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Österreichischer Museumstag: Die Angst vor dem Social Web

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© Gerd Altmann ; Pixelio

Während es in den USA schon um die Frage geht, auf welche Weise die Museen mobile Technologien für die Kommunikation mit ihren BesucherInnen einsetzen und welche Perspektiven sich daraus ergeben, sind wir hier im deutschsprachigen Raum noch nicht ganz so weit. Am zweiten Tag des 23. Österreichischen Museumstags im niederösterreichischen St. Pölten stand vielmehr die Frage im Vordergrund, ob der Social Media-Einsatz für ein Museum sinnvoll ist oder nicht? So stand die Podiumsdiskussion, zu der ich am zweiten Tag der Veranstaltung eingeladen war, nicht ganz überraschend unter der Überschrift „Pro und Contra Web 2.0“. In ihrem Impulsreferat kritisierte Melanie Mühl, Feuilleton-Redakteurin der FAZ, dass wir als BesucherInnen in den Museen immer häufiger unseren „Denk- und Phantasieapparat“ an der Garderobe abgeben müssten und das Museum kein Ort des Staunens mehr sei. Sie selbst, so klang es durch, bevorzugt wohl den simplen Schaukasten, auch wenn sie Multimedia nicht ganz verteufeln wollte.

Nicht nur sie, sondern auch andere Stimmen wiesen immer wieder darauf hin, dass es die Aura der Objekte sei, die die BesucherInnen in Erstaunen versetze und das Museum zu einem ganz speziellen Ort mache. Spätestens an diesem Punkt hatte ich ein kleines Problem, denn es gibt ja niemanden, der ernsthaft behauptet, die digitale Welt könne (und wolle) ein Museum ersetzen. Das Internet als Erweiterung des Museums wollen (oder können) sich viele noch nicht vorstellen. Dabei zeigt die 2010 vom „National Endowment for the Arts“ veröffentlichte Studie „Audience 2.0: How Technology Influences Arts Participation„, dass Menschen, die Kunst mit Hilfe diverser Medien konsumieren, öfter reale Angebote nutzen als die Gruppe derer, die die medialen Kunstangebote nicht in Anspruch nehmen (siehe dazu mein Blogpost: “Audience 2.0″: ersetzt der mediale Kunstgenuss das reale Kunsterlebnis?).

Immer wieder wurde auf den Unterschied zwischen der realen und der virtuellen Welt hingewiesen, wobei meist die Einschätzung mitschwang, die reale Welt verkörpere das Gute, die virtuelle das Böse. Dabei wurde aber außer Acht gelassen, dass sich immer mehr Menschen online informieren und auf diesem Weg von den Aktivitäten eines Museums erfahren. Ich habe den Eindruck, dass viele Museen die Konkurrenzsituation, in der sie sich untereinander befinden, nicht erkennen wollen. Natürlich steht es jedem Kulturbetrieb frei, auf Social Media zu verzichten. Aber alle Kultureinrichtungen kämpfen um die Aufmerksamkeit derer, die für einen Besuch in Frage kommen und nur über begrenzte Zeitressourcen verfügen. Konkret heißt das: wenn ich heute zwei Stunden in Museum A gehe, bedeutet das gleichzeitig, dass ich Museum B nicht besuche. Die Konsequenzen kann sich jeder selbst ausmalen.

Den „Kleinen“ fehlt es an Ressourcen für Social Media

Und noch eine Fehleinschätzung tauchte im Verlaufe der Diskussion auf, nämlich die Behauptung, Social Media seien nur etwas für die großen Häuser. Natürlich verfügen die in der Regel über mehr Ressourcen, allerdings müssen die häufig dafür verwendet werden, der Bürokratie Genüge zu leisten. Wer alleine oder zu zweit ein Museum betreibt, kennt das Problem, ob ein Posting auf Facebook über die Museumsseite oder das persönliche Profil erscheint, nicht. Er muss sich auch nicht jeden Tweet von drei Leuten genehmigen lassen und mit dem Rest der Mannschaft in stundenlangen Meetings über eine eventuelle Strategie debattieren. Wer alleine agiert, ist vermutlich viel eher dazu bereit sich auf Experimente einzulassen, wie jemand, der dann den Zorn seiner Vorgesetzten zu spüren bekommt. Und auch der Zeitfaktor spielt den großen Häusern nicht unbedingt in die Hände, denn hier geht viel Zeit für die interne Kommunikation drauf, Zeit, die ein kleines Haus sehr viel produktiver nutzen kann. Wir könnten daher jetzt über die Frage streiten, ob die kleinen Museen in Sachen Social Media nicht sogar einen Vorteil haben, aber vielleicht einigen wir uns darauf, dass hier zumindest Chancengleichheit herrscht. Und das lässt sich von den meisten anderen Bereichen nicht unbedingt sagen. ;-)

Am Nachmittag standen dann noch Workshops rund um das Thema Social Media auf dem Programm. Da jeder seinen Workshop zweimal hielt, gab es leider keine Möglichkeit, bei den anderen reinzuschauen. Dabei hätte mich die Verbindung Web 2.0 und Neuromarketing sehr interessiert und auch Karin Schmollgruber hätte ich gerne einmal live erlebt, schließlich war ihr Blog eines der ersten in meinem Feedreader.

Unter der Überschrift „Die Social Media-Falle“ ging es mir darum, Social Media aus einer strategischen Perspektive zu betrachten, da das ständige Veröffentlichen von Veranstaltungsankündigungen wenig zielführend ist und die UserInnen bzw. Fans schnell langweilt. Im Social Web lassen sich ganz unterschiedliche Ziele verfolgen, es muss nicht immer darum gehen, neue InteressentInnen zu finden, sondern auch der Kontakt zu schon bestehenden Fans – Stichwort Community – kann sehr sinnvoll sein. Wichtig ist es aber in meinen Augen, all diese Aktivitäten dem Unternehmensziel unterzuordnen und in die – hoffentlich vorhandenen – Strategien einzubauen. Social Media als reiner Selbstzweck und isoliert von den restlichen Aktivitäten bringt nicht viel und kostet nicht nur Zeit, Geld und Nerven, sondern nimmt einem das, was auch ganz wichtig ist für den Erfolg: Der Spaß, im Social Web mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und das Gespräch mit ihnen zu suchen. Das ist vermutlich auch das beste Rezept gegen die Angst davor.

Hier sind noch meine Folien:

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Crowdfunding: mehr als eine Million US-Dollar für ein Museum

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Als vor einigen Monaten auch bei uns der Hype rund um das Crowdfunding begann, waren es vor allem künstlerische Projekte, die auf den Plattformen um finanzielle Unterstützung warben. Seit einiger Zeit geht es auf den Plattformen vor allem um Spiele, Technologieprodukte oder Startups. Und um viel Geld. Die in Wien beheimatete Cliffhanger Productions Software GbmH etwa hat auf Kickstarter mehr als eine halbe Million US-Dollar für das Online-Browserspiel Shadowrun eingesammelt. Die Entwicklung hin in Richtung Kommerz ist nicht zu übersehen.

Zwar scheint es für den klassischen Kunst- und Kulturbereich unmöglich, hier auf Dauer mitzuhalten, aber dass es durchaus Chancen gibt, auf den Crowdfunding-Plattformen viel Geld einzusammeln, beweist die Kampagne „Let’s Build a Goddamn Tesla Museum„, die derzeit auf Indiegogo läuft. Mehr als $1,1 Mio sind dort bis jetzt zusammen gekommen, $ 500.000 waren es alleine an den ersten beiden Tagen. Es geht um Nikola Tesla, der als viertes von fünf Kindern 1856 in einem Dorf in der Lika zur Welt kam und 1943 in New York starb.

Nikola Tesla was the father of the electric age. Despite having drop-kicked humanity into a second industrial revolution, up until recently he’s been an unsung hero in history books. If you don’t know who Tesla is, go read this.“, wird der „Erfinder, Physiker und Elektroingenieur“ (Wikipedia) auf der Kampagnenseite beschrieben.

Das Grundstück, auf dem sein letztes Labor stand, von dem aus er die gesamte Welt mit Energie versorgen wollte, steht heute zum Verkauf. Eine Nonprofit-Organisation möchte die Fläche erwerben und dort ein Nikola Tesla-Museum errichten. Das Problem: der Wert des Grundstücks wird auf rund $1,7 Mio. geschätzt, öffentliche Stellen sind lediglich bereit, die Hälfte der Summe zur Verfügung zu stellen.

Am Anfang flossen stündlich $6.000 in die Kampagne

Aber es schaut gut aus, denn die Crowdfunding-Kampagne läuft noch 33 Tage und mit $1,1 Mio. wurde das Ziel von $850.000 schon weit überschritten. Ganz spannend ist die von der Crowdfunding-Plattform Indiegogo erstellte Infografik, die einige sehr aufschlussreiche Zahlen liefert. Pro Minute wurden $100 in die Kampagne investiert, 6.000 waren es pro Stunde. Noch aufschlussreicher ist die Verteilung der UnterstützerInnen, die aus mehr als 100 Ländern kommen.

Nikola Tesla ist den meisten von Ihnen vermutlich unbekannt (mich eingeschlossen) und trotzdem gelang es eine Kampagne zu initiieren, die viele Menschen mobilisiert hat, obwohl die meisten mit dem Namen erst einmal gar nichts anfangen konnten. Sie zeigt auch, dass es nicht unbedingt eine große Community braucht, sondern den Funken, der überspringt und die Idee des Tesla-Museums in die ganze Welt trägt.

Das Vorhaben zeigt aber auch, wie sich Crowdfunding und öffentliche Förderung ergänzen können. Die öffentlichen Stellen haben das Geld unter der Bedingung zugesagt, dass die andere Hälfte der benötigten Summe aus privaten Mitteln kommt. Das ist den Initiatoren gelungen, kann man schon jetzt sagen.

Was genau die Gründe für den Erfolg der Kampagne sind, lässt sich schwer sagen. Ein Grund ist vermutlich die Fähigkeit, die Geschichte dieses Museums so zu erzählen, dass man sich ihr nur schwer entziehen kann. Vielleicht möchten Sie das Vorhaben ja auch unterstützen, wenn Sie die Geschichte lesen? Kommen $1,7 Mio. zusammen, wäre das ein großer Schritt in Richtung Museum, aber: „Even if we raise the full amount and end up with $1.7 million, this isn’t enough to build an actual museum / science center. But it will effectively put the property into the right hands so it can eventually be renovated into something fitting for one of the greatest inventors of our time.

Ich bin mir sicher, es werden noch mehr als die 1,7 Mio. ;-)

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1stfans: eine große Party zum Abschluss

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Brooklyn Museum (CC BY-NC-ND 2.0)

Anfang 2009 schrieb ich in der „Ideenbörse für das Kulturmarketing“ über einen spannenden Versuch des Brooklyn Museums, ein ganz neues Membershipprogramm zu starten. „1stfans“ nennt sich das Programm, das ich damals vorstellte, Will Cary hat zum Start des gemeinsam mit Shelley Bernstein entwickelten Programms in einem Blogpost geschrieben:

„a 1stfans Membership is an interactive relationship with the Museum that will happen in the building and online. We call it a “socially networked” Museum Membership (…).“

Ende Juni wird dieses Programm nun eingestellt, schreibt Shelley Bernstein in ihrem Blogpost „A Sunset for 1stfans“ und geht dabei auch auf die Gründe ein, die dazu geführt haben, dieses Programm zu beenden. Zwar kam das Brooklyn Museum schon nach etwa einem Jahr zu der Erkenntnis, dass die Kombination Twitter, Facebook und Flickr sich nicht wirklich für dieses Programm eignet und wechselte zu Meetup, einer Plattform, die die Organisation von Gruppen ermöglicht (hier der Link zur 1stfans-Gruppe). Aber nun kommt das endgültige Aus, Ende Juni ist Schluss.

Mit 1stfans wollte man neue Wege abseits der klassischen Memebershipprogramme gehen, schreibt Shelley Bernstein und konstatiert nach dreieinhalb Jahren, dass die Konzeption des Programms seine Stärke, aber auch seine Schwäche ausgemacht hätte. Wichtig sei es für sie gewesen, zu erkennen, dass die meisten Menschen, die ein Museum unterstützen, an einer tiefgehenden und persönlichen Verbindung mit dem Museum, aber auch an besonderen Erlebnissen mit anderen Menschen interessiert seien.

„It was the deep engagement of the program that was incredibly successful, but 1stfans was its own entity that was never fully integrated into the Membership structure,“

analysiert Bernstein die Erfahrungen der letzten dreieinhalb Jahre. Das führte einerseits dazu, dass das Angebot anscheinend nicht ausreichend wahrgenommen wurde, die Mitgliederzahlen blieben, wenn ich Shelley Bernstein richtig verstanden habe, hinter den Erwartungen zurück. Andererseits gelang es nicht, Mitglieder von 1stfans dazu zu bewegen, sich in anderen Programmen zu engagieren und so die „membership ladder“ hinaufzusteigen, was aber, so Bernstein, enorm wichtig sei, wenn man steigende Mitgliederzahlen anstrebe.

Was können wir daraus lernen? Zum einen finde ich es interessant, dass sich Twitter wenig als Kommunikationsinstrument für eine geschlossene Community eignet, bei einer offenen Struktur wäre das aber vermutlich anders. Das Brooklyn-Museum hat sich alternativ für die Lösung mit Meetup entschieden, ich kann mir aber auch vorstellen, so etwas mit Hilfe einer Facebook- oder Google-Gruppe aufzusetzen.

Zweitens ist es wenig hilfreich, wenn ein solches Programm isoliert ist und die Anknüpfungspunkte  fehlen. Auch hier ist also eine Gesamtstrategie die Voraussetzung, um erfolgreich sein zu können. Wichtig ist es also, ein Konzept zu entwickeln, in dem ein solches Programm ein wichtiger Baustein ist. Denn die Idee und das Angebot von 1stfans finde ich nach wie vor gut und bedaure es ein wenig, dass sich kein Museum im deutschsprachigen Raum daran gemacht hat, dieses Programm zu kopieren. Nun, nachdem 1stfans bald Vergangenheit ist, kann man ja vielleicht die Erkenntnisse und Erfahrungen des Brooklyn Museums nutzen und ein Angebot entwickeln, von dem beide Seiten was haben.

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Museen: Der Geschäftsbericht auf dem iPad

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Apple iPad„; By John Karakatsanis (CC-Lizenz)

Ich habe mich in den letzten Tagen etwas umgesehen und versucht herauszufinden, auf welche Weise Kultureinrichtungen sich mit dem mobilen Web beschäftigen. Viele von ihnen verfügen mittlerweile über eine mobile Website oder haben Apps für die verschiedenen Smartphones. Etwas geringer fällt die Zahl der Apps für das iPad aus, wobei es sich meist um Angebote handelt, die für iPhone und iPad zur Verfügung stehen.

Christoph Deeg beschäftigt sich in seinem aktuellen Blogpost mit den Herausforderungen, die das mobile Web den Bibliotheken bringt und hat eine „Mobile-Internet-Roadshow“ entwickelt, in der er die verschiedenen Geräte vorstellt und die TeilnehmerInnen dieses Workshops die Endgeräte einfach ausprobieren lässt. Eine in meinen Augen kluge Idee, denn nur durch den Umgang mit den Geräten bekommt man ein Gespür dafür.

Wichtig ist, so denke ich, dass wir uns klar machen, dass die Angebote für Smartphones und Tablet-PCs höchst unterschiedlich sein können, denn wir nutzen beide Gerätetypen oft auf völlig verschiedene Art und Weise. Während das Smartphone meist der reinen Informationsbeschaffung dient, lassen sich auf den Tablet-PCs Informationen ganz anders aufbereiten, zum Beispiel multimedial. Wie lässt sich denn nun aber ein Tablet-PC überhaupt sinnvoll einsetzen? Ich bin bei meiner Suche auf das San Francisco Museum of Modern Art (SFMOMA) gestoßen, das sich dazu entschlossen hat, den Geschäftsbericht für das Jahr 2011 als iPad-App anzubieten.

Der Geschäftsbericht wird als PDF oder als iPad-App angeboten

Auf der Website des Museums kann ich mich mich nun entscheiden, ob ich den Jahresbericht als PDF oder als iPad-App lesen möchte. Nichts gegen das PDF, aber Sie werden schnell merken, dass das Format nicht besonders nutzerfreundlich ist und wir es vor allem mit Informationen in Txtform zu tun haben. Auf Bilder wurde zwar nicht verzichtet, aber sie fallen recht klein aus und machen deshalb keinen großen Eindruck. Ganz anders die iPad-App.

Screenshot iPad-App

Vergleichen Sie diesen Einstieg mit der Titelseite des PDF und Sie werden zugeben müssen, dass der erste Eindruck unterschiedlicher nicht sein könnte. Die Bildqualität ist hoch und durch die hohe Auflösung des Bildschirms entfalten die Fotos ihre Wirkung.

Screenshot iPad-App

Ein weiterer Punkt ist in meinen Augen wichtig: Über die App sind Sie direkt mit der Website des Museums verbunden. Sie werden an die verschiedenen Ausstellungen und Veranstaltungen erinnert und haben sofort den direkten Link zu den jeweiligen Unterseiten, um sich zum Beispiel noch einmal genauer über eine Ausstellung zu informieren. Wichtig scheint mir dabei das Zusammenspiel von Text und Bild zu sein, das auf der Website des SFMOMA gut funktioniert.

Ich finde aber auch schnell wieder zur App zurück und kann mich weiter mit den Inhalten des Jahresberichts befassen. Ob das nun die Schenkungen der UnterstützerInnen sind oder die Ankäufe, ich bekomme jedes einzelne Objekt aufgelistet. Allerdings entspricht diese Liste 1:1 dem, was auch im PDF zu lesen ist. Hier hätte man sicher noch etwas kreativer sein und die Objekte entweder als Foto abbilden oder auch entsprechende Links zur Verfügung stellen können. Auch beim Thema Finanzen ist das Potenzial noch nicht ausgeschöpft, die Grafik wirkt zwar auf dem iPad beeindruckender als im PDF, inhaltlich besteht aber kein Unterschied. Aber der Anfang ist gemacht.

Screenshot iPad

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„aufbruch“-Konferenz und stARTcamp: zwei Tage Social Media in München

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Mit völlig neuen und überraschenden Ergebnissen der Twitterforschung wurden die TeilnehmerInnen des ersten stARTcamps in München konfrontiert.  Diese Form der Nachrichtenübermittlung in 140 Zeichen habe, so überraschte Christian Gries bei der Begrüßung am Samstag, ihre historischen Wurzeln in der Liedform des Gstanzl.  Der Auftritt eines Gstanzlsängers sollte diese These dann noch untermauern. Das tat er wohl ziemlich überzeugend, denn sofort begannen die Twitterati, die Geschichte von Twitter umzuschreiben. ;-)

Spaß beiseite: München erlebte an diesem Wochenende nicht nur das erste stARTcamp in München, sondern auch die Tagung „aufbruch.museen und das web2.0“. In den historischen Räumen der alten Münze trafen sich am Freitag mehr als einhundert KonferenzbesucherInnen, um sich über den aktuellen Status Quo von Social Media zu informieren. Der Unterschied zum letzten Jahr war unübersehbar: Themen wie (Transmedia)  Storytelling oder Culturecaching-Stadttour zeigten, dass es bei der zweiten Auflage dieser von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, Janusmedia und mmc 2.0 organisierten Veranstaltung längst nicht mehr nur um die Grundlagen von Social Media ging. Da passt es ins Bild, dass von den nichtstaatlichen Museen in Bayern mittlerweile mehr als 60 im Social Web aktiv sind, wie Sybille Greisinger berichtete. Letztes Jahr waren es lediglich zwanzig. Die Entwicklung ist unübersehbar, zeigt aber auch, dass bei  rund 1.300 bayerischen Museen noch viel Luft nach oben ist.

Aber immerhin gibt es solche Konferenzen im Museumsbereich, während sich zum Beispiel die Theater da anscheinend noch sehr viel schwerer tun. Es gibt zwar die Kooperation zwischen dem Deutschen Bühnenverein und der stARTconference, aber eine eigene Konferenz vermisse ich noch. Schön ist aber, dass es Anfang Juni in Heidenheim ein von Christian de Vries initiiertes Operncamp geben wird. So wird der Theaterbereich langsam eingekreist und irgendwann ist es dann soweit.

Ich denke, es müsste noch sehr viel mehr solcher Konferenzen geben, um zu informieren, Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen. So wie dann am Samstag, an dem München das erste stARTcamp erlebte. Einmal in Fahrt, haben die vier OrganisatorInnen der „aufbruch“-Konferenz nämlich gleich auch noch ein stARTcamp drangehängt. Mein Kompliment gilt Sybille Greisinger, Tanja Praske, Christian Gries und Harald Link, die die beiden Tage perfekt organisiert haben. Als es am Morgen beim stARTcamp darum ging, das Programm festzulegen, war die Zahl derer, die aktiv zum Gelingen beitragen wollten, beeindruckend groß. Vorbei sind die Zeiten, wo sich niemand traut, seine Fragen loszuwerden oder ein eigenes Thema vorzuschlagen.


im Bild von links nach rechts: Tanja Praske, Christian Gries, Sybille Greisinger, Hararld Link (© Frank Tentler)

Ohne jetzt die zwei Tage inhaltlich Revue passieren zu lassen, möchte ich einige Punkte herausgreifen. Aufschlussreich war es für mich, wie stark mittlerweile die Inhalte im Vordergrund stehen. Ob transmedial oder klassisch auf ein Format beschränkt, das Erzählen von Geschichten gewinnt immer mehr an Bedeutung, wie die vielen Beispiele gezeigt haben. Meine persönlichen Favoriten waren dabei die Facebook-Inszenierung der Effi Briest des Maxim-Gorki-Theaters und die von Caspar Loesche für das Stadttheater Bern entwickelte transmediale Erzählung über die Afrikareise Vivienne von Wattenwyls in den Jahren 1923/24.

Probleme habe ich mit den zahlreichen Figuren, die sich mittlerweile auf Facebook und Twitter tummeln. Oftmals als persönliches Profil angelegt, was laut AGB auf Facebook verboten ist und deshalb dazu führen kann, dass der Account von Facebook ohne Vorwarnung gelöscht wird, fehlt mir bei diesen Figuren einfach der Spannungsbogen. Einfach nur täglich ein oder zwei Postings oder Tweets pro Tag online zu stellen halte ich für wenig zielführend, weil diese Inhaltsschnipsel selten so konzipiert sind, dass man sich voller Erwartungen auf das nächste Posting freut. Das Maxim-Gorki-Theater hat da mit seinem etwa zwanzigminütigen Liveevent in einer Facebook-Gruppe für die notwendige Spannung gesorgt und so ein Format entwickelt, das ein wenig an die zwei- bis dreiminütigen Webisoden erinnert, die im Netz zu finden sind.

Ein für mich wichtiger Input kam von Christoph Deeg, der erstens darauf hinwies, dass Social Media Spaß machen müsse und zweitens den Standpunkt vertrat, dass es darum gehe, Social Media zu leben. Wer sich darauf einlasse, werde sehr schnell feststellen, dass sich die Kultur im der jeweiligen Struktur, egal ob Unternehmen oder Kulturbetrieb, zu verändern beginnt. Sich mit dem Thema Social Media zu beschäftigen, bedeutet also mehr als das Einrichten eines Twitter- und Facebookaccounts. Social Media zu leben, ist für die kleinen Organisationen vermutlich leichter als für die „Großen“, die nicht von heute auf morgen ihre Struktur über den Haufen werden können. Ulrike Schmid zeigte in ihrem Vortrag „Dialogische Kulturvermittlung für kleinere Museen„, wie sich Social Media nutzen lässt.

Fazit: zwei spannende Tage mit vielen interessanten Themen und der Möglichkeit, neue Leute kennen zu lernen. Danke an das Organisationsteam, das hier tolle Arbeit geleistet hat und schon angekündigt hat, dass es auch im nächsten Jahr wieder die „aufbruch“-Konferenz und das stARTcamp München geben  wird. Ich bin sicher wieder dabei.

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Das Museum und sein Publikum

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© Gerd Altmann/Shapes:AllSilhouettes.com Pixelio

Wie sehen eigentlich Kultureinrichtungen ihr Publikum? Und sehen sie ihr Publikum heute anders als noch vor, sagen wir, 20 Jahren? Diese Frage wird immer wieder diskutiert, besonders natürlich im Zusammenhang mit Social Media. Was bedeutet das, wenn aus dem Monolog ein Dialog wird und das Publikum die Möglichkeit hat, sich zu artikulieren? Man könnte jetzt ein Konzept schreiben und eine Strategie entwickeln, allerdings hat die den Nachteil, dass Konzept und Strategie die Sichtweise der Kultureinrichtung wiedergeben, während wir von der Gegenseite nichts erfahren.

Das MAK, das Museum für angewandte Kunst in Wien, schlägt hier einen interessanten Weg ein: es lädt zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung ein, bei der diese Punkte diskutiert werden sollen. Schon im Vorfeld hat das Museum seinen BesucherInnen einige Fragen gestellt, um die es dann gehen soll. Spannend finde ich vor allem diese drei:

  1. Was soll das MAK den BesucherInnen in der Zukunft bieten?
  2. Wie positioniert sich das MAK im Zeitalter grenzenloser Kommunikation und schneller Verfügbarkeit von Informationen über das Internet gegenüber seinen BesucherInnen?
  3. Muss und soll das MAK auf die veränderten Ansprüche und Wünsche der BesucherInnen reagieren (Stichwort Erlebniskultur)?

Zu 1.: Die Erwartungen an Museen steigen und das auf mehreren Ebenen. Attraktive Kunstobjekte und eine interessant gestaltete Umgebung (beginnt bei der Architektur und hört bei den Informationen über die einzelnen Objekte auf) sind dabei nur ein Teil dieser Erwartungen. Museen haben darüber hinaus die Chance, sich als einer der Orte zu positionieren, an denen wir uns auf die Zukunft vorbereiten.

„The relationship between libraries, museums, and their communities is at a critical intersection“,

heißt es in den Schlussfolgerungen eines Berichts über das Projekt „Museums, Libraries, and 21st Century Skills“ (siehe dazu auch dieses Blogpost). Denn bedingt durch die sich wandelnden Rahmenbedingungen stehen Bibliotheken und Museen vor der großen Chance,

„to act as leaders for positive change and collaboration“.

Vor diesem Hintergrund ist es die Aufgabe von Museen, Lernumgebungen auf der Grundlage ihrer thematischen Ausrichtungen zu entwickeln und dies vermutlich unter Zuhilfenahme von Elementen aus dem Spielebereich (Stichwort Gamification).

Zu 2.: Kommunikation ist heute schon grenzenlos und Informationen sind mittlerweile fast in Echtzeit verfügbar. Für ein Museum wie das MAK bedeutet das, Informationen rasch zur Verfügung zu stellen, unter Umständen sogar live. Eine der Hürden, die es dabei zu nehmen gilt, hat mit internen Abläufen zu tun, die zu Verzögerungen führen. Will ein Museum heute in Echtzeit kommunizieren, muss es dafür sorgen, dass die dafür nötigen Prozesse ebenfalls in Echtzeit ablaufen, langwierige Befehlsketten passen da nicht dazu.

Eine noch viel größere Herausforderung stellt das Social Web für die Kommunikation dar, denn hier geht es nicht ausschließlich um Information, sondern um Dialogfähigkeit und auch das natürlich in Echtzeit. Wer reagiert aber wie auf Fragen, Kritiken oder auch Lob? Auch hier stößt ein Museum schnell an seine Grenzen, wenn es sich nicht an die veränderten Rahmenbedingungen anpasst. Immer häufiger haben Kultureinrichtungen eigene Social-Media- oder auch Community-ManagerInnen, die sich als das „Gesicht“ der jeweiligen Kultureinrichtung zur bevorzugten AnsprechpartnerIn der UserInnen entwickeln. Während vor drei Jahren bei uns im Kulturbereich noch niemand diesen Job kannte, wird er in drei Jahren vermutlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Interessant ist die Frage, mit wem die Museen im Internet eigentlich kommunizieren? Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass auch bei uns die Kluft zwischen Reich und Arm immer größer wird und die Zahl der Armen vermutlich auch zukünftig zunehmen wird. Wenn das Museum sich als zentraler Knotenpunkt in Lern- oder Wissenscommunitys etabliert, muss unter anderem die Frage beantwortet werden, wie denn Angebote für diese Zielgruppe aussehen? Was wissen Museen über sie und ihre Bedürfnisse, wie sehen Lern- und Vermittlungskonzepte für für sie aus und wer zahlt sie? Auch davon hängt es wohl ab, wie sich ein Museum im Internet präsentiert. Im Internet trifft man immer häufiger auf Schranken, hinter denen kostenpflichtige Inhlte angeboten werden. Setzt sich diese Entwicklung fort, müssen Museen sich überlegen, für welchen Weg sie sich entscheiden? Einerseits verspricht eine Paywall neue Einnahmen. Andererseits wird es so schwer, seinem Kulturauftrag gerecht zu werden und alle Menschen anzusprechen.

Zu 3.: Diese Frage lässt sich in meinen Augen sehr einfach beantworten: ja, es muss! Das Problem dabei: das Museum kennt meist nicht die Bedürfnisse und Wünsche seines Publikums, womit wir wieder bei Punkt 2 sind, denn erst im Gespräch erfahre ich etwas über die Erwartungen.

Welche Erwartungen sind das? Wird das Museum zu einem Ort, an dem es nur noch um Entertainment geht? Ich glaube, viele Museen machen sich ein falsches Bild von ihren Zielgruppen. Kultureinrichtungen betonen zwar immer, dass sie anders funktionieren als „normale“ Unternehmen und deshalb das klassische Marketing nicht funktioniert. Trotzdem landen sie dann aber häufig bei einem konventionellen Marketingtool, dem Gewinnspiel. Vermutlich macht es mehr Sinn, auf Gamification- und Storytellingelemente zu setzen, denn das attraktive Element sind in diesem Fall die Inhalte des Hauses und nicht ein wertvoller Preis, der unter Umständen gar keinen Bezug zum Haus hat.

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Der Leitfaden „Social Media für Museen“ ist erschienen

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Eines der Ergebnisse unserer Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern im Rahmen des Forschungsprojektes Audience+ ist der von Axel Vogelsang, Bettina Minder und Seraina Mohr erstellte Leitfaden „Social Media für Museen“.

„Unser Ziel war ein leicht verständlicher Leitfaden, welcher die Grundlagen der Arbeit mit sozialen Medien erklärt und was es dabei zu beachten gilt,“

schreibt Axel Vogelsang im Projektblog. Der Leitfaden ist als Arbeitsbuch konzipiert, das die LeserInnen mit ganz konkreten Aufgaben konfrontiert. Kultureinrichtungen, die gerade dabei sind, sich mit der Materie vertraut zu machen, finden hier eine Anleitung, worauf beim Einstieg in das Social Web zu achten ist. Der Leitfaden enthält nicht nur eine Vielzahl von Informationen, sondern liest sich auch sehr angenehm und ist sehr schön gestaltet worden. Wer schön gemachte Bücher mag, sollte sich ein Printexemplar (Affiliate Link) sichern. Alle anderen können sich den Leitfaden hier kostenlos als PDF herunterladen.

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Eine Masterarbeit beschäftigt sich mit dem partizipativen Potenzial des Social Web für Museen

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au @museolab„; By samuel bausson (CC-Lizenz)

Macht das Internet Kulturvermittlung überflüssig?“ habe ich vor wenigen Monaten hier auf dem Blog gefragt und damit nur verkürzt eine von Birgit Mandel gestellte Frage wiedergegeben, die in ihrem in den Kulturpolitischen Mitteilungen veröffentlichten Beitrag „Herausforderungen und Potenziale der Kulturvermittlung im Internet“ so lautet:

„Welche Ziele und welche Bedeutung kann die Kulturvermittlung im Zeitalter des Internets noch haben, wenn ein Großteil der Lebenszeit sich in virtuellen Räumen abspielt, die kaum mehr zu überschauen, geschweige denn zu steuern sind?“

Vor allem die Angst, etwas nicht mehr überschauen oder steuern zu können, scheint für viele Kunst- und Kultureinrichtungen groß zu sein, drohen sie doch die Deutungshoheit über die Kunst zu verlieren. Ähnlich klingt, was Axel Vogelsang in einem Kommentar zu meinem Blogpost geschrieben hat:

„Es geht ja eigentlich nicht nur um die Frage der Kulturvermittlung. Was dahinter steckt ist ja die Angst, dass das Museum in die digitalen Medien ausgelagert wird und das Museum obsolet wird.“

Werden Kultureinrichtungen und mit ihnen KulturvermittlerInnen überflüssig? „(Z)um Teil“, meint Birgit Mandel am Ende ihres Artikels und beschränkt sich dabei aber auf die „kulturellen Selbstbildungsprozesse der ‚digital natives'“, während Axel Vogelsang hier keine Gefahr sieht.

Ich sehe sie auch nicht, diese Gefahr, allerdings nur dann, wenn die Kunst- und Kultureinrichtungen auch dort präsent sind, wo ein Großteil ihrer (potenziellen) BesucherInnen einen ständig größer werdenden Teil ihrer Lebenszeit verbringen, nämlich im Internet, insbesondere im Social Web.

Wie aber kann diese Vermittlungsarbeit aussehen? „Partizipation durch Social Media? Museale Vermittlung und das Partizipative Web“ hat Bettina Riedrich ihre vor wenigen Tagen in Zürich veröffentlichte Masterarbeit betitelt, in der sie sich eingehend mit den Möglichkeiten beschäftigt, die Social Media den Museen für die Vermittlungsarbeit an die Hand gibt.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die Tatsache, dass wir als Gesellschaft neue (Netz)-Strukturen herausbilden („Schwarm“ statt „Kleinfamilie“) und die Nutzung des Internets für uns immer selbstverständlicher wird, zwei Entwicklungen, die gut zueinander passen und denen sich Museen, so Riedrich,  als öffentliche Institutionen nicht entziehen können. Darüber hinaus fühlen sich immer mehr Museen einem Trend verpflichtet, der unter dem Stichwort Partizipation die museale Vermittlungsarbeit zunehmend bestimmt.

Riedrich liefert dafür in ihrer Arbeit den theoretischen Hintergrund und skizziert darin die Entwicklung des Social Web sowie den Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft, in der eines der Ziele lautet, „eigenständig Wissen zu generieren“. Vom Konsumenten zum Produzenten, dass dieser sehr beliebte Slogan mit Vorsicht zu genießen ist, darauf weist die Autorin an dieser Stelle hin, schließlich bedürfe es neben den Zugangsmöglichkeiten auch der entsprechenden Medienkompetenz, um an der „‚Dauerbaustelle des Wissens‘ mitarbeiten (zu) können“. Dazu gehören auch museale Inhalte, die den Angehörigen eines bestimmten sozialen Feldes vorbehalten bleiben, was dazu führen würde, dass sowohl die Produktion als auch die Rezeption von durch Museen autorisiertem Wissen in den Händen weniger Eliten liegen, heißt es in der Masterarbeit. Dahinter verberge sich, so Riedrich, die Gefahr, den Anschluss an eine sich verändernde Gesellschaft zu verlieren.

„Mit Info- oder Edutainment, partizipativen Vermittlungsangeboten oder kollaborativen Ausstellungen reagieren immer mehr Museen auf die sich ändernden Strukturen und öffnen sich langsam auch inhaltlich ihren BesucherInnen“,

verweist die Autorin auf den Druck, dem die Museen ausgesetzt sind. Wie sieht die Vermittlung aus? Riedrich übernimmt das von Carmen Mörsch entwickelte Raster (siehe dazu: Carmen Mörsch: Kunstvermittlung 2: Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12 (Affiliate-Link)), in dem diese zwischen vier verschiedenen Funktionen von Vermittlung unterscheidet:

  • Affirmative Funktion: „übernimmt die Aufgabe, das Museum und seine Tätigkeiten wie Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen nach aussen zu vertreten und seine Inhalte zu kommunizieren. (…)“
  • Reproduktive Funktion: „wendet sich mit niederschwelligen Angeboten stärker an (…) ein Publikum, das nicht von vorneherein zur Gruppe der klassischen MuseumsbesucherInnen gehört. (…)“
  • Dekonstruktive Funktion: versteht das Museum als Institution, „die Vorstellungen und Geschichten nicht nur zeigt, sondern auch konstruiert.“
  • Transformative Funktion: sieht das Museum inmitten gesellschaftlicher und politischer Prozesse, das so zum gesellschaftlichen Protagonisten wird. „Vermittlung fndet statt in von den TeilnehmerInnen selbstbestimmten Projekten, die Einfuss auf die Institution nehmen (können). Die Beziehung zwischen Museum und Öffentlichkeit wird hinterfragt und umgekehrt.“

Zur Anwendung kommen dabei verschiedene Vermittlungsformate, die Riedrich in die Kategorien

  • rezeptiv,
  • interaktiv,
  • partizipativ und
  • kollaborativ

einteilt. Am interessantesten und zugleich am herausforderndsten ist natürlich das letztere Format, denn

„während es bei rezeptiven, interaktiven und partizipativen Formaten stets einen hierarchischen Bezug auf die durch die Vermittlung repräsentierte Institution gibt, ermöglicht kollaborative Vermittlung dem Publikum eine Position, die auch ausserhalb der institutionellen Vorgaben bestehen könnte“.

Andererseits erlaubt es der kollaborative Ansatz dem Museum aber, eine völlig neue und gesellschaftliche  relevante Rolle einzunehmen und so dem drohenden Bedeutungsverkust zu begegnen.

Riedrich steckt darauf aufbauend den theoretischen Rahmen für die Social-Media-Aktivitäten ab und kommt zu dem nicht überraschenden Ergebnis:

„Wie bei medialen Vermittlungsangeboten innerhalb einer Ausstellung bedarf auch Vermittlung durch Social Media klarer Konzepte, das heisst einer professionellen Auseinandersetzung nicht nur mit den Inhalten sondern auch mit den Medien der Vermittlung.“

Welche Medien das sind und wie sie funktionieren, beschreibt die Autorin auf den folgenden Seiten. Ob Blog, Facebook, Twitter oder Foto- und Videoplattformen, Riedrich erklärt nicht nur kurz das jeweilige Tool, sondern bringt auch gleich Praxisbeispiele aus dem Kunst- und Kulturbereich.

Das im Rahmen der Arbeit entstandende Social-Media Konzept für das „Ortsmuseum Küsnacht“ hat Riedrich aus nachvollziehbaren Gründen nicht auf ihrem Blog veröffentlicht, aber uns bleibt ja noch das abschließende Kapitel, in dem die Autorin zusammenfasst, welche Auswirkungen diese Aktivitäten unter anderem für das Museum und die Funktionen der Vermittlung haben. Ganz wichtig ist in meinen Augen das mit „Bereitschaft“ überschriebene Kapitel. Dahinter verbergen sich elf Empfehlungen, die sich Museen zu Herzen nehmen sollten, wenn sie das Social Web für ihre Vermittlungsarbeit nutzen wollen.

Am wichtigsten ist in meinen Augen wohl dieser Tipp:

„Nicht der Einsatz von partizipativen Medien macht die Vermittlung partizipativer, sondern die Einstellung der Beteiligten.“

Riedrich stellt völlig richtig fest, dass es an diesem Punkt eigentlich erst so richtig losgehe und sich in weiterer Folge viele Fragen ergeben, die es zu beantworten gilt. Mit ihrer Masterarbeit hat Bettina Riedrich aber erst einmal die Voraussetzungen und damit eine gute Grundlage geschaffen für die Einbeziehung der Social Media in die museale Vermittlungsarbeit.

Hier können Sie die Arbeit downloaden: „Partizipation durch Social Media? Museale Vermittlung und das Partizipative Web

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Schwierige Situation im Museumsbereich: 4 Minuten pro Kunstwerk oder zusperren?

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8592 – St Petersburg – Hermitage„; By thisisbossi (CC-Lizenz)

Solche Warteschlangen vor den meist großen Museen trifft man leider immer häufiger an, wobei sich das „leider“ vor allem auf die bezieht, die auf diese Weise wertvolle Zeit verlieren. Für die Museen ist es eher eine Bestätigung der eigenen Arbeit und der Hinweis darauf, dass die Ausstellung den Geschmack des Publikums getroffen hat. So schön das große Interesse auch sein mag, ganz so toll ist eine lange Schlange vor den Kassenhäuschen aber auch für das Museum nicht, denn vermutlich schreckt die Aussicht auf eine längere Wartezeit viele potenzielle BesucherInnen ab.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Konzepten, die solche Situationen zu vermeiden helfen sollen. So bieten etwa viele Museen die Möglichkeit an, die Tickets online zu kaufen und damit nicht alle zur selben Zeit vor den Ausstellungsobjekten stehen, gelten die Tickets nur für einen bestimmten Zeitraum. Was eine ganz plausible Lösung zu sein scheint, um den Ansturm der Massen etwas zu entzerren, kann auch schnell ins Gegenteil umschlagen und dann eher abschreckend wirken.

So wird den BesucherInnen der National Gallery bei der am 9. November beginnenden Leonardo da Vinci Ausstellung nur noch ein arg kleines Zeitfenster zugestanden.

30 Minuten für insgesamt sieben Gemälde, da bleiben den BesucherInnen nur noch genau 4 Minuten und 17 Sekunden, so Julia Voss in ihrem Artikel „Stress im Museum“ in der FAZ. Und das bei einem Ticketpreis von 16 Pfund. Für Nicholas Penny, den Direktor der National Gallery, ist das kein Problem:

„Es ist ausgesprochen wichtig, unsere Website gründlich zu lesen und sich vor dem Besuch zu informieren,“

zitiert ihn Julia Voss in ihrem Artikel. Ein Ratschlag, den man von Museumsseite eher selten hört, schließlich ist dort die Angst groß, dass der Besuch der Website für immer mehr Menschen als Ersatz für den Museumsbesuch angesehen wird und die Besucherzahlen deshalb sinken.

In die gleiche Kerbe schlägt die Autorin, wenn sie schreibt, dass es

„eindeutig besser (sei), ein Gemälde nie im Original gesehen zu haben – als 4 Minuten, 17 Sekunden davor in einer Blockbusterschau zu stehen.“

Während also auf der einen Seite die Museen mit allen Tricks arbeiten, um das Publikum möglichst rasch durchzuschleusen, haben die meisten Museen das gegenteilige Problem: zu wenig BesucherInnen.

Unter der Überschrift „Sind Museen nur noch reine Unterhalter?“ hält Claudia Hangen in „The European Circle“ fest, dass die kleinen Museen, die keine großen Attraktionen bieten, da nicht mehr mithalten können und um ihr Überleben kämpfen müssen. „Ihr Manko“, so die Autorin,

„sie bieten Schätze aus Sammlungen, die zeitlos sind, keiner Mode unterstehen und durch keinen PR-Manager für die Masse attraktiv angepriesen werden.“

Während sich also die einen mit allen Mitteln der Massen zu erwehren versuchen, fehlen den anderen die so dringend benötigten BesucherInnen. Die Großen werden immer größer und den Kleinen geht es an den Kragen, eine Entwicklung, die wir  nicht nur im Museumsbereich erleben.

Markbereinigung nennt man das dann, wenn etwa im Handel die kleinen Geschäfte nach und nach verschwinden und sich am Ende ein paar große Ketten durchsetzen. Spricht man jemanden auf diese Entwicklung an, hört man von ihm meist ein paar Worte des Bedauerns, bevor er in den nächsten Supermarkt verschwindet. So ähnlich ist das im Museumsbereich wohl auch. Wir finden es zwar traurig, wenn immer mehr kleine Museen dicht machen müssen. Aber wer besucht schon ein Bezirksmuseum, wenn er doch beim nächsten Großstadtbesuch eine Blockbusterausstellung zu sehen bekommt. Zwar vielleicht  nur 4 Minuten und 17 Sekunden für jedes Ausstellungsstück. Aber um zu Hause erzählen zu können, dass man natürlich dort die vielgerühmte Ausstellung gesehen habe, reicht das allemal.

Wer ist Schuld an dieser Entwicklung? Eigentlich alle. Die Kulturpolitik, weil sie es nicht schafft, Konzepte zu entwickeln (und umzusetzen), die den großen und kleinen Häusern das Überleben ermöglichen. Die auf den ersten Blick unspektakuläre Arbeit der kleinen Museen ist die Grundlage für die Publikumserfolge der großen Häuser. Die Blockbuster mag man kritisieren, aber sie sind auf der anderen Seite auch eine Art Werbeträger. Es kommt auf die Mischung an, auf das richtige Verhältnis und genau das scheint gerade verloren zu gehen, wenn die Kleinen mangels Geld zusperren müssen, während die Großen sich gegenseitig toppen müssen, um genügend Aufmerksamkeit zu erregen.

Schuld an dieser Entwicklung sind aber auch die Museen selbst, die es verabsäumt haben, sich so zu vernetzen, dass alle von der Zusammenarbeit profitieren. Warum kooperiert immer nur Groß mit Groß und Klein mit Klein? Gibt es da irgendeine mir nicht bekannte Gesetzmäßigkeit? Warum gelingt es Museen erst dann, die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen, wenn die Schließung unmittelbar bevorsteht?

Und warum nehmen wir das „Museum um die Ecke“ erst dann wahr, wenn es zugesperrt werden soll, während wir ansonsten bei jeder sich bietenden Gelegenheit von unserem Besuch der Tate, des Guggenheim-Museums, etc. berichten? Es macht also keinen Sinn, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Noch geht es uns und unserer Museumslandschaft so gut, dass sie erhalten werden kann. Dazu können die Kulturpolitik, die Museen und wir als BesucherInnen beitragen. Übrigens: heute ist internationaler Museumstag. ;-)

Update: Um das Missverständnis auszuräumen: im FAZ-Artikel ist davon die Rede, dass nach 30 Minuten die nächsten 180 BesucherInnen in die Ausstellung eingelassen werden. D.h. nicht, dass man als BesucherIn nach 30 Minuten rausgeworfen wird. Jeder kann selbstverständlich  so lange bleiben, bis das Museum schließt.

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Social Media Manager gesucht

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© Carola Langer ; Pixelio

Lange hat es gedauert, bis der Kunst- und Kulturbereich im deutschsprachigen Raum sich nach Social Media ManagerInnen umzusehen begonnen hat. Die aktuelle Ausschreibung  des Jüdischen Museums in Berlin zeigt, dass es nun so allmählich ernst wird.

Gesucht wird in der Jobbörse des Deutschen Museumsbundes ein Social Media Manager für 19,5 Wochenstunden. Zu dessen Aufgaben gehören:

  • „Systematischer Auf- und Ausbau des Dialogs mit relevanten Zielgruppen in Social Media
  • Konzeption, Planung und Umsetzung von Social Media-Kampagnen in Abstimmung mit der
    Marketingleitung
  • Eigenständige redaktionelle Betreuung der Social Media-Präsenzen
  • Projektkoordination bei der Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen im Haus
  • Monitoring von relevanten Themen, Communities u. ä.
  • Evaluation und Reporting.“

Qualifiziert ist, wer ein abgeschlossenes Studium vorweisen kann, über Marketingerfahrung in Kultureinrichtungen verfügt, sich mit dem Web2.0 auskennt und gut schreiben kann, und das zweisprachig (en./de).

Klingt gut, vor allem der zeitliche Rahmen ist realistisch eingeschätzt, ohne entsprechendes Zeitbudget geht es halt nicht. Ich bin gespannt, wer bei diesem Job das Rennen macht und bald das Jüdische Museum im Social Web vertritt.