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„Online goes offline“ oder „Bitte warten“?

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Eine Anmerkung vorweg: der Begriff Fundraising wird vor allem im deutschsprachigen Raum häufig mit dem Einsammeln von Spenden gleichgesetzt. Ich fasse ihn in der Regel etwas weiter und sympathiere daher eher mit dem angelsächsischen Verständnis, das Fundraising einfach als Geld einsammeln versteht.

Als ich vor einigen Tagen im Rahmen der NPO-Blogparade nach „Tipps und Tricks für das Online-Fundraising“ fragte, war ich mir darüber im Klaren, dass das Online-Fundraising bei uns noch in den Kinderschuhen steckt. Die Probleme sind, denke ich, größtenteils bekannt.

Da ist zum einen die Tatsache, dass die meisten von uns den Staat nur ungern aus seiner Verantwortung entlassen wollen, wenn es um Kunst, Kultur, Gesundheit, Soziales, etc. geht. Private Unterstützung, so lautet das Argument, biete daher dem Staat die Möglichkeit, sich aus den jeweiligen Bereichen zurückzuziehen bzw. die finanziellen Mittel zu kürzen.

Andererseits ist es bei uns einfach noch nicht selbstverständlich, per Kreditkarte oder Paypal Geld an eine Organisation oder ein Projekt zu überweisen. Zu groß sind die Ängste, dass mit den Daten, die man dann online preisgibt, Missbrauch getrieben werden könnte. Hinzu kommen die noch immer relativ hohen Transaktionskosten, die z.B. für Überweisungen per Kreditkarte anfallen. Und ein letzter Punkt, den man nicht übersehen sollte: viele Menschen besitzen gar keine Kreditkarte, sind also a priori von einem solchen Verfahren ausgeschlossen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich im Internet eine Vielzahl von Menschen finde, die bereit sind, Organisationen oder Projekte finanziell zu unterstützen, hält sich noch ziemlich in Grenzen. Sabine Gysi, die versucht hat, für das Projekt Salonpalaver 600 Minimäzene zu finden, die das Vorhaben mit jeweils 50CHF unterstützen sollten, ist gescheitert und auf Sellaband haben es bis jetzt auch erst 29 Bands geschafft, 50.000 USD für ihre erste CD-Produktion aufzutreiben. Nicht dass ich diesen Erfolg kleinreden möchte, aber ein Durchbruch sieht doch anders aus.

Bleibt der Sozialbereich, wo Ole Seidenberg vor kurzer Zeit seine Aktion Uwe gestartet hat und seitdem regelmäßig darüber auf seinem Blog berichtet. Die Aktion erregt mittlerweile einiges Aufsehen, was aber wahrscheinlich auch damit zu tun hat, dass Ole Seidenberg dabei stark auf Social Media Tools setzt und damit eine Vorreiterrolle eingenommen hat.

Das Problem dabei: viele Menschen, die als SpenderInnen oder UnterstützerInnen in Frage kommen würden, werden nicht erreicht, weil sie sich nicht in Social Networks bewegen, keine Blogs lesen und keine Ahnung haben, was Twitter sein könnte. Jetzt könnte man sich natürlich zurücklehnen und sagen „es ist halt noch nicht soweit, warten wir einfach, bis der Motor anspringt“.  Aber sollen wir wirklich darauf warten, bis die Rahmenbedingungen passen? Es wird zwar auf die Schnelle nicht unbedingt gelingen, die große Masse der Menschen zu begeisterten Online-UnterstützerInnen zu machen, aber warum versuchen wir nicht, die Social Media Tools dafür einzusetzen, um Menschen zu erreichen, die damit noch gar nichts am Hut haben? Wenn es im Web2.0 immer heißt, dass man dahin gehen müsse, wo die Menschen sind, dann versuchen wir doch, das auch in diesem Fall konsequent umzusetzen. Nach dem Motto „online goes offline“.

Auf die Idee bin ich gekommen, als ich auf ReadWriteWeb den Beitrag „Five Ways to Use Social Media to Reach People Who Don’t Use Social Media“ von Marshall Kirkpatrick gelesen habe. Wie stellt er gleich zu Beginn seines Artikels treffend fest?

„Sometimes it feels like social media is just not relevant to the people you’re trying to reach.“

Um mit Hilfe von Social Media die Menschen zu erreichen, die dort (noch) nicht anzutreffen sind, macht er fünf Vorschläge, die uns dabei unterstützen können, diese Menschen zu erreichen und für unsere Ziele und Vorhaben zu begeistern.

„Develop Relationships with People Who Bridge The Gap Inside Other Organizations“

Wie kommen wir an diese Menschen heran? Kirkpatricks Idee besteht darin, Beziehungen zu den Menschen aufzubauen, die als Bindeglied in Frage kommen, z.B. JournalistInnen.

„… many mainstream journalists now participate in social media conversations for their research. Making yourself known as a topical expert to them online can help increase your visibility when it’s time to write a story off-line“,

lautet sein Ratschlag daher. Und wie mache ich mich zum Experten? Indem ich z.B. mit Hilfe von RSS-Feeds und Social Bookmarking Diensten Informationen sammele und meinem journalistischen Gegenüber zur Verfügung stelle.

„Use Web 2.0 Tools to Learn About Real Life Public Events“

Früher ging man, wenn man neue Kontakte knüpfen wollte, auf unzählige Veranstaltungen. Das sollte man heute eigentlich auch noch tun und um die richtigen Events zu entdecken, schlägt Marshall Kirkpatrick auch dafür den Einsatz von Social Media Tools vor.

Im Internet finden sich unzählige Seiten mit Veranstaltungshinweisen. Manche verfügen über RSS-Feeds, das heißt, eine gezielte Suche ist möglich. Unzählige Seiten bieten diesen Service aber nicht an. Mit Hilfe diverser Tools, z.B. Dapper oder Yahoo Pipes lassen sich von jeder beliebigen Seite Feeds generieren. Auf diese Weise können Sie ihren eigenen Veranstaltungskalender zusammenstellen und haben so jederzeit den Überblick über alle wichtigen Veranstaltungen.

„Make Your Blog an Email Newsletter and Promote it Elsewhere“

Die Einladung, doch regelmäßig das eigene Blog zu besuchen, zieht bei vielen Menschen nicht wirklich. RSS-Feeds und -Reader sind noch unbekannt und der regelmäßige Besuch des Blogs ist unrealistisch. Was aber in der Regel gut funktioniert sind Emails.

Mit der Hilfe von Feedburner können Sie diesen Menschen einen Newsletter anbieten, der aus ihren Blogbeiträgen besteht. Sie legen dort einen Feed Ihres Blogs an und generieren dann in wenigen Schritten einen Link, über den die InteressentInnen Ihren Newsletter abonnieren können. So wie Sie ja auch die Beiträge dieses Blogs mit einer einfachen Anmeldung per Email erhalten können.

„Look Harder, Your Audience Probably is Using Social Media That You Aren’t Aware Of“

Wahrscheinlich hat Kirkpatrick da gar nicht so unrecht. Millionen von Menschen treiben sich tagtäglich auf den diversen Foto- und Videoplattformen herum. Wenn man sie dann aber fragt, ob sie schon jemals Social Media Tools benutzt hätten, erntet man nur ein Kopfschütteln. Aber auf der anderen Seite: suchen Sie mal ein deutschsprachiges Museum, das auf Flickr vertreten ist. Eine vertane Chance.

Gehen Sie auf diese Plattformen und finden Sie dort Menschen, die für Sie als Zielgruppe in Frage kommen. Wie Sie das anstellen sollen? Stellen Sie Fotos von Ihren Projekten online, produzieren Sie kleine Videos und verlinken Sie darauf.

„Use the Internet to Make Yourself Smarter In Real Life“

Marshall Kirkpatrick formuliert es sehr treffend:

„The best way to use social media to reach people who don’t use social media is probably just to use social media to kick more ass. You may be the only person in a meeting that reads blogs (unlikely, really) but that doesn’t have to be what people notice; the fact that you know more, sooner, about your shared interests (as a result of reading blogs) well will be a big help.“

Reden Sie nicht viel über den Einsatz von Social Media, sondern machen Sie einfach. Irgendwann wird man Sie unter Umständen fragen, woher Sie das alles wissen und dann vielleicht das Bedürfnis verspüren, es selbst einmal auszuprobieren.

Schlussfolgerung: Zwei Herangehensweisen bieten sich also an:

  1. Sie erreichen mit Hilfe verschiedener Social Media Tools Menschen, die damit noch gar nichts am Hut haben und haben so die Chance, Sie von Ihren Vorhaben zu überzeugen und um Unterstützung zu bitten.
  2. Sie versuchen, die Vorteile von Social Media auszuschöpfen und wecken dadurch das Interesse der Menschen für das Thema Social Media. Auf diese Weise zeigen Sie nicht nur inhaltliche Kompetenz, sondern bringen den einen oder anderen dazu, diese Tools selbst einmal auszuprobieren.

Und irgendwann ist es dann soweit und Sie können Ihre Fundraising-Kampagne online durchführen, weil der Umgang mit Social Media genauso selbstverständlich geworden ist wie das Zahlen per Internet. Es liegt also an uns, ob das Zukunftsmusik bleibt.

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