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Politik in Österreich: Achtung Einsturzgefahr

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© Dieter Poschmann; Pixelio

Als im Rahmen der Wirtschafts- und Finanzkrise diverse Branchen mit nicht gerade wenig Geld „unterstützt“ wurden, konnte sich jeder, der um die Verschuldung der öffentlichen Haushalte bereits vor dieser Krise wusste, ausrechnen, was kommen würde. Es handelte sich ja um nicht vorhandenes Geld, das irgendwo und irgendwie wieder reingeholt werden muss.

Zu diesem Zweck hat die österreichische Regierung einen Budgetplan geschnürt, den sie Ende Oktober veröffentlicht hat. Relativ spät, wenn man bedenkt, dass das Jahr 2011 unmittelbar vor der Türe steht und es eines parlamentarischen Prozesses bedarf, damit aus diesem Budgetplan ein Budget wird. Die Einsparungen finden tatsächlich statt, aber die Art und Weise, wie gespart werden soll, überrascht dann doch ein wenig. Begründet wurde die Dauer des Entstehungsprozesses auf verschiedenste Weise, im Hintergrund schwang immer mit, dass es Zeit brauche, um auf die (budgetären) Herausforderungen unserer Zeit reagieren zu können.

Betrachtet man das Ergebnis, dann könnte man eigentlich eher denken, es sei der Regierung peinlich. Mir zumindest würde es so gehen, würde ich so etwas abliefern. Statt die seit Jahren geforderte Verwaltungsreform endlich anzugehen, vertut man sich die Zukunft, in dem in Bereichen gespart wird, die von entscheidender Bedeutung sind, wenn wir von Innovation und ähnlichen Dingen reden.

Dazu zähle ich auch Kunst und Kultur, wo natürlich auch gespart wird. Ein Aufschrei der Szene ist noch nicht erfolgt, denn die Kürzungen betreffen „nur“ die Auslandskultur, die im österreichischen Außenministerium angesiedelt ist und dort trotz vieler Konzepte nur ein (finanzielles) Schattendasein führt. In diesem Konzept heißt es, dass eine Steigerung des operativen Kulturbudgets am gesamten Außenamtsbudget von derzeit ca. 1,8% ( Euro 5 Mio.) auf 3% angestrebt werde. Gut, das Konzept stammt von 2001, aber wenn man nun im Budgetplan der Bundesregierung liest, dass im Bereich der Auslandskultur in den nächsten vier Jahren 1,6 Mio. Euro eingespart werden sollen, die wahrscheinlich nicht nur das operative Budget betreffen, dann stellt sich doch die Frage, ob man nicht besser konsequent sein sollte und einfach zusperrt. Zumindest das Auslandskulturkonzept würde ich von der Homepage nehmen, weil es mir einfach peinlich wäre.

Apropos Zusperren: dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien droht genau das. Die Bundesregierung spart nämlich nicht nur bei der Auslandskultur, sondern hat gleichzeitig den finanziellen Kahlschlag bei der außeruniversitären Forschung beschlossen. Mit Ausnahme der Akademie der Wissenschaften, der Ludwig-Boltzmann-Institute und des Institute of Science and Technology Austria erhalten alle außeruniversitären Forschungseinrichtungen ab 2012 keine Grundlagenfinanzierung mehr. Nicht weil sie so schlecht sind, sondern weil gespart werden muss.

Natürlich können sich die Forschungseinrichtungen weiter um Förderungen bemühen, aber im Fall des IFK heißt das laut NZZ, dass von 1,2 Mio. Jahresbudget 950.000 Euro auf einen Schlag wegfallen. Schön, wenn man das dann knapp zwei Monate vor Jahresbeginn erfährt, denn hier noch Ersatz zu beschaffen, dürfte unmöglich sein. Das heißt, viele dieser Forschungseinrichtungen werden die nächsten Jahre nicht überleben.

Wenn man zynisch sein möchte, könnte man sagen, die braucht es ja auch nicht, schließlich hat Österreich eh so wenig AkademikerInnen. Spaß beiseite: ich denke, wir müssen nicht darüber diskutieren, welche Konsequenzen das für den Standort Österreich hat, die Forschungseinrichtungen selbst versuchen, ihre Aktivitäten bereits zu bündeln und über die Plattform Wissen:Schaft:Österreich zu kommunizieren.

Die Frage ist für mich aber, was wir daraus lernen können? Für mich ist diese Art von „Sparen“ ein weiterer Hinweis dafür, dass die Politik in ihrer derzeitigen Form PolitikerInnen über keine Visionen und keinen Gestaltungswillen mehr verfügen. Aussagen über die Bedeutung von Forschung, Innovation oder auch Kunst und Kultur klingen hohl und unglaubwürdig. Ich fühle mich durch die Politik heute nicht mehr vertreten und natürlich gilt es sich zu überlegen, wie man dieses „Problem“ lösen kann. Die Unzufriedenheit wächst und aus ihr heraus entstehen dann hoffentlich Alternativen. Diese Unzufriedenheit existiert nicht nur in Österreich, aber speziell in diesem Land ist für mich klar: ich verlasse mich in Sachen Kunst und Kultur nicht mehr auf Aussagen und Versprechungen der PolitikerInnen, denn ich traue ihnen einerseits nichts, andererseits aber alles zu. Oder noch überspitzter formuliert: Kultureinrichtungen, die sich auf die Politik verlassen, handeln fahrlässig.

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Kein Publikum, keine Förderung, ja und?

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Hagen Kohn hat vor ein paar Tagen zu einer Blogparade aufgerufen, die den fortschreitenden Abbau der Kulturförderung thematisieren möchte. Um die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Griff zu bekommen, haben die Staaten gewaltige Summen ausgegeben. Geld, das sie nicht haben und das sie nun auf irgend eine Weise wieder hereinbekommen müssen. Auch Kunst und Kultur werden unter diesen Sparbemühungen leiden, wobei klar ist, dass diese Haushaltsposten die öffentlichen Budgets nicht retten werden können, denn sie sind schlichtweg zu klein.

Passend dazu bin ich gestern via Twitter auf einen Artikel in See-Online, der Onlinezeitung für den Bodenseeraum aufmerksam geworden, in dem Martin Tröndle, Juniorprofessor für für Kulturbetriebslehre und Kunstforschung an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen den Konzert- und Opernhäusern einen dramatischen Niedergang prophezeit. Nebenbei bemerkt ist die Art und Weise, wie ich auf den Artikel aufmerksam gemacht worden bin, ein Beleg dafür, dass in einem gut funktionierenden Netzwerk relevante Informationen zu einem kommen und nicht umgekehrt. Wie schrieb Matthias Schwenk auf Google Buzz so nett:

„An Dich habe ich dabei gedacht, deshalb der Retweet! :-)“

Danke Matthias, aber zurück zum Thema. Den Niedergang prophezeit Tröndle den Kulturbetrieben, weil deren Publikum immer älter werde. Was aber nicht nur auf den Anstieg des Durchschnittsalters zurückzuführen sei, denn

„das Durchschnittsalter des Klassik-Publikums (ist) in den vergangenen 20 Jahren dreimal so schnell angestiegen (um rund 11 Jahre) wie das Durchschnittsalter der Bevölkerung (rund 3,4 Jahre)“,

wird Tröndle in dem Zeitungsartikel zitiert. Sich darauf zu verlassen, dass die Jüngeren älter werden und sich dann für die klassische Musik interessieren, hält er für falsch, denn hier handle es sich um einen Kohorteneffekt. Mit dem Thema Kohorteneffekt hat sich Greg Sandow schon vor längerer Zeit in einem Blogpost beschäftigt (siehe dazu mein Blogpost „Wer hört eigentlich klassische Musik?„). Und auch Sandow kommt zu dem Ergebnis, dass man nicht darauf warten könne, dass sich jemand mit fortschreitendem Alter für die, in diesem Fall, klassische Musik zu interessieren beginne, sondern es gelte, entsprechende Konzepte zu entwickeln, um Menschen für die klassische Musik zu begeistern.

Das Blogpost von Greg Sandow ist im November 2006 veröffentlicht worden. Die entsprechenden Studien des NEA (National Endowment for the Arts) stehen hier seit Jahr und Tag online zur Verfügung. So neu ist die Erkenntnis von Martin Tröndle also eigentlich nicht. Wenn in dem Artikel der folgende Absatz aus seinem Buch Das Konzert zitiert wird:

„Obwohl sich die Rahmenbedingungen des Konzerts etwa durch die technische Reproduzierbarkeit von Musik, den Siegeszug des Visuellen und des Virtuellen, ein verändertes Arbeits- und Freizeitverhalten, die Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Lebensstile oder die Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche maßgeblich gewandelt haben, dominiert das standardisierte bürgerliche Konzertwesen, dessen Höhepunkt zwischen 1870 und 1910 lag, bis in die Gegenwart den Musikbetrieb“,

dann heißt das auf gut Deutsch: da wurde eine Entwicklung verschlafen. Und daraus resultierend sei die Frage gestattet, warum ein Bereich an, wie Tröndle es nennt, völlig veralteten Darstellungsformen festhält und dafür dann noch Förderungen erhalten soll?

Das Problem besteht unter anderem darin, dass, so Tröndle, die Fördergelder für den Erhalt des Bestehenden eingesetzt werden, aber nicht für Innovationen. Wer also brav so weiter tut wie bisher, hat einerseits ein schwindendes Publikum und seit einiger Zeit auch ein schwindendes Budget. Was sollte daran so schlimm sein?

Nun werden unter Umständen einige einwenden, dass Kunst und Kultur für die Gesellschaft einen hohen Wert besitzen. Dass sich Kunst in für die Gesellschaft wichtige Themen einmischt und so das (Problem)-Bewusstsein der Bevölkerung beeinflusst. Schön und gut, darauf wird zwar seitens der Kulturpolitik (manchmal) und seitens der  Kunst (häufig) hingewiesen. Nur leider kommt diese Botschaft nicht an, wie die Studie „The Arts Ripple Effect“ des Fine Arts Fund in Cincinatti zeigt (siehe dazu mein Blogpost „Kunst und Kultur: mehr als nur Unterhaltung?„). Die meisten Menschen betrachten dieser Studie zufolge den Konsum von Kunst und Kultur als Privatvergnügen und sehen daher nicht ein, warum dieser Bereich öffentlich finanziert werden muss?

Das heißt: Kunst und Kultur halten häufig an Jahrhunderte alten Konzepten fest, die Kulturpolitik hat eigentlich aufgehört zu existieren und diejenigen, für die Kunst gemacht wird, stehen der ganzen Sache eher gleichgültig gegenüber, weil Kunst und Kultur einen immer geringeren Teil ihres Freizeitvergnügens ausmachen.

Ich denke, dass Kunst und Kultur durchaus einen hohen gesellschaftlichen Wert haben können. Aber dann sollten sie diesem Anspruch erstens gerecht werden und zweitens dafür etwas tun. Die oben erwähnte Studie des Fine Arts Fund gibt dazu einige Anregungen, auch der Blick in das von Charles Leadbeater herausgegebene eBook „Remixing Cities: Strategy for the City 2.0“ lohnt sich (siehe dazu mein Blogpost „Remixing arts and culture„). Sowohl in der Studie als auch im eBook taucht oftmals das Wort Partizipation auf. Partizipation ist in meinen Augen einer der entscheidenden Ansätze, um die Menschen bei den rasanten Veränderungen, die wir derzeit erleben, mit ins Boot zu holen. Nur wo lassen sich in Kunst und Kultur partizipative Ansätze finden? Mitklatschen im Konzert ist damit jedenfalls nicht gemeint.

Manches in diesem Beitrag mag etwas polemisch klingen. Zugegeben, aber ich denke, wenn es Kunst und Kultur nicht gelingt, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen, dann wird es mit jedem Jahr etwas weniger Geld, etwas weniger Angebote, aber auch etwas weniger Publikum geben. Und irgendwann ist das dann eine nette exotische Sache, die entweder der Behübschung dient oder verständnislos mit einem Kopfschütteln quittiert wird. Bevor sich Kunst und Kultur über sinkende Förderungen aufregen, sollten erst einmal die Hausaufgaben gemacht werden. Wirklich viel Zeit ist dafür nicht mehr.

Zurück zur Blogparade von Hagen Kohn: natürlich ist es unsinnig, wenn die Politik die BürgerInnen Glauben machen möchte, dass mit Einsparungen im Kunst- und Kulturbudget die Krise der öffentlichen Budgets überwunden werden kann. Nur ganz ehrlich: sollte es nicht um ganz andere Themen gehen? Hagen Kohn fordert in seinem Beitrag einen „bundesweit verbindlichen Mindestprozentsatz für die Kulturförderung“. In Ordnung, aber die Frage sei erlaubt: wofür?

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Neue Wege in der Kulturfinanzierung

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So allmählich wird klar, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise noch nicht überstanden ist. Das Geld, das im Zuge diverser „Rettungsaktionen“ ausgegeben worden ist, fehlt der öffentlichen Hand nun. Was zur Folge hat, dass die öffentlichen Haushalte auf ihr Sparpotenzial hin durchforstet werden. Klar, dass da irgendwann auch die Subventionen in Frage gestellt werden. Und ebenso klar ist, dass das auch die Kulturbudgets betrifft.

Als die Krise gerade begonnen hatte und erste Alarmzeichen aus den USA zu vernehmen waren, versicherten KulturpolitikerInnen, dass Kunst und Kultur hier nichts zu befürchten hätten, schließlich sorge der Staat für die entsprechenden Geldmittel. Wie wir wissen, ist dem aber nicht so. Wuppertal, Stuttgart, immer häufiger liest man von Städten, die auch bei Kunst und Kultur drastische Sparmaßnahmen vorschlagen. Nun möchte ich an dieser Stelle nicht darüber debattieren, ob das sinnvoll ist oder nicht, sondern die Frage stellen, welche Möglichkeiten Kulturbetriebe haben, auf solche Spaßmaßnahmen zu reagieren?

Im letzten November hatte ich hier in diesem Blog die Frage aufgeworfen, ob Theater sich nicht auch ohne Förderungen finanzieren lassen? Was ist, wenn man nicht nur das künstlerische Endprodukt verkauft, sondern Interessierte am Entstehungsprozess teilhaben lässt und von ihnen dafür einen monatlichen Beitrag verlangt, so meine Frage.

In diese Richtung bewegt sich anscheinend Andreas Blühm, der Direktor des Kölner Wallraf-Museums, berichtet Jörn Borchert in der Ideenbörse für das Kulturmarketing. Borchert, der auch das Museums-Blog Kulturelle Welten betreibt, erzählt, dass ein um mehr als zehn Prozent gekürztes Budget die anvisierte Stradivari-Ausstellung unmöglich machte. Statt aber die Ausstellung einfach abzusagen, lässt der findige Museumsdirektor nun sein Publikum den Restauratorinnen über die Schulter schauen und sie hautnah miterleben, wie ein Gemälde restauriert wird.

Auch wenn das Publikum den RestauratorInnen in diesem Fall nur zehn Tage über die Schultern schauen kann, so ist das doch ein schönes Beispiel dafür, dass es nicht nur um das fertige Produkt geht, sondern auch die Produktionsprozesse bzw. der Blick hinter den Vorhang für viele interessant sind. Ich bin davon überzeugt, dass hier ein gewaltiges Potenzial liegt, wenn es gelingt, dem Publikum nicht nur das fertige Produkt zu verkaufen, sondern es auch am Entstehungsprozess dabei sein zu lassen bzw. es im nächsten Schritt in diesen Prozess zu integrieren.

Von der Notwendigkeit, Kunst und Kultur zu finanzieren, entbindet ein solcher Ansatz die Kulturpolitik allerdings nicht.

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Theater in den USA: die Finanzkrise zwingt zum Sparen

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Nachdem die amerikanischen Theater sehr viel weniger von staatlicher Unterstützung leben als es bei uns der Fall ist, überrascht es nicht, dass sich dort die Wirtschafts- und Finanzkrise sehr viel stärker bemerkbar macht. Eine aktuelle Umfrage der Theatre Communications Group zeigt, wie die Theater die weitere Entwicklung einschätzen und wie sie ihr Überleben sichern wollen.

Von den  210 Häusern, die sich an der Umfrage beteiligt haben, wollen auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung 77% ihr diesjähriges Budget noch einmal überarbeiten, wobei Überarbeiten bei den meisten heißt: die Kosten zu reduzieren.

Wo wird gespart? Am häufigsten wurden die folgenden Maßnahmen genannt:

  • Reduction or freeze of salaries (69%)
  • Reduction in traveling/conferences (60%)
  • New ticket discounting (55%)
  • Reduction in the number of administrative staff (48%)

Aber nur 20% der Theater beabsichtigen, die Zahl ihrer Produktionen zu verringern bzw. planen weniger Aufführungen (16%).

Bemerkenswert ist für mich, dass viele Theater beabsichtigen, die Eintrittspreise herabzusetzen. Ob das auch bei uns angesichts der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung ein Thema werden könnte? Was meinen Sie?

An unserer Umfrage teilnehmen

via Bloomberg

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Die Finanzkrise: das Ende der öffentlichen Kulturförderung?

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© Conny T.; Pixelio

Bis jetzt hieß es ja immer, die Finanzkrise würde bei uns keine Auswirkungen auf den Kunst- und Kulturbereich haben, weil es vor allem der Staat sei, der diesen Bereich finanziere und für den Erhalt und Fortbestand der Kulturbetriebe sorge. Klang das anfangs noch sehr zuversichtlich, ist der Grundtenor der Meldungen heute schon ein etwas anderer. In der Albertina werde es wegen der Finanzkrise weniger Ausstellungen geben, in den nächsten vier Jahren müsse das Museum 12 Mio. Euro einsparen, so z.B. Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder.

Und das Da Ponte Institut hat gleich ganz zusperren und Konkurs anmelden müssen. Das sind jetzt nur zwei Beispiele aus Wien, woanders wird es nicht besser aussehen, vermute ich. Wird es also das von Clay Shirky prophezeite Blutbad geben? Vielleicht liege ich gar nicht so falsch mit meiner Behauptung, dass das öffentliche Fördersystem obsolet werden könnte?

Zwei Beobachtungen: als ich diese Woche die erste SocialBar hier in Wien besucht habe, ging es unter anderem um das Thema Social Entrepreneur. Bei den NPO ruft das Thema Widerstände hervor, denn die Organisationen fürchten, dass sich mit dem Aufkommen der Social Entrepreneurs der Staat aus seiner Verantwortung zurückziehen könnte. Ich kann das Argument verstehen, allerdings hat der Staat die NPO schon ohne Social Entrepreneurs in den letzten Jahren mit immer weniger Geldmitteln ausgestattet. Kann man darauf also bauen?

Angesichts der enormen Geldsummen, die in verschiedene Wirtschaftsbranchen gepumpt werden, werden immer wieder mal Vergleiche angestellt, was man mit einem Bruchteil dieser Summen im NPO-Bereich (da schließe ich den Kunst- und Kulturbereich mit ein) alles bewirken könnte. Auch Educult-Geschäftsführer Michael Wimmer macht in einem Blogbeitrag einen Vorschlag, der in eben diese Richtung zielt, womit ich bei meinem zweiten Punkt bin. Er möchte 1% der Summe, die Österreich für seine beiden aktuellen Konjunkturpakete ausgibt, zusätzlich für den Kunst- und Kulturbereich haben. Bei 5,7 Mia. Euro wären das immerhin 57 Mio. Euro.

Diese Forderungen sind in meinen Augen unrealistisch, denn die bis jetzt vereinbarten Konjunkturpakete werden nicht die letzten sein. Zuviel ist in den letzten Jahrzehnten auf Sand gebaut worden und die Löcher, die es zu stopfen gilt, sind noch nicht einmal alle bekannt. Überspitzt formuliert wird sich das Rad noch so lange nach unten drehen, bis jedem Kredit ein realer Gegenwert gegenübersteht.

Die Frage ist nun, ob sich dieses System jemals wieder erholen kann? Fredmund Malik verneint dies. In einem Interview für die FAZ spricht er von der „größte(n) Systemtransformation der Geschichte“, einer Krise, die „mit herkömmlichen Methoden nicht zu lösen“ ist. Auf die Frage, wie er die bisherigen und die geplanten Maßnahmen bewerte, antwortet er:

„Man gibt dem Alkoholiker Schnaps, damit sein Zittern aufhört.“

Ein Großteil der Unternehmen dürfte eigentlich unter Innovationsgesichtspunkten nicht gerettet werden. Autokonzerne wie Chrysler oder GM, aber auch etliche Unternehmen aus anderen Branchen sollte man eigentlich in den Konkurs schicken, damit etwas Neues entstehen kann. Ich wähle hier bewusst den Konjunktiv, denn die Innovationszyklen sind nicht das einzige Maß, das zählt. Die staatlichen Gelder werden in solche Unternehmen gesteckt, um den sozialen Frieden zu erhalten. Um den Wandel von der „Geld- zu einer Wissensgesellschaft“, wie Malik es nennt, halbwegs kontrolliert über die Bühne gehen zu lassen.

Um unser soziales System aufrecht zu erhalten, wird der Staat noch etliche Konjunkturpakete schnüren müssen, die nur dazu dienen, die Folgen zu lindern, aber noch nicht als Investition in die Zukunft zu verstehen sind. In dieser Phase, in der versucht wird, unser System am Leben zu erhalten, wird für Kunst und Kultur nicht mehr Geld zur Verfügung stehen, sondern eher weniger. Wenn es ungünstig läuft, sogar sehr viel weniger.

Das wird die Phase sein, in der etliche NPO verschwinden werden, so wie jetzt schon das Da Ponte Institut. Vielleicht ist das die Phase, wo Social oder Cultural Entrepreneurship ein Ansatz ist, damit diese Bereiche überleben können?  Wo steht geschrieben, dass das alte System der staatlichen Förderung auch zukünftig noch existieren wird? Wir wissen es nicht und ich möchte auch nicht behaupten, dass diese Entwicklung so stattfinden wird, wie ich es hier andeute. Fahrlässig wäre es in meinen Augen nur, den Kopf in den Sand zu stecken und darauf zu hoffen, dass schon alles gut werde.

Wenn Malik mit seinen Vorhersagen Recht hat, dann schaut die Zukunft gerade für den Kunst- und Kulturbereich nicht schlecht aus. Wie sagt Malik?

„Die neuen Realitäten sind hyperkomplexe, ultradynamische, vernetzte Systemkonfigurationen. Herkömmliche Denkweisen und Methoden sind gänzlich untauglich um solche Systeme zu verstehen und zu managen.“

Ich behaupte, KünstlerInnen bewegen sich schon lange in äußerst komplexen Strukturen und sind prädestiniert, eine Vorreiterrolle im Umgang mit Komplexitäten zu übernehmen. Nicht mehr das Geld steht im Vordergrund, sondern das Wissen. Das klingt schon fast nach der guten alten Zeit, in der die KünstlerInnen hochgeachtet waren. Hochachtung mag sein, aber in den Netzwerken der Zukunft werden wir trotzdem vermehrt auf uns selbstgestellt sein. Um dort bestehen zu können, ist so etwas wie Social oder Cultural Entrepreneurship genau der richtige Ansatz. Das heißt, Vorhersagen lassen sich nicht machen, was in komplexen Situationen aber eigentlich auch kein Wunder ist.

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Kulturförderung: mehr Geld für Qualifizierungsmaßnahmen

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Vor ein paar Tagen hat Rupert Christiansen im Telegraph einen sehr guten Artikel geschrieben. „Arts can survive – there’s no need to be gloomy“ ist er überschrieben und stellt, wie der Titel vermuten lässt, die Zukunft gar nicht so pessimistisch dar. Ein Satz ist mir beim Lesen in die Augen gestochen:

„What money is available should be diverted into training people.“

Nicht nur die öffentlichen Gelder sollten hierfür verwendet werden, nein: auch die Kulturbetriebe sollten dieses Thema ernst nehmen und in die Aus- und Weiterbildung ihrer MitarbeiterInnen investieren. Vor allem Krisenzeiten lassen sich nur meistern, wenn ausreichend fachliches Know-how vorhanden ist.

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Allen Unkenrufen zum Trotz

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© tokamuwi; Pixelio

Jetzt ist es also da, das Jahr 2009. Wenn die Prognosen stimmen, werden dunkle Wolken aufziehen und es wird uns allen schlechter gehen als bisher. So nach und nach ist das Bedrohungsszenario in den letzten Monaten ausgebaut worden und seitdem das, was uns nun (angeblich) bevorsteht, mit der Weltwirtschaftskrise verglichen wird, wissen die letzten, nun wird es ernst.

Eigentlich will ich mich dem derzeit überall anzutreffenden Pessimismus (vor allem die Medien sind voll davon) nicht anschließen. Schon vor einiger Zeit habe ich ja in einem Beitrag über die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Kunst- und Kulturbereich geschrieben, dass man so eine Zeit ja auch als Chance sehen kann. Als Chance, um sich der Dinge zu entledigen, die sich als nicht brauchbar herausgestellt haben. Aber auch als Chance, alte Gewohnheiten über Bord zu werfen und neue Dinge auszuprobieren. Insofern gefällt mir auch die Überschrift eines heute veröffentlichten Interviews mit Matthias Horx:“ Apokalyptisches Spießertum und der nach einer geilen Katastrophe gierende Mediendiskurs„. Und er hat Recht, wenn er sagt:

„Die Finanzkrise ist das bestvorausgesagte Ereignis der letzten Zeit, das war völlig klar, dass die Blase platzt und es war völlig klar, dass die amerikanische Wirtschaft an die Wand fährt. „

Aber nur so wird sie die Chance haben, sich zu verändern. Sonst geht das Spiel ewig so weiter, z.B in der amerikanischen Automobilindustrie. Ähnlich sieht das Steve Pavlina, auf den mich kurz vor den Weihnachtsfeiertagen  Alice Hive via Twitter aufmerksam gemacht hat (Zusatzinfo: Alice ist Musikerin, mehr über sie auf  MySpace und last.fm). Pavlinas Blogpost „How to Make Lots of Money During a Recession“ spricht mir aus der Seele,  denn für ihn ist das die Zeit, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Es ist die Phase, wo wir nur noch Geld für die Dinge ausgeben, die wir wirklich brauchen, die uns einen Mehrwert bieten, so Pavlina:

„We also become more sensitive to receiving genuine value. When we spend money, we want to make sure we’re getting a fair deal.“

Das heißt: nur wem es gelingt, diese Werte zu schaffen, wird eine Chance haben. Dementsprechend sollten wir uns, so Pavlina, nicht mit der Frage beschäftigen, auf welche Weise wir Geld verdienen können, sondern wie es uns gelingt, Werte zu schaffen, die anderen wichtig sind?

„Instead of focusing on trying to make more money, put your time and energy into CREATING and DELIVERING real value. Find a way to give people what they want and/or need“,

schreibt Pavlina. Und was versteht er unter creating und delivering?

  • „Creating value means expressing your unique talents and skills in a way that can potentially benefit others.
  • Delivering value means ensuring that other people are actually receiving and benefiting from the value you’ve created.“

Kreativ sein, Werte schaffen, das zeichnet die Kreativen, die KünstlerInnen aus. Aber:

„If you only create value but don’t deliver it, then your value isn’t being received by anyone. So how can you receive value (such as money) in return?“

fragt sich Pavlina und sieht vor allem die Kreativen, die KünstlerInnen der Gefahr ausgesetzt, sich zu sehr um das Schaffen von Werten zu kümmern und dabei deren Verbreitung aus den Augen zu verlieren.

Aber auch andersherum ist es nicht optimal, denn wer Werte unter die Leute bringt, aber nicht kreativ ist, „handelt“ mit den Werten anderer. Das Problem dabei: erweist sich das „Geschäft“ als erfolgreich, können andere schnell auf diesen Zug aufspringen, denn

„there’s nothing particularly special about delivering other people’s value. Anyone can do it.“

Das heißt, wenn die Einzigartigkeit dessen, was man schafft, fehlt, dann wird man sehr schnell jede Menge Konkurrenten um sich haben.

Heißt aber, Werte zu schaffen und zu vertreiben auch automatisch Geld zu verdienen? Diese Frage ist, finde ich, gerade im Hinblick auf den Kunst-und Kulturbereich interessant. Pavlina meint zwar, der finanzielle Erfolg würde sich quasi von alleine einstellen, was auf der individuellen Ebene der Fall sein mag. Aber es geht schon auch darum, den Wert von Kunst und Kultur zu vermitteln und hier wäre dann die Kulturpolitik gefragt. Allerdings in Kooperation mit den KünstlerInnen.

Wenn es deren Stärke ist, Werte zu schaffen, dann muss ihr Ziel sein, sich mit Menschen zusammen zu tun, deren Stärke die Vermittlung dieser Werte ist. Aber auch hier gilt: es geht nicht nur um die Bereitstellung von Kommunikationskanälen.

Bleiben wir im Kunstbereich. Hier tun sich viele KünstlerInnen mit Galerien, Agenturen oder KulturmanagerInnen zusammen, weil sie darauf bauen, dass die über die Fähigkeit verfügen, die Werte, die von den KünstlerInnen geschaffen werden, zu kommunizieren und damit AbnehmerInnen zu finden. Über das entsprechende Wissen, wie diese Kommunikationskanäle aussehen und wie sie funktionieren, verfügen, nehme ich mal an, alle, die solcherart arbeiten.

In unserem angenommenen Fall geht es nun aber natürlich auch darum, dass es den Galerien, Agenturen und KulturmanagerInnen gelingt, etwas zu anzubieten, was für die KünstlerInnen einen Wert darstellt, in diesem Fall Kundenkontakte bzw. ein Netzwerk, über das es gelingt, die Kunstwerke zu verkaufen. Creating values ist also auch hier ein notwendiger Bestandteil für den Erfolg. Wer aber sagt mir, dass ich beispielsweise als Kulturmanager überhaupt dazu in der Lage bin, solche Werte zu schaffen? Pavlinas Antwort scheint simpel:

„If you’re creating and delivering genuine value, and you suddenly stop, people will notice. People will definitely care. Your contribution will be seriously missed.“

Auf der anderen Seite:

„If, however, hardly anyone cares that you stopped, that should tell you something. It means that people just didn’t value your creative output… not really. What you were doing was either unnecessary or easily replaced. You weren’t yet living as a conscious, self-actualized human being. You held back from shining as brightly as you could have.“

Darin besteht, denke ich, die große Herausforderung, aber auch die große Chance sowohl für die KünstlerInnen, aber auch für all diejenigen, die im Kunst- und Kulturbereich arbeiten. Es gibt unendlich viele KünstlerInnen, die meisterlich darin sind, Werte zu schaffen, die für einzelne von uns, aber auch für die Gesellschaft insgesamt von Bedeutung sind. Manche sind ebenso meisterlich darin, dies auch zu kommunizieren, zu vermitteln. Paulo Coelho ist meiner Meinung nach ein gutes Beispiel dafür.

Ich habe ihn aber auch deshalb genannt, weil er ein wahrer Meister darin ist, das Social Web für sich und seine Kunst zu nutzen. Noch nie war es so einfach, über die verschiedenen Kanäle so viele Menschen zu erreichen. Einfach bedeutet nicht leicht. Es ist eine Kunst, die Menschen auf diese Weise anzusprechen. Paulo Coelho beherrscht diese Kunst, insofern lohnt es sich, sich das, was er tut, genau anzuschauen und davon zu lernen. Wem das gelingt, auf der einen Seite  Werte zu schaffen und auf der anderen Seite deren Relevanz anderen zu vermitteln, dem werden Finanzkrise, Rezession, etc. nichts anhaben können, ganz im Gegenteil.

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USA: für die Museen geht es ums Überleben

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© Claus-P. Schulz; Pixelio

Von Nouriel Roubini, Wirtschaftsprofessor in New York, existiert ein ganz interessantes Paper, in dem er ein Szenario der derzeitigen FInanzkrise entwirft. Zwar bezieht er sich hauptsächlich auf die USA, aber wir wissen ja wie das ist, wenn Amerika einen Schnupfen bekommt.

In zwölf Schritten sieht er uns auf die finanzielle Katastrophe zusteuern und um es kurz zu machen: bis jetzt liegt er nicht falsch mit seinen Prognosen, denn sein Paper wurde bereits Ende Februar veröffentlicht. Zu einer Zeit also, da der Begriff Finanzkrise noch nicht in unserem alltäglichen Wortschatz enthalten war.

Zu den Auswirkungen dieser Krise auf die amerikanischen Museen habe ich einen ganz interessanten Artikel im Wall Street Journal gefunden. In „After the Building Boom“ beschreibt Alexandra Peers sehr detailliert die aktuelle Situation der Museen. Der Boom der letzten zwei Jahrzehnte sei vorbei und die Museen sehen sich mit einer Situation konfrontiert, die in diesem Ausmaß noch niemand erlebt hat, konstatiert sie.

Das Problem: viele Museen haben in den letzten Jahren expandiert und sich teure Neubauten geleistet. Finanziert wurden sie meist mit Unterstützung derer, deren Unternehmen jetzt in großen Schwierigkeiten stecken. Glück haben die, die über die Planungsphase noch nicht hinausgekommen sind und ihr Vorhaben entweder redimensionieren oder ganz davon lassen.

Was tun? Chad M. Bauman spricht es in seinem Arts Marketing Blog ganz offen aus:

„As the anemic economy lingers, I have gotten more and more questions, from press, board members and colleagues, about what I believe the impact will be of the worsening economic crisis. As I wrote in an earlier post, the honest answer is — I don’t know.“

So geht es wohl derzeit allen in den USA. Und wie sieht es bei uns aus? Natürlich hängen Kunst und Kultur nicht von den Spenden der Investmentbanker ab, aber ob wir uns deshalb wirklich in Sicherheit wiegen können? Wahrscheinlich muss die Antwort auch bei uns lauten: I don’t know…