bilateralen Beziehungen zwischen einem Museum und seinen jeweiligen BesucherInnen werden mulitlaterale Beziehungen, wenn letztere sich ebenfalls vernetzen. Spiele sind ein oft verwendeter Ansatz, um dieses Ziel zu erreichen.  Vernetzung und die daraus resultierende Kommunikation fallen dann leicht, wenn das Thema User Experience eine Rolle spielt. Dass auch (transmediales) Storytelling beziehungsweise die Entwicklung von Storywelten von großer Bedeutung ist, muss nicht extra erwähnt werden. So wird aus dem digitalen Erzählen ein digitales Erleben. Kurz: Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Tag mit einer Reihe von ExpertInnen verbringen durfte und wir ausgiebig über dieses Thema diskutieren konnten. Ich habe viele Anregungen und Impulse mitgenommen und hoffe, dass diese Veranstaltung irgendwann einmal fortgesetzt wird. Offene Punkte gibt es mehr als genug. ;-)
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Bericht über die 7. Sitzung der Enquete Internet und digitale Gesellschaft zum Thema Urheberrecht

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Hier nur ein kurzer Hinweis auf die siebte Sitzung der vom Deutschen Bundestag initiierten Enquete Internet und digitale Gesellschaft. Michaela Voigt hat über diese öffentliche Anhörung zum Thema „Entwicklung des Urheberrechts in der digitalen Gesellschaft“ einen sehr ausführlichen Bericht verfasst inkl. vieler nützlicher Links, die unter anderem auf die Vorträge der angehörten ExpertInnen verweisen. Ich muss gestehen, ich bin beeindruckt, wie umfassend solche Veranstaltungen mittlerweile dokumentiert werden. Zu dieser Sitzung existiert nicht nur eine Videoaufzeichnung, sondern es sind, wie schon erwähnt, alle Redebeiträge auch als PDF abrufbar. Die verschiedenen Expertenbeiträge zeichnen ein sehr detailliertes Bild einer Entwicklung, der unser heute geltendes Urheberrecht immer weniger gerecht wird. Hilfreich ist es auch, dass das Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet worden ist. Danke an Michaela Voigt, die mich mit ihrem Bericht erst auf diese Sitzung aufmerksam gemacht hat.
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NPO-Blogparade: Live im Internet, bringt das was?

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Als vor zwei Tagen alle Welt auf das neueste Apple-Produkt wartete, ließ ich mich auch von der Neugierde anstecken und klickte einen der Streams an, über die man direkt die Präsentation des iPad verfolgen konnte. Rund 25.000 UserInnen waren über diesen Stream live dabei, ich vermute, es gab noch viele andere Streams mit ebenfalls stolzen Zuseherzahlen. Aber ich muss gestehen, so neugierig war ich dann doch nicht und nachdem es dort keinerlei Kommunikationsmöglichkeiten gab, war ich schnell wieder weg. Dieses Erlebnis passt ganz gut zur aktuellen Runde der NPO-Blogparade, in der David Röthler die Frage gestellt hat, ob die synchrone Live-Kommunikation im Internet Nonprofit-Einrichtungen etwas bringen kann? Live heißt in dem Fall, etwas wird in Echtzeit übertragen. Live vor Ort wäre etwas anderes, denn mir würden mehr Sinnesorgane zur Verfügung stehen. Im Fall der Apple-Präsentation kam noch ein weiterer Punkt dazu, ich durfte nur passiv zusehen. Kommunizieren konnte ich aber nicht. Zumindest in Ansätzen war das vor kurzem bei der Teilnahme an einem Webinar möglich. Der Chat, der mir zur Verfügung stand, funktionierte allerdings nur bilateral zwischen mir und einem Assistenten des Vortragenden. Multilaterales Kommunizieren war nicht möglich. Und noch ein Erlebnis fällt mir dazu ein, nämlich die mittlerweile berühmte Vodafone-Pressekonferenz. Bei der gab es zwar keine Kommunikationsmöglichkeit zwischen mir und dem Pressekonferenzteam, dafür konnten die Online-„BesucherInnen“ aber miteinander kommunizieren. Das heißt, wir haben es mit drei unterschiedlichen Formen der Live-Übertragung zu tun:
  1. die klassische Live-Übertragung ohne Rückkanal
  2. Live-Übertragung mit Rückkanal, dort aber nur 1:1 Kommunikation möglich
  3. Live-Übertragung ohne Rückkanal, dafür Kommunikationsmöglichkeit der ZuseherInnen untereinander
Bringt die Live-Kommunikation den Nonprofit-Einrichtungen was, hat David Röthler gefragt. Schauen wir uns doch erst einmal die drei Beispiele an. Haben diejenigen, die auf der Bühne standen, etwas davon gehabt? Apple hat sicherlich von diesem Hype profitiert, gelang es doch, die Neugierde nach dem neuen Produkt so zu steigern, dass die Zuschauerzahlen für die dann sehr traditionelle Präsentation verglichen mit der Resonanz einer 08/15-Präsentation gewaltig waren. Der Computerkonzern schaffte es damit also, Aufmerksamkeit zu erregen. Wie aber sieht es aus, wenn ein Museum oder ein Theater auf diese Weise z.B. das kommende Jahresprogramm präsentiert? Genügt es, die Präsentation des Intendanten oder Direktors live via Internet zu übertragen, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu erhalten? Wahrscheinlich nicht. Damit das funktioniert und die UserInnen in diesem Fall einfach nur zusehen und zuhören, bedarf es, neben der Qualität des Produktes, vor allem einer sehr hohen Reputation und einem entsprechend großen Netzwerk. An die weltweite Aufmerksamkeit, die Apple erregt hat, wäre wahrscheinlich nur ein Michael Jackson herangekommen. Auch die Live-Übertragung des letzten U2-Konzertes auf YouTube hatte so eine Dimension, vermute ich. Aber es muss ja nicht weltweit sein. Funktionieren wird diese Form der Live-Kommunikation immer dann, wenn ich innerhalb der Zielgruppe, die ich erreichen möchte, eine hohe Reputation genieße und es dank meines großen Netzwerks auch schaffe, die Aufmerksamkeit auf das „Event“ zu lenken. Je kleiner die Zielgruppe, desto mehr fallen die Kosten für die Live-Übertragung ins Gewicht, d.h. hier gilt es die Kosten-Nutzen-Relation im Auge zu behalten. Kommen wir zu Beispiel zwei, dem Webinar, bei dem ich als UserIn mit einer Person aus dem Veranstalterteam chatten kann. Für mich persönlich war dieses Erlebnis völlig unbefriedigend, was aber auch an der Qualität der Inhalte lag. Wären die Inhalte interessant und entsprechend aufbereit gewesen, dann hätte ich wohl damit leben können. Aber dieses Manko kann auch zum Vorteil werden, wenn dieses Format beispielsweise dazu dient, Menschen in Not- oder Extremsituationen anzusprechen. Es gibt dann  einerseits allgemeine Informationen, die an alle kommuniziert werden. Gleichzeitig haben die einzelnen TeilnehmerInnen die Möglichkeit, sich im bilateralen Chat an eine Vertrauensperson zu wenden. Für den Kunst- und Kulturbereich fällt mir dafür allerdings kein Beispiel ein. Vielleicht haben Sie ja eine Idee? Kommen wir zu Beispiel drei, der Vodafone-Pressekonferenz, die online übertragen wurde und die man als UserIn auch über seinen Facebook-Account kommentieren konnte. Eigentlich keine schlechte Idee, so lange die Stimmung positiv ist. Schlägt diese allerdings um und es ist niemand da, der hier einzugreifen versucht, dann kann daraus ein richtiges Fiasko werden. Ich möchte jetzt aber nicht darüber spekulieren, ob es in diesem Fall gelingen hätte können, mäßigend einzugreifen und die Katastrophe zu verhindern. Tatsache ist aber, dass sich die Veranstalter der Pressekonferenz um diesen Kommunikationskanal gebracht haben. Obwohl sie lobenswerterweise Kanäle zur Verfügung gestellt haben, über die die UserInnen sich austauschen konnten. Vielleicht war die Kommunikation mit den UserInnen auch geplant und klappte aus irgendwelchen Gründen nicht? Auf alle Fälle bietet es sich in einem solchen Fall an, einerseits mit den UserInnen zu kommunizieren und andererseits sich diese auch untereinander austauschen zu lassen. Aber auch in diesem Fall gilt: ich muss über die entsprechende Reputation und Netzwerke verfügen, damit meine Live-Übertragung auch wahrgenommen wird. Sonst passiert das, was vielen auch in der offline-Kommunikation passiert, zum Beispiel bei Pressekonferenzen: man ist (fast) alleine. Ludger Brenner spricht in seinem Beitrag zur aktuellen NPO-Blogparade einen interessanten Punkt an, nämlich die Frage, ob sich mit solchen Aktionen, also mit Live-Übertragungen der Bekanntheitsgrad steigern lässt? Ja und Nein. Ohne Reputation und Netzwerk klappt es, vermute ich, nicht. Wer noch nicht über das entsprechende Standing verfügt, wird das auf sich gestellt nicht schaffen. Das heißt, ich müsste mir zumindest so etwas wie ein Zugpferd suchen. Habe ich eine hohe Reputation, dann werde ich ein solches Format vermutlich nutzen können, mich noch mehr ins Gespräch zu bringen bzw. auf mein Anliegen hinzuweisen. Aber natürlich kann ich die Live-Übertragung als eine Form der Kommunikation innerhalb meiner Community einsetzen. Jedes Theater, Orchester, Museum, etc. kann auf diesem Weg einerseits informieren und sich aus der Information ergebende Fragen zu beantworten versuchen. Gleichzeitig ermögliche ich mit Hilfe z.B. eines öffentlichen Chats die multilaterale Kommunikation. Sehr spannend ist, was Hannes Jähnert in seinem Beitrag zur Blogparade schreibt. Für ihn stellt die Live-Kommunikation via Internet eine Möglichkeit gemeinsamer Kreativität dar. Videokonferenzen, Chats oder Second Life bieten, so ist er überzeugt, die Möglichkeit, verrückte, assoziative Spinnerei zu kultivieren. Wichtig ist aber auch hier natürlich die Möglichkeit der multilateralen Kommunikation. Das heißt, Live-Kommunikation eignet sich sehr wohl für Kunst- und Kultureinrichtungen (wie auch ganz generell für NPO) als ein Instrument, um einerseits Informationen zu streuen und einen Rückkanal zur Verfügung zu stellen. Andererseits eignen sich die diversen Tools auch für den gedanklichen Austausch auf multilateraler Ebene. Szenarien gibt s dafür jede Menge. Sie reichen vom Vereinbaren von Terminen über gemeinsames Brainstorming bis zur Vorstellung von neuen Ideen oder Programmen.
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Mit Musik im Internet Geld verdienen: ein hoffnungsloses Unterfangen?

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Vor einem knappen Monat hat sich Marcel Weiss auf dem netzwertig-Blog die Frage gestellt, „Wie Musiker in Zeiten des Internets Geld verdienen (können)„. Aus ökonomischer Sicht betrachtet, und das war seine Herangehensweise, lässt sich sehr leicht erklären, warum der Preis für die digitale Kopie eines Musikstücks bei Null liegt. Aber, so Weiss:
„Während die Erstellung einer digitalen Kopie keine Kosten verursacht, kostet die Aufnahme eines Musikstücks selbst durchaus etwas.“
Für Weiss bleiben zwei Wege, um die Produktionskosten decken zu können:
  1. eine Kulturflatrate oder
  2. „eine anderweitige Querfinanzierung“, wie er es nennt.
Von der Kulturflatrate hält Marcel Weiss nicht so viel, die Gründe dafür hat er in einem eigenen Blogpost zusammengefasst. Anders sieht das Wolfgang Michal, der auf Carta von den „(übertriebenen) Sorgen des Marcel Weiss“ spricht. Es ist zugegeben nicht leicht, hier eine eindeutige Position zu beziehen, ich persönlich stehe einer Kulturflatrate aber eher skeptisch gegenüber. Mal abgesehen von der Tatsache, dass ich als Internetnutzer fürchte, im Laufe der Zeit für die diversen Contentbereiche eine Flatrate bezahlen zu müssen, egal ob ich die Angebote nutze oder nicht. Und abgesehen von der Tatsache, dass wir es bis jetzt noch immer geschafft haben, aus jeder kleiner Regelung im Laufe der Jahre ein bürokratisches Monster zu schaffen. Eine Flatrate muss auf der einen Seite eingehoben werden, das ist kein so großes Problem, wie Wolfgang Michal richtig feststellt. Es ist, technisch gesehen, auch kein Problem, diese eingenommenen Gelder an die – bleiben wir beim Beispiel Musik – MusikerInnen auszuzahlen, denn es lässt sich ja leicht messen, wessen Werke wie oft genutzt worden sind. Das Problem liegt auf einer anderen Ebene. Es muss nämlich geklärt werden, wer eigentlich alles als MusikerIn gelten darf. Wenn man sich anschaut, nach welch unterschiedlichen Kriterien man in den verschiedenen Ländern als KünstlerIn bezeichnet wird, dann steckt da viel Arbeit darin. Nicht dass es unmöglich ist, aber die Hausaufgaben müssen erst einmal gemacht werden. Außerdem müsste das Verhältnis zwischen geförderter und nichtgeförderter Musik geklärt werden, denn die Entwicklung von Musik findet nicht nur, um es mal vorsichtig zu formulieren, in Hitparaden statt. Müssen sich dann KünstlerInnen für die Flatrate oder für die Förderung entscheiden? Oder gibt es Mischmodelle, etwa anteilige Rückzahlung der Förderung bei kommerziellem Erfolg? Also ganz so einfach wie Wolfgang Michal das Modell der Flatrate darstellt, ist es leider nicht. Marcel Weiss spricht außerdem aber noch von einer „anderweitigen Querfinanzierung“. Für ihn heißt das, MusikerInnen müssen Produkte entwickeln, die – im Gegensatz zur digitalen Kopie – ein wertvolles Gut darstellen, für das die Leute bereit sind, Geld zu zahlen. Weiss nennt in diesem Zusammenhang Konzerte, Merchandising und ähnliche Dinge.  Das heißt, so Weiss:
„Gekauft wird letztlich das knappe Gut (VIP-Zugang, die schöne Verpackung als Souvenir für’s Regal, das Merchandising), die Musikaufnahme ist die Zugabe. Nicht umgekehrt.“
Das mag für den populären Musikbereich funktionieren, aber nicht jede MusikerIn gibt Konzerte bzw. verkauft T-Shirts. Was ist z.B. mit den hochspezialisierten StudiomusikerInnen, die entscheidend zum Erfolg eines Albums beitragen, die aber eigentlich niemand kennt? Wie aber können mögliche Alternativen aussehen? Beim Nachdenken über mögliche Lösungsansätze ist mir Spot.us eingefallen, ein Modell aus dem Journalismus-Bereich. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass JournalistInnen erst dann einen Beitrag recherchieren und schreiben, wenn sich genügend Leute gefunden haben, die den Beitrag vorfinanzieren (das Prinzip habe ich in meinem Beitrag „Artikel durch Crowdfunding finanzieren“ genauer beschrieben). Im Musikbereich fällt mir dazu die Gruppe Marillion ein, die sich ihr aktuelles Album von den Fans vorfinanzieren ließ. Aber auch hier gilt natürlich die Einschränkung, dass dazu ein entsprechender Grad an Reputation vorhanden sein muss, damit die Fans ein Album kaufen, bevor es produziert worden ist. Interessant ist dieser Ansatz aber allemal, denn er verlässt den rein ökonomischen Raum und bringt ein neues Kriterium ins Spiel, den Fairness-Gedanken. Ganz interessant ist in diesem Zusammenhang ein Interview mit dem VWL-Professor Armin Falk in der ZEIT. Die Verhaltensökonomie stellt, so Falk, das Modell vom Homo oeconomicus in Frage und zeigt anhand von Beispielen, dass wir nicht immer vollkommen rational handeln, um unseren Nutzen zu mehren. Fairness bezeichnet Falk als ein Grundbedürfnis von uns, das viele unserer Entscheidungen beeinflusst. Wie hilfreich, dass es angesichts der Finanzkrise gerade um den Fairnessgedanken geht. Vielleicht gelingt es ja, diesen Aspekt mehr in unser Bewusstsein rücken zu lassen? Dafür erhält man wohl derzeit viel Zustimmung, alleine an der Umsetzung wird es hapern, denn erwartet wird so was wie eine Systemumstellung. So quasi von oben verordnet: ab sofort sind wir alle fair. Darauf werden wir wahrscheinlich lange warten können. Aber eigentlich müssen wir darauf gar nicht warten, denn der Vorteil bei diesem Ansatz ist: man kann damit einfach beginnen, egal ob im Musikbereich oder anderswo. Auf den Musikbereich und die digitale Kopie bezogen heißt das: ich habe die Möglichkeit,  entsprechende Beträge an die MusikerInnen zu überweisen. Ob das nun ein fix vorgegebener Betrag ist oder ob ich die Summe frei wählen kann (so wie das Radiohead versucht hat), das muss man ausprobieren. Die Voraussetzung dafür ist in meinen Augen aber auf alle Fälle ein möglichst hohes Maß an Reputation, über das die MusikerIn verfügen muss. Und dann fehlt nur noch ein entsprechendes Tool, mit dem sich die Transaktionskosten senken lassen, denn die sind, obwohl die Transaktion digital erfolgt, immer noch erschreckend hoch. PS: der VWL-Professor Ernst Fehr beschäftigt sich sehr intensiv mit dem Fairness-Gedanken in der Ökonomie und hat jede Menge Publikationen dazu auf seiner Website veröffentlicht.
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Oper außerhalb der Oper scheint zu boomen

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Kino © Gerd Altmann; Pixelio Im letzten Sommer hatte ich noch eine Presseaussendung zitiert, in der es hieß, Live-Übertragungen von Opernaufführungen in Kinos wären für selbige kein Geschäft. Nun lese ich, dass mehr als 11.000 ZuschauerInnen die Live-Übertragung von „Lucia di Lammermoor“ aus der Metropolitan Opera New York in deutschen und österreichischen Kinos sehen wollten. Der erste Auftritt von Anna Netrebko nach ihrer Babypause ist sicher ein nicht zu unterschätzender Faktor, aber es ist trotzdem eine Leistung, wenn die Liveübertragung in 27 ausverkauften Kinosälen über die Bühne geht. Und das bei Ticketpreisen von rund 40 Euro (ich beziehe mich dabei auf mein letztes Blogpost, denn die Darstellung der Ticketpreise ist alles andere als transparent). Die Idee der Met im Kino scheint Anklang zu finden und ich bin gespannt, ob andere Opernhäuser auf diesen Zug aufspringen und entsprechende Kooperationen eingehen. Gar nicht mehr aus dem Haus müssen Fans der Berliner Philharmoniker, die nicht auf das Kino, sondern mit der Digital Concert Hall auf das Internet setzen. Für knapp zehn Euro ist man schon dabei. Eine interessante Entwicklung, die dazu führen könnte, dass sich das Image der Kunstsparte Oper ziemlich verändert. Warum gehen Leute statt ins Opernhaus ins Kino oder schauen sich die Liveübertragung vor ihrem Bildschirm an? Geht es ihnen vielleicht gar nicht so sehr um die Oper an sich, sondern um die Stars? Seien wir ehrlich: „Lucia di Lammermoor“ mag eine schöne Oper sein, aber so ein Renner ist sie nun auch wieder nicht. Ist es also der Starkult, der uns in die Kinos treibt oder entsteht in den Kinos eine neue Form von Gemeinschaftsgefühl, das die Leute anspricht? Wie meint Herbert Kloiber, der die Live-Übertragungen in Deutschland und Österreich organisiert:
„Die hohe Bild- und Tonqualität sowie die Begeisterung darüber, einem unvergesslichen Ereignis beizuwohnen, haben sich herumgesprochen.“
Ist der Opernkonsum am PC dann auch ein „unvergessliches Erlebnis“? Oder läuft die Übertragung nur noch nebenbei? Stehen wir bügelnd im Wohnzimmer und hören uns nebenbei live ein Klavierkonzert von Schuhmann an? Und auch nicht ganz unwichtig: wie reagieren Opernhäuser bzw. Orchester, die nicht so weltbekannt sind wie die Met oder die Berliner Philharmoniker, auf diese Entwicklung? Versuchen sie auch, ein Stück vom Kuchen abzubekommen oder sind diese neuen Einkommensquellen nur den „Großen“ vorbehalten?  Ich bin gespannt, was sich da in den nächsten Monaten alles tut. Update: Auch die New York Times beschäftigt sich mit dem Thema: „Verdi With Popcorn, and Trepidation
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Kunst entdecken im Internet

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In einem Kommentar zu meinem Beitrag „Warum Künstlerplattformen nicht funktionieren“ spricht „michael“ einen interessanten Aspekt an, nämlich den Umgang mit all den Kunstwerken und all den KünstlerInnen, die im Internet zu finden sind. Derzeit wuchert das Internet so vor sich hin und an jeder sprichwörtlichen Ecke tauchen neue Inseln auf, auf denen Kunst gezeigt wird und sich KünstlerInnen präsentieren. Wie damit umgehen? Wenn ich Michael richtig verstanden habe, dann geht es ihm vereinfacht gesagt darum, das, was an Kunst im Internet zu finden ist, in eine Datenbank einzugeben und den UserInnen semantische Suchinstrumente in die Hand zu geben, mit deren Hilfe sie finden können, was sie finden wollen.
„komplexe systeme de-komplexieren, das heisst fragmentieren. und die überlappungen (semantisch) einbeziehen“,
erklärt Michael seine Sichtweise. Häufig unbefriedigende Suchergebnisse bei Google sind ein Hinweis darauf, dass wir hier wirklich anstehen. Google weiß nicht, ob ich mit dem Suchwort „Apache“ den Hubschrauber, die Indianer oder einen Server meine. Die Zahl der Unternehmen, die sich mit semantischen Lösungen beschäftigen, steigt seit Jahren kontinuierlich an und im kleinen Rahmen funktioniert das auch schon recht gut. Aber: abgesehen davon, dass alle Informationen, so sie semantisch aufbereitet werden sollen, in eine eigene maschinenlesbare Sprache übersetzt werden müssen, bedarf es auch einer logischen Verknüpfung all dieser Informationen. Am Ende steht nichts anderes als die Klassifizierung und Verschlagwortung unseres gesamten Wissens. Unabhängig von der Frage, ob wir das wollen oder nicht, müssen wir akzeptieren, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis wir soweit sind. So wir das überhaupt jemals schaffen. Ich kenne ein Unternehmen, das sich damit beschäftigt, die zahllosen Patente, die es mittlerweile gibt, suchbar zu machen. Das Unternehmen hat seine Arbeit nicht erst gestern aufgenommen und trotzdem ist man von einer Systematik noch ziemlich weit entfernt. Das heißt, es wird also noch etwas dauern, bis es soweit ist, dass wir Kunst im Internet semantisch suchen können. Ich bevorzuge nicht nur aus diesem Grund so eine Art digitalen Kurators und habe das schon in mehreren Beiträgen (hier und hier) zu begründen versucht. Auch Steve Rubel hat auf seinem Blog Micro Persuasion schon einmal beschrieben, wie er sich die Zukunft des Internets vorstellt und dabei dem digitalen Kurator eine wichtige Funktion zugedacht. Interessant in diesem Zusammenhang sind auch Aleida und Jan Assmann, die sich mit den verschiedenen Formen von Gedächtnis (sozial, kollektiv und kulturell) befassen und im Endeffekt ist das Internet ja nichts anderes als eine Art digitales Gedächtnis. In der Theorie von Aleida und Jan Assmann kommen Dinge vor, die wir vergessen, alte Schriften, Opern von Komponisten, die heute niemand mehr kennt. Das ist in meinen Augen der entscheidende Punkt: der Umgang mit dieser Vielzahl an Informationseinheiten ist nur möglich, wenn wir auch weiterhin vergessen können. Bestimmte Dinge, die für uns wichtig sind oder uns berühren, werden bleiben, andere werden verschwinden. Insofern stellt sich die Frage, ob es für unsere kulturelle Identität „hilfreich“ ist, wenn wir im Internet nicht auch die Möglichkeit haben zu vergessen. Ich persönlich tendiere dazu zu sagen: ich will gar nicht alles finden können. Und noch etwas spricht meiner Meinung nach gegen den Ansatz, Kunst nach allen möglichen Kriterien suchbar zu machen. Das spannende an der Kunst ist doch, dass ich immer wieder etwas Neues, mir Unbekanntes entdecken kann. Dafür brauche ich eine Art Kurator, jemanden, der das für mich entdeckt hat. Ich selbst kann das Neue in einer Datenbank, mag sie auch noch so ausgeklügelt funktionieren, nicht finden, denn ich kenne es ja noch nicht und weiß daher gar nicht, wonach ich suchen sollte. Wünschenswert ist wahrscheinlich eine Art Mischung aus beidem: ich möchte die Datenbank für die Suche und den Kurator fürs Entdecken.
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„Brauchen wir eigentlich das Internet?“

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telefon © Bernd Boscolo; Pixelio Diese Frage wurde mir vor ein paar Tagen von einer Kulturmanagerin aus dem Theaterbereich gestellt. Im ersten Moment wollte ich diese Frage bejahen. Aber ist das wirklich so? Immerhin gibt es heute noch jede Menge Menschen, die, ob freiwillig oder unfreiwillig, auf die Email verzichten. Die nicht alles in Google nachschlagen, sondern in einem Lexikon. Die unter einem sozialen Netzwerk etwas anderes verstehen als das Kontakte sammeln in Xing. Geht es denen schlechter als uns, die wir ohne das Internet gar nicht mehr auszukommen meinen? Sie leiten Firmen, arbeiten als Anwälte, Handwerker, etc. und haben keine schlechteren Umsätze als die anderen. Es ist auch nicht so, dass sie einsam und verlassen ihr Leben fristen müssen, weil man sich heute nur noch im Internet kennen lernt und trifft. Ganz im Gegenteil, Kerstin Hoffmann hat gestern festgestellt, dass das Bloggen aus ihr eine Langweilerin gemacht hat, die den Kontakt zum realen Leben verloren hat. Also wozu braucht eine Kultureinrichtung das Internet? Information? Welche dürfen es denn sein? Wenn es um künstlerische Inhalte geht, sind beispielsweise Ausstellungskataloge und Bücher eine ganz gute Quelle. Wer ab und zu noch Bibliotheken besucht, weiß, was sich dort für Schätze verbergen. Da findet man mindestens ebensoviel Neues wie im Netz. Und das ganze Drumherum, also etwa die Organisation der nächsten Ausstellung oder des nächsten Gastspiels? Auch da komme ich sehr gut ohne das Internet klar. Ich bin halt anders organisiert. Mit Notiz- und Adressbuch kommt man immer noch sehr weit. Kommunikation: auch früher haben Menschen den Weg ins Museum oder Konzert gefunden. Empfehlungen lassen sich zwar online schneller und weiter verbreiten, aber wann bin ich ins Kino gegangen? Wann habe ich eine Platte gekauft? Richtig, wenn jemand gemeint hat, dass die Platte oder der Film gut sei. Und wie ist das heute? Noch immer gibt es Menschen, die ohne das Internet etwas weiterempfehlen. Miteinander ins Gespräch zu kommen ist eine Kunst, die man beherrschen muss, egal ob online oder offline. Und auch ohne das Internet gibt es wahre Kommunikationsgenies, die es verstehen, Gespräche zu initiieren. Vielleicht sogar schriftlich. Nehmen wir die zahlreichen Briefwechsel, die KünstlerInnen miteinander geführt haben. Sie bieten eine Fülle an Informationen und Einblicken. Emails? Ich fürchte, unsere Emailkommunikation ist nicht annähernd so ergiebig wie viele dieser Briefe. Networking: ich treffe mich heute noch gerne in Cafehäusern. Zugegeben, das geht in Wien besonders gut, aber das ist es nicht. Der Austausch funktioniert anders, ist aber unter Umständen nachhaltiger, denn schließlich trifft man sich ja nicht jeden Tag. Ist es nicht sogar ein Vorteil, wenn ich meine Stakeholder im persönlichen Gespräch erlebe? Erfahre ich da nicht unter Umständen mehr als in einer Email? Es geht also, um die Frage aus der Überschrift zu beantworten, durchaus auch ohne das Internet. Die Frage ist, ob das Sinn macht? Verweigerungshaltung? Privat mag das gehen, aber als Kultureinrichtung? Eher nicht. Die Herausforderung besteht wohl darin, das richtige Maß zu finden. Ausschläge gibt es in beide Richtungen und als jemand, der das Internet intensiv nutzt, wäre es fatal, diejenigen, die es gar nicht oder nur selten nutzen, geringzuschätzen. Die Gefahren, die daraus resultieren, hat Kerstin Hoffmann in ihrem oben erwähnten Blogpost angesprochen. Ein Kommentar dazu hat es recht gut getroffen:
„Leider viel zu wahr, um nur lustig zu sein…“
Es gibt sie noch, die Welt da draußen. ;-)
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„…das alltägliche Grauen des Netzes.“

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So stellt sich für Jens Jessen von der ZEIT das Internet dar. „Am Pranger“ ist sein Artikel überschrieben, in dem er das Netz als einen Ort beschreibt, an dem das Aufeinandertreffen verschiedener Millieus zu „Hassexplosionen und Gewaltfantasien“ führt. Der Grund:
„die von allen sozialen und intellektuellen Zugangsschranken befreite Öffentlichkeit.“
Und weil das Internet nichts kostet und die Printmedien schon – der Preis als Barriere, um auf die Barrikade zu gehen – , tobt sich der Pöbel online aus. Schuld ist übrigens das
„herrische Auftreten von Privatkommentatoren, Blogger genannt;“
Was sagen eigentlich Jessens Kollegen dazu, die im Auftrag der ZEIT bloggen? Sind das auch Privatkommentatoren, oder gehören die Blogs der Printmedien in eine eigene Kategorie? Wenn man sich in der Blogosphäre seines Lebens nicht sicher sein kann und dort Hassexplosionen und Gewaltfantasien an der Tagesordnung sind, dann frage ich mich, warum die Zahl der Zeitungen und Magazine, die im Internet ein Weblog betreiben, von Tag zu Tag zunimmt? Ich selbst bin weder Hassexplosionen noch Gewaltfantasien im Internet ausgesetzt. Vielleicht liegt das daran, dass ich mir nicht mit „Provokationen im Netz“ Aufmerksamkeit verschaffen will und deshalb nicht der „kollektiven Neigung (ausgesetzt bin), darauf mit einem Scherbengericht zu antworten.“ Ach ja, und anonym agiere ich auch nicht. Die Frage ist nun, ob dieses Prinzip nur im Internet gilt? Die diversen Talkshows im TV beweisen in meinen Augen das Gegenteil. Mich stimmt es traurig, wenn ich in der ZEIT solche Artikel lesen muss. DAS Internet gibt es nicht, genauso wie es DIE Printmedien nicht gibt. Aber am besten ist es wohl, wenn man darauf mit etwas reagiert, was es im Internet laut Jessen gar nicht gibt: mit Gleichgültigkeit…