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Kunstvermittlung: Fehler im System?

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Bild: The Irish Museum of Modern Art„; von William Murphy (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

Am stARTcamp in Münster kam der Vorwurf auf, die Kunstvermittlung sei oft banal und als dann ein paar Tage später Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstgeschichte, in der ZEIT „Stoppt die Banalisierung!“ forderte, begann eine ganz interessante Diskussion. Tanja Praske hat die Links dankenswerterweise gesammelt, und stellt gleich eingangs in ihrem Blogbeitrag die Frage, ob die Kunstvermittlung die Schuld an der Banalisierung der Kunst trage?

Im Wikipedia-Eintrag kann man nachlesen, dass etwas dann banal ist, wenn es einen durchschnittlichen Ideengehalt aufweist. Wenn ich Kunst banalisiere, dann kann das bedeuten, dass ich mit meiner Vermittlungsarbeit der hohen Qualität der Kunst nicht gerecht werde. Es kann aber auch andersherum sein und eine eher banale Kunst erfährt durch die Vermittlungsarbeit eine Aufwertung. Außerdem besteht noch die Möglichkeit der bewusst inszenierten Banalität, um meine Zielgruppe nicht zu überfordern. Ach ja, es kann ja auch sein, dass die Kunst eine ganz tolle ist und die Vermittlungsarbeit ebenso. Theoretisch kann, aber muss Kulturvermittlung also nicht banal sein und wenn sie banal ist, gibt es dafür verschiedene mögliche Ursachen.

Und wie sieht die Praxis aus? Daniel Tyradellis hat vor einem Jahr das Buch „Müde Museen“ (Affiliate Link) veröffentlicht, in dem er den Museen Ideenmangel und fehlenden gedanklichen Tiefgang vorwirft. Für ihn erstarren die Museen in Routine und kümmern sich zuwenig um die Inhalte. Inhalte, auf die die Kunstvermittlung gar keinen Zugriff hat:

„Mangels Zugriff auf den Inhalt wird eine Qualität und Attraktivität auf der Oberfläche angestrebt; hier erst etabliert sich das Verständnis von ‚Vermittlung‘  als methodische und vom konkreten Inhalt weitgehend unabhängige Disziplin“ (Position 653),

schreibt Tyradellis und ist davon überzeugt, dass diese Expertise durchaus Anerkennung in den Museen findet, weil sie das „Terrain der anderen“ nicht bedroht.

Dieser Punkt kommt mir bekannt vor. Frank Tentler erklärt den Kultureinrichtungen schon seit Jahren, dass sie im Bereich Social Media gegenüber allen anderen einen großen Vorteil hätten, weil sie über unendlich viele Inhalte verfügen würden. Das sehe ich auch so, allerdings hat die Sache einen Haken: Die Inhalte bleiben bei denen hängen, die für die inhaltliche Konzeption zuständig sind, alle anderen bekommen die Inhalte entweder gar nicht oder viel zu spät. Ob Kunstvermittlung oder Marketing, was in einer Ausstellung zu sehen ist und welche Konzeption dahinter steckt, das bleibt lange ein Geheimnis. Zu lange, genau aus diesem Grund bleibt die Kunstvermittlung an der Oberfläche und ergeht sich in der Verwendung neuer Technologien. Auch ein vernünftiges Contentmarketing bleibt so auf der Strecke. Beide Bereiche sollten eigentlich den Entstehungsprozess begleiten und entsprechend kommunizieren. Derzeit liegt das Hauptaugenmerk vor allem auf dem fertigen „Produkt“, der Ausstellung.

Dabei sind es vor allem die Inhalte, die mich dazu bringen, eine Ausstellung zu besuchen. Inhalte gibt es aber anfangs noch keine, stattdessen wird lieber auf Namen und die große Anzahl an ausgestellten Werken verwiesen. Mich lockt man damit nicht an und vermutlich geht es nicht nur mir so. Wenn wir mal davon ausgehen, dass die Konzeption einer Ausstellung qualitativ hochwertig ist, dann müssen die Inhalte einfach viel früher kommuniziert werden, um neugierig zu machen, um Menschen für das Thema zu gewinnen und vielleicht sogar deren Expertise nutzen zu können.

Natürlich sind die Strukturen in den Museen über Jahrzehnte beziehungsweise Jahrhunderte gewachsen. Aber ich denke, es wäre an der Zeit, über ihre Veränderung nachzudenken. Nötig ist es in meinen Augen, das gesamte Haus und darüber hinaus alle, die mit der jeweiligen Ausstellung zu tun haben, am Entstehungsprozess zu beteiligen. Sonst wird der Vorwurf der Banalität nicht zum letzten Mal zu hören gewesen sein.

 

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Musikvermittlung: „Orchestrated Text“

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Über diesen Artikel bin ich auf die Website „Orchestrated Text“ gestoßen, ein in meinen Augen sehr spannendes Projekt, bei dem ich die Chance habe, in Textform mehr über das zu erfahren, was ich gerade höre. Zu hören gibt es ganz konkret „die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. Und beschrieben wird die Musik dann in dieser Form:

Die Kombination ist spannend, vor allem ist es vermutlich gar nicht so einfach, in knappen Worten die Musik in Textform zu gießen. Die Worte sind gut gewählt, der Text eröffnet einem Perspektiven, die einem so gar nicht unbedingt klar sind.

Richard Birkin, von dem die Idee stammt, schreibt dazu in einem Blogpost:

„Over Christmas I sat under a blanket coding up a new prototype involving HTML5, Javascript, classical music and wintery landscapes. It’s called Orchestrated Text.“

Der von ihm entwickelte Prototyp enthält derzeit nur den Winter und ist etwas mehr als drei Minuten lang. So lange habe ich durchgehalten, bin mir aber nicht sicher, ob ich es wirklich geschafft hätte, die ganzen vier Jahreszeiten so zu verfolgen. Ich kann mich dann doch nicht auf beide Kanäle konzentrieren und fürchte, entweder den Text oder die Musik zu verlieren. Was halten Sie von dieser Idee? Glauben Sie, dass man auch mehr als drei Minuten klassische Musik „vertexten“ könnte? Aber hören und lesen Sie doch erst einmal hinein.

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Eine Masterarbeit beschäftigt sich mit dem partizipativen Potenzial des Social Web für Museen

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au @museolab„; By samuel bausson (CC-Lizenz)

Macht das Internet Kulturvermittlung überflüssig?“ habe ich vor wenigen Monaten hier auf dem Blog gefragt und damit nur verkürzt eine von Birgit Mandel gestellte Frage wiedergegeben, die in ihrem in den Kulturpolitischen Mitteilungen veröffentlichten Beitrag „Herausforderungen und Potenziale der Kulturvermittlung im Internet“ so lautet:

„Welche Ziele und welche Bedeutung kann die Kulturvermittlung im Zeitalter des Internets noch haben, wenn ein Großteil der Lebenszeit sich in virtuellen Räumen abspielt, die kaum mehr zu überschauen, geschweige denn zu steuern sind?“

Vor allem die Angst, etwas nicht mehr überschauen oder steuern zu können, scheint für viele Kunst- und Kultureinrichtungen groß zu sein, drohen sie doch die Deutungshoheit über die Kunst zu verlieren. Ähnlich klingt, was Axel Vogelsang in einem Kommentar zu meinem Blogpost geschrieben hat:

„Es geht ja eigentlich nicht nur um die Frage der Kulturvermittlung. Was dahinter steckt ist ja die Angst, dass das Museum in die digitalen Medien ausgelagert wird und das Museum obsolet wird.“

Werden Kultureinrichtungen und mit ihnen KulturvermittlerInnen überflüssig? „(Z)um Teil“, meint Birgit Mandel am Ende ihres Artikels und beschränkt sich dabei aber auf die „kulturellen Selbstbildungsprozesse der ‚digital natives'“, während Axel Vogelsang hier keine Gefahr sieht.

Ich sehe sie auch nicht, diese Gefahr, allerdings nur dann, wenn die Kunst- und Kultureinrichtungen auch dort präsent sind, wo ein Großteil ihrer (potenziellen) BesucherInnen einen ständig größer werdenden Teil ihrer Lebenszeit verbringen, nämlich im Internet, insbesondere im Social Web.

Wie aber kann diese Vermittlungsarbeit aussehen? „Partizipation durch Social Media? Museale Vermittlung und das Partizipative Web“ hat Bettina Riedrich ihre vor wenigen Tagen in Zürich veröffentlichte Masterarbeit betitelt, in der sie sich eingehend mit den Möglichkeiten beschäftigt, die Social Media den Museen für die Vermittlungsarbeit an die Hand gibt.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die Tatsache, dass wir als Gesellschaft neue (Netz)-Strukturen herausbilden („Schwarm“ statt „Kleinfamilie“) und die Nutzung des Internets für uns immer selbstverständlicher wird, zwei Entwicklungen, die gut zueinander passen und denen sich Museen, so Riedrich,  als öffentliche Institutionen nicht entziehen können. Darüber hinaus fühlen sich immer mehr Museen einem Trend verpflichtet, der unter dem Stichwort Partizipation die museale Vermittlungsarbeit zunehmend bestimmt.

Riedrich liefert dafür in ihrer Arbeit den theoretischen Hintergrund und skizziert darin die Entwicklung des Social Web sowie den Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft, in der eines der Ziele lautet, „eigenständig Wissen zu generieren“. Vom Konsumenten zum Produzenten, dass dieser sehr beliebte Slogan mit Vorsicht zu genießen ist, darauf weist die Autorin an dieser Stelle hin, schließlich bedürfe es neben den Zugangsmöglichkeiten auch der entsprechenden Medienkompetenz, um an der „‚Dauerbaustelle des Wissens‘ mitarbeiten (zu) können“. Dazu gehören auch museale Inhalte, die den Angehörigen eines bestimmten sozialen Feldes vorbehalten bleiben, was dazu führen würde, dass sowohl die Produktion als auch die Rezeption von durch Museen autorisiertem Wissen in den Händen weniger Eliten liegen, heißt es in der Masterarbeit. Dahinter verberge sich, so Riedrich, die Gefahr, den Anschluss an eine sich verändernde Gesellschaft zu verlieren.

„Mit Info- oder Edutainment, partizipativen Vermittlungsangeboten oder kollaborativen Ausstellungen reagieren immer mehr Museen auf die sich ändernden Strukturen und öffnen sich langsam auch inhaltlich ihren BesucherInnen“,

verweist die Autorin auf den Druck, dem die Museen ausgesetzt sind. Wie sieht die Vermittlung aus? Riedrich übernimmt das von Carmen Mörsch entwickelte Raster (siehe dazu: Carmen Mörsch: Kunstvermittlung 2: Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12 (Affiliate-Link)), in dem diese zwischen vier verschiedenen Funktionen von Vermittlung unterscheidet:

  • Affirmative Funktion: „übernimmt die Aufgabe, das Museum und seine Tätigkeiten wie Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen nach aussen zu vertreten und seine Inhalte zu kommunizieren. (…)“
  • Reproduktive Funktion: „wendet sich mit niederschwelligen Angeboten stärker an (…) ein Publikum, das nicht von vorneherein zur Gruppe der klassischen MuseumsbesucherInnen gehört. (…)“
  • Dekonstruktive Funktion: versteht das Museum als Institution, „die Vorstellungen und Geschichten nicht nur zeigt, sondern auch konstruiert.“
  • Transformative Funktion: sieht das Museum inmitten gesellschaftlicher und politischer Prozesse, das so zum gesellschaftlichen Protagonisten wird. „Vermittlung fndet statt in von den TeilnehmerInnen selbstbestimmten Projekten, die Einfuss auf die Institution nehmen (können). Die Beziehung zwischen Museum und Öffentlichkeit wird hinterfragt und umgekehrt.“

Zur Anwendung kommen dabei verschiedene Vermittlungsformate, die Riedrich in die Kategorien

  • rezeptiv,
  • interaktiv,
  • partizipativ und
  • kollaborativ

einteilt. Am interessantesten und zugleich am herausforderndsten ist natürlich das letztere Format, denn

„während es bei rezeptiven, interaktiven und partizipativen Formaten stets einen hierarchischen Bezug auf die durch die Vermittlung repräsentierte Institution gibt, ermöglicht kollaborative Vermittlung dem Publikum eine Position, die auch ausserhalb der institutionellen Vorgaben bestehen könnte“.

Andererseits erlaubt es der kollaborative Ansatz dem Museum aber, eine völlig neue und gesellschaftliche  relevante Rolle einzunehmen und so dem drohenden Bedeutungsverkust zu begegnen.

Riedrich steckt darauf aufbauend den theoretischen Rahmen für die Social-Media-Aktivitäten ab und kommt zu dem nicht überraschenden Ergebnis:

„Wie bei medialen Vermittlungsangeboten innerhalb einer Ausstellung bedarf auch Vermittlung durch Social Media klarer Konzepte, das heisst einer professionellen Auseinandersetzung nicht nur mit den Inhalten sondern auch mit den Medien der Vermittlung.“

Welche Medien das sind und wie sie funktionieren, beschreibt die Autorin auf den folgenden Seiten. Ob Blog, Facebook, Twitter oder Foto- und Videoplattformen, Riedrich erklärt nicht nur kurz das jeweilige Tool, sondern bringt auch gleich Praxisbeispiele aus dem Kunst- und Kulturbereich.

Das im Rahmen der Arbeit entstandende Social-Media Konzept für das „Ortsmuseum Küsnacht“ hat Riedrich aus nachvollziehbaren Gründen nicht auf ihrem Blog veröffentlicht, aber uns bleibt ja noch das abschließende Kapitel, in dem die Autorin zusammenfasst, welche Auswirkungen diese Aktivitäten unter anderem für das Museum und die Funktionen der Vermittlung haben. Ganz wichtig ist in meinen Augen das mit „Bereitschaft“ überschriebene Kapitel. Dahinter verbergen sich elf Empfehlungen, die sich Museen zu Herzen nehmen sollten, wenn sie das Social Web für ihre Vermittlungsarbeit nutzen wollen.

Am wichtigsten ist in meinen Augen wohl dieser Tipp:

„Nicht der Einsatz von partizipativen Medien macht die Vermittlung partizipativer, sondern die Einstellung der Beteiligten.“

Riedrich stellt völlig richtig fest, dass es an diesem Punkt eigentlich erst so richtig losgehe und sich in weiterer Folge viele Fragen ergeben, die es zu beantworten gilt. Mit ihrer Masterarbeit hat Bettina Riedrich aber erst einmal die Voraussetzungen und damit eine gute Grundlage geschaffen für die Einbeziehung der Social Media in die museale Vermittlungsarbeit.

Hier können Sie die Arbeit downloaden: „Partizipation durch Social Media? Museale Vermittlung und das Partizipative Web

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Herausforderungen für die Kulturvermittlung

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Vor ein paar Tagen habe ich die Arbeit von Max Wintersteller vorgestellt, in der es um Kunstvermittlung in Museen ging. Passend zum Thema habe ich in der aktuellen Ausgabe von „Transfer“, der Zeitschrift für Kulturvermittlung von KulturKontakt Austria einen sehr lesenswerten Beitrag von Birgit Mandel, Professorin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, gefunden. In ihm beschäftigt sie sich mit den „Anforderungen an das Berufsfeld Kulturvermittlung“ und bietet darin einen sehr schönen Überblick über dessen Funktionen und Zielsetzungen.

Wenn ich mich an meine letzte Museumsführung erinnere, dann kann ich Mandel nur zustimmen, wenn sie schreibt:

„Ein Großteil der Vermittlungsansätze in den traditionellen Kulturinstitutionen arbeitet (oftmals nicht bewusst) mit der Idee der Übersetzung, der Erklärung des Sinns einer künstlerischen Produktion in einer autorisierten Fassung, ausgehend von dem Anspruch, dass sich Kunst ohne Vorwissen nicht erschließen lässt, oftmals auch davon ausgehend, dass es die eine „richtige“ Fassung der Entschlüsselung eines Kunstwerks gibt.“

Kulturvermittlung ist aber nicht nur als Kunstvermittlung zu verstehen, sondern kann auch dazu dienen, Menschen beim Erwerb kultureller Kompetenzen zu unterstützen. Dieser von Mandel als kulturpädagogisch beschriebene Ansatz wurde Anfang der 1970er Jahre noch erweitert, indem der Kulturvermittlung die Aufgabe zukam,

„Menschen in einer demokratischen Gesellschaft zu aktiv Mitgestaltenden zu machen“.

Seit dem Ende der 1980er Jahre bedeutete Kulturvermittlung, so Mandel, eher,

„Aufmerksamkeit, Interesse und Nachfrage für Kunst schaffen“,

wobei hier Formen von Marketing und PR an Bedeutung gewannen.

Und welche Ziele verfolgt die Kulturvermittlung heute? Mandel stellt fest, dass sie sich nicht auf die Kunstwertschätzung innerhalb der Kunstwelt beschränken dürfe:

„Ziele von Kulturvermittlung weisen deutlich über Kunst hinaus und bestehen etwa darin, Kommunikation und Gemeinschaft zu stiften, Lebensqualität zu erhöhen, Menschen zu ermutigen, neue Sichtweisen auf ihr Leben einzunehmen, sie zu stärken.“

Und nun kommt ein Satz, den ich für entscheidend halte:

„Gerade in ihrer Zweckfreiheit ist Kunst in einzigartiger Weise in der Lage, diese Prozesse zu stimulieren.“

Mandel ist der Überzeugung, dass Kunst und Kultur als wichtige gesellschaftliche Integrationsfaktoren anzusehen sind. Notwendig seien dafür aber auch neue Formen der Kulturvermittlung,

„die sich in besonderem Maße den Problemen der potenziellen Rezipienten zuwenden“.

Wenn dem so ist, dann bedeutet das in meinen Augen, dass erstens Kulturvermittlung und Kulturmanagement immer enger zusammenrücken bzw. die Schnittstellen zunehmen. Das heißt aber zweitens, dass hier auch die (Kultur)-Politik gefordert ist, entsprechende Ansätze zu unterstützen. Und zu finanzieren.

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Eine Abschlussarbeit beschäftigt sich mit der Kunstvermittlung in Museen

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„Die Kunstvermittlung an unserem Haus soll auf ganz unterschiedliche Art Brücken bauen, vom Kunstwerk zum Betrachter. Für uns ist es ein besonderes Geschenk, wenn Besucher wieder kommen, weil sie sich dem Abenteuer Kunst aussetzen.“

Dieses Zitat stammt von Agnes und Karlheinz Essl und ist auf der Website des Essl Museums zu finden. Für Max Wintersteller ist dieses Museum etwas besonderes. Im Unterschied zu den anderen österreichischen Museen sind dort nämlich die KunstvermittlerInnen auch in die Entwicklung und Konzeption von Ausstellungen, sonst Aufgabe der KuratorInnen, eingebunden, schreibt er in seiner Arbeit „Kunstvermittlung in Museen“. Mit dieser Arbeit schließt er seine zweijährige Ausbildung am Kolleg für Kunstmanagement an der Vienna Business School ab.

Ich finde es toll, dass er mir seine Arbeit zur Verfügung gestellt hat und auch damit einverstanden war, dass ich hier im Blog auf sie eingehe. So selbstverständlich ist das nämlich nicht und daher wandern die meisten Arbeiten nach ihrer Fertigstellung in irgendwelche Schubladen und geraten dort in Vergessenheit, obwohl sie häufig sehr viele Informationen und Anregungen enthalten.

Wintersteller konstatiert, dass sich die Kunstvermittlung im Bereich der Bildenden Kunst zu einem „eigenständigen und wichtigen Aufgabenbereich“ entwickelt habe, aus dem heraus ein neues Berufsbild entstanden sei. In seiner Arbeit beschreibt er die Grundprinzipien dieser Tätigkeit und beschäftigt sich außerdem mit neuen Entwicklungen im angelsächsischen Raum, Stichwort Audience Development.

Wie sehen eigentlich die Aufgabenbereiche in der Kunstvernittlung aus? Wintersteller listet vier Hauptpunkte auf:

  • Ausstellungstätigkeit
  • Veranstaltungsprogramm
  • Begleitmaterialien
  • Serviceeinrichtungen

Einen Aspekt möchte ich hier gerne herausgreifen. Wintersteller erwähnt in der Liste der möglichen Begleitmaterialien auch Audio- und Multimedia-Guides.

„Die Audio-Guides können Kommentare von Künstlern, Kuratoren und Kritikern enthalten, oder eigens für Kinder ausgerichtet sein. Sie dienen mit Filmpräsentationen, mechanisch oder elektronisch gesteuerten „Hands-on“-Installationen (frei übersetzt: Anfassinstallationen), um Abläufe oder Zusammenhänge zu präsentieren“,

schreibt er. Für ihn ist es aber fraglich, ob diese elektronischen Vermittlungsmedien helfen, im Museum „sehen zu lernen“. Das leuchtet mir nicht ganz ein. Ist es nicht so, dass die Herausforderung darin besteht, meine Zielgruppe auf dem Kanal anzusprechen, den diese bevorzugt? Ich behaupte, dass das mit der Hilfe von Broschüren, Foldern, etc. auch nicht besser funktioniert.

Hinzu kommt: so pauschal lässt sich das wahrscheinlich gar nicht sagen, denn jedes Medium hat seine Vor- und Nachteile. Die Sache steht und fällt mit der Frage, wozu ich das jeweilige Medium einsetze. Wintersteller erwähnt selbst eine Audio-Führung von Roger M. Bruegel, in der es ihm nicht darum ging, Bilder zu erklären,

„sondern auf die Ausstellung einzustimmen, Beziehungen zwischen Werkgruppen vorzustellen und die Besucher fantasievoll anzuregen.“

Gerade in dieser Hinsicht haben Audio- und Videoelemente klare Vorteile gegenüber einem Printformat, denke ich. Die Kunst ist nur, diese Elemente so einzusetzen, dass das Kunstwerk im Vordergrund bleibt, wie Wintersteller fordert. Das ist richtig, denn natürlich besteht die Gefahr, dass plötzlich die Audio- und Videofiles im Vordergrund stehen. Hier sehe ich die Herausforderung auf der konzeptiven Ebene, denn wie heißt es an anderer Stelle so schön:

„Laut Umfragen sind Museen bei Jugendlichen annähernd so beliebt wie Zahnarztbesuche.“

Da lautet die Frage ja dann eher, ob es mir überhaupt gelingt, das Interesse zu wecken?

Dafür sind dann Kunstvermittlungsprogramme da. Mit ihrer Hilfe solle es gelingen, Menschen zum Besuch von Museen zu motivieren, so der Autor. Dazu muss man aber auch wissen, warum Menschen in Museen gehen bzw. warum sie nicht in Museen gehen. Und noch etwas ist wichtig, nämlich die Frage, wie man an die jeweiligen Zielgruppen überhaupt herankommt.

Wie das funktionieren kann, zeigt Wintersteller am Beispiel des Victoria and Albert Museum in London. Im Rahmen eines EU-Projektes wandte man die sogenannte Keyworker Methode an, um bei Jugendlichen, die nicht mehr zur Schule gehen, das Interesse an Museen zu wecken. Informationen über Projekt und Methode enthält die im Rahmen des Projekts veröffentlichte Publikation „Museen, Keyworker und Lebensbegleitendes Lernen: Gemeinsame Erfahrungen in fünf Ländern„.

Wichtig ist in meinen Augen auch der Hinweis des Autors, dass Museen für Erwachsene auch eine soziale Rolle spielen. Nur die Hälfte der Zeit verbringen BesucherInnen in den Ausstellungsräumen. Museumsshop und Cafe sind also ebenso attraktiv und wichtig, daher sollte dieser Punkt bei der Entwicklung von Kunstvermittlungsprogrammen nicht unberücksichtigt bleiben, so Wintersteller, denn

„Menschen wollen sich untereinander vernetzen,“

und die Kunst könne dabei eine wichtige Rolle spielen. Das erinnert mich an Adam Thurman, der auf seinem The Mission Paradox Blog im Beitrag „Art as the Hub“ genau die gleiche These aufstellt. Konsequent weitergedacht müsste das heißen, dass Kunstvermittlungsprogramme auch diesen Aspekt berücksichtigen müssten. Zwar sind Führungen schon jetzt in der Regel dialogisch ausgerichtet, aber dabei steht nicht die Kommunikation zwischen den BesucherInnen im Vordergrund.

Im dritten Teil seiner Arbeit wendet sich Wintersteller dem Thema Audience Development zu und beschreibt, wie unterschiedlich die Konzepte in den USA und Großbritannien sind. Vor allem in den USA spielt natürlich das Marketing eine entsprechende Rolle. Wintersteller kommt darauf unter der Überschrift „‚Autonomie der Kunst‘ versus Marketing“ zu sprechen, womit das Problem auch gleich auf den Punkt gebracht ist.

Das Grundrecht der „Autonomie der Kunst“ und die damit verbundene Zweckfreiheit stehe, so zitiert er Birgit Mandel, im deutschsprachigen Raum im Vordergrund und deswegen habe eine Besucherorientierung einen geringeren Stellenwert. Die Freiheit der Kunst solle nicht durch Publikumsbedürfnisse und -wünsche tangiert werden.

„Zugleich führt die traditionelle Angebotsorientierung der öffentlichen Hand, also die Überzeugung, dass der Staat für seine Bürger Kulturangebote, ungeachtet deren Nachfrage, vorhalten muss, zu einer Vernachlässigung der Nutzerorientierung.“

Ich habe den Eindruck, hier werden entweder-oder-Positionen aufgebaut, die es so eigentlich nicht geben müsste. Wintersteller erwähnt netterweise meine Meinung in der Arbeit, daher nur soviel: Auf die Bedürfnisse meiner BesucherInnen einzugehen heißt nicht, dass ich mich an sie verkaufe und nur das produziere, was ihnen gefällt. In wie vielen Gesprächen wollen wir andere Menschen von unserer Meinung überzeugen und bei ihnen einen guten Eindruck hinterlassen? Ist das Eingehen auf mein Gegenüber dabei mit einem Aufgeben der eigenen Positionen und „Qualitätsverlust“ verbunden? Ich denke nicht.

Ich habe vielmehr den Eindruck, dass eine solche Aussage ein Zeichen für geringe Wertschätzung ist. Wintersteller zitiert in diesem Zusammenhang Alberto Meyer, Leiter der Abteilung für Marketing und Kommunikation des Museums für Kommunikation in Bern, der dazu meint:

„Dabei versteht es sich, dass dem Einfluss auf das Kernprodukt Ausstellung Grenzen gesetzt sind. Erweiterten Spielraum kann das Marketing jedoch erhalten beim Service Design, d.h. bei der Festlegung derjenigen Dienstleistungen, die um das eher statische Kernprodukt Ausstellung herum angeboten werden sollen.

Nett, aber kann es nicht sein, dass ich als Museum von meinen BesucherInnen lernen kann, wenn ich den Dialog mit ihnen suche? Dass die mehr oder anderes wissen als ich? Oder ist es wirklich so, dass ein Museum weiß, was gut für uns ist? Was meinen Sie?

PS: Die Arbeit steht als Word-Dokument zur Verfügung. Haben Sie Interesse an der Arbeit, können Sie Max Wintersteller hier eine Mail schicken.

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Kunstvermittlung: Das Ausbildungsangebot in Österreich

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© viocat; Pixelio
Wenn ich einen Beitrag zu schreiben beginne, geht das immer so los: Ich ordne ihn den entsprechenden Kategorien zu. Diesen Beitrag habe ich als Anlass genommen, eine neue Kategorie Aus- und Weiterbildung einzuführen. Ich denke, das macht Sinn agesichts der Tatsache, in der nächsten Zeit das Angebot in Sachen Kulturmanagement näher anzuschauen. Ich werde aber auch versuchen, über den Tellerrand, sprich das Fach „Kulturmanagement“, hinaus zu schauen. Den Anfang mache ich gleich mit diesem Beitrag.

Worum geht es? Um Kunstvermittlung, besser gesagt, um das dazugehörige Ausbildungsangebot in Österreich. Elisabeth Ihrenberger, selbst Kunstvermittlerin, hat sich auf ihrem Blog die Frage gestellt, wie man KunstvermittlerIn wird und verweist dort auf einen von Ihr für die Zeitschrift „Neues Museum“ verfassten Beitrag zum Thema „Die Ausbildung für Kunst- und Kulturvermittlung in Österreich“(Der Beitrag steht als PDF in ihrem Blogbeitrag zur Verfügung).

Wer also mit dem Gedanken spielt, sich in diesem Bereich aus- oder weiter zu bilden, findet hier eine sehr informative Zusammenstellung des aktuellen Angebots. Ich fand es eigentlich sehr vielfältig, Elisabeth ist aber anderer Meinung. Sie kritisiert, dass es in Österreich bislang relativ wenig spezifische Ausbildungen für Kunst- und Kulturvermittlung gibt. Weiter schreibt sie:

„Beim Vergleich der derzeitigen sowie in Planung befindlichen Angebote stellt man fest, dass sich diese nicht nur nach der Namensgebung in Kulturvermittlung, Cultural Communication, Kulturpädagogik oder der etwas veralteten Bezeichnung Museumspädagogik unterscheiden. Auch die Unterrichtsinhalte sind in den einzelnen Angeboten enger oder weiter gefasst und verdeutlichen die unterschiedlichen Auffassungen von dem, was unter dem Berufsfeld der Kunst- und Kulturvermittlung verstanden wird.“

Das stimmt schon. Aber ist es nicht so, dass Kunst- und Kulturvermittlung ebenso wenig greifbar ist wie Kulturmanagement? Auch dort gibt es DAS ideale Studium nicht und wird es wohl auch nie geben (können). Was ich aber vermisse, und auch da gibt es Parallelen zum Bereich Kulturmanagement, ist eine nach außen hin wahrnehmbare Diskussion über das, was Kunst- und Kulturvermittlung sein kann. Nur so lässt sich meiner Meinung das erreichen, was Elisabeth als eine der größten Herausforderungen beschreibt:

„Darüber hinaus geht es jedoch vor allem darum, innerhalb wie außerhalb der Museen das Bewusstsein und die Grundlagen für die Kunst- und Kulturvermittlung zu stärken, um die bisher etablierte Vermittlungsarbeit in Zukunft weiter zu entwickeln und eine Vermittlungsarbeit umzusetzen, die den Bedürfnissen der Museen und der BesucherInnen gerecht wird.“

Man muss ja nicht unbedingt Wikipedia zum alleinigen Gradmesser machen, aber ich finde es bezeichnend, dass die Begriffe Kunst- bzw. Kulturvermittlung dort nicht aufscheinen. Wenn es um die öffentliche Wahrnehmung geht, könnte das ein erster Schritt sein.

Auch die Website des Österreichischen Verbands der KulturvermittlerInnen im Museums- und Ausstellungswesen lässt mich ein wenig ratlos zurück. Inhaltlich bin ich dort nicht wirklich fündig geworden. Und wenn die Liste der zertifizierten MitgliederInnen nur aus sieben Personen besteht und vom März 2005 ist, dann kann man sich dazu auch seinen Teil denken.