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Welche Faktoren beeinflussen den Konzertbesuch?

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Die Frage, wie Kultureinrichtungen es schaffen, Menschen für ihre Arbeit zu interessieren und sie dazu zu bringen, dass sie als zahlendes Publikum dem Theater, Museum oder Orchester unter anderem das finanzielle Überleben ermöglichen, gewinnt vor dem Hintergrund leerer öffentlicher Kassen an Bedeutung. Die Zukunftsszenarien wirken immer bedrohlicher, selbst Schließungen werden mittlerweile in Betracht gezogen. Weniger öffentliche Mittel, sinkende Besucherzahlen, welche Möglichkeiten haben Kulturbetriebe eigentlich, um sich aus dieser Situation befreien zu können? „Orchestra Audience Growth Initiative“ nennt sich ein Projekt, das vom Beratungsunternehmen Oliver Wyman vor zwei Jahren gemeinsam mit amerikanischen Orchestern durchgeführt wurde und versucht hat, das Besucherverhalten im Konzertbereich zu analysieren und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Das Ergebnis ihrer Analyse war ziemlich ernüchternd, denn
  • „90% of first-time concertgoers never return
  • 60% of occasional concertgoers don’t purchase tickets the following season“,
heißt es auf der Website. Den neun renommierten Orchestern gelingt es zwar, dank ihrer Attraktivität eine Vielzahl neuer BesucherInnen zu gewinnen. Auf der anderen Seite gehen ihnen aber auch fast gleich viel BesucherInnen wieder verloren:
„While the orchestras were good at attracting newcomers to concerts, they were having trouble getting people to come back for a second concert or sign up for a multi-concert subscription. It is the same customer churn phenomenon that afflicts businesses dependent on repeat-purchases and subscriptions, such as mobile phone operators, cable TV companies, airlines, and banks, and fast food restaurants.“
Das bedeutet, der Versuch, etwas gegen den Zuschauerschwund zu tun, ist nur teilweise vom Erfolg gekrönt. Zwar lassen sich viele Menschen für einen ersten Konzertbesuch begeistern, aber es gelingt nicht, sie zu halten. Im Rahmen des Projektes wurden 16 Faktoren herausgearbeitet, die Einfluss auf das Besucherverhalten nehmen. Die Grafik (zum Vergrößern bitte anklicken) bietet einen guten Überblick über all die Aspekte, die bei BesucherInnen die Entscheidung, ein Konzert zu besuchen, beeinflussen. Interessant ist nun aber, dass das Stammpublikum die verschiedenen Faktoren ganz anders gewichtet als diejenigen, die selten oder erstmals ein Konzert besuchen, wie die folgende Grafik (zum Vergrößern bitte anklicken) zeigt: Um die Rate derer, die den Orchestern als BesucherInnen rasch wieder verloren gehen, zu reduzieren, entstand als Antwort auf die Analyseergebnisse ein sogenanntes „Killerangebot“. Anreize, um nach dem Erstbesuch ein zweites Ticket zu kaufen sind:
  • „Discount (especially 50% off)
  • Music program (favorite composer)
  • Day of the week (Saturday)“
„Secondary incentives include promotions (free drinks …), free exchanges, music information, seat upgrades, and select-your-own seats“,
heißt es in der Zusammenfassung. Ich habe hier jetzt nur einen Punkt herausgegriffen, aber der Report bietet darüber hinaus eine Fülle weiterer Informationen und Anregungen, die sich aber wahrscheinlich nicht eins zu eins auf den deutschsprachigen Raum übertragen lassen. Interessant wäre es, ein solches Projekt auch bei uns zu starten bzw., so es ein solches Vorhaben bereits gibt oder gegeben hat, die Ergebnisse zu veröffentlichen und allen zugänglich zu machen, wie das in den USA üblich ist. Ich fürchte aber, dass entsprechende Reports bei uns nicht existieren. Unabhängig davon lohnt es sich aber auf alle Fälle, sich den „Churn Report“, dessen Analysen und Ergebnisse auf 61 Folien sehr übersichtlich dargestellt werden („Audience Growth Initiative: Detailed findings and recommendations (PDF)„), aufmerksam anzuschauen.
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Kulturbetriebe bloggen nur selten, aber…

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Es wird selten gebloggt im deutschen Kulturbereich„, so lautet das Fazit von Ulrike Schmid, die derzeit im Rahmen einer Studie das Social Media-Verhalten von Kulturbetrieben untersucht.
„Blogs sind noch sehr unterrepräsentiert bei den Kultureinrichtungen und werden oft, wenn vorhanden, nur unregelmäßig gepflegt“,
lautet ihr Fazit. Zwar beschränkt sich Schmid in ihrer Untersuchung auf Museen und Orchester, aber wahrscheinlich lassen sich ihre Erkenntnisse auch auf die anderen Sparten übertragen. Aber: so selten Blogs auch im Kunst- und Kulturbereich sein mögen. Es gibt sie, nur sind sie teilweise sehr schwer zu entdecken. So bloggt zum Beispiel die Kölner Philharmonie. Allerdings findet man auf der Website nicht einen einzigen Hinweis auf die Social Media-Aktivitäten. Erst wenn man die Seite der MusikTriennale Köln anklickt, sieht man, dass über die diesjährige Triennale nicht nur gebloggt wird, sondern die Aktivitäten auch per Twitter und Facebook angekündigt werden. So gut versteckt, ist es natürlich schwer gefunden zu werden, was schade ist, denn die Blogbeiträge sind äußerst lesenswert. Gleiches lässt sich von der Staatsoper in Hannover sagen, die aber immerhin auf ihrer Website einen Link auf ihr Ring-Blog gesetzt hat, mit dem die Ring-Inszenierungen des Opernhauses begleitet werden. Auch hier sind die Blogposts äußerst lesenswert und erlauben Einblicke in die Aktivitäten rund um die Ring-Inszenierungen. Besonders interessant ist in meinen Augen das Jugendprojekt „Rheingold – Der Film“, für das die Staatsoper in Hannover mit dem Förderpreis Musikvermittlung 2009 ausgezeichnet wurde. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Diskussionen hier im Blog, als es um die Frage ging, ob und wenn ja, wie die klassische Musik noch zu retten sei? „Rheingold – Der Film“ ist so ein Projekt, das in diesem Fall Jugendlichen den Zugang zur Oper eröffnen kann. Die Grundidee ist, „für die emotionalen Grundsituationen in Wagners Das Rheingold Bilder aus der Welt von Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren zu finden“.
„Ein spielerischer Umgang mit den Inhalten und der Musik von Das Rheingold soll in vier Videoclips münden, die die Geschichte vom verspotteten Alberich und seiner zerstörerischen Wut, von Wotans Überheblichkeit und den daraus entstehenden Konflikten über ein typisches Medium der modernen Popkultur erzählen wollen,“
heißt es in einem der Blogbeiträge. Die Herausforderung bestand anfangs darin, die Jugendlichen für das Vorhaben zu begeistern,
„denn für sie ist Oper zunächst einmal langweilig und doof, etwas für Opas und Omas, oft aber auch einfach nur die Kultur der besser verdienenden Schichten“.
In diesem und im nächsten Monat sind acht Drehtage geplant, in denen die Jugendlichen vier Videoclips produzieren. Die Musik dazu kommt von der heimischen Band „Violent Girls“.
Kommentare gibt es, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, auf beiden Blogs keine. Jetzt könnte man versuchen herauszufinden, woran es liegt, dass hier keine Interaktion stattfindet? Ist es die Art der Beiträge oder sind es die Themen? Über Wagner oder Karlheinz Stockhausen, von dem im Triennale-Blog die Rede ist, diskutiert es sich ja auch nicht so leicht. Insofern empfinde ich es nicht als negativ, dass Kommentare bis jetzt ausgeblieben sind. Auch durch Lesen lassen sich manche Hürden abbauen und vielleicht sieht die Sache in Kürze ganz anders aus? Nein, die fehlenden Kommentare kritisiere ich nicht, die mangelnde Sichtbarkeit der beiden Blogs allerdings schon.
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Die britischen Orchester fordern staatliches Commitment ein

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„We want government to value orchestras, fund us wisely, legislate supportively and make a real commitment to maintaining music education in schools. It is crucial if we’re to give our future generations the opportunity to experience music and reap its social benefits that it must begin from a young age – and be a key part of classroom education“,
wird Tim Walker, Vorsitzender der „Association of British Orchestras“ und künstlerischer Leiter des „London Philharmonic Orchestra„, in einer Presseaussendung anlässlich der Präsentation des Manifests „A Platform for Success: A Five Year Vision for Orchestras“ zitiert. Darin versprechen die Orchester nicht nur, mehr Menschen mit ihrem musikalischen Angebot zu erreichen, sondern auch den Nachwuchs zu fördern. Ins Auge ist mir dabei im zwölfseitigen Manifest der folgende Satz gefallen (S.9):
„We will experiment with and push the boundaries of technological and digital innovation to introduce new audiences to orchestral music.“
150 Orchester, die in der ABO zusammen geschlossen sind, erkennen in der Nutzung digitaler Medien eine Chance, ein neues Publikum für ihre Kunst zu gewinnen. Es wird spannend sein, die Orchester dabei zu beobachten, welche Maßnahmen sie in diesem Zusammenhang ergreifen werden. Im Gegenzug fordern die Orchester die Politik auf,
  • „(to) recognise the economic impact orchestras have on their towns, cities and regions and acknowledge the extent of the return on public investment,
  • (to) continue to support commercial and public service broadcasters to enable them to provide a platform for and access to orchestral music,
  • (to) improve the tax system to enhance private giving from corporations and individuals,
  • (to) sustain public investment in local authorities to enable them to continue supporting orchestras, concert halls and local promoters and
  • (to) support the ABO’s ambition to provide a live concert experience for every child during their time at school.“
Das „Manifest“ enthält jede Menge interessante Anregungen und zeugt davon, dass man sich erstens dem Ernst der Lage bewusst ist und zweitens nicht einfach nur nach öffentlichen Geldern schreit, sondern sehr differenziert an das Thema herangeht. Bleibt abzuwarten, ob es gelingt, klassische Musik und Orchester auf diese Weise zu „retten“.
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„Art must die“

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© Helge Haibach; Pixelio
„we shall let the past remain the past, the future—the future, and we shall live only in the present, in the here and now, and create works for the present age alone.“
zitiert Alex Ross in seinem Blogpost „Art must die“ aus einem Brief, den Richard Wagner 1850 an Franz Liszt geschrieben hat und schlussfolgert daraus:
„If you really wanted to be true to the spirit of Wagner, you would stop playing him and focus on new work instead.“
Als ich dieses Blogpost gestern gelesen habe, fielen mir wieder die Diskussionen letzte Woche in Krems ein, in denen es um die Frage ging, wie man das Überleben der klassischen Musik sichern könne (siehe dazu „Classix 2.0: ‚Das Online-Erlebnis Klassik ist zu kompliziert‘„)? Vielleicht ist es gar nicht falsch, dass die künstlerischen Werke der Vergangenheit an Bedeutung verlieren und Platz machen für das Neue, das da kommt? Nur kommt da gar nicht so viel, denn wir zelebrieren lieber die Vergangenheit als uns auf das Neue einzulassen. Kehren wir noch einmal zurück zum Beispiel klassische Musik. Wenn Greg Sandow und Martin Tröndle feststellen, dass das schwindende Interesse an klassischer Musik nichts mit dem Alter zu tun hat, sondern dem Kohorteneffekt zuzuschreiben ist, dann stellt sich die Frage, ob diese historische Form von klassischer Musik nachfolgende Generationen einfach nicht mehr anspricht? Das Problem: zeitgenössische Musik ist schwer vermittelbar. Heißt es. Die Frage ist, ob dafür genug getan wird? Einerseits sind die (finanziellen) Rahmenbedingungen für KomponistInnen heute alles andere als rosig. Andererseits dominieren Bach, Mozart & Co. immer noch den heutigen Musikunterricht, wenn es um klassische Musik geht. Würde es nicht Sinn machen, neuen Kohorten neue Musikangebote zu unterbreiten? Kulturblogger Christian Holst bringt die Sache auf den Punkt, wenn er in seinem gestrigen Beitrag „Airbag für die Pferdekutsche: Innovation im klassischen Konzert“ die Frage stellt:
„(…) ob man das «bürgerliche Konzert» als ausreichend wichtiges kulturelles Erbe erachtet, (um) es weiterhin zu fördern und zum kulturellen Kanon zu rechnen.“
Statt also „bürgerliche Konzerte“ zu fördern, könnte die Kulturpolitik dazu übergehen, zeitgenössische Musik zu fördern. Gleichzeitig müsste es darum gehen, Kindern für Musik zu interessieren und zu begeistern. Das funktioniert einerseits über das Erlernen eines Instruments, wie Christian Holst es in einem Kommentar schon angemerkt hat. Andererseits müssten aber auch Vermittlungsprogramme entwickelt werden, wie sie beispielsweise von KulturKontakt Austria in Form des Programms p[ART] schon angeboten werden. Nichts gegen die finanzielle Unterstützung von Konzert- und Opernhäusern, aber wenn im Rahmen von p[ART] im Jahr 2009 zehn und in diesem Jahr fünf Projekte unterstützt werden, in denen Schulen und Kultureinrichtungen zusammenarbeiten, dann wird klar, warum sich die nachwachsenden Generationen kaum noch für, in dem Fall, klassische Musik interessieren. Sie haben eigentlich gar keine Chance und im Endeffekt interessiert es auch niemanden. Nur die Konzertsäle sollten sie schon bitte füllen. Und ein paar CDs kaufen.
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Classix 2.0: „Das Online-Erlebnis Klassik ist zu kompliziert“

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Design: M. Zehndorfer Klassische Musik wird zwar immer als sehr wichtig für die Gesellschaft bzw. die Kultur eines Landes angesehen. Vor allem ein Land wie Österreich setzt in vielen Bereichen, z.B. dem Tourismus, auf seine „klassische“ Vergangenheit. Aber vom Glanz der Vergangenheit ist in der Gegenwart wenig übrig geblieben. Was also tun? Der  3rd Austrian Mobile Music Day, den das Department für Arts und Management der Donau-Universität in Krems organisiert hatte, trug den Titel Classix 2.0 und verknüpfte damit die Frage nach digitalen Strategien zur Rettung der klassischen Musik. Vorweg: die Rahmenbedingungen dort sind perfekt, ein angenehmer Rahmen, tolle Organisation und eine Größenordnung, die es einem leicht macht, mit anderen TeilnehmerInnen ins Gespräch zu kommen. Danke daher an das Team rund um Eva Maria Stocker, die als Leiterin des Zentrums für zeitgenössische Musik das Konzept für diesen Tag entwickelte und in ihrem Eröffnungsstatement die nicht unwichtige Frage stellte, was Klassik denn eigentlich sei? Ohne hier die entsprechenden Definitionen zu rekapitulieren, bleibt festzuhalten: das Spektrum ist gewaltig, was im Hinblick auf die Zukunft der klassischen Musik sowohl Vor- als auch Nachteil sein kann. Und was auch ein Thema ist: es wird zwischen U- und E-Musik unterschieden. Ob diese Einteilung wirklich noch zielführend, sei dahingestellt. Wenn ich mich nicht täusche, kennt nur der deutschsprachige Raum diese strikte Trennung. Klassik kommt also immer weniger an. Zum Ausdruck kommt das auf verschiedene Weise. Während Martin Tröndle, Professor für Kulturbetriebslehre und Kunstforschung, sich vor allem mit den Folgen für die Konzert- und Opernhäuser beschäftigt, ging es in Krems eher um die Klassikprodukte für den Hausgebrauch, sprich Vinyl, CD und mp3. Wie können die digitalen Geschäftsmodelle der Zukunft aussehen fragte sich Gerrit Pohl (Axel Springer Media House) in seiner Keynote. Angesichts sinkender Verkaufszahlen im Klassikmusikbereich hinterfragte er das derzeitige Geschäftsmodell. Insgesamt gesehen scheint das Geschäft mit legalen Downloads so allmählich in die Gänge zu kommen. So konnten in UK die Downloadverkäufe erstmals den Rückgang im CD-Bereich ausgleichen, berichtete Pohl, der dafür verschiedene Faktoren verantwortlich macht. Es stehe eine Vielzahl von Endgeräten zur Verfügung, unsere Internetverbindungen sind schneller geworden, man komme dem Ziel einer Standardisierung der Formate immer näher und nicht nur das Qualitätsbewusstsein steige, sondern auch die Zahlungsbereitschaft der UserInnen. Vor diesem Hintergrund bleibt der Verkauf klassischer Musik hinter den Erwartungen zurück, ihr Anteil an den Downloadverkäufen liegt derzeit bei sieben Prozent. Was sind die Gründe dafür? Pohl kam zu dem Ergebnis, dass es weder am Prinzip Download noch an der fehlenden Zahlungsbereitschaft liegen könne. Und dass sich niemand für klassische Musik interessiere, müsse so auch nicht stimmen, immerhin gäbe es eine Mozart-Fanseite auf Facebook, die derzeit über 189.000 Fans habe. Bei einer Stichprobe von 100 dieser Fans habe er ein Durchschnittsalter von 22 Jahren feststellen können. Warum, so seine Frage, kaufen die keine klassische Musik? Pohl beantwortete die Frage gleich selbst, in dem er feststellte, dass das Online-Erlebnis Klassik zu kompliziert sei. Die Suchkosten seien zu hoch, da Google mit seinen unzähligen Links eher als Barriere wirke.  Hinzu käme, dass jeder Anbieter klassischer Musik sein eigenes Süppchen koche. Eine Lösung dieses Problems bot Pohl auch an, ihm schwebt ein Portal vor, das alle Anbieter unter einem Dach vereint und die UserInnen mit Infos versorgt und ihnen die Möglichkeit zum käuflichen Erwerb von klassischer Musik anbietet. Weitere Schlagworte Ticketverkauf, Veranstaltungskalender, Community und Premium-Service. Das alles so gebündelt und SEO-optimiert, dass man mit diesem Portal bei Google ganz oben lande. „Boa, ej.“ So ähnlich dachte ich auch, als ich das hörte. Stellen Sie sich vor, dass das Internet aus unzähligen Eingängen besteht. Und nun wollen Sie, dass alle Ihren, und nur Ihren Eingang wählen. Realistisch? Genau… Die Ausführungen, wie so ein „Merger“ aussehen und welche tollen Angebote man da entwickeln könnte (auch Blogs wie das von Zamboni würden darin einen Platz finden) waren irgendwie herzig. Aber auch so realitätsfremd, dass mir bis zum Schluss nicht klar war, ob das alles ernst gemeint war. War es aber. Zurück zur Mozart-Fanseite auf Facebook. Ich habe keine Ahnung, wer sie betreibt und welche Ziele damit verfolgt werden. Der letzte Eintrag stammt vom 20. September 2008 und sieht so aus: Seitdem gibt es keinen Eintrag mehr und trotzdem ist die Zahl der „Fans“ auf fast 190.000 angestiegen. Hätte ich Mozart in meinem Repertoire, würde ich mal ganz vorsichtig versuchen, hier aktiv zu werden, anstatt den Traum von der Rückkehr des Gatekeepers zu träumen. Nicht ganz unwesentlich ist in diesem Zusammenhang die Frage, wer denn eigentlich klassische Musik hört? Die von Michael Huber, Mitarbeiter am Institut für Musiksoziologie (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) vorgestellte Studie „Wozu Musik“ bot in dieser Hinsicht wertvolle Aufschlüsse. Klassische Musik wird, so eine Erkenntnis, häufig ganz bewusst gehört und nicht als Klangkulisse nebenbei verwendet. Das heißt, klassische Musik wird besonders aufmerksam gehört und, auch das ist wichtig, sie wird meist alleine gehört. Die Vermutung liegt nahe, dass das zu Hause geschieht. Nachdem dort meist noch die Stereoanlage zu finden ist, nutzen Klassikliebhaber, so Huber, die digitalen Medien sehr viel seltener als Musikhörer allgemein. Klassik auf dem Mp3-Player, um die Busfahrt zu überbrücken, das ist noch die Ausnahme. Nicht überraschend ist es, dass es eine Vielzahl von Klassikmusikliebhabern gibt, die nie oder nur selten ein Konzert besuchen. Diese NichtbesucherInnen klassischer Konzerte, so lautet eine der in meinen Augen wichtigsten Ergebnisse dieser Studie, sind über die digitalen Medien erreichbar. Das heißt, klassische Musik muss dort auffindbar sein. Unter anderem in Form von Video- oder Audiofiles. Die von Carsten Winter, Professor für Medien- und Musikmanagement in Hannover, geleitete Diskussion zum Thema „Mp3 und Kunst“ griff genau dieses Thema auf, zeigte aber auch sofort ein Dilemma der jetzigen Situation. Gestritten wurde vor allem über die Frage, ob die Mp3-Datei die CD bzw. die Schallplatte als Endprodukt ablösen kann oder nicht. Geht es aber darum, mit Hilfe des Social Web das Interesse an klassischer Musik zu wecken, ist die Frage der Qualität eher nebensächlich, behaupte ich. Abstriche in der Qualität nahm beispielweise das Landestheater Linz in Kauf, als es die von Philipp Glas als Auftragswerk komponierte Oper Kepler in mehrere Kinos übertrug. 3.000 Kinokarten wurden gratis verteilt, berichtete Thomas Königstorfer, der kaufmännische Direktor, in seiner Präsentation, was eine Auslastung in den Kinos von 90 Prozent bedeutete. Im Unterschied zu den Liveübertragungen der Met, bei denen die Ticketpreise recht hoch sind (siehe dazu mein Blogpost „Oper außerhalb der Oper scheint zu boomen„), konnte man hier also kostenlos Oper im Kino erleben. Ein anderes Format, um neue Zielgruppen für Oper bzw. klassische Musik zu gewinnen, präsentierte Stephan Steigleder, Director Digital Media für die Bereiche Klassik und Jazz bei Universal mit der Yellow Lounge. Das Konzept:
„DJs legen klassische Musik auf. Alles von Bach bis Ligeti, wohl ausgesucht und durch raffinierte Übergänge miteinander verbunden. Gute Getränke, kommunikative Stimmung“,
wird die Idee auf der Website beschrieben. Nicht ohne Grund erregte vor allem die Yellow Lounge das Interesse der KonferenzteilnehmerInnen. Ich denke, klassische Musik aus ihrem traditionellen Rahmen zu lösen und Kunst als soziales Event zu begreifen und zu inszenieren, ist ein möglicher Weg, um Menschen für die Klassik zu begeistern.
„We keep talking about finding ways for people to connect with our particular art form. But people don’t want to connect to art . . . they want to connect to other people“,
hat Adam Thurman schon vor längerer Zeit in einem Blogpost geschrieben. Ich habe schon des öfteren auf diesen Beitrag hingewiesen, weil er meiner Meinung nach der Schlüssel ist, um Menschen für Kunst zu begeistern. Wohlgemerkt zu begeistern, nicht als Staffage zu betrachten. Zwar meinte Steigleder, dass es nicht seine Aufgabe sei, Konzerte zu organisieren, sondern CDs zu verkaufen. Aber wo steht geschrieben, dass die Wertschöpfungskette immer die gleiche bleibt? Gelingt es, das Konzept der Yellow Lounge ins Internet zu übertragen, könnte es gelingen, das Ansehen von klassischer Musik wieder zu heben. Die Frage ist aber, ob der Erfolg in der Steigerung der Verkaufszahlen besteht? Dass das eine Plattenfirma so sieht, ist verständlich, aber man sollte auch berücksichtigen, dass sich unser Konsumverhalten zu verändern begonnen hat. Wir müssen Musik nicht mehr besitzen, seitdem wir sie fast unbegrenzt konsumieren können. Wie hat Jeremy Rifkin in seinem Buch Access geschrieben?
„Hergebrachte Institutionen, die auf Eigentum, Austausch, Markt und materieller Akkumulation basieren, werden allmählich ausgehöhlt. So bricht sich ein Zeitalter Bahn, in dem Kultur die wichtigste kommerzielle Ressource, Zeit und Aufmerksamkeit der wertvollste Besitz und das Leben eines jeden Menschen zum ultimativen Markt werden.“ (Seite 19)
Die abschließende von Albert Hosp geleitete Podiumsdiskussion, an der ich teilnehmen durfte, wurde vom Thema Social Web bestimmt. Helen Porter, die die Twitter-Oper der Royal Opera vorstellte (siehe dazu: „Royal Opera House: Tradition und Social Media„), lieferte mit diesem Beispiel den besten Beweis, dass es nicht nur darum geht, über einen tollen Onlineshop zu verfügen, sondern das partzipative Potenzial des Social Web zu nutzen. Ein mindestens ebenso spannendes Beispiel lieferte Stefan Niederwieser mit dem Projekt Re:Haydn.
Fazit: Ob es klassische Musik in der Form, wie wir sie kennen, in einigen Jahren noch geben wird, vermag niemand zu sagen. Vielleicht genießen wir sie zukünftig in Form von „Häppchen“ wie in der Yellow Lounge oder in Form von Projekten, die Re:Haydn ähneln. Solche Formate und Projekte werden eine viel stärkere Wirkung entfalten, wenn sie in Social Media-Aktivitäten eingebunden sind. Ansätze dazu sind vorhanden, aber das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. PS: Auch in Stockholm gab es eine Konferenz, die sich mit der Musikbranche beschäftigte. Hier ist der Bericht.
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Gratisdownload im Internet: Auch für die klassische Musik ein Thema?

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Bis jetzt kannte ich die Idee, eigene Musik gratis im Internet zum Download anzubieten, nur von Musikgruppen wie z.B. Radiohead. Jetzt habe ich aber bei Reuters einen Artikel gefunden, der zeigt, dass dieser Ansatz mittlerweile auch im Bereich der klassischen Musik aufgegriffen wird. Hazel Davis erzählt in ihrem Beitrag „Classical artists embrace digital culture“ von Tasmin Little, einer Geigerin, die ihr aktuelles Album zum kostenlosen Download anbot. Der Erfolg sei phänomenal gewesen, erzählt Little, so sei z.B. die Zahl der monatlichen Page Impressions von 5.000 auf 150.000 angestiegen.
„The idea is that people will go and buy (more classical) repertoire“,
beschreibt Little ihr Ziel. Hazel Davis ist der Ansicht, dass diese Strategie im Bereich der klassischen Musik aufzugehen scheint.
„Digital music service eMusic, which recently expanded the range of classical music available on its site, says its customers have responded to free downloads. Half the customers who downloaded one of two recent free classical samplers from classical labels BIS Records and Harmonia Mundi went on to purchase additional classical music, according to the service“,
schreibt sie. Ein weiteres Beispiel ist die kanadische Geigerin Lara St. John, die von ihrem letzten Album 73 Prozent auf digitalem Weg verkaufte. St. John betreibt ihr eigenes Label und ist begeistert von den Möglichkeiten, die ihr das Internet bietet:
„I adore the fact that it’s possible for my little label to be on the same distribution level (in the digital space) as various behemoths,“
wird sie zitiert. Bemerkenswert ist dieser Artikel, weil er zeigt, dass es nicht nur die bekannten KünstlerInnen sind, die das Internet erfolgreich für den Vertrieb einsetzen. Noch können wir nicht von Gesetzmäßigkeiten sprechen, aber ich denke, wir werden schon in ein paar Monaten erkennen können, ob hier neue Geschäfts- und Vertriebsmodelle entstehen. Weitere Beiträge zum Thema: Die Sache mit den Raubkopien Kostenlos: „So nobody’s going to make any money?“ Geht es der Musikindustrie wirklich so schlecht? Den Preis selbst bestimmen: Die neue Radiohead CD
Das Publikum nimmt an einem Konzert im Musikverein Wien teil, in dem klassische Musik gespielt wird
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Wer hört eigentlich klassische Musik?

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Durch Zufall bin ich auf das Blog von Greg Sandow gestoßen, in dem er sich mit dem Publikum im Bereich der klassischen Musik beschäftigt. In einem im letzten November verfassten Beitrag hat er Zahlen über das Alter von Konzertbesuchern im Bereich Orchestermusik zusammengetragen, wobei sich diese nur auf Amerika beziehen. 1937 hatte das Publikum dort einen Altersdurchschnitt von etwa 30 Jahren. In den frühen 60iger Jahren betrug das durchschnittliche Alter der Konzertbesucher bereits 38 Jahre, schreibt Sandow und beruft sich dabei auf die vorhandene Literatur (u.a. Baumol/Bowen: The Performing Arts: The Economic Dilemma; übrigens noch immer ein lesenswertes Buch). 1982 wies das Publikum im Bereich der klassischen Musik bereits ein durchschnittliches Alter von 40 Jahren auf, 1992 betrug es 45 und 2002 bereits 49. Sandow zitiert einen NEA Report von 1997, in dem festgestellt wurde, dass das Publikum im Bereich der klassischen Musik schneller altert als die Bevölkerung insgesamt (der Report steht hier zum Download zur Verfügung) .

Altersgruppe statt Kohorte

Interessant die Schlussfolgerungen, die Sandow daraus zieht. Seiner Meinung nach dürfen wir uns auf der Suche nach unserem Publikum nicht auf bestimmte Altersgruppen konzentrieren, sondern unser Augenmerk auf die „Kohorte“ richten. Die Demographie versteht darunter eine Personengruppe mit einem gemeinsamen zeitbezogenen Charakteristikum, also zum Beispiel dem Geburtsjahr. Sandow kommt bei der Analyse des Zahlenmaterials zu dem Ergebnis, dass es vor allem die zwischen 1948 und 1957 Geborenen sind, die als Konzertbesucher die größte Gruppe stellen. Sie waren es sowohl 1992 als auch 2002, wie die Zahlen zeigen. Und die Tatsache, dass der Anteil dieser Gruppe am Gesamtpublikum 2002 größer ist als zehn Jahre zuvor, beweist noch etwas anderes: es kommen keine „Kohorten“ mehr nach. Für Sandow der Hinweis darauf, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, die Menschen würden mit zunehmendem Alter vermehrt klassische Musik konsumieren. Diesen Automatismus gibt es nicht und so gilt es Konzepte zu entwickeln, Menschen für klassische beziehungsweise Orchestermusik zu gewinnen und zu begeistern. Update: In diesem Blogbeitrag wurden am 8.11.2018 die Links aktualisiert