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Das Internet verändert uns

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Gut, die Zahl derer, die das, was da im Internet (und um das Internet herum) passiert, als Modeerscheinung abtun, ist mittlerweile gering geworden. Aber was geschieht da eigentlich und in welcher Form betrifft es auch uns? Natürlich können wir über Facebook reden oder noch besser, darüber schimpfen. Was genau geht da aber vor sich?

Bei den letzten Wahlen im Iran wurde immer wieder die Bedeutung von Twitter für die Berichterstattung betont. Wir haben 2011 den sogenannten arabischen Frühling erlebt und wir stellen fest, dass sich zum Beispiel auf Facebook mehr als eine halbe Million UserInnen zusammengeschlossen hat, um ihrer Forderung „Wir wollen Guttenberg zurück“ Nachdruck zu verleihen.

Seine Gegner sind in dieser Hinsicht weit weniger erfolgreich und haben es nur auf etwas mehr als 50.000 Fans gebracht. Die BefürworterInnen waren also auf Facebook wesentlich „erfolgreicher“ als seine GegnerInnen. Und wenn wir uns die Auseinandersetzungen um den deutschen Bundespräsidenten ansehen, dann stellen wir fest, dass sich da auf Facebook im Vergleich zum Ex-Minister recht wenig tut.

Warum ist das so bzw. was passiert da eigentlich? Antworten auf diese Fragen liefert Peter Kruse, Unternehmensberater und Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen. In seinem (dreieinhalbminütigen) Vortrag im Rahmen einer Sitzung der Enquete Kommission Internet und digitale Gesellschaft gelingt es ihm, in wenigen Minuten das zu skizzieren, was da derzeit um uns herum passiert.

Wir haben erstens, so Kruse, die Vernetzungsdichte in der Welt stark erhöht und mit dem Aufkommen des Web 2.0 dafür gesorgt, dass zweitens Spontanaktivitäten in bisher unerreichtem Ausmaß möglich sind. Durch die Möglichkeit des Teilens und Weiterleitens (z.B. durch das RT auf Twitter) können „kreisende Erregungen im Netzwerk“ entstehen, was letzten Endes dazu führen kann, dass Systeme sich selbst aufschaukeln und dadurch eine bisher ungeahnte Macht entfalten.

Weil die Menschen das gemerkt haben, schließen sie sich zu Bewegungen zusammen in der Hoffnung, genau diese Macht zu erlangen. Nicht mehr die, die oben stehen, üben in einem solchen Prozess die Macht aus, sondern die, die unten stehen, die UserInnen oder mit den Worten Kruses, die NachfragerInnen. Da sich solche Entwicklungen nicht vorhersagen lassen, verlieren die Wulffs und die Guttenbergs die Kontrolle über das, was da in den Netzwerken passiert. Laut Kruse gibt es zwar keine Möglichkeit vorherzusagen, was passiert, aber wer emphatisch ist, verfügt zumindest über ein „Gefühl für die Resonanzmuster der Gesellschaft“. Diesem empathischen Einfühlungsvermögen steht – zumindest in der Politik – meist der Narzissmus derer im Weg, die hier auf eine erfolgreiche Karriere hoffen (was wohl mit ein Grund ist für das Versagen der PolitikerInnen im Social Web ist).

Das Wissen um diese revolutionäre Entwicklung hat natürlich auch Auswirkungen auf uns, die wir das Social Web nicht nutzen, um unseren Narzissmus ausleben zu können (oder vielleicht doch?), sondern die wir Social Media für Kunst und Kultur erfolgreich einsetzen wollen. Im Idealfall lösen wir genau die von Kruse angesprochenen Aufschaukelungsprozesse aus (nicht immer muss es um Revolutionen gehen), nur lassen sie sich leider nicht vorhersagen. das heißt nun nicht, dass wir alles dem Zufall überlassen müssen, klar ist aber: ohne Empathie und die Fähigkeit, Resonanzmuster zu erkennen, haben Konzepte und Strategien  nur begrenzten Wert. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass Kultureinrichtungen diejenigen entdecken, die über empathische Fähigkeiten verfügen. Zusammen mit ihnen lassen sich dann Ideen erarbeiten und Konzepte entwickeln.

Wie das funktionieren kann, hat das Maxim Gorki Theater gestern Abend eindrucksvoll gezeigt. Auf der Maxim Gorki Theater Online-Bühne wurde das Stück Effie Briest 2.0 aufgeführt. Innerhalb kürzester Zeit hatte diese Facebook-Gruppe über 1.000 Mitglieder, aktuell sind es mehr als 1.300. Die Idee war klasse, das „Publikum“ begeistert. Auch in diesem Fall hat ein Aufschaukelungsprozess stattgefunden, der natürlich erhofft wurde, aber sich keineswegs vorhersagen ließ. So hat eine Vielzahl von Menschen die Geschichte der Effie Briest gelesen oder vorgeführt bekommen. Da trifft es sich gut, dass in ein paar Tagen, am 14. Januar, die Effie Briest Premiere auf der Bühne dieses Theaters feiert.

Empathie, Strategien und das Wissen, dass die Sache auch schiefgehen kann, das ist das Erfolgsrezept nicht nur im Social Web, sondern auch im realen Leben, denn die Grenzen zwischen der Offline- und der Online-Welt existieren eigentlich schon gar nicht mehr. Insofern ist das, was Peter Kruse in seinem Video sagt, für uns alle von großer Bedeutung, egal, ob wir uns mit dem Web 2.0 oder unserem täglichen Leben beschäftigen.

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Spielplanwahl am Thalia Theater: demokratisches Experiment oder pseudodemokratische Albernheit?

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© Gerd Altmann / Pixelio

Besonders gut geht es dem deutschen Theater derzeit nicht. Die öffentliche Hand ist nicht mehr in der Lage, die steigenden Kosten in den Häusern vollständig zu finanzieren und außerdem scheint das Interesse an dem, was auf den Bühnen zu sehen ist, nicht besonders groß zu sein, denn in der Saison 2009/10 ging die Zahl der BesucherInnen der öffentlich getragenen Theater gegenüber der vorangegangenen Saison um eine halbe Million zurück, wie es in einer Aussendung des Deutschen Bühnenvereins heißt.

Warum die Menschen immer seltener ins Theater gehen, darüber lässt sich nun trefflich streiten. Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass dort Stücke gespielt werden, die niemanden interessieren? Zumindest dachten wohl die Verantwortlichen des Thalia Theater in Hamburg in diese Richtung und ließen über einen Teil des Spielplans für die Saison 2012/13 per Voting abstimmen. Das (Protest-)Geschrei war groß, erstens wegen der Idee, „Dilettanten“ über den Spielplan abstimmen zu lassen und zweitens wegen des Resultats, denn am Ende hatten sich die WählerInnen geweigert, die ersten Plätze den Usancen entsprechend mit Faust, Emilia Galotti und dem Sommernachtstraum zu besetzen.

Stattdessen landeten Dürrenmatts „Die Ehe des Herrn Mississipi“, das Transmedia-Projekt „Peer returns“ und Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davon gekommen“ auf den ersten drei Plätzen. Die Bewertung dieser Wahl, an deren Ende 5.500 Stimmen gezählt wurden, fällt in den Printmedien einhellig negativ aus. Klaus Irler spricht in der TAZ von einem „sauberen Eigentor“, Christoph Twickel schreibt im Spiegel von „völlig unbekannte(n) und skurrile(n) Werke(n), die die vordersten Plätze einnehmen. Gerhard Stadelmaier amüsiert sich in der FAZ darüber, dass das Theater nun „brav Amateurdramen spielen (muss), die mittels sozialer Netzwerke massenhaft gepusht worden sind“ und Till Briegleb bezeichnet das Abstimmungsergebnis in der SZ als „Reinfall“. Letzterer empfiehlt am Ende seines Artikels dem Intendanten Joachim Lux und Dramaturg Carl Hegemann das öffentliche Geständnis: „Wir haben es vermasselt“.

Bleibt die Frage, wer da was vermasselt hat? Sind es nicht eher die Journalisten, die sich hier eine eher peinliche Blöße geben, getrieben von der Angst, dass vielleicht schon bald auch über ihre Artikel abgestimmt  wird und sie von „Amateuren“ und „Dilettanten“ überholt werden? Wäre es nicht ihre Aufgabe gewesen, in klugen Artikeln die Entwicklung des Theaters zu unterstützen und sich Gedanken zu machen, wie sich die Häuser all denen öffnen können, die sich schon lange von den Bühnen verabschiedet haben. Sich über diese Aktion nur lustig zu machen, wird der Sache nicht gerecht, zu ernst ist die Situation. Nicht umsonst widmet der Fachverband Kulturmanagement seine nächste Jahrestagung unter anderem der Erforschung kultureller Beteiligungsstrategien. Ich hoffe, die Herren sind dann vor Ort und berichten darüber.

Vielleicht hätten sie sich auch schon vor dieser Aktion mit der Frage, welche partizipativen Formen das Theater benötigt, beschäftigen sollen? Man kann ein Theater leicht als weltfremd bezeichnen und ihm vorwerfen, eine pseudodemokratische Abstimmung initiiert zu haben. Aber wie würde denn ein demokratischer Prozess wirklich aussehen? Wer soll denn überhaupt daran beteiligt werden? Nur die BesucherInnen des Thalia-Theaters? Alle HamburgerInnen? Oder alle, die sich angesprochen fühlen? Dir Frage ist nicht so leicht zu beantworten.

Und warum ist das Ergebnis so schlecht? Immerhin haben sich Menschen engagiert, um bestimmte Stücke im Ranking in die vorderen Positionen zu bringen. Dürrenmatt und Wilder mögen nicht unbedingt tagesaktuell sein, aber wer weiß, ob das 2013 immer noch so ist? Schließlich sind beide keine Groschenromanschreiber. „Peer returns“ kann man natürlich, wenn es einem gefällt, als „dröhnend ambitioniertes Rock-Musical“ bezeichnen, aber ich hätte viel lieber gelesen, dass sich dahinter eines der ersten transmedialen Projekte verbirgt, das an einem deutschsprachigen Theater aufgeführt werden soll.

Man hätte diesen Entscheidungsprozess, der sicher nicht so abgelaufen ist, wie sich das die Verantwortlichen vorgestellt haben, auch analysieren können, wie das Ulf Schmidt in seinem lesenswerten Blogpost „Das Thalia und die Spiel(plan)verderber 2: Durch Leiden wird man Demokrat“ getan hat. Was ist denn ein demokratischer Prozess eigentlich? Kommt er ohne die Einflussnahme von Interessensgruppen aus oder sind es nicht sie, die in unserer Demokratie mehr und mehr bestimmen? Ist es also nicht scheinheilig, dem Theater etwas vorzuwerfen, was in allen anderen Bereichen schon lange an der Tagesordnung steht?

Schmidt betrachtet den Abstimmungsprozess als eigenes Stück und fordert, das „Drama der Demokratie“ für den Mühlheimer Dramatikerpreis zu nominieren, denn

„seit langem hat (es) kein Theater [..] in ähnlicher Weise geschafft, eine größere Menge von Menschen  in eine theatrale Aktion einzubinden […], die allen Beteiligten am eigenen Leibe erfahren lässt, was es mit Demokratie, Mitbestimmung, Partizipation wirklich auf sich hat. Ein in dieser Hinsicht grandioses Projekt, dem es gelingt, lang verschüttete, halb- oder unbewusste demokratische Prozesse offen zu legen, sie in ihrer ganzen Fragilität, Bedrohlichkeit, Missbrauchs- und Unfallanfälligkeit darzustellen.“

Darüber zu diskutieren wäre vermutlich sinnvoller gewesen als sich über die Idee des Thalia-Theaters lustig zu machen. Das „Drama der Demokratie“ ist derzeit nicht nur auf den Bühnen dieser Welt zu beobachten, sondern auch im realen Leben, wo es unter anderem unter dem Titel „arabischer Frühling“ läuft. Ob es sich dabei um demokratische Experimente handelt oder um pseudodemokratische Albernheiten, muss jede/r für sich selbst entscheiden.

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Royal Shakespeare Company : mit Animationsfilmen die nächste Inszenierung ankündigen

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Als ich gestern dieses Video sah, fiel mir sofort die Diskussion ein, die das hier im Blog gezeigte Video des Sukiennice Museums hervorgerufen hat. Die 1960 von Peter Hall gegründete Royal Shakespeare Company kündigt damit die für Mitte April geplante Premiere von Macbeth an:

Insgesamt sechs solcher Kurzfilme hat die Theatergruppe, die dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert, produzieren lassen und gibt sich in Verbindung mit ihrer Website und ihren SocialMediaAuftritten ein betont trendiges Aussehen, mit dem man, so vermute ich, ein eher jugendliches Publikum gewinnen will. Mir gefällt ihr Webauftritt und vor allem die Videos, mit denen eine Shakespeare-Inszenierung mal auf ganz andere Art und Weise beworben wird.

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Eine neue Romeo und Julia-Inszenierung? Das Burgtheater befragt seine Abonnenten

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Als Sebastian Hartmann vor gut drei Jahren am Wiener Burgtheater Shakespeares „Romeo und Julia inszenierte, kam das Stück weder beim Publikum noch bei den Kritikern gut an. Ob die Inszenierung deshalb nicht mehr im Repertoire aufscheint, kann ich nicht sagen, umso interessanter ist ein Bericht, der heute in den Wiener Regionalnachrichten ausgestrahlt wurde.

Das Burgtheater befragt derzeit seine rund 5.000 Abonnenten schriftlich, ob sie das Stück in einer neuen Inszenierung sehen wollen oder nicht. Von der Möglichkeit, über das Ankreuzen von Ja oder Nein hinaus auch einen kurzen Kommentar abgeben zu können, scheint rege Gebrauch gemacht zu werden. Der Bericht vermittelt den Eindruck, dass die Idee von Burgtheater-Chef Matthias Hartmann, die Abonnenten auf diese Weise in die Programmgestaltung einzubinden, auf große Zustimmung stößt und viele die Karte ausgefüllt zurückschicken.

Im Interview meinte Hartmann, dass er es sich durchaus vorstellen könne, diese Aktion zu wiederholen. Mir gefällt diese Idee und wie der Bericht zeigt, den Abonnenten wohl auch. Hier geht es nicht darum, sich dem Publikum anzubiedern oder sich von ihm das Programm diktieren zu lassen, sondern zu zeigen, dass man es ernst nimmt und die Meinung der BesucherInnen wertschätzt. Eine Aktion, die sicher dazu beiträgt, die Reputation des Hauses zu erhöhen. Zumindest bei der Mehrzahl der 5.000 Abonnenten.

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Wo sperrt das nächste Theater oder Museum zu?

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Gerade habe ich mir die die Petition gegen die Schließung des Thalia Theater in Halle durchgelesen, die an die Kultusministerin in Sachsen-Anhalt gerichtet ist. Das Thalia Theater ist, so heißt es in der Petition, das einzige Kinder- und Jugendtheater in Sachsen-Anhalt und soll nun, quasi als sprichwörtliches fünftes Rad der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle geschlossen werden.

Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, fällt mir folgendes auf: die Zahl der Petitionen, in denen gegen die Schließung einer Kultureinrichtung oder den Wegfall von Programmschienen protestiert wird, nimmt zu. Ich finde es immer bedauerlich, wenn ein Museum oder ein Theater zugesperrt wird bzw. zugesperrt werden soll. Noch schlimmer ist es, wenn es sich um ein Kinder- und Jugendtheater wie in diesem Fall handelt. Wer Kinder- und Jugendtheater schließt, ist mitverantwortlich für sinkende Besucherzahlen in der Zukunft.

Bedenklich ist dabei auch das Prozedere. Die Kulturpolitik hat sich mittlerweile ihrer Verantwortung entledigt und lässt es zu, dass ein Theater per Aufsichtsratsbeschluss geschlossen wird und die Schließung mit hohen Personalkosten und drohender Insolvenz begründet wird. Wenn der politische Wille da war, wurden schon ganz andere Unternehmungen mit sehr viel höherem Kapitalbedarf am Leben erhalten. Das heißt, hier handelt es sich um ein Versagen der Kulturpolitik, die nicht in der Lage ist, entsprechende Konzepte zu entwickeln (oder sie entwickeln zu lassen), in denen der entsprechende Bedarf geregelt wird.

Man kann durchaus Kulturbetriebe schließen, sollte das aber kulturpolitisch begründen. Man möge mir verzeihen, wenn ich hier schon wieder auf den Blogbeitrag verweise, in dem Pius Knüsel der Satz in den Mund gelegt wird, „(a)us kulturpolitischer Sicht spielt das einzelne Projekt, das einzelne Haus oft keine Rolle.“ Mag sein, aber die Frage sei erlaubt: wo ist hier das kulturpolitische Konzept, wo ist hier die von Knüsel angesprochene Makro- und Mikroebene?

Sich gegen fehlende Konzepte und Schließungen zu wehren, ist legitim und wahrscheinlich auch berechtigt. Nur sind Petitionen auf Dauer nicht der richtige Weg. Sie können im besten Fall verhindern, dass ein einzelner Kulturbetrieb nicht geschlossen wird, das Problem an sich können sie nicht lösen. Hier ist die Kulturpolitik gefordert, die einen noch zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise Glauben machen wollte, die Förderungen für Kunst und Kultur seien sicher. Sie sind es nicht, wie wir mittlerweile wissen, aber zugegeben hat das bis jetzt noch niemand. Und entsprechende Konzepte, um darauf zu reagieren, gibt es auch noch nicht.

Wie können solche Konzepte aussehen? Wieviel Kunst und Kultur wollen wir als BürgerInnen eigentlich? Wahrscheinlich gar nicht so viele, wenn man nicht nur den kleinen exklusiven Kreis derer, die die kulturellen Angebote nutzt, befragt. Aber die Diskussion muss geführt werden, sonst wird uns jeden Monat eine neue Petition zur Unterschrift vorgelegt.

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So nutzen Theater Social Media

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Gestern hat mich Marc van Bree via Twitter auf einen Report aufmerksam gemacht , in dem Devon Smith untersucht, wie und auf welche Weise (amerikanische) Theater Social Media nutzen. Das Datenmaterial, das sie dabei zusammengetragen hat, ist ziemlich beeindruckend. Beeindruckend vor allem dann, wenn man bedenkt, welches Aktivitätslevel die heimischen Theater bis jetzt entwickelt haben. Netterweise hat Devon Smith ihren Report auf Slideshare zur Verfügung gestellt, so dass ich ihn direkt hier in den Beitrag einbinden kann.

Der Report bestätigt, dass die meisten Kultureinrichtungen Social Media fast ausschließlich unter Marketinggesichtspunkten betrachten und ihre Aktivitäten dort dementsprechend ausrichten. So schreibt Devon Smith:

„I’ve been most surprised that theatres haven thus far focused 99% of their attention for social media on marketing. What about the development office? What about as a way to organize a production team? What about as a way to demonstrate thought leadership to the rest of the arts administration field?“

Die Frage ist in meinen Augen berechtigt und auch sinnvoll, denn Social Media ist nicht nur Marketing oder besser gesagt: es ist mehr als Marketing. Das heißt, wer nur Marketingziele verfolgt, nutzt das Potenzial von Social Media bei weitem nicht aus.

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Social Media: und wie sieht das dann in der Praxis aus?

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Anfang dieser Woche habe ich mich über den Chat hier im Blog mit Sandra Doser von der Studentenbühne der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg unterhalten. Die Studentenbühne  hat für ihre Aktivitäten nicht nur ein eigenes Blog eingerichtet, sondern ist darüber hinaus auf Facebook, MySpace, studiVZ (Verlinkung ohne Anmeldung nicht möglich) und YouTube präsent. Nun habe man zwar alle diese Kanäle eingerichtet, aber es fehle an entsprechenden Rückmeldungen und Reaktionen, meinte Sandra Doser im Laufe unseres „Gesprächs“ etwas enttäuscht.

Damit hat sie ein Problem angesprochen, das wahrscheinlich viele haben, wenn sie sich voller Enthusiasmus in die Arbeit stürzen und nach einiger Zeit feststellen: da passiert ja gar nichts. Was aber muss man eigentlich tun, damit etwas passiert? Sandra Doser hat mir netterweise erlaubt, den Social Media-Auftritt der Probebühne als Beispiel verwenden zu dürfen, wofür ich mich bei ihr ganz herzlich bedanken möchte.

Die entscheidende Frage, die sich jeder ganz am Anfang stellen muss, ist die nach Sinn und Zweck der Social Media-Aktivitäten. Bei der Studentenbühne ist das recht klar formuliert, im ersten Blogpost heißt es nämlich:

„Wir sind die Studentenbühne der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Dieses Semester Proben wir Andorra von Max Frisch. Wir sind ein Theater zum Anfassen. Jeder ist willkommen mitzureden, die Proben zu sehen, mitzuspielen, Aufgaben hinter den Kulissen zu übernehmen und natürlich auch sich das Stück anzusehen! Auf diesem Profil können Bilder und Videos von den Proben angesehen werden. Über den Blog kann der Entstehungsprozess verfolgt und kommentiert werden. Auch Abstimmungen bezüglich bestimmter Entscheidungen wird es auf der Homepage geben. Vorschläge werden gerne eingearbeitet. Helft uns ein Stück zu gestalten, das ihr sehen wollt!“

Die Grundidee ist es also, andere nicht nur passiv teilhaben zu lassen, sondern sie aktiv in das Projekt, nämlich die Inszenierung von Andorra, einzubinden. Mein Problem dabei: als jemand, der sich an dem Theaterprojekt nicht beteiligt, bin ich mir nicht sicher, ob die Inhalte des Blogs eigentlich für mich bestimmt sind? Kurz gesagt: ich weiß nicht, ob ich mich angesprochen fühlen soll und bin daher eher zurückhaltend, wenn es um Reaktionen beispielsweise in Form von Kommentaren geht. Meiner Meinung nach ist die Trennung zwischen denen, die nur mitlesen und denen, die sich aktiv einbringen wollen, zu ungenau gezogen. Möglicherweise ist es in diesem Zusammenhang sinnvoll, mit Kategorien zu arbeiten?

Was ich noch ändern würde:

  • Mehr Links setzen: wer irgendwo in der Blogosphäre ein Blog aufsetzt, beginnt bei Null. Abgesehen von ein paar Insidern weiß niemand von dem Vorhaben, das Blog muss erst noch entdeckt werden (eine Alternative wäre z.B. theaterblogs.de gewesen, wo es bereits viele Theaterblogs und damit viele interessierte LeserInnen gibt). Das heißt, ich muss auf möglichst vielen anderen „Plätzen“ im Web Spuren hinterlassen, indem ich entweder dorthin verlinke (auch auf YouTube gibt es einige interessante Videos über Max Frisch und Andorra) oder auf anderen Seiten kommentiere, um auf diesem Weg auf mein eigenes Blog aufmerksam zu machen. Links führen außerdem dazu, dass ich besser gefunden werde.
  • LeserInnen mobilisieren: wenn man mit etwas bei Null anfängt, dann ist es klar, dass das andere nicht sofort mitbekommen. Es ist durchaus erlaubt, auf den Start des Blogs hinzuweisen und dafür auch Kommunikationskanäle wie die Email oder das gute alte Telefon zu verwenden. ;-) Im nächsten Schritt könnte man Blogbeiträge verfassen, die mit einer Frage enden und dann ganz gezielt Leute ansprechen und sie um einen Kommentar bitten.
  • Mehr Geschichten erzählen: Ich denke, ein Blog lebt von den Geschichten, von den Inhalten, die dort erzählt werden. Deshalb gefällt mir auch die Idee, die einzelnen Figuren des Theaterstücks vorzustellen und zwar von den DarstellerInnen selbst. Ich hätte allerdings erst die „Geschichte“ der jeweiligen Figur gebracht, also das PDF (z.B. Barblin) und dann den Steckbrief angehängt. Und ein Foto und ein paar einleitende Sätze der jeweiligen DarstellerInnen wären sicher auch ein Gewinn.

Aber: das Blog enthält viele tolle Ideen, z.B. das Video eines Flashmobs, mit dem das Stück auf dem Weihnachtsmarkt beworben wurde, die Infos über die Vorbereitungen dazu, Einblicke in das Probengeschehen oder auch die Vorstellung des Flyers. Und wenn man dann noch berücksichtigt, dass das Blog erst seit knapp drei Monaten existiert, dann ist es eigentlich noch zu früh, frustriert zu sein. Ich weiß zwar jetzt nicht, wieviele Zugriffe das Probebühnen-Blog hat, aber ich lag mit diesem Blog hier nach drei Monaten bei insgesamt 400 Zugriffen und einer Handvoll Kommentaren. Insofern lohnt es sich, noch etwas Geduld zu haben, zu versuchen herauszufinden, was man besser machen kann und dann bin ich mir sicher, werden Blog und Inszenierung ein voller Erfolg. :-)

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Kulturbetriebe im Social Web: warum immer alleine kämpfen?

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Ein Glück, dass ich dank Google Alerts immer wieder auf interessante Nachrichten stoße. Per Email bekam ich gestern unter dem Schlagwort Kulturmanagement den Link zu einem Artikel aus der Stuttgarter Zeitung. Darin geht es um ein „Gutachten zur kultur- und kreativwirtschaftlichen Positionierung des Theaterhauses Stuttgart“, das von Thomas Knubben und Petra Schneidewind vom Institut für Kulturmanagement (PH Ludwigsburg) erstellt worden ist.

Weil die Ergebnisse für den Theaterbereich in meinen Augen relevant sind, habe ich den Hinweis auf diesen Artikel getwittert. Durch das erneute Twittern dieser Nachricht wurde ich darauf aufmerksam, dass das Theaterhaus Stuttgart twittert. In dessen Kurzinfo (auf Twitter) befindet sich der Link auf die Website des Theaters. Neugierig wie ich bin habe ich die Seite angeklickt und dort gesehen, dass das Theater seit kurzem ein eigenes Blog betreibt. Dort ist auch ein eigenes Blogpost zu diesem Gutachten zu finden, in dem es am Ende heißt:

„Gutachten dieser Art – wie schon die Untersuchung „Das Theaterhaus Stuttgart im europäischen Vergleich“ von 2007 – sind leider immer noch eine Ausnahme. Die Gutachter und der Auftraggeber wollen mit der Untersuchung auch anderen Kulturinstitutionen Mut machen, sich diesen Fragen zu stellen, um mithilfe der Erkenntnisse zukunftsorientiert handeln zu können.“

Eine phantastische Idee. Allerdings klappt das mit dem Mut machen wahrscheinlich nur, wenn  andere Kulturinstitutionen, Multiplikatoren und die Öffentlichkeit davon erfahren. Der Weg bis zu diesem Blogpost war für mich ein weiter und von vielen Zufällen begleitet. Natürlich werden die LeserInnen der Stuttgarter Zeitung die Meldung in ihrer Zeitung entdecken. Und sonst? Das Gutachten wird sehr schnell in Vergessenheit geraten, weil niemand davon Notiz nimmt bzw. Notiz nehmen konnte.

Das Gutachten wurde vor eineinhalb Jahren in Auftrag gegeben, d.h. die Veröffentlichung kam nicht überraschend. Ich hätte, wenn ich einen Twitteraccount, ein Facebook-Profil und ein Weblog habe (was selten genug im Theaterbereich ist) einige Dinge anders gemacht:

  1. Ein „einsames Weblog“ fällt im Social Web nicht mehr auf, wenn man nicht aktiv Maßnahmen setzt, damit es wahrgenommen wird. Natürlich wartet die Blogosphäre nicht immer auf einen, aber ich kann zumindest versuchen, auf mich aufmerksam zu machen. Eine bewährte Methode: ich verlinke auf andere Blogs, folge auf Twitter Leuten und Institutionen, die für mich interessant sein könnten.
  2. Mein Blog bekommt eine Blogroll, denn die ist nicht nur ein tolles Serviceangebot für meine BlogleserInnen, sondern auch ganz nützlich, um auf sich aufmerksam zu machen. BlogbetreiberInnen, die Monitoring betreiben, bekommen das mit.
  3. Ich mache auf meiner Website auf meine Social Media-Aktivitäten aufmerksam, d.h. ich verlinke nicht nur auf mein Blog, sondern auch auf meinen Twitter-Account und mein Facebook-Profil.
  4. Ich verbinde  die verschiedenen Social Media-Kanäle, d.h. auf Twitter verlinke ich nicht auf meine statische Website, sondern eher auf das Weblog.
  5. Für Facebook gilt dasselbe: ich weise auf mein Blog (unter Infos, ansonsten werden die Beiträge per RSS eingebunden) und meinen Twitteraccount hin. Außerdem macht es für ein Theater Sinn, wenn es dort nicht nur ein einfaches Profil hat, sondern eine Fanseite einrichtet. Dadurch ist es viel leichter, dem Theater zu folgen, ohne gleich alle Kontaktdaten preisgeben zu müssen.
  6. Und am Ende der wichtigste Punkt: ich suche mir Verbündete, biete ihnen Infos und versuche das Thema zu pushen. Das ist beim Thema Kulturfinanzierung vermutlich nicht schwer, weil es all diejenigen betrifft, die öffentliche Förderungen erhalten. Und das sind nicht wenige.

Abgesehen davon lohnt es sich aber, einen Blick in das Blog zu werfen, denn es ist gut gemacht und enthält interessante Beiträge. Und mit der Verlinkung kommen dann sicher auch die Kommentare und das Gespräch mit anderen Theatern, Kulturinteressierten, KulturpolitikerInnen und natürlich BloggerInnen.

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Theaterfinanzierung: geht es auch ohne Förderungen?

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Vor mehr als vierzig Jahren schrieben William J. Baumol und William G. Bowen den Klassiker „Performing Arts – The Economic Dilemma“ , in dem sie konstatierten, dass in diesem Bereich Produktivitätssteigerungen nicht möglich seien, um den Anstieg der Kosten aufzufangen. Diese Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben wurde im Laufe der Jahre immer größer und lässt sich, zumindest in unseren Breitengraden, nur durch öffentliche Förderungen schließen.

Wie es um die öffentlichen Haushalte bestellt ist, wissen wir alle. Was das für die Theater bedeutet auch, denn Armin Klein hat in seinem Buch „Der exzellente Kulturbetrieb“ festgehalten, dass bei den deutschen Theatern in der Spielzeit 2003/2004 die öffentlichen Zuwendungen 83,4% der gesamten Einnahmen ausmachten. Zwei Jahre später lag dieser Anteil laut der Statistik des deutschen Bühnenvereins immer noch bei knapp 82%.

In den USA stellt sich die Situation etwas anders dar (siehe dazu meinen Beitrag „Wie sich Kunst finanziert„), aber von den Ticketeinnahmen können die Theater, abgesehen von den Broadway-Bühnen, auch nicht leben. Während bei uns höchstens der Ruf nach höheren Förderungen laut wird, beschäftigen sich in den USA verschiedene Blogautoren mit möglichen Modellen der Theaterfinanzierung. Einen sehr interessanten Ansatz hat Chris Ashworth entwickelt. In seinem Beitrag „Toward A New Funding Model for Theater“ stellt er die Frage,

„How far away is the current theatrical model from representing a successful for-profit business?“

Die Theater würden, so schreibt er weiter, ca. 25 bis 40% ihrer Einnahmen über den Ticketverkauf generieren. Würden sie das ändern wollen, sähe das so aus:

„Let’s say I’ve got a 100 seat theater. Let’s say I’ve got 10 people in my company. Let’s say I want to pay them each 50K a year. Let’s say I run shows Thursday, Friday, Saturday, and Sunday, that each show I produce runs a month, and that I do six shows a year. A solid schedule. That makes 96 days a year I’m opening my door, or 9600 seats I can possibly sell. If I sell every single one of those seats, I’d have to sell them at over fifty bucks a ticket to pay my company members, and I’d have nothing left for rent, production costs, or anything else.“

Um also nur die Personalkosten decken zu können, müssten in diesem Fall die Tickets über 50 USD kosten. Bei einem solch hohen Preis wäre wahrscheinlich die Nachfrage gering, d.h. das Theater bliebe auf seinen Karten sitzen.

Überhaupt hält er den Verkauf von Tickets in der jetzigen Form für überholt. So stellt dieses System für ihn ein Transaktionsmodell aus dem Industriezeitalter dar (Ashworth verweist in diesem Zusammenhang auf das Blogpost „Pay Attention! If Selling Tickets Is Your Business Model, You’ve Got A Problem“ von Douglas McLennan). Zwei weitere Einwände:

  • „If we pay undue attention to commercial metrics like ticket sales, aren’t we missing the point of our mission as a theater?
  • Doesn’t the entire concept of tickets inherently damage the arts, by dividing us into art producers and art consumers?“

Trotzdem steht er dem Prinzip künstlerische Erfahrung im Austausch gegen Geld nicht ablehnend gegenüber (einen völlig anderen Weg formuliert Lewis Hyde etwa in seinem Buch „Die Gabe“ ; siehe dazu meine Beiträge „Von „Business Skills“, Nutzendenken und der Kunst“ und „Kunst und die Marktwirtschaft„), denn

„it is not a bad thing for me to measure how many people experience my art.“

Den in meinen Augen entscheidenden Grund formuliert Ashworth so:

„Your artistic risks should be buffered by the strength of your connection to your audience, not by your financial independence from them.“

Das heißt, statt sich von den Zuschauereinnahmen unabhängig zu machen und stattdessen auf – in unserem Fall – öffentliche Förderungen zu setzen, schlägt er den umgekehrten Weg vor. Allerdings gilt es dabei, die Idee des Ticketverkaufs neu zu erfinden, wie er schreibt.

Wenn wir heute ein Ticket für eine Aufführung im Theater kaufen, dann bekommen wir als Gegenleistung das „künstlerische Endprodukt“ zu sehen. Damit stehen die Tickets, so Ashworth, für ein Nebenprodukt, denn „Art is about the process“. Das heißt, vom eigentlichen künstlerischen (Entwicklungs)-Prozess bekomme ich trotz Ticketerwerb gar nichts mit. Dieser Prozess enthält für Außenstehende spannende, aber auch langweilige Momente. Für ein Theater besteht die Herausforderung darin, den Produktionsprozess so zu designen, dass es gelingt, zu den Zuschauern eine Beziehung aufzubauen.

Das heißt, das Ticket steht nicht mehr für das Endprodukt, die Aufführung, sondern ist die Eintrittskarte zu einer Community (siehe dazu Chris Brogan: „Audience or Community„). Oder mit den Worten Ashworths:

„(…) tickets transform from an artifact of a transaction into an artifact of a relationship.“

Bezahlt wird nicht für ein fertiges Produkt, sondern für „Access„, wie es Ashworth formuliert. Oder:

„It means you sell memberships, not tickets. It means that if I pay you ten bucks a month, I get access. I can visit every rehearsal. I get a guaranteed ticket to every show you do.“

Am Ende steht dann so etwas wie ein monatlicher Mitgliedsbeitrag und nicht mehr das Ticket für die Aufführung eines bestimmten Stückes an einem bestimmten Tag.

Da Chris Ashworth hauptberuflich mit der Entwicklung von Softewareprodukten zu tun hat, erkennt er das Potenzial der Technologien, die uns heute bereits zur Verfügung stehen:

„Live stream your shows. Post daily rehearsal photos on Twitter. Invest in a qualified videographer, and use the hell out of them. Build a living production document of every show online. Let your audience see how a scene is evolving from rehearsal to rehearsal with a quality video record of the evolution. Annotate each clip with a description of the director’s instructions, of the actor’s new choices, of the salient theatrical choices that made this version of the scene different from the last version. Put them up in a timeline. Let us see the process unfold, even when we can’t be in the room. Let me see how a scene is taken from a written blueprint to a live performance. Edit out the boring stuff.“

Ein entscheidender Faktor ist für ihn, dass die Mitglieder dieser Community dann auch an Entscheidungs- bzw. Entstehungsprozessen teilhaben und ihre Gedanken, ihre Kreativität einbringen können. Aber:

„I’m not saying you should run your theater by popular vote, I’m saying give your audience a chance to affect what you do.“

Dieses Modell führt dazu, dass ein Theater sein finanzielles Risiko minimieren kann, denn statt der von Ashworth als Beispiel angeführten 96 Aufführungen pro Jahr, kann es an 365 Tagen im Jahr Geld verdienen.

„Well, instead of selling 9600 tickets at 52 bucks a pop just so we can cover salary, we get to focus on signing up 4200 members at 10 bucks a month for the same result. We’re asking a lot fewer people for a little more money, and we’re giving them a lot more art in return“,

schreibt er. Das Ergebnis: statt die Zeit damit zu verbingen, öffentliche Förderungen zu beantragen, könne sich ein Theater um seine Community, um den Aufbau von Beziehungen kümmern.

Wenn Ashworth meint, dass die Mitglieder der Community an den Prozessen beteiligt werden sollen, dann werden wahrscheinlich bei manchen die Alarmglocken schrillen. Ashworth trennt aber weiterhin zwischen den Künstlern, also den Experten, und dem Publikum. Die Trennung zwischen Produzent und Konsument ist also nur im Ansatz aufgehoben.

Sehr viel weiter geht Scott Walters, der in seinem Blogpost „(Netflix + YouTube) / (time = money)“ das Modell Ashworths aufgreift und um die, ich würde sagen, Web 2.0-Komponente erweitert.

Für Walters bedeutet das Social Web, der User kann aktiv werden, Stichwort user-generated-content. Und genau diesen Punkt möchte er dem Modell hinzufügen. Auch Scott Walters ist für eine monatliche Gebühr (wie sie das von ihm genannte Videoportal Netflix anbietet), allerdings sieht er vor allem bei kleinen Bühnen das Problem, dass diese nicht über genügend Content verfügen. Das heißt, es bedarf einer Ergänzung, auf die z.B. YouTube setzt, wie er schreibt.

YouTube erfüllt seiner Meinung nach zwei Funktionen. Zum einen kann man dort seine eigenen künstlerischen Werke vorstellen. Auf der anderen Seite ermöglicht man es anderen, das dort online gestellte Werk weiter zu entwickeln. Auf das von Ashworth entwickelte Modell heißt das, dass wir nicht nur die Werke der Künstler zur Verfügung haben, sondern auch die der Community. Damit wäre nach Walters Vorstellung das Problem der fehlenden Inhalte gelöst. Das die von unterschiedlicher Qualität sein können, stört Walters nicht, denn

„The artistic staff’s job is not to serve as gatekeepers, but rather to encourage community creativity and to provide as much variety as possible. The artists can lead through their own work,of course, providing things to aspire to. And they can (and should) help improve skills through teaching as well as facilitation. But if you buy a monthly membership, you are buying a chance to be a creator“,

schreibt Walters weiter. Das Ziel formuliert er so:

„The goal is to keep the space humming with activity, beacuse ultimately the priority is the creation of community, or what Robert Putnam calls social capital.“

Einen Haken hat dieses Modell aber noch, denn die Nachfrage wird ja nicht automatisch generiert, wie auch die vielen ungesehenen Videos auf YouTube beweisen. Das heißt:

“ (.) if your goal is to get as many people spending face-to-face time together as possible, if you want people to try out a variety of arts events, then there needs to be a little extra motivation.“

Seine Idee: nur wer die Angebote nicht in Anspruch nimmt, zahlt die volle Monatsgebühr. Für jeden „Besuch“ gibt es also eine Art Rabatt. An dieser Stelle wird dann auch die Überschrift des Beitrags „(Netflix + YouTube) / (time = money)“ verständlich.

Nun könnte man vielleicht noch einen Schritt weitergehen und es den Mitgliedern der Community überlassen, welchen Betrag sie zahlen wollen. Ich denke, die katholische Kirche ist dafür ein schönes Beispiel (auch im Sinne des Community-Building; darauf gebracht hat mich Adam Thurman mit seinem Beitrag „Saving Souls„), die ja – mal abgesehen von der Kirchensteuer – auf das Prinzip des freiwilligen Gebens setzt. Von der Kollekte bis zur Erbschaft, die ihr vermacht wird.

Vor diesem Hintergrund kann man dieses Modell auch als einen interessanten Crowdfunding-Ansatz begreifen. Statt der öffentlichen Förderung, bei der das Risiko der Ablehnung sehr groß sein kann, verteile ich das Risiko auf die vielen Mitglieder der Community. Interessant ist die Frage, wie hoch z.B. die monatliche Gebühr anzusetzen wäre? Nach welchen Kriterien lässt sich das entscheiden?

Diese Fragen lassen sich sicher am nächsten Online-Webmontag diskutieren, der am 23. November 2009 um 19 Uhr stattfinden wird und sich mit dem Thema „Crowdfunding & Online Payment“ beschäftigen wird. Wenn Sie Lust und Zeit haben, seien Sie doch einfach online dabei. Informationen, Link und Anmeldungsmöglichkeit finden Sie hier.

Darüber hinaus interessiert mich aber nun aber natürlich Ihre Meinung zu diesem Ansatz oder Modell. Was halten Sie davon? Wo sehen Sie Probleme, welche Ergänzungen sind nötig oder lässt sich so etwas bei uns Ihrer Meinung nach gar nicht umsetzen?

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Axel Kopp: Wenn’s mal wieder länger dauert… Staatstheater und Web 2.0 (Gastbeitrag)

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Bis jetzt stammen alle Beiträge hier im Blog von mir. Nachdem ich dieses Blog aber als eine  Plattform verstehe, auf der Gespräche stattfinden sollen, möchte ich hier zukünftig auch Andere zu Wort kommen lassen. Andere Menschen, andere Sichtweisen und Standpunkte. Ich denke, dass davon alle, Sie und ich profitieren können.

Los geht es mit Axel Kopp, der 27 Jahre alt ist und in Dortmund in Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften studiert hat. Derzeit macht er seinen Master an der PH Ludwigsburg in Kulturwissenschaft und Kulturmanagement. Axel Kopp hat sich im Rahmen einer Studienarbeit die Web 2.0-Aktivitäten der Staatstheater in Deutschland angeschaut, die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich.

Die Arbeit wurde Mitte August fertiggestellt, das heißt, mittlerweile können sich Änderungen ergeben haben. So twittert zum Beispiel das Staatstheater Wiesbaden seit Anfang Oktober (ok, bei 4 Tweets sagt man wohl besser, sie haben einen Account eröffnet ;-) ).

Wenn’s mal wieder länger dauert… Staatstheater und Web 2.0

Im Rahmen einer kleinen Studienarbeit wurde die Web 2.0-Aktivität von 17 deutschen Staatstheatern in der Sparte Schauspiel ausgewertet. Neben der obligatorischen Frage „Eigener Blog?“ wurde auch geschaut, ob die Einrichtungen twittern, Videos auf YouTube hochladen, eine Gruppe auf facebook oder wer-kennt-wen betreiben und ob sie ihren Wikipedia-Artikel pflegen. Hier die Ergebnisse im einzelnen:

Eigener Blog / Microblog: Twitter

Der einzige Blog wird vom Badischen Staatstheater betrieben, bietet einen Blick hinter die Kulissen, ist recht aktuell und gut geschrieben. Nur mangelt es anscheinend an Lesern. Zumindest hatte Blogger Donald Berkenhoff im Juni 2009 „zunehmend das Gefühl in ein schwarzes Loch zu schreiben“.
Twitter wird von keinem Staatstheater genutzt.

Soziale Netzwerke: facebook und wer-kennt-wen (wkw)

Im Bereich Social Media Marketing halten sich die Staatstheater mit Informationen großzügig zurück. Zwar gibt es auf facebook und wkw zu sieben Staatstheatern Gruppen, doch sind diese meist auf Initiative von Besuchern entstanden und werden von den Staatstheatern wenig bis gar nicht beachtet. Entsprechend dünn ist der Content. Es gibt kaum Informationen zu Aufführungen, kaum Fotos und Videos, keine speziellen Angebote etc. In beiden Netzwerken hat das Hessische Staatstheater die meisten Mitglieder: circa 60 bei facebook und 240 bei wkw.

Videoportal: YouTube

Sieben Staatstheater laden zwar entweder selbst oder über ihre Produktionsfirmen Clips und Trailer auf YouTube hoch, doch schließen sich keine Folgeaktionen oder Interaktionen mit den Nutzern an. Anreize zur kreativen Teilnahme fehlen und die Partizipationsmöglichkeit beschränkt sich folglich auf die wenig genutzten Bewertungs- und Kommentierfunktionen von YouTube. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass die drei Staatstheater mit eigenem YouTube-Kanal nur fünf bis elf Abonnenten haben, selbst, wenn sie spartenübergreifend sind und regelmäßig aktualisiert werden. Die Anzahl an Aufrufen pro Video liegt oft im dreistelligen, mitunter auch im vierstelligen Bereich wie etwa beim Trailer zu „Die Räuber“ des Staatstheaters Cottbus mit über 2100 Aufrufen.

Wiki: Wikipedia

Alle Staatstheater haben einen eigenen Wikipedia-Artikel. Doch die Länge der Artikel und die Anzahl der Fotos variiert stark. Der Artikel zum Badischen Staatstheater etwa ist bildlos und umfasst weniger als 300 Wörter, wohingegen der Artikel zum Meininger Theater zwölf Fotos beinhaltet und eine Textlänge von rund 2600 Wörtern hat.
Wikipedia darf und soll natürlich kein Marketing-Instrument sein, dennoch tun die Staatstheater gut daran, Informationen über das Haus und dessen Geschichte auch auf Wikipedia bereit zu stellen. Inwiefern die Artikel von Angestellten der Staatstheater geschrieben wurden, konnte im Rahmen der Arbeit nicht untersucht werden.

Fazit:

In Sachen Web 2.0 läuft bei den 17 Staatstheatern in der Sparte Schauspiel nur wenig. Dabei haben sich auf facebook und wkw sogar schon Gruppen gebildet, die man nur noch mit Informationen und Angeboten füttern müsste. Besonders unverständlich ist das vor allem in Bezug auf die Theatertrailer, die vielerorts aufwendig produziert werden, in deren Verbreitung allerdings nur wenig investiert wird. Warum nicht auf facebook eine Gruppe gründen (sofern noch nicht vorhanden) und die Videos dort einbetten? Denn der schönste Trailer ist nur dann etwas wert, wenn ihn sich jemand anschaut. Das gilt übrigens auch für Blogs, liebes Badisches Staatstheater.

PS: Hier können Sie die ganze Arbeit downloaden.