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Rainer Glaap: Ist das Abo noch zu retten? (Gastbeitrag & Veranstaltungshinweis)

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Foto von Igor Ovsyannykov auf Unsplash

Im Bereich Subscription Economy haben wir in den letzten Jahren eine interessante Entwicklung erleben können. Während auf der einen Seite die klassischen Abos im Bereich der Tageszeitungen und der kulturellen Angebote (Theater, Konzert, etc.) rückläufig sind, profitieren andere Branchen davon, dass vor allem jüngere Menschen die Flexibilität von Abos schätzen. Ob Streamingplattformen (Netflix, Spotify), Softwaretools (Office 365) oder auch Kleidung, immer mehr Unternehmen springen auf diesen Zug auf. Uns interessieren an dieser Stelle natürlich die Abonnements, die im Kunst- und Kulturbereich angeboten werden. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Es geht abwärts mit diesem über Jahrhunderte bewährten Instrument der Kultureinrichtungen, mit dem Menschen langfristig an das eigene Haus gebunden wurden.

Aber muss das so sein? Ist das Abo noch zu retten? Und warum funktioniert das Abo in manchen Bereichen immer besser, in anderen hingegen immer schlechter? Rainer Glaap führt mit diesem Beitrag in das Thema ein und wird sich am 24. Januar im Treffpunkt Kulturmanagement mit der Zukunft des Abos im Kunst- und Kulturbereich beschäftigen. Wenn Sie über diese Zeilen hinaus mehr über das Thema erfahren wollen, Fragen haben oder mitdiskutieren möchten, laden wir Sie ein, am 24.1. um 9 Uhr mit dabei zu sein. Alle nötigen Informationen finden Sie am Ende des Textes (Christian Henner-Fehr).

Nach landläufiger Meinung und gestützt durch die jährliche Statistik des Deutschen Bühnenvereins seit 1966 (s. Bild) sinken die Zahlen der Theater-Abonnenten seit Jahrzehnten kontinuierlich. In der Saison 2015/16 betrug der Anteil der Karten im Abonnement am Gesamtverkauf lediglich noch 16,8 %, seinem niedrigsten historischen Wert seit 1966:

Grafik: Rainer Glaap

Der Rückgang scheint einem Naturgesetz ähnlich. Magnus Still, ehemaliger Intendant des finnischen Rundfunkorchesters, Berater und Buchautor („Fill every seat every week“) ist vor einigen Jahren angetreten, den Gegenbeweis zu erbringen. Seine Erfolge sind beeindruckend – zuletzt verkündete der Klassik-Konzertveranstalter Frankfurter Museumsgesellschaft, dass zur neuen Saison mehr als 800 Neu-Abonnenten mit seiner Unterstützung gewonnen werden konnten.

Magnus Still‘s Motivation ist, jede Vorstellung auszuverkaufen. Das Platzabonnement ist dazu ein wichtiger Baustein, weil es durch seine Regelmäßigkeit Sicherheit gibt: sowohl finanziell (es sichert frühzeitig Liquidität) als auch künstlerisch, denn ohne Abo würden sich die Menschen nur die Highlights aus dem Spielplan suchen und es bliebe kein Platz für Experimente (von denen es wenig genug gibt, in der Regel sind unter 5 % der Werke bei Symphoniekonzerten jünger als 50 Jahre, selbst Berlioz, ein Mann des 19. Jahrhunderts, gilt vielen noch als Neutöner, der den Konzerterfolg gefährden könne).

Gestützt auf mehrere tausend Interviews mit Abonnenten in mehreren europäischen Ländern stellte Magnus Still die These auf, dass der Versuch, jüngere Menschen für Abonnements zu gewinnen, scheitern muss: Unter 25 seien die Menschen fremdbestimmt (Elternhaus, Schule, Studium) und hätten i. d. R. weder Interesse noch genügend Geld für Abonnements. Zwischen 25 und ca. 60 seien die Menschen mit ihrem beruflichen Fortkommen, Familiengründung etc. beschäftigt – und erst danach seien sie bereit, sich wieder kulturell festzulegen. Das Durchschnittsalter der befragten Abonnenten lag dann auch bei 67 Jahren, der älteste neugewonnene Abonnent war über 80 Jahre alt.

Bei seiner Methode beruft sich Magnus Still auf den Klassiker des Abo-Ratgebers, Danny Newmanns „Subscribe Now!“ von 1983, der für ihn immer noch aktuell ist. Konsequenz ist das Mantra seiner Kampagnen: mehrstufige Mailings auf Papier mit einer Postkarte als Response-Element basierend auf klaren Segmentierungen in jeder Stadt. Preis und Inhalt der Veranstaltungen spielen nach seiner Erfahrung keine so große Rolle (gestützt übrigens durch die Erkenntnisse von Aubrey Bergauer vom California Symphony Orchestra, die in ihren Studien mit jungen Leuten herausgearbeitet hat, dass der Content, also die musikalische Programmierung, nie eine Rolle als Hinderungsgrund gespielt hat). Bei seinen Bemühungen gehe es aber nicht darum, das eine zu tun und das andere zu lassen: Neue Publikumsschichten zu gewinnen, sei nach wie vor superwichtig – nur eben nicht für Abokäufer.

Im Rahmen des Vortrags für den Treffpunkt Kulturmanagement werden auch die typischen Abo-Arten vorgestellt:

  • Platzmiete (auch für gemischte Abos in unterschiedlichen Spielstätten),
  • Scheck-Abo (x aus y) und
  • Wahl-Abo inklusive Tausch- und Zusatzgutscheinen sowie
  • Theatercards

Über Rainer Glaap

Rainer Glaap ist Product Marketing Manager für die Ticketinglösung EVENTIM.Inhouse, die europaweit bei mehr als 400 Kunden im Einsatz ist. Dazu leitet er die Redaktion des neuen ONLINE-Magazins HEADLINER auf eventim.de.

In seiner Freizeit widmet er viel Zeit gleich zwei Theaterfördervereinen und unterrichtet gelegentlich Kulturmanager. Er geht rasend viel ins Theater, in die Oper und in Konzerte. Zur Zeit beschäftigt er sich mit der Aufbereitung eines Theater-Lexikons von 1841, die darin enthaltenen „Theater-Gesetze“ liegen bereits vor (bei Interesse: rainer@glaap.de).

Über den Treffpunkt Kulturmanagement

Der Treffpunkt KulturManagement ist das gemeinsame Onlineformat von Projektkompetenz.euKulturmanagement Network und der stARTconference. Die Teilnahme ist wie immer kostenlos, Sie müssen keine Software installieren, um dabei sein zu können. Es reicht wenn Sie am 24. Januar 2018 um 9 Uhr über diesen Link https://zoom.us/j/651295114 den Onlineraum betreten. Der #kmtreff wird außerdem via Facebook live gestreamt, Sie finden den Link dann am kommenden Mittwoch auf der Facebookseite des Treffpunkt Kulturmanagement.

Update:

Wer am 24.1. keine Zeit hatte, kann sich hier die Aufzeichnung des Treffpunkt Kulturmanagement anschauen:

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Mit NFC die Brücke zwischen echter Welt und virtuellen Inhalten schlagen

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Ich freue mich über diesen Gastbeitrag von Lucia Schöpfer, die für xamoom arbeitet. Das Klagenfurter Startup bietet ein System an, mit dem sich mobile Webseiten erstellen lassen, die mithilfe von NFC Chips und weiteren Zugangstechniken wie beispielsweise iBeacons an Orte und Objekte gebunden werden können. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt das „Projekt Ingeborg„, bei dem – nicht nur – NFC zum Einsatz kommt.

NFC im Kulturbereich

Wissen ist das höchste Gut unserer Gesellschaft. Die Digitalisierung hat zu dieser Entwicklung einen großen Betrag geleistet. Weil wir uns austauschen können, weil wir Informationen teilen können und weil dies in Echtzeit möglich ist, haben wir uns zu einer Informations- und Wissensgesellschaft entwickelt. Auch die Globalisierung trägt dazu bei, denn heute ist es möglich auf Wissen aus aller Welt immer und überall zuzugreifen. Was uns jedoch oft nicht gelingt: Im großen Informationspool ist es oft nicht schwer, Wissen in Kontext zu bringen zu genau dem Problem, mit welche ich mich gerade befasse.

Wissen, Informationen sind verfügbar, aber es fehlt der materielle Bezug zur echten physischen Welt. Diesen herzustellen, die Brücke zu schlagen zwischen echter physischer Welt und virtuellen Inhalten, fällt schwer.

Am Beispiel: Was ist Tempera?

Lassen sie mich die Theorie mit einem Beispiel griffiger machen:
Letzte Woche war ich in der Ausstellung Farbenrausch der Stadtgalerie Klagenfurt. Ich stehe mit einer Freundin vor einer Leinwand von Ernst Ludwig Kirchner und wir wundern uns über die Strukturiertheit der Farbe: Was ist das für eine Farbe und welches Material? Warum hat sie Kirchner verwendet: war sie zeitgemäß zur Jahrhundertwende oder einfach günstig zu haben? Und hat die Wahl des Materials eine Bedeutung? Ein Blick auf das begleitende Namensschild sagt uns, Kirchner verwendete Tempera-Farbe. Aha, und nun?

Den Medienbruch überwinden

Kommen wir zurück zur dahinterliegende Problematik: Ich weiß, dass meine Fragen jemand beantworten kann. Ich weiß, in den Weiten der digitalisierten, globalisierten Welt gibt es Wissen, das mir nun nützlich wäre. Nur wie komme ich genau in dem Moment, genau da wo ich stehe da jetzt ran? Schnell.

Es geht um die Überwindung eines Medienbruchs: Wie können echte physische Objekte und Fragen, die sie umkreisen mit digital vorrätigem Wissen verbunden werden? In diesem Beitrag möchte ich einen Lösungsvorschlag vorstellen: Das Smartphone und ein NFC-Chip.

Ein Lösungsvorschlag: NFC

Near Field Communication (NFC) ist eine in Österreich entwickelte Technik, die kaum jemand kennt, die aber immer wieder für Wow-Momente sorgt. Der kleine NFC-Chip empfängt über eine große Antenne um ihn herum Energie vom darauf gelegten Handy und sendet die in ihm gespeicherte Information (meist eine URL) ans Smartphone zurück. NFC ist in jedes neue Android- und Windowsgerät integriert. Wird das Handy auf einen verlinkten NFC Chip gelegt, öffnet sich eine Webseite.

Weil wir Smartphones und mobiles Internet haben, können wir Wissen überall und jederzeit abrufen. Es braucht jedoch Location Identifier, also Hardware, die den Ort kennen, an dem sie sich befinden. Sie helfen uns dabei, an relevante Informationen zu kommen; genau zu dem Ort, wo wir uns gerade befinden. Der NFC Chip kann als solcher Location Identifier dienen.

Das Startup xamoom zeigt, wie diese Technik als Brücke zwischen realen Objekten und digitalen Informationen dienen kann. Wird das Handy auf den NFC Chip gehalten, öffnet sich eine obile Webseite, die Informationen zum jeweiligen Ort oder Objekt bereithält.

Der Vorteil des NFC-Chips als Location Identifier: Er ist sehr niederschwellig. Besucher brauchen keine App installieren oder ein bereits installiertes Programm öffnen, um an Inhalte zu gelangen.

Museen sollten den Besucher nicht alleine lassen auf der Suche nach Kontext. Die sind die Experten und Wissensressourcen. Anstelle den Besucher selbst googlen zu lassen, können mit NFC Chips vom Kurationsteam passende Inhalte zur Verfügung gestellt werden. Das ist schneller, spezifischer und vermeidet Fehlinformationen.

Der Lakeside Kunstraum, ebenfalls in Klagenfurt, arbeitet in seiner aktuellen Ausstellung mit der NFC Technik. Hier ein Video dazu:

Worauf ist zu achten?

Bitte behalten wir im Hinterkopf: Der NFC Chip ist die Brücke, die Inhalte werden jedoch am Smartphone dargestellt. Es ist nötig, die Informationen für’s Endgerät passend darzustellen. Niemand liest gerne lange Texte am Handy, Videos oder Audio-Files können Inhalte kompakt zusammenfassen. Wir kennen dies schon von Audioguides. Auch die physischen Rahmenbedingungen seien zu beachten: Ein Handybildschirm ist nicht groß. Bilder und Text sollten am Smartphone leserlich sein und gut aussehen.

Vor allem bei größeren Museen sei auch an die Mehrsprachigkeit der Inhalte gedacht, denn je mehr Information über den Namen des Künstlers hinaus gegeben wird, desto mehr sind wir darauf angewiesen, die Sprache zu verstehen.

Wie Mobile-First Content aussehen kann, zeigt das CMS von xamoom. Einfach den QR-Code hier scannen:

QR Code Beispiel

Kunst braucht Kontext

Kunst braucht Kontext! Digitale Inhalte können diesen Kontext liefern, NFC-Chips können den Medienbruch ermöglichen und stumme Objekte zum Sprechen bringen.

Und wie es mit mir und Kirchner ausgegangen? Ich habe dann dank meines Handys und Wikipedia herausgefunden, was Tempera ist. Warum Herr Kirchner genau diese Farbe genutzt hat, weiß ich leider immer noch nicht. Ich würde mich freuen, beim nächsten Mal mehr darüber zu erfahren. Vielleicht via NFC?

Fotos: Georg Holzer

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Martha Damus: Crowdfunding: Projektunterstützung durch die Plattformen, über die Fundingphase hinaus. Ein kurzer Einblick in meine Masterarbeit (Gastbeitrag)

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© PublicDomainPictures ; Pixabay

In meiner Arbeit „Online crowdfunding platforms: Developing concepts for supportive instruments beyond the funding phase.“ (2013) beschäftigte ich mich mit der Verbesserung von reward-based (UnterstützerInnen erhalten materielle oder ideelle, jedoch nicht monetäre Dankeschöns als Gegenleistung für ihre finanzielle Unterstützung eines Projekts.) Crowdfunding-Prozessen durch neue Funktionen auf deutschen Crowdfunding-Plattformen. Auf diese Weise möchte ich dazu beitragen, dass Crowdfunding sich auch hierzulande etabliert und in Zukunft stärker genutzt wird. Ich möchte den Betreibern von Crowdfunding-Plattformen nahe legen, auf die Wünsche und Forderungen ihrer NutzerInnen zu reagieren und die bestehende Vermittler-Rolle hin zu einer stärkeren Unterstützung der ProjektmacherInnen und ProjektunterstützerInnen auszubauen. Mithilfe der von mir ausgearbeiteten sieben Konzepte für neue Plattform-Funktionen können Nutzermotivationen gestärkt und die aktuelle Unzufriedenheit reduziert werden. Mit meinen Vorschlägen versuche ich nicht zu komplexe, zu bürokratische oder zu teure Lösungen anzubieten. Andere, durchaus effizientere Modelle, die etwa auf Strafen und Versicherungen fußen, wären möglich, würden aber auch den individuellen, oft gelobten Charme von Crowdfunding zerstören.

Immer wieder kommen Fragen auf, wie es eigentlich mit der Plattformverantwortung und dem Schutz der NutzerInnen bei gescheiterten Crowdfundingprojekten aussieht!? Was passiert, wenn Projekte ihre versprochenen Dankeschöns nicht (fristgerecht) an die UnterstützerInnen versenden? Warum erfahren die Unterstützenden so oft nichts darüber, was aus den von ihnen mit-finanzierten Projekten geworden ist? Und warum schaffen es einige Projekte – trotz erfolgreicher Finanzierung – nicht, ihre Projektidee auch wirklich zu realisieren? Und wie lässt sich das ändern?

Fragen wie diese und der Fakt, dass unzufriedene NutzerInnen nicht förderlich für die Etablierung des Modells Crowdfunding sind, waren Ausgangspunkte meiner Masterarbeit im Fach „Digitale Medien“ in Bremen und Bremerhaven. Ich habe mich daher mit Nutzermotivationen und existierenden Plattformfunktionen beschäftigt. Wo ich die Motivationen von UnterstützerInnen und ProjektstarterInnen nicht ausreichend unterstützt sah, habe ich Konzepte für neue Plattformfunktionen entwickelt. Diese habe ich mithilfe von Experteninterviews überarbeitet und prototypisch visualisiert.

Eine Annahme, die die Erstellung von Konzepten maßgeblich beeinflusste, war die Zuordnung von Crowdfunding-Plattformen zu sogenannten „Creativity Support Tools“ (nach Ben Shneiderman, 1999 und Kuo/Gerber, 2012). Solche Tools definiere ich in meiner Arbeit als interaktive Onlinesysteme zur Unterstützung kreativer Arbeit. Sie können die Zusammenarbeit mit anderen unterstützen und das Sammeln, Kombinieren und Einbinden verschiedener Ressourcen erleichtern. Somit können mehr innovative Ergebnisse erzielt und diese danach auch besser verbreitet werden. Creativity support tools greifen in verschiedenen Phasen eines kreativen Prozesses: von der anfänglichen Idee über deren Umsetzung, bis zur abschließenden Verbreitung.

In meiner Arbeit komme ich zu dem Schluss, dass auch die Plattformunterstützung sich über mehrere Phasen erstrecken sollte – über die eigentliche Fundingphase hinaus und hinein in die, für die Nutzermotivation wichtigen Phasen der vorangehenden Projektplanung und späteren Projektrealisierung. Die vorgeschlagenen neuen Plattformfunktionen stützen die von mir für diese Arbeit als relevant erachteten Startermotivationen: Lernen, Neugierde, Finanzierung der eigenen Idee, Anerkennung, Bewusstsein für die eigene Arbeit vergrößern, sich mit anderen verbinden/Networking, sowie die Unterstützermotivationen: Neugierde, Unterhaltung, Erhalt einer Gegenleistung, Anerkennung und Verantwortungsübernahme. Um diese Motivationen hinreichend fördern zu können, sollten Plattformen meines Erachtens verschiedene Vorgänge eines Projekts unterstützen, wie z.B. die Ideenfindung und Organisation des eigenen Projekts mithilfe von gut dokumentierten Beispielen vorangegangener Projekte. So können StarterInnen von der Erfahrung früherer Projekte profitieren indem sie ihre eigenen Projekte besser planen und präsentieren.

Unter meinen sieben neuen Konzepten befindet sich folglich der Vorschlag, dass alle Crowdfunding-Projekte, egal ob erfolgreich finanziert oder nicht und erfolgreich umgesetzt oder nicht, online bleiben und für alle NutzerInnen einer Plattform leicht auffindbar sein sollen. Ideal wäre es, wenn alle Projekte unbegrenzt online blieben, doch aufgrund des oft und vehement von StarterInnen geäußerten Wunsches, nicht erfolgreiche Projekte wieder löschen zu können, sollte als Kompromiss wenigstens eine Mindestverfügbarkeit (z.B. 12 Monate) festgelegt werden.

Ein weiteres Konzept sieht vor, dass die Projekte nach Funding- oder Projekt-Ende nicht einfach unverändert online bleiben, sondern die StarterInnen den Verlauf ihres Projektes reflektieren müssen. Dazu können von Plattformseite Reflektionsfragebögen angeboten werden, die dann auf der Projektseite veröffentlich werden. Eine kurze und bündige Projektreflektion schaffte mehr Transparenz und würde nicht nur zukünftigen ProjektmacherInnen den Start erleichtern, sondern beispielsweise auch UnterstützerInnen erklären, warum selbst ein erfolgreich finanziertes Projekt nicht immer wie geplant umgesetzt werden kann. Fehlt eine solche Erklärung kann dies zu Frust und Unverständnis auf Unterstützerseite führen und die Finanzierung von Folgeprojekten unterbinden.

Desweiteren empfehle ich die Einführung eines Fortschrittsbalkens für die Projektrealisierung. Ähnlich dem existierenden Fundingbalken (zu wie viel Prozent ist das Projekt bereits finanziert?) und der Zeitanzeige (wie lange noch bis Fundingende?), sollte ebenfalls auf einen Blick deutlich werden, wie weit das bereits finanzierte Projekt entwickelt ist. Zusammen mit einer aussagekräftigen Dokumentation, schaffte auch dieses Konzept mehr Transparenz für die UnterstützerInnen, die sonst oft nicht genau wissen, was mit ihrem Geld bereits erreicht wurde.

Abb.: Mögliche Darstellung von Projekt-Fortschrittsbalken im Layout der Plattform Startnext.

Detailliertere Beschreibungen, sowie die Herleitung dieser und vier weiterer Konzepte für neue Plattformfunktionen können in meiner Masterarbeit nachgelesen werden. Zudem finden sich dort grafische Visualisierungen für alle Vorschläge.
Eine Publikation der Arbeit über das ikosom (Institut für Kommunikation in sozialen Medien) ist in Planung. Bei Interesse an der Arbeit können Sie sich gerne per Email an mich wenden: m.damus[at]gmx.de

Über Martha Damus:
Sie studierte Kunst und Kommunikationswissenschaft in Greifswald und Digitale Medien in Bremen. Derzeit macht sie künstlerische Animationsfilme, gestaltet Webseiten und anderes und betreibt zusammen mit ihrem Freund Marcus Oesterreich das black egg (auch auf Facebook), ein zum mobilen Kunstraum umgebauter Wohnwagen, der nun von Ort zu Ort reist und junge, v.a. digitale Kunst präsentiert. Das Thema Crowdfunding beschäftigt sie seit einiger Zeit – aus der Perspektive der Kulturschaffenden, die selbst nach Vernetzungs- und Finanzierungsmöglichkeiten sucht, sowie aus der Perspektive der Digitale-Medien-Spezialistin, die sich für neue Phänomene interessiert.

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Stefan Parnreiter-Mathys: Social Media und der Return on Investment, eine Erwiderung (Gastbeitrag)

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© Thorben Wengert ; Pixelio

Vor etwas mehr als einem Monat schrieb ich in einem Blogpost, der Return on Investment (ROI) helfe, den Erfolg der Social Media Aktivitäten zu bewerten. Stimmt nicht, entgegnete mir Stefan Parnreiter-Mathys auf Facebook und nachdem wir im ersten Anlauf auf keinen gemeinsamen Nenner kamen, lud ich ihn ein, einen Gastbeitrag zu diesem Thema zu schreiben. Stefan Parnreiter-Mathys lebt und arbeitet in Wien, war gut zehn Jahre als Kulturarbeiter tätig, studiert derzeit Unternehmensführung und beschäftigt sich in seiner Diplomarbeit mit dem Thema „strategisches Management in Kulturunternehmen“.

Unser gemeinsames Ziel ist es, etwas zu finden, mit dem sich der Erfolg von Social Media Aktivitäten messen lässt. Was nach diesem Artikel kommt, wissen wir beide noch nicht. Vielleicht gibt es noch ganz andere Ansichten dazu oder wir schreiben gemeinsam einen dritten Beitrag dazu. Jetzt möchte ich mich aber erst einmal bei Stefan für die Mühe bedanken, die er sich mit diesem Artikel gemacht hat.

Kann man über den ROI (Return On Investment) den Erfolg von Social Media Aktivitäten bewerten?

Ja, meint Christian Henner-Fehr, nein meint Stefan Parnreiter-Mathys.

Nicht zuletzt in Zeiten knapper Budgets müssen alle Kosten und Aufwendungen (ich spreche bewusst nicht von Investitionen) wohl überlegt sein, sprich Effektivitäts- und Effizienzziele unterstützen und in ihrer Höhe Drittvergleichen standhalten. Egal wie klein oder groß, professionell oder nicht, weitgehend privat oder öffentlich finanziert: Jeder Kulturbetrieb muss wissen, was er tut (Mission), was er in Zukunft tun will (Vision) und wie er das alles zahlen will (Rechnungswesen – und sei es in rudimentärster Form)!

Somit ist der Ansatz, den Erfolg von Social Media (monetär) zu bewerten absolut richtig und wichtig, ob jedoch der ROI die Kennzahl der Wahl ist, ist eine andere Frage.

Die Praxis bietet durchaus Beispiele für die Verwendung des ROI im Social Media Marketing Measurement, siehe z.B. die Altimeter Group Studie zu Social Media Zielen von Unternehmen (siehe dazu: „Study Reveals Top 6 Social Media Goals for 2011„).

Einem Manager Social Media über den ROI zu „verkaufen“ ist gefährlich, weil der Betriebswirt schon anhand des Wordings den Berater leicht aufs Glatteis führen kann und wird – indem er darstellt, dass der ROI eine trotz des richtigen Ansatzes für den vorliegenden Fall falsche Kennzahl ist!

Denn: Der Return On Investment ist eine Unternehmenskennzahl und beschreibt (in der Regel) die Rentabilität (= Verzinsung) des Gesamtkapitals im Unternehmen.

Der ROI dient u.a. dem Vergleich mit Alternativveranlagungen des Kapitals – also, salopp gesagt der Beantwortung der Frage, ob mir mein Unternehmen mehr bringt als das Sparbuch.

Eine Frage, die essentiell für die freie Wirtschaft ist, deren oberstes Ziel die Gewinnmaximierung darstellt. Der Kulturbereich verfolgt andere, meist meritorische Ziele, die Subventionierung nötig machen, womit ohnehin kein positiver ROI im Sinne der BWL zu erwirtschaften ist.

Wird der ROI modern und konkret investitionsbezogen interpretiert und gerechnet, gilt die einfache  Formel ROI = Gewinn / Kosten. Es ist somit der Return der Investition darstellbar, wobei auf die Wahl der Betrachtungsperiode sowie die klare Abgrenzung der Erlöse, die eindeutig der Investition zuordenbar sein müssen, Wert gelegt werden muss. Somit ist ein investitionsbezogener ROI vor allem hinsichtlich seiner Aussagekraft bezogen auf Perioden und Erlöse kritisch zu betrachten.   Schwierig ist auch die Interpretation des in perzentilen ausgedrückten ROI (unser Social Media Auftritt bewirkt einen ROI von 214%….), da er keine Auskunft über absolute Zahlen (Investitionsvolumen) oder Durchrechnungszeiträume gibt – und auch als Investitionskennzahl primär dem Vergleich mit Alternativveranlagungen dient.

Wie aber kann man praktikabel feststellen, ob Kosten und Aufwand für Social Media „Sinn machen“, wirtschaftlich sowie strategisch?

Ich stelle dazu folgende Abfolge von Entscheidungen und Werkzeugen zur Diskussion:

Strategische Sinnhaftigkeit:

Neben bzw. bereits vor den finanzwirtschaftlichen Fragen sind strategische Fragen zu klären. Fundamental umschrieben ist dies der Komplex: „Wo bin ich heute, wo will ich in Zukunft sein?“

Was einfach klingt ist hochkomplex, aber die absolut unverzichtbare Grundlage für jede Entscheidung. Ohne strategische Positionierung kann es keine (sinnvollen) Ziele geben, das heißt es kann keine Effektivität im Tun geben, ohne diese kann es aber auch keine Effizienz geben. Somit ist es ohne strategisches Ziel unsinnig, überhaupt über Investitionen oder die Definition von KPI (Key Performance Indicators) nachzudenken.

Gibt es strategische Ziele (und somit das zuvor geschaffene Bewusstsein über Märkte, Zielgruppen, Produkte, Positionierung usw.) kann geklärt werden, ob Social Media ein geeignetes Werkzeug zu deren Erreichung ist. Einzubeziehen sind in derartige Evaluierungen auf jeden Fall das Marketing und die Vermittlung, idealiter auch die künstlerische Leitung und Finanz wie Controlling.
Helfen Tools des Social Media Marketings die Ziele des Betriebes zu erreichen, ist der nächste Schritt die Prüfung der

Betriebswirtschaftlichen Sinnhaftigkeit:

Betrachtungsgrößen hierbei sind die anfallenden Investitionskosten (Erstellung der Social Media Auftritte, Einmalkosten zu Projektbeginn), die laufenden Kosten (Wartung) und der laufende Aufwand (die Pflege der Inhalte durch die Mitarbeiter). Für Entscheidungsträger in (Kultur)unternehmen bieten sich auf dieser Basis folgende (jeweils stark vereinfachte, weil u.a. Zinsen und Abschreibungen nicht berücksichtigende, aber für die gegebenen Ziele völlig ausreichende) Rechnungen an:

Amortisationsrechnung

Stellt die Frage nach dem Zeitpunkt der Abzahlung der Anschaffungskosten. Wann genau der Amortisationszeitpunkt erreicht wird, ist abhängig von den eindeutig identifizierbaren Erlösen, die aus den Social Media Auftritten resultieren. Eine schwere Übung, wie weiter unten (Erfolgsmessung) kurz dargelegt wird.

Die Formel zur Errechnung des Pay Off lautet:

Amortisationszeit = Anschaffungskosten / Gewinn

Reliabel ist diese Annahme nur, wenn es möglich ist, den Gewinn eindeutig zu identifizieren sowie die Fixkosten für Personal konstant zu halten, also keine neuen Mitarbeiter zur Betreuung der Social Media Aktivitäten einzustellen. Falls doch, sind diese den Anschaffungskosten zuzurechnen, die eindeutig zuordenbaren Gewinne haben dann aber umso größer auszufallen, um einen Pay Off zu ermöglichen – es stellen sich hier somit die selben Probleme wie bei der Berechnung des investitionsbezogenen ROI.

Sehr einfach und absolut seriös kann man zu einer Amortisationsdauer kommen, indem der Gewinn nicht als zusätzlicher Erlös, sondern als die Einsparung durch Social Media (im Vergleich zur klassischen PR) definiert wird. Ein gangbarer Weg, wenn Social Media Aktivitäten klassische Öffentlichkeitsarbeit nicht nur ergänzen, sondern (zum Teil) ersetzen.

„Gewinn“ ist zu erzielen aus der Einsparung bei variablen Kosten, also z.B. Inseraten, Flyern, Plakaten (Grafik, Fotorechte, Druck, Verteilung, Miete Plakatfläche…) – im Falle großer Einsparungen im klassischen Bereich sogar dann noch, wenn die Fixkosten steigen und eigenes Social Media Personal eingestellt wird!

Die Formel zur Errechnung des Pay Off lautet:

Amortisationszeit = Anschaffungskosten / (Kosten klassisch – Kosten Social Media)

wobei:

Kosten klassisch = alle laufenden PR Kosten der klassischen PR Arbeit

Kosten Social Media = alle laufenden PR Kosten unter Berücksichtigung nun geringerer Ausgaben für Druck, Verteilung, Inserate usw.

Im Unterschied zum relationalen ROI erhält man konkrete, absolute Ergebnisse, Entscheidungsträger können ohne weitere Erklärungen einfach ablesen, nach welcher Zeitspanne sich die Investition abbezahlt hat. Aussagen über „Gewinne“ sind nicht ableitbar.

Opportunitätskosten

Opportunitätskosten sind entgangene Gewinne, also stellt sich hier die Frage was es „kostet“ nicht auf Social Media zu setzen. In ganz genauen Zahlen ist dies nicht seriös quantifizierbar – aber Benchmarkingmethoden erlauben zumindest eine grobe Darstellung. Zum Kulturbereich im konkreten sind mir leider keine Forschungsarbeiten bekannt, hingewiesen sei aber auf Zahlen der Altimeter Group (vgl. dazu den folgenden Artikel) und von Ogilvy (vgl. die folgende Präsentation), die darlegen, dass Kunden, die mit Social Media in Kontakt stehen, bis zu 17% mehr Umsatz generieren. (Es sei gestattet, dies erst mal unreflektiert so stehen zu lassen.)

Oder, anders gesagt: Wer auf Social Media verzichtet, verzichtet u.U. auf Umsatzzuwächse im 2-stelligen Prozentbereich – eine deutlich weniger valide Aussage als z.B. der Amortisationszeitpunkt, aber als Selling Proposition in der Beratung von (Kultur)unternehmen sicherlich nicht zu vernachlässigen.

Nach erfolgreicher Investitionsplanung steht der letzte und wohl schwierigste Schritt an, die laufende

Erfolgsmessung:

Das Controlling, sofern vorhanden, zumindest jedoch Geschäftsführung und Buchhaltung, sollten  betriebswirtschaftliche Daten im Auge behalten – wird der Amortisationszeitpunkt wie geplant erreicht? Wenn nein, wie muss man gegensteuern (zu hohe laufende Kosten?).

Und der Rückfluss aus der Investition? Diesen zu messen ist wohl der schwierigste Punkt von allen. Auch wenn es technische Lösungen geben sollte, die genaues Tracking z.B. von Ticketsales zu einer Social Media Landing Page erlauben, auch wenn sich am Ende der Periode quantifizieren lässt, wie viele Kunden in direkter Folge dieser Aktivitäten wie viel Umsatz generiert haben – dies sagt uns noch so gut wie gar nichts, außer dass Kunden online Tickets kaufen, getriggert von Social Media Auftritten.

Erst eine Erfassung der gewonnenen Neukunden und eine Gegenüberstellung der Ergebnisse mehrerer Perioden ohne und mit Social Media Auftritten könnte valide Daten zu den Erlösen, die direkt und ausschließlich auf Social Media zurückzuführen sind, liefern.

Hier aber sind wir schon in Dimensionen des CRM und des Controllings, die in kleinen und mittleren Kulturbetrieben, oft auch in großen, nicht geleistet werden können. Also stellt sich die Sinnfrage: Warum überhaupt Social Media Strategien auf Erlösebene betriebswirtschaftlich argumentieren? Solange Kosten und Aufwände „im Rahmen“ bleiben bzw. durch Ressourcenverschiebung von „klassisch“ zu „2.0“ gar nicht erst steigen und somit das Kostenmanagement funktioniert, solange ist der Einsatz von Social Media „einfach“ eine schwer quantifizierbare strategische Entscheidung. Die aber eine Unmenge an positiven externen Effekten haben kann, die Spielwiese Web 2.0 muss ernst genommen werden, ohne aber scheinökonomische Argumentation ins Feld zu führen. Auf einer relativ abstrakten Ebene, unabhängig von konkreten Zahlen, stellt dies auch IBM  in einer weltweit durchgeführten CEO Studie fest.

„Erfolg steht in engem Zusammenhang mit Offenheit – und diese wiederum spiegelt sich unter anderem im Einsatz von Social Media.“

Da aber nicht zuletzt gegenüber den Fördergebern immer handfest argumentiert werden sollte, darf ich abschließend noch den Versuch unternehmen, doch einfach einige KPIs zu definieren:

  • Anzahl der Freunde bzw. deren Steigerung pro Periode
  • Anzahl der (positiven) Rückmeldungen und Testimonials
  • Anzahl der „likes“ (Digital Affairs meint: „Seit der ComScore/Facebook Studie „The Power of Like 1“ wissen wir bereits, dass die Friends of Fans für eine Marke oft mehr Potenzial für die Neukundengewinnung haben, als die Fans einer Brand Page.“)
  • Anzahl der Clippings in klassischen Medien, die auf Social Media Aktivitäten zurückzuführen sind

… to be continued – eine wunderbare Aufstellung von Social Media Kennzahlen findet sich z.B. im Social Media Monitoring Blog.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass Erfolgsmessung nicht ganz einfach ist, insbesondere wenn hart und auf Basis betriebswirtschaftlicher Kennzahlen gemessen werden soll. Nachzudenken gilt es, ob nicht durch Social Media Einsparungen im Bereich der variablen PR Kosten erzielt werden können, ob die Erfolgsmessung nicht weitgehend qualitativ erfolgen könnte bzw. welchen neuen, dem Medium angepassten KPIs definierbar sind.

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Heinz Koch: Let’s Party (Gastbeitrag)

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© Heinz Koch

Normalerweise beklagen sich kleine Kultureinrichtungen, dass sie zu wenig Ressourcen haben, um Social Media nutzen zu können. Claudia Riese und Heinz Koch, die seit vielen Jahren das private Theater Neu-Ulm leiten, sehen das etwas anders. Gerade haben sie ihr altes Theater verlassen (müssen) und sind nun dabei, sich ein neues Haus zu schaffen. Dabei setzen sie voll auf Social Media und informieren nicht nur in ihrer Facebookgruppe über den aktuellen Stand. Und natürlich über die Abschiedsparty, auf der die Abrissband spielte. Danke an Heinz Koch für sein Plädoyer, warum Theater auf Social Media setzen sollten. Und wer sie beim Bau des neuen Hauses unterstützen möchte, kann sich hier darüber informieren.

© Heinz Koch

Was spricht der Bestsellerautor Paulo Coelho? Das: „Ich habe über acht Millionen Fans auf Facebook, mein Blog lesen zwei Millionen Menschen im Monat. Ich kann dort direkt zu meinen Lesern sprechen.“  Und weiter:  „Einer der wichtigsten Teile im Leben eines Autors ist es, direkt mit seinen Lesern in Kontakt zu treten. Dadurch versteht man sich selbst besser. Es hilft mir als Mensch, nicht nur als Schriftsteller. Gestern habe ich mit einem Freund aus Montenegro gesprochen, der mir von montenegrinischen Legenden erzählte, dann habe ich mit einem Chinesen gechattet. Sie sind meine Freunde, auch wenn ich sie physisch nie getroffen habe. Ich unterhalte mich mit ihnen, ich lerne extrem viel und habe extrem viel Spaß dabei. Es ist, als würde man in eine Bar gehen. Schriftsteller sollten unbedingt in Bars gehen!“

Ich bin kein Schriftsteller, ich bin Theatermacher und Stückeschreiber. Ich gehe in Bars. Eigentlich hab ich kein Wohnzimmer. Ich gehe in Bars. Und ins Büro. Ich habe nur 1.493 Freunde auf Facebook; und wie viele im Monat mein Blog lesen, dürfte im niedrigen zweistelligen Bereich liegen.

Ich finde – wie Paulo – twittern ist Kunst. Und im Gegensatz zu vielen facebookenden Kultureinrichtungen kommt es mir nicht auf das Steigern des Ticketverkaufs an.

Just am letzten Wochenende lief nach 16 Jahren der Mietvertrag für unsere bisherige Spielstätte ab. Das 110 Jahre alte kultige, aber morbide Bauwerk wird abgerissen. Da haben wir ne „Goodbye Konzertsaal“-Party geplant. Der Event wurde auf Facebook annonciert.  Auf die Bekanntgabe des Programms hin meldeten sich drei DJs, eine Band, drei Solomusiker und ein Freund, der für die geplante Jam-Session das Drumset  stellen wollte. Ein Sponsor fand sich für die DJ-Anlage. Dazu konnte jemand gefunden werden, der alte Fotonegative und eine VHS-Kassette digitalisieren konnte. Außerdem konnte ein Trailer zum Fest  geordert, bearbeitet und gepostet werden.

Am Nachmittag verhinderten hochsommerliche Temperaturen, am Abend ein Mords-Unwetter übermäßigen Publikumszuspruch. Gefeiert wurde bis um 5 in der Früh; und die Dank-feedbacks von Aktiven und ZuschauerInnen waren überschwänglich.  Ein solches Fest mit einem solchen Programm wäre in der Kürze der Zeit (14 Tage) ohne Facebook (und das Internet allgemein) niemals zustande gekommen. Auch die Meetings zur Absprache mit den Musikern liefen über ein web 2.0-Portal (Doodle).

Es wird bei uns im Theater im Herbst eine Reihe geben, zu der wir Paulo Coelho zwar nicht werden einladen können, aber so manchen Schriftsteller, der wie wir auf Facebook unterwegs ist. Die Reihe wird heißen „Facebookers live – lesen vis à vis“ (oder so ähnlich).  Es werden Autoren sein, die wir auf und durch Facebook (zur Not auch Twitter) kennen gelernt haben. Und diese Kontakte sind so wertvoll wie die zu Schauspiel-Kolleginnen und –Kollegen, welche bei uns gespielt haben oder möglicherweise spielen werden

Dass wir fast ausschließlich übers net casten, Dateien zwischen Designern und Printern oder Tonstudios hin- und herschieben (Dropbox, Google Drive) und auch sonst jede Menge Infos zum Theatermachen finden, von Stücken über Rezensionen und Reports bis hin zu diversen Theorie-Artikeln  (beispielsweise zum  Thema Kultur- und Kreativwirtschaft) ist nun schon so was von Alltag, dass wir es gar nicht mehr erwähnen.

Theatermachen mit zwei Leuten wäre ohne Facebook & Co (so) gar nicht möglich.

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Birthe Dierks & Lena Mäusezahl: Ein Barcamp bringt Kultur und Wirtschaft miteinander ins Gespräch

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„Harmonische Systeme sind dumme Systeme“ erklärt Professor Peter Kruse in einem Gespräch und weist darauf hin, dass es vor allem die Unterschiedlichkeit ist, die Denkanstöße bewirkt und uns aus so mancher (gedanklichen) Sackgasse führen kann. Genau aus diesem Grund gefällt mir das Dialog! KulturWirtschaft-BarCamp so gut, das am 10./11. Mai als interdisziplinäre Ideenkonferenz im Nordkolleg Rendsburg stattfinden wird und versucht, zwei höchst unterschiedliche Bereiche zusammen zu bringen, nämlich Wirtschaft und Kultur.

Obwohl es mir leider nicht möglich ist, bei diesem BarCamp dabei zu sein, möchte ich trotzdem für diese Veranstaltung die Werbetrommel rühren, denn ich bin der festen Überzeugung, dass Kultur und Wirtschaft viel voneinander lernen und somit von den Ideen und Konzepten der anderen Seite profitieren können. Das BarCamp ist dafür der ideale Ort, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Da ich selbst wenig zu der Veranstaltung sagen kann, habe ich Birthe Dierks und Lena Mäusezahl als Organisatorinnen gebeten, mir ein paar Fragen zu beantworten.

Kulturmanagement Blog: Vorab die Frage: was ist ein BarCamp und wer sind die Veranstalter bzw. Organisatoren des BarCamps in Rendsburg?

Birthe Dierks: BarCamps sind spontane Ideen- und Mitmachkonferenzen für Netzwerker, Kreative, Suchende und Wissende. BarCamps  funktionieren gegenläufig zu gewöhnlichen Tagungen. Das Format ist dialogisch und interaktiv. BarCamps fordern die Mitgestaltung aller und basieren auf Wissens- und Ideentransfer. Auf BarCamps geht es darum, Wissen zu teilen, Ideen zu generieren und Lösungsansätze zu entwickeln und zwar im Kollektiv. Kürzlich erzählte mir meine Schwester von einer Tagung, deren Einführungsvortrag JEDER der Zuhörer hätte selbst halten können. Natürlich hat sie sich sehr darüber geärgert. Das ist verschwendete Zeit und verschwendete Expertise. Genau das kann auf einem BarCamp nicht passieren. BarCamps machen das Wissen der Teilnehmer transparent und zugänglich und finden im Dialog statt.

Lena Mäusezahl: Dirk Mirow, Kanzler der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, hat dazu sehr treffend formuliert: „Die Zeiten langweilig-monotoner Vortragsreihen und passiver Zuhörerschaft sind vorbei. Die BarCamp-Philosophie ist simpel: Nach dem Prinzip der Wissensteilung heißt es hier ‘Bühne frei’ für die Expertise der Teilnehmerschaft. Jeder kann spontan selbst zum Akteur einer ‘Session’ werden. Was zunächst chaotisch klingt, ist interaktiv, erfrischend anders und in der Tat dialogisch. Zudem eignen sich BarCamps hervorragend zum Netzwerken und entwickeln eine tolle Eigendynamik – deshalb ist es auch schon das vierte BarCamp, das wir vom Fachbereich KulturWirtschaft am Nordkolleg Rendsburg veranstalten. Das Nordkolleg Rendsburg ist eine Akademie für kulturelle Bildung. Unser Fachbereich ist aus dem Projekt »Dialog: KulturWirtschaft« entstanden, das vom Zukunftsprogramm Wirtschaft und dem Ministerium für Bildung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein gefördert wird.

Kulturmanagement Blog: Ihr arbeitet schon seit längerer Zeit daran, Kultur und Wirtschaft zusammen zu bringen. Was motiviert Euch und welche Ziele verfolgt Ihr mit Eurer Arbeit?

Lena Mäusezahl: Uns geht es um den Dialog der Disziplinen und darum starke Netzwerke zu schaffen, die die Region nachhaltig stärken. Als Netzwerkerin an der Schnittstelle ist es zunächst erforderlich zu dolmetschen, zu vermitteln und Vorurteile und Barrieren abzubauen. Kultur und Wirtschaft sprechen tatsächlich oft verschiedene Sprachen und reden daher manchmal aneinander vorbei, außerdem haben sie oftmals ein oberflächliches Bild von dem jeweils anderen. Hinter meiner Arbeit steht die Überzeugung, dass Kultur und Wirtschaft starke Partner sein können, wenn sie gemeinsam agieren. Zudem bin ich immer auf der Suche nach neuen Konzepten und Lösungsansätzen für den Dialog.

Birthe Dierks:
Der interdisziplinäre Wissenstransfer zwischen Kultur, Wirtschaft, Kreativwirtschaft, Wissenschaft, Politik etc., den wir auch mit dem BarCamp erzielen möchten, steht im Zentrum unserer Arbeit. Es ist wenig hilfreich, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, insbesondere dann wenn es um gemeinsame Themen wie Regionalentwicklung, Standortattraktivität und Lebensqualität geht. Kultur und Wirtschaft können viel voneinander lernen, gerade in ihrer Unterschiedlichkeit.

Herr Kruse hat Recht, wenn er sagt „harmonische Systeme sind dumme Systeme“. Innovation entsteht durch Reibung, Reflexion, Perspektivwechsel und vor allem im Dialog der Disziplinen oder wie Peter Felixberger schreibt: „Viele Perspektiven zusammen addieren sich zu einem Panoramablick, der viele Dimensionen einschließt. Sind die Blicke sehr ähnlich, ergibt die Summe nur einen Tunnelblick. Entscheidende Faktoren bleiben im Dunkeln. […] Kooperation ist der einzige Ausweg aus der individuellen Beschränktheit.“ Wir sind auf der Suche nach neuen Kooperationsformen und nach einem neuen Miteinander – im Dialog.

Kulturmanagement Blog: Kunst und Kultur treten meist als Bittsteller auf, wenn sie sich an die Wirtschaft wenden. Sind sie wirklich nicht mehr als das oder hat der Kunst- und Kulturbereich mehr zu bieten als „Unterhaltung“ durch Kunst?

Birthe Dierks: Ja, und genau das ist das Problem. Kultur braucht mehr Selbstbewusstsein, ein ausgeprägtes Selbstverständnis und eine konkretere Argumentation. Ich finde es anstrengend, dass es immer noch sehr viele Kulturschaffende gibt, die finden, dass die „böse, reiche Wirtschaft“ die „gute Sache Kultur“ finanzieren soll. Ebenfalls anstrengend ist, dass Kultur das Image eines „Blümchen-Themas“ in der Wirtschaftsszene hat, das lediglich der Unterhaltung dient. Kultur kann mehr. Aber sobald es darum geht, haben Kulturschaffende zu schnell Angst vor Instrumentalisierung.

Lena Mäusezahl: In meinen Beratungsgesprächen sind das zentrale Themen. Wirtschaft fördert Kultur ist in meinen Augen eine Einbahnstraße. Auch Kultur kann Wirtschaft fördern, zum Beispiel durch so genannte künstlerische Interventionen in Unternehmen. Kultur und Wirtschaft endet nicht bei einer gönnerhaften Spende an den lokalen Museumsverein oder bei einer – oftmals schlecht bezahlten – musikalischen Einlage als Sahnehäubchen einer Unternehmensfeier. Kultur und Wirtschaft beginnt für mich da, wo sich beide durch ihre Unterschiedlichkeit bereichern. Kultur und Wirtschaft sind starke Partner, aber dafür braucht es gute Konzepte, Offenheit und Raum zum Ausprobieren.

Kulturmanagement Blog: Was muss passieren, damit sich Kultur und Wirtschaft auf Augenhöhe begegnen und auf nachhaltige Weise voneinander profitieren?

Lena Mäusezahl: Wie gesagt: Es braucht gute Konzepte, aber auch den Willen gemeinsam neue Wege zu beschreiten. Kultur darf selbstbewusster sein und sollte in der Gestaltung der Angebote für die Wirtschaft genauso kreativ sein, wie in ihrer alltäglichen künstlerischen Arbeit. Außerdem kann Kultur von Wirtschaft im Bereich Kulturmanagement viel lernen und sich inspirieren lassen. Wirtschaft könnte noch mehr Vertrauen in den Wert kultureller Arbeit haben. Künstlerische Methoden können Ansätze für aktuelle unternehmerische „Baustellen“ liefern. Hiermit meine ich, dass im gemeinsamen Prozess beispielsweise Antworten und Methoden für unternehmerische Herausforderungen gefunden werden können: Standortattraktivität, Fachkräftemangel, Personalentwicklung und –bindung, aber auch Bereiche der Unternehmenskultur, interne und externe Unternehmenskommunikation. Ja, Vertrauen und Empathie sind gefragt und der Spaß an der Unterschiedlichkeit. Am Anfang steht dabei immer der Dialog und den kurbeln wir mit unserem BarCamp an.

Birthe Dierks: Es braucht vor allem gemeinsame Zielebenen und die Bereitschaft, etwas Neues zu wagen. Kulturschaffende und Wirtschaftsakteure sollten über den Tellerrand des eigenen Systems blicken. Die Fragestellung: „Was will ich von Dir haben?“ führt in die falsche Richtung. Die Fragen sollten lauten: „Was kann ich Dir bieten?“ und „Was können wir gemeinsam tun?“

Kulturmanagement Blog: Noch einmal zurück zum BarCamp. Wann und wo findet es genau statt, welche Inhalte sind schon bekannt und was kostet die Teilnahme?

Birthe Dierks: Das BarCamp findet am 10. & 11. Mai am Nordkolleg Rendsburg statt. Ein Ticket inklusive Vollverpflegung kostet 80 Euro, Studenten zahlen die Hälfte. Die einzelnen Sessioninhalte werden erst vor Ort, gemeinsam mit den Teilnehmern entwickelt. Aber neben der offenen BarCamp-Bühne gibt es auch ein vorab festgelegtes Abendprogramm.

Lena Mäusezahl: Ja, genau. Am Abend des 10. Mai gibt es – entgegen der BarCampmanier – nur eine offene BarCamp-Session und zwei feste Programmpunkte: Friederike von Reden vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI hält einen Vortrag zum Thema „Unternehmerische Kulturförderung zahlt sich aus“ und in einem Interview berichten der Unternehmer Clemens Kreyenberg und sein Innovationsassistent Till Kemlein unter dem Titel „Innovationskraft durch Wissenstransfer“ von ihren Erfahrungen. Ein Abendticket kostet 30 Euro. Studenten zahlen 20 Euro. Außerdem gibt es ein Konzert mit Cyrus & Jones und viel Platz zum Netzwerken.

Kulturmanagement Blog: Danke für Eure Antworten und viel Spaß beim BarCamp!

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Caspar Lösche: Eine Ohrfeige für Negerjungen oder 19 Löwen, 5 Plattformen und 3 Monate (Gastbeitrag)

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Beim Thema Storytelling oder gar Transmedia Storytelling winken viele Kunst- und Kultureinrichtungen ab, da das ihrer Ansicht nach nichts für sie ist. Meist verbinden wir damit das Zusammenspiel von Film und Videospielen, Theater oder Museen scheinen in solchen Konzepten keinen Platz zu haben. Und dann ist das natürlich alles zu teuer und zu aufwendig. Caspar Lösche hat mit einem kleinen, aber feinen Projekt gezeigt, dass sich Transmedia Storytelling sehr gut mit dem Theater verträgt. Ich habe sein Projekt „VvonWatt“ schon seit einiger Zeit verfolgt und fand seine Präsentation auf dem stARTcamp in München beeindruckend. Nicht nur wegen der Idee und der Art und Weise, wie er das Projekt praktisch alleine umgesetzt hat, sondern weil er auch den Blick hinter die Kulissen erlaubte. Umso mehr freue ich mich, dass Caspar Lösche daraus nun auch ein Blogpost gemacht hat, das ich hier veröffentlichen darf. Danke Caspar für das Projekt und Deinen Beitrag!

Eine Ohrfeige für Negerjungen oder

19 Löwen, 5 Plattformen und 3 Monate

In diesem Gastbeitrag fasse ich meine Erfahrungen und meine „Learnings“ aus dem Transmedia Projekt „VvonWatt“ zusammen. Mehr über die Planung und Umsetzung des Projekts habe ich bereits hier im Rahmen der MUSEO Blogparade erläutert.

Das Projekt:
Vivienne von Wattenwyl, eine Berner Abenteuerin (1900 – 1957) reiste 1923/24 mit ihrem Vater Bernhard „Brovie“ von Wattenwyl nach Kenia zur Grosswildjagd. Die erlegten Tiere schenkten die Beiden dem Naturhistorischen Museum Bern, wo sie noch heute ausgestellt sind. Brovies Leidenschaft war die Löwenjagd, der neunzehnte Löwe, den er schiesst, verletzt ihn tödlich. Vivienne übernimmt die Expedition und führt sie erfolgreich zu Ende. (mehr Infos zu Vivienne im PDF.)
Auf dieser Basis entstand am Stadttheater Bern die  Tanzproduktion „
Lions, Tigers, and Women…“. Ich entwickelte dafür ein Transmedia Projekt. Vivienne berichtete „live“ via Twitter und Blog von Ihrer Reise. Weitere Plattformen und drei verschiedene Postkarten umrahmten die Geschichte.

Zuerst ein Blick zurück auf die Ziele, die ich mir zu Beginn gesetzt hatte:

  • Einen (inhaltlichen) Rahmen für die Tanzproduktion „Lions, Tigers, and Women…“ schaffen.
  • Viviennes Welt über viele verschiedene Touchpoints live erlebbar und interaktiv machen.
  • Aufmerksamkeit erregen über die „üblichen Verdächtigen“ hinaus.
  • Einen Showcase für Social Media Nutzung im Theater kreieren.

Ich hatte mir auch selbst Kennzahlen (z.B. 500 Blogviews im Monat & einige hundert Twitterfollower) gesetzt, die ich gerne erreichen wollte, habe diese aber bewusst aus den Zielen ausgeklammert. Hier also erst einmal die Zahlen:

Das Projekt lief online vom 24. Januar bis zum 24. April, also genau 3 Monate.

In der Zeit verschickte Vivienne 239 Tweets  und schrieb 18 Blogposts. Ihre Followerzahl wuchs kontinuierlich auf 154 Follower und Ihre Posts wurden über 2000-mal angesehen. VvonWatt wurde 129-mal in RTs oder Mentions erwähnt, 59 davon vom Stadttheater oder mir.

Auffällig: keine Tweets = kein Followerzuwachs & stARTcamp Besuch (21.April) hilft!

Auf Pinterest pinnte ich 76 Bilder für 21 Follower, darunter 17 Originalbilder von Vivienne. Storify brachte die gesamte Story zusammen und versammelte Tweets, Twittermentions, Artikel, Videos, etc. in 297 Zitaten, 34 Bildern, 6 Videos und 58 eingebetten Elementen. Die Vivienne-Story brachte es auf 1245 Views, davon 915 eingebettet auf der Extraseite im WordPressblog des Stadttheaters. Auf der Facebookseite des Stadttheaters nahmen (bisher, die Verlosung läuft noch bis zum 12.06.) über 50 Personen teil. Es wurden 3x 1500 Postkarten gedruckt und in ganz Bern verteilt.

„Dann hast du das alles für nur 150 Leute gemacht?“

Diese (teilweise berechtigte) Frage kam auf, als ich das Projekt am stARTcamp München vorstellte und bei den Followerzahlen auf Twitter angelangt war. Klar ging es mir auch darum, viele potenzielle Zuschauer und Interessierte zu erreichen, und ich habe diese Produktion auch nach den Vorgaben ausgesucht, ein potentiell grosses Publikum erreichen zu können. Aber ich war mir von vorneherein darüber im Klaren, dass ich an Follower-Zahlen wie z.B. die eines Joseph von Nazareth niemals herankommen würde. Bern ist klein und die Ausstrahlung des Stadttheaters geht nicht weit über die Region hinaus. Dazu ist Twitter in der Schweiz immer noch nicht richtig angekommen. (Danke an Axel Vogelsang für diesen und viele weitere Inputs).

Allerdings spiegelt die Followerzahl nicht immer die korrekte Reichweite von Twitter wider:

Laut Tweetreach erreichte VvonWatt 14,676 Konten in 5 Tagen. (Tage des stARTcamp und der Aufbruch2.0 Konferenz)

Doch um die Zahlen soll es hier nur am Rande gehen: Ich wollte einen Case schaffen, der zeigte, was Social Media für eine Kulturinstitution wie ein Theater alles leisten kann. Im Hinterkopf war dabei auch die interne Kommunikation. Ausserdem war es auch mein persönliches Ziel in dieser Spielzeit, eine Produktion so komplett wie möglich mit einem Social Media Projekt zu begleiten. Mit „VvonWatt“ konnte ich auf einer Vielzahl von Plattformen einen einheitlichen und doch jeweils angepassten Auftritt erschaffen. So konnten potenzielle Zuschauer auf ihrer eigenen „Lieblings-Plattform“ mit Vivienne in Kontakt treten ohne ihre Comfort-Zone verlassen zu müssen. Wer mit Twitter nicht klar kommt, der liest vielleicht den Blog; wer lange Texte nicht mag, schaut sich Fotos auf Pinterest an; und wer einfach nur ins Theater möchte, nimmt am Gewinnspiel auf Facebook teil. Und alle Berührungspunkte bieten einen leichten und unkomplizierten Einstieg in die Geschichte der Vivienne von Wattenwyl.

Und unabhängig davon: Ja, ich hätte es auch für „nur“ 150 Leute gemacht. Wenn es mir mit diesem Projekt gelungen ist, einen Bruchteil der Twitterfollower oder Blogleser enger an das Haus zu binden oder überhaupt (wieder) auf das Theater aufmerksam zu machen, kann ich zufrieden sein.

Vielleicht fühlten sie sich einfach gut unterhalten:

Was hat gut funktioniert?

  • Eine Säule meiner Arbeit war bei diesem Projekt Hootsuite (Free Version). Hier konnte ich alle Tweets direkt für den passenden Zeitpunkt planen. Dadurch konnte Vivienne trotz meiner 50% Stelle (2 ½ feste Tage in der Woche) auch am Wochenende jagen gehen.
  • Für die Planung war der Redaktionsplan unerlässlich, in dem ich alle Tweets, Blogeinträge, Orte, getöteten Tiere und Bilder bereits vorgängig eintrug und so immer die Übersicht behalten konnte.

Screenshot des Redaktionsplans (aus der Präsentation vom stARTcamp München)

  • Zu meiner Lieblingsplattform entwickelte sich immer mehr Storify. Hier kommt die gesamte Geschichte zusammen, angereichert mit weiteren Informationen, verwandten Themen, Reaktionen und Hintergründen. So entsteht wieder etwas Neues. Und die äusserst nützliche „notify“ Funktion bindet die Urheber zitierter Tweets erneut in die Geschichte ein.
  • Wir realisierten das gesamte Projekt (mit Ausnahme der Postkarten) ohne Budget. All Online  Plattformen waren und sind kostenlos. Nur meine Arbeitszeit wurde investiert (und die unserer Polygraphin).
  • Die vorgängig angesprochenen Influencer fungierten als Multiplikatoren und brachten immer wieder den Dialog in Gang.
  • Einen richtigen Return of Investment zu messen, war ich glücklicherweise nicht verpflichtet und wäre mir technisch auch nicht ohne weiteres möglich gewesen. Was ich messen konnte,  waren z.B. die von einer VvonWatt Plattform verwiesenen Besucher auf stadttheaterbern.ch, welche sich als sehr lesefreudig und interessiert herausstellten. Sie verweilten meist länger auf der Webseite als der durchschnittliche Besucher und sahen sich auch mehr Seiten pro Besuch an.

Durchschnittliche Besuchsdauer von Besuchern, „verwiesen“ von vvonwatt.blogspot.com

Was hat nicht so gut funktioniert?

  • Die oben erwähnten Influencer hätten zahlreicher sein können. Besonders für die Region Bern hätte ich noch gezielter ansprechen können. Hier fehlte einfach die Zeit, um diese ausfindig zu machen. (z.B über Klout)
  • Das Projekt war eigentlich etwas länger angelegt. Der Tod von Viviennes Vater hätte als Klimax perfekter auf den Premieren Tag gepasst, als die Erlegung eines Elefanten.
  • Ein zukünftiges Projekt würde ich enger mit der Produktion verknüpfen und im Haus verankern. Auch inhaltlich könnte so ein noch effektiverer Spannungsbogen und ein grösseres Involvement erzeugt werden, z.B. indem die Follower einen kleinen Aspekt der Geschichte/Produktion verändern oder mitbestimmen können und dies später in der Aufführung zu sehen ist.
  • Für das Monitoring zur späteren Evaluation sollte man etwas Geld in die Hand nehmen. Eine Plattform auf der ich alle Zahlen zusammenfassen und leicht ablesen konnte, fehlte mir sehr (alles zum Monitoring gibt es bei Frank Tentler nachzulesen).
  • Nachhaltigkeit für den Social Media Auftritt konnte ich leider nicht leisten. Da meine Stelle für die nächste Spielzeit gestrichen wurde, konnte ich in meiner Planung nicht strategisch einzelne Kanäle auf-, aus- oder umbauen.
  • Pinterest kam erst sehr kurzfristig als Plattform dazu. Es muss wie Storify manuell bedient werden. Bei der Menge an Inhalten wurde es zur Herausforderung, diese Plattformen aktuell zu halten. Allerdings sind beide geniale Kuratierungs-tools, ideal einzusetzen um eine Storyworld lebendig zu machen, externen Kontent in Bezug zu setzen und Gespräche auf Twitter darzustellen (Storify).

Ich habe in der Themenauswahl auch auf kontroverse Themen gesetzt (Kolonialismus, latenter Rassismus, Töten von Tieren, etc.)

Tweet von VvonWatt

Dies auch ganz bewusst und mit der Absicht, Reaktionen hervorzurufen. Die Gefahr eines Shitstorms bestand meiner Ansicht nach nahezu nicht. Da ein Theater sowieso oft kontroverse Themen besetzt, ist das Publikum auch generell etwas aufgeschlossener. Durch ein sehr enges Monitoring (mobile App Hootsuite, Twitter, RSS Feeds des Blogs, Google Alerts) hätte ich umgehend reagieren können. (Danke an Helge David für diesen Input).

Wenn Zeit und Geld…

Es wäre noch einiges möglich gewesen. So hätten wir z.B. für das Naturhistorische Museum die Facebook Chronik mit Viviennes Geschichte aufbauen können, zeitgleich zum Projekt. Ein idealer Startpunkt, für ein Engagement auf der Plattform.

Das Naturhistorische Museum Bern auf Facebook

Lange überlegte ich auch, eine Löwen- (read. Schnitzel-) Jagd durch Bern zu veranstalten. Mit einer passenden App hätten die Berner 19 Löwen jagen können. Tolle Verknüpfung von offline und online, ideale Kooperationsmöglichkeiten in der Region und ein schönes „gamification“-Element, welches sicherlich weiteres Engagement gebracht hätte.

Viele tolle Möglichkeiten…!

Fazit

Ich bin mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Ich hatte viel Spass und habe sehr viel gelernt. Die Tanzproduktion läuft noch bis Ende Juni und die Zuschauerzahlen sind vielversprechend. Einiges würde ich beim nächsten Mal anders machen, und doch hätte es diesmal nicht anders laufen sollen.

Meine Ziele habe ich erreicht: Der inhaltliche Rahmen verstärkte das Erlebnis der Tanzproduktion, Vivienne trat in Dialog mit vielen verschiedenen Menschen aus Bern, der Region und der ganzen Welt (habe ich diesen Blog erwähnt?). Eine Pendlerzeitung (gratis) nahm das Thema prominent auf und sorgte so für Aufmerksamkeit bei Jugendlichen und Berufstätigen. Ich konnte das Projekt beim stARTcamp vorstellen und die Aufnahme war äusserst positiv.

Mein Dank geht an die Teilnehmer und Organisatoren des stARTcamp München, die mir sehr viel Input für diese und zukünftige Arbeiten gegeben haben. Zu guter letzt ein Dank an das Stadttheater, das mir die die Freiheit gegeben hat, dieses Projekt durchführen zu können. #loewe19

Caspar Lösche (Twitter) (Xing)

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Frank Koebsch: kennen Sie Netzkunst? (Gastbeitrag)

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Erst in meinem letzten Beitrag habe ich über den mühsamen Weg zum erfolgreichen Blog geschrieben und darin gezeigt, dass auch Nischenthemen die Chance bieten, sich zu profilieren. Wie sich so eine Nische mit Erfolg besetzen lässt, zeigt der Maler Frank Koebsch, der schon seit längerer Zeit das Blog „Bilder, Aquarelle vom Meer & mehr“ betreibt und immer wieder durch seine Netzaktivtäten auffällt. Nach längerer Zeit hat er mir wieder einen Beitrag zur Verfügung gestellt, in dem er sehr anschaulich schildert, wie er das Social Web nutzt und die Anbindung an die klassischen Kommunikationskanäle herstellt. Ich freue mich über Franks Beitrag und bedanke mich, ihn hier veröffentlichen zu dürfen.

Kunst im Netz oder die Kunst der Vernetzung

Ich möchte Ihnen ein Projekt vorstellen, dessen Idee vor über sechs Monaten im Internet geboren wurde und das auch in den nächsten 12 Monaten noch im Netz zu finden ist. Erwarten Sie bitte keinen Artikel über avantgardistische Kunst. Es handelt sich nicht Netzkunst. Unser Projekt ist etwas „scheinbar Profanes“ wie Zeichnungen und Bilder von Sternzeichen. Wenn Sie bei dem Begriff Tierkreiszeichen an Astrologie und Horoskope denken, werden wir diese Erwartungen nicht erfüllen können. Was diesen Artikel vielleicht lesenswert macht, ist die Schilderung der Art und Weise, wie die Möglichkeiten der Arbeit im Netz und der realen Welt mit einander verknüpft werden können, um ein Projekt erfolgreich zu machen.

Der Start begann mit ein paar Posts auf Facebook. Susanne Haun gefiel die Zeichnung eines Widder von Sven Brauer. Beide verabredeten den Tausch dieses Widders gegen eine Zeichnung eines Löwen von Susanne Haun.  Die meisten Menschen kennen das Sternbild, in dem sie geboren wurden, egal ob sie an die Sterne glauben oder mit beiden Beinen in Leben stehen. So entstand die Idee, sich gemeinsam mit anderen Künstlern den Sternzeichen spielerisch zu widmen. Was sich über mehrere Monate Diskussion im Netz, per Mails, Telefon und persönliche Treffen heraus kristallisierte, war das Projekt Faszination Sternzeichen. Kerstin Mempel (Kiel), Petra Rau (Taunus / Hessen), Susanne Haun (Berlin) und Frank Koebsch (Sanitz bei Rostock) arbeiten als darstellende Künstler mit dem Hamburger Unternehmer und Galeristen Karsten Peters zusammen. Während der Diskussion wuchs der Wunsch nicht eine, sondern eine Reihe von Ausstellungen mit den entstandenen Bildern und Zeichnungen zu realisieren und die Arbeiten in einem Katalog oder Buch und dem Web zu zeigen. In Zusammenarbeit mit dem Verleger Daniel Büchner und Annette Pehnt als Autorin  aus Freiburg i.Br. konnten wir ein Sternzeichen Buch realisieren. Das Buch beinhaltet eine Auswahl der Zeichnungen und Bilder sowie kleine Geschichten und Texte zu den Sternzeichen von Annette Pehnt.  Es ist ein wunderschönes Kunstbuch entstanden, genau das richtige zum Blättern und Stöbern an langen Abenden, denn jeder der beteiligten Künstler nähert sich den Sternzeichen auf seine eigene persönliche Art und Weise.

Anette Pehnt sagte dazu sehr charakteristisch in einem Interview:

„Das Thema fand ich zunächst nicht einfach, denn ich bin astrologisch ahnungslos und halte meinen Blick beim Schreiben eher in der Horizontale. Aber da waren diese tollen Bilder, viel lebendiger und auch phantastischer, als ich dachte. Beim Schreiben habe ich mit den Bildern gearbeitet und frei assoziiert, weniger sternenkundlich als vielmehr bildlich-imaginierend: Was ist das Jungfernhafte, wie fühlt sich ein Fisch im Schwarm, wie wäre es, wenn der Geliebte ein Wassermann wäre?“

Aber was nutzen die besten Zeichnungen und Bilder, ein tolles Buch und eine Ausstellungsreihe, wenn nicht ein entsprechendes Marketing realisiert werden kann, um den Erfolg unseres Projektes abzusichern. Die Projektbeteiligten sind über ganz Deutschland verteilt. Also lag der Gedanke nahe, dass jeder Beteiligte sein persönliches Netzwerk vor Ort aktiviert und unser Projekt und das Buch vorstellt. Parallel dazu wurde in dem Blog http://faszinationsternzeichen.wordpress.com/ die Vorstellung des Projektes, des Buches, der Zeichnungen und Bilder im Web realisiert. Auf diesem Blog werden auch die kommenden Veranstaltungen angekündigt. Gleichzeitig wird über die einzelnen Events berichtet.

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, wurde passend dazu eine eigene Facebook Seite aufgebaut und über Twitter berichtet. Basierend auf den positiven Erfahrungen zu den Blogparaden als Marketinginstrument für die Bildende Kunst haben wir unser damaliges Netzwerk im Sinne eines Empfehlungsmanagement aktiviert. Ergänzt wurde dieses durch die Zusammenarbeit mit der Fa. Hahnemühle, die in ihrem Hahnemühle Traditional FineArt Newsletter 11/2011 auf unser Projekt aufmerksam machte.

Diese Aktivitäten im Web wurden durch klassische Pressearbeit begleitet. Im ersten Schritt konnten wir für eine deutschlandweite Kommunikation die Zeitschrift atelier – Die Fachzeitschrift für Künstlerinnen und Künstler für einen Artikel über unser Projekt gewinnen.

Zum Herausgabetermin unseres Buches war unser Projekt also schon bekannt. Auf der Basis dieser Kommunikation können wir jetzt gezielt für die einzelnen lokalen Veranstaltungen, wie Buchvorstellungen, Teilnahme an Kunstmärkten, Tage der offenen Ateliers u.a. sowie die folgenden Ausstellungen die Presse und die Menschen direkt ansprechen. Wenn es uns gelingt, die Menschen im Süden mit unseren Berichten aus dem Norden neugierig zu machen und umgekehrt, wird sich unsere Arbeit auszahlen. Einige weitere Dinge sind noch geplant.

Wenn Sie diesen kleinen Artikel gelesen, werden Sie sicher sagen, ein ganz profanes Thema, kein neuer und avantgardistischer Ansatz. Ganz richtig. Wir nutzen nur konsequent eine Vielzahl von aufeinander abgestimmten Aktivitäten in der realen Welt und dem Internet, damit unser Projekt Faszination Sternzeichen unter einen guten Stern steht. Für uns ist dieses eine kleine Erfolgsstory für die Verknüpfung eines Projektes in der realen Welt mit den Möglichkeiten des Social Web. (Natürlich nur, weil wir die Dinge alleine in die Hand nehmen und nicht auf unsere Horoskope angewiesen sein wollen. ;-)) Der besondere Reiz für alle Beteiligten liegt daran, dass sie mit diesem Vorgehen, die Chance haben ihr Netzwerk und ihre Kundenbasis über ihre Region hinaus bekannt zu machen.

Wie realisieren Sie Ihr Marketing zur Absicherung Ihrer Projekte? Was machen Sie anders? Über einen regen Austausch zur Kunst im Netz würden wir uns sehr freuen.

Über den Autor: Frank Koebsch ist leidenschaftlicher Aquarellmaler und Blogger. Er ist in Mecklenburg – Vorpommern zuhause, wo er sich die Anregungen für seine Bilder holt. Beruflich hat er über 20 Jahre für Siemens in den Bereichen Vertrieb, Consulting, Business Development gearbeitet und versucht im Rahmen seiner heutigen Tätigkeit, sein Wissen und die Erfahrungen aus den Bereichen Projektarbeit, Marketing, Business Development, Social Media in die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern einzubringen.

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Stefan Lau: Was ist aus dem Karneval der Kulturen geworden? (Gastbeitrag)

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Fotograf: Michael Flascha; Dieses Foto steht unter einer CC-Lizenz

1996 zog zum ersten Mal die bunte Karawane durch die Straßen Berlin – Kreuzbergs, die von ca. 50.000 Zuschauern bestaunt wurden. Die Grundidee war, der besonders in Berlin sichtbaren immer stärker werdenden Internationalität Rechnung zu tragen und den Menschen aus verschiedenen Kulturen und Erdteilen die Möglichkeit zu bieten, ihr Land und ihre Kultur zu präsentieren, sich musikalisch und tänzerisch auszudrücken. Damit sollte der Respekt und die Toleranz untereinander und miteinander gefördert und zugleich eine Plattform geboten werden, wo sich Berliner aller Nationalitäten begegnen um miteinander zu feiern, sich auszutauschen und Kulturtransfer zu ermöglichen.

2002 konnte ich das erste Mal dabei sein und in der Percussiongruppe La Forêt Sacrée, die von Rale Dominique für den Karneval der Kulturen in Berlin gegründet und aus ca. 20 – 30 Trommlern, Tänzer und Maskenträger bestand, mitspielen und das Gänsehautfeeling erleben, was man hat, wenn man musizierend durch die Straßen voller begeisterter Menschen läuft.

Nach einigen Jahren Pause wurde ich dann eingeladen bei der Percussiongruppe Furioso mitzuspielen und eine Tanzgruppe, bestehend aus Bauchtänzern und Cheerleedern zu begleiten. Das hat allen Beteiligten Spaß gemacht, besonders auch den beteiligten Kindern und Jugendlichen. Zwei Jahre später fuhren wir auf einem Wagen, der in unseren Spielpausen Technomusik spielte. Die Lautstärke blies uns fast das Gehirn raus, doch was uns viel mehr überraschte, dass sich das Publikum mehr für die Technomusik begeisterte und wir Trommler uns eher als schmückendes Beiwerk fühlten.

Eigentlich war der Karneval damit für mich „gegessen“, ich hatte keine Lust mehr darauf. Ich sah Leute die hinter einem Wagen mit Elektromusik, mit über dem Kopf gezogenen Unterhosen dazu tanzten. Da wusste ich, dass das nicht mehr meine Veranstaltung war. Doch dann sah ich dass die Gruppe Afoxè Loni noch Mitspieler für den Karneval sucht. Ich habe die Gruppe immer schon bestaunt, wie sie in einem Meer aus Weißgelb den Karneval anführt und mit ihren brasilianischen und religiös geprägten Rhythmen die Zuschauer in ihren Bann zieht.

Im Percussion Art Center, einem Kulturzentrum in dem international bekannte Percussionisten verkehren, CDs aufnehmen, Workshops und Trommelkurse abhalten nahm ich erneut Trommelunterricht, lernte die Timba zu spielen und studierte die Rhythmen von Afoxé Loni ein. Im PAC fanden auch die Proben und die Vorbereitung für den Karneval statt, mit teilweise bis zu 80 Trommlern. Die Energie, Begeisterung, Kompetenz und die Ausstrahlung von Dudu Tucci, Krista Zeissig und Murah Soares rissen mich mit! Ich war wieder drin, im Karnevalfieber!

Doch während ich so auf der Euphoriewelle schwamm erfuhr ich, dass die Gruppe nach 15 Jahren zum letzten Mal beim Karneval teilnehmen sollte. Die Organisatoren waren einfach am Ende ihrer Kräfte, ausgelaugt und fühlten sich ausgenutzt. Finanziell war das ganze nicht mehr zu schaffen, nach dem Karneval blieben oft noch Schulden übrig. In einem offenen Brief, der an alle Medien ging erläuterte die Gruppe warum sie aus dem Karneval aussteigt und klagt an! Der Brief ist hier zu lesen.

Das machte mich sehr traurig da ich gerade diese unglaubliche Energie spüren durfte die von dieser Gruppe ausging. Dadurch bekam der Karneval noch mal eine ganz besondere Note, eine Mischung aus Begeisterung, Enttäuschung, Wut und Traurigkeit machte sich breit. Doch alle Teilnehmer gaben noch mal alles und zum Schluss flossen bei einigen, die zum Teil schon seit Beginn, vor 15 Jahren, dabei waren, einige Tränen. Einige der Organisatoren waren danach krank oder mussten sich wochenlang erholen. Zu groß ist einfach die Belastung die sich auf wenige Schultern verteilte.

Fotograf: Michael Flascha; Dieses Foto steht unter einer CC-Lizenz

Sollte es das wirklich gewesen sein? Afoxé Loni ist nicht die einzige Gruppe die sich den Karneval nicht mehr leisten kann und es werden weitere folgen. Soll der Karneval der Kulturen zu einer Massenveranstaltung werden bei dem es nur darum geht möglichst viel Touristen und Berliner auf die Straße zu locken damit die Geschäfte guten Umsatz machen? Masse statt Klasse? Elektronische Musik statt Folklore?

Ich möchte mich nicht damit abfinden! Doch was könnte man tun? Zum einen diesen Artikel möglichst weit verbreiten damit sich immer mehr Menschen darüber Gedanken machen. Es gab bereits einige Anregungen wie man das Ganze wieder in seine ursprüngliche Bahn zurückbringen könnte.

Was mir gut gefiel:

  • den K.D.K. neu organisieren, z.B. das Tempelhofer Feld dafür nutzen und Eintritt nehmen um das Ganze besser finanzieren zu können. Vielleicht kämen dann ‚nur’ noch 500.000 Zuschauer statt einer Million, aber sie bekämen dann auch etwas ganz Anderes geboten.
  • Sponsoren finden die die Veranstaltung großzügig unterstützen. Finanzelle Unterstützung sollte es den Gruppen ermöglichen wieder teilzunehmen, indem sie die Organisation auch auf Mitarbeiter delegieren können.
  • Eine Kommission, zu der auch die Organisatoren der großen etablierten Gruppen gehören, könnten eine Vorauswahl treffen und nur Gruppen zulassen die wirklich ein Programm liefern das den Grundgedanken des Karnevals unterstützt. Lieber 60 Gruppen als 160, dafür aber bunt, interkulturell, mit Niveau!
  • Die verschiedensten Kulturzentren in Berlin noch mehr in die Planung mit einbinden.

Dazu müssten sich aber die Vertreter der Senatsverwaltung mit der Werkstatt der Kulturen und den Organisatoren der großen etablierten Gruppen an einen Tisch setzen und über eine Neustrukturierung reden mit dem Ziel, den Leitgedanken wieder aufzunehmen und eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen die Europaweit ihresgleichen sucht.

Das sind alles nur Ideen und ich hoffe nach wie vor dass sich etwas bewegt und die jetzige Entwicklung beim Karneval der Kulturen Berlin gestoppt wird.

Anmerkung: dieser Beitrag steht unter dieser CC-Lizenz und erscheint im Rahmen der von Ina Müller-Schmoß initiierten Blogpatenschaften.

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Elisabeth von Helldorff: Kulturförderung vs. Kulturforderung (Gastbeitrag)

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© plumbe ; Pixelio

Über die Verantwortung, neue Chancen zu ergreifen

Ein Kommentar über Möglichkeiten, die sich in Umbruchsituationen eröffnen und gerade jetzt von Kulturschaffenden wahrgenommen werden sollten. Genau dann, wenn man glaubt, es geht bergab, ergeben sich oft beste Vorraussetzungen, um Neues zu entdecken und zu schaffen – in unserer momentanen Situation nicht nur für die Kulturlandschaft sondern auch für die Wirtschaft…

Irgendwie ist gerade alles anders. Vieles scheint zu zerbrechen und doch haben wir gerade jetzt die Chance, uns neu aufzustellen. Je ausgefallener die Ideen, desto schwungvoller wird die Entwicklung.

Aus diesem Grund fällt mir persönlich das Schreiben über traditionelle Kulturförderung im Moment etwas schwer. Darüber warum der Staat seine Mittel nicht gerechter verteilt. Dass Unternehmen (wie beispielsweise die vom Ausstieg aus dem Ausstieg des Ausstiegs gebeutelte E.ON) in Zukunft weniger für Kultursponsoring ausgeben könnten und somit ganze Institutionen um ihre Existenz bringen könnten.

Betrachten wir die aktuelle Lage der Nation und auch der Welt, so müssen wir zugeben, dass unser zeitweiliges Wutbürgertum zwar durchaus berechtigt ist, die Hintergründe aber keineswegs in Relation stehen zu dem, was anderen Ortes auf dem Spiel steht: sowohl politisch als auch kulturell. Es soll keine Moralpredigt folgen an dieser Stelle. Ich möchte nicht davon erzählen, dass wir uns mit Blick auf die aktuellen Krisenherde mit anderen Dingen beschäftigen sollten als mit den Raffinessen der mitteleuropäischen Kulturförderung.

Umbruch heißt nicht immer Abbruch

Ich denke, dass wir uns im Moment in einer Art Umbruchsituation befinden. Diese Situation fordert vor allem, nicht nur Mängel zu beklagen, sondern sich seiner Chancen bewusst zu werden und diese zu gestalten. Nicht ausschließlich mit Blick auf den Kulturbetrieb, aber auch. Ich sehe es als unsere heutige Verantwortung an, diese Chancen zu nutzen und Dinge zu verändern.

Der Umbruch hat mehrere Seiten. Für den Kulturbetrieb besonders interessant: die finanzielle und die inhaltliche Seite. Finanziell gesehen brechen immer mehr traditionelle Erwerbsmöglichkeiten weg, es tauchen aber gleichzeitig auch immer mehr kreative Wege auf, Geld zu verdienen. Aus inhaltlicher Perspektive ist eine allgegenwärtige Brisanz der Geschehnisse zu spüren. Mit höchster Aufmerksamkeit werden aktuelle Debatten verfolgt und kommentiert. Selten (soweit ich das sagen kann) waren Meinungen so differenziert und auch streitbar wie in diesen Wochen. Diese Aufmerksamkeit und damit auch Neugier sollte genutzt werden, um Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Als Akteur des Kulturbetriebs frage ich mich im Moment, wo die Reise hingehen soll: Was wollen wir überhaupt und wer sind die Rezipienten? Wer soll es bezahlen und warum? Was ist heute der Wert von Kultur? Soll Kultur überhaupt bewertet werden und wenn nicht, können wir uns diese Haltung leisten? Was steht auf dem Spiel, wenn gekürzt wird und wer genau kann diese Kürzungen verkraften und verantworten? Wie soll Kultur in Zukunft aussehen und wo soll sie stattfinden?

Lösungen im Zahlendschungel?

Was Fakten angeht, so geben aktuelle Zahlen nur bedingt Antworten auf all die Fragen. Mit Blick auf Kürzungen wissen wir schlichtweg nicht, was passieren wird. Sehen wir uns bspw. Kulturförderung durch Sponsoring an:

Die zu Beginn genannte E.ON mag ein Einzelfall sein, doch berichtete die Süddeutsche Zeitung am 13.08.2011 bereits darüber und zeigte die Gefahren einer Einstellung des Firmenengagements für einzelne Kulturinstitutionen deutlich auf. Gleichzeitig lesen wir in Studien und Kommentaren (wie in der Studie der Sponsoringagentur Causales), dass gerade Sponsoring für Kulturinstitutionen immer wichtiger wird und immer professioneller angegangen wird. Während hier 133 Antworten von Kulturinstitutionen über die steigende Bedeutung von Sponsoring berichten, liest man dagegen in einer Studie der Universität der Bundeswehr München die Antworten von 591 Unternehmen, die Sponsoring allgemein bewerten. Im Speziellen erläutert die Studie:

„Wie schon 2008, ist eine leicht rückläufige Tendenz bei der Verbreitung des Sponsorings zu verzeichnen. Erstmals ist auch der Anteil des Sponsorings am Kommunikationsbudget geringfügig zurückgegangen. Unverändert bleibt bei der Budgetverteilung die Spitzenposition des Sportsponsorings. Deutlich zugelegt hat wieder das Ökosponsoring. Und auch der Budgetanteil des Bildungs-/ Wissenschaftssponsorings sowie des Soziosponsorings ist erneut gestiegen. Dafür ist das Budget für Kunst-/Kultursponsoring weiter stark gesunken.“

Die aktuelle Lage der Wirtschaft könnte zu einer Prioritätenverschiebung des Engagements führen. Aber definitiv wissen wir es nicht. Besser ist es daher, sich in den Debatten auf das zu stürzen, was über die gängigen Formate hinaus passieren könnte. Darüber, welche Chancen aus der Umbruchstimmung entstehen.

Neue Formate zeigen Lösungen auf und machen Mut

Innerhalb dieses Blogs wurde in den letzten Monaten unter anderem über Crowdfunding diskutiert. Für mich zeigt diese Finanzierungsart, dass durchaus Bewegung in den Kulturbetrieb kommt. Ein Projekt vorzustellen, um es crowdfunden zu lassen, bedeutet ja, dass man davon ausgeht, dass es Menschen gibt, die es vielleicht besser wissen, als die Damen und Herren der Verwaltung, die einen Antrag abgelehnt haben oder es tun könnten. Dieses Selbstbewusstsein brauchen Kulturprojekte, und sie lernen auch zunehmend ihre Stärken zu artikulieren. Mit der Artikulation kann wiederum eines der größten Verständnisprobleme gelöst werden: Viele der oft zitierten Nicht-Kultur-Nutzer verstehen nämlich schlichtweg nicht, was das mit der Kultur soll. Unter anderem verstehen sie nicht, warum viele Kulturschaffende die Erwirtschaftung eines Gewinns gar nicht an erster Stelle sehen. Der Zusammenhang zwischen Produkt und Markt ist oft völlig schleierhaft. Mit dem Format des Crowdfundings kommt ein Handlungsprinzip ins Spiel, das vielen Menschen nahe ist und auch Freude bereiten kann. Crowdfundig hat etwas Spielerisches (ohne zynisch zu sein und für oder gegen das Rollen eines Kopfes zu stimmen), das den Förderprozess emotionalisiert, ein Mitmachgefühl evoziert, das die Beteiligten motiviert, alles zu geben, um ein Projekt umzusetzen. Wie bereits vielfach erwähnt, kann Crowdfunding nicht die staatlichen Mittel ersetzten. Genauso wenig wie Sponsoring, Spenden und andere Finanzierungsarten. Vielmehr bewahrt es den Kulturbetrieb davor, in Angst vor der großen Finanzierungslücke in Untätigkeit zu erstarren.[1] Denn es geht nicht darum, Gefälligkeitskunst für den Nutzer zu produzieren. Ich glaube nicht, dass sich Kultur verbiegen muss, um gehört und gesehen zu werden. Was das Beispiel des Crowdfundings aufzeigt und die Kultur bzw. die Kulturproduzenten vielleicht auch lehrt, ist, dass sie ohne Scheu ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickeln können und sich ihrer Fähigkeiten und Wirkungsmechanismen bewusster werden. Denn oft müssen sich nur Verpackung und Präsentation ändern, damit der Mut erwacht, sich in viele Richtungen zu öffnen. Eine viel diskutierte Richtung ist und bleibt die Kooperation mit Unternehmen. Damit zur Frage, wo Kultur in Zukunft stattfinden könnte.

Mit der Kunst ins Haus fallen

Was ist verkehrt daran, sich mit einem Unternehmen zusammenzusetzen und ein völlig neues Kulturprogramm zu schaffen? Wieder besteht die große Angst, ein Unternehmen vertrete nur eigene Interessen und missbrauche die Kunst bzw. Kultur, um sich zu profilieren. Vergessen wir doch einfach einmal für einen Moment das in diesem Zusammenhang sofort assoziierte Sponsoring. Nicht, weil ich es abschaffen möchte – in sehr vielen Fällen ist es ja eine feine Sache – eher weil ich glaube, dass man den Abstand bräuchte, um Neues zu entwickeln. Danach können wir es ja gerne wieder ausgraben.

Was Unternehmen bewegt … – und auch die Kultur?

Das berüchtigte Unternehmen aus dem Bilderbuch ist reich, skrupellos und undurchschaubar. Doch wer sich schon einmal mit einem Familienunternehmer unterhalten hat, weiß nur zu gut, dass es nicht immer so ist. Gerade in Gegenden, die stark von Abwanderung bedroht sind, in Branchen, die expandieren, wo Fachkräfte aber fehlen, in witterungsabhängigen Wirtschaftszweigen und in etablierten Betrieben, deren Führungsnachfolge ungeklärt ist, hat die Leitung eines Unternehmens viel mit der Leitung einer Kulturinstitution gemeinsam. Der gängige Vergleich ist der eines Dirigenten mit einem Unternehmer – beide Leiter einer buntgemischten Truppe von Individuen, die doch ein großes Ganzes schaffen wollen. Oft geht es aber auch um die Kunst der Improvisation. Die Organisation einer Ausstellung in Kooperation mit einer anderen Institution stellt eine logistische Meisterleistung dar, genauso wie die Herstellung einer Maschine, die von vielen Zulieferern abhängig ist.

Es ist sicher fraglich, ob jedes Unternehmen in der Kooperation mit einer Kulturinstitution die perfekte Investition in die Zukunft sieht.

Gleichzeitig ist es aber frappierend zu sehen, wie viele Artikel, Veranstaltungen und Anzeigen darauf hinweisen, dass die Industrie händeringend nach Lösungen für komplexe Probleme sucht. Integration und Retention, Arbeitsplatzgestaltung und Gesundheit, altersgerechte Anreizsysteme, lebenslanges Lernen, Karrieremanagement und Austrittsmodelle, Wissensmanagement und Wissensbilanzierung und schließlich Diversity Management. Um nur einige zu nennen… [2]

Kultur kann – wenn sie will

Wenn ich jetzt die Kultur als einen Lösungsvorschlag einbringe, soll das nicht heißen, dass sie sich prostituieren muss. Im Gegenteil: Hier kann sich ein weiterer Zweig auftun, in dem sie zeigen kann, was ihre Stärken sind. Und bevor hier etwas falsch verstanden wird: Ich halte Unternehmenstheater zur reinen Mitarbeiterbespaßung für eine nette Sache. Aber ich denke nicht, dass es alles ist, was Kunst und Kultur zu bieten haben. Was die Kultur kann, ist intervenieren, analysieren und umdrehen. Sie kann in Prozesse eingreifen, sie überdenken und umstrukturieren. Sie kann animieren, motivieren und begeistern. Sie kann das, was Lévi-Strauss einst „Bricolage“ nannte. Er meinte damit nicht das Basteln im wörtlichen Sinne, sondern eine Form von Wissen. Für den Bricoleur sind Objekte nur zur Hälfte zweckbestimmt, die andere Hälfte lässt er offen für zukünftige Projekte. Der Bricoleur empfindet dann ein Erfolgserlebnis, wenn er es geschafft hat, neue Zusammenhänge zu schaffen, die vorher nicht denkbar gewesen waren. Es macht ihn zu einem nachhaltigen Arbeiter, denn er bewahrt Dinge auf und denkt sie bereits in der Zukunft, ohne das genaue Ziel zu kennen. Sein Metier ist die Zweckentfremdung, da ihm meist nicht unendliche Ressourcen zur Verfügung stehen, er ist also ständig damit beschäftigt, die gewöhnliche Verwendungsweise von Material und Werkzeug auch verlassen zu können. [3]

Diese Offenheit, Ressourcen anders und neu einzusetzen, drei Mal um die Ecke zu schauen statt nur ein Mal, das sind Kompetenzen, die gerade jetzt wichtig sind und immer wichtiger werden – auch in der Wirtschaft. Wenn Kunst und Kultur ihre Aufgabe darin sehen, Gesellschaft zu reflektieren, dann haben sie im Moment die Möglichkeit, sich etwas aufzubauen, mit dem sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn das Leben und Schaffen unserer Gesellschaft findet zu einem großen Teil in der Industrie und im Handel statt.

Kunst als Mitarbeiter in Unternehmen

In einem Unternehmen als Kulturproduzent aktiv zu werden (in Form von Intervention oder auch Mitarbeit), bedeutet die Möglichkeit einer enormen Lernarena für den Künstler – menschlich wie technisch. Gleichzeitig bringt der Kulturproduzent sein Wissen in das Unternehmen ein. Ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe. Ein echter Kompetenzaustausch also. Trägt eine kulturelle bzw. künstlerische Intervention wirklich den Status eines „Mitarbeiters mit besonderen Kompetenzen“ und nicht den eines anonymen „Dienstleisters“, werden firmeninterne Finanzierungsmodelle durchaus denkbar. Zum Beispiel durch die Integration in ein Schulungsprogramm oder als „Abteilung für Innovation und Entwicklung“, die wie Marketing, EDV und Personalbüro einen festen Platz im Unternehmen einnimmt.

Natürlich ist die entscheidende Frage, wie eine solche Kooperation oder Mitarbeit nun aussehen soll.

Wie so oft, bleibt eine Standardlösung aus. Einige Beispiele können aber genannt werden:

Bereits bekanntes bietet sicherlich der dm-Drogeriemarkt mit seinem Schulungsprogramm, das vor allem nach innen und nur nebenbei auch nach außen wirkt. Unternehmenstheater wird hier nicht eingekauft, sondern von den Mitarbeitern als Fortbildungsmaßnahme wahrgenommen. Zu nennen wäre aber auch der Künstler Paul Huf, der seit längerem in einer Unternehmensberatung angestellt ist – als Künstler, wohl bemerkt, nicht als klassischer Berater. Oder aber das Projekt „Menschen – Technik – Emotionen“, in dem Mitarbeiter einer Firma gemeinsam mit den Mitgliedern eines Kulturvereins die Produktionshallen fotografisch inszenierten und eine Ausstellung für die Einwohner der Stadt konzipierten. Hier wurde der Arbeitsplatz künstlerisch und vor allem persönlich reflektiert. Einige Beispiele bietet auch die Liste der Gewinner des Wettbewerbs der Kultur- und Kreativpiloten, die mit ihren Ideen genau das schaffen, was Tania Breyer, Beraterin im Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft, „das Gegenteil von Kultursponsoring“ [4] nennt. Darunter verstehe ich persönlich, sich selbst zu helfen mit schlauen Ideen.

Zu den Voraussetzungen

Ein wesentlicher Faktor muss beiden Seiten vorher bewusst sein: sie brauchen sich gegenseitig. Nicht als Geld- bzw. Imagegeber. Sondern für eine gemeinsame Sache. Die gemeinsame Sache kann sein, einen Mikrokosmos (wie bspw. ein Unternehmen) durch eine Idee zusammen weiterzuentwickeln. Dieses „Zusammen“ kann allerdings nur erreicht werden, wenn sich die Akteure als „Partner“ bezeichnen und sich als solche auch auf Augenhöhe begegnen und anerkennen. Warum sollte das einer mitmachen, wo er sich doch auch einfach einen Unternehmensberater einstellen könnte, um profitabler zu wirtschaften. Vielleicht macht er es ja genau deshalb, weil er gemerkt hat, dass Dinge komplexer sind. Dass bei all den oben genannten Problemen eben keine anonymen Berater helfen können. Dass sie verwurzelt sind. Und dass künstlerisches Denken ein Schlüssel sein kann, der interne Abläufe überdenkt und der externe Zusammenhänge überhaupt erst gestalten kann – und genau damit vielleicht die eigene Existenz zu sichern vermag (zum Beispiel im Wirkungskreis einer Kommune).

Der Weg dort hin

Ganz bewusst schreibe ich oben „Kunst und Kultur haben die Möglichkeit, sich so etwas aufzubauen […]“. Trotz vieler Kooperationen zwischen Kulturinstitutionen und Unternehmen, ist eine solche Form des Kompetenzaustauschs nicht gang und gäbe. Aber sie bietet ungeahnte Potentiale, die mit Kreativität und Verständnis für (manchmal auch fremde) Prozesse ausgeschöpft werden können. Wichtig ist vor allem der Aspekt der Gemeinsamkeit. Es soll nicht darum gehen, voneinander zu „profitieren“, sondern zusammen etwas zu entwickeln, das auf lange Sicht für alle Akteure einen Mehrwert schafft – sowohl finanziell als auch inhaltlich.

Mit Mut ins Getümmel

Die oben genannte Artikulation ist einer der Schlüsselbegriffe: Wer sich bewusst wird, was er mit seinem Werk, mit seiner Idee oder mit seinem Produkt zu bieten hat, der findet auch diejenigen, die sich dafür interessieren. Sieht er dabei nicht nur den klassischen Markt, sondern auch einen gesellschaftlichen oder systemrelevanten Aspekt, ist er von der Industrie oft gar nicht weit entfernt. Dazu gehört die richtige Verkaufsstrategie – keine Frage. Doch wer von seinem Gegenüber erwartet, sich auf die Sprache der Kunst und Kultur einzulassen, der sollte sich auch mit dessen Welt beschäftigen. Wahrscheinlich wird er feststellen, dass die Unterschiede gar nicht so gewaltig sind. Kreativität und künstlerisches Schaffen haben als Wissens- und Produktionsform Wesentliches zu bieten.

Mit Mut das Andere wagen

Auch für Unternehmen ist eine Öffnung hin zur Kultur als „Mitarbeiter“ noch Neuland. Doch die Auseinandersetzung mit und der Einsatz von Kultur im Unternehmen stellen laut Brigitte Biehl-Missal einen der großen Trends des 21. Jahrhunderts dar. Sie nennt ästhetische Kompetenz „eine Art Navigationsfähigkeit in der Wirtschaftswelt“ und formuliert weiter

„Mit einer ästhetisch kompetenten, verständnisvollen Haltung der Menschen in und außerhalb von Unternehmen kann Einfluss auf nicht nur ein ansprechenderes, „schöneres“, sondern partizipatives und nachhaltigeres Leben genommen werden. Nun ist es an Forschung und Praxis, besondere Ansprüche an den Einsatz von Kunst zu formulieren, um das Verhältnis mit noch mehr Energie und herausfordernden Ideen aufzuladen. Es geht jetzt darum, dass die Wirtschaft die Herausforderung der Kunst wirklich annimmt.“ (in: Brigitte Biehl-Missal: „Wirtschaftsästhetik: Wie Unternehmen die Kunst als Inspiration und Werkzeug nutzen“ S.178)

 

Mit Verantwortung Chancen ergreifen

Diese Art von Zusammenarbeit ist ein Ziel. Vielleicht auch eine Vision. Meiner Meinung nach ist sie aber eine absolute Notwendigkeit. Sowohl aus inhaltlicher als auch aus finanzieller Sicht. Der Appell geht an alle Akteure, die Gesellschaft formen und gestalten. Neben dem Erhalt des Kulturguts, dem Aufbau und der Unterstützung neuer Sparten, der Ermöglichung von Raum für künstlerisches Schaffen, dem Drang nach Innovation, geht es vor allen Dingen um eines: Verantwortung.

Kultur sowie die weitreichenden Effekte künstlerischen Schaffens können das Bindeglied zwischen allen Akteuren der Gesellschaft sein, die sich ihrer Verantwortung für diese bewusst sind und gemeinsam daran arbeiten, etwas zu verändern, diese zu formen und gestalten. Gerade in Zeiten eines Umbruchs und wenn Debatten aktiv geführt werden, kommt es zur Hinterfragung von Systemen. Kulturschaffende sollten diese Momente daher nicht verschwenden und jammernd auf ihre Daseinsberechtigung pochen, indem sie Akteure aus Politik und Wirtschaft auffordern Engagement zu zeigen. Sie sollten viel mehr frischen Mutes neue Ideen und Lösungen entwickeln und damit sowohl die Kultur- als auch die Wirtschaftslandschaft bereichern.

Über die Autorin

Elisabeth von Helldorff (*1983) hat in Hildesheim Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis und in Växjö (S) und Mérida (Mex) Violoncello studiert. Mit ihrem Team gewann sie 2010 den Gründerwettbewerb „Herausforderung Unternehmertum“ der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und der Heinz Nixdorf Stiftung und gründete daraufhin das Büro für Kulturprojekte „Schwarz+Weiss: Kultur | Wirtschaft | Kreative Allianzen“ mit Sitz in Leipzig.


  • [4] Dierks, Birthe, Ein Interview mit zweien, für die sich die Systeme längst entgrenzt haben. Tania Breyer und Frank Lemloh im Gespräch mit Birthe Dierks. In: Breitbach, Helldorff, Mittag, Trollmann (Hrsg.) (2011): Publikation zum Symposium Kulturpolitur – Kultur und Wirtschaft neu denken. Offizielle Veröffentlichung der Publikation 09/2011.