Fragezeichen, wenn es um Ziel- und Bedarfsgruppen im Kulturbereich geht
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Über Zielgruppe und Bedarfsgruppe

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Heißt Ihre Zielgruppe „alle“? Ich finde, das ist kein Fehler. Allerdings ist es schwierig, „alle“ anzusprechen und auf sich aufmerksam zu machen. Deshalb macht es Sinn, sich kleinere Gruppen herauszufischen und mit diesen in den Dialog zu treten. Aber wie machen sie das, wen wollen sie überhaupt erreichen? Anke von Heyl hat einen lesenswerten Beitrag zum Thema Besucherorientierung verfasst, in dem sie zeigt, wie man dafür die Persona-Methode nutzen kann. Ich möchte Ihren Blogbeitrag als Impuls nutzen, mich mit dem Zusammenspiel von Zielgruppe und Bedarfsgruppe zu beschäftigen.

So wie Anke arbeite ich gerne mit Persona, stelle mir aber immer häufiger die Frage, ob das reicht. Warum?

„Die Persona ist das Gesicht der jeweiligen Dialoggruppe, mit der man in Kontakt treten möchte“,

schreibt Anke in ihrem Beitrag. Damit haben wir die Adressaten unserer Marketingaktivitäten gefunden, wir könnten auch sagen, das ist unsere Zielgruppe. Aber interessieren sich nun all diejenigen, die Teil dieser Zielgruppe sind, für meine Inhalte? Nein, oder? Also ist noch nicht Schluss, wenn ich meine Zielgruppe kenne. Anke spricht von Besucherorientierung, das ist ja mehr als das Wissen über die Zielgruppe.

Besucherorientierung: Es geht um Bedürfnisse und Erwartungen

Bei der Suche nach einer Definition von Besucherorientierung habe ich schnell festgestellt, dass es die eine, die für alle und alles gilt, nicht gibt. Annette Noschka-Roos, Professorin für Museumspädagogik, spricht in ihrem Artikel „Besucherorientierung in Museen: Vielfalt als Prinzip“ von einem „weiten Feld mit je nach Museumsgattung unterschiedlichen Konturen“. Klar ist aber, es geht immer um die Erwartungen und Bedürfnisse derer, die man gerne als Nutzer*innen der eigenen Angebote sehen möchte.

Aber fangen wir von vorne an: Was ist eigentlich eine Zielgruppe?

„Unter einer Zielgruppe (engl. target audience) versteht man im Marketing eine bestimmte Menge von Marktteilnehmern, die auf kommunikationspolitische Maßnahmen homogener reagieren als der Gesamtmarkt“,

heißt es auf Wikipedia. Diese Menge an Marktteilnehmer*innen muss ich jetzt noch in irgendeiner Form eingrenzen. Meist geschieht das, man kann es auch auf Wikipedia nachlesen, mit Hilfe soziodemografischer Merkmale. Im Kulturbereich ist die Gruppe derer, die in der Stadt leben, über einen hohen Bildungsgrad und ein entsprechend überdurchschnittliches Einkommen verfügen, wohl am häufigsten anzutreffen.

Warum jemand kommt, wissen wir meist nicht

Bei vielen künstlerischen und kulturellen Veranstaltungen ist es auch genau diese Zielgruppe, aus der der Großteil des Publikums kommt. Man könnte jetzt sagen: Wunderbar, alles richtig gemacht. Meine Antwort darauf wäre ein: ja, aber.

Ja, weil wir damit in der Tat ein Segment unserer Gesellschaft beschrieben haben, das im Verhältnis zu anderen Gruppen überdurchschnittlich oft solche Veranstaltungen besucht. Mit „aber“ antworte ich, weil zwar weiß, wer etwa meine Veranstaltungen besucht. Aber die Gründe kenne ich nicht, ihre Erwartungen oder Bedürfnisse. Spätestens, wenn man auf Content Marketing setzt, wird das aber wichtig.

Bedarfsgruppe und Value Proposition Canvas

Für mich ist das der passende Moment, um die Bedarfsgruppe ins Spiel zu bringen. Eine Definition dazu zu finden ist gar nicht so einfach. Am besten gefällt mir diese hier:

“ Eine in der Bedarfsfor­schung aggregierte Gruppe von Wirtschaftssubjekten (potentiellen und aktuellen Abnehmern) mit ähnlicher oder gleichartiger Bedarfsstruktur.“

Quelle: Wirtschaftslexikon24.com

Viele von Ihnen werden das Value Proposition Canvas kennen (siehe dazu „Value Proposition Design“ von Alexander Osterwalder et al. (Affiliate Link)). Mit diesem Instrument lassen sich recht gut die Bedürfnisse der (potenziellen) Kund*innen mit dem eigenen Angebot abgleichen. Auf der einen Seite haben wir das Kundenprofil, auf der anderen Seite die Value Map, die unsere Angebote auflistet. Je größer die Übereinstimmung von Kundenprofil und Value Map ist, desto besser.

In meinen Augen ergänzen sich Ziel- und Bedarfsgruppe wunderbar. Mit dem Persona-Ansatz entwickle ich eine – im Idealfall -repräsentative Figur, die mir vor allem Aufschluss darüber gibt, wie Menschen, die sich in dieser Persona wiederfinden lassen, ticken. Ticken, weil ich mich natürlich auch mit deren Bedürfnissen und Erwartungen auseinandersetze. Aber ich lasse die außen vor, die nicht dieser Zielgruppe angehören, aber die gleichen Bedürfnisse und Erwartungen haben. Für die müsste ich jetzt eine neue fiktive Figur schaffen, was, wenn man weiterdenkt, dazu führt, dass wir recht schnell sehr viele Persona haben.

Die Zielgruppe ist vor allem für das Outbound Marketing wichtig

Was tun? Aus Kommunikationssicht macht es Sinn, mit der Zielgruppe zu beginnen. Vor allem, wenn es Ihnen darum geht, mehr und neue Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Möglichst große Reichweite, aber Streuverluste in Kauf nehmen, das ist das gute alte Outbound Marketing (Siehe dazu: „Der Unterschied zwischen Outbound- und Inbound-Marketing„). Oft verpönt und sogar schon totgesagt, hat es in meinen Augen sehr wohl eine Berechtigung. Gut zeigen lässt sich das anhand der Customer Journey:



Quelle: Nick Nijhuis (Wikimedia Commons) [CC BY-SA 4.0]

Gerade Kultureinrichtungen oder auch Künstler*innen, die eher unbekannt sind, müssen, denke ich, auf das Outbound Marketing setzen, wenn sie ihre Angebote sichtbar machen wollen. Die Suchmaschine ist ihnen da (noch) keine große Hilfe. Aber Google und Facebook mit ihren Angeboten, Werbung zu schalten.

Haben wir auf die richtige Zielgruppe gesetzt, ist uns zwar die Ansprache gelungen. Mehr aber noch nicht. Jetzt müssen wir in den nächsten Phasen Überzeugungsarbeit leisten. Wenn wir wissen, welche Erwartungen und Bedürfnisse jemanden antreiben, fällt es uns leichter, unser Angebot ins rechte Licht zu rücken und den richtigen Content zu produzieren.

Bedürfnisse und Erwartungen: Daten helfen nur bedingt

Aber wie finden wir heraus, welche Erwartungen und Bedürfnisse jemanden antreiben, ein bestimmtes Angebot zu nutzen? Was lässt uns ein Konzert oder eine Ausstellung besuchen oder ein Buch lesen? Gründe dafür gibt es natürlich viele, mit einer Theateraufführung sind also viele Erwartungen verbunden und werden viele Bedürfnisse gestillt.

Eine Möglichkeit besteht darin, mit Daten zu arbeiten. Was ist, wenn meine Persona gar keine von mir erfundene fiktive Figur darstellt, sondern auf Daten basiert, über die ich verfüge? Möglichkeiten, an diese Daten zu kommen, gibt es viele. Google Analytics, der Emailnewsletter, die Stammdaten des Abopublikums. Auch auf diese Weise kann ich eine Persona kreieren.

Stehen mir genügend Daten zur Verfügung, muss ich keine repräsentative Figur mehr schaffen. Christoph Kucklick spricht in seinem Buch „Die granulare Gesellschaft“ (Affiliate-Link) von einer „Differenz-Revolution“. Dank der Digitalisierung seien wir nun dazu in der Lage, die Welt neu zu vermessen. Früher waren Daten rar und so orientierten wir uns am Durchschnitt, schreibt Kucklick.

Wer zum Beispiel bestimmte Krankheitssymptome aufwies, wurde wie alle anderen behandelt. Erst wenn die Behandlung nicht anschlug, versuchte man an zusätzliche Informationen zu kommen. Neue Managementmodelle wurden auf alle Unternehmen übertragen. Das Erstaunen war groß, wenn der Ansatz keine Wirkung zeigte. Der Grund: Man orientierte sich immer am Durchschnitt, die Abweichungen konnte man erst im Nachhinein erkennen.

Clayton M. Christensen und die „Jobs-to-be-done“-Methode

Clayton M. Christensen ist davon nicht ganz überzeugt. In seinem Buch „Besser als der Zufall“ (Affiliate-Link) lehnt er das Sammeln von Daten nicht ab. Die Schwierigkeit sieht Christensen aber darin, die Daten richtig zu analysieren. Die Daten erklären zwar, dass etwas ist, aber nicht, warum etwas so ist, wie es ist. Korrelationen lassen sich so sichtbar machen, aber um ein Angebot erfolgreich unter die Menschen zu bringen, brauche ich Kausalzusammenhänge.

Um Kausalzusammenhänge zu entdecken, kommt es auf die richtige Frage an. Wenn es um Innovationen geht, glaubt Christensen die richtige Frage gefunden zu haben:

„Mit welcher Aufgabe haben Sie dieses Produkt beauftragt?“

Clayton M. Christensen: „Besser als der Zufall“ (Position 148)

Eine Aufgabe definiert Christensen als den Fortschritt, den ich mit Hilfe eines Produkts oder einer Dienstleistung machen möchte. Diese Aufgabe kann entweder auf der funktionalen, der sozialen, der emotionalen oder in der Verbindung dieser Dimensionen gestellt werden.

So kann ich zum Beispiel ins Theater gehen, weil mich ein bestimmtes Stück und das dahinter stehende Thema interessiert (funktionale Ebene). Vielleicht möchte ich aber auch nur gut unterhalten werden (emotionale Ebene) oder es ist wichtig, dass andere mitbekommen, dass ich mich für Theater interessiere (soziale Ebene). Zugegeben, das ist jetzt etwas platt. Aber so wird, denke ich, klar, was damit gemeint ist.

Sie sehen, es gibt etliche Möglichkeiten, sich ein Bild von denen zu machen, die man erreichen möchte. Wofür Sie sich entscheiden, hängt davon ab, um welches Produkt es sich handelt und ob klar ist, wen Sie mit welchen Bedürfnissen und Erwartungen erreichen möchten.

Zielgruppe und Persona sind vor allem in der Awarenessphase wichtig

Wenn wir die Customer Journey als Ausgangspunkt verwenden, dann sind Zielgruppen und Persona vor allem in der Awareness-Phase besonders wichtig. Sind Sie schon über diese Phase hinaus und haben Ihre Kanäle, über die Sie Menschen erreichen, dann hängt es jetzt davon ab, was Sie anbieten. Daten sind eine gute Grundlage, aber wie Christensen schreibt, hängt der Nutzen von der richtigen Auswertung der Daten ab. Korrelationen sind nur bedingt hilfreich, entscheidend sind Kausalitäten, also wenn-dann-Beziehungen.

Ob Sie sich für das Value Proposition Canvas oder die „Jobs-to-be-done“-Theorie von Christensen entscheiden, ist eigentlich gar nicht wichtig, denn im Grunde ähneln sich beide Absätze sehr stark. Beide gehen von den Bedürfnissen potenzieller Nachfrager*innen aus und fordern uns auf,d ie Frage nach dem „Warum“ zu stellen. Diese Aufgabe, mit der wir als Anbieter konfrontiert werden, hat in beiden Ansätzen drei verschiedene Ebenen: die funktionale, die soziale und die emotionale. Oft handelt es sich um vielschichtige Aufgaben, die zwei oder vielleicht sogar alle drei Ebenen umfassen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Zielgruppe und Bedarfsgruppe gut ergänzen, vor allem in Verbindung mit verschiedenen Persona. Wenn Sie so vorgehen, ist es übrigens viel leichter, neue Zielgruppen anzusprechen, weil Sie über Ihre schon vorhandenen Kund*innen / Besucher*innen sehr viel wissen und klare Vorstellungen haben, welche Fragen wichtig sind, um sich neue Kundensegmente zu erschließen.

Titelfoto von Emily Morter on Unsplash

Community als Erfolgsfaktor im Crowdfunding
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Crowdfunding: die Community als Erfolgsfaktor

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Haben Sie schon mal eine Crowdfunding-Kampagne durchgeführt und können die Frage nach dem wichtigsten Erfolgsfaktor beantworten? Es ist natürlich auch nicht falsch, diese Frage zu beantworten, bevor man eine Kampagne startet. Für mich ist es das Netzwerk oder die Community, mit deren Hilfe das nötige Geld zusammenkommen soll. Deshalb ist der Aufbau einer Community der erste Schritt für eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne.

Nur wenige Angebote finden Ihre Interessent*innen von ganz alleine

Warum ist das eigene Netzwerk oder die Community so wichtig? Es ist ein Irrglaube, davon auszugehen, ein tolles Angebot finde seine Interessent*innen oder Käufer*innen immer von ganz alleine. Das kommt zwar manchmal vor, aber es ist ganz sicher nicht die Regel. Das sieht man recht gut, wenn man sich auf den Crowdfunding-Plattformen Projekte anschaut, die nicht so erfolgreich sind. Wer etwas weiter recherchiert, erkennt recht schnell, dass die Initiator*innen entweder gar nicht in den sozialen Netzwerken vertreten sind oder keine aktive Community besitzen.

Für eine Community braucht es nicht unbedingt die sozialen Netzwerke. Vor allem bekanntere Kultureinrichtungen sind auch über andere Kanäle ganz gut vernetzt. Bei der Crowdfunding-Kampagne der Wiener Philharmoniker zum Beispiel erzielten vermutlich die Presseaussendungen die größte Wirkung. Bei kleineren und eher unbekannten Kultureinrichtungen funktioniert das aber wohl nicht. Insofern ist es für die meisten schon ganz klug, auf die sozialen Netzwerke zu setzen.

Vertrauen als Voraussetzung für eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne

Netzwerk heißt in dem Fall, dass einen die Menschen kennen und einem vertrauen. Sehr schön sieht man das an einer Kampagne des Theater Sommer Klagenfurt. Das Theater versuchte vor mehr als sieben Jahren, mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne die Kostüme für ihre Theaterproduktion zu finanzieren. Dankenswerterweise haben sie die Kampagne in ihrem Blogbeitrag „Crowdfunding – Kennzahlen einer erfolgreichen Finanzierung“ ausgiebig analysiert, deshalb muss ich jetzt an dieser Stelle nicht näher auf die Kampagne eingehen.

Wie wichtig Vertrauen ist, zeigt die folgende Grafik. Im Rahmen ihres Beitrags haben sie nämlich analysiert, wer sie eigentlich bei dieser Kampagne unterstützt hat und woher das Geld kam:

Quelle: Theater Sommer Klagenfurt

Nur ein knappes Fünftel der Unterstützer*innen war dem Theater wirklich unbekannt, die restlichen 80 waren Freunde, Verwandte, Bekannte oder gehörten zum Stammpublikum. Nun können Sie einwenden, dass man da ja gleich seine Freunde direkt um Unterstützung bitten kann und die Kampagne gar nicht braucht. Ich denke, dass Crowdfunding schon etwas anderes ist als die Bitte um Unterstützung. Alleine schon die Tatsache, dass man für sein Geld eine klar definierte Gegenleistung erhält, ändert die Rahmenbedingungen.

Erfolgreiche Kampagnen haben im Schnitt 127 Unterstützer*innen

In den Projekten, die ich begleiten durfte, haben mir die beiden Grafiken immer sehr geholfen. Ich habe immer versucht herauszufinden, wie groß die jeweilige Community ist und diese dann um ein Fünftel ergänzt. Das war für mich der Ausgangspunkt, um beurteilen zu können, ob eine Zielsumme realistisch ist oder nicht.

Ohne ein paar Zahlen von den Plattformbetreibern geht das allerdings nicht. Ich habe netterweise von Startnext die folgende Aufstellung bekommen. Bei den Zahlen handelt es sich um Durchschnittswerte bei erfolgreichen Projekten:

Startnext20162018
Fundingsumme/Projekt 8.415 €8.600 €
Zahl der Unterstützer*innen pro Projekt105127
Betrag pro Unterstützer*in pro Projekt75 €67 €
Erfolgsquote62 %56 %

Sie sehen, die durchschnittliche Zielsumme aller erfolgreichen Projekte auf Startnext ist von 2016 auf 2018 nur geringfügig angestiegen. Dafür braucht es 2018 mehr Unterstützer*innen, die weniger Geld ausgeben als zwei Jahre davor. Die Erfolgsquote ist leicht gesunken, aber immer noch relativ hoch. Zu erklären ist das mit der ständig steigenden Zahl an Projekten, die zu einer Verwässerung der Qualität führt und die Erfolgsquote sinken lässt.

Wenn Sie nun wissen, wie groß Ihre Community ist, also die 80 % plus das Fünftel derer, die Sie ganz neu gewinnen müssen, dann können Sie abschätzen, welche Zielsumme für Ihre Kampagne realistisch ist. Bei insgesamt 127 Personen ist eine Zielsumme von 8.600 Euro realistisch, bei 1.270 Personen wären es dann 86.000 Euro.

Bitte nageln Sie mich jetzt nicht auf diese Zahlen fest. Es ist, wenn Sie so wollen, eine Zahlenspielerei, die mir aber hilft, das eigene Vorhaben einordnen zu können. Natürlich spielen da noch andere Faktoren mit hinein, die über Erfolg oder Misserfolg der Kampagne entscheiden.

Crowdfunding ist ein lokales Phänomen

Zum Beispiel hängt der Erfolg auch davon ab, wie weit Ihre Fans von Ihnen entfernt sind. Das klingt im ersten Moment etwas merkwürdig, aber zu diesem Ergebnis kommt eine 2016 von Pro Helvetia beauftragte Studie, die sich für die Schweiz mit dem „Crowdfunding im Kulturbereich“ beschäftigt und kostenlos als PDF zur Verfügung steht.

Auf Seite 30 im Fazit findet sich die durch Zahlen belegte Behauptung, Crowdfunding sei ein lokales Phänomen. Da in dieser Studie Zahlen der Crowdfundingplattform Wemakeit verwendet werden, lässt sich das zumindest für die Schweiz sagen. Dort beträgt die Entfernung zwischen Projektinitiator*innen und Unterstützer*innen z.B. im Bereich „Musik, Konzerte, Festivals“ durchschnittlich 17 Kilometer. Klar, dass diese Zahlen bei internationalen Projekten oder bei Produkten, die digital vertrieben werden können, anders aussehen. Aber ich vermute, in Deutschland und Österreich sehen die Zahlen ähnlich aus.

Diese lokale Nähe der Unterstützer*innen passt übrigens sehr gut zur Analyse des Theater Sommer Klagenfurt. Vermutlich war es auch hier großteils ein lokales Umfeld, das das Vorhaben durch die finanzielle Unterstützung ermöglichte.

Sie sehen, schon im Vorfeld können Sie recht gut den Rahmen für Ihre Crowdfunding-Kampagne abstecken und einschätzen, ob Ihre Vorstellungen halbwegs realistisch sind. Versuchen Sie es doch mal mit Ihrer nächsten Kampagne. Oder Sie analysieren Ihre bereits durchgeführten Kampagnen und versuchen herauszufinden, ob Sie zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Vielleicht haben Sie Lust, Ihre Ergebnisse kurz als Kommentar zu posten (Gerne natürlich auch als Mail). Mich würde es nämlich interessieren, ob ich mit meinen Behauptungen richtig oder falsch liege.

Tipp: Falls Sie eine eigene Crowdfunding-Kampagne planen und sich unsicher sind, ob das alles so klappt, wie Sie sich das vorstellen: Am 19. September, also schon recht bald, halte ich in Wien am Institut für Kulturkonzepte ein eintägiges Crowdfunding-Seminar. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, klicken Sie auf den Button oder kontaktieren Sie mich.

Foto von William White auf Unsplash

Das Volkskundemuseum als Veranstaltungsort des stARTcamp 2019
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Das Internet als ein demokratischer Diskursort

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Im Vorfeld des stARTcamps habe ich Dr. Matthias Beitl, dem Direktor des Volkskundemuseum Wien, per Email einige Fragen gestellt.

Kulturmanagement Blog: Zuerst einmal möchte ich mich bei Ihnen für die Gastfreundschaft bedanken. Wir freuen uns, heute bei Ihnen mit dem stARTcamp zu Gast sein zu dürfen. Das Volkskundemuseum ist ein sehr geschichtsträchtiges Museum, es wurde bereits 1895 gegründet. Ich habe in den Jahren, in denen wir mit dem stARTcamp in einer Kultureinrichtung zu Gast waren, fast immer im Vorfeld ein Interview geführt, in dem es um den digitalen Wandel ging. Das empfinde ich bei einem Haus mit so einer langen Geschichte als besonders interessant.

Im Mission Statement kann man nachlesen, dass sich das Haus in der Auseinandersetzung mit seinen Sammlungen mit der Kultur und ihren materiellen Äußerungen beschäftigt. Dabei geht es um Selbst- und Fremdbilder, um Identitäten und Vorstellungswelten sowie um soziale Räume und gesellschaftliche Prozesse. Welche Rolle spielt denn in all diesen Entwicklungen, die Sie beobachten der digitale Raum, der ja vor allem ein sozialer Raum ist, weil er letzten Endes von der Dynamik, der Interaktion lebt?

Der digitale Raum als ein Ort der Versammlung und Auseinandersetzung

Matthias Beitl: Als Museum nützen wir den digitalen Raum, um unsere Inhalte und Haltung zu kommunizieren. Da Museen keine neutralen Orte, sondern Dealer von Wissen und Werten sind, ist der digitale Raum ein wesentlicher Teil der Vermittlungsarbeit. Konkret auf unsere Inhalte bezogen sehen wir den digitalen Raum als einen politischen Raum im Sinne der Agora, als einen Ort der Versammlung und Auseinandersetzung. Das steht jedoch im Gegensatz zu dem „Hassraum“, den bestimmte politische Haltungen durch ihre ideologischen Funken zünden.

Abgesehen davon ist der digitale Raum für uns auch das „Feld“ und somit Teil der Empirie. Dort bilden sich ja gesellschaftliche Prozesse ab, deren spezifische Phänomene sich dann entweder gesamtheitlich oder auch nur zeichenhaft niederschlagen.

Kulturmanagement Blog: Sie verstehen das Museum als einen Ort, an dem gesellschaftliche Diskurse geführt werden. Ich habe den Eindruck, dass wir unsere Diskursfähigkeit mehr und mehr verlieren, obwohl wir immer mehr Kanäle dafür zur Verfügung haben. Wie sehen und erleben Sie die Entwicklung? Hat das Internet neue Diskursräume eröffnet? Oder sind die für den gesellschaftlichen Diskurs gar nicht (mehr) geeignet, Stichwort Filterblase?

Matthias Beitl: Ich glaube an Diskursräume im Internet, aber es ist halt ein emotionales Schreimedium. Im Grunde ist es ein sehr demokratischer Diskursort, in dem sich jede und jeder betätigen kann. Dabei schält sich natürlich die Realität von Charakter, Bildung, sozialer Bedingung heraus. Wir lernen direkter über Wertegefüge von Menschen, zumindest von jenen, die sich äußern.

Allerdings weiß man auch nicht mehr genau, wer dann die maschinengesteuerten Trolle sind und wer noch echt ist, in diesem Raum. Das ruiniert natürlich den Möglichkeitsraum, und wenn Behauptungen mittels Big Data individuell portioniert verabreicht werden, dann sperren wir uns selber ein.

Kulturmanagement Blog: Eva Menasse hat in einem Artikel in der NZZ den Standpunkt vertreten, dass die Digitalisierung unsere Kommunikation zerstört hat und wir nur noch eine personalisierte Öffentlichkeit haben, in der es keinen Streit und keinen Kompromiss gibt. Mark Zuckerberg propagiert gerade den Rückzug ins Private. Wo können wir denn den gesellschaftlichen Diskurs noch führen, wo führen Sie ihn als Museum?

Mitmachen im digitalen Raum ist schon fast demokratische Pflicht

Matthias Beitl: Ohne zu wissen, wie Zuckerberg seinen Rückzug ins Private sieht – und es ist auch egal – macht es schon Sinn, sich genau zu überlegen, wie sehr man „sich interagieren lassen will“. Bezogen auf Diskurse und Haltung meine ich, dass es Zeiten gibt, in denen ein Mitmachen im digitalen Raum fast schon demokratische Pflicht ist. Wenn wir mit Haltung und Körper auf die Demo gehen, sollten wir auch mit Haltung im virtuellen Raum unterwegs sein.

Matthias Beitl, Direktor des Volkskundemuseum Wien
Foto: Inge Prader

Ich finde, unsere Kommunikation ist nicht zerstört. Ich denke an die vielen Interessensgruppen, denen es um Austausch und gemeinsame Interessen geht. Jede und jeder hat mehr Wahlfreiheit, alle sind Autorinnen und Autoren – wir sollten darauf Bedacht nehmen, was das bildungspolitisch heißt. Selbst wenn die medialen Inhalte immer kürzer und bildhafter werden, müssen wir uns zu jeder Zeit über die Auswirkung unseres Beitrags auf das Gesamtsystem im Klaren sein – das ist eine Verantwortung.

Kulturmanagement Blog: Wenn die sozialen Netzwerke angeblich out sind, nutzen Sie Facebook & Co überhaupt (noch)?

Facebook und Instagram als kommunikative Primärflächen

Matthias Beitl: Für uns sind Facebook und Instagram kommunikative Primärflächen, da wir kein Geld für klassische Werbeflächen haben. Da wir aber an so etwas wie einer polyphonen Institution arbeiten, wollen wir uns bemühen, weitere Kanäle – wie zum Beispiel Twitter – zu erschließen und laden auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, als Botschafterin und Botschafter des Museums im digitalen Raum unterwegs zu sein. Hier geht es um Fragen der gemeinsamen Haltung und des individuellen Sprechens darüber.

Kulturmanagement Blog: Sie sind ein Museum jenseits des Spektakulären. Wie schafft man es in einer Zeit, wo nur Superlativen zu zählen scheinen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und sie nicht sofort wieder zu verlieren?

Matthias Beitl: Wir machen Projekte, weil sie uns wichtig erscheinen. Wir arbeiten im Sinne einer Plattform mit vielen externen Initiativen zusammen, weil wir meinen, dass sie notwendig sind. Jenseits der Superlative lebt es sich interessanter, freier, herausfordernder, und die Effekte der eigenen Arbeit sind direkter ablesbar. Es ist ein persönlicheres Erlebnis, jenseits der Spektakulären, und ich glaube, dass Menschen solche kleinen übersichtlichen Räume mögen und brauchen.

Kulturmanagement Blog: Welche Kanäle nutzen Sie für Ihr Marketing und wieviel Zeit planen Sie für Ihre Onlineaktivitäten ein?

Matthias Beitl: Zurzeit nutzen wir Facebook und Instagram als Museum und durch ein paar von uns, die persönlich rund herum aktiv sind. Mit Newsletter arbeiten wir natürlich auch, außerdem legen wir großen Wert auf die Aktualität und Qualität unserer Homepage. Die Frage nach der Zeit ist schwierig, das hängt sehr von der Dichte des Programms ab. 10-20 Stunden pro Woche werden es wohl sein.

Kulturmanagement Blog: Und zum Schluss noch eine Frage, die ich anderen Kultureinrichtungen auch schon gestellt habe: Verändern sich durch die Digitalisierung Prozesse und Strukturen in Ihrem Museum?

Matthias Beitl: Ja sicher, beispielweise die Archivarbeit. Bei einer Sortierung und Aufarbeitung des Archivs werden viele interessante Inhalte zu Tage gefördert. Für ein Storytelling aus diesem Fundus sind digitale Kanäle bestens geeignet. Und dann ist da noch der ganze Sammlungsdigitalisierungsbereich, die Online Sammlungen, das Online Repositorium unseres Verlags, etc. Im Rahmen unserer Möglichkeiten sind wir schon mitten in der Digitalisierung.

Kulturmanagement Blog: Danke für Ihre Antworten!



3Com US Robotics 56K Modem
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Über die Anfänge meiner Netzbiografie

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Zwei Wochen vor dem stARTcamp hier in Wien haben die Kulturfritzen zur Blogparade „Wie wir das Analoge und das Digitale verknüpfen können“ aufgerufen, die nach unserem Weg ins Netz fragt. Unter dem Hashtag #MeinWeginsNetz stellt Anne Aschenbrenner in der Zeit bis zum #scvie19 sieben Fragen über unser Leben im Netz. Wer sie alle beantwortet, blickt am Ende auf so etwas wie eine Netzbiografie.

Begonnen hat es mit MS-DOS und GW-BASIC

Mein Weg ins Netz hat eigentlich recht lange gedauert, wobei ich mich leider an viele Dinge nicht mehr so wirklich erinnern kann. Mitte der 1980er Jahre schaffte ich mir während des Studiums meinen ersten Computer an. Es war ein Windows-Rechner und so begann ich mich mit MS-DOS und GW-BASIC zu beschäftigen. Ich glaube, ich hätte das gar nicht tun müssen, aber da ich des öfteren mit dem Kasten kämpfen musste, glaubte ich irgendwann, diese Probleme durch Programmierung lösen zu können.

Von HombreDHojalata – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 es

Das Internet war damals für mich noch gar kein Thema, ich war schon froh, dass ich nun meine Arbeiten an der Uni nicht mehr mit der Schreibmaschine tippen musste. Der Zeitgewinn war enorm, ich war begeistert. Ich weiß noch, wie stolz ich war, als ich mein erstes Referat mit Hilfe von, ich glaube, Word 2 fertig geschrieben hatte. Ich ahnte aber noch nicht, dass mir die größte Prüfung noch bevorstand.

Der Kampf mit dem Nadeldrucker

Nun musste ich die Arbeit natürlich noch ausdrucken. Ausgestattet mit einem 9 Nadeldrucker und Endlospapier machte ich mich an die Arbeit. Das typische Geräusch des Druckers habe ich heute noch im Ohr. Wer es nicht kennt, kann sich dieses Video „anhören“. ;-) Ich brauchte fast die ganze Nacht dafür, weil der Drucker das Papier so bedruckte, wie er es wollte. Mal begann er erst irgendwo im ersten Drittel der Seite oder er hörte in der Mitte der Seite auf. Irgendwann gegen 3 oder 4 Uhr war ich dann fertig.

Meine Magisterarbeit habe ich übrigens auch mit dem Computer geschrieben. Abgespeichert habe ich sie auf Diskette, die auch noch irgendwo in einer Schachtel liegt. Aber die heutigen Programme können die Umlaute nicht entschlüsseln, weshalb ich froh bin, auch noch ein gebundenes Exemplar zu besitzen.

Die typischen Geräusche eines Modems

Erst Mitte der 1990er Jahre begann ich mich für das Internet zu interessieren. Wobei es anfangs eigentlich nur die Email war. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich Kunde des 1994 von Klaus Matzka gegründeten Internet-Providers magnet wurde. Eigentlich war es nur ein Mailboxsystem, das mit Hilfe einer grafischen Oberfläche als magnet city verkauft wurde. Ich musste natürlich in kurzen Abständen meine Mailbox checken, was nicht so einfach war, denn man musste sich mit Hilfe eines Modems, das mit der Telefonleitung verbunden war, einwählen. An mein erstes Modem kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber später war es das Gerät, das Sie oben auf dem Titelbild sehen können. Und so klang es, wenn man sich einwählte:

Dank der Blackbox-Community fand ich den Weg aus der Mailbox heraus. Blackbox war Mitte der 1990er Jahre die wohl größte Online-Community für Politik und Jugendkultur. Im Wikipedia-Artikel heißt es:

Am Höhepunkt ihres Erfolgs gegen Ende 1997 hatte die Blackbox um die viertausend aktive User und galt als wesentlicher Baustein der österreichischen Zivilgesellschaft.

Viertausend Nutzer galten damals noch als das Nonplusultra, wie haben sich die Zeiten doch geändert. Mit der Zeit wurde dann natürlich auch das WWW interessant, spannend war für mich vor allem das Videoformat. Aber man musste sich die Videos noch richtig verdienen. Viele werden wissen, was ich meine: Das Video war ungefähr so groß wie eine Briefmarke und nach ungefähr einer Minute Ladezeit bekam man dann gefühlte zehn Sekunden Video zu sehen.

Von den nächsten Jahren ist mir nur sehr wenig in Erinnerung geblieben. Ich war froh, dass nach der Jahrtausendwende immer mehr Unternehmen eine Homepage hatten, denn für die Suche nach Sponsoren machten sie das Telefonbuch überflüssig. Das von Wien hatte ich zu Hause, klar. Aber an die anderen kam man nur heran, indem man zu einer Postfiliale ging und dort hoffentlich das richtige Telefonbuch fand. Wie leicht war das im Internet!

Ein Blog muss her!

Mit dem Anwachsen des Internets wuchs natürlich auch die Chance, interessante Inhalte im Netz zu finden. Um das Jahr 2005 herum entdeckte ich Blogs zum Thema Kulturmanagement, allerdings waren sie alle im amerikanischen Raum angesiedelt. Ich war von der Idee, das eigene Wissen online mit anderen Menschen zu teilen total fasziniert und wusste: Das will ich auch!

So beschloss ich, es auch mit einem Blog zu versuchen. Natürlich musste mein Blog unbedingt das Wort „Kulturmanagement“ in der Domain haben. Nur war da leider gar nichts mehr frei. Zum Glück startete damals die Forma Automattic ihren Bloghosting-Dienst WordPress.com. Hier ein Blog anzulegen kostete erstens nichts und zweitens war auch noch die Subdomain kulturmanagement.wordpress.com frei.

Der Plattform WordPress.com bin ich bis heute treu geblieben. Ich habe zwar mittlerweile eine eigene Domain, aber das Blog liegt immer noch auf den WordPress.com-Servern. Den Rest der Geschichte können Sie dann hier auf diesem Blog nachlesen, das ich seit Ende 2006 betreibe. Aus SEO-Gründen sollte ich eigentlich ein ganz neues Blog beginnen. Aber dieses Blog ist vermutlich das wichtigste Teil meiner Netzbiografie. Deshalb mag ich es nicht aufgeben.

Ein Video als Zeitdokument

Zum Schluss möchte ich noch einmal in die 1990er Jahre zurückspringen und auf ein Video verlinken (einbetten lässt es sich leider nicht), mit dem 1997 Josef Broukal das Internet erklärte. In meinen Augen ist es ein großartiges Zeitdokument, das zeigt, was in den letzten 20 bis 25 Jahren eigentlich alles passiert ist.

Titelbild: Frédéric Bisson, Flickr (CC BY 2.0)

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Die EU fördert Kultur und Digitalisierung

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Kurz vor dem Ende einer Förderperiode experimentiert die EU ganz gerne, um neue Programm- bzw. Förderideen zu testen. Im Rahmen von Creative Europe veröffentlichte die EU vor kurzem der Call „Bridging culture and audiovisual content through digital„. Mit ihm möchte sie den Boden für ein „Creative Innovation Lab“ bereiten. Gefördert werden Projekte an der Schnittstelle von Kultur und Digitalisierung

Die wichtigsten Informationen finden sich in der vierseitigen Aufforderung zur Einreichung von Vorschlägen (EACEA/06/2019) und im zur Verfügung gestellten Leitfaden. Die wichtigsten Punkte möchte ich in den folgenden Absätzen kurz zusammenfassen.

Was wird gefördert?

Das Ziel dieses Calls ist es, neue sektorübergreifende Ideen für die Finanzierung, den Vertrieb und die Monetarisierung von Werken zu erproben. Unterstützung finden Projekte, die sparten- bzw. branchenübergreifend (der audiovisuelle Sektor, der sonst ausgeschlossen ist, darf hier dabei sein) angelegt sind und auf technologische Innovation, zum Beispiel im Bereich von Virtual Reality setzen.

Als auch Projekte, die

„der Förderung innovativer sektorübergreifender Konzepte und Instrumente zur Erleichterung des Zugangs, der Verbreitung, der Bekanntmachung und der Monetarisierung von Kultur und Kreativität, einschließlich des kulturellen Erbes, dienen“.

Um es kurz zu machen: Es geht um Ideen, wie sich mit Hilfe digitaler Technologien Kunst und Kultur besser verkaufen lassen. Verkaufen bedeutet hier, den Zugang dazu erleichtern, das Angebot zu vermarkten sowie neue Geldquellen zu erschließen.

Wer darf einen Antrag stellen?

Anträge können von folgenden Institutionen eingereicht werden:

  • Nonprofit-Organisationen (privat/öffentlich)
  • Universitäten, Bildungs- und Forschungseinrichtungen
  • Behörden (lokal, regional, national)
  • Internationale Organisationen
  • Unternehmen

Wenn ich es richtig verstanden habe, dürfen sich auch Selbständige und EinzelunternehmerInnen, „bei denen das Unternehmen keine von der natürlichen Person unabhängige Rechtspersönlichkeit besitzt“, an der Ausschreibung beteiligen.

Kommen müssen die Antragsteller aus den

  • EU-Mitgliedsstaaten
  • Beitritts-, Kandidaten- und potenziellen Kandidatenländern
  • EFTA-Staaten (bei der Schweiz ist das von einem noch abzuschließenden bilateralen Abkommen abhängig)
  • Länder, die sich an der Europäischen Nachbarschaftspolitik beteiligen.

Worauf muss geachtet werden?

Chancen auf eine Förderung haben Projekte,

  • die eine neue digitale (oder audiovisuelle) Technologie beinhalten, die im Museum, bei Liveveranstaltungen oder im Bereich Kulturelles Erbe zum Einsatz kommt;
  • an dem mindestens drei Partner aus drei verschiedenen Ländern beteiligt sind;
  • die mindestens 150.000 Euro beantragen (darf nicht unterschritten werden!), wobei diese Summe maximal 60% des Projektbudgets ausmachen darf. Bei einer Punktlandung würde das Budget dann 250.000 Euro betragen;
  • die zwischen dem 1.1.2020 und dem 30.6.2021 stattfinden, also max. 18 Monate dauern.

Wie werden die Projekte bewertet?

Hier gelten die üblichen Vergabekriterien, die auch bei den vorhergehenden Ausschreibungen im Rahmen von Creative Europe zur Anwendung gekommen sind:

  • Relevanz und europ. Mehrwert (35 Punkte)
  • Qualität der Inhalte und Aktivitäten (25 Punkte)
  • Auswirkungen und Verbreitung der Projektergebnisse (20 Punkte)
  • Organisation des Projektteams und des Zusammenschlusses (20 Punkte)

Wann endet die Einreichfrist?

Die Einreichfrist endet am 20. Juni 2019 um 12 Uhr, die Anträge müssen online eingereicht werden. Falls Sie Unterstützung bei der Antragstellung brauchen, nutzen Sie entweder den recht ausführlichen Leitfaden oder Sie wenden sich an den Creative Europe Desk in Deutschland, Österreich oder dem Land, in dem Sie zu Hause sind bzw. Ihr Projekt realisieren wollen. Gerne stehe aber auch ich Ihnen dafür zur Verfügung.

Nutzen Sie die Chance, es ist ein durchaus interessanter Call, mit dem die EU die Digitalisierung in Kunst und Kultur fördert. Wenn Sie mehr über die Überlegungen erfahren wollen, die sich hinter diesem Call verbergen, dann empfehle ich Ihnen einen Blick in die Zusammenfassung eines Workshops, der im Februar diesen Jahres stattfand.

Lese- und Downloadtipp: Internationales Projektmanagement: Das kostenlose Handbuch des CCP Austria erscheint in der zweiten Auflage

Titelbild: pixel2013 (Pixabay)

Content Strategy Camp Graz 2019
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Über das #coscamp, eine Blogparade und ein Häferl

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Vorgestern war ich in Graz beim Content Strategy Camp dabei und ich weiß, wenn man nicht sofort darüber schreibt, schreibt man gar nicht. Deshalb habe ich mich gestern schon hingesetzt und zusammengeschrieben, was bei mir vom #coscamp hängengeblieben ist. Wie das bei Barcamps so ist, muss man sich immer zwischen verschiedenen Sessions entscheiden, in diesem Fall waren es immer fünf, die zeitgleich stattfanden. Deshalb ist das hier kein Bericht über das #coscamp, sondern eine höchst subjektive Zusammenfassung der Sessions, die ich erleben durfte.

Wer sich einen Überblick über das #coscamp verschaffen will, sei auf die Dokumentation verwiesen, die das Organisationsteam in einer vermutlich kurzen Nacht erstellt hat (Tausend Dank dafür!!). Und Bilder vom Barcamp gibt es auch, dafür ebenso vielen Dank! Was es mit der Blogparade und dem Häferl auf sich hat, dazu später mehr.

Was ist eine Content Strategy?

Die Frage ist deshalb wichtig, weil sehr viele Menschen die Begriffe Content Strategy und Content Marketing entweder synonym nutzen oder glauben, mit Hilfe der Content Strategy legt man den Ablauf einer Content Marketing-Kampagne fest. Heinz Wittenbrink, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass es in Graz einen der wenigen europäischen Studiengänge gibt, die sich mit Content Strategy beschäftigen, hat auf Twitter zwar die Frage nach einer Definition von Content Strategy gestellt. Eine Antwort hat er aber nicht wirklich bekommen.

Ich habe dann zwar zu früher Stunde per Tweet eine weitere Definition eingebracht, nämlich die von Kevin P. Nichols: „… getting the right content to the right user at the right time“. Aber Sascha Stoltenow meinte, das wäre nur „content logistics“. Gut, den Satz kann man so interpretieren, muss man aber nicht.

Darüber hinaus gibt es aber natürlich noch die Definition von Kristina Halvorson:

Content strategy guides your plans for the creation, delivery and governance oft content.“

Auch ganz hilfreich ist in meinen Augen die Formulierung in dem von Klaus Eck und Doris Eichmeier herausgebrachten Buch „Die Content-Revolution im Unternehmen“ (Affiliate Link). Dort heißt es auf Seite 39:

„Mit einer Content-Strategie wird (.) der Workflow aller Unternehmensinhalte abteilungsübergreifend und dauerhaft gemeistert. Sie ist die Basis der Content-Marketingaktivität.“

Soviel zur Frage, welche Bedeutung der Begriff Content Strategy eigentlich hat…

Zurück zum #coscamp

Los ging es, wie bei Barcamps so üblich, mit einer Vorstellungsrunde. Vorname, 3 Hashtags, das ist alles. Da sich alle an diese Regel hielten und auch niemand von akutem Gedächtnisverlust befallen wurde, war dieser Punkt in kurzer Zeit erledigt. Und das bei gut 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Ebenso schnell wurde dann der Sessionplan erstellt, hier ist er:

cof

Das war dann meine erste Session, an der ich teilnehmen durfte:

Ausgangspunkt ist bei diesem Projekt eine Website, die einen Relaunch benötigt. Die Idee, hier nicht nur einfach die Seite zu erneuern, sondern sich mit Hilfe einer Content Strategy mit der Rolle des Bildungsnetzwerks Steiermark auseinanderzusetzen, ist in meinen Augen sehr klug.

Für mich stellte sich die Frage, ob eine Content Strategy der Komplexität dieser Aufgabe, nämlich als Bildungsnetzwerk Angebot und Nachfrage von Weiterbildung zu matchen, gerecht werden kann. Ich beschäftige mich zur Zeit sehr intensiv mit der Plattformökonomie und den verschiedenen dahinter stehenden Modellen. Wenn ich jetzt also den Relaunch angehe und dafür eine Content Strategy entwickle, muss ich irgendwann auch überlegen, ob ich einfach nur der Mittler bin oder noch andere Aufgaben damit verbinde? Ich kann als Bildungsnetzwerk vor der Aufgabe stehen, den Weiterbildungsanbietern dabei zu helfen, im Rahmen einer Content Strategy die richtigen Inhalte zu entwickeln, um eine größere Nachfrage zu erreichen. Ich kann aber als Bildungswerk auch vor der Aufgabe stehen, den Stellenwert von Weiterbildung insgesamt zu erhöhen. Vielleicht müssen auch alle Aufgaben gleichzeitig erledigt werden? Die Frage ist aber, ob ich darauf Antworten im Rahmen einer Content Strategy finde und wenn ja, wie?

Suchmaschinenoptimierung wird immer wichtiger

SEO war ein großes Thema beim #coscamp, ich fand die Sessions für mich sehr hilfreich. Schwierig ist es, dass viele Expertinnen und Experten unterschiedliche Standpunkte vertreten und sich dadurch Probleme nicht lösen lassen.

Los ging es mit Martin Höllinger und David Reisner:

Konkret stehe ich bei meinem Blog mit seinen mehr als 1.800 Beiträgen vor der Frage, ob ich alte und teilweise überflüssige Beiträge löschen oder aus dem Index herausnehmen soll. Lösche ich den Beitrag, möchte ich verhindern, dass jemand eine 404-Fehlermeldung erhält. Ich kann bewusst eine 410-Fehlermeldung setzen, ich kann aber auch auf einen anderen Beitrag umleiten. Muss man für jeden Beitrag einzeln entscheiden (ich fürchte, darauf läuft es hinaus), gibt es bestimmte Tendenzen oder gibt es einen Punkt, den ich bis jetzt noch gar nicht beachtet habe? An diesem Punkt zum Beispiel bin ich nicht weitergekommen. Aber es gab auch jede Menge guter Tipps, etwa den Hinweis auf die Bedeutung der Google Search Console.

Ja die Kunden…

Melanie Kröpfl zeigte dann in der nächsten Sessionrunde, wie man mit Hilfe von Facebook-Ads Leads gewinnen kann. Ich fand das sehr spannend, weil das Potenzial von Anzeigen auf Facebook sehr groß ist. Dies auch vor dem Hintergrund, dass sich viele Unternehmen, Kultureinrichtungen, etc. schwer tun, organisch die gewünschte Reichweite zu erzielen. Der Vortrag machte aber auch deutlich, dass man, so man auf diese Weise weiterkommen will, schon eher klotzen als kleckern sollte. Sonst lohnt sich der Aufwand nicht.

Danach ging es dann gruppentherapeutisch weiter. Ok, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben, aber in der Session „Pimp your (Online) Marketing“ begannen plötzlich alle darüber zu klagen, dass Kunden nicht verstehen, wie wichtig die diversen Onlinemarketing-Aktivitäten sind und dass Agenturen oft falsche Versprechungen machen.

Irgendwann ging es dann um die Frage, was man denn dagegen machen könne und da wurde es wieder interessant. Der wohl wichtigste Punkt ist Bildung (inklusive Weiterbildung)! Das Rad dreht sich, was die technologischen Entwicklungen angeht, immer schneller. Aber viele Universitäten sind jetzt gerade soweit, dass sie Social Media in die Lehrpläne aufnehmen. Meine Meinung dazu: Entweder ändert sich das recht bald oder die Unis werden den Aufstieg von Onlinekursanbietern wie Udemy, Coursera, etc. erleben und darunter ziemlich leiden.

Und jetzt komme ich zur Blogparade

Aber es macht keinen Sinn, sich nur über die anderen aufzuregen. Ich habe gestern nach Webseiten gesucht, die sich mit dem Thema Content Strategy beschäftigen. Ich habe auch nach Blogs gesucht. Gut, im englischsprachigen Raum findet man da etliche interessante und lesenswerte Blogs. Aber im deutschsprachigen Raum schaut es traurig aus.

Warum gibt es so wenige Blogs, die sich mit Content Strategy beschäftigen? Es wäre so leicht, dieses Thema zu besetzen. Wäre das nicht eine Möglichkeit, Kunden und alle anderen, die sich dafür interessieren, davon zu überzeugen, wie wichtig eine Content Strategy ist?

Katrin Hilger hat vor ein paar Tagen zu einer Blogparade aufgerufen, bei der es um Wertschätzung für Blogs geht. Sie schreibt:

„(.) Blogs sind nachhaltig. auch nach Jahren sind gut verschlagwortete Artikel auffindbar und bleiben relevant. Sie sind nicht so schnell konsumierbar wie ein Foto, das gesehen wird, Like drunter, fertig. Blogs müssen gelesen werden. Aber ihr Angebot, ihre Tipps bleiben auch nachhaltig im Netz.“

Ich glaube, das Thema Content Strategy braucht Blogs und zwar jede Menge Blogs. Wenn ich mir anschaue, wieviele Blogs sich aktuell mit dem Thema SEO beschäftigen, frage ich mich, warum es nicht wenigstens halb so viel Blogs gibt, die sich auf das Thema Content Strategy konzentrieren und es weiter entwickeln. Die darüber schreiben, was das ist, warum es so wichtig ist und wie man das Thema angeht. Vermutlich würde man, wenn man konsequent bloggen würde, ziemlich bald die entsprechende Wertschätzung erfahren und den Aufwand, den man betreibt, direkt oder indirekt monetarisieren können (wohl eher indirekt, vermute ich).

Wertschätzung erhält man, wenn man selbst wertschätzt, was man macht

Ich habe vor 11 Jahren einen Blogbeitrag geschrieben, indem ich der Frage nachgegangen bin, wann man mit einem Blog erfolgreich ist und ob es sich lohnt zu bloggen? Darin habe ich ziemlich genau durchgerechnet, wie groß der finanzielle Aufwand (aus damaliger Sicht) ist und wie sich das rechnen kann. Lohnt es sich finanziell, erfahre ich die entsprechende Wertschätzung, das Problem ist gelöst.

Wie komme ich aber an diesen Punkt, dass ich die (finanzielle) Wertschätzung erfahre? Ich denke, man muss zuerst selbst die eigene Arbeit wertschätzen und entsprechend konsequent am Ball bleiben.

Blogs sind aber auch, und damit komme ich wieder zum #coscamp zurück, wichtig, wenn es darum geht, Barcamps zu dokumentieren. Bei 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern müssten sich nur 10 bis 20% von ihnen an die Barcampregel Nummer zwei halten, die lautet: „You do blog about Barcamp“. So könnte man noch lange und ausgiebig im Netz die Inhalte dieses Barcamps nachlesen und sie auch diskutieren, so die Kommentarfunktion freigeschaltet ist. Kommt es im Kommentarbereich zu Diskussionen, ist das auch eine Art von Wertschätzung, die früher selbstverständlich war, über die sich aber auch heute jede Bloggerin und jeder Blogger freuen werden.

Dann war da noch das Häferl

Ein Häferl ist, für alle, die es nicht wissen, eine Kaffeeschale oder auch einfach nur eine größere Tasse, ein Becher. So ein Häferl wurde von Stefan Evertz als Preis ausgeschrieben. Gewinnen sollte ihn, wer am fleißigsten über das #coscamp twittert. Der glückliche Gewinner war ich, hier ist das gute Stück zu bewundern.

Die Idee mit dem Preis finde ich witzig und ich sage danke dafür! Ich muss aber zugeben, ich hatte einen Startvorteil. Ich habe schon im Zug begonnen zu twittern und der fuhr bereits um 7 Uhr los. Das sind ca. drei Stunden Vorsprung. ;-)

Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, ein eigenes Blog zu starten, fangen Sie einfach damit an. Ein Blog ist schnell eingerichtet und wenn Sie Angst davor haben, bei den ersten Beiträgen Unsinn zu schreiben, stellen Sie die Seite einfach erst mal auf privat. Dann sehen nur Sie, was Sie verfasst haben. Das schreibe ich jetzt aber nicht für all die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lehrgangs in Graz, die wissen sehr genau, was und wie sie über Content Strategy schreiben können. Ich würde es toll finden, wenn da in den nächsten Wochen und Monaten das eine oder andere Blog online geht.

Am Ende dieses Beitrags sage ich danke an all diejenigen, die das Barcamp in Graz organisiert haben. Ich sage danke an Katrin Hilger für die Organisation der Blogparade. Und bei Stefan Evertz habe ich mich schon bedankt. Bleibt nur noch ein allerletzter Punkt: Falls Sie jetzt Lust auf ein Barcamp bekommen haben. Am 2. Juli findet in Wien im Volkskundemuseum das stARTcamp statt.

Am 2. Juli findet im Volkskundemuseum Wien das #scvie19 statt
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Save the Date! #scvie19 am 2. Juli im Volkskundemuseum Wien

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Im letzten Jahr haben wir das stARTcamp Wien erst sehr spät angekündigt, heuer geht das alles etwas schneller. Anne Aschenbrenner und ich freuen uns über die Einladung des Volkskundemuseums und so geht am 2. Juli dort das #scvie19 über die Bühne. Ich persönlich freue mich auf das bereits sechste stARTcamp hier in Wien und bin sehr dankbar, dass sich mit dem Volkskundemuseum wieder eine Kultureinrichtung gefunden hat, die uns dabei unterstützt, indem sie uns ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Herzlichen Dank dafür!

So wie im letzten Jahr soll es wieder ein stARTcamp im klassischen Barcamp-Format geben, allerdings mit einer Einschränkung: Wir möchten gerne ein paar Expertinnen und Experten einladen, die sich mit dem Thema „digital gap“ beschäftigen, das wir dem #scvie19 als Motto voranstellen.

Digital Gap: Eine digitale Kluft gibt es in vielen Bereichen

Laut Wikipedia beschreibt dieser Begriff

„Unterschiede im Zugang zu und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere dem Internet“.

Anne und ich sehen diese digitale Kluft in ganz verschiedenen Bereichen. Es gibt zum Beispiel gesellschaftliche Veränderungen, die durch neue Technologien angestoßen werden. In vielen Bereichen unseres täglichen Lebens werden mehr und mehr digitale Prozesse eingeführt. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die verschiedenen Bereiche in unserer Gesellschaft, was bedeutet das zum Beispiel für die gesellschaftliche Teilhabe (siehe dazu die Cap Gemini-Studie Gesellschaft 5.0 – Implikationen der Digitalisierung)?

Digital Gaps tauchen aber auch im Kulturbereich auf, wenn man etwa das Potenzial bestimmter technologischer Entwicklungen betrachtet und dann eine recht große Diskrepanz zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit konstatieren muss. Eine – meist sehr große – digitale Kluft gibt es oft auch zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Kultureinrichtungen. Einige kennen sich sehr gut aus, gelten aber eher als Exoten, während die Mehrheit oft froh ist, sich nicht mit digitalen Themen und Entwicklungen auseinandersetzen zu müssen.

Was bedeutet die Digitalisierung für das Verhältnis Kultureinrichtung – Publikum?

Oft ging es in der Vergangenheit bei den stARTcamps um die Frage, wie die technologischen Entwicklungen die Kommunikation zwischen Kulturbetrieb und Publikum beeinflussen. Auch beim #scvie19 werden wir natürlich dieser Frage nachgehen. Dabei sollte es aber nicht nur um Tipps und Tricks für die Nutzung sozialer Netzwerke gehen. Zu überlegen ist auch, was die Digitalisierung im Hinblick auf die Arbeitsplätze für eine Bedeutung hat. Wie groß ist die Gefahr, dass Arbeitsplätze auch im Kulturbereich verschwinden und wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Wegfall vieler Arbeitsplätze um? Ist das bedingungslose Grundeinkommen eine Lösung, wenn nicht mehr genügend bezahlte Arbeitsplätze zur Verfügung stehen?

Kultureinrichtungen müssen sich aber auch fragen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Kommunikation mit dem Publikum hat. Was ist mit den Menschen, die keine Emailadresse haben, nicht in sozialen Netzwerken vertreten sind, ja, nicht einmal einen Computer besitzen? Verschicken wir weiter per Post Programmhinweise und Einladungen, obwohl die Kosten dafür relativ hoch sind? Oder sind uns die „Nicht-Besucher“ wichtiger, die wir mit Hilfe digitaler Formate zu „ködern“ versuchen?

Dies sind nur ein paar Fragen, um die es beim #scvie19 im Volkskundemuseum gehen kann. „Kann“ deshalb, weil Anne und ich ja nur das Thema vorgeben können (und wollen), der Rest kommt von Ihnen. Wenn Sie sich jetzt fragen, was ich damit meine und noch nie bei einem Barcamp bzw. einem stARTcamp dabeigewesen sind, dann empfehle ich Ihnen einen Blogbeitrag aus dem letzten Jahr, in dem ich versucht habe, die Frage, was ein stARTcamp ist, zu beantworten.

Die wichtigsten Infos zum #scvie19 in aller Kürze

Hier noch einmal die wichtigsten Infos zum stARTcamp Wien

  • Wann? Am 2. Juli 2019
  • Wo? Im Volkskundemuseum Wien (Laudongasse 15–19, 1080 Wien)
  • Wie kommt man hin? Mit den Straßenbahnen 5, 43 und 44.
  • Wann geht es los? 9 Uhr
  • Wann hören wir auf? 17:30
  • Wann und wo gibt es Tickets? Der Ticketkauf hat begonnen, hier können Sie die Tickets online erwerben.
  • Was kostet das Ticket? Die Tickets kosten 45 Euro, damit bezahlen wir vor allem das Catering und all die Kleinigkeiten, die für diesen Tag nötig sind. Die Räumlichkeiten stellt uns netterweise das Volkskundemuseum zur Verfügung.
Die soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunstund Kulturvermittler/innen in Österreich (2018)
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Die soziale Lage der Kunstschaffenden in Österreich (2018)

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Als 2008 der Rohbericht einer Studie veröffentlicht wurde, der die soziale Lebenssituation im österreichischen Kunst- und Kulturbereich analysierte, konstatierte ich: Die soziale Lage der KünstlerInnen in Österreich ist beschämend (Kurzfassung und Endbericht finden Sie in meinem Blogbeitrag Eine Studie beschreibt die soziale Lage der österreichischen KünstlerInnen). Zehn Jahre später ist ein Update erschienen, um die Frage zu beantworten, wie die Rahmenbedingungen im Kunst- und Kulturbereich denn heute aussehen. Endbericht und Kurzfassung der Studie über die „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittlerinnen und -vermittler in Österreich 2018“ stehen auf der Website des Bundeskanzleramts zum Download zur Verfügung.

Die (soziale) Lage vieler Kunstschaffender ist unverändert ernst

Vorweg: Ich bin wirklich froh und dankbar, dass es diese beiden Studien aus den Jahren 2008 und 2018 gibt. Sie liefern jede Menge Datenmaterial und bringen etliche interessante Ergebnisse hervor. Man könnte jetzt etwas flapsig konstatieren: Viel geändert hat sich nicht. Statistisch gesehen geht es nämlich denen, die heute im Kunst- und Kulturbereich arbeiten, im Vergleich zu 2008 weder signifikant schlechter noch besser. Das heißt aber auch:

„Der Anteil einkommensschwacher Personen ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mehr oder minder konstant geblieben und markiert damit wie bereits 2008 einen deutlich unterdurchschnittlichen Lebensstandard relativ vieler Kunstschaffender in Österreich.“

Petra Wetzel, Lisa Danzer, Veronika Ratzenböck, Anja Lungstraß, Günther Landsteiner: „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler/innen in Österreich 2018“ (Kurzfassung, Seite 9)

Wer arbeitet eigentlich im Kunst- und Kulturbereich?

Wer sind denn nun diese Kunst- bzw. Kulturschaffenden? Die Auswertung der insgesamt 1.757 Fragebögen zeigt ein recht interessantes Bild. Das Geschlechterverhältnis ist, wenn man den gesamten Kunst- und Kulturbereich betrachtet, fast ausgeglichen (Frauen 51%, Männer 48%, Inter/divers 1%). Allerdings gibt es zwischen den Kunstsparten recht große Unterschiede. Während Frauen die Bereiche Bildende und Darstellende Kunst mit 57,8% bzw. 58,2% dominieren, sind es in den Bereichen Film und Musik (50,8% und 67%) die Männer. Ganz eindeutig ist das Geschlechterverhältnis in der Kunst- und Kulturvermittlung: zwei Frauen stehen dort jeweils einem Mann gegenüber.

Wo finden Kunst und Kultur hauptsächlich statt? Schaut man sich an, welches die Wohnbundesländer der Antwortenden sind, dann steht da – nicht überraschend – an erster Stelle Wien (56,8%), gefolgt von Nieder- (10%) und Oberösterreich (9,5%). Zwei Drittel derer, die in Wien leben, sind nicht dort geboren. Das heißt, für viele Kunstschaffende ist Wien so attraktiv, dass sie irgendwann im Laufe der Ausbildung oder ihrer Karriere in die Bundeshauptstadt ziehen.

Insgesamt gesehen zeichnet sich der Kunst- und Kulturbereich nicht durch große Internationalität aus. 83,6% der Kunstschaffenden besitzen die österreichische Staatsbürgerschaft, 14% sind EU-Bürger und nur 2,4% besitzen einen Pass aus anderen Teilen der Welt. Dass von den EU-Bürgern 54,3% Deutschland als Geburtsland angegeben haben (auf den weiteren Plätzen folgen die Schweiz (5%) und Frankreich (3,7%)), passt in dieses Bild. Nichtsdestotrotz gaben mehr als 80% der Befragten an, über internationale Erfahrungen zu verfügen.

Zwei Dinge fallen noch auf: Erstens lebt knapp die Hälfte der Kunstschaffenden und VermittlerInnen ohne Partner oder Kinder. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind sie somit häufiger alleine. Zweitens verfügen 58% der Befragten über einen akademischen Abschluss und weisen damit ein höheres Ausbildungsniveau auf als die Gesamtbevölkerung.

Die wenigsten sind nur rein künstlerisch tätig

Die wenigsten Kunstschaffenden konnten 2008 von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben. Es überrascht wohl niemanden, dass das auch 2018 so ist. Dementsprechend haben viele noch einen anderen Job. 70% der Befragten gaben an, noch eine kunstnahe oder kunstferne Tätigkeit auszuüben. Im Musikbereich sind es meist kunstnahe Beschäftigungen, vermutlich, weil viele Musikerinnen und Musiker in Musikschulen oder privat Unterricht geben. Im Literaturbereich hingegen finden nur wenige eine kunstnahe Tätigkeit, was wohl daran liegt, dass es diese kunstnahen Jobs einfach nicht gibt.

Wer künstlerisch tätig ist, macht das meist als Selbständige oder Selbständiger. Während im Bereich der Darstellenden Kunst nur 50% angaben, ausschließlich auf selbständiger Basis künstlerisch tätig zu sein, waren es in der Literatursparte 94%. In der Kunst- und Kulturvermittlung waren nur 42% der Befragten ausschließlich selbständig. Leider fehlen hier die Vergleichszahlen von 2008, aber vermutlich nimmt die Zahl derer, die hier in einem fixen Beschäftigungsverhältnis stehen, langsam, aber sicher zu. Ein Drittel gab an, ausschließlich unselbständig tätig zu sein.

Von der künstlerischen Tätigkeit kann kaum jemand leben

Ich hatte ja schon geschrieben, dass auch aktuell (die Daten wurden 2017 erhoben) nur die wenigsten Künstlerinnen und Künstler von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben können. Die Hälfte der Befragten gab an, dass das daraus erzielte Einkommen bei ihnen unter 5.000 Euro netto liegt. Vor allem in den Bereichen Bildende Kunst (Medianwert: 3.500 Euro) und Literatur (Medianwert: 3.700 Euro) sieht es schlecht aus, während in der Filmsparte immerhin im Mittel 10.000 Euro pro Jahr verdient werden. Auf ähnliche Beträge wie in der Filmbranche kommen die Kunstvermittler und -vermittlerinnen, zeigt die Studie.

Da viele der Kunstschaffenden neben ihrer künstlerischen auch noch kunstnahe und/oder kunstferne Tätigkeiten ausüben, ist das persönliche Einkommen entsprechend höher. Bezieht man alle Tätigkeiten ein, liegt das persönliche Netto-Jahreseinkommen im Schnitt bei 14.000 Euro. Am niedrigsten ist das Einkommen mit 11.000 Euro im Bereich der Bildenden Kunst, während die in der Filmsparte und der Kunstvermittlung Tätigen durchschnittlich 17.000 Euro erreichen.

Interessant ist es, die Einkommenssituation im Kunst- und Kulturbereich mit der Gesamteinkommenssituation in Österreich zu vergleichen. Bei denen, die nur selbständig arbeiten, zeigen sich kaum Unterschiede zwischen den Kunstschaffenden und der Gesamtheit der Selbständigen. Die Einkommen der ausschließlich unselbständig Tätigen liegen bei den Kunstschaffenden rund 10% unter den Zahlen für die unselbständig Beschäftigten in Österreich. Auffällig ist, dass es aber große Unterschiede bei denen gibt, die sowohl selbständig als auch unselbständig arbeiten.

Während diese „Mischfälle“, wie sie in der Studie genannt werden, laut Einkommensjahresbericht 2016 über ein mittleres Jahresnettoeinkommen von rund 26.000 Euro verfügen, sind es bei den Kunstschaffenden nur 17.500 Euro. Bei dieser Diskrepanz der Zahlen muss man aber berücksichtigen, dass sie aus unterschiedlichen Jahren stammen. Der Jahreseinkommensbericht weist Zahlen aus dem Jahr 2015 aus, bei den Kunstschaffenden sind das Zahlen von 2017. Nichtsdestotrotz klafft da wohl eine Lücke, deren Ursache unbekannt ist.

Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Die Ergebnisse zeigen, so heißt es in der Studie, dass sich in den letzten zehn Jahren keine großen Veränderungen ergeben haben. Was damals wie heute auffällt: Nur eine Minderheit der Kunstschaffenden ist ausschließlich künstlerisch tätig. Aber so lautet eine der Schlussfolgerungen dieser Studie:

Markant bleibt ein Auseinanderdriften von ideellem Arbeitsschwerpunkt, welcher für die Mehrheit der Befragten in der Kunst liegt, und finanziellem Schwerpunkt, der oft in anderen kunstnahen oder kunstfernen Tätigkeitsfeldern verortet ist. Diese Kombination von unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern ist – heute wie vor zehn Jahren – die Realität im Arbeitsalltag vieler Kunstschaffender. Damit verbunden ist die Betroffenheit durch Mehrfachbeschäftigungen, im Sinne der Kombination von unselbstständigen und/oder selbstständigen Beschäftigungsverhältnissen im Verlauf eines Jahres, an welche sich eine durchaus komplexe sozialversicherungsrechtliche Situation mit häufig negativen Folgen für die soziale Absicherung anschließen kann.

Petra Wetzel, Lisa Danzer, Veronika Ratzenböck, Anja Lungstraß, Günther Landsteiner: „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler/innen in Österreich 2018“ (Endbericht, Seite 115)

Handlungsbedarf sehen die Autoren und Autorinnen unter anderem in folgenden Bereichen:

  • Soziale Absicherung: Hier stellt sich die Frage, so heißt es in der Studie, wo man ansetzen möchte. Entweder versucht man das bestehende System zu optimieren. Oder man ändert die „Sozialversicherungsarchitektur“.
  • Finanzielle Ressourcenausstattung: Wir können nicht davon ausgehen, so die Studie, dass öffentliche Förderungen die finanziellen Probleme der Kunstschaffenden lösen werden. Auch die private Finanzierung von Kunst und Kultur, zum Beispiel Crowdfunding oder Sponsoring, wird kaum in der Lage sein, die benötigten finanziellen Mittel bereitzustellen. Meiner Meinung nach kann einer der Lösungsansätze im Blick über den Tellerrand bestehen. Förderungen aus kunstfernen Bereichen und Kooperationen mit Unternehmen sind sicher nicht für alle, aber vielleicht für einige Kultureinrichtungen eine Lösung.
  • Arbeitsmarktpolitik: Wenn Menschen permanent zwischen selbst- und unselbständiger Tätigkeit wechseln, dann stimmt die Definition von Arbeitslosigkeit einfach nicht mehr. Interessant wäre es, die Weiterbildungsangebote nicht im Hinblick auf die Vermittlung in den Arbeitsmarkt zu sehen, sondern im Hinblick auf zukünftige Projekte. Nicht ohne Grund erkennt die Studie Handlungsbedarf in Sachen Aus- und Weiterbildung.

Fazit

Die beiden 2008 und 2018 durchgeführten Untersuchungen machen deutlich, wo die Probleme im Kunst- und Kulturbereich liegen. Sie zeigen aber auch, dass sich in diesen zehn Jahren nicht viel geändert hat, Kunstschaffende stehen immer noch vor den gleichen Herausforderungen wie vor zehn Jahren.

Und trotzdem hat sich in diesem Zeitraum viel getan, oft sind es nur Kleinigkeiten. Aber der Kunst- und Kulturbereich ist ein hochkomplexer Raum, in dem wir Zusammenhänge oft gar nicht erkennen. Deshalb sollte es eigentlich noch viel mehr Studien geben, die einerseits Datenmaterial über längere Zeiträume zur Verfügung stellen. Andererseits wären aber auch Studien hilfreich, die noch viel mehr in die Tiefe gehen und sich mit den Details beschäftigen. Ich schaue oft etwas neidisch in Richtung USA, denn dort gibt es jede Menge Studien und viel mehr Datenmaterial. Datenmaterial, das die Grundlage bildet, um – hoffentlich – prekäre Arbeitsverhältnisse im Kulturbereich zu verhindern.

Titelbild: analogicus (Pixabay)

Digitalisierung kleine museen tagung oberhausmuseum veste oberhaus
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Digitalisierung und kleine Museen: Nichts bleibt, wie es ist.

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Mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen sich Kultureinrichtungen ja eigentlich schon länger. Die Museen digitalisieren seit vielen Jahren ihre Objekte. In sämtlichen Kunstsparten nutzt man die sozialen Medien für die Kommunikation und viele Arbeitsprozesse laufen digital und automatisiert ab. So hat zum Beispiel Anita Brunner-Irujo, Digitalexpertin beim Universalmuseum Joanneum im Rahmen des Treffpunkt Kulturmanagement recht schön gezeigt, wie man mit Hilfe von Marketing-Automatisierung die Zahl der verkauften Jahreskarte um ein Vielfaches erhöhen kann (hier finden Sie die Aufzeichnung).

Digitalisierung bedeutet, dass analoge Inhalte oder Prozesse in eine digitale Form gebracht werden. Die daraus gewonnenen Daten lassen sich verarbeiten und sind häufig der Auslöser für innovative Entwicklungen. Mit den technologischen Entwicklungen ergeben sich natürlich immer wieder neue Chancen auf Veränderung und das praktisch in sämtlichen Bereichen unseres Lebens. All das mit einer Dynamik, die viele Menschen verängstigt, andere überfordert. So ist es kein Wunder, dass die Digitalisierung oft eher als Bedrohung, denn als Chance gesehen wird.

Wir sollten die Digitalisierung als Chance betrachten

Ich fürchte, das ist oft der Ausgangspunkt, wenn wir über die Digitalisierung im Kunst- und Kulturbereich sprechen. Umso wichtiger ist es, dass es solche Veranstaltungen gibt, wie sie Christian Gries von der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern Mitte November organisiert hat. Gastgeber der Tagung „Kultur digital vermitteln“ waren die Stadt Passau und das Oberhausmuseum. Hoch oben thront es in der Burganlage der Veste Oberhaus über der Stadt. In einer Burganlage über Digitalisierung zu sprechen und zu diskutieren, das hat was, finde ich. Leider war die Zeit zu knapp, um mich im Museum umzuschauen.

Fangen wir mit einem schönen Beispiel an, wie sich Kultur digital vermitteln lässt. Philipp Grammes, Digitalchef des Radiosenders Bayern 2, stellte „Ich, Eisner!“ vor, ein Messengerprojekt, dem man auf WhatsApp folgen kann. Das Ergebnis ist spannend! Wer sich darauf einlässt, erhält Nachrichten von Kurt Eisner, 1918 Anführer der Revolution und Bayerns erster Ministerpräsident. Er erzählt, was er vor genau 100 Jahren erlebt hat, Storytelling par excellence! Nun könnte man den Museen zurufen: Seht her, so funktioniert das mit der Digitalisierung! Aber ein Museum lässt sich nicht mit einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt vergleichen. Bleibt die Frage: Was können die kleinen und mittelgroßen Museen, um die es in Passau ging, nun eigentlich tun? Wie sollen sie den Herausforderungen der Digitalisierung begegnen?

Christian Gries, der sich seit drei Jahren für die Landesstelle der nichtstaatlichen Museen in Bayern mit digitalen Strategien für Museen beschäftigt, machte in seiner Keynote (hier finden Sie die Folien zu seinem Vortrag „Chancen und Strategien für kleine und mittelgroße Kultureinrichtungen„) deutlich, vor welchen Herausforderungen die Häuser stehen. Es gilt, sich in jenen digitalen Räumen zurechtzufinden, in denen man keine Kontrolle ausüben kann und die darüber hinaus von den UserInnen (mit)-gestaltet werden.

So überrascht es nicht, dass 2017 immerhin schon 95 Prozent der nichtstaatlichen Museen in Bayern eine Website hatten, aber nur 59 Prozent eine Facebookseite betrieben. Immerhin 7,2 Prozent hatten einen Twitteraccount und 5 Prozent waren auf Instagram aktiv. Aber immer mehr Museen merken, dass sie sich dem technologischen Wandel nicht entziehen können. Die daraus resultierenden Veränderungen haben Auswirkungen auf das Verhältnis der Kultureinrichtungen zu ihren BesucherInnen bzw. Nutzerinnen.

Digitalisierung mit Hilfe des Reifegradmodells

Christian Gries hat in seinem Vortrag sehr gut herausgearbeitet, dass es an der Zeit ist, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Mit seinem im Oberhausmuseum vorgestellten Reifegradmodell gibt er den Häusern zugleich eine Anleitung, wie sie das Thema Digitalisierung angehen können. Gut gefällt mir dabei die Unterscheidung zwischen Pflicht und Kür. 

Christian Gries: Reifegradmodell Schritt 1 und 2 (Digitale Strategien)

Bei den ersten beiden hier abgebildeten Schritten des Reifegradmodells handelt es sich nach Ansicht von Christian Gries um das Pflichtprogramm. Am Ende hat das Museum eine funktionierende Website und ist in der Lage, die Seite zu analysieren (neben Google Analytics gibt es noch etliche Alternativen). Außerdem ist es in den sozialen Netzwerken aktiv und setzt dabei nicht auf Werbung, sondern auf Austausch und Vernetzung mit interessierten NutzerInnen.

Sehr viel schwieriger ist dann das, was Gries als „individuelle Wachstumsdimensionen“ bezeichnet. Eine funktionierende Website und eine Präsenz in den zumindest wichtigsten sozialen Netzwerken sind heute Standard. Aber immer mehr Kultureinrichtungen wollen an diesem Punkt nicht stehen bleiben und sich weiterentwickeln. Für sie sind die Schritte 3 und 4 seines Reifegradmodells gedacht, die Kür, wie er in seinem Vortrag meinte:

Christian Gries: Reifegradmodell Schritt 3 und 4 (Digitale Strategien)

Die Grundidee ist es, nicht nur einfach digital präsent zu sein, sondern das digitale Angebot weiter zu entwickeln. Welche Richtung ein Museum dabei einschlägt, hängt einerseits von der Ausrichtung des Hauses ab. Andererseits aber natürlich auch von den Zielen, die man mit digitaler Hilfe zu erreichen beabsichtigt.

Auf dem Weg zum digitalen Kulturbetrieb

Unabhängig davon, auf welcher Stufe dieses Modells sich eine Kultureinrichtung gerade befindet: Es geht dabei nicht nur um die Frage, über welche Kanäle man welche Geschichten erzählt, sondern auch um Prozesse, Strukturen und Strategien. Denn nur so wird aus dem Haus ein digitaler Kulturbetrieb

In meinem Vortrag habe ich versucht, diesen Aspekt zu beleuchten. Mir ist es nicht so wichtig, Kultureinrichtungen dabei zu unterstützen, möglichst rasch eine neue Technologie einzuführen, sondern Veränderungen anzustoßen, die nachhaltig sind. „Digitales Miteinander: Über digitale Strategien und strategische Partnerschaften“ lautete der Titel, mit dessen Hilfe ich versucht habe, meine Gedanken zu strukturieren.

Warum brauchen Kultureinrichtungen überhaupt ein digitales Miteinander? Eigentlich ist die Frage falsch gestellt. Müsste es nicht eher heißen: Warum brauchen sie überhaupt ein Miteinander? Ich denke, die Frage lässt sich aus der Praxis heraus leicht erklären. Kultureinrichtungen kooperieren beispielsweise, um sich gegenseitig Arbeit abzunehmen und darüber hinaus Geld zu sparen. Oder sie kooperieren mit Unternehmen, weil sie voneinander profitieren können. Ein Miteinander kann für Kultureinrichtungen sinnvoll sein mit:

  • den MitarbeiterInnen bzw. dem Team
  • potenziellen Geldgebern wie Förderstellen oder Sponsoren
  • dem Publikum
  • der Gesellschaft
  • anderen Kultureinrichtungen, oder 
  • Organisationen oder Unternehmen aus anderen Bereichen /Branchen

Komplexität auf Problem- und Lösungsebene

Sie kennen sicherlich viele Beispiele, in denen ein Miteinander wichtig ist. Vermutlich werden Sie dabei oft digitale Tools oder soziale Netzwerke nutzen, um die Kommunikation aufrecht zu erhalten. Oft sind es dann mehrere Partner, mit denen man kooperiert oder kommuniziert, zum Beispiel im Rahmen von EU-Projekten. Ganz gut gefällt mir in diesem Zusammenhang, was der 2015 verstorbene Professor Peter Kruse in einem Gespräch über Kreativität gesagt hat:

Komplexität und Vernetzung

Oder anders formuliert: Je komplexer die Probleme sind, desto größer muss der Grad an Komplexität auf der Lösungsebene sein. Das bedeutet, es ist unabdingbar, dass Kultureinrichtungen sich vernetzen, das (digitale) Miteinander ist da ein wichtiger Baustein, denn gerade unsere Art zu kommunizieren hat sich durch die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre gewaltig verändert.

Wie gehen Kultureinrichtungen mit all diesen neuen Technologien und Tools um? Wie sieht ihr digitaler Transformationsprozess aus? Transformation bedeutet Veränderung, das hat ja auch Christian Gries in seinem Vortrag deutlich gemacht und für diese Prozesse sein Reifegradmodell entwickelt.

Die drei Stufen der Veränderung

Zwei Punkte gilt es in diesem Zusammenhang zu beachten. Erstens stellt sich die Frage, ob so ein linear angelegtes Modell in Zeiten schneller Veränderungen funktionieren kann. Zweitens sollten wir uns genauer anschauen, wie die durch die Digitalisierung verursachten Veränderungen eigentlich aussehen. Allan Kelly beschreibt sie als iterativen Prozess, der kurz gefasst so aussieht (hier sind die Folien seines Vortrags „Agile, Digital & the New Business Paradigm“, der Vortrag selbst ist auf YouTube als Video zu finden):

  1. „Do the same things faster
  2. Adopt new processes to increase benefit
  3. Innovation from process change (and repeat)

Dieser Kreislauf kann in den verschiedensten Bereichen zur Anwendung kommen. Ob Fundraising, Marketing oder Management. Überall, wo Sie prozesshaft arbeiten, können neue technologische Entwicklungen Änderungen bewirken. Die drei Schritte habe ich für den Vortrag so beschrieben:

Intern zum Beispiel wird in vielen Kultureinrichtungen per Email kommuniziert. Dieses digitale Miteinander ließe sich beschleunigen, in dem ich das Aufgabenmanagement in die Mailbox integriere. Für mich selbst nutze ich ActiveInbox, ein kleines Programm, das noch viel mehr kann als Emails in Aufgaben umzuwandeln. In der Zusammenarbeit mit anderen verwende ich Asana, das die meisten von Ihnen vermutlich kennen.

Im nächsten Schritt führe ich ganz neue Prozesse ein. Mit Hilfe von Plattformen wie Slack oder Yammer stelle ich meine Kommunikation vom Push-Prinzip auf Pull um. Auf der dritten Stufe kommt dann zum Beispiel die Künstliche Intelligenz ins Spiel, wir lassen Avatare oder holistische Projektionen im virtuellen Raum für uns kommunizieren und arbeiten. 

Konsequent weitergedacht agieren die Programme dann irgendwann so eigenständig, dass wir überflüssig werden. Das ist für uns selbst eher nicht erstrebenswert, weil es uns den Job kostet. Für den Betrieb natürlich schon. So ließen sich Kosten sparen und die Produktivität erhöhen.

Strategisches Planen ist Zeitverschwendung

Die Frage ist, ob ich solch iterative Prozesse planen kann? Ich glaube nicht, denn zugegeben, mit meinem dritten Schritt, der Künstlichen Intelligenz habe ich schon zu spekulieren begonnen. Ob die Zukunft so oder ganz anders aussieht, kann ich heute nicht sagen.

Deshalb plädiere ich dafür, Strategie ganz anders zu verstehen wie wir das derzeit machen. Im Augenblick steht die Strategie meist für einen Plan, der über die nächsten zwei Wochen hinaus geht. Oft ist es mehrPlan als Strategie. Das ist auch völlig in Ordnung so, ein Plan kann einem eine wertvolle Hilfe sein. Aber wie sieht ein Plan aus für etwas, das ich noch nicht kenne? Wie plane ich mit Technologien, die es heute noch gar nicht gibt?

In einem Artikel für die deutsche Ausgabe der Huffington Post bezeichnet der Unternehmensberater Guido Bosbach strategische Planung als Zeitverschwendung. Seiner Ansicht nach eignet sich dieser Ansatz für lineare Entwicklungsprozesse, nicht aber den komplexen Herausforderungen, denen wir immer häufiger begegnen. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns keine Gedanken über die Zukunft machen sollen.

Lösungsräume schaffen statt Prozesse planen

Aber: Grundsätzlich gebe es keinen planbaren Weg durch die Ungewissheit, vielmehr sei es notwendig, die strategische Zielrichtung zu identifizieren, schreibt Bosbach. Die Idee, statt eines (strategischen) Plans für die nächsten Monate einen „multidimensionalen Lösungsraum“ zu schaffen, gefällt mir sehr gut. Er erinnert mich einerseits an den sozialen Raum, der sich durch die ihm innewohnende soziale Dynamik manifestiert (mehr dazu im Beitrag XPress: der digitale Erlebnisraum Rhein-Neckar).  

Andererseits habe ich schon vor zehn Jahren in meinem Beitrag „Der Leader als sozialer Architekt“ aus dem Buch „The Answer to How Is Yes“ (Affiliate Link) zitiert, in dem Peter Block schreibt:

„The social architect’s task is to create the space for people to act on what matters to them.“

Wie kann dieser Raum aussehen? In seinem Blogpost „Five spaces that the organizational leader needs to design and nurture“ beschreibt Leandro Herrero die Räume, die gestaltet werden müssen. Nötig ist zum Beispiel ein Raum, in dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich artikulieren, sich einbringen können. Da geht es vordergründig um Tools. Aber es braucht natürlich auch Prozesse, um deren Wissen, Meinungen aber auch Fragen wirklich nutzen zu können.

In jedem Unternehmen, jedem Kulturbetrieb gibt es so etwas wie eine informelle Organisation. Dazu gehört etwa die Teeküche, in der sich alle in der Pause treffen. Wie oft werden dort wichtige Themen angesprochen, Dinge abgeklärt und Probleme gelöst? Notwendig sind aber auch Räume, in die man sich zurückziehen kann, um nachzudenken oder sich eine Meinung zu bilden.

Ein Raum für Experimente

Wichtig ist es aber auch, Dinge auszuprobieren. Kultureinrichtungen brauchen nicht nur auf der Bühne Platz für Experimente, sondern auch dahinter. Wenn der Chef immer nur nach der perfekten Idee verlangt, wird dort selten jemand auftauchen. Wenn überhaupt! Da ist ein Raum, in dem alle experimentieren dürfen, genau das richtige. Ach ja, und einen Raum, in dem es um die persönliche Entwicklung geht, sollte es natürlich auch geben. Die Frage, welche Perspektiven ich als Mitarbeiter habe, muss viel häufiger gestellt und beantwortet werden.

Wäre es nicht schön, einen solchen Raum zu haben? Wie aber schaffen wir so einen Raum? Kehren wir wieder zurück zu Guido Bosbach. In seinem Artikel beschreibt er vier Grundfertigkeiten, derer es bedarf:

  1. Kompetenzwissen„, das heißt, „die vorhandenen Fähigkeiten, Potenziale, Erfahrungen und das vorhandene Wissen (werden) bewusst erkannt und aktiviert“.
  2. Dynamische Fähigkeiten„, die einen in die Lage versetzen, auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren und sich entsprechend darauf einzustellen.
  3. Reflexionsbereitschaft„, um „neue ’strategische‘ Optionen schnell zu erfassen, zu analysieren und zu reflektieren“.
  4. Entscheidungsbewusstheit„, was einerseits bedeutet, rasch zu entscheiden. Andererseits geht damit aber auch die Fähigkeit einher, die Entscheidungen auf der Metaebene zu reflektieren und gegebenenfalls zu hinterfragen.

Dieser multidimensionale Lösungsraum muss dann mit den entsprechenden Tools und Methoden ausgestattet werden, er muss eingerichtet werden. Hier reden wir über Agilität, Design Thinking und all die Instrumente, die uns helfen, in diesem Raum Probleme zu lösen oder Ideen zu entwickeln. Diesen Raum mit den richtigen Instrumenten auszustatten, um bereit zu sein für die Zukunft, das bedeutet für mich, eine Strategie zu entwickeln.

Der digitale Kulturbetrieb beschäftigt sich nicht nur mit der Frage, wie das Marketing der Zukunft aussieht, sondern mit dem gesamten Ökosystem, in dem die Arbeit beispielsweise eines Museums stattfindet. Es gilt, dieses Ökosystem zu entwickeln. Der Dreidimensionalität dieses Raumes kann aber ein linearer, zweidimensionaler Plan nie gerecht werden.

Es macht keinen Sinn, Kultureinrichtungen Leitfäden oder Checklisten in die Hand zu drücken und darauf zu hoffen, sie fit für die Zukunft zu machen. Ich kann ihnen aber dabei helfen, ihren Lösungsraum einzurichten, damit sie selbst ihre Zukunft gestalten können. Die ist zwar bei jeder Kultureinrichtung vermutlich digital. Aber sie sieht für jedes Museum, Theater oder Konzerthaus anders aus. Während die einen größere Lösungsräume benötigen, reicht den anderen ein kleiner Raum. So kann jeder Kulturbetrieb auch sein eigenes Tempo festlegen.

PS: Meine Folien über das digitale Miteinander finden Sie auf Slideshare.

Update: Damian Kaufmann beschreibt auf seinem Blog Zeilenabstand am Beispiel des Rijksmuseums in Amsterdam, wie sich digitale Strategie und analoges Erlebnis verbinden lassen. Die Vorreiterrolle dieses Museums resultiert aus der Tatsache, dass man schon im Jahr 2013 voll auf die Digitalisierung setzte und seitdem große Teile des Depots online verfügbar gemacht hat. Und das in Form von gemeinfreien Reproduktionen, die beliebig genutzt werden können.

Titelbild: ommes (Pixabay)

Post

Jetzt wird es eng für unsere Facebookseiten (Update 12.09.2018)

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Sicherlich erinnern Sie sich noch an das vor drei Monaten veröffentlichte Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EUGH), in dem es um die Frage ging, wer für die Datensicherheit der UserInnen verantwortlich ist, wenn sie auf Facebook eine Seite besuchen (hier können Sie das Urteil des EUGH nachlesen).

Die Richter kamen zu dem Ergebnis, dass wir als SeitenbetreiberInnen für mögliche Datenschutzverstöße von Facebook mithaften. Viele sahen – zumindest in Europa – das Ende des sozialen Netzwerks gekommen, etliche schlossen als Konsequenz auf dieses Urteil ihre Facebookseiten.

Andere hingegen riefen zur Besonnenheit auf, da sie die Ansicht vertraten, dieses Urteil richte sich vor allem gegen Facebook, das bis heute die geforderte Transparenz im Umgang mit den Daten seiner BesucherInnen vermissen lasse. Rechtsanwalt Thomas Schwenke beschäftigte sich in einem sehr ausführlichen Artikel mit der Frage: „Muss ich jetzt meine Facebookseite schließen?

Er konstatiert darin, dass wir als SeitenbetreiberInnen auf der Grundlage des Urteils zwar in Haftung genommen werden können, macht aber auch klar, dass die Vorgaben, die aus diesem Urteil resultieren, eigentlich von Facebook erfüllt werden müssen. Daher lautete sein Rat:

“ Ich persönlich empfehle abzuwarten und zu prüfen, ob sich der Betrieb von Facebook-Seiten oder die Nutzung anderer Onlinedienste trotz des Risikos nicht dennoch lohnt.“

So weit, so gut. Ich gehöre zu denen, die abgewartet haben. Das Problem: Facebook hat nicht so auf das Urteil reagiert, wie wir uns alle das wohl erhofft haben.

Die Datenschutzbehörden machen Druck auf Facebook und vor allem auf uns

Nun gibt es seit ein paar Tagen einen Beschluss der Datenschutzkonferenz (DSK), in dem die Datenschutzbeauftragen des Bundes und der Länder festhalten, dass Facebook in den letzten drei Monaten nichts unternommen habe, um den Forderungen des EUGH-Urteils zu entsprechen. Deshalb machen sie klar, dass sich die BetreiberInnen von Facebookseiten ihrer datenschutzrechtlichen Verantwortung stellen müssen. Die Konsequenz:

„Ohne Vereinbarung nach Art. 26 DSGVO ist der Betrieb einer Fanpage, wie sie derzeit von Facebook angeboten wird, rechtswidrig.“

Die Datenschutzbeauftragten fordern, dass drei Monate nach dem EUGH-Urteil „die Anforderungen des Datenschutzrechts beim Betrieb von Fanpages“ erfüllt werden müssten. Dazu gehöre, dass die gemeinsam Verantwortlichen Klarheit über die derzeitige Sachlage schaffen und die erforderlichen Informationen für die BesucherInnen der Seite bereitstellen.

In dem Beschluss werden sehr konkrete Fragen gestellt, die wir als SeitenbetreiberInnen ohne die Mitwirkung von Facebook nicht beantworten können. Zum Beispiel diese hier:

„Zu welchen Zwecken und auf welcher Rechtsgrundlage werden nach Aufruf einer Unterseite innerhalb des Fanpage-Angebots ein Session-Cookie und drei Cookies mit Lebenszeiten zwischen vier Monaten und zwei Jahren gespeichert?“

Sie sehen, wir sind da ziemlich hilflos. Rechtsanwalt Thomas Schwenke spricht in seinem gestrigen Facebook-Posting die Möglichkeit an, dass SeitenbetreiberInnen in Kürze der erwähnte Fragenkatalog (es sind acht Fragen) zugehen könnte. Da wir sie wie gesagt nicht beantworten können, könne, so Schwenke weiter, die Schließung der Seite angeordnet werden.

Ich finde das Verhalten von Facebook skandalös. Auf unserem Rücken wird hier die Auseinandersetzung zwischen Politik und dem Facebook-Imperium ausgetragen. Wenn Herrn Zuckerberg europäische UserInnen egal sind, dann soll er es einfach sagen. Dann können wir entsprechend reagieren. Ich für meinen Teil werde Inhalte, die ich in der Vergangenheit nur schnell auf Facebook gepostet habe,  wieder häufiger hier im Blog teilen. Vielleicht führe ich auch wieder einen Newsletter ein, den ich wegen der DSGVO eingestellt habe (siehe dazu meinen Blogbeitrag „Die #DSGVO und die Auswirkungen auf dieses Blog„). So baue ich etwaigen Entwicklungen vor. Denn aktuell droht, was Thomas Schwenke in seinem Posting schreibt:

„Ich wünsche mir, dass Facebook endlich handelt, ansonsten kann es sein, dass wir uns hier bald nicht mehr lesen.“

Wir alle sollten uns darüber klar sein, dass es jetzt sehr schnell gehen kann und wir plötzlich ohne einen wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Kommunikations- und Marketingkanal dastehen. Es ist sicher nicht falsch, wenn Sie jetzt damit beginnen, sich mit einem Plan B zu beschäftigen.

Update: Facebook legt eine Vereinbarung vor

Das ging dann schnell. Gestern hat Facebook ein sogenanntes „Page Controller Addendum“ veröffentlicht, in dem die „Zusammenarbeit“ zwischen Facebook und den SeitenbetreiberInnen geregelt ist. Rechtsanwalt Dr. Thomas Schwenke hat sich die Vereinbarung bereits angeschaut und erklärt in seinem Blogbeitrag „Wird Facebook legal? – Anleitung für Seitenbetreiber zum ‚Page Controller Addendum‘„, worauf SeitenbetreiberInnen achten müssen und welche Schritte gesetzt werden sollten, um den gesetzlichen Vorgaben Genüge leisten zu können. Schwenke konstatiert:

„Die Nutzung von Facebook wird zwar nicht vollständig sicher (…). Aber mit der neuen Vereinbarung des „Page Controller Addendums“, werden der Betrieb der Facebook-Seiten und auch generell die Nutzung von Facebook datenschutzrechtlich ein großes Stück sicherer.“

Wir können also erst einmal aufatmen und müssen nun noch abwarten, welche Entscheidungen die Gerichte in den laufenden Verfahren treffen. Ich für meinen Teil werde trotzdem überlegen, wie ich mich unabhängiger von Facebook machen kann. Ich mag solche Abhängigkeiten nicht.

Foto: succo auf Pixabay (CC0)