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Wo sperrt das nächste Theater oder Museum zu?

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Gerade habe ich mir die die Petition gegen die Schließung des Thalia Theater in Halle durchgelesen, die an die Kultusministerin in Sachsen-Anhalt gerichtet ist. Das Thalia Theater ist, so heißt es in der Petition, das einzige Kinder- und Jugendtheater in Sachsen-Anhalt und soll nun, quasi als sprichwörtliches fünftes Rad der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle geschlossen werden.

Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, fällt mir folgendes auf: die Zahl der Petitionen, in denen gegen die Schließung einer Kultureinrichtung oder den Wegfall von Programmschienen protestiert wird, nimmt zu. Ich finde es immer bedauerlich, wenn ein Museum oder ein Theater zugesperrt wird bzw. zugesperrt werden soll. Noch schlimmer ist es, wenn es sich um ein Kinder- und Jugendtheater wie in diesem Fall handelt. Wer Kinder- und Jugendtheater schließt, ist mitverantwortlich für sinkende Besucherzahlen in der Zukunft.

Bedenklich ist dabei auch das Prozedere. Die Kulturpolitik hat sich mittlerweile ihrer Verantwortung entledigt und lässt es zu, dass ein Theater per Aufsichtsratsbeschluss geschlossen wird und die Schließung mit hohen Personalkosten und drohender Insolvenz begründet wird. Wenn der politische Wille da war, wurden schon ganz andere Unternehmungen mit sehr viel höherem Kapitalbedarf am Leben erhalten. Das heißt, hier handelt es sich um ein Versagen der Kulturpolitik, die nicht in der Lage ist, entsprechende Konzepte zu entwickeln (oder sie entwickeln zu lassen), in denen der entsprechende Bedarf geregelt wird.

Man kann durchaus Kulturbetriebe schließen, sollte das aber kulturpolitisch begründen. Man möge mir verzeihen, wenn ich hier schon wieder auf den Blogbeitrag verweise, in dem Pius Knüsel der Satz in den Mund gelegt wird, „(a)us kulturpolitischer Sicht spielt das einzelne Projekt, das einzelne Haus oft keine Rolle.“ Mag sein, aber die Frage sei erlaubt: wo ist hier das kulturpolitische Konzept, wo ist hier die von Knüsel angesprochene Makro- und Mikroebene?

Sich gegen fehlende Konzepte und Schließungen zu wehren, ist legitim und wahrscheinlich auch berechtigt. Nur sind Petitionen auf Dauer nicht der richtige Weg. Sie können im besten Fall verhindern, dass ein einzelner Kulturbetrieb nicht geschlossen wird, das Problem an sich können sie nicht lösen. Hier ist die Kulturpolitik gefordert, die einen noch zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise Glauben machen wollte, die Förderungen für Kunst und Kultur seien sicher. Sie sind es nicht, wie wir mittlerweile wissen, aber zugegeben hat das bis jetzt noch niemand. Und entsprechende Konzepte, um darauf zu reagieren, gibt es auch noch nicht.

Wie können solche Konzepte aussehen? Wieviel Kunst und Kultur wollen wir als BürgerInnen eigentlich? Wahrscheinlich gar nicht so viele, wenn man nicht nur den kleinen exklusiven Kreis derer, die die kulturellen Angebote nutzt, befragt. Aber die Diskussion muss geführt werden, sonst wird uns jeden Monat eine neue Petition zur Unterschrift vorgelegt.

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KulturInvest 2010: ein Resümee

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Als ich am Samstag auf meinen Rückflug nach Wien wartete, habe ich mir meine Aufzeichnungen angeschaut und gleichzeitig noch einmal meinen Bericht über den ersten Tag des Kulturinvest Kongresses 2010 durchgelesen. „Alles wird anders“ habe ich ihn überschrieben, wobei es jetzt natürlich spannend wäre, die Frage zu beantworten, wie dieses „anders“ aussehen könnte?

Kunst und Kultur aus verschiedenen Blickwinkeln

Wahrscheinlich lässt sich diese Frage aber gar nicht pauschal beantworten, denn wenn wir von Kunst und Kultur und ihrer Zukunft sprechen, dann ist diese Frage mit verschiedenen Erwartungen verbunden. Bei diesem Kongress waren drei Gruppen vertreten, die derzeit maßgeblich dazu beitragen, dass Kunst und Kultur bei uns stattfindet. Da haben wir auf der einen Seite die Kulturpolitik, die ihre Zielvorstellungen eher vage formuliert.

„Wir setzen uns dafür ein, dass das öffentlich getragene Kulturangebot allen offen steht. Soziale Situation, Migrationshintergrund oder Mobiltät dürfen keine Zugangsbarrieren darstellen. Das Kulturangebot muss flächendeckend und erschwinglich, aber es muss auch in einem übertragenden Sinne ‚naheliegend’ sein. Ob Menschen sich für Kunst und Kultur interessieren, sich daran freuen können und sich davon herausfordern lassen, ist ganz wesentlich davon abhängig, wann und wie sie damit in Berührung gekommen sind. Darüber darf nicht Herkunft, Bildungs- und Sozialstatus entscheiden. Wir wollen, dass alle die Chance haben, am kulturellen Leben teilzunehmen,“

schreibt etwa die in Nordrhein-Westfalen für Kultur zuständige Ministerin Ute Schäfer in der September-Ausgabe von Politik und Kultur auf Seite 3. Das klingt alles gut und schön, aber diese Ziele lassen sich wohl mit sinkenden Budgets kaum erreichen. Wäre es nicht sinnvoll, sich jetzt der Realität zu stellen und sich Gedanken darüber zu machen, wie man Ziele und Budgets in Einklang bringen kann? Auf dem Kongress waren von Herrn Ehrmann abgesehen keine KulturpolitikerInnen vertreten. Und der sprach über vieles, aber leider nicht über kulturpolitische Ziele.

Sponsoring ist mehr als Leistung und Gegenleistung

Zweitens sind da die Sponsoren, die natürlich ihre eigenen Ziele verfolgen. Da geht es um Image, Werbung, Kundenbindung, aber auch um das Wahrnehmen von gesellschaftlicher Verantwortung. Das klingt sehr hochtrabend, daher gefällt mir das, was Susanne Lang und Veronica Scheubel vom Centrum für Corporate Citzenship in ihrer Präsentation „Vom Sponsoring zum gesellschaftlichen Engagement“ konstatieren (dieser Vortrag ist schon älter und wurde nicht auf dem Kulturinvest Kongress gehalten). Auf Folie 8 halten sie fest, dass Sponsoring ein Geschäft auf Gegenseitigkeit zwischen zwei Partnern sei, bei dem Leistung und Gegenleitung klar definiert seien. Nachhaltig sei Sponsoring aber erst dann,

„wenn alle Anstrengungen der Partner nicht nur auf die Zielerreichung ausgerichtet sind, sondern ausdrücklich einen Nutzen und Zufriedenheit für die gemeinsamen Zielgruppen anstreben.“

Ein Beispiel für diese Nachhaltigkeit liefert BMW, das seit nunmehr 15 Jahren das Projekt „Oper für alle“ unterstützt. Wenn nun aber der Automobilkonzern seit eben so vielen Jahren auf allen Konferenzen als Bestpractice herhalten muss, dann stellt sich mir irgendwann einmal die Frage, ob es vielleicht gar nicht so viele Beispiele für gesellschaftliches Engagement gibt und eben doch Werbung, Kundenbindung und Image im Vordergrund stehen. Ziele, die ich bei Unternehmen, denen es primär um den Verkauf von Produkten und Dienstleistungen geht, nie kritisieren würde. Wenn dieses Streben dann aber zu sehr in den Vordergrund rückt, dann schadet sich das Unternehmen mehr als es sich nützt. Das ist nicht nur beim klassischen Kultursponsoring so, sondern auch auf einem Kongress, bei dem man seine Glaubwürdigkeit schnell verspielen kann, wenn man wie im Fall der Berliner Bank zu sehr die eigenen Angebote anpreist, obwohl es doch eigentlich um die Perspektiven der Stadt Berlin ging. Aber mit dem Aushandeln günstiger Ticketkonditionen für die eigenen Kunden ist es defintiv noch nicht getan (Siehe dazu auch meinen Beitrag „Sponsoring: Kulturbetriebe können ihre Einnahmen seit 2007 fast verdoppeln (Teil I)“ über die von der Agentur Causales durchgeführte Studie)

Die Kultureinrichtungen haben ihre Zukunft selbt in der Hand

Bleiben neben der Kulturpolitik und den Sponsoren noch die Kultureinrichtungen selbst. Viele von ihnen, das hat der Kongress gezeigt, haben mittlerweile erkannt, dass sie sich selbst um ihre Zukunft kümmern müssen und dementsprechende Aktivitäten gestartet. Besonders gut gefallen hat mir in Berlin die Präsentation von Milena Ivkovic, der Marketing- und Kommunikationschefin der Philharmoniker in Hamburg, die voller Begeisterung die Aktivitäten des Orchesters vorstellte. Da passte der Titel ihres Vortrags „E – wie Emotion“ wunderbar dazu. Die eigene Website (sehenswert die Sujets zur „Mahler und die Moderne“) und der Flickr-Fotostream (schade, dass sie nicht unter einer CC-Lizenz stehen) zeigen, auf welche Weise hier versucht wird, die – in diesem Fall – UserInnen anzusprechen.

Social Media war beim KulturInvest Kongress ein wichtiges Thema, auch wenn sich die Zahl der Tweets noch ziemlich in Grenzen hält und ich bis jetzt kein einziges Blogpost über die Veranstaltung gefunden habe. Das ist schade, denn so gelingt es nicht, Diskussionen über die Zukunft von Kunst und Kultur anzustoßen. Diese Diskussionen sind dringend nötig, denn so wichtig solche Konferenzen für die „Branche“ auch sein mögen, das Thema muss öffentlich gemacht werden, sonst lässt sich die derzeitige Entwicklung nur noch schwer stoppen.

Foto: Manuel Nägeli (Unsplash)

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Die Zukunft von Kunst und Kultur: alles wird anders

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Als gestern der Bundestagsabgeordnete Siegmund Ehrmann den diesjährigen Kulturinvest Kongress eröffnete, passierte etwas ganz interessantes. Kurz nach Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise – damals war es vor allem eine Finanzkrise – hieß es seitens der Politik, dass sich in einer solchen Situation der Vorteil unseres Systems zeige, denn hier bei uns, wo die Finanzierung von Kunst und Kultur in den Händen der öffentlichen Hand liege, müssten sich die Kulturbetriebe keine Sorgen machen.

Ehrmann, der als Mitglied der SPD im Parlamentsausschuss für Kultur und Medien sitzt, sprach nur sehr selten über Kunst und Kultur, dafür aber umso häufiger über die Kultur- und die Kreativwirtschaft. Welche Wirtschaftsleistung diese Branche vorweisen können und wie viele Beschäftigte dieser Bereich aufweise. Gleichzeitig prophezeite er der staatlich geförderten Kunst und Kultur Probleme und in Anlehnung an diverse Studien meinte er, dass die öffentliuche Kulturförderung bis 2020 um 8 bis 10% zurückgehen werde und jede zehnte Kultureinrichtung von der Schließung bedroht sei. Nicht sofort, aber innerhalb der nächsten Jahre. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, nahm er nicht sich selbst, den Kulturpolitiker in die Pflicht, sondern die Unternehmen und die Zivilgesellschaft, die sich vermehrt für das Überleben von Kunst und Kultur einsetzen sollten.

Da verabschiedet sich also die Kulturpolitik klammheimlich aus einer Verantwortung, die ihr Pius Knüsel gerade erst umgehängt hat und entsprechend logisch ist es dann natürlich, wenn sich die Diskussion von der „Makropolitik“ hin zum „Mikromanagement“ bewegt. Auf dieser Ebene versuchte Adalbert Kurkowski von der Berliner Bank zu beweisen, dass zumindest sein Unternehmen die Botschaft schon verstanden hat und sich darum bemüht, Kunst und Kultur zu unterstützen. Die daraus resultierende Win-Win-Situation ergibt sich aber in meinen Augen nur dann, wenn die Bank die geforderte finanzielle Unterstützung verweigert und damit nicht nur sich, sondern auch den oder die KünstlerInnen vor (finanziellem) Schaden bewahrt. Diese auf Anfrage getätigte Aussage war entwaffnend ehrlich, aber sie trifft ins Schwarze. Schließlich verändert sich auch der Anspruch des Publikums, wie Susanne Keuchel, die Direktorin des Zentrums für Kulturforschung in ihrem Vortrag „Der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf das Kulturpublikum“ ausführte.

Ihre zentrale These lautete: das Publikum wird älter und bunter, was die Sache für die Kulturbetriebe nicht leichter macht, vor allem in den klassischen Sparten. Für die, z.B. das Theater interessiert sich noch die Generation 50+, aber die Jüngeren können mit dem Theater oder der Oper immer weniger anfangen. Interessanterweise definiert die jüngere Generation Kunst aber genau über die Sparten, die sie nicht mehr nutzt. Genutzt werden Kunst und Kultur vor allem von den Jugendlichen, die über eine hohe Bildung verfügen. Mit der einher geht auch das Interesse, selbst aktiv zu werden und wer selbst aktiv wird, nimmt dann eher kulturelle Angebote wahr.

Das spricht also nicht unbedingt dafür, dass man den Musikunterricht in den Schulen kürzt und das Thema kulturelle Bildung nach und nach aus den Augen verliert. Auf diese Weise verliert die Kunst nämlich ihr junges Publikum. Die, die sie schon verloren hat, geben an, so Keuchel, dass unter anderem hohe Preise und ein fehlendes jugendgerechtes Ambiente sie vom Besuch von Kulturveranstaltungen abhalten. Interessant, dass die Generation 50+ genau das Gegenteil als Hindernis angibt, nämlich zu viele Angebote, die sich nur an Jugendliche richten. Theoretisch müsste es dann eigentlich passen. ;-)

Klar ist aber: Kunst muss unterhalten und dementsprechend, so der Rat der Vortragenden, sollten Kultureinrichtungen den Unterhaltungsfaktor wieder mehr in den Vordergrund rücken. Kunst als Unterhaltung, das war jahrzehntelang verpönt, wie der Soziologe Kai-Uwe Hellmann in seinem Vortrag „Kulturpublikum zwischen Konsumtion und Produktion. Alvin Tofflers ‚Prosumer‘ und dessen Nachfahren“ erläuterte. Adorno war es, der mit seiner Kritik an der Kulturindustrie und der Gegenüberstellung von Kunst und Konsum dazu beitrug, dass wir noch heute zwischen ernster und unterhaltender Kunst unterscheiden, einer Trennung, die anderen Kulturkreisen fremd ist.

Erst die Cultural Studies machten aus dem passiven (Kultur)-Konsumenten den aktiven Konsumenten, denn es bedarf entsprechender Willensanstrengungen, um sich mit dem jeweiligen Themen beschäftigen und auseinandersetzen zu können. Alvin Toffler bereitete dann mit seinem Buch „The Third Wave“ den Boden für den „Prosumenten“, ohne dessen aktiven Beitrag ein Produkt oder eine Dienstleistung, so Hellmann, nicht fertiggestellt werden könne. Das heißt, der Anbieter ist auf den Prosumenten angewiesen. Ikea ist da in meinen Augen ein schönes Beispiel, denn erst unsere Bereitschaft, die Möbelstücke zu kaufen und selbst zusammen zu bauen, macht aus dem Haufen Bretter ein Regal.

Hellmann hat im nächsten Schritt versucht, die Prosumtion auf den Kultursektor zu übertragen. Herausgekommen ist dabei die folgende Grafik (die Kurve ist nur bei mir so zittrig und krumm geworden, sorry):

In den Bereichen Hoch- und Trivialkultur sieht Hellmann wenig bis keine prosumtiven Ansätze, wohl aber im Bereich der Soziokultur. Mir erscheint diese Unterscheidung gewagt, ich denke, es geht hier um partizipative Ansätze und die kann es in allen Bereichen geben, wobei ich auch der Meinung bin, dass es uns im Fall der Trivialkultur darum geht, uns berieseln zu lassen. Hellmann behauptet außerdem, dass wir uns immer mehr in Richtung Trivialkultur bewegen, d.h. wir schlagen die Richtung ein, die Adorno vor mehr als 50 Jahren kritisiert hat, als er zwischen Kunst und Konsum unterschied.

Wenn wir uns auf die Hochkultur konzentrieren, dann bedeutet das, so Hellmann, im Falle des Theaters: die jetzige Konstellation Produktion und Konsumtion  wird ergänzt durch die Prosumtion. Hellmann beruft sich dabei auf Gerhard Panzer, der Theater in die drei Phasen Werkproduktion, Inszenierung und Aufführung einteilt. Prosumtion ist für Hellmann nur in der Phase der Aufführung möglich, in den anderen beiden Phasen sieht er hierfür kein Potenzial.

Dieser Ansatz bzw. Erklärungsversuch ist für mich sehr interessant gewesen, weil er eigentlich das Thema der stART10 aufgreift, bei der es um Geschäftsmodelle und die oft diskutierte Öffnung der Wertschöpfungskette aufgreift. Ist es wirklich so, dass nur in der Aufführung Prosumtion möglich ist? Ich glaube nicht, verschiedene Museen in den USA haben immer wieder mal versucht, ihr Publikum mit einzubeziehen, wenn es um die Konzeption der Ausstellung ging.

Im Theaterbereich fällt mir Peter Brook ein, der mit seiner Theatergruppe in Afrika unterwegs war und Einheimische in das Theaterspiel integrierte, sie an der Entstehung des Stückes beteiligte. Außerdem fällt mir hierzu mein Blogbeitrag „Theaterfinanzierung: geht es auch ohne Förderungen?“ ein.

Aufschlussreich war für mich die große Ablehnung, auf die Hellmanns Ansatz stieß. Verstehen kann ich sie, denn Kunst verliert so den Habitus des Elitären, wenn der Prosument plötzlich auch etwas zu sagen hat. Und das finden nicht alle gut. So wird aus einer nicht geführten kulturpolitischen Debatte plötzlich etwas ganz Neues, bei dem die Kulturpolitik keine Rolle mehr spielt. Oder anders ausgedrückt: Kulturmanagement beschäftigt sich mit „Makropolitik“ und beginbt sich, das muss man zugeben, auf ein gefährliches Pflaster.

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Eine Studie untersucht die Kulturausgaben der Stadt Wien

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Oft wird in Artikeln oder auf Vorträgen berichtet, wo wie viel Geld für Kunst und Kultur zur Verfügung steht. Ein besonders beliebtes Spiel besteht darin, darauf hinzuweisen, dass das Budget für Kunst und Kultur um x% gestiegen sei, um auf diese Weise jeder Kritik die Grundlage zu entziehen. Woher die Zahlen aber stammen und wie die Prozente errechnet wurden, das wird meist nicht erwähnt.

Möchte sich eine Stadt als besonders kulturaffin darstellen, ist es nicht nur wichtig, entsprechende Beträge für diesen Bereich zur Verfügung zu stellen, sondern sich auch mit anderen Städten vergleichen zu können. Statt einer Summe x, die niemandem etwas sagt, weist man lieber darauf hin, dass z.B. Wien um x% mehr Geld für Kunst und Kultur ausgibt als Paris oder London. Solche Aussagen lassen sich leicht machen, weil sie eigentlich niemand nachprüfen kann. Über die Frage, was alles unter den Begriff Kultur fällt, haben wir dabei noch gar nicht gesprochen.

Hier setzt die Kulturwissenschaftlerin Caroline Konrad an und versucht in ihrer im Auftrag der IG Kultur Wien erstellten Studie „Kultur und Geld“ herauszufinden, wie viel Geld die Stadt Wien denn wirklich für Kunst und Kultur ausgibt?

Wirft man einen Blick in den von der Stadt Wien herausgegebenen Kunstbericht 2009, dann kommt man dort, so Konrad, auf eine Summe in der Höhe von 219.897.916 Euro, also knapp 220 Mio. Euro. Die Autorin hat in wahrscheinlich mühevoller Kleinarbeit den gesamten Haushalt nach Ausgaben durchforstet, die dem Kunst- und Kulturbereich zugerechnet werden können. Schaut man sich etwa die Ausgaben der Geschäftsgruppe 4 Kultur und Wissenschaft an und rechnet die Verwaltungsausgaben heraus, dann kommt hier eine Summe von 257.160.353 Euro zusammen, als gut 257 Mio. Euro, mithin 37 Mio. Euro mehr als im Kunst- und Kulturbericht ausgewiesen.

Aber auch in anderen Ressorts wird Geld für Kunst und Kultur ausgegeben und das gar nicht so knapp. Bei ihren Recherchen ist Konrad für das Jahr 2009 auf reale Gesamtausgaben für Kunst und Kultur von insgesamt 343.293.122 Euro gekommen, also mehr als 343 Mio. Euro. Zum Vergleich: 1998 betrugen die realen Gesamtausgaben 245 Mio. Euro und im Kunstbericht wurden 139 Mio. Euro ausgewiesen.

Die im Jahr 2009 ausgegebenen 343 Mio. Euro machen 3,03% der Gesamtausgaben der Stadt Wien aus, was sich auf Pro-Kopf-Ausgaben von 203 Euro für Kunst und Kultur umrechnen lässt. Vorsicht: darin sind Bundesförderungen für die Bundestheater, die Bundesmuseen und all die Institutionen und Projekte, die vom Bund unterstützt werden, nicht enthalten.

Nachdem sich die IG Kultur Wien als die „Interessengemeinschaft und -vertretung der freien und autonomen KulturarbeiterInnen in Wien“ versteht, wollte sie natürlich auch wissen, welche Beträge für die freie Szene (Definition siehe S. 46f) aufgewendet werden. Das Ergebnis fällt aus ihrer Sicht wenig ermutigend aus, denn nur 2,5% der Gesamtausgaben (=8,6 Mio. Euro) gehen in diesen Bereich.

Ich möchte Sie an dieser Stelle nicht mit ewig langen Zahlenkolonnen langweilen, Sie werden sich die Zahlen, die Sie interessieren, selbst zu Gemüte führen können. Eine Zahl finde ich allerdings etwas traurig: es wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, sich zu vernetzen. Das EU-Kulturförderprogramm verfolgt dezidiert den Austausch von KulturarbeiterInnen und Kunstwerken als oberstes Ziel und in verschiedenen Beiträgen auf der Plattform Wien denkt weiter klingt immer wieder an, wie wichtig der Blick über den Tellerrand ist. Aber wenn ich dann in der Studie von Caroline Konrad lesen muss, das der Freien Szene für den internationalen Kulturaustausch 2009 nur 120.000 Euro zur Verfügung standen, dann heißt das: die meisten werden wohl zu Hause bleiben müssen. Oder sie wollen gar nicht raus, das wäre dann noch herauszufinden.

PS: Wenn Sie mehr über die Studie erfahren wollen und sich für die Analyse dieser Zahlen interessieren, dann empfehle ich Ihnen, so Wien für Sie nicht zu weit weg ist, den Besuch des von der IG Kultur Wien organisierten Symposiums „Cultural Conditions„, bei dem es heute Abend um 18 Uhr um das Thema Kulturbudget und damit auch um diese Studie geht.

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Kulturfinanzierung: wenn die BürgerInnen mitentscheiden

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© S. Hofschlaeger; Pixelio

In meinem gestrigen Blogpost habe ich geschrieben, dass ich den Zusicherungen der Politik in Sachen Kulturförderung nicht traue und Kultureinrichtungen daher empfehle, sich nach möglichen Alternativen umzusehen. Es ist richtig, wenn Christian Holst in seinem Kommentar schreibt, dass die Politik sehr schnell sehr viel Geld in die Hand nehme, wenn es ihr wichtig erscheine, Beispiele dafür kennen wir alle genug.

Guido Froese schreibt:

„Der Staat muss weiterhin fördern was es schwer hat, muss Raum für Entwicklungen bieten und auch Experimente erlauben.“

Auch da möchte ich nicht widersprechen, ebenso wie den Kommentaren, die hier auf Facebook erschienen sind. Nur: der Staat ist anscheinend nicht Willens oder in der Lage, Kunst und Kultur ausreichend zu finanzieren, was, wenn Kultureinrichtungen überleben wollen, zu einer Privatisierung dieses Bereichs führt. Ob ich diese Entwicklung gut finde, ist die eine Frage, die andere ist, wie realistisch dieses Szenario ist? Die Entwicklung nicht nur der letzten zwei Jahre macht mich, ich habe es eingangs bereits geschrieben, skeptisch, ob in ein paar Jahren wirklich noch genügend Geld für Kunst und Kultur da ist, unabhängig von der Frage, wie wichtig sie für unsere Gesellschaft ist.

Aber ist es wirklich nur die Politik, die hier langsam den Hahn zudreht? David Röthler hat Anfang September ein Blogpost veröffentlicht, in dem er sich den Beteiligungshaushalt von Freiburg angesehen hat. Hier wurden die BürgerInnen zum ersten Mal in die Erstellung eines gesamten Haushalts eingebunden. Bereits im Vorfeld wurde eine repräsentative Umfrage durchgeführt, bei der die BürgerInnen gefragt wurden, an welchen Stellen sie die Mittelverteilung im städtischen Haushalt verändern würden. Mehrausgaben wurden in den folgenden Bereichen gewünscht (Quelle: Informationsvorlage Drucksache G-08/179, S.6):

  • Betreuungsangebote an den Schulen (+ 62 %)
  • Instandhaltung und Bau von Schulen (+ 59 %)
  • Kindergärten und Kindertagesstätten (+ 56 %)
  • Jugendtreffpunkte (+ 46 %)
  • Klimaschutz (+ 46 %)

Einsparen sollte man laut dieser Befragung in den folgenden Bereichen:

  • Theaterangebot (- 31 %)
  • Kulturförderung (- 30 %)
  • Friedhöfe (- 29 %)
  • Wohnungsbau (- 29 %)
  • Museen und Stadtarchiv (- 26 %)

Das Ergebnis zeigt: Kunst und Kultur haben es nicht nur bei den PolitikerInnen schwer, sondern auch bei den BürgerInnen, selbst in einer Stadt wie Freiburg, in der die Affinität zu diesem Bereich im Vergleich zu anderen Städten wahrscheinlich relativ hoch ist.

Nicht erst seit gestern weisen viele ExpertInnen immer wieder darauf hin, wie wichtig Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft sind, zahlreiche Studien belegen das ja auch. Nur kommt die Botschaft nicht (mehr) an, die Bereitschaft, Kunst und Kultur mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren nimmt eher ab als zu.

Nun kann man natürlich der Meinung sein, dass bei einer solchen Fragestellung das Ergebnis vorhersehbar ist und die Frage nicht lauten kann: Kindergartenplatz oder Theatersitzplatz (wobei es wohl bald genau um dieses entweder oder geht). Herauslesen lässt sich doch aber, dass Kunst und Kultur ein Legitimitätsproblem haben, das im Laufe der letzten Jahre eher größer als kleiner geworden ist. Klar ist aber auch: es reicht nicht, die Politik auf die Bedeutung von Kunst und Kultur hinzuweisen und die entsprechende finanzielle Unterstützung einzufordern. Es gilt auch die Bevölkerung zu erreichen und das Beispiel Altonaer Museum zeigt ja auch: je größer die Identifikation mit einer Kultureinrichtung, desto größer der Widerstand gegen eine Schließung. Nur glaube ich nicht, dass die Lösung darin bestehen kann, erst auf den Schließungsbeschluss der Politik zu warten und dann die Bevölkerung zur Protestveranstaltung zu bitten.

Es ist die Aufgabe der KünstlerInnen und der Kultureinrichtungen, Überzeugungsarbeit zu leisten und wenn das bis jetzt schon geschehen ist, dann war es unter Umständen noch nicht genug.

PS: wenn man die Haushalte (2007/2008 und 2009/2010) miteinander vergleicht, kann man feststellen, dass es die Kürzungen in dieser Form dann doch nicht gegeben hat.

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Nicht der Verkauf steht im Vordergrund, sondern das Mitmachen

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Erst gestern habe ich via Facebook auf einen Artikel in der NZZ hingewiesen, der den Titel „Künstler in Panik“ trägt und sich mit den angekündigten Kürzungen der neuen englischen Regierung im Kunst- und Kulturbereich beschäftigt. Guido Froese, der Geschäftsführer des Nordkolleg, der Akademie für kulturelle Bildung in Rendsburg, schrieb dazu in einem Kommentar, dass auch dem Kunst- und Kulturbereich Deutschlands eine ähnliche Zukunft drohe, da etwa in Schleswig-Holstein viele Kultureinrichtungen bis 2012 mit 30% weniger Landesförderung auskommen müssen oder gleich ganz geschlossen werden. Was heute noch für Aufregung sorgt, siehe Hamburg, wird also schon bald der Normalzustand sein.

Als die Wirtschafts- und Finanzkrise so richtig bedrohlich wurde, meldeten sich viele (Kultur)-PolitikerInnen zu Wort und beruhigten, dass Kunst und Kultur bei uns sicher sei, weil ja die öffentliche Hand für deren Finanzierung sorge. Noch heute weisen die Damen und Herren gerne darauf hin, wie wichtig es sei, dass der Staat die Verantwortung für Kunst und Kultur trage. Die aktuelle Situation lässt mich an solchen Zusicherungen zweifeln. Es mag durchaus der Wunsch der Kulturpolitik sein, über entsprechende Budgets zu verfügen, keine Frage. Wenn dann aber plötzlich Museen und Theater geschlossen werden, dann heißt das für mich: ich glaube der Politik in dieser Hinsicht nicht mehr. Natürlich wird es weiterhin geförderte Kunst und Kultur geben, aber halt weniger, z.B. 30%, wie es bei Guido Froese anklingt. Wenn aber am Ende jedes zweite Museum, jedes zweite Theater geschlossen und eine Vielzahl von Initiativen oder Projekten mangels Geld beendet werden müssen, dann sind solche „Versprechungen“ zynisch und es ist unverantwortlich, sich nicht um Alternativen zu kümmern.

Wie dieser Prozess ablaufen wird, kann man sehr schön anhand des Pensionssystems nachvollziehen. Es hieß immer, die Pensionen seien sicher, was auch immer stimmte und wahrscheinlich auch heute noch stimmt. Nur wird das, was wir bekommen immer weniger, was dazu geführt hat, dass wir selbst die Initiative ergreifen müssen, um unser Leben im Rentenalter finanzieren zu können.

Die Wege, die man dabei einschlägt, können sehr unterschiedlich sein, denn bis jetzt weiß noch niemand, welcher Weg für den Kunst- und Kulturbereich der richtige ist. Ob ich mich  an den Rat eines internationalen Beratungsunternehmens halte und den Besucher wie darin gefordert mehr als Konsumenten sehe oder ob ich ihn eher als Prosumenten betrachte und die Modelle, die im Social Web entstehen, nutze, muss ich letzten Endes selbst entscheiden.

Wer mein Blog liest, weiß, dass ich ganz klar für den zweiten Weg plädiere und ich die Hoffnung habe, dass Kultureinrichtungen verstärkt auf den Community-Ansatz setzen und so überleben können. Das sage ich, weil ich in diesem einen Punkt der Prognose der Studie von AT Kearney glaube bzw. die Vorhersage noch eher für untertrieben halte, wenn es dort heißt, dass in Österreich jede zehnte Kultureinrichtung von der Schließung bedroht ist.

Was also tun? Patentrezepte gibt es leider noch nicht, aber jede Menge Ideen und Anregungen liefert zum Beispiel das folgende Interview, das Christoph Müller-Girod mit Gerd Leonhard im Rahmen von stARTmuseum10 geführt hat:

Leonhard rät darin Kultureinrichtungen, eine Marke aufzubauen.

„Es ist wichtig, eine Marke zu schaffen, die magnetisch ist,“

sagt er darin und weist darauf hin, dass man eine Marke nicht dadurch schafft, indem man ständig auf sich hinweist, sondern andere involviert, die dann von sich aus auf einen verweisen.

Dafür müsse man, so Leonhard, in Vorleistung gehen. Nicht der Verkauf von Produkten steht im Vordergrund, sondern das Mitmachen, wie Christoph Müller-Girod das im Interview sehr schön formuliert. Damit schafft man dann eine Marke, die man – Leonhard erwähnt das Beispiel Apple – früher oder später in Geld umwandeln kann.

Während Apple hier schon sehr weit ist, stehen Kultureinrichtungen erst am Anfang. Manche haben die ersten Schritte schon gesetzt, etwa die Met mit ihren Opernliveübertragungen oder die Berliner Philharmoniker mit der Digital Concert Hall. Aber auch kleine Kultureinrichtungen können und müssen zur Marke werden und versuchen, auf diesem Weg zu Geld zu kommen. Und das, bevor es zu spät ist.

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Beim 6. Kulturpolitischen Bundeskongress 2011 geht es um das Thema Digitalisierung

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Das könnte interessant werden:

„Die Kulturpolitische Gesellschaft und die Bundeszentrale für politische Bildung werden den 6. Kulturpolitischen Bundeskongress am 9./10. Juni 2011 in Berlin veranstalten. Er wird sich dem Verhältnis von Digitalisierung und Kulturpolitik widmen. Als Tagungsort ist wiederum das Hotel Aquino der Katholischen Akademie vorgesehen. Die Veranstalter reagieren damit auf die wachsende Bedeutung des Internets und der digitalen Medien auf die Kulturproduktion und -rezeption, die in der Kulturpolitik und kulturellen Bildung noch nicht ausreichend zur Kenntnis genommen wird,“

heißt es im Newsletter der Kulturpolitischen Gesellschaft.

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Der demografische Wandel als Herausforderung für Kulturbetriebe

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Diese sehr spannende Grafik habe ich in dem vom „Center for the Future of Museums“ herausgegebenen Report „Demographic Transformation and the Future of Museums“ entdeckt. Sie zeigt recht anschaulich, vor welchen Problemen und Herausforderungen die amerikanischen Museen stehen, da sie derzeit eine Zielgruppe erreichen, die, gemessen an der Gesamtbevölkerung, schon in den letzten Jahren stark geschrumpft ist und diesen Entwicklungsprozess auch in der Zukunft nicht wird aufhalten können.

„Building the Future of Museums on a Better Base of Knowledge“ ist das Resümee der AutorInnen überschrieben, in dem nicht nur auf die Bedeutung des Zahlen- und Datenmaterials hingewiesen, sondern auch beklagt wird, dass dieses Material nicht ausreichend genutzt wird.

Normalerweise beklage ich an dieser Stelle, wie weit uns die USA voraus sind und wie schön es doch wäre, wenn es auch bei uns entsprechende Informationen über das jeweilige Thema geben würde. In diesem Fall ist das nicht so, denn mit interkultur.pro gibt es in Nordrhein-Westfalen eine Einrichtung, die versucht,

  • „Migrantinnen und Migranten den Zugang zu Kultureinrichtungen sowie Kunst-, Kultur- und Förderprogrammen zu erleichtern,
  • Migrantinnen und Migranten in ihren künstlerischen Leistungen zu unterstützen (und)
  • die kulturellen Szenen der Zugewanderten für die Mehrheitsgesellschaft zu öffnen.“

Und auch hier gibt es, ähnlich wie in den USA sehr detailliertes und auch aktuelles Datenmaterial (Sinus Studie 2009: Von Kult bis Kultur. Von Lebenswelt bis Lebensart.), das als Grundlage für vielfältige Aktivitäten dienen kann. Eine wesentliche Erkenntnis: DIE MigrantInnen gibt es nicht, die folgende Grafik (Seite 16)  zeigt, dass es in Nordrhein-Westfalen insgesamt acht unterschiedliche Millieus gibt.

„Die Unterschiede zwischen den am weitesten voneinander entfernten Lebenswelten sind bei den Migrantenmilieus wesentlich größer als bei der Gesamtbevölkerung. Das heißt, wir haben es bei den Einwanderern mit Milieus zu tun, die auf der einen Seite von vormodernen bäuerlichen Traditionen, auf der anderen von den soziokulturell modernsten Einstellungen geprägt sind.“ (Seite 16)

Kultureinrichtungen stehen daher vor der Herausforderung, die entsprechenden Angebote an eine „Gruppe“ zu entwickeln, die sich durch große Heterogenität auszeichnet.

Wie die Zukunft der Kultur in der Einwanderungsgesellschaft aussehen kann, dieser Frage geht der dritte Bundesfachkongress Interkultur unter der Überschrift „Offen für Vielfalt – Zukunft der Kultur“ nach, der vom 27. bis 29. Oktober 2010 in Bochum stattfinden wird.

„Ziel des alle zwei Jahre stattfindenden Kongresses ist es, mit politischen Entscheidungsträgern und Multiplikatoren auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene Leitlinien und praktische Handlungsempfehlungen zum großen Themengebiet „Interkultur“ zu entwickeln und ein Forum für den Austausch zwischen den verschiedenen Akteuren der Kultur-, Jugend-, Bildungs- und Sozialarbeit sowie der Politik und Verwaltung zu bieten,“

heißt es in der Ankündigung. Bis zum 25. Juli läuft übrigens noch ein Nachwuchsförderprogramm, das 25 „engagierten und interessierten MitdenkerInnen“ bis zur Altersgrenze von 35 Jahren die kostenlose Teilnahme am Kongress ermöglicht und auch Reise- und Übernachtungskosten übernimmt. Weitere Infos finden Sie hier.

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„Wien denkt weiter“: ein paar Anmerkungen

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Wenn heute Abend die Veranstaltung „Wien denkt weiter“ über die Bühne gegangen ist, dann werden die Veranstalter sich angesichts der, ich vermute, vielen TeilnehmerInnen wahrscheinlich zufrieden zurücklehnen. Die Plattform „Wien denkt weiter“ hätte ihren Auftrag erfüllt, auf diese Veranstaltung aufmerksam zu machen und die Diskussionen, die online geführt wurden, in den realen Raum über- bzw. inhaltlich im Rahmen einer Open Space-Diskussion weiterzuführen.

Ausgangspunkt war eine von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny vor gut zwei Jahren ins Leben gerufene Gesprächsrunde, die sich Gedanken über die Zukunft Wiens als Kulturstadt machen sollte. Mit der Plattform bzw. dem Blog sollte diese Diskussion in die Öffentlichkeit getragen werden und „die Themen und Ideen unserer Runde weiterentwickelt und ergänzt werden“, wie Mailath-Pokorny schreibt. Endergebnis ist dann ein „Leitkatalog für die zukünftige Kulturpolitik in Wien“.

Den Leitkatalog wird es zwar am Ende geben, auf der Plattform ist aber viel Potenzial verschenkt worden, behaupte ich. Was hätte man anders machen können? Die Idee, ein Blog einzusetzen, um inhaltliche Diskussionen zu führen, ist hier sicher sinnvoll, die Mischung von Textbeiträgen und Videointerviews wäre in einem Forum so gar nicht möglich gewesen. Warum aber gibt es jetzt dieses Blog und warum soll ich mich daran beteiligen, ob in Form eines Gastbeitrags oder in Form von Kommentaren? Gut, Diskussionen sollen online geführt werden, aber was hat das für Konsequenzen? Dienen meine Beiträge der „Behübschung“ oder werden sie wirklich ernst genommen? Wenn sie ernst genommen werden, hätten die Verantwortlichen vorab kommunizieren müssen, was mit den Inhalten passiert. Ich spreche von Verantwortlichen, denn ich weiß zwar dank des Impressums, dass die Stadt Wien für die Seite verantwortlich ist, aber wer ist nun mein Ansprechpartner? Leider wurde es verabsäumt, eine Community-ManagerIn mit der Betreuung der Plattform zu beauftragen.

Connie Benson hat deren Aufgaben in einer Keynote auf der Community 2.0 sehr schön erläutert:

  • „Humanize the Company (give it personality)
  • Represent the Brand in conversations
  • Build relationships and increase loyality“

Das fehlt auf „Wien denkt weiter“ leider völlig. Zwar wurde auf organisatorischer und technischer Ebene sehr schnell reagiert, etwa auf die Frage, ob bei der Veranstaltung ein WLAN zur Verfügung stehe. Inhaltlich wurde aber eigentlich nie auf Kommentare reagiert. So nehmen sich die 60 Kommentare bei 27 Blogbeiträgen eher bescheiden aus, denn die Themen, die in den Beiträgen angeschnitten wurden, wären durchaus diskutabel gewesen.

Auch hier zeigt sich also wieder mal, dass es nicht reicht, einen Rahmen zu schaffen, ein paar Inhalte zur Verfügung zu stellen und dann darauf zu warten, dass etwas passiert. Ich möchte, wenn ich mich bei solchen Diskussionen einbringe ernst genommen werden, sprich, ich erwarte mir zumindest eine Antwort. Die sollte dann nach Möglichkeit auch von den VerfasserInnen der Beiträge stammen. Diese Diskussion hätte, ich spekuliere hier, wahrscheinlich auch bei einer größeren Zahl von Kommentaren nie stattfinden können, denn ich gehe davon aus, dass die großteils „prominenten“ AutorInnen ihre Beiträge wahrscheinlich nur abgeliefert haben und wohl kaum die Zeit für Diskussionen hätten.

Prominente AutorInnen sind zwar nicht schlecht, aber um eine Diskussion in Gang zu bringen, sind sie nur bedingt geeignet. Wichtiger in einem solchen Zusammenhang sind eigentlich die sogenannten „Influencer“, die großen Anteil am Erfolg solcher Communitys haben. Nur sind sie leider gar nicht so leicht zu finden und für die eigene Sache zu gewinnen. Um Influencer zu finden, muss ich mir aber auch erst einmal überlegen, an wen ich mich überhaupt mit meinem Anliegen wende. Wer soll denn überhaupt dazu beitragen an der Entstehung dieses Leitkataloges? Die Interessensvertretungen, die Online-UserInnen, KünstlerInnen? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Bedauerlich, aber es ist ja nicht verboten, es beim nächsten Mal besser zu machen. Denn auf solche Weise Kulturpolitik zu machen, das hätte durchaus was.

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„Selbstständig – Unselbstständig – Erwerbslos“: Infobroschüre für KünstlerInnen und andere prekär Tätige (Österreich)

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„Arbeitslosigkeit und der Weg zum Arbeitsamt (jetzt Arbeitsmarktservice/AMS) sind schon lange ein fester Bestandteil jener Lebensbiografien, die durch unterschiedliche, kurzfristig wechselnde Beschäftigungen geprägt sind. Kunstschaffende sind durch die spezifische Struktur ihrer Arbeitsbedingungen immer schon eine zentrale Klientel in diesem Spektrum – allerdings wird es immer schwieriger für sie, die Voraussetzungen für einen Bezug von Arbeitslosengeld zu erfüllen“,

heißt es in der Ankündigung dieser vom Kulturrat Österreich herausgegebenen Broschüre, dessen Ziel es ist, aufzuklären und zu informieren. Geklärt wird in dieser Broschüre unter anderem, was wir eigentlich unter dem Begriff Arbeitslosigkeit verstehen und wie die Betreuung von KünstlerInnen in der Arbeitslosigkeit gelöst ist.

Abgeschlossen wird diese Broschüre mit einem vom Kultururat Österreich erarbeiteten Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Arbeitslosenversicherung. Darin  wird unter anderem gefordert, Arbeitslosigkeit anders zu definieren. Wohl wahr.

Eine sehr lesenswerte und hilfreiche Broschüre…