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Kunstvermittlung: Fehler im System?

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Bild: The Irish Museum of Modern Art„; von William Murphy (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

Am stARTcamp in Münster kam der Vorwurf auf, die Kunstvermittlung sei oft banal und als dann ein paar Tage später Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstgeschichte, in der ZEIT „Stoppt die Banalisierung!“ forderte, begann eine ganz interessante Diskussion. Tanja Praske hat die Links dankenswerterweise gesammelt, und stellt gleich eingangs in ihrem Blogbeitrag die Frage, ob die Kunstvermittlung die Schuld an der Banalisierung der Kunst trage?

Im Wikipedia-Eintrag kann man nachlesen, dass etwas dann banal ist, wenn es einen durchschnittlichen Ideengehalt aufweist. Wenn ich Kunst banalisiere, dann kann das bedeuten, dass ich mit meiner Vermittlungsarbeit der hohen Qualität der Kunst nicht gerecht werde. Es kann aber auch andersherum sein und eine eher banale Kunst erfährt durch die Vermittlungsarbeit eine Aufwertung. Außerdem besteht noch die Möglichkeit der bewusst inszenierten Banalität, um meine Zielgruppe nicht zu überfordern. Ach ja, es kann ja auch sein, dass die Kunst eine ganz tolle ist und die Vermittlungsarbeit ebenso. Theoretisch kann, aber muss Kulturvermittlung also nicht banal sein und wenn sie banal ist, gibt es dafür verschiedene mögliche Ursachen.

Und wie sieht die Praxis aus? Daniel Tyradellis hat vor einem Jahr das Buch „Müde Museen“ (Affiliate Link) veröffentlicht, in dem er den Museen Ideenmangel und fehlenden gedanklichen Tiefgang vorwirft. Für ihn erstarren die Museen in Routine und kümmern sich zuwenig um die Inhalte. Inhalte, auf die die Kunstvermittlung gar keinen Zugriff hat:

„Mangels Zugriff auf den Inhalt wird eine Qualität und Attraktivität auf der Oberfläche angestrebt; hier erst etabliert sich das Verständnis von ‚Vermittlung‘  als methodische und vom konkreten Inhalt weitgehend unabhängige Disziplin“ (Position 653),

schreibt Tyradellis und ist davon überzeugt, dass diese Expertise durchaus Anerkennung in den Museen findet, weil sie das „Terrain der anderen“ nicht bedroht.

Dieser Punkt kommt mir bekannt vor. Frank Tentler erklärt den Kultureinrichtungen schon seit Jahren, dass sie im Bereich Social Media gegenüber allen anderen einen großen Vorteil hätten, weil sie über unendlich viele Inhalte verfügen würden. Das sehe ich auch so, allerdings hat die Sache einen Haken: Die Inhalte bleiben bei denen hängen, die für die inhaltliche Konzeption zuständig sind, alle anderen bekommen die Inhalte entweder gar nicht oder viel zu spät. Ob Kunstvermittlung oder Marketing, was in einer Ausstellung zu sehen ist und welche Konzeption dahinter steckt, das bleibt lange ein Geheimnis. Zu lange, genau aus diesem Grund bleibt die Kunstvermittlung an der Oberfläche und ergeht sich in der Verwendung neuer Technologien. Auch ein vernünftiges Contentmarketing bleibt so auf der Strecke. Beide Bereiche sollten eigentlich den Entstehungsprozess begleiten und entsprechend kommunizieren. Derzeit liegt das Hauptaugenmerk vor allem auf dem fertigen „Produkt“, der Ausstellung.

Dabei sind es vor allem die Inhalte, die mich dazu bringen, eine Ausstellung zu besuchen. Inhalte gibt es aber anfangs noch keine, stattdessen wird lieber auf Namen und die große Anzahl an ausgestellten Werken verwiesen. Mich lockt man damit nicht an und vermutlich geht es nicht nur mir so. Wenn wir mal davon ausgehen, dass die Konzeption einer Ausstellung qualitativ hochwertig ist, dann müssen die Inhalte einfach viel früher kommuniziert werden, um neugierig zu machen, um Menschen für das Thema zu gewinnen und vielleicht sogar deren Expertise nutzen zu können.

Natürlich sind die Strukturen in den Museen über Jahrzehnte beziehungsweise Jahrhunderte gewachsen. Aber ich denke, es wäre an der Zeit, über ihre Veränderung nachzudenken. Nötig ist es in meinen Augen, das gesamte Haus und darüber hinaus alle, die mit der jeweiligen Ausstellung zu tun haben, am Entstehungsprozess zu beteiligen. Sonst wird der Vorwurf der Banalität nicht zum letzten Mal zu hören gewesen sein.

 

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Die „Berliner Grossstadtgeschichten“ verbinden Open Data und Storytelling

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Daten mit Geschichten zu verknüpfen, das ist die Grundidee der Berliner Grossstadtgeschichten. Präsentiert werden

„Zeugnisse und Geschichten von Berlinerinnen und Berlinern – gemeinsam mit Dokumenten aus Archiven, Bibliotheken und Museen. Verknüpft über ihre Orte, mit Fotografien, Ton- und Videoaufnahmen sowie Textdokumenten, von etwa 1900 bis heute.“

Auf diese Weise entstehen virtuelle Ausstellungen, die an das Berlin des 20. Jahrhunderts erinnern und persönliche Einblicke gewähren. Eine schöne Idee, die zeigt, wie aus öffentlich zugänglichen Daten spannende Projekte entstehen.

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Über Facebook, die Jugend und die Frage nach der Qualität

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Für viele Kultureinrichtungen ist das Social Web ein Ort, an dem sie glauben, jüngere Menschen erreichen zu können, die Gründe dafür sind bekannt. Gut, die älteren Menschen sind vielleicht gar nicht so alt und gebrechlich, wie wir immer glauben, aber das ist ein anderes Thema. Wie aber erreiche ich Jugend, die 15, 20 oder 25 Jahre alt ist? Auf den Webseiten der Kultureinrichtungen schauen sie selten oder gar nicht vorbei, mit Twitter kennen wir uns selber nicht aus – aber diese Plattform nutzen sie auch gar nicht, wie man so hört – und auf Facebook löschen sie massenhaft ihre Accounts, um in irgendwelchen dubiosen Messengerangeboten wie Snapchat zu verschwinden.

Wobei: Ein paar scheinen ja doch noch auf Facebook zu sein, aber für die Facebookseiten der Hochkultur interessieren sie sich eher weniger. Wohl mehr für so etwas:

Das ist Mohamed Sartiane, die FAZ hat ihm vor zwei Tagen unter der Überschrift „Ein Mann legt Dortmund lahm“ sogar einen ganzen Artikel gewidmet. Der junge Mann ist 18 Jahre alt und macht dieses Jahr laut Artikel sein Abitur. Wäre das jetzt nicht jemand, für den sich die Kultureinrichtungen interessieren sollten? Doch halt, nein, der macht ja so komische Videos, so etwas wollen wir nicht. Und mit wir meine ich nicht nur die Kultureinrichtungen, sondern die „Erwachsenen“, deren Kommentare unter dem FAZ-Artikel zeigen, was wir von dieser Jugend halten. Es handelt sich um einen „selbstverliebten Hansel“, dessen Postings sich durch die „Abwesenheit  von Grammatik und fehlender Zeichensetzung“ auszeichnen und der sich die Frage stellen sollte, warum er überhaupt Abitur machen will?

Das Problem: Mohamed Sartiane hat das geschafft, was viele Kultureinrichtungen gerne hätten: Viele, viele Fans und jede Menge Interaktion auf seiner Facebookseite. Tritt er wie in diesem Fall in Dortmund auf, muss die Polizei einschreiten, um nicht die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren. Aber Moment, wollen wir wirklich so sein? Schließlich können wir hier schon das Ende unserer Gesellschaft beziehungsweise deren Kultur erahnen und sollten uns jetzt mit der Frage beschäftigen, wie wir sie wieder auf den richtigen Weg bringen?

„Hat die heutige Generation Jugendlicher eigentlich nichts besseres zu tun als in solch eine Einkaufsstraße zu gehen und einen neuen Facebook-Messias zu lobpreisen? Kein Wunder, dass die Generation sich selbst als ‚dumm‘ ansieht, wenn sie nicht über Kunst & Kultur Bescheid weiß“,

schreibt ein Leser, der von „spätpubertären Einfallspinseln“ spricht, die in ihrem Leben nichts schaffen werden. Solche Sätze bekamen wir als Jugendliche vor Jahrzehnten auch schon zu hören, die Welt steht immer noch, belassen wir es dabei.

Was aber macht einen achtzehnjährigen Schüler zum Facebookstar, dessen Postings „atemberaubend talentfrei“ seien, wie die Autorin des FAZ-Artikels schreibt. Womit wir bei der Qualität wären, in diesem Fall verstanden als Maßstab für die Güte dessen, worüber wir sprechen. Was zeichnet ihn aus? Er selbst führt seinen Erfolg auf sein Showtalent und die Fähigkeit, die Themen anzusprechen, die seine Generation gerade bewegt, zurück:

„Ich mache immer Videos zu Themen, wo die Menschen sagen können: ‚Das kenn ich auch!'“

wird er zitiert und weist damit etwas vor, das dem Kunst- und Kulturbetrieb zu fehlen scheint: die Menschen ansprechen zu können, sie mitzunehmen. Das auch deshalb, weil es im, so die Autorin, gelänge, „Banales mit vermeintlicher Bedeutung aufzuladen“. Ich würde es nicht so abschätzig formulieren, sondern eher von einer Kunst sprechen, Bilder aus unserem alltäglichen Leben zu verwenden und sie mit einer Bedeutung aufzuladen, die sie ursprünglich gar nicht haben. Politik und Werbung machen uns das  tagtäglich vor, insofern könnte man jetzt auch sagen, Sartiane hat sich als gelehriger Schüler erwiesen. Showtalent, ein Gespür für die Themen und die (Bilder)-Sprache, das zeichnet ihn aus und macht ihn zum Star. Unterstützt wird er durch Selbstaufschaukelungsprozesse, die im digitalen Raum besonders gut funktionieren.

Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder ziehen wir uns beleidigt zurück, beklagen den allgemeinen Werte- und Qualitätsverlust und erinnern uns wehmütig an längst vergangene Zeiten, in denen die Welt noch in Ordnung war. Das wirkt wenig glaubhaft, wurde nicht ähnlich argumentiert, als da plötzlich junge Menschen mit langen Haaren auf die Bühne drängten und begannen, laute Musik zu spielen. Wobei dann gleich die Frage folgte, ob das denn überhaupt Musik sei?

Oder wir schauen uns mal genauer an, welche Themen Mohamed Satiane in seinen Videos anspricht und wie er es schafft, so viele Menschen damit zu erreichen. Eigentlich sind das genau die beiden Punkte, wo die meisten Kultureinrichtungen nicht weiterwissen. Wie wäre es denn, ihn mal einzuladen und mit ihm genau darüber zu sprechen? Vielleicht können Kunst und Kultur von ihm lernen? Und dann können wir immer noch darüber diskutieren, was Qualität ist und was nicht. Vielleicht ist er für die Hochkultur ja noch nicht verloren? ;-)

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Jugend 2.0: Das Social Web auf der Bühne

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Interaktion im Social Web, dieses Thema beschäftigt uns recht häufig, etwa wenn es um unsere Sichtbarkeit auf Facebook geht. Dass es nicht nur im virtuellen Raum eine Herausforderung ist zu interagieren, habe ich bei meinem Besuch des Theaterstücks „Maximal Medial (AT)“ im Dschungel Wien erlebt. Während die Reihen zwei und drei dicht besetzt waren, blieb die erste Reihe frei. „Am Ende muss ich da mitmachen“ meinte eine Besucherin und verzog sich nach hinten. Hemmschwellen gilt es also überall abzubauen, online und offline.

Um Freundschaft und Kommunikation von Jugendlichen ging es in dem Stück, das nicht nur von Jugendlichen produziert wurde, sondern auch hauptsächlich von Jugendlichen  besucht wurde. Zumindest an diesem letzten Aufführungsabend. Eigentlich wäre es ja ein Pflichttermin für Marketingmenschen gewesen, deren Unternehmen sich ins Social Web gewagt haben, weil sie genau diese Zielgruppe dort erreichen möchten. Wo lerne ich sie besser kennen, wo erfahre ich mehr über sie als in einem Theaterstück, in dem SchülerInnen ihre eigenen Erlebnisse zu einem Theaterstück verarbeiten?

Dann vielleicht doch eher in Studien, in denen die Jugendlichen als eine „Generation von Normopathen“ beschrieben werden,

„die sich lieber am Geschmack der Masse orientiert, als eigenwillig mit Individualität zu experimentieren und im Körperbild ganz bewusst auf Brüche mit der Norm zu setzen?“

Ich habe die Presseaussendung zur Studie „Generation Selfie“ ein paar Tage vor meinem Theaterbesuch entdeckt und auf der Bühne genau diese Versuche gesehen, sich als Individuum von der Masse abzuheben. Aber wir reagieren auf solche Versuche in der Regel ziemlich brutal, nicht nur auf der Bühne, sondern wohl noch viel stärker im realen Leben.

© Ani Antonova

© Ani Antonova

Da passt es gut, dass dieses Theaterstück im Rahmen  von Macht|schule|theater entstanden ist, einer Initiative, die die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt unterstützt und schon seit 2008 läuft. Eigentlich ist es erschreckend, wie eng das Korsett geschnürt ist, in dem sich nicht nur die Jugendlichen bewegen, sondern letzten Endes wir alle. Und wer nicht funktioniert, wird sanktioniert. Nicht immer so offenkundig, wie das auf der Bühne zu sehen war, aber auch subtile Gewalt ist Gewalt.

So funktionieren wir so gut es geht und müssen uns auch den Vorwurf gefallen lassen, mehr und mehr zu Normopathen zu mutieren, denn es sind ja nicht nur die Jugendlichen der Generation Selfie, die sich, wie es im Pressetext heißt, in ihrer virtuellen Darstellung an den ästhetischen Standards der Medien- und Werbeindustrie orientieren, sondern wir alle, Sie und ich. Ein schönes Beispiel: Wenn Sie beim Teaser zu diesem Stück genau hinhören, werden Sie merken, dass Branding auch über die Ohren ganz gut funktioniert.

Die meisten Akustikschnipsel werden Ihnen vertraut vorkommen, oder? Zumindest ich hatte keine Probleme, sie zu identifizieren. Dahinter verbergen sich Produkte, die zum fixen Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden sind. Wie sehr sie ein Teil davon geworden sind, zeigen die SchauspielerInnen auf der Bühne, wenn sie die ganze Zeit von und über Marko sprechen. Marko, das ist der, der die Telefonnummern unserer Freunde im Kopf hat, der tolle Fotos macht und den wir fragen können, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Marko ist aber gar kein Freund, es ist unser Handy, das dazu führt, dass wir auf immer mehr Freunde verzichten. Wir haben ja Marko.

Für mich war es ein beeindruckender Abend, der gezeigt hat, wie die digitalen Technologien unser tägliches Leben prägen. Sie bieten viele Vorteile und bringen auch manche Annehmlichkeit. Aber sie verändern uns auch und das nicht immer zum Guten. Wenn wir nicht aufpassen.

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„Hollywood & Vines“ (Kurzfilm)

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Was soll man schon großartiges mit einer App anstellen, die einen nur 6 Sekunden lange Videos produzieren lässt? An dieser Herausforderung sind schon viele gescheitert. Zwar gibt es mittlerweile etliche meist witzige Vine-Videos und einige gute Ansätze, aber die Idee von Airbnb gefällt mir bis jetzt am besten. „Hollywood & Vines“ ist ein echtes Crowdsourcing-Projekt, die Regieanweisungen zu diesem Kurzfilm kamen via Twitter, mitmachen konnte jede/r.

„For four days, people around the world worked with the director to share in the creation of a single story about travel, adventure and finding your place in the world.

Entstanden ist mit „Hollywood & Vines“ der erste Kurzfilm, der aus weltweit produzierten Vine-Videos besteht. Viel Spaß…

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Literaturausstellungen im virtuellen Raum #literafutur

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Eingang Schloss Blutenburg
Eingang Schloss Blutenburg„; By Björn Láczay (CC BY-SA 2.0)

Man fühlt sich in die weit entfernte Vergangenheit zurückversetzt, wenn man durch dieses Tor das Schloss Blutenburg betritt. Vor rund einem halben Jahrtausend als Jagdschloss weit vor den Toren der Stadt genutzt, liegt es heute im Münchener Stadtteil Obermenzing, direkt am Beginn der Autobahn Richtung Stuttgart und ist Sitz der Internationalen Jugendbibliothek. Nicht um die Vergangenheit, sondern um ein Zukunftsthema ging es letzte Woche hinter diesen Mauern, denn deren Direktorin, Frau Dr. Raabe, hatte zu „Liter[fu]tur“ eingeladen, einer Veranstaltung, bei der es einen ganzen Tag um die Frage gehen sollte, wie die Zukunft von Literaturausstellungen im Internet aussehen könnte?

Die Ausgangssituation war komplex, aber spannend. Im Rahmen eines World-Café gab es drei Thementische, an denen es um Fluchtgeschichten in der Kinder- und Jugendliteratur, um Sportgeschichten (ebenfalls im Bereich Kinder- und Jugendliteratur) sowie um das Michael Ende-Museum ging. Die TeilnehmerInnen dieser Veranstaltung hatten sehr unterschiedliche Hintergründe und kamen aus den Bereichen Literatur, Kommunikation (Schwerpunkt Social Media) und Technik (Augmented Reality und ähnliches Teufelszeug). Und damit es nicht zu einfach wird, brachte die Leiterin der Jugendbibliothek in ihrem Inpulsvortrag noch die vier Eckpfeiler einer Ausstellung ins Spiel, nämlich

  • das Exponat, also „die Ansammlung von Materialien, die in einer Ausstellung in sinnvolle Zusammenhänge gebracht werden“,
  • Paratexte, die den Exponaten die entsprechende Bedeutung zuweisen,
  • die räumliche Inszenierung und
  • die AusstellungsbesucherInnen.

In jeder von insgesamt drei Runden mussten sich die TeilnehmerInnen an den einzelnen Tischen vorab für eines dieser vier Punkte entscheiden. Ein interessantes Ergebnis vorweg: Kein Tisch beschäftigte sich mit den Paratexten. Rückschlüsse vermag ich nicht daraus zu ziehen und kann deshalb nicht einschätzen, ob das Thema so uninteressant ist oder etwa Paratexte im Internet eine Selbstverständlichkeit sind.

Da ich die Veranstaltung moderieren durfte, war ich nie direkt in die intensiv geführten Diskussionen involviert, hatte aber den Vorteil, überall reinhören und am Ende die Ergebnisse zusammenfassen zu dürfen. Wenn ich jetzt hier ein paar der letzte Woche in München diskutierten Punkte anspreche, erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern greife mir sehr subjektiv einige Aspekte heraus.

Eine der interessantesten Erfahrungen war es für mich zu erleben, wie Menschen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen (Literatur, Kommunikation, Technik) auch ganz unterschiedlich an das Thema herangehen. Um das etwas zuzuspitzen, gab es in der Einstiegsrunde sehr homogene Gruppen, d.h. die Literaturmenschen waren genauso unter sich wie die Kommunikations- und die Technikmenschen. Die Ergebnisse an den drei Tischen waren so völlig unterschiedlich und die Vorgaben für die nächsten Runden dementsprechend herausfordernd. Aber am Ende lief es dann doch auf einzelne Punkte hinaus, die unabhängig von beruflicher Herkunft und Thema alle beschäftigt haben.

So ist es im Hinblick auf die „BesucherInnen“ einer virtuellen Literaturausstellung für alle das große Ziel, sie emotional anzusprechen und ihnen ein sinnliches Erleben zu ermöglichen. Das kann mit Hilfe von Bildern, Videos oder auch Audiobeiträgen geschehen, allerdings gilt es, sich sehr genau zu überlegen, welche Zielgruppen angesprochen werden sollen, vor allem im Hinblick auf partizipative Ansätze, die natürlich ein Thema waren. Spätestens an diesem Punkt kam das Thema Marketing ins Spiel. Während es den einen eher um Interaktion und virale Effekte ging, damit die virtuelle Ausstellung überhaupt gefunden werden kann, überwog bei den anderen der Vermittlungsgedanke. Ich denke, die Abgrenzung zwischen Marketing und Vermittlung ist auch deshalb so schwierig, weil wir nicht genau sagen können, wo die virtuelle Ausstellung aufhört und das Marketing anfängt (oder umgekehrt).

Litera[Fu]tur
© Internationale Jugendbibliothek München

Während die BesucherInnen noch halbwegs greifbar sind, ist das bei den Exponaten nicht mehr so einfach. Immer wieder tauchte die Frage auf, ob eine virtuelle Literaturausstellung für sich alleine stehen oder an eine real existierende Ausstellung angeschlossen werden soll? Während ich in der klassischen Ausstellung Bücher als Exponate verwenden kann, kommt im virtuellen Raum noch eine Ebene dazu. Hier kann ich nur das Bild eines Buches zeigen, in dem der Text zu finden ist. Welche Rolle spielt der literarische Text in einer virtuellen Literaturausstellung? Kann ich den ganzen Text online stellen und die Linearität des Textes, die mir gleichzeitig als Orientierungsrahmen dient, mit Hilfe von Hyperlinks aufbrechen und so Platz für die „räumliche Inszenierung“ schaffen? Und welche Rolle spielt User Generated Content? In der klassischen Literaturausstellung existiert er nicht, im virtuellen Raum kann er technisch gesehen verhältnismäßig leicht eingebunden werden. Aber möchte ich das als KuratorIn überhaupt? Und wenn ja, sind das dann lediglich additive Exponate und welche Rolle spielen sie?

Auf diese wie auch auf viele andere Fragen haben wir an diesem Tag keine endgültigen Antworten gefunden, eher neue Fragen. Aber das war auch das Schöne und Inspirierende an diesem Tag, wir mussten keine fertigen Lösungen finden. Aber es sind viele Ideen aufgetaucht, die es sich weiter zu verfolgen lohnt.

Aber es ging nicht nur um tolle Einfälle und kreative Ideen, sondern auch um die Voraussetzungen für eine virtuelle Literaturausstellung. Sämtliche Exponate müssen nicht nur in digitaler Form vorhanden sein, sondern es gilt auch, diese Daten in eine entsprechende Struktur zu geben. Ob wir es Nomenklatur, Ontologie, Taxonomy oder Normdatensatz nennen, spielt gar keine entscheidende Rolle. Sollen die Daten später etwa gefiltert werden, bedarf es einer entsprechenden Ordnung. Auch sehr wichtig, vor allem wenn es um das Marketing, insbesondere Social Media geht: Die Objekte müssen teilbar sein, um sie in den sozialen Netzwerken zirkulieren zu lassen und so virale Effekte zu erzeugen.

Vernetzung ist aber nicht nur in Sachen Marketing gefragt. Auch die inhaltliche Beschäftigung mit einem Thema ist wohl dann besonders nachhaltig, wenn es mir gelingt, die BesucherInnen  zum gemeinsamen Tun zu bringen. Aus bilateralen Beziehungen zwischen einem Museum und seinen jeweiligen BesucherInnen werden mulitlaterale Beziehungen, wenn letztere sich ebenfalls vernetzen. Spiele sind ein oft verwendeter Ansatz, um dieses Ziel zu erreichen.  Vernetzung und die daraus resultierende Kommunikation fallen dann leicht, wenn das Thema User Experience eine Rolle spielt. Dass auch (transmediales) Storytelling beziehungsweise die Entwicklung von Storywelten von großer Bedeutung ist, muss nicht extra erwähnt werden. So wird aus dem digitalen Erzählen ein digitales Erleben.

Kurz: Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Tag mit einer Reihe von ExpertInnen verbringen durfte und wir ausgiebig über dieses Thema diskutieren konnten. Ich habe viele Anregungen und Impulse mitgenommen und hoffe, dass diese Veranstaltung irgendwann einmal fortgesetzt wird. Offene Punkte gibt es mehr als genug. ;-)

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„Open Your Eyes“: ein eBook zeigt Street-Art in Düsseldorf

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Open Your Eyes (Cover)

„Open Your Eyes“, dieser Aufforderung kann in zweifacher Hinsicht Folge leisten, wer das Werk von Sebastian Hartmann in die Hand nimmt. Wobei es sich gar nicht wirklich in die Hand nehmen lässt, denn es ist ein eBook und ich hatte das Vergnügen, mir dieses „Buch“ in der enhanced iPad Edition anschauen zu dürfen.

„Open Your Eyes“ ist eine Einladung, zusammen mit Sebastian Hartmann Street-Art in Düsseldorf zu entdecken. Sein Streifzug durch die Bezirke Zoo, Flingern, Bilk und die City öffnet den Blick auf ganz unterschiedliche Werke. So ist in Bilk mit Decycle einer der derzeit aktivsten Künstler zu entdecken, dessen Werke Hartmann als „geheimnisvoll und technisch perfekt“ bezeichnet.

Little Red Bombing The Hood, Decycle

Seine Werke sind aber nicht nur in Düsseldorf, sondern auch in Bochum, Essen, Köln oder Berlin zu finden. Sein Bild vom Mädchen mit der Sprühdose war es, das Hartmanns Interesse für eine Form der Kunst geweckt hat, die hauptsächlich in den Städten anzutreffen ist.

Der Düsseldorf Bezirk Zoo ist unter anderem das Revier des Künstlers L.E.T., der Abkürzung für Les Enfants Terribles. Ein alter herunter gekommener Kiosk wird von ihm immer wieder mit neuen Motiven überklebt. Im Interview erfahren wir, dass es manchmal eine Ewigkeit dauert, bis er die richtige Wand für seine Kunstwerke gefunden hat. Fündig wird er dabei meist in den Bezirken Bilk, Derendorf und Zoo.

I Like Girls Because Boobs (L.E.T.)

Da Street-Art immer populärer wird, interessieren sich mittlerweile auch Galerien für diese Kunst und sorgen so für den Erhalt vieler Kunstwerke, die sonst Gefahr laufen, recht schnell wieder aus dem Straßenbild zu verschwinden. Schließlich wird Street-Art bei uns immer noch als Sachbeschädigung strafrechtlich verfolgt. Links zu Galerien, die sich darauf spezialisiert haben, findet man im eBook.

Womit wir schon beim zweiten Zugang zu „Open Your Eyes“ wären, denn dieses eBook öffnet einem nicht nur die Augen, was die Straßenkunst in Düsseldorf angeht, sondern zeigt auch, welches Potenzial eBooks heute haben. Vorbei sind die Zeiten, wo die Umwandlung in ein PDF bereits als eBook durchging. Hartmann zeigt zusammen mit dem 11punkt Verlag, bei dem dieses Werk erschienen ist, was mittlerweile in diesem Bereich möglich ist. Vor allem auf dem iPad besticht die Qualität der Bilder, die Menüführung erlaubt ein schnelles Blättern zwischen den einzelnen Kapiteln, was bei 160 Seiten ein großer Vorteil ist. Einzelne Seiten enthalten Galerien, in den man die Werke einzelner KünstlerInnen durchblättern kann, überall finden sich Verweise und Links auf die Internetpräsenzen und einzelne Videos, was das eBook als offenes Medium erscheinen lässt, das sich vom klassischen Buch damit schon recht weit entfernt.

Da Street-Art eine recht vergängliche Kunst ist, fordert Sebastian Hartmann die LeserInnen auf, neu entdeckte Kunstwerke über Twitter zu posten. Der dabei verwendete Hashtag sorgt dafür, dass die Sammlung immer auf dem neuesten Stand bleibt.

Dieses eBook wird vermutlich in ein paar Jahren als Meilenstein in der Entwicklung des eBooks gesehen werden. Es lohnt sich also, in dieses eBook hineinzuschauen. Nicht nur wegen der Kunstwerke, die darin zu finden sind, sondern weil es auch wunderbar das Potenzial dieses Formats aufzeigt. Vor allem Kulturbetriebe, die darüber nachdenken, wie ihre Programme zukünftig aussehen, sollten einen Blick darauf werfen. Hartmann hat zu Recht in einem Blogbeitrag die Frage aufgeworfen, ob interaktive eBooks nicht die Ausstellungskataloge der Zukunft seien. Die Antwort darauf müssen die Kulturbetriebe selbst geben, Möglichkeiten gibt es viele.

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Carlos Lascano: „The Can“ [Video]

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Carlos Lascano ist ein Meister von Stop Motion-Filmen, ich habe hier im Blog schon „The Legend of the Scarecrow“ und seinen bisher größten Erfolg „A Short Love Story“ vorgestellt. „The Can“ entstand im Auftrag von Red Bull und der Universität für angewandte Kunst in Wien und wurde 2008 zum ersten Mal gezeigt. Sehenswert ist er immer noch: