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Über die Besucherzahlen hinaus: Mit welchen Kennzahlen sollen Kultureinrichtungen arbeiten?

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Bild: Children and Teachers by Abstract Painting „; von Aam Jones (CC BY- SA 2.0) auf Flickr

Viele Kultureinrichtungen sind mittlerweile im digitalen Raum aktiv und stellen dafür teilweise sehr große Ressourcen bereit. Da ist die Frage, ob sich der Einsatz personeller und finanzieller Mittel überhaupt lohnt, natürlich berechtigt. Aber seien wir ehrlich: So ganz einfach ist das nicht, denn was soll denn eigentlich gemessen werden? Meist sind es die Besucherzahlen und im Web konzentrieren wir uns auf die Zahl der Fans und Follower. Aber was ist, wenn deren Zahl gar kein Gradmesser für das sein kann, was wir erreichen wollen? Nehmen wir die MAI-Tagung, die vorletzte Woche in Dortmund stattfand. An den zwei Tagen wurden sehr viele beeindruckende Apps vorgestellt, Apps, die mit viel Liebe zum Detail erstellt worden sind und nicht in die Marketingecke gestellt werden wollen, sondern eher der kulturellen Bildung dienen. Nur, welche Ziele werden mit diesen Aktivitäten konkret verfolgt und woran lässt sich der Erfolg festmachen?

Vorausgesetzt ich habe nichts überhört, rückte lediglich das Städelmuseum während dieser zweitägigen Konferenz mit einer Zahl heraus. 15.000 Mal sei die Städel App seit März heruntergeladen worden, eine ganz beachtliche Zahl. Nachdem diese App aber nicht als Marketinginstrument gesehen wird, sondern als ein innovatives Tool, das die Arbeit im Bereich kultureller Bildung unterstützt, wären qualitative Kriterien interessant, anhand derer festgestellt werden kann, ob die Arbeit Früchte trägt oder nicht. Wie aber lässt sich kulturelles Engagement messen? Auf den Seiten des National Endowment for the Arts (NEA) habe ich eine ganz interessante Publikation gefunden. Der im Dezember 2014 veröffentlichte Report „Measuring Cultural Engagement: A Quest for New Terms, Tools, and Techniques“ fasst die Diskussion einer Tagung zusammen, die im Juni 2014 in Washington stattfand und sich mit den folgenden Fragestellungen befasste:

  • „Why Measure Cultural Participation, and For and By Whom?
  • What Do We Mean by Cultural Participation?
  • The Challenge of Encompassing New Media- and Technology-driven Forms of Participation
  • New Ways of Knowing: Alternative Data Sources, Methodologies, and Units of Analysis
  • Beyond Participation Rates: Understanding Motivations, Barriers, and Outcomes“

Interessant, dass bei der Frage, was Partizipation eigentlich sei, auf eine bereits 2004 erschienene Studie Bezug genommen wird. In „The Values Study: Rediscovering the Meaning and Value of Arts Participation“ (siehe dazu mein Blogpost: „Die fünf Formen künstlerischer Partizipation„) wurde als Ergebnis von 100 geführten Interviews ein Modell entwickelt, aus dem heraus sich Erfolgskriterien entwickeln lassen sollten.

Ob sich dieser Ansatz so leicht auf technologiegetriebene Formen der Partizipation übertragen lässt, scheint allerdings fraglich. Kristen Purcell vom Pew Research Center sieht in diesem Zusammenhang drei Herausforderungen auf den Kunst- und Kulturbereich zukommen: Erstens gelte es, Partizipation genau zu definieren, zweitens müsse geklärt werden, wie man mit unbeabsichtigter oder ungewollter Partizipation umgehe und drittens müsse zwischen Partizipation und Engagement unterschieden werden. Aufschlussreich ist der Hinweis, dass viele Kultureinrichtungen die digitalen Technologien als große Hilfe betrachten, um sich selbst zu positionieren und mit den (potenziellen) BesucherInnen ins Gespräch zu kommen. Dass auf diese Weise aber auch die UserInnen die Möglichkeit bekommen, sich mit den künstlerischen Inhalten zu beschäftigen, wird von den meisten vergessen. Nur wenige Kultureinrichtungen haben die Zeichen der Zeit erkannt und werden dieser Entwicklung so gerecht wie das Rijksmuseum mit dem Rijksstudio, das den UserInnen alle Freiheiten im Umgang mit den Kunstwerken gibt.

Ich denke, dieser Report ist eine gute Grundlage, um in den nächsten Monaten Kriterien zu entwickeln, mit deren Hilfe sich dann einschätzen lässt, ob die vielen Apps, die die Museen entwickelt haben und weiter entwickeln werden, auch wirklich ihre Aufgabe erfüllen. Schließlich geht es um viel Geld, Geld, das nicht alle Kultureinrichtungen haben.

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„Ruhratlas Kulturelle Bildung“: Von der Quantität zur Qualität

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Ruhratlas Kulturelle Bildung

Mit dem Themencluster „Kulturelle Bildung“ möchte die Stiftung Mercator den Stellenwert kultureller Bildung in Deutschland erhöhen. Zwar nehme Bildung, so heißt es dort, eine wichtige Rolle ein, um unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten, der Wert kultureller Bildung werde aber häufig noch unterschätzt. Zwar wissen wir, dass Kunst und Kultur Motoren gesellschaftlicher Entwicklung sein können, aber erst so allmählich tauchen Studien auf, die nicht nur deren Relevanz bezeugen, sondern auch Weg aufzeigen, welches Entwicklungspotenzial in diesem Bereich steckt.

Die Anfang des Jahres vom Zentrum für Kulturforschung erstellte und von der Stiftung Mercator herausgegebene Studie „mapping//kulturelle bildung“ (PDF, 17,5 MB) liefert eine Art Bestandsaufnahme, in dem sie erfasst, „welche Akteure an kulturellen Bildungsprozessen für Kinder und Jugendliche auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene beteiligt sind“, wobei sie sich aber auf die vier Bundesländer Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen konzentriert. Auf dieser Basis lassen sich nun datengestützte Aussagen über erfolgreiche Strukturmodelle machen, mit deren Hilfe es gelingen soll, Kunst und Kultur stärker im Bildungssystem zu verankern.

In der Zusammenfassung ist von „viele(n) weiße(n) Flecken auf der statistischen Landkarte“ die Rede, genannt werden unter anderem die Kirchen und Rundfunkanstalten. Aber auch bei den öffentlich finanzierten kulturellen Bildungsangeboten fehle es häufig an Daten, was unter anderem mit dem ressortübergreifenden Charakter der Angebote zu tun hat, so die Studie. Aber auch die Frage, was überhaupt als kulturelles Bildungsangebot durchgeht und was nicht, lässt sich oft nicht beantworten, kritisiert wird in der Studie daher der fehlende „Mut zur Eingrenzung des Themenfelds Kulturelle Bildung für statistische Zwecke“.

Einige dieser Lücken zu schließen, das ist das Ziel des von Educult erstellten „Ruhratlas Kulturelle Bildung“ (PDF, 1,4 MB), der ebenfalls und fast zeitgleich von der Stiftung Mercator herausgegeben worden ist. An Hand von zwölf Beispielen brechen die AutorInnen Tanja Nagel, Anke Schad und Michael Wimmer das Thema bis auf die lokale Ebene herunter. Ausgehend von den zwei Fragen, was Qualität im Zusammenhang mit kultureller Bildung überhaupt bedeute und welcher Rahmenbedingungen es bedarf, um diese Qualität zu erzeugen, arbeiten sie anhand der Beispiele das weite Feld der kulturellen Bildung ab.

Partizipation als Qualitätsmerkmal

Nicht ganz überraschend zeigt sich auch in dieser Studie, dass kulturelle Bildung dann besonders erfolgreich ist, „wenn die Kinder und Jugendlichen möglichst aktiv in alle Prozessphasen eingebunden sind“ (S.76). Kunst und Kultur, daran nehmen viele Kinder und Jugendliche ihren eigenen Aussagen nach gar nicht teil. „Kultur ist wichtig, hat aber nichts mit meinem eigenen Leben zu tun“, bringt ein Zitat Birgit Mandels die Sichtweise dieser Zielgruppe wohl recht treffend auf den Punkt. Ein Ziel kultureller Bildungsaktivitäten sei es daher, heißt es in der Studie, die Teilhabe der Kinder und Jugendlichen an kulturellen Angeboten zu erhöhen. Während also für viele das „Dabeisein“ schon als Erfolg gilt, legen andere die Latte ungleich höher und fordern Partizipation als Qualitätsmerkmal für die kulturelle Bildung ein.

Die AutorInnen weisen darauf hin, dass es dabei unterschiedlich hohe Intensitätsgrade gibt und es natürlich auch von den Rahmenbedingungen abhängt, ob ein Austausch auf Augenhöhe möglich beziehungsweise erwünscht ist (siehe dazu auch mein Blogpost „Partizipation: wie das Publikum in das eigene Projekt einbinden„). Meist werden Formate gewählt, bei denen Interaktion nur eingeschränkt möglich ist, es ist den Kindern und Jugendlichen also nicht möglich, hier selbst Verantwortung zu übernehmen.

Wichtig sei es vor allem, Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt der jungen Leute zu finden, fordern die AutorInnen. „Nur wenn Kunst und Kultur auch mit ihnen etwas zu tun haben, kann kulturelle Bildung erfolgreich sein“, diese Aussage ist in meinen Augen von zentraler Bedeutung. Dabei geht es aber nicht darum, sich anzubiedern, sondern authentisch zu bleiben und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Schön, dass im Zusammenhang mit dem Begriff der Partizipation auch auf die Bedeutung der digitalen Medien verwiesen wird. Vor allem YouTube und Facebook, aber auch Blogs werden als Kommunikationskanäle genannt, die hier von großer Bedeutung sind. Die an dieser Stelle angeführten Beispiele zeigen, dass der Schritt zur politischen Partizipation dann nicht mehr weit ist, denn, so die Schlussfolgerung der AutorInnen, es gehe darum, „nicht Inhalte und Fertigkeiten vermittelt zu bekommen, sondern sich diese selbst zu eigen und für das eigene Leben nutzbar zu machen“.

So positiv kulturelle Bildung gesehen wird und so erfolgreich viele Beispiele auch sein mögen. Angesichts der demografischen Entwicklungen und des finanziellen Drucks sehen die AutorInnen in der Ruhr-Region die Gefahr, dass viele Angebote nicht erhalten werden können. In der Studie wird aber nicht nur warnend der Zeigefinger gehoben, sondern es werden konkrete Empfehlungen (S. 93ff) formuliert. Sich mit diesen zu beschäftigen, lohnt sich, auch über das Ruhrgebiet hinaus, denn für die VerfasserInnen dieser Studie ist klar, dass das Ruhrgebiet mit seinen Entwicklungen exemplarisch für andere Regionen steht.

Siehe dazu:

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Storytelling: Nur eine einzige Geschichte ist viel zu wenig

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Object Stories

Storytelling sei der Gegenpol zur Einwegkommunikation, denn wer erzähle, spreche damit auch eine Einladung aus, sich zu beteiligen und mitzuerzählen, schreiben Karolina Frenzel, Michael Müller und Hermann Sottong in ihrem Buch Storytelling (Affiliate Link), denn „(w)er mit Geschichten kommuniziert, ‚öffnet‘ den kommunikativen und sozialen Raum ebenso wie den Raum des Denkens“ (S.5). Bei diesen Sätzen wird schnell klar, warum Storytelling so wichtig für die Kommunikation im Social Web ist. Dort wünschen wir uns nichts sehnlicher als mit den UserInnen ins Gespräch zu kommen beziehungsweise zu interagieren.

Storytelling als Lösung des Problems, dass wir nun zwar auf Facebook und anderen Netzwerken vertreten sind, aber Kommunikation und Interaktion nicht so funktionieren, wie wir uns das vorgestellt haben? Wie haben wir es uns denn überhaupt vorgestellt? Ich glaube, viele haben sich das noch gar nicht so genau überlegt, greifen aber das Thema Storytelling begierig auf, weil ihnen nun von allen Seiten eingeflüstert wird, dass man mit tollen Geschichten die UserInnen begeistern könne und die dann schon Produkte kaufen und Dinstleistungen in Anspruch nehmen würden.

Seitdem glaubt man in den sozialen Netzwerken den Rauch von Lagerfeuern förmlich riechen zu können. Fehlt nur noch die geeignete Geschichte. Das Portland Art Museum scheint so eine Geschichte gefunden zu haben, aber sie sieht ganz anders aus als wohl die meisten erwarten würden. Mike Murawski, Director of Education and Public Programs, erzählt sie in einem Blogpost über „Object Stories„, ein vor drei Jahren begonnenes Projekt. Murawski erzählt vom TED-Vortrag der nigerianischen Autorin Chimamanda Adichie, die darin vor der Gefahr einer einzelnen Geschichte warnt. Adichie berichtet darin unter anderem von ihren Erfahrungen, die sie während ihres Studiums in den USA gemacht hat. In einem Studentenwohnheim wurde sie von ihrer Zimmerkollegin ganz erstaunt gefragt, warum sie so gut Englisch könne und ob sie in der Lage sei, einen Herd zu bedienen? Der Grund: Die meisten von uns kennen nur eine einzige Geschichte dieses Kontinents.

„a single story of catastrophe. In this single story there was no possibility of Africans being similar to her in any way, no possibility of feelings more complex than pity, no possibility of a connection as human equals,“

wie Adichie es formuliert. Das heißt, eine einzelne Geschichte wird der Sache meistens nicht gerecht, sie simplifiziert und genau das war der Ausgangspunkt für das Portland Art Museum, als man sich dort, so Murawski, die Frage stellte, mit welchen Strategien man den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen könne und welche Beziehung man zum Publikum anstrebe?

User generated Content statt Berieselung

„Wir hinterfragten die Rolle unserer BesucherInnen, die wir ausschließlich als KonsumentInnen von Informationen sahen,“ blickt Murawski zurück und resümiert: „In doing so, we uncovered that both the Museum and the public needed a catalyst for active participation, personal reflection, and meaningful ways to rediscover works of art in the collection.“ So entstand „Object Stories“, ein Projekt, bei dem die BesucherInnen dazu eingeladen werden, die Geschichte von Gegenständen zu erzählen, die ihnen wichtig sind. Das Ziel sei es gewesen, „to demystify the Museum, making it more accessible, welcoming, and meaningful to a greater diversity of communities – while continuing to highlight the inherent relationship between people and things,“ fährt Murawski in seinem Blogpost fort. Fast 1.000 Storys wurden mittlerweile produziert, die BesucherInnen werden eingeladen, vor Ort in einem kleinen Aufnahmeraum ihre Geschichte zu erzählen.

Das Projekt habe aber nicht nur zu einem neuen Umgang mit den BesucherInnen geführt, auch die Organisationskultur habe sich verändert, gibt sich Murawski überzeugt.

„The internal process of developing and implementing Object Stories has encouraged the dissolution of long-established departmental silos, the growth of new partnerships with community organizations, and the confidence to experiment with a formative approach to programming that incorporates audience feedback,“

fasst er die Entwicklungen zusammen. Aber auch für die Menschen außerhalb des Museums habe sich etwas verändert, denn viele Menschen sehen das Museum nun als einen Ort, „that invites the voices and stories of its community and welcomes the public in this act of co-creating content“. Coca Cola hat diesen Ansatz mit seiner Content Strategie 2020 weiterentwickelt und setzt auch auf seiner Website konsequent auf user generated Content. Mit Lagerfeuerromantik und Geschichten von früher hat das alles wenig zu tun. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen, nicht nur im Kunst- und Kulturbereich.

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Ein gemeinsames Projekt von Google und Tate Modern: „This Exquisite Forest“

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This Exquisite Forest“ ist eine nette Spielerei, die zeigt, welches Potenzial im Kunst- und Kulturbereich steckt.

„This Exquisite Forest is an online collaborative art experiment presented by Google and Tate Modern. The project lets users create short animations that build off one another as they explore a specific theme. It can be accessed via the website exquisiteforest.com and through a physical installation at Tate Modern from July 23, 2012″,

heißt es in der Beschreibung zum Video auf YouTube. Schöne Idee, die vielleicht zu ähnlichen Projekten anregt.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von YouTube nachzuladen.
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Eine Masterarbeit beschäftigt sich mit dem partizipativen Potenzial des Social Web für Museen

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au @museolab„; By samuel bausson (CC-Lizenz)

Macht das Internet Kulturvermittlung überflüssig?“ habe ich vor wenigen Monaten hier auf dem Blog gefragt und damit nur verkürzt eine von Birgit Mandel gestellte Frage wiedergegeben, die in ihrem in den Kulturpolitischen Mitteilungen veröffentlichten Beitrag „Herausforderungen und Potenziale der Kulturvermittlung im Internet“ so lautet:

„Welche Ziele und welche Bedeutung kann die Kulturvermittlung im Zeitalter des Internets noch haben, wenn ein Großteil der Lebenszeit sich in virtuellen Räumen abspielt, die kaum mehr zu überschauen, geschweige denn zu steuern sind?“

Vor allem die Angst, etwas nicht mehr überschauen oder steuern zu können, scheint für viele Kunst- und Kultureinrichtungen groß zu sein, drohen sie doch die Deutungshoheit über die Kunst zu verlieren. Ähnlich klingt, was Axel Vogelsang in einem Kommentar zu meinem Blogpost geschrieben hat:

„Es geht ja eigentlich nicht nur um die Frage der Kulturvermittlung. Was dahinter steckt ist ja die Angst, dass das Museum in die digitalen Medien ausgelagert wird und das Museum obsolet wird.“

Werden Kultureinrichtungen und mit ihnen KulturvermittlerInnen überflüssig? „(Z)um Teil“, meint Birgit Mandel am Ende ihres Artikels und beschränkt sich dabei aber auf die „kulturellen Selbstbildungsprozesse der ‚digital natives'“, während Axel Vogelsang hier keine Gefahr sieht.

Ich sehe sie auch nicht, diese Gefahr, allerdings nur dann, wenn die Kunst- und Kultureinrichtungen auch dort präsent sind, wo ein Großteil ihrer (potenziellen) BesucherInnen einen ständig größer werdenden Teil ihrer Lebenszeit verbringen, nämlich im Internet, insbesondere im Social Web.

Wie aber kann diese Vermittlungsarbeit aussehen? „Partizipation durch Social Media? Museale Vermittlung und das Partizipative Web“ hat Bettina Riedrich ihre vor wenigen Tagen in Zürich veröffentlichte Masterarbeit betitelt, in der sie sich eingehend mit den Möglichkeiten beschäftigt, die Social Media den Museen für die Vermittlungsarbeit an die Hand gibt.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die Tatsache, dass wir als Gesellschaft neue (Netz)-Strukturen herausbilden („Schwarm“ statt „Kleinfamilie“) und die Nutzung des Internets für uns immer selbstverständlicher wird, zwei Entwicklungen, die gut zueinander passen und denen sich Museen, so Riedrich,  als öffentliche Institutionen nicht entziehen können. Darüber hinaus fühlen sich immer mehr Museen einem Trend verpflichtet, der unter dem Stichwort Partizipation die museale Vermittlungsarbeit zunehmend bestimmt.

Riedrich liefert dafür in ihrer Arbeit den theoretischen Hintergrund und skizziert darin die Entwicklung des Social Web sowie den Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft, in der eines der Ziele lautet, „eigenständig Wissen zu generieren“. Vom Konsumenten zum Produzenten, dass dieser sehr beliebte Slogan mit Vorsicht zu genießen ist, darauf weist die Autorin an dieser Stelle hin, schließlich bedürfe es neben den Zugangsmöglichkeiten auch der entsprechenden Medienkompetenz, um an der „‚Dauerbaustelle des Wissens‘ mitarbeiten (zu) können“. Dazu gehören auch museale Inhalte, die den Angehörigen eines bestimmten sozialen Feldes vorbehalten bleiben, was dazu führen würde, dass sowohl die Produktion als auch die Rezeption von durch Museen autorisiertem Wissen in den Händen weniger Eliten liegen, heißt es in der Masterarbeit. Dahinter verberge sich, so Riedrich, die Gefahr, den Anschluss an eine sich verändernde Gesellschaft zu verlieren.

„Mit Info- oder Edutainment, partizipativen Vermittlungsangeboten oder kollaborativen Ausstellungen reagieren immer mehr Museen auf die sich ändernden Strukturen und öffnen sich langsam auch inhaltlich ihren BesucherInnen“,

verweist die Autorin auf den Druck, dem die Museen ausgesetzt sind. Wie sieht die Vermittlung aus? Riedrich übernimmt das von Carmen Mörsch entwickelte Raster (siehe dazu: Carmen Mörsch: Kunstvermittlung 2: Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12 (Affiliate-Link)), in dem diese zwischen vier verschiedenen Funktionen von Vermittlung unterscheidet:

  • Affirmative Funktion: „übernimmt die Aufgabe, das Museum und seine Tätigkeiten wie Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen nach aussen zu vertreten und seine Inhalte zu kommunizieren. (…)“
  • Reproduktive Funktion: „wendet sich mit niederschwelligen Angeboten stärker an (…) ein Publikum, das nicht von vorneherein zur Gruppe der klassischen MuseumsbesucherInnen gehört. (…)“
  • Dekonstruktive Funktion: versteht das Museum als Institution, „die Vorstellungen und Geschichten nicht nur zeigt, sondern auch konstruiert.“
  • Transformative Funktion: sieht das Museum inmitten gesellschaftlicher und politischer Prozesse, das so zum gesellschaftlichen Protagonisten wird. „Vermittlung fndet statt in von den TeilnehmerInnen selbstbestimmten Projekten, die Einfuss auf die Institution nehmen (können). Die Beziehung zwischen Museum und Öffentlichkeit wird hinterfragt und umgekehrt.“

Zur Anwendung kommen dabei verschiedene Vermittlungsformate, die Riedrich in die Kategorien

  • rezeptiv,
  • interaktiv,
  • partizipativ und
  • kollaborativ

einteilt. Am interessantesten und zugleich am herausforderndsten ist natürlich das letztere Format, denn

„während es bei rezeptiven, interaktiven und partizipativen Formaten stets einen hierarchischen Bezug auf die durch die Vermittlung repräsentierte Institution gibt, ermöglicht kollaborative Vermittlung dem Publikum eine Position, die auch ausserhalb der institutionellen Vorgaben bestehen könnte“.

Andererseits erlaubt es der kollaborative Ansatz dem Museum aber, eine völlig neue und gesellschaftliche  relevante Rolle einzunehmen und so dem drohenden Bedeutungsverkust zu begegnen.

Riedrich steckt darauf aufbauend den theoretischen Rahmen für die Social-Media-Aktivitäten ab und kommt zu dem nicht überraschenden Ergebnis:

„Wie bei medialen Vermittlungsangeboten innerhalb einer Ausstellung bedarf auch Vermittlung durch Social Media klarer Konzepte, das heisst einer professionellen Auseinandersetzung nicht nur mit den Inhalten sondern auch mit den Medien der Vermittlung.“

Welche Medien das sind und wie sie funktionieren, beschreibt die Autorin auf den folgenden Seiten. Ob Blog, Facebook, Twitter oder Foto- und Videoplattformen, Riedrich erklärt nicht nur kurz das jeweilige Tool, sondern bringt auch gleich Praxisbeispiele aus dem Kunst- und Kulturbereich.

Das im Rahmen der Arbeit entstandende Social-Media Konzept für das „Ortsmuseum Küsnacht“ hat Riedrich aus nachvollziehbaren Gründen nicht auf ihrem Blog veröffentlicht, aber uns bleibt ja noch das abschließende Kapitel, in dem die Autorin zusammenfasst, welche Auswirkungen diese Aktivitäten unter anderem für das Museum und die Funktionen der Vermittlung haben. Ganz wichtig ist in meinen Augen das mit „Bereitschaft“ überschriebene Kapitel. Dahinter verbergen sich elf Empfehlungen, die sich Museen zu Herzen nehmen sollten, wenn sie das Social Web für ihre Vermittlungsarbeit nutzen wollen.

Am wichtigsten ist in meinen Augen wohl dieser Tipp:

„Nicht der Einsatz von partizipativen Medien macht die Vermittlung partizipativer, sondern die Einstellung der Beteiligten.“

Riedrich stellt völlig richtig fest, dass es an diesem Punkt eigentlich erst so richtig losgehe und sich in weiterer Folge viele Fragen ergeben, die es zu beantworten gilt. Mit ihrer Masterarbeit hat Bettina Riedrich aber erst einmal die Voraussetzungen und damit eine gute Grundlage geschaffen für die Einbeziehung der Social Media in die museale Vermittlungsarbeit.

Hier können Sie die Arbeit downloaden: „Partizipation durch Social Media? Museale Vermittlung und das Partizipative Web

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Bürger machen Kulturpolitik

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Immer mehr Kommunen haben mit enormen Finanzproblemen zu kämpfen. An allen Ecken und Enden muss gespart werden, was natürlich auch Konsequenzen für den Kunst- und Kulturbereich hat. Lösungen zur Behebung dieser Probleme scheinen derzeit nicht in Sicht, zumindest gibt es kein Patentrezept. Während manche Städte und Gemeinden einfach den Rotstift zücken und quer durch den gesamten Haushalt Kürzungen vornehmen, versuchen andere, ihre BürgerInnen in die Entscheidungsfindungsprozesse miteinzubeziehen.

Jörn Borchert berichtet in seinem aktuellen Blogpost „Simcity Bonn: Ernst oder Spiel?“ über die Idee der Stadt Bonn, mit Hilfe einer Online-Diskussionsplattform gemeinsam mit den BürgerInnen Lösungsvorschläge zu entwickeln und zu diskutieren. Natürlich geht es hier auch um den Kunst- und Kulturbereich, denn ein gemeinsames Einverständnis, dass Kunst und Kultur für eine Gesellschaft wichtig sind, existiert, wenn überhaupt, nur noch auf dem Papier. Spätestens wenn es um das Thema Geld geht, ist nur noch von Einnahmen und Ausgaben die Rede. Und in dieser Hinsicht schaut es bei einigen Museen recht schlecht aus, wie Borchert berichtet. So sieht etwa das Budget des Kunstmuseums in Bonn Ausgaben in der Höhe von 5 Mio. Euro vor, denen Einnahmen von rund 340.000 Euro gegenüberstehen.

Nun kann man sich natürlich Gedanken darüber machen, ob man bei den Ausgaben irgendwo noch sparen kann, vielleicht 10 oder gar 20 Prozent. Man kann sich überlegen, wie sich die Einnahmen erhöhen lassen. Im Idealfall schafft man dann die halbe Million. Auf öffentliche Unterstützung wird dieses Museum aber immer angewiesen sein.

Der Vorteil dieser Plattform, Jörn Borchert hebt es hervor, liegt darin, dass nun viele Zahlen auf den Tisch kommen, die den BürgerInnen bis jetzt nicht bekannt waren. Geld spielt in (fast) allen Lebensbereichen eine Rolle, auch im Kunst- und Kulturbereich. Möchte man über diesen Bereich entscheiden, muss man die Zahlen kennen. Hier leistet die Plattform wertvolle Dienste.

Vor allem die Kultureinrichtungen selbst können sich hier wertvolle Anregungen holen, erfahren sie doch hier aus erster Hand, was die BürgerInnen über sie denken, was sie sich wünschen und was sie ablehnen. Ausgeblendet ist aber die Ebene darüber, die kulturpolitische. Wie gesagt, wir können etwas bei den Ausgaben sparen und versuchen, höhere Einnahmen zu erzielen. Aber eigentlich geht es doch um die Frage, ob uns Kunst und Kultur wichtig sind oder nicht? Und in dieser Hinsicht sollte eigentlich die (Kultur)-Politik Konzepte und Vorschläge auf den Tisch legen, wie so etwas aussehen könnte. Sonst hat Jörn Borchert mit seiner Vermutung wahrscheinlich Recht, dass die PolitikerInnen

„diese Umfrage als Grabbelkiste nutzen werden, aus der sie ihre Argumente/Gegenargumente je nach Belieben herausziehen werden.“

Wenn man sich dabei auf den Bürgerwillen beruft, dann hat das mit Politik und deren Aufgabe, unsere Lebensräume zu gestalten, recht wenig zu tun.

Siehe auch dazu: Kulturfinanzierung: wenn die BürgerInnen mitentscheiden

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Das Museum als Schatztruhe

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© tokamuwi ; Pixelio

Ganz so einfach ist es also anscheinend nicht, mit Hilfe von Storytelling die Attraktivität einer Ausstellung zu erhöhen, wie die Kommentare zu meinem gestrigen Beitrag „Transmedia Storytelling im Museum“ gezeigt haben. Michael Müller hat in seinem Kommentar gemeint, dass es sich in dem gezeigten Video um „Klamauk“ handele, die um die Ausstellung herum entwickelte „Story“ den Wert der Ausstellung damit gleichsam mindere.

Das heißt, es scheint hier bestimmte (Qualitäts)-Grenzen zu geben, man kann nicht einfach rund um eine Ausstellung herum Geschichten erfinden. Was aber muss diese Geschichten dann auszeichnen? Werner Schütz gibt auf seinem Blog „Filmfeder“ eine ganz wichtige Anregung. In seinem Beitrag „Einen Maler für Transmedia Storytelling“ weist er darauf hin, dass eine solche Geschichte nicht einfach an denen, deren Interesse für die Ausstellung geweckt werden solle, vorbeilaufen dürfe, sondern dass diese Geschichte erst dann ihren Zwecke erfülle, wenn sie die ZuseherInnen miteinbezieht, ihren „Einsatz“ verlangt, wie Schütz schreibt.

Es geht darum, die potenziellen BesucherInnen mit der Ausstellung, den Kunstwerken zu verbinden:

„(Der Besucher) sammelt und verteilt Informationen im Web und auf der Straße, bekommt als Belohnung vielleicht eine Ermäßigung und steht dann in einer Ausstellung, zu deren Kunstwerken er einen direkten Bezug hat, weil er vom Ausgraben der Epochenbeschreibung aus der Stadtparkwiese immer noch  schwitzt,“

schreibt Schütz und landet damit beim Thema Partizipation. Dieser direkte Bezug scheint nur sehr selten vorhanden zu sein, so die Schlussfolgerung aus dem gestrigen Kommentar von Martin Adam, der darin schreibt:

„Ich war vorletzte Woche in Bode-Museum in Berlin und habe dort mit Mitarbeitern des Museums gesprochen. Sie sagten mir, dass nur ca. 15% der Besucher tasächlich an den Ausstellungen und damit an den Exponaten interessiert seien. Die anderen sind entweder einfach an dem Museum/Gebäude interessiert oder als Touristen mit der Pflichtaufgabe versehen.“

Das heißt, solche Geschichten oder „Rahmenhandlungen“ tragen im Idealfall dazu bei, dass es nicht nur 15% der BesucherInnen sind, die sich für die Kunst interessieren. Für mich stellt sich jetzt die Frage, wie diese Geschichten aussehen müssen? Das Involviertsein oder der „Einsatz“, von dem Werner Schütz spricht, scheint wichtig zu sein. Bleibt die Frage nach dem „Klamauk“? Müssen wir uns einem ernstem Thema ernst annähern oder darf Kunst auch Spaß machen und unterhalten? Oder anders gefragt: wie heben wir den Schatz? Gerade im deutschsprachigen Raum, wo zwischen ernster und unterhaltender Kunst unterschieden wird, ist es nicht ganz einfach, einen Antwort darauf zu finden. Aber wir brauchen eine Antwort darauf.

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Eine neue Romeo und Julia-Inszenierung? Das Burgtheater befragt seine Abonnenten

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Als Sebastian Hartmann vor gut drei Jahren am Wiener Burgtheater Shakespeares „Romeo und Julia inszenierte, kam das Stück weder beim Publikum noch bei den Kritikern gut an. Ob die Inszenierung deshalb nicht mehr im Repertoire aufscheint, kann ich nicht sagen, umso interessanter ist ein Bericht, der heute in den Wiener Regionalnachrichten ausgestrahlt wurde.

Das Burgtheater befragt derzeit seine rund 5.000 Abonnenten schriftlich, ob sie das Stück in einer neuen Inszenierung sehen wollen oder nicht. Von der Möglichkeit, über das Ankreuzen von Ja oder Nein hinaus auch einen kurzen Kommentar abgeben zu können, scheint rege Gebrauch gemacht zu werden. Der Bericht vermittelt den Eindruck, dass die Idee von Burgtheater-Chef Matthias Hartmann, die Abonnenten auf diese Weise in die Programmgestaltung einzubinden, auf große Zustimmung stößt und viele die Karte ausgefüllt zurückschicken.

Im Interview meinte Hartmann, dass er es sich durchaus vorstellen könne, diese Aktion zu wiederholen. Mir gefällt diese Idee und wie der Bericht zeigt, den Abonnenten wohl auch. Hier geht es nicht darum, sich dem Publikum anzubiedern oder sich von ihm das Programm diktieren zu lassen, sondern zu zeigen, dass man es ernst nimmt und die Meinung der BesucherInnen wertschätzt. Eine Aktion, die sicher dazu beiträgt, die Reputation des Hauses zu erhöhen. Zumindest bei der Mehrzahl der 5.000 Abonnenten.

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Historypin: Geschichte als Crowdsourcing-Projekt

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Vielleicht erinnern Sie sich noch an die verschiedenen Stufen sozialer Partizipation, die Nina Simon im Rahmen ihrer „Revised Theory of Social Participation“ entwickelt hat. Bei diesem Modell geht es nicht nur darum, dass das Museum bilaterale Beziehungen zu seinen BesucherInnen aufbaut, sondern es schafft, dass diese untereinander agieren und so Netzwerke bilden.

Leichter gesagt als getan, denn wie schafft man es überhaupt, Menschen zum Mitmachen zu bewegen? Die Initiative We Are What We Do, die die Menschen inspirieren will, „mit einfachen, alltäglichen Dingen die Welt zu verbessern“ (s. Wikipedia), zeigt mit Historypin, wie so etwas in der Praxis aussehen kann.

„Historypin is one in a series of projects created as part of ‚We Are What We Do’s‘ campaign to get generations talking more, sharing more and coming together more often. There has been a major trend in different generations spending less time together. Which is a shame. Old people know stuff young people don’t. And young people know stuff old people don’t. While they’re using Historypin, a lot of young people will be asking older people for photos, and a lot of older people will be asking young people when to click and when to double click. Historypin is a global project. It was launched in London in June 2010 and in the next few years there will be Historypin events and projects held all over the world,“

kann man auf der Website nachlesen. Die Idee, Menschen aus verschiedenen Generationen zusammen zu bringen, scheint zu funktionieren. Fast 14.000 Fotos und Geschichten sind auf der Website des Projektes, das von Google unterstützt wird, mittlerweile zu finden. Nicht schlecht für die ersten paar Wochen.

Wie Historypin funktioniert, zeigt das folgende Video:

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Spannend ist dabei, dass die Fotos nicht nur zeitlich zugeordnet werden können, sondern sich dank Google Maps auch geografisch lokalisieren lassen. Das bedeutet, die geschichtlichen Ereignisse bleiben nicht an der Oberfläche, sondern können sehr konkret werden. Geschichte einer bestimmten Zeit an einem ganz konkreten Ort.

Durch das Miteinander entsteht hier ein wirklicher Mehrwert, ich finde nicht nur die Fotos hochinteressant, sondern die Kommentare, die zu den einzelnen Fotos abgegeben werden. Auf diese Weise wird Geschichte nicht einfach nur konsumiert, sondern jede/r kann dazu beitragen. Durch die eigene Geschichte in Form von Fotos oder Kommentaren.

Via Museum Media

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Partizipation in der Praxis: BürgerInnen entscheiden über die Vergabe von Fördergeldern

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Stellen Sie sich folgende Situation vor: als kleiner Kulturverein haben Sie für Ihr kommendes Projekt eine Förderzusage von der Stadt bekommen. Leider reicht das Geld aber nicht ganz aus, da erfahren Sie von einer Bank, die eine Geldsumme ausschreibt, die für die Realisierung Ihres Vorhabens ausreichen würde. Der Haken an der Sache: mit dem üblichen Ausfüllen eines Formulars ist es nicht getan, denn nicht die Bank entscheidet, sondern die BürgerInnen.

Konkret: zwei Projektvorhaben werden ausgewählt und präsentieren sich in einer Art Wettbewerb den interessierten BürgerInnen. Diese dürfen wählen, wer von beiden das Geld bekommt. Im Unterschied zu vielen anderen Wettbewerben funktioniert er nicht nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip, sondern die Auszahlung erfolgt entsprechend dem Stimmenanteil, den die beiden Projekte jeweils erhalten haben.

So ähnlich funktioniert das Projekt BÜRGERwirken, das Brigitte Reiser auf ihrem Posterous-Blog nonprofit’s vernetzt vorstellt:

„(Die BürgerInnen) erhalten die Chance, über die Aufteilung einer Spende zwischen zwei gemeinnützigen Einrichtungen mitzuentscheiden, indem sie online für eine der beiden Einrichtungen stimmen. Die Einrichtungen ihrerseits erhalten die Möglichkeit, sich über einige Wochen hinweg auf dem begleitenden Projektblog vorzustellen und über die Kommentarfuntion in einen Dialog mit den Lesern bzw. der örtlichen Bürgerschaft zu treten.“

Derzeit läuft gerade die „Schwerter Challenge„, bei der die BürgerInnen entscheiden können, wie die 2.000 Euro, die die örtliche Sparkasse zur Verfügung stellt, auf die beiden Kultureinrichtungen aufgeteilt werden. Wie gesagt, jede Stimme zählt, die Summe wird am Ende entsprechend dem Stimmenanteil aufgeteilt.

Per Twitter fragte Brigitte Reiser nach Meinungen zu dieser Art, private Fördergelder zu verteilen. Ein Vorwurf lautete, die Politik würde sich so der Verantwortung entziehen, wenn es um das Setzen von Schwerpunkten gehe. Ich hätte vor allem Angst, dass solche Aktionen ein willkommener Anlass sind, die öffentlichen Kulturbudgets weiter zu kürzen bzw. nicht zu erhöhen. Was inhaltliche Schwerpunkte angeht, so zeichnet sich die Kulturpolitik ja schon länger nicht mehr durch einen besonders ausgeprägten Gestaltungswillen aus. Da würde sich also nicht viel ändern.

Ein bedenkenswerter Einwand kam vom Österreichischen Jüdischen Museum (übrigens eines der lesenswertesten Museumsblogs im deutschsprachigen Raum) in Eisenstadt. Dort kann man sich so eine Art Wettbewerb zwar durchaus vorstellen, glaubt aber, dass polarisierende Kultureinrichtungen dabei im Nachteil sind, so die Antwort auf Twitter.

Ganz von der Hand ist diese Sorge nicht zu weisen, denn so eine „Challenge“ könnte sehr schnell politisch aufgeladen und missbraucht werden. Nach Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit muss man gerade in Österreich ja nicht lange suchen. Auf der anderen Seite kann so eine „Challenge“ aber auch dazu beitragen, dass die BürgerInnen nicht mehr nur als „Stimmvieh“ alle paar Jahre an die Urnen gehen, sondern die Gesellschaft aktiv mitgestalten können. Das heißt, es besteht die Chance, dass die BürgerInnen an ihrer Verantwortung wachsen. Dazu bräuchte es aber mehr partizipative Ansätze. Die Entscheidung darüber, wie die 2.000 Euro aufgeteilt werden, ist da nur ein erster Schritt.