Post Format

Mediapart: wer Qualität verlangt, muss zahlen

2 comments

Ich bin mir sicher, dieser Versuch geht in die Hose. Bei Le Monde wurden sie entlassen, nun versuchen es einige JournalistInnen mit Mediapart. Was dahinter steckt, hat Edwy Plenel, der als ehemaliger Redaktionsleiter bei Le Monde und Gründer von Mediapart vor ein paar Tagen in der Financial TImes Deutschland erklärt. In seinem Gastkommentar „Wider die Gratiskultur“ vertritt er die Überzeugung:

„Solange journalistische Inhalte im Internet verschenkt werden, sind hochwertige Onlineangebote unmöglich. Wer Qualitätsjournalismus im Netz fordert, muss deshalb bereit sein, für ihn zu bezahlen.“

Vereinfacht gesagt: nur bezahltes Schreiben ist gutes Schreiben. Diese Aussage ist lächerlich und lässt sich durch nichts belegen. Sie würde im Umkehrschluss ja auch bedeuten, dass bezahlte Medienangebote per se gut bzw. qualitativ hochwertig sind.

Wenn ich bereit bin, für Content zu zahlen, dann setze ich voraus, dass der qualitativ hochwertig ist. Viel wichtiger ist aber: dieser Content muss für mich einen so hohen Nutzen haben, dass ich bereit bin, dafür zu zahlen. Dieser Nutzen kann darin bestehen, dass ich ihn woanders nicht bekomme oder er Inhalte aus anderen Quellen zusammenfasst und ich dadurch Zeit spare.

Mein Französisch ist nun nicht besonders gut, aber bei Mediapart kann ich diesen Nutzen nicht erkennen. Aber darum scheint es Plenel auch gar nicht zu gehen. Seine Botschaft lautet kurz gefasst: wir sind die Guten und haben es verdient, von Euch, den LeserInnen unterstützt zu werden. Die 90 Euro für diese gute Tat überweisen Sie bitte an…

Auf Facts2.0, wo dieser Artikel diskutiert wird, heißt es in einem Kommentar richtigerweise:

„das ist das berühmte taz-Modell – verbunden mit halbjährlichen Drohungen, sofort ein Abo zu nehmen, ansonsten sei die Zukunft der Zeitung gefährdet.“

Das besondere an diesem Modell schreibt Plenel, sei der partizipative Ansatz:

„Der Name Mediapart steht für „partizipatives Medium“. Statt in der Defensive zu bleiben, sehen wir das Netz als Chance, die Beziehung zwischen Journalisten und Lesern auf eine neue Grundlage zu stellen, um so auf die Kritik am Autismus der Medien zu reagieren.“

Deshalb ist Mediapart nicht nur Zeitung, sondern auch Klub. Damit ich als Leser Teil dieses partizipativen Klubs werden kann, muss ich jährlich 90 Euro Klub- bzw. Abogebühr zahlen. Damit das Modell funktioniert, werden innerhalb der nächsten drei Jahre insgesamt 65.000 Abonnenten benötigt, 25.000 bis Anfang 2009. Rund 7.000 haben sich schon überzeugen lassen.

Die Idee mit dem Klub finde ich ja gar nicht so schlecht. Auch über die partizipativen Elemente lässt sich reden. Aber warum muss Plenel unbedingt die Moralkeule schwingen, um die Leute von seinem Projekt zu überzeugen? Ist das, was wir im Internet finden, wirklich so schlecht? Und brauchen wir Mediapart wirklich, um endlich das zu bekommen, was wir verdienen: qualitativ hochwertigen Journalismus? Ehrlich gesagt glaube ich nicht daran. Eine Zeitung über die Moralschiene zu verkaufen, das kann nicht gutgehen.

Warum gehen Plenel und seine KollegInnen nicht her und beteiligen die LeserInnen an dem Projekt? Warum werden aus Abonnenten nicht Investoren? Dann wäre der Klub wirklich ein Klub, der allen gehört. Und Tausende von Eigentümern würden dafür Sorge tragen, dass das Modell Mediapart in die Welt hinausgetragen wird und neue Investoren anzieht.

Dass ich Investor an einem Zeitungsprojekt bin, würde ich in meinem Bekanntenkreis erzählen, das hat was. Aber über ein abgeschlossenes Abo berichten? Nein, eher nicht. Und aus diesen Überlegungen heraus wage ich die Prophezeiung, dass Mediapart kein langes Leben beschieden sein wird.

Ob Abo oder Investment, damit wäre nur die Anschubfinanzierung geklärt. Wie sieht das ganze aber langfristig aus? Ein Abo wird ja nicht lebenslänglich abgeschlossen, ein Investment erfolgt nur einmalig. Neue Ideen müssten also entwickelt werden, um dem Projekt das Überleben zu sichern.

Warum schreibe ich überhaupt über Mediapart? Ich denke, der Kunst- und Kulturbereich kann davon lernen. Viele Kunst- und Kultureinrichtungen argumentieren ähnlich und sehen das Ende unserer Kultur bevorstehen. Qualität habe eben ihren Preis und deshalb müssten wir sie, die Kulturbetriebe, doch unterstützen, argumentieren sie. Das mag sehr ehrenwert und auch richtig sein, nur lässt sich so niemand dazu bringen, seinen Geldbeutel zu öffnen. Das zeigt die Realität.

Ist es nicht viel sinnvoller, die Leute zu involvieren, sie zu „Klubmitgliedern“ zu machen? Machen wir doch unser Thema zu ihrem Thema. Lassen wir uns vom erhobenen Zeigefinger dazu bringen, die Welt bzw. Kunst und Kultur zu retten? Ich für mich kann diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. Ich will auch gar nicht die Welt retten. Aber sich an einem Projekt beteiligen und Teil eines Ganzen zu sein, das klingt spannend.

PS: Karin Janner hat sich auf ihrem Kulturmarketing Blog mit dem Thema Gratisangebote beschäftigt. In ihrem Beitrag stellt sie die Frage, wie man den Absprung aus dem „Gratisarbeits-Dasein“ schaffen könne? Vielleicht können meine Gedanken dazu beitragen, eine Antwort auf ihre Frage zu finden.

2 Comments Join the Conversation

  1. Hallo Christian,

    ich gebe Dir recht, der erhobene Zeigefinger ist nur sehr bedingt dazu geeignet, Mitglieder für Freundeskreise und Fördervereine oder Abonnenten für Zeitschriften zu bekommen. Das einzige Motiv, das man hat, wenn man sich so zu Mitgliedschaft oder Abo bringen lässt, ist, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Da gibt es sicher bessere Motive.

    Amerikanische Museen machen es uns sehr schön vor, wie es aussieht, wenn sich Förderer als Teil der Einrichtung fühlen. Und wie man es schaffen kann, dass sie davon mehr haben als ein bisschen ein besseres Gewissen.
    (Natürlich müsste man lange, lange ausholen und könnte lang und breit diskutieren über die Unterschiede im deutschen und im amerikanischen System der Kulturfinanzierung… )
    Aber auch, wenn man das nicht tut, kann man sich überlegen, was denn ein potenzielles Mitglied eines Fördervereins oder ein Teilinvestor eines Zeitschriftenprojekts außer Gewissensberuhigung von seinem Engagement haben könnte – was sind denn Motive, auf die man dabei aufbauen kann?

    Deine Beteiligungsidee gefällt mir übrigens sehr gut…

    Reply

  2. Danke Karin für Deinen Kommentar! Du hast Recht, amerikanische Museen sind da ziemlich innovativ, um UnterstützerInnen zu finden. Allerdings funktioniert die Gesellschaft dort auch etwas anders, daher ist dort so etwas wie Philantrophie möglich. Anderen Menschen etwas Gutes zu tun als Gegenleistung für die Möglichkeiten, die die Gesellschaft einem geboten hat, das funktioniert hier nicht. Dafür ist hier die Gesellschaft zuständig…

    Ein Motiv, auf das ich hier bauen würde, ist das Spiel. Eine Teilnehmerin beim letzten Seminar hat mich auf diesen Aspekt gebracht: wenn wir von diesen 1 Dollar-Investitionen sprechen, dann geht es wohl kaum um den Gewinn. Der ist sekundär. Ich könnte mir vorstellen, dass es wirklich das spielerische Moment ist. So eine Art Monopoly. :-)

    Aber vielleicht täusche ich mich auch, keine Ahnung. Man müsste es mal ausprobieren. Mal sehen, wann sich eine Gelegenheit dazu ergibt.

    Reply

Leave a Reply

Required fields are marked *.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.