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Wenn die Reichweite auf Facebook über die Höhe der Förderung entscheidet

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Foto von Jad Limcaco auf Unsplash

Um es kurz zu machen: Es gibt verschiedene Kriterien für die Vergabe von Fördergeldern im Kunst- und Kulturbereich. Oft werden Innovation und die Qualität der Arbeit genannt. Das Problem: Es handelt sich um zwei sehr dehnbare Begriffe. Sehr viel leichter ist es, Auslastungsgrad und/oder Besucherzahlen als Kriterien heranzuziehen.

Was aber ist, wenn Kultureinrichtungen nun auch im virtuellen Raum aktiv werden? Da gab es zum Beispiel vor fast 6 Jahren das Maxim Gorki Theater mit seiner Live-Aufführung der Effi Briest auf Facebook.

Oder das Rijksmuseum, das seine Werke online zur Verfügung stellt und sie darüber hinaus auch zum Download beziehungsweise zur Bearbeitung anbietet. Das heeresgeschichtliche Museum in Wien geht noch einen Schritt weiter und lädt zu eine virtuellen Rundgang durch seine Ausstellungsräume ein.

Ist es da nicht an der Zeit, nicht nur die BesucherInnen vor Ort zu zählen, sondern auch die, die die Online-Angebote nutzen? Gut, nur die Reichweite der Facebook-Seite als ein Kriterium für eine Förderung heranzuziehen, ist vielleicht nicht ganz fair. Eigentlich müsste es die organische Reichweite sein, schließlich habe sonst die großen Kultureinrichtungen einen Wettbewerbsvorteil. Sie können mit bezahlten Postings und Werbeanzeigen arbeiten. Wobei es natürlich auch nicht sinnvoll ist, sich nur auf Facebook zu beschränken. Vielleicht sollten wir besser den Klout-Wert als Maßstab verwenden? Er umfasst die Aktivitäten der diversen sozialen Netzwerke. Und später, wenn wir dann an dem Punkt angekommen sind, an dem auch die Aktivitäten vor Ort in diesen Wert einfließen, können wir dann wirklich einen auf der Basis von Algorithmen erstellten Wert als Gradmesser für die Vergabe von Fördermitteln verwenden, oder?

Wenn Ihr Pulsschlag sich gerade ein wenig erhöht hat und Sie schon überlegen, was für böse Worte Ihr Kommentar enthalten wird, kann ich Sie beruhigen. Ob Facebook-Reichweite oder Klout-Wert, bis jetzt ist das nur eine Fiktion, eine von „95 Thesen zu #theaterimnetz“. Sie kommen von den Kulturfritzen und entstanden während der letzten „Theater & Netz“-Konferenz, organisiert von der Heinrich Böll Stiftung und nachtkritik.de.

Aber: Ist der Gedanke, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Facebookaktivitäten von Kultureinrichtungen sich auf die Fördervergabe auswirken und sich die Höhe der Fördergelder an deren organischer Reichweite auf Facebook orientiert (These 48), so abwegig? Ich denke nicht.

Auch der 50. These kann ich viel abgewinnen:

„Das Programmheft steht nach dem Theaterbesuch als eBook kostenlos zur Verfügung.“

Gut, über das kostenlos lässt sich streiten, denn warum soll ein inhaltlich und auch optisch qualitativ hochwertiges Digitorial kostenlos sein, während wir für die Printversion ohne mit der Wimper zu zucken, das Portemonnaie öffnen? Während wir alte Ausstellungskataloge schon seit längerer Zeit kostenlos downloaden können, zum Beispiel die der Kunsthalle Wien oder des Metropolitan Museum of Art, gibt es das im Theaterbereich anscheinend noch nicht. Zumindest bin ich nicht fündig geworden. Was schade ist, denn ich habe in den letzten Jahrzehnten nicht nur tolle Ausstellungskataloge gesehen, sondern auch wunderbare Programmhefte in den verschiedenen Theaterhäusern. Was passiert mit all diesen alten „Büchern“, in denen das dramaturgische Grundkonzept der jeweiligen Produktion zu finden ist?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, mir gefallen die 95 Thesen. Etliche sollten oder könnten heute eigentlich schon umgesetzt sein, zum Beispiel These 31: „Ein WhatsApp-Service informiert über Restkarten.“ Dieses Angebot kommt mir so selbstverständlich (und auch nützlich) vor, dass ich vermute, dass irgendein Theater diesen Service schon heute anbietet und ich ihn nur nicht entdecken konnte. Oder These 35: „Die Theater-App ersetzt das Ticket-Büro.“ Schon klar, nicht alle kaufen ihre Tickets online, aber die Theater-Apps gibt es ja heute schon. Ich denke, es ist eine Frage der Zeit, wann die ersten Kartenvorverkaufsstellen geschlossen werden, weil sie kaum oder nicht mehr genutzt werden.

Diese hier könnte auch sofort umgesetzt werden (These 40): „Pausengetränke-Vorbestellung jetzt auch als In-App-Kauf möglich.“ Oder diese (These 77): „Blogger gestalten zusammen mit der Dramaturgie das Programmheft als Online-Magazin.“

Natürlich gibt es auch ein paar völlig abwegige Thesen, etwa „Alle Theater entwickeln Social-Media-Guidelines für ihre Mitarbeiter“ (These 66) oder „Jedes Theater hat eine Social-Media-Strategie“ (These 25). 😉 Aber wäre ich ein Theater, dann würde ich mir diese 95 Thesen ganz genau ansehen und überlegen, welche ich umsetzen kann. Womit wir wieder beim Thema Innovation angekommen wären.

Eine These liegt mir aber besonders am Herzen: „Theater als Diskursort erlebt seine Renaissance.“ Sie steht an dritter Stelle dieses Thesenpapiers und das nicht ganz zufällig. Schließlich ging es ja auch bei der Konferenz „Theater & Netz“ Anfang Mai 2017 in Berlin um Filterblasen, Echokammern, Fake News und die Tatsache, dass wir gar nicht mehr miteinander reden können. Wir verlernen es, weil wir alle in unseren Filterblasen leben, in denen Andersdenkende gar nicht vorkommen. Hier kann Theater eine wichtige Rolle übernehmen, nämlich der Ort zu werden, an dem der Diskurs noch möglich ist und gepflegt wird.

Mit diesem Blogbeitrag nehme ich an der Blogparade der Kulturfritzen teil, die dazu aufgerufen hatten, diese Thesen zu diskutieren. Mein Beitrag kommt leider einen Tag zu spät, ich hoffe, Anne und Marc sehen es mir nach. Aber so sehe ich, wer sich daran beteiligt hat und wer nicht. Unter den zehn sehr lesenswerten Beiträgen ist leider keiner von einem Theater dabei. Schade. Aber wir können ja ausmachen, dass jedes Theater eine der Thesen aufgreift und umsetzt. Deal? ;-)

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Per Algorithmus ins Theater?

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Bild: Skyline of Vienna“ von reivax (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

Vor etwas mehr als sechs Jahren habe ich in einem Blogbeitrag gefragt, wo Kultureinrichtungen ihre Veranstaltungen ankündigen. Die meisten Kultureinrichtungen setzten damals auf Facebook, die eigene Website und diverse Veranstaltungskalender (siehe auch dazu den Beitrag: „Fazit: Kulturveranstaltungen anzukündigen ist gar nicht so einfach„). Natürlich spielten damals auch noch die klassischen Werbekanäle wie Plakat, Flyer Einladungen oder Newsletter eine wichtige Rolle.

An diese kleine Umfrage erinnerte ich mich, als ich in den letzten Tagen zwei Artikel las, die nur indirekt etwas miteinander zu tun haben. Da wurden auf der Seite der Digital Marketing-Agentur Smart Insights die LeserInnen danach gefragt, welche Aspekte im gerade begonnenen Jahr unsere Digital Marketing-Aktivitäten beeinflussen werden? Heraus kamen „The 14 top rated digital marketing techniques for 2017 according to Smart Insights readers“ und die Einsicht, dass Daten eine ganz wichtige Rolle spielen werden. Dass in diesem Ranking das Content Marketing ganz oben steht, überrascht nicht wirklich. Interessant sind aber mit Platz zwei und drei die Themen Big Data und Marketing Automation. Wir als UserInnen hinterlassen jede Menge Spuren, wenn wir uns im digitalen Raum bewegen. Die daraus resultierenden Daten werden immer häufiger genutzt, vor allem Marketing und Verkauf bekommen glänzende Augen, wenn sie mit diesen Daten und ihren Verknüpfungen arbeiten können. So interessant Apps für Ihre NutzerInnen sein mögen, für die Anbieter sind es vor allem die großen Datenmengen, an die sie auf diese Weise kommen. Wer mal genau hinschaut, welche Berechtigungen selbst die kleinste und unwichtigste App haben möchte, weiß, wovon ich spreche.

Auf diese Weise erhalten beispielsweise auch viele Kultureinrichtungen wertvolle Daten. Theoretisch, denn meist werden sie gar nicht genutzt. Aber nur so lassen sich beispielsweise die BesucherInnen der eigenen Website segmentieren. Schließlich sucht die UserIn, die tausende von Kilometern entfernt lebt, wahrscheinlich andere Informationen als die UserIn, die morgen die aktuelle Ausstellung oder Theaterproduktion zu besuchen beabsichtigt. Aus Marketingsicht geht es also darum, möglichst viele Daten zu sammeln, auf denen dann Marketing und Verkauf aufbauen.

Der zweite Artikel beschäftigt sich mit der Frage, wie wir Städte wahrnehmen, „(w)enn Algorithmen uns führen.“ Adrian Lobe konstatiert, dass das ziellose Flanieren allmählich aussterbe und wir stattdessen vor allem Google vertrauen. Das Prinzip ist ganz einfach:

„Reisende empfehlen Locations, die ihnen selbst von Algorithmen empfohlen wurden. Es ist eine ständige Rückkoppelungsschleife. So kanalisieren Applikationen immer mehr Besucherströme in urbanen Räumen.“

Wir kennen das bereits von den sozialen Netzwerken, in denen die Postings Andersdenkender und -meinender ausgeblendet und wir in Filterkammern eingeschlossen werden. Während wir uns beim Erkunden einer uns unbekannten Stadt früher auf glückliche Zufälle verlassen haben, vertrauen wir heute den Suchmaschinen beziehungsweise deren Algorithmen, basierend auf unseren (User)-Daten. Auf diese Weise sei, so Lobe, die Stadt als offenes, dynamisches und durchlässiges soziales System bedroht. Wir begeben uns nicht mehr auf Entdeckungsreise, sondern finden das, was wir suchen, mit Hilfe von Suchmaschinen oder Google Maps. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Google kein Tourismusverband ist, sondern ein Unternehmen, das mit Werbung sein Geld verdient. Für eine Suchmaschine spielt es keine Rolle, ob ganze Stadtteile unberücksichtigt bleiben, während das aus touristischer Perspektive ganz anders aussieht.

Nun  sind die Echokammern nicht erst mit den sozialen Netzwerken entstanden. Auch der Kunst- und Kulturbereich besteht aus Echokammern und so wie wir dank Google in den Städten nur noch vorgeschlagen bekommen, was unsereins gefällt, nehmen nur diejenigen Theater, Konzert oder Ausstellungen wahr, die dem entsprechenden Segment zugerechnet werden können. Während es früher beispielsweise die Bildungsbürger waren, die kulturelle Angebote nutzten, wissen wir heute viel mehr über diese Zielgruppe und können sie noch weiter segmentieren. Am Prinzip ändert sich nichts.

Ich möchte an dieser Stelle Algorithmen weder als Allheilmittel anpreisen noch sie verteufeln. Natürlich erinnere ich mich an viele glückliche Zufälle, dank derer ich ein gutes Lokal, eine tolle Ausstellung oder eine mich fesselnde Theaterproduktion entdecken durfte. Auf der anderen Seite kann es hilfreich sein, mit Hilfe von Google Angebote zu finden, die man in Anspruch nimmt, weil sie von Menschen empfohlen wurden, die ähnlich ticken, wie man selbst. Noch mehr bin ich aus Marketingsicht an Daten interessiert, um so an die heranzukommen, die sich am ehesten für meine Angebote interessieren beziehungsweise um neue Zielgruppen anzusprechen.

Was mich interessiert ist die Frage, wie wir beispielsweise zukünftig unseren Theaterbesuch planen und wie das Theater mit Algorithmen und  Echokammern umgeht? Theater befinden sich selbst meist in einer Blase, das heißt, ihre Angebote werden nur von ganz bestimmten Segmenten der Gesellschaft wahrgenommen. Was können Theater tun, um diese Segmentierung zu überwinden und inwieweit können/dürfen sie dabei auf Algorithmen setzen? Gelingt es ihnen, auf eine Metaebene zu springen, würden sie etwas schaffen, was uns in der Gesellschaft im Moment nicht gelingen zu scheint: über Echokammern hinweg miteinander ins Gespräch zu kommen.

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Theater und Social Media: Fragen an Lena Fuchs (Volkstheater Wien)

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Foto von Gilles Lambert auf Unsplash

Nachdem wir die letzten Jahre mit dem stARTcamp immer in Museen zu Gast waren, geht die diesjährige Ausgabe zum ersten Mal in einem Theater über die Bühne. Danke an das Volkstheater Wien für die Einladung! Ich möchte wenige Tage vor dem stARTcamp die Chance nutzen und der Frage nachgehen, wie Theater den digitalen Wandel bewältigen und deshalb habe ich Lena Fuchs, die den Bereich Kommunikation am Volkstheater leitet, per Mail ein paar Fragen gestellt.

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© www.lupispuma.com / Volkstheater

Kulturmanagement Blog: Zuallererst möchte ich mich noch einmal direkt bei Dir bedanken, dass wir mit dem stARTcamp dieses Jahr bei Euch zu Gast sein dürfen. Du hast spontan zugesagt, als ich Dich gefragt habe. Dabei sind, so hat es den Anschein, Theater eher zurückhaltend, wenn es um den digitalen Raum geht. Ist es für Theater schwieriger, digital präsent zu sein und zu kommunizieren als zum Beispiel für Museen?

Lena Fuchs: Theater ist immer live – dieses Alleinstellungsmerkmal ist Fluch und Segen zugleich. Ein Theaterstück lässt sich weniger leicht abbilden als ein Kunstwerk. Teilweise spielen, gerade auch bei Filmaufnahmen (die ja dem Erlebnis am nächsten kommen), technische Kapazitäten und Urheberrechte eine Rolle: Mit der Digitalisierung betreten wir hier Neuland. Aber wir holen auf!

Kulturmanagement Blog: Esther Slevogt hat gerade in einer Kolumne auf nachtkritik.de die Theater dazu aufgefordert, „mächtige soziale Plattformen im Netz zu schaffen“. Kannst Du Dir vorstellen, dass die Theater solche digitalen Räume schaffen und inhaltlich bespielen?

Lena Fuchs: Soll ich idealistisch oder pragmatisch antworten? Frau Slevogts „Kolumnist*innentraum“ ist nachvollziehbar argumentiert und ein plausibler Lösungsvorschlag für das dem Theater immer wieder vorgeworfene Reichweitenproblem. Aber – pragmatisch gesehen: Wie soll eine per se defizitäre und subventionierte Unternehmung wie ein Theater so etwas zusätzlich umsetzen? Sobald die Theater anfangen, wirkliche Gewinne zu machen – was bei der jetzigen Kostenstruktur unmöglich ist –, können wir darüber reden … aber dann unterliegen wir programmatisch wohl auch wieder dem in der Kolumne vorgeworfenen „marktorientieren Denken“.

Kulturmanagement Blog: Viele lehnen so eine Idee unter Umständen ab, weil sie Angst haben, das Theater könnte vollends ins Digitale abgedrängt werden und aufhören, als physischer Ort zu existieren. Siehst Du diese Gefahr auch?

Lena Fuchs: Ich finde nichts langweiliger als abgefilmte Theaterstücke. Und für mich ist Theater ohne das reale Zusammenkommen und gemeinsam in Echtzeit „im-Dunklen-ins-Helle-Schauen“, ohne Hustenzuckerl-Rascheln und den wunderbaren Geruch von Bühnennebel, der sich langsam im Zuschauerraum ausbreitet, nicht denkbar. Und noch bin ich nicht allein – bis also Virtual Reality solche Erlebnisse hervorbringt, sehe ich keinen Grund zur Sorge.

Kulturmanagement Blog: Neben der Chance, sich im digitalen Raum inhaltlich mit wichtigen Themen zu beschäftigen, ist das Internet natürlich auch für das Marketing wichtig geworden. Was für Möglichkeiten siehst Du dort für Theater?

Lena Fuchs: Neben klassischer Online-Werbung, die ja letztlich Print sehr ähnlich sieht, spielen natürlich die Medien mit Rückkanal eine große Rolle, Diskussionsforen und Gästebücher, aber natürlich insbesondere die sozialen Netzwerke.

Kulturmanagement Blog: In den letzten Jahren war es vor allem wichtig, in den sozialen Netzwerken präsent zu sein, die Marke zu stärken und auf sich aufmerksam zu machen. Auch das Volkstheater ist schon lange im Social Web aktiv. Welche Veränderungen nimmst Du dort wahr? Wird Facebook weiter das wichtigste Netzwerk bleiben und weiter an Bedeutung gewinnen oder hat es seine besten Tage bereits hinter sich?

Lena Fuchs: Derzeit hat Facebook, das am längsten bespielt wird, die meisten Nutzer/innen und auch bezogen auf das Involvement die größte Reichweite, bei kontinuierlichem Wachstum. Die nach wie vor steigenden Fan-Zahlen beobachte ich übrigens auch bei den Facebook-Auftritten der anderen Theaterhäuser in Wien. Die vielen Funktionalitäten von Facebook sind aus meiner Perspektive als Absender außerdem unschlagbar, das Publikum interagiert recht engagiert. Von daher ist es sicher das wichtigste Netzwerk, wobei im Falle des Volkstheaters Twitter und besonders Instagram als zuletzt hinzugekommener Kanal verhältnismäßig schneller zulegen.

Kulturmanagement Blog: Digitales Marketing bedeutet auch, sich mit anderen Themen zu beschäftigen. Inbound Marketing, Content Strategien oder auch Suchmaschinenoptimierung: Müssen sich Theater mit solchen Dingen heute beschäftigen?

Lena Fuchs: Die Kommunikations- und Marketingverantwortlichen unbedingt, ja! Diese Tools bieten ja auch die Möglichkeit, vergleichbare Reichweiten bei geringerem finanziellen Kostenaufwand zu erzielen. Für viele Häuser heißt das, dass sie überhaupt erst im öffentlichen Raum (wenn auch digital/virtuell) präsent sind, weil sie sich aufwändige Werbemaßnahmen sonst nicht leisten könnten.

Kulturmanagement Blog: Verändern sich durch die zunehmende Digitalisierung auch die Strukturen und Prozesse in einem Theater?

Lena Fuchs: Teilweise, aber man muss wissen: Im Volkstheater etwa arbeiten ca. 250 Personen in den unterschiedlichsten Jobs: Vom Maskenbildner/in über die Buchhaltung bis zur Direktion, vom Schlosser über den Regieassistenten bis zum Schauspieler. Da kommt man um Aushänge am Schwarzen Brett wie vor 125 Jahren nicht vorbei – und für ein digitales System für alle fehlen die Ressourcen. Was die Verwaltung angeht, stecken wir mittlerweile mitten im E-Mail-Zeitalter – auch nicht gerade fortschrittlich. Tatsächlich prüfen wir derzeit die Möglichkeiten, die uns ein Intranet bieten könnte, das steckt aber noch in den Kinderschuhen.

Kulturmanagement Blog: Und noch eine letzte persönliche Frage: welche Netzwerke oder Messenger bevorzugst Du selbst?

Lena Fuchs: Je mehr ich beruflich digital unterwegs bin, desto mehr schätze ich privat das persönliche Treffen – oder ein langes Telefonat. Wenn nichts anderes geht: Facebook: nicht sehr originell!

Kulturmanagement Blog: Danke für Deine Antworten!

PS: Informationen zum stARTcamp gibt es hier und hier, Tickets können Sie direkt im Onlineshop kaufen.

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Blogparade: #TheaterimNetz

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Foto von Anna Dziubinska auf Unsplash.

Marc Lippuner hat sich auf dem Kulturfritzen-Blog die Frage gestellt, warum sich die Theater mit dem Social Web so schwer tun? Die Frage taucht immer wieder auf, Devon Smith hat sich beispielsweise 2010 das Social Media-Verhalten von Theatern angeschaut (siehe mein Blogpost „So nutzen Theater Social Media„) und dabei festgestellt, dass das Potenzial bei weitem nicht genutzt wird. Vermutlich käme man, so man diese Untersuchung wiederholen würde, zu einem ähnlichen Ergebnis. Was aber sind die Gründe dafür? Eindeutige Antworten gibt es darauf bis heute nicht und so gefällt mir die Idee von Marc, zu einer Blogparade aufzurufen:

„Warum findet Theater im Netz nicht wirklich statt, aber auch: Warum findet das Netz im Theater nicht statt?“

Stimmt ja gar nicht, könnte ich entgegnen und Beispiele wie dieses Video auflisten. Irgendwie erinnert es mich an „Beam me up Scotty„, aber ob die Bewerbung als SchauspielerIn in ein paar Jahren in Form eines Videospiels über die Bühne geht, wage ich doch zu bezweifeln (siehe dazu auch den Beitrag von Joe Patti: „Theatre of the Future Gives Me Ulcers„).

Gut, Internet und Theater, das gibt es schon, aber es sind meist einzelne Aktionen, wie Christian Holst in seinem Beitrag zu dieser Blogparade feststellt. Für ihn geht es aber nicht darum, mit großem Aufwand für eine begrenzte Zeit maximale Aufmerksamkeit zu erzielen, sondern alltagstaugliche Konzepte zu entwickeln. Seiner Meinung nach gelingt das am besten

„mit schnell und meist sogar zufällig erstelltem ‚Cat content‘, also Content mit überschaubarem inhaltlichen Niveau aber hohem Emotionalisierungs-potential, und durch Werbeanzeigen vergrösserter Reichweite“.

Die sozialen Netzwerke sind für ihn also eher digitale Pausenfoyers, in denen nicht tiefschürfende Gespräche stattfinden, sondern Small Talk im Vordergrund steht. Es mag ernüchternd klingen, aber so abwegig ist dieser Gedanke nicht. Jeremy Rifkins hat in seinem Buch „Access“ vor der drohenden Kommerzialisierung unserer Gesellschaft gewarnt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Artikel, der vor wenigen Tagen in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen ist. In „Shop till you drop“ vertritt Autor Robert Kaltenbrunner die These,

„dass das Shopping in unserer Gesellschaft die letzte verbliebene ‚öffentliche Handlungsweise‘ darstelle“

und das urbane Leben vom System des Kaufens und Verkaufens bestimmt werde. Dabei steht nicht mehr die Bedürfnisbefriedigung im Vordergrund, sondern das Erlebnis. So ist auch zu erklären, warum der Begriff der Customer Experience so eine große Bedeutung hat. Kaltenbrunner beschreibt in seinem Artikel, wie der Vorgang des Kaufens und Verkaufens in den Städten immer wieder neu inszeniert wurde, nur so konnten die sogenannten Konsumtempel entstehen. Diese Entwicklung sieht er aber nun durch die wachsende Bedeutung des Internets und den stark zunehmenden Onlinehandel gefährdet. Es gilt daher Konzepte zu entwickeln, die unserem veränderten Kaufverhalten gerecht werden und den Orten des Kaufens und Verkaufens neue Attraktivität verleihen. Meine Idee des „digitalen Erlebnisraums“ geht in diese Richtung, bei der der reale Ort beziehungsweise Raum eine digitale Erweiterung erfährt. Was das für unsere Städte bedeutet, hat Frank Tentler in seinem Blogbeitrag „Nächste Haltestelle: City 4.0“ sehr schön beschrieben.

Wenn wir die sozialen Netzwerke vor allem für Unterhaltungszwecke nutzen, dann hat das natürlich auch Auswirkungen auf den Kunst- und Kulturbereich. Natürlich lassen sich an geeigneter Stelle inhaltliche Diskussionen führen, es gibt zum Beispiel zahlreiche Facebookgruppen, wo das wunderbar funktioniert. Aber um im Newsfeed der Mehrzahl der UserInnen zu bestehen, ist das vermutlich nicht der richtige Ansatz. Verlangt wir die (digitale) Inszenierung und das hat für die verschiedenen Kunstsparten unterschiedliche Konsequenzen. Der Museumsbereich tut sich in meinen Augen mit dieser Entwicklung leichter als etwa das Theater. Objekte zu inszenieren und das nach Möglichkeit auch im digitalen Raum, das ist etwas, das den Museen in Ansätzen schon recht gut gelingt. Das Projekt „Rembrandt digital„, das mit dem Hashtag #myrembrandt für Aufsehen gesorgt hat, steht stellvertretend für etliche Ideen, die in den letzten Jahren umgesetzt werden konnten.

Die Theater tun sich an dieser Stelle sehr viel schwerer. Dort haben wir es nicht mit Objekten zu tun, die man jederzeit zur Verfügung hat und digital auf Reisen schicken kann, sondern mit Inszenierungen. Gesucht sind in meinen Augen Ideen zur digitalen Erweiterung von auf der Bühne stattfindenden Inszenierungen. Ich weiß nicht, ob man hier vom Spiel im Spiel sprechen kann, aber in eine solche Richtung weiterzudenken macht unter Umständen Sinn. Die „Inszenierungen“ von machina eX fallen mir in diesem Zusammenhang ein.

Ob Pausenfoyer oder „Computerspieltheater“, das ist für mich der Rahmen, der den Theatern zur Verfügung steht, wenn sie den digitalen Raum für ihre Zwecke nutzen wollen. Die Verwendung der Netzwerke als Pausenfoyer verstößt vermutlich gegen das Selbstverständnis vieler Menschen, die in den Theatern arbeiten und das, was machina eX „auf die Bühne“ bringt, entspricht wohl auch nicht unbedingt dem, was die meisten sich von einer Bühneninszenierung erwarten.

Ob ich mit meinen Gedanken richtig liege, weiß ich nicht, aber ich würde dieses Thema gerne auf dem stARTcamp am 10. Dezember hier in Wien diskutieren. Einige Tickets gibt es noch, vielleicht haben Sie ja Lust und Interesse, sich über dieses und etliche andere Themen auszutauschen. Hier finden Sie alle wichtigen Informationen zum #scvie.

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#bestpractice: Das Theater Oberhausen hat ein neues Onlinemagazin

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Jedes Unternehmen, das im digitalen Raum sichtbar sein möchte, bietet nicht nur seine Produkte oder Dienstleistungen an, sondern agiert gleichzeitig als Publisher, schreibt Douglas Karr in seinem Beitrag „7 Strategies That Are Transforming Mobile Apps“ und ist davon überzeugt, dass sie sich deshalb mit dem Thema Apps beschäftigen müssen. Auch Kulturbetriebe stehen vor dieser Herausforderung, schließlich greifen wir immer häufiger mobil auf das Internet zu. Viele von ihnen haben dieser Entwicklung Rechnung getragen und eigene Apps entwickelt bzw. entwickeln lassen.

Oft handelt es sich dabei um native Apps, die speziell für ein bestimmtes Betriebssystem, zum Beispiel Android oder iOS, programmiert worden sind und für einen bestimmten Gerätetyp (Smartphone oder Tablet-PC) optimiert werden. Die Alternative dazu sind Web-Apps, die im Browser funktionieren und das unabhängig vom Betriebssystem oder dem Gerätetyp. Welcher der beiden Ansätze der bessere ist, darüber wird schon längere Zeit gestrittendiskutiert. Meist stehen dabei technische Aspekte im Vordergrund, über die Inhalte und deren Formate redet man nur selten.

Ich denke, pauschal lässt sich die Frage, welcher Ansatz zu bevorzugen ist, nicht beantworten. Mir gefällt die MAK-App, an deren Konzeption ich mitwirken durfte, die nur für Tablet-PCs gedacht ist. Mir gefällt aber auch das neue eMagazin des Theater Oberhausen.

eMagazin Theater Oberhausen

Screenshot eMagazin Theater Oberhausen

Das Magazin bietet einerseits Informationen über aktuelle oder kommende Inszenierungen, andererseits beschäftigt es sich aber auch mit den Strukturen von Theater und nutzt dabei die Formate Text, Bild, Video und Audio. Interviews, Fachbeiträge, Interviews mit den SchauspielerInnen und Bilder, die das begeisterte Kinderpublikum nach einer Vorstellung zeigen. Es sind schöne Bilder, die wohl nur auf größeren Bildschirmen zur Geltung kommen. Die Idee, unter dem Interview

Screenshot eMagazin Theater Oberhausen

Screenshot eMagazin Theater Oberhausen

mit Regisseurin Lily Sykes, die den Roman Sturmhöhe von Emily Brontë inszeniert hat, eine Minute lang Sturmrauschen als Audiodatei anzubieten, hat mir gefallen, das hatte ich nicht erwartet. ;-)

Die Orientierung im Magazin fällt einem nicht schwer, entspricht sie doch dem Prinzip, das wir von den mobilen Geräten her kennen. Während man sich dort mit der bekannten Wischbewegung im Magazin vor und zurück bewegen kann, klickt man am normalen Bildschirm auf die Buttons, die rechts und links zu finden sind. Oder man schaltet in den Stream und gelangt so einfach auf jede gewünschte Seite, wo man nach unten scrollt, wenn die Inhalte den Seitenumfang übersteigen.

Das Magazin bietet viele interessante Inhalte und es setzt dabei auf die richtige Technik. Ich für meinen Teil habe es gerne durchgeblättert und gelesen bzw. angeschaut. Was mir auch gefällt: Auf der letzten Seite ist der Call-to-Action-Button zu finden. Wer die nächste Ausgabe nicht verpassen möchte, meldet sich für den Newsletter an. Ich habe es getan. ;-)

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Jugend 2.0: Das Social Web auf der Bühne

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Interaktion im Social Web, dieses Thema beschäftigt uns recht häufig, etwa wenn es um unsere Sichtbarkeit auf Facebook geht. Dass es nicht nur im virtuellen Raum eine Herausforderung ist zu interagieren, habe ich bei meinem Besuch des Theaterstücks „Maximal Medial (AT)“ im Dschungel Wien erlebt. Während die Reihen zwei und drei dicht besetzt waren, blieb die erste Reihe frei. „Am Ende muss ich da mitmachen“ meinte eine Besucherin und verzog sich nach hinten. Hemmschwellen gilt es also überall abzubauen, online und offline.

Um Freundschaft und Kommunikation von Jugendlichen ging es in dem Stück, das nicht nur von Jugendlichen produziert wurde, sondern auch hauptsächlich von Jugendlichen  besucht wurde. Zumindest an diesem letzten Aufführungsabend. Eigentlich wäre es ja ein Pflichttermin für Marketingmenschen gewesen, deren Unternehmen sich ins Social Web gewagt haben, weil sie genau diese Zielgruppe dort erreichen möchten. Wo lerne ich sie besser kennen, wo erfahre ich mehr über sie als in einem Theaterstück, in dem SchülerInnen ihre eigenen Erlebnisse zu einem Theaterstück verarbeiten?

Dann vielleicht doch eher in Studien, in denen die Jugendlichen als eine „Generation von Normopathen“ beschrieben werden,

„die sich lieber am Geschmack der Masse orientiert, als eigenwillig mit Individualität zu experimentieren und im Körperbild ganz bewusst auf Brüche mit der Norm zu setzen?“

Ich habe die Presseaussendung zur Studie „Generation Selfie“ ein paar Tage vor meinem Theaterbesuch entdeckt und auf der Bühne genau diese Versuche gesehen, sich als Individuum von der Masse abzuheben. Aber wir reagieren auf solche Versuche in der Regel ziemlich brutal, nicht nur auf der Bühne, sondern wohl noch viel stärker im realen Leben.

© Ani Antonova

© Ani Antonova

Da passt es gut, dass dieses Theaterstück im Rahmen  von Macht|schule|theater entstanden ist, einer Initiative, die die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt unterstützt und schon seit 2008 läuft. Eigentlich ist es erschreckend, wie eng das Korsett geschnürt ist, in dem sich nicht nur die Jugendlichen bewegen, sondern letzten Endes wir alle. Und wer nicht funktioniert, wird sanktioniert. Nicht immer so offenkundig, wie das auf der Bühne zu sehen war, aber auch subtile Gewalt ist Gewalt.

So funktionieren wir so gut es geht und müssen uns auch den Vorwurf gefallen lassen, mehr und mehr zu Normopathen zu mutieren, denn es sind ja nicht nur die Jugendlichen der Generation Selfie, die sich, wie es im Pressetext heißt, in ihrer virtuellen Darstellung an den ästhetischen Standards der Medien- und Werbeindustrie orientieren, sondern wir alle, Sie und ich. Ein schönes Beispiel: Wenn Sie beim Teaser zu diesem Stück genau hinhören, werden Sie merken, dass Branding auch über die Ohren ganz gut funktioniert.

Die meisten Akustikschnipsel werden Ihnen vertraut vorkommen, oder? Zumindest ich hatte keine Probleme, sie zu identifizieren. Dahinter verbergen sich Produkte, die zum fixen Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden sind. Wie sehr sie ein Teil davon geworden sind, zeigen die SchauspielerInnen auf der Bühne, wenn sie die ganze Zeit von und über Marko sprechen. Marko, das ist der, der die Telefonnummern unserer Freunde im Kopf hat, der tolle Fotos macht und den wir fragen können, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Marko ist aber gar kein Freund, es ist unser Handy, das dazu führt, dass wir auf immer mehr Freunde verzichten. Wir haben ja Marko.

Für mich war es ein beeindruckender Abend, der gezeigt hat, wie die digitalen Technologien unser tägliches Leben prägen. Sie bieten viele Vorteile und bringen auch manche Annehmlichkeit. Aber sie verändern uns auch und das nicht immer zum Guten. Wenn wir nicht aufpassen.

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Toursupport für freie Theatergruppen [Kulturförderung]

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Im Rampenlicht
© Rainer Sturm / Pixelio

Das österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (bm:ukk) unterstützt in diesem Jahr zum ersten Mal „Gastspiele professioneller freier Theatergruppen“, die über kein eigenes Haus verfügen. Das Ziel dieser Maßnahme ist, so heißt es in der Ankündigung,

„die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die künstlerische Tätigkeit von AutorInnen, KomponistInnen, ChoreographInnen und Theaterschaffender in Österreich“.

Wie viel Geld in diesem Fördertopf liegt und um welche Beträge eine freie Theatergruppe ansuchen kann, steht leider nicht in der Ankündigung. Dort heißt es lediglich, dass sich „die Höhe der Förderung (..) nach dem Produktionsumfang und der Anzahl der Aufführungen (richtet)“, auch das Antragsformular hilft da nicht weiter.

Eben dieses Antragsformular muss man bis zum 8. März ausgefüllt und per Post an das bm:ukk (Abteilung V/2, Minoritenplatz 5, 1014 Wien) schicken und dann darauf hoffen, dass es eine Zusage gibt. Neben dem Formular werden noch

  • eine Projektbeschreibung (plus Angaben zu früheren Theaterproduktionen),
  • eine DVD der Produktion (so vorhanden) beziehungsweise der Link zur Website,
  • Kalkulation und Finanzplan,
  • die geplanten Termine sowie
  • die Absichtserklärungen der Veranstalter

verlangt. Wichtig ist: Die AntragstellerInnen müssen seit mindestens drei Jahren ihre künstlerische Tätigkeit professionell in Österreich ausüben und die Produktion muss nach der Premiere noch in mindestens zwei weiteren Bundesländern jeweils zweimal aufgeführt werden.

Alle weiteren Infos, die Förderbedingungen sowie das Antragsformular finden Sie hier.

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Die Flatrate für den Kunst- und Kulturbereich: lässt sich das Netflix-Modell auf Orchester oder Theater übertragen?

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Wenn eine Kultureinrichtung feststellt, dass der Ticketverkauf stagniert oder zurückgeht, wird meist die Marketingabteilung beauftragt, mit einer neuen Kampagne diese Entwicklung zu stoppen. An neue Erlösmodelle denken an diesem Punkt, der ja vielen nicht ganz unbekannt sein dürfte, aber die wenigsten. Chris Ashworth hat vor fast drei Jahren in seinem Blogbeitrag „Toward A New Funding Model for Theater“ ein Membershipmodell vorgestellt, bei dem es darum ging, nicht nur bei den Vorstellungen dabei zu sein, sondern auch am Entstehungsprozess beteiligt zu werden (siehe dazu mein Blogpost „Theaterfinanzierung: geht es auch ohne Förderungen?„). Ashworth beschrieb das Ticket als Artefakt einer Beziehung und nicht als Artefakt einer Transaktion, bei dem einfach nur Sitzplätze verkauft werden, sondern der Communitygedanke im Vordergrund steht.

Für 5$ pro Monat so viel Konzerte hören wie Sie wollen

Ganz so weit geht das Saint Paul Chamber Orchestra  aber nicht, wenn es seit Anfang August eine Flatrate anbietet, die einem für 5$ im Monat den Besuch beliebig vieler Konzerte des Orchesters erlaubt. Mit dem SPCO-Membershipprogramm startet das Orchester einen interessanten Versuch, bei dem es sich an der Filmflatrate orientiert, mit der Netflix in den letzten Jahren den Markt gehörig durcheinander gebracht hat.

Das Angebot richtet sich an Menschen, die spontan den Entschluss fassen, ein Konzert zu besuchen und das nicht nur einmal. Es gilt für rund 80% der Plätze, die zwischen $10 und $25 kosten, während die teuren $40-Plätze von diesem Membershipprogramm ausgenommen sind. Die Saisonkarte hält Einzug im Kunst- und Kulturbereich, schreibt der StarTribune, bei rund 100 Konzerten eine durchaus lohnende Sache für Konzertgeher.

Natürlich habe es Widerstände gegeben, aber die Tatsache, dass das altbewährte Abosystem immer seltener in Anspruch genommen wird, zwinge zu neuen Modellen, wird Jessica Etten, die Kommunikations- und Marketingchefin des Orchesters in dem Artikel zitiert. Die $5-Tickets können online und an der Abendkasse erworben werden, der Anspruch auf einen bestimmten Sitzplatz ist damit aber nicht verbunden.

Kelly Dylla vergleicht in ihrem Beitrag „All You Can Hear: The SPCO’s Netflix-Style Membership“ das Angebot des Orchesters mit dem Netflix-Modell, das den Videomarkt entscheidend veränderte. Aus „all you can see“ wird hier „all you can hear“. In der Praxis heißt das, die Kunden können, freie Plätze vorausgesetzt, recht spontan entscheiden, wann und wie oft sie ein Konzert besuchen. Dieses Modell komme, so schreibt Dylla, dem Wunsch vieler entgegen, häufiger künstlerische Veranstaltungen zu besuchen, ohne dabei eine Verpflichtung einzugehen. Während es im klassischen Marketing darum geht, aus dem Besucher einen Abonnenten zu machen, verfolgt die Flatrate einen anderen Ansatz:

„People decide that they can part with a small amount of their monthly earnings to have the opportunity to see art“,

konstatiert die Autorin. Für das Orchester bedeutet das, es kann mehr Mitglieder in das Programm aufnehmen als es Sitzplätze hat, denn erstens gibt es bei der Flatrate keinen Anspruch auf einen Platz und zweitens ist es unwahrscheinlich, dass alle „Saisonkartenbesitzer“ zur gleichen Zeit ein Konzert besuchen wollen.

Aber noch ein anderer Aspekt ist interessant. Untersuchungen zeigen, so die Autorin, dass mehr als zwei Drittel der Menschen nach dem ersten Besuch einer künstlerischen Veranstaltung nie wieder dort auftauchen. Hingegen kommen aber fast 60% von denen, die zum zweiten Mal da sind, ein weiteres Mal. Die Herausforderung besteht also darin, die Hürde für den zweiten Besuch so niedrig wie möglich zu halten und da scheint die Flatrate kein schlechter Ansatz zu sein.

Das ACT in Seattle als Vorbild

Das „Experiment“ des Saint Paul Chamber Orchestra ist aber nicht so ganz neu, denn seit 2009 bietet das ACT („A Contemporary Theatre“) in Seattle mit dem ACTPass ein ähnliches Modell an. Für $25 pro Monat kann man das gesamte Angebot des Theaters nutzen. Da nicht nur Eigenproduktionen laufen, sondern viele Gastspiele angeboten werden, ist das Programm umfangreich genug, eine Gefahr, die bei kleinen Kultureinrichtungen mit begrenztem Angebot natürlich gegeben ist. Während es dem Saint Paul Chamber Orchestra aber gar nicht um die Steigerung der Ticketeinnahmen geht, das Orchester finanziert sich hauptsächlich über private Gönner, setzt das ACT sehr wohl auf höhere Einnahmen. Mit einer Monatspauschale von $25 zahlt man über ein Jahr gesehen mehr als für das Abonnement von 4 Veranstaltungen, das $200 kostet. Aber das Theater erzielt anscheinend Einsparungen bei den Marketingkosten und versucht darüber hinaus mit diesem Modell, möglichst viele BesucherInnen längerfristig an sich zu binden. Der Erfolg gibt dem ACT recht, denn aus 40 Abonnenten im ersten Jahr wurden innerhalb von drei Jahren 1.200.

Mit dem Modell der Monatspauschale lassen sich also unterschiedliche Ziele verfolgen. Einerseits hofft das Saint Paul Chamber Orchestra darauf, mit diesem Angebot Menschen dazu zu bewegen, mehr als einmal in ein Konzert zu gehen. Auf der anderen Seite setzt das ACT in Seattle auf dieses Modell, um Einnahmesteigerungen zu erzielen. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob ein solcher Ansatz auch bei uns Sinn machen kann? Während ich von Museen weiß, die die Saisonkarte anbieten, sind mir solche Modelle aus anderen Kunstsparten nicht bekannt. Falls jemand ein Beispiel aus dem Theater- oder Konzertbereich ( oder auch aus ganz anderen Bereichen), würde ich mich über eine Rückmeldung freuen, denn natürlich ist es interessant zu erfahren, welche Erfahrungen damit gemacht wurden. Abgesehen davon: Welche Chancen geben Sie diesem Modell?

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Heinz Koch: Let’s Party (Gastbeitrag)

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© Heinz Koch

Normalerweise beklagen sich kleine Kultureinrichtungen, dass sie zu wenig Ressourcen haben, um Social Media nutzen zu können. Claudia Riese und Heinz Koch, die seit vielen Jahren das private Theater Neu-Ulm leiten, sehen das etwas anders. Gerade haben sie ihr altes Theater verlassen (müssen) und sind nun dabei, sich ein neues Haus zu schaffen. Dabei setzen sie voll auf Social Media und informieren nicht nur in ihrer Facebookgruppe über den aktuellen Stand. Und natürlich über die Abschiedsparty, auf der die Abrissband spielte. Danke an Heinz Koch für sein Plädoyer, warum Theater auf Social Media setzen sollten. Und wer sie beim Bau des neuen Hauses unterstützen möchte, kann sich hier darüber informieren.

© Heinz Koch

Was spricht der Bestsellerautor Paulo Coelho? Das: „Ich habe über acht Millionen Fans auf Facebook, mein Blog lesen zwei Millionen Menschen im Monat. Ich kann dort direkt zu meinen Lesern sprechen.“  Und weiter:  „Einer der wichtigsten Teile im Leben eines Autors ist es, direkt mit seinen Lesern in Kontakt zu treten. Dadurch versteht man sich selbst besser. Es hilft mir als Mensch, nicht nur als Schriftsteller. Gestern habe ich mit einem Freund aus Montenegro gesprochen, der mir von montenegrinischen Legenden erzählte, dann habe ich mit einem Chinesen gechattet. Sie sind meine Freunde, auch wenn ich sie physisch nie getroffen habe. Ich unterhalte mich mit ihnen, ich lerne extrem viel und habe extrem viel Spaß dabei. Es ist, als würde man in eine Bar gehen. Schriftsteller sollten unbedingt in Bars gehen!“

Ich bin kein Schriftsteller, ich bin Theatermacher und Stückeschreiber. Ich gehe in Bars. Eigentlich hab ich kein Wohnzimmer. Ich gehe in Bars. Und ins Büro. Ich habe nur 1.493 Freunde auf Facebook; und wie viele im Monat mein Blog lesen, dürfte im niedrigen zweistelligen Bereich liegen.

Ich finde – wie Paulo – twittern ist Kunst. Und im Gegensatz zu vielen facebookenden Kultureinrichtungen kommt es mir nicht auf das Steigern des Ticketverkaufs an.

Just am letzten Wochenende lief nach 16 Jahren der Mietvertrag für unsere bisherige Spielstätte ab. Das 110 Jahre alte kultige, aber morbide Bauwerk wird abgerissen. Da haben wir ne „Goodbye Konzertsaal“-Party geplant. Der Event wurde auf Facebook annonciert.  Auf die Bekanntgabe des Programms hin meldeten sich drei DJs, eine Band, drei Solomusiker und ein Freund, der für die geplante Jam-Session das Drumset  stellen wollte. Ein Sponsor fand sich für die DJ-Anlage. Dazu konnte jemand gefunden werden, der alte Fotonegative und eine VHS-Kassette digitalisieren konnte. Außerdem konnte ein Trailer zum Fest  geordert, bearbeitet und gepostet werden.

Am Nachmittag verhinderten hochsommerliche Temperaturen, am Abend ein Mords-Unwetter übermäßigen Publikumszuspruch. Gefeiert wurde bis um 5 in der Früh; und die Dank-feedbacks von Aktiven und ZuschauerInnen waren überschwänglich.  Ein solches Fest mit einem solchen Programm wäre in der Kürze der Zeit (14 Tage) ohne Facebook (und das Internet allgemein) niemals zustande gekommen. Auch die Meetings zur Absprache mit den Musikern liefen über ein web 2.0-Portal (Doodle).

Es wird bei uns im Theater im Herbst eine Reihe geben, zu der wir Paulo Coelho zwar nicht werden einladen können, aber so manchen Schriftsteller, der wie wir auf Facebook unterwegs ist. Die Reihe wird heißen „Facebookers live – lesen vis à vis“ (oder so ähnlich).  Es werden Autoren sein, die wir auf und durch Facebook (zur Not auch Twitter) kennen gelernt haben. Und diese Kontakte sind so wertvoll wie die zu Schauspiel-Kolleginnen und –Kollegen, welche bei uns gespielt haben oder möglicherweise spielen werden

Dass wir fast ausschließlich übers net casten, Dateien zwischen Designern und Printern oder Tonstudios hin- und herschieben (Dropbox, Google Drive) und auch sonst jede Menge Infos zum Theatermachen finden, von Stücken über Rezensionen und Reports bis hin zu diversen Theorie-Artikeln  (beispielsweise zum  Thema Kultur- und Kreativwirtschaft) ist nun schon so was von Alltag, dass wir es gar nicht mehr erwähnen.

Theatermachen mit zwei Leuten wäre ohne Facebook & Co (so) gar nicht möglich.

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Caspar Lösche: Eine Ohrfeige für Negerjungen oder 19 Löwen, 5 Plattformen und 3 Monate (Gastbeitrag)

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Beim Thema Storytelling oder gar Transmedia Storytelling winken viele Kunst- und Kultureinrichtungen ab, da das ihrer Ansicht nach nichts für sie ist. Meist verbinden wir damit das Zusammenspiel von Film und Videospielen, Theater oder Museen scheinen in solchen Konzepten keinen Platz zu haben. Und dann ist das natürlich alles zu teuer und zu aufwendig. Caspar Lösche hat mit einem kleinen, aber feinen Projekt gezeigt, dass sich Transmedia Storytelling sehr gut mit dem Theater verträgt. Ich habe sein Projekt „VvonWatt“ schon seit einiger Zeit verfolgt und fand seine Präsentation auf dem stARTcamp in München beeindruckend. Nicht nur wegen der Idee und der Art und Weise, wie er das Projekt praktisch alleine umgesetzt hat, sondern weil er auch den Blick hinter die Kulissen erlaubte. Umso mehr freue ich mich, dass Caspar Lösche daraus nun auch ein Blogpost gemacht hat, das ich hier veröffentlichen darf. Danke Caspar für das Projekt und Deinen Beitrag!

Eine Ohrfeige für Negerjungen oder

19 Löwen, 5 Plattformen und 3 Monate

In diesem Gastbeitrag fasse ich meine Erfahrungen und meine „Learnings“ aus dem Transmedia Projekt „VvonWatt“ zusammen. Mehr über die Planung und Umsetzung des Projekts habe ich bereits hier im Rahmen der MUSEO Blogparade erläutert.

Das Projekt:
Vivienne von Wattenwyl, eine Berner Abenteuerin (1900 – 1957) reiste 1923/24 mit ihrem Vater Bernhard „Brovie“ von Wattenwyl nach Kenia zur Grosswildjagd. Die erlegten Tiere schenkten die Beiden dem Naturhistorischen Museum Bern, wo sie noch heute ausgestellt sind. Brovies Leidenschaft war die Löwenjagd, der neunzehnte Löwe, den er schiesst, verletzt ihn tödlich. Vivienne übernimmt die Expedition und führt sie erfolgreich zu Ende. (mehr Infos zu Vivienne im PDF.)
Auf dieser Basis entstand am Stadttheater Bern die  Tanzproduktion „
Lions, Tigers, and Women…“. Ich entwickelte dafür ein Transmedia Projekt. Vivienne berichtete „live“ via Twitter und Blog von Ihrer Reise. Weitere Plattformen und drei verschiedene Postkarten umrahmten die Geschichte.

Zuerst ein Blick zurück auf die Ziele, die ich mir zu Beginn gesetzt hatte:

  • Einen (inhaltlichen) Rahmen für die Tanzproduktion „Lions, Tigers, and Women…“ schaffen.
  • Viviennes Welt über viele verschiedene Touchpoints live erlebbar und interaktiv machen.
  • Aufmerksamkeit erregen über die „üblichen Verdächtigen“ hinaus.
  • Einen Showcase für Social Media Nutzung im Theater kreieren.

Ich hatte mir auch selbst Kennzahlen (z.B. 500 Blogviews im Monat & einige hundert Twitterfollower) gesetzt, die ich gerne erreichen wollte, habe diese aber bewusst aus den Zielen ausgeklammert. Hier also erst einmal die Zahlen:

Das Projekt lief online vom 24. Januar bis zum 24. April, also genau 3 Monate.

In der Zeit verschickte Vivienne 239 Tweets  und schrieb 18 Blogposts. Ihre Followerzahl wuchs kontinuierlich auf 154 Follower und Ihre Posts wurden über 2000-mal angesehen. VvonWatt wurde 129-mal in RTs oder Mentions erwähnt, 59 davon vom Stadttheater oder mir.

Auffällig: keine Tweets = kein Followerzuwachs & stARTcamp Besuch (21.April) hilft!

Auf Pinterest pinnte ich 76 Bilder für 21 Follower, darunter 17 Originalbilder von Vivienne. Storify brachte die gesamte Story zusammen und versammelte Tweets, Twittermentions, Artikel, Videos, etc. in 297 Zitaten, 34 Bildern, 6 Videos und 58 eingebetten Elementen. Die Vivienne-Story brachte es auf 1245 Views, davon 915 eingebettet auf der Extraseite im WordPressblog des Stadttheaters. Auf der Facebookseite des Stadttheaters nahmen (bisher, die Verlosung läuft noch bis zum 12.06.) über 50 Personen teil. Es wurden 3x 1500 Postkarten gedruckt und in ganz Bern verteilt.

„Dann hast du das alles für nur 150 Leute gemacht?“

Diese (teilweise berechtigte) Frage kam auf, als ich das Projekt am stARTcamp München vorstellte und bei den Followerzahlen auf Twitter angelangt war. Klar ging es mir auch darum, viele potenzielle Zuschauer und Interessierte zu erreichen, und ich habe diese Produktion auch nach den Vorgaben ausgesucht, ein potentiell grosses Publikum erreichen zu können. Aber ich war mir von vorneherein darüber im Klaren, dass ich an Follower-Zahlen wie z.B. die eines Joseph von Nazareth niemals herankommen würde. Bern ist klein und die Ausstrahlung des Stadttheaters geht nicht weit über die Region hinaus. Dazu ist Twitter in der Schweiz immer noch nicht richtig angekommen. (Danke an Axel Vogelsang für diesen und viele weitere Inputs).

Allerdings spiegelt die Followerzahl nicht immer die korrekte Reichweite von Twitter wider:

Laut Tweetreach erreichte VvonWatt 14,676 Konten in 5 Tagen. (Tage des stARTcamp und der Aufbruch2.0 Konferenz)

Doch um die Zahlen soll es hier nur am Rande gehen: Ich wollte einen Case schaffen, der zeigte, was Social Media für eine Kulturinstitution wie ein Theater alles leisten kann. Im Hinterkopf war dabei auch die interne Kommunikation. Ausserdem war es auch mein persönliches Ziel in dieser Spielzeit, eine Produktion so komplett wie möglich mit einem Social Media Projekt zu begleiten. Mit „VvonWatt“ konnte ich auf einer Vielzahl von Plattformen einen einheitlichen und doch jeweils angepassten Auftritt erschaffen. So konnten potenzielle Zuschauer auf ihrer eigenen „Lieblings-Plattform“ mit Vivienne in Kontakt treten ohne ihre Comfort-Zone verlassen zu müssen. Wer mit Twitter nicht klar kommt, der liest vielleicht den Blog; wer lange Texte nicht mag, schaut sich Fotos auf Pinterest an; und wer einfach nur ins Theater möchte, nimmt am Gewinnspiel auf Facebook teil. Und alle Berührungspunkte bieten einen leichten und unkomplizierten Einstieg in die Geschichte der Vivienne von Wattenwyl.

Und unabhängig davon: Ja, ich hätte es auch für „nur“ 150 Leute gemacht. Wenn es mir mit diesem Projekt gelungen ist, einen Bruchteil der Twitterfollower oder Blogleser enger an das Haus zu binden oder überhaupt (wieder) auf das Theater aufmerksam zu machen, kann ich zufrieden sein.

Vielleicht fühlten sie sich einfach gut unterhalten:

Was hat gut funktioniert?

  • Eine Säule meiner Arbeit war bei diesem Projekt Hootsuite (Free Version). Hier konnte ich alle Tweets direkt für den passenden Zeitpunkt planen. Dadurch konnte Vivienne trotz meiner 50% Stelle (2 ½ feste Tage in der Woche) auch am Wochenende jagen gehen.
  • Für die Planung war der Redaktionsplan unerlässlich, in dem ich alle Tweets, Blogeinträge, Orte, getöteten Tiere und Bilder bereits vorgängig eintrug und so immer die Übersicht behalten konnte.

Screenshot des Redaktionsplans (aus der Präsentation vom stARTcamp München)

  • Zu meiner Lieblingsplattform entwickelte sich immer mehr Storify. Hier kommt die gesamte Geschichte zusammen, angereichert mit weiteren Informationen, verwandten Themen, Reaktionen und Hintergründen. So entsteht wieder etwas Neues. Und die äusserst nützliche „notify“ Funktion bindet die Urheber zitierter Tweets erneut in die Geschichte ein.
  • Wir realisierten das gesamte Projekt (mit Ausnahme der Postkarten) ohne Budget. All Online  Plattformen waren und sind kostenlos. Nur meine Arbeitszeit wurde investiert (und die unserer Polygraphin).
  • Die vorgängig angesprochenen Influencer fungierten als Multiplikatoren und brachten immer wieder den Dialog in Gang.
  • Einen richtigen Return of Investment zu messen, war ich glücklicherweise nicht verpflichtet und wäre mir technisch auch nicht ohne weiteres möglich gewesen. Was ich messen konnte,  waren z.B. die von einer VvonWatt Plattform verwiesenen Besucher auf stadttheaterbern.ch, welche sich als sehr lesefreudig und interessiert herausstellten. Sie verweilten meist länger auf der Webseite als der durchschnittliche Besucher und sahen sich auch mehr Seiten pro Besuch an.

Durchschnittliche Besuchsdauer von Besuchern, „verwiesen“ von vvonwatt.blogspot.com

Was hat nicht so gut funktioniert?

  • Die oben erwähnten Influencer hätten zahlreicher sein können. Besonders für die Region Bern hätte ich noch gezielter ansprechen können. Hier fehlte einfach die Zeit, um diese ausfindig zu machen. (z.B über Klout)
  • Das Projekt war eigentlich etwas länger angelegt. Der Tod von Viviennes Vater hätte als Klimax perfekter auf den Premieren Tag gepasst, als die Erlegung eines Elefanten.
  • Ein zukünftiges Projekt würde ich enger mit der Produktion verknüpfen und im Haus verankern. Auch inhaltlich könnte so ein noch effektiverer Spannungsbogen und ein grösseres Involvement erzeugt werden, z.B. indem die Follower einen kleinen Aspekt der Geschichte/Produktion verändern oder mitbestimmen können und dies später in der Aufführung zu sehen ist.
  • Für das Monitoring zur späteren Evaluation sollte man etwas Geld in die Hand nehmen. Eine Plattform auf der ich alle Zahlen zusammenfassen und leicht ablesen konnte, fehlte mir sehr (alles zum Monitoring gibt es bei Frank Tentler nachzulesen).
  • Nachhaltigkeit für den Social Media Auftritt konnte ich leider nicht leisten. Da meine Stelle für die nächste Spielzeit gestrichen wurde, konnte ich in meiner Planung nicht strategisch einzelne Kanäle auf-, aus- oder umbauen.
  • Pinterest kam erst sehr kurzfristig als Plattform dazu. Es muss wie Storify manuell bedient werden. Bei der Menge an Inhalten wurde es zur Herausforderung, diese Plattformen aktuell zu halten. Allerdings sind beide geniale Kuratierungs-tools, ideal einzusetzen um eine Storyworld lebendig zu machen, externen Kontent in Bezug zu setzen und Gespräche auf Twitter darzustellen (Storify).

Ich habe in der Themenauswahl auch auf kontroverse Themen gesetzt (Kolonialismus, latenter Rassismus, Töten von Tieren, etc.)

Tweet von VvonWatt

Dies auch ganz bewusst und mit der Absicht, Reaktionen hervorzurufen. Die Gefahr eines Shitstorms bestand meiner Ansicht nach nahezu nicht. Da ein Theater sowieso oft kontroverse Themen besetzt, ist das Publikum auch generell etwas aufgeschlossener. Durch ein sehr enges Monitoring (mobile App Hootsuite, Twitter, RSS Feeds des Blogs, Google Alerts) hätte ich umgehend reagieren können. (Danke an Helge David für diesen Input).

Wenn Zeit und Geld…

Es wäre noch einiges möglich gewesen. So hätten wir z.B. für das Naturhistorische Museum die Facebook Chronik mit Viviennes Geschichte aufbauen können, zeitgleich zum Projekt. Ein idealer Startpunkt, für ein Engagement auf der Plattform.

Das Naturhistorische Museum Bern auf Facebook

Lange überlegte ich auch, eine Löwen- (read. Schnitzel-) Jagd durch Bern zu veranstalten. Mit einer passenden App hätten die Berner 19 Löwen jagen können. Tolle Verknüpfung von offline und online, ideale Kooperationsmöglichkeiten in der Region und ein schönes „gamification“-Element, welches sicherlich weiteres Engagement gebracht hätte.

Viele tolle Möglichkeiten…!

Fazit

Ich bin mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Ich hatte viel Spass und habe sehr viel gelernt. Die Tanzproduktion läuft noch bis Ende Juni und die Zuschauerzahlen sind vielversprechend. Einiges würde ich beim nächsten Mal anders machen, und doch hätte es diesmal nicht anders laufen sollen.

Meine Ziele habe ich erreicht: Der inhaltliche Rahmen verstärkte das Erlebnis der Tanzproduktion, Vivienne trat in Dialog mit vielen verschiedenen Menschen aus Bern, der Region und der ganzen Welt (habe ich diesen Blog erwähnt?). Eine Pendlerzeitung (gratis) nahm das Thema prominent auf und sorgte so für Aufmerksamkeit bei Jugendlichen und Berufstätigen. Ich konnte das Projekt beim stARTcamp vorstellen und die Aufnahme war äusserst positiv.

Mein Dank geht an die Teilnehmer und Organisatoren des stARTcamp München, die mir sehr viel Input für diese und zukünftige Arbeiten gegeben haben. Zu guter letzt ein Dank an das Stadttheater, das mir die die Freiheit gegeben hat, dieses Projekt durchführen zu können. #loewe19

Caspar Lösche (Twitter) (Xing)