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Die Flatrate für den Kunst- und Kulturbereich: lässt sich das Netflix-Modell auf Orchester oder Theater übertragen?

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Wenn eine Kultureinrichtung feststellt, dass der Ticketverkauf stagniert oder zurückgeht, wird meist die Marketingabteilung beauftragt, mit einer neuen Kampagne diese Entwicklung zu stoppen. An neue Erlösmodelle denken an diesem Punkt, der ja vielen nicht ganz unbekannt sein dürfte, aber die wenigsten.

Chris Ashworth hat vor fast drei Jahren in seinem Blogbeitrag „Toward A New Funding Model for Theater“ ein Membershipmodell vorgestellt, bei dem es darum ging, nicht nur bei den Vorstellungen dabei zu sein, sondern auch am Entstehungsprozess beteiligt zu werden (siehe dazu mein Blogpost Theaterfinanzierung: geht es auch ohne Förderungen?). Ashworth beschrieb das Ticket als Artefakt einer Beziehung und nicht als Artefakt einer Transaktion, bei dem einfach nur Sitzplätze verkauft werden, sondern der Communitygedanke im Vordergrund steht.

Für 5$ pro Monat so viel Konzerte hören wie Sie wollen

Ganz so weit geht das Saint Paul Chamber Orchestra  aber nicht, wenn es seit Anfang August eine Flatrate anbietet, die einem für 5$ im Monat den Besuch beliebig vieler Konzerte des Orchesters erlaubt. Mit dem SPCO-Membershipprogramm startet das Orchester einen interessanten Versuch, bei dem es sich an der Filmflatrate orientiert, mit der Netflix in den letzten Jahren den Markt gehörig durcheinander gebracht hat.

Das Angebot richtet sich an Menschen, die spontan den Entschluss fassen, ein Konzert zu besuchen und das nicht nur einmal. Es gilt für rund 80% der Plätze, die zwischen $10 und $25 kosten, während die teuren $40-Plätze von diesem Membershipprogramm ausgenommen sind. Die Saisonkarte hält Einzug im Kunst- und Kulturbereich, schreibt der StarTribune, bei rund 100 Konzerten eine durchaus lohnende Sache für Konzertgeher.

Natürlich habe es Widerstände gegeben, aber die Tatsache, dass das altbewährte Abosystem immer seltener in Anspruch genommen wird, zwinge zu neuen Modellen, wird Jessica Etten, die Kommunikations- und Marketingchefin des Orchesters in dem Artikel zitiert. Die $5-Tickets können online und an der Abendkasse erworben werden, der Anspruch auf einen bestimmten Sitzplatz ist damit aber nicht verbunden.

Kelly Dylla vergleicht in ihrem Beitrag „All You Can Hear: The SPCO’s Netflix-Style Membership“ das Angebot des Orchesters mit dem Netflix-Modell, das den Videomarkt entscheidend veränderte. Aus „all you can see“ wird hier „all you can hear“. In der Praxis heißt das, die Kunden können, freie Plätze vorausgesetzt, recht spontan entscheiden, wann und wie oft sie ein Konzert besuchen. Dieses Modell komme, so schreibt Dylla, dem Wunsch vieler entgegen, häufiger künstlerische Veranstaltungen zu besuchen, ohne dabei eine Verpflichtung einzugehen. Während es im klassischen Marketing darum geht, aus dem Besucher einen Abonnenten zu machen, verfolgt die Flatrate einen anderen Ansatz:

People decide that they can part with a small amount of their monthly earnings to have the opportunity to see art,

konstatiert die Autorin. Für das Orchester bedeutet das, es kann mehr Mitglieder in das Programm aufnehmen als es Sitzplätze hat, denn erstens gibt es bei der Flatrate keinen Anspruch auf einen Platz und zweitens ist es unwahrscheinlich, dass alle „Saisonkartenbesitzer“ zur gleichen Zeit ein Konzert besuchen wollen.

Aber noch ein anderer Aspekt ist interessant. Untersuchungen zeigen, so die Autorin, dass mehr als zwei Drittel der Menschen nach dem ersten Besuch einer künstlerischen Veranstaltung nie wieder dort auftauchen. Hingegen kommen aber fast 60% von denen, die zum zweiten Mal da sind, ein weiteres Mal. Die Herausforderung besteht also darin, die Hürde für den zweiten Besuch so niedrig wie möglich zu halten und da scheint die Flatrate kein schlechter Ansatz zu sein.

Das ACT in Seattle als Vorbild

Das „Experiment“ des Saint Paul Chamber Orchestra ist aber nicht so ganz neu, denn seit 2009 bietet das ACT („A Contemporary Theatre“) in Seattle mit dem ACTPass ein ähnliches Modell an. Für $25 pro Monat kann man das gesamte Angebot des Theaters nutzen. Da nicht nur Eigenproduktionen laufen, sondern viele Gastspiele angeboten werden, ist das Programm umfangreich genug, eine Gefahr, die bei kleinen Kultureinrichtungen mit begrenztem Angebot natürlich gegeben ist.

Während es dem Saint Paul Chamber Orchestra aber gar nicht um die Steigerung der Ticketeinnahmen geht, das Orchester finanziert sich hauptsächlich über private Gönner, setzt das ACT sehr wohl auf höhere Einnahmen. Mit einer Monatspauschale von $25 zahlt man über ein Jahr gesehen mehr als für das Abonnement von 4 Veranstaltungen, das $200 kostet. Aber das Theater erzielt anscheinend Einsparungen bei den Marketingkosten und versucht darüber hinaus mit diesem Modell, möglichst viele BesucherInnen längerfristig an sich zu binden. Der Erfolg gibt dem ACT recht, denn aus 40 Abonnenten im ersten Jahr wurden innerhalb von drei Jahren 1.200.

Mit dem Modell der Monatspauschale lassen sich also unterschiedliche Ziele verfolgen. Einerseits hofft das Saint Paul Chamber Orchestra darauf, mit diesem Angebot Menschen dazu zu bewegen, mehr als einmal in ein Konzert zu gehen. Auf der anderen Seite setzt das ACT in Seattle auf dieses Modell, um Einnahmesteigerungen zu erzielen. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob ein solcher Ansatz auch bei uns Sinn machen kann? Während ich von Museen weiß, die die Saisonkarte anbieten, sind mir solche Modelle aus anderen Kunstsparten nicht bekannt. Falls jemand ein Beispiel aus dem Theater- oder Konzertbereich ( oder auch aus ganz anderen Bereichen), würde ich mich über eine Rückmeldung freuen, denn natürlich ist es interessant zu erfahren, welche Erfahrungen damit gemacht wurden. Abgesehen davon: Welche Chancen geben Sie diesem Modell?

Update 11.11.2019: Der ACTPass wird leider nicht mehr angeboten

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Orchester: neue Wege, um Klassikfans zu gewinnen dank YouTube?

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Vor kurzem, genauer gesagt am 20. März,  fand im Opernhaus von Sydney das „Grand Finale 2011“ des YouTube Symphony Orchestra statt. Nicht ganz überraschend gibt es davon auf YouTube ein Video.

Dieses Video dauert mehr als zwei Stunden und hat seit seit dem 20. März fast 1,3 Mio. Zugriffe zu verzeichnen, was eine gewaltige Zahl ist angesichts der Tatsache, dass wir seit Jahren den Niedergang der klassischen Musik bedauern und uns bis heute eigentlich kein wirksames Gegenmittel eingefallen ist.

Natürlich wissen wir nicht, wieviele der UserInnen wirklich bis zum Ende durchgehalten haben, aber die hohen Zugriffszahlen lassen schon vermuten, dass hier irgendwo ein Interesse an dieser Form von Musik vorhanden sein muss.

„Die klassische Musik hat viel mehr Fans da draußen, als wir es alle ahnen. Dieses Projekt ist eine Chance, die musikalische Gemeinschaft zu vergrößern, in der klassische Musik wieder Teil des täglichen Lebens wird. Es hilft dabei, die Menschen durch das unendlich aufregende Labyrinth zu führen, zu dem klassische Musik werden kann. Und deshalb finde ich das Projekt so spannend“,

wird Michael Tilson Thomas, im „Hauptberuf“ Dirigent des San Francisco Symphony Orchestra in einem Artikel auf Deutschlandradio Kultur zitiert. Den Erfolg des YouTube Symphony Orchestra und das Engagement der beteiligten MusikerInnen hat David Cutler zu einem sehr interessanten Blogbeitrag inspiriert. „What Professional Orchestras Should Learn from YouTube“ ist er überschrieben und enthält einige bedenkenswerte und natürlich auch provokante Vorschläge, wie die professionellen Orchester seiner Ansicht nach auf das schwindende Interesse an klassischer Musik reagieren sollten.

Zwar möchte er das YouTube Symphony Orchestra nicht direkt mit den Profi-Orchestern vergleichen, aber, so denkt er, manche Ansätze seien seiner Meinung nach schon bedenkenswert. Zum Beispiel die Auswahl der MusikerInnen. Für das YouTube Symphony Orchestra mussten die MusikerInnen vorspielen, allerdings taten sie das bei sich und nahmen auf, was sie da präsentierten. Professionelle OrchestermusikerInnen übernahmen die Vorauswahl, dann waren die InternetuserInnen am Zug, die darüber abstimmen durften, wer Orchestermitglied werden sollte und wer nicht. Das heißt, nicht alleine die Beherrschung des Instruments war das Kriterium, sondern darüber hinaus mussten die KandidatInnen auch ihre Fans mobilisieren, um den Sprung ins Orchester zu schaffen.

Dieses Prozedere kann man kritisieren, denn

„Will people with better marketing and social media chops be more apt to advance, even if their playing isn’t quite as strong?“

fragt Cutler und spricht damit vermutlich vielen Menschen aus der Seele. In seinen Augen zählt dieses Argument allerdings nicht wirklich, denn

„(.) isn’t that exactly what orchestras need?  More members actively advocating, cultivating a following, and motivating their own networks.“

Das bedeutet für ihn:

„The reason more people don’t patronize the local orchestra isn’t because they aren’t good enough.  It is because they’re not relevant enough.“

Die enge und persönliche Beziehung der MusikerInnen zu ihren „Fans“ betrachtet er als einen der wesentlichen Faktoren für den Erfolg des YouTube Symphony Orchestras. Der partizipative Ansatz dieses Projektes habe auch nicht dazu geführt, dass die Qualität des Programms darunter gelitten habe, schreibt Cutler weiter und verweist auf das anspruchsvolle Programm in Sydney.

David Cutler empfiehlt, den Erfolg des YouTube Symphony Orchestras genauestens zu analysieren, denn ob Technikeinsatz, Marketing oder eben die Auswahl der MusikerInnen, es lassen sich einige Anregungen finden. Seine Sichtweise

„We must face the obvious truth: It takes more than great art to thrive in today’s world.“

ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Der Erfolg des YouTube Symphony Orchestras spricht dafür.

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Ulrike Schmid analysiert das Social Media-Engagement deutscher Museen und Orchester (Studie)

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Ulrike Schmid hat auf ihrem Blog Kultur 2.0 ja schon in den letzten Monaten immer wieder über den Entstehungsprozess ihrer Studie berichtet und auch regelmäßig Zwischenergebnisse veröffentlicht. Warum Social Media und damit diese Studie für Kultureinrichtungen so wichtig und damit lesenswert ist, formuliert Matthias Röder in seinem Vorwort recht schön:

„Wie es kürzlich im Rahmen des Historikertages 2010 eine Kuratorin des Deutschen Historischen Museums ausdrückte, sind Museen ‚Agenturen der kulturellen Bildung‘ und ‚Orte des Diskurses‘. Vermittlung und Dialog gehören nicht nur im Sinne einer Zielgruppenkommunikation zum ‚Geschäft‘, sondern Kommunikation ist selbst Teil des Leistungsangebotes. Dies trifft nicht nur auf die über 6.300 Museen in Deutschland zu, sondern auch auf viele andere kulturellen Einrichtungen, wie Orchester, Theater oder Opernhäuser.“

Gut gefällt mir, dass Ulrike Schmid das Verhalten der Kultureinrichtungen auch analysiert und viele Hinweise liefert, was man eventuell anders machen könnte. Im Detail werde ich mir die Studie am Wochenende anschauen. Wenn Sie das auch machen wollen, können Sie sich die Studie auf dem Blog von Ulrike Schmid runterladen oder sie in Scribd lesen (Tipp: im Fullscreen-Modus liest sich die Studie am besten).

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Die Orchester zieht es in die Kinos

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Für die Metropolitan Opera haben sich die Liveübertragungen von Opernaufführungen in verschiedene Kinosäle als Geschäft erwiesen (siehe dazu mein Blogpost: Oper außerhalb der Oper scheint zu boomen). Mit den Berliner Philharmonikern und dem Philadelphia Orchestra setzen nun zwei Orchester auf das gleiche Geschäftsmodell und gehen mit einigen ihrer Konzerte ins Kino.

Neunzehn Euro kosten die Tickets bei den Berliner Philharmonikern, das ebenfalls angebotene Public Viewing verspricht einen kostenlosen Hörgenuss. Letzteres ist beim Philadelphia Orchestra nicht vorgesehen. Hier werden die Konzerte in nordamerikanische Kinos übertragen, wie es in einem Artikel auf Philly.com heißt.

Außerdem kann man sich die Konzerte via SpectiCast ins eigene Heim holen, ein Angebot, dass die Berliner Philharmoniker mit ihrer Digital Concert Hall schon seit längerer Zeit zur Verfügung stellen. Während man bei den Berliner Philharmonikern recht leicht erfährt, was es kostet, ein Konzert online zu verfolgen, muss man bei SpectiCast entweder eine Telefonnummer anwählen oder sich erst einmal registrieren. Zwar richtet sich, so heißt es auf der Website, das Angebot vor allem an UserInnen in den USA, bei denen man dann wohl davon ausgeht, dass sie zum Telefonhörer greifen. Für alle anderen ist das wahrscheinlich eine Hürde, die viele nicht zu überwinden bereit sein werden. Warum sollte ich mich erst registrieren, um dann erst zu erfahren, ob mir das Angebot überhaupt zusagt?

Aber interessant sind diese Ansätze natürlich allemal, stellen sie doch den Versuch dar, neue Vermarktungsansätze auszutesten und auszuloten, ob sich auf diesem Weg nennenswerte Einnahmen erzielen lassen. Wir dürfen gespannt sein, ob sich die Kinoübertragungen bei Orchestern dieser Qualität lohnen und ob andere Orchester bzw. Kultureinrichtungen diesem Beispiel folgen werden. Die Frage ist nämlich, wie hoch die Reputation sein muss, damit sich das Kinomodell rechnet? Gleiches gilt natürlich für die Online-Übertragungen auf den eigenen PC-Bildschirm.

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Welche Faktoren beeinflussen den Konzertbesuch?

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Die Frage, wie Kultureinrichtungen es schaffen, Menschen für ihre Arbeit zu interessieren und sie dazu zu bringen, dass sie als zahlendes Publikum dem Theater, Museum oder Orchester unter anderem das finanzielle Überleben ermöglichen, gewinnt vor dem Hintergrund leerer öffentlicher Kassen an Bedeutung. Die Zukunftsszenarien wirken immer bedrohlicher, selbst Schließungen werden mittlerweile in Betracht gezogen. Weniger öffentliche Mittel, sinkende Besucherzahlen, welche Möglichkeiten haben Kulturbetriebe eigentlich, um sich aus dieser Situation befreien zu können?

Orchestra Audience Growth Initiative“ nennt sich ein Projekt, das vom Beratungsunternehmen Oliver Wyman vor zwei Jahren gemeinsam mit amerikanischen Orchestern durchgeführt wurde und versucht hat, das Besucherverhalten im Konzertbereich zu analysieren und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Das Ergebnis ihrer Analyse war ziemlich ernüchternd, denn

  • „90% of first-time concertgoers never return
  • 60% of occasional concertgoers don’t purchase tickets the following season“,

heißt es auf der Website. Den neun renommierten Orchestern gelingt es zwar, dank ihrer Attraktivität eine Vielzahl neuer BesucherInnen zu gewinnen. Auf der anderen Seite gehen ihnen aber auch fast gleich viel BesucherInnen wieder verloren:

„While the orchestras were good at attracting newcomers to concerts, they were having trouble getting people to come back for a second concert or sign up for a multi-concert subscription. It is the same customer churn phenomenon that afflicts businesses dependent on repeat-purchases and subscriptions, such as mobile phone operators, cable TV companies, airlines, and banks, and fast food restaurants.“

Das bedeutet, der Versuch, etwas gegen den Zuschauerschwund zu tun, ist nur teilweise vom Erfolg gekrönt. Zwar lassen sich viele Menschen für einen ersten Konzertbesuch begeistern, aber es gelingt nicht, sie zu halten.

Im Rahmen des Projektes wurden 16 Faktoren herausgearbeitet, die Einfluss auf das Besucherverhalten nehmen.

Die Grafik (zum Vergrößern bitte anklicken) bietet einen guten Überblick über all die Aspekte, die bei BesucherInnen die Entscheidung, ein Konzert zu besuchen, beeinflussen. Interessant ist nun aber, dass das Stammpublikum die verschiedenen Faktoren ganz anders gewichtet als diejenigen, die selten oder erstmals ein Konzert besuchen, wie die folgende Grafik (zum Vergrößern bitte anklicken) zeigt:

Um die Rate derer, die den Orchestern als BesucherInnen rasch wieder verloren gehen, zu reduzieren, entstand als Antwort auf die Analyseergebnisse ein sogenanntes „Killerangebot“. Anreize, um nach dem Erstbesuch ein zweites Ticket zu kaufen sind:

  • „Discount (especially 50% off)
  • Music program (favorite composer)
  • Day of the week (Saturday)“

„Secondary incentives include promotions (free drinks …), free exchanges, music information, seat upgrades, and select-your-own seats“,

heißt es in der Zusammenfassung.

Ich habe hier jetzt nur einen Punkt herausgegriffen, aber der Report bietet darüber hinaus eine Fülle weiterer Informationen und Anregungen, die sich aber wahrscheinlich nicht eins zu eins auf den deutschsprachigen Raum übertragen lassen. Interessant wäre es, ein solches Projekt auch bei uns zu starten bzw., so es ein solches Vorhaben bereits gibt oder gegeben hat, die Ergebnisse zu veröffentlichen und allen zugänglich zu machen, wie das in den USA üblich ist. Ich fürchte aber, dass entsprechende Reports bei uns nicht existieren. Unabhängig davon lohnt es sich aber auf alle Fälle, sich den „Churn Report“, dessen Analysen und Ergebnisse auf 61 Folien sehr übersichtlich dargestellt werden („Audience Growth Initiative: Detailed findings and recommendations (PDF)„), aufmerksam anzuschauen.

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Orchester und Social Media: eine Umfrage

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Vielleicht erinnern Sie sich noch an das eBook „Orchestras and New Media“ , das Marc van Bree vor einiger Zeit veröffentlicht hat? Nun hat der gebürtige Niederländer, der derzeit in Chikago lebt, die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die er in den letzten Monaten durchgeführt hat.

Social Media ist im Orchesterbereich angekommen, dessen Bedeutung wird anerkannt, allerdings weiß noch niemand so recht, was man damit machen soll. Oder mit den Worten Marc van Brees:

„(…) the survey found that social media activities, familiarity and usage seem to be widespread among orchestras. Managers find social media important and organizations are generally enthusiastic. However, the efforts are far from organized and strategic. It seems many orchestras are dipping their feet in the social media pool, but do not have the policies, budgets, and metrics in place to effectively use the tools at their disposal, even if they do recognize the need for checks and balances.“

So fasst er die Ergebnisse in einem Blogpost zusammen. Vereinfacht gesagt geht es mittlerweile nicht mehr um die Frage, was Social Media ist, sondern was man damit erreichen kann? Aber schauen wir uns die Ergebnisse, die Marc van Bree in einer Präsentation zusammengefasst hat, doch einmal genauer an.

Von den 53 verschickten Fragebögen erhielt van Bree 15 ausgefüllt wieder zurück, die Orchester teilte er nach ihren Umsätzen in drei verschiedene Gruppen ein (2,5 – 5,2 Mio $, 5,2 – 13,6 Mio $, >13,6 Mio $). Mehr als die Hälfte von ihnen, nämlich 53% verfügen über kein Budget für Social Media-Aktivitäten, 20% von ihnen bleiben unter der 1.000 $ Grenze, d.h. nur 27% verfügen über ein Budget von mehr als 1.000 $ (siehe dazu Folie 5). Bei jährlichen Umsätzen von 2,5 Mio $ aufwärts eine Relation, die das steigende Interesse an Social Media noch nicht ganz ausdrückt, auch wenn Löhne und Gehälter nicht im Social Media-Budget enthalten sind.

Folie 6 macht deutlich, dass die Bedeutung von Social Media mittlerweile anerkannt wird. Dass die Aktivitäten nicht nur als Spielerei gesehen werden, zeigt der verbreitete Wunsch, diese auch messen zu können. Interessant ist in meinen Augen die Tatsache, dass die Orchester, die über ein Social Media-Budget verfügen, unterdurchnittlich wenig Ahnung von dieser Materie haben. Man könnte vermuten, dass dieses Budget dafür da ist, sich Expertenwissen einzukaufen. Allerdings ist das bei den relativ bescheidenen Budgets nicht so ganz einfach.

Keine Überraschung ist es, dass von den 15 Orchestern, die den Fragebogen zurücksandten, alle über ein Facebook-Profil und 12 Orchester über einen Twitteraccount verfügen (Folie 7). Nur relativ wenige Orchester hingegen nutzen die Fotoplattform Flickr. Das ist erstaunlich, schließlich sind Fotos schnell gemacht und lassen sich vielseitig einsetzen.

Dass nur ein Drittel der Befragten ein Weblog betreibt, bedauere ich persönlich, denn dieses Tool ist für die inhaltliche Diskussion besser geeignet als alle anderen. Aber vielleicht sind die Orchester da einfach noch nicht so weit?

Ein Facebook-Profil, einen Twitteraccount oder einen YouTube-Channel zu haben ist die eine Sache. Wie aktiv aber sind die Orchester im Social Web? Immerhin 80% der befragten Orchester reagieren auf Fragen oder Kommentare (siehe Seite 11 desReports, den Sie hier downloaden können), gut die Hälfte von ihnen bereitet Presse- und Marketingmaterial für Social Media-Aktivitäten auf und immerhin 40% von ihnen sprechen Blogger an.

Welche Ziele werden mit den Social Media-Aktivitäten verfolgt? Es geht vor allem um höhere Zugriffszahlen, der Wunsch, den Kundenservice zu verbessern, folgt erst an vierter Stelle. Interessant, dass unter insgesamt acht aufgeführten Zielen Fundraising an letzter Stelle liegt (Folie 8). Im Report finden sich auf Seite 13 zwei wichtige Ergänzungen. Zum einen taucht dort die Idee des Community-Building auf, darüber hinaus wird dort der Wunsch genannt, mit Hilfe von Social Media mehr über das Publikum zu erfahren.

Die größte Herausforderung besteht wohl darin, geeignete Kennzahlen zu entwickeln, um den Erfolg der Social Media-Aktivitäten messen zu können.

„None of the orchestras indicated they have implemented or established metrics for measuring social media activities“,

schreibt Marc van Bree in seiner Präsentation (Folie 9). Die Notwendigkeit solcher Kennzahlen haben 73% der befragten Orchester erkannt, die restlichen 27% arbeiten bereits an der Entwicklung solcher Kennzahlen.

Beim Monitoring verwenden die meisten der befragten Orchestermanager Google Alerts (87%), womit aber kein dezidiertes Monitoring der Social Media-Aktivitäten möglich ist (mehr dazu siehe Report S. 13).

Zusammenfassend lässt sich sagen: die Orchester haben die Startblöcke verlassen, nun geht es ans Laufen. Ohne Geld wird es wohl nicht gehen, d.h. es müssen entsprechende Budgets bereitgestellt werden, sonst bringen Facebook, Twitter und die anderen Kanäle relativ wenig. Welche Ziele aber lassen sich damit erreichen, was bringt Social Media? Und wie lassen sich dann die Erfolge messen? Ich habe hier in diesem Blog immer wieder auf das Potenzial hingewiesen und mich auch mit der Frage, wie sich der Erfolg von Social Media messen lässt, beschäftigt (siehe dazu den Beitrag „Social Media: wann weiß ich, ob ich erfolgreich bin?„). Ich denke, um genau diese Themen muss es in den nächsten Monaten gehen, nicht zuletzt auf der stART.10.

Mein Dank geht an Marc van Bree für seine Arbeit und die Bereitschaft, die Ergebnisse mit anderen zu teilen.

Update: Mittlerweile gibt es dazu auch einen Beitrag von Drew McManus auf Adaptistration sowie einen Gastbeitrag von Marc van Bree bei Beth Kanter.

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Die Berliner Philharmoniker im Web 2.0

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Gerade habe ich mir auf YouTube den Videokanal der Berliner Philharmoniker angeschaut. Das Videomaterial dort ist sehr beeindruckend, beste Qualität und neben vielen Ausschnitten aus dem Repertoire des Orchesters gibt es auch ein zweiteiliges Gespräch mit dem Dirigenten Simon Rattle. Nicht nur die Anzahl der Videos ist beachtlich, auch die Zahl der Zugriffe kann sich sehen lassen.

Knapp 37.000 Zugriffe verzeichnet dieser dreieinhalbminütige Ausschnitt aus Brahms erster Symphonie:

Die jeweiligen Ausschnitte verstehen sich als Appetizer für das Angebot, sich die Konzerte in der Digital Concert Hall in voller Länge anzuhören. 9.90 Euro bezahlt man für den Online-Hörgenuss. Während andere Kulturbetriebe eher auf einen Besuch von Ausstellung, Konzert, etc. abzielen, geht es den Berliner Philharmonikern anscheinend eher darum, das digitale Angebot zu promoten. Bei einem international so renommierten Orchester ist das nicht unlogisch, denn die vielen Fans aus dem Ausland bekommen so eine Möglichkeit, die Konzerte auch über die Distanz hinweg genießen zu können.

Zwar sind die Berliner Philharmoniker auch auf Twitter und Facebook vertreten, ihre Ziele scheinen dort aber andere zu sein, wird hier doch eher über das Orchester und seine Auftritte berichtet.

Schade ist, dass man nicht erfährt, wer auf Twitter und Facebook für das Orchester kommuniziert. Auch auf die Kommentare auf Facebook wird kaum eingegangen. Aber das Angebot wird angenommen, zeigen die zahlreichen Follower und Friends. Mich persönlich würde vor allem der Blick hinter die Kulissen interessieren. Da wäre ein Blog eine schöne Möglichkeit. ;-)

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Präsentation „Orchestras and Social Media“

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Das eBook „Orchestras and Social Media“ von Marc van Bree habe ich hier im Blog schon vorgestellt. Marc van Bree, der mit „Dutch Perspective“ ein eigenes Weblog betreibt, war auch Gast auf der stARTconference. Wobei das so eigentlich gar nicht stimmt, denn Marc van Brees Präsentation haben wir online übertragen, da er in den USA lebt.

Netterweise hat er nun seine Präsentation nachträglich vertont und auf Slideshare zur Verfügung gestellt (danke Marc!!). Folien sind natürlich eine feine Sache, aber ich denke, sie sind noch mal so wertvoll, wenn wir dazu den Vortrag hören können. Wer ihn also nicht „live“ erlebt hat, kann sich hier seine Präsentation noch einmal in aller Ruhe anschauen und anhören.

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Marc van Bree über „Orchestras and New Media“

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Orchester und das Internet, das ist zumindest im deutschsprachigen Raum eine eher selten anzutreffende Kombination. Da gibt es zum einen die Online-Übertragungen der Berliner Philharmoniker und andererseits den Einstieg der Duisburger Philharmoniker in das Social Web. Andere Orchester halten sich da bis jetzt noch eher zurück.

Das könnte sich Dank Marc van Bree ändern, der mit Dutch Perspective nicht nur ein sehr lesens- und empfehlenswertes Blog zu den Themen Cultural Affairs und Public Relations betreibt, sondern vor kurzem das eBook „Orchestras and New Media“ veröffentlicht hat.

Worum geht es in diesem eBook?

„In this book, I look at the current print environment and arts coverage, followed by the new media revolution and what it means for orchestras. Alongside a description of tools and sites, I offer thoughts on how to adapt your press materials and how to measure your results. A SWOT analysis includes examples and two brief case studies provide more insights“,

schreibt van Bree in einem Blogbeitrag, in dem auch der Link zu finden ist, um das 56-seitige PDF herunterzuladen. Der Verfasser ist nicht nur im Social Media Bereich zu Hause, sondern darüber hinaus ein ausgewiesener PR-Experte, der in seinem eBook eine Vielzahl an wertvollen Informationen zusammen getragen hat. Besonders lesenswert sind in meinen Augen die Kapitel „Adapting Press Materials“ (S. 26ff) und „A SWOT-Analysis of Orchestras and New Media“ (S.33ff).

Als Vorgeschmack kann ich Ihnen die Präsentation dazu anbieten:

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Amerikanische Orchester geben mehr Geld aus als sie einnehmen

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Andrew Taylor weist in einem Beitrag auf „The Artful Manager“ auf eine Studie hin, die sich mit der wirtschaftlichen Situation amerikanischer Orchester beschäftigt. Das Ergebnis ist alarmierend, denn in der Regel geben die Orchester mehr Geld aus als sie einnehmen. Selbst wenn sie vor ausverkauften Rängen spielen, werden sie mittel- und langfristig finanzielle Probleme bekommen. So sie die nicht schon jetzt haben.

Interessant ist in meinen Augen, dass auch heute noch gilt, was Baumol/Bowen schon 1966 in ihrem Buch „Performing Arts-The Economic Dilemma“ festgestellt haben. In der Kunst lässt sich die Produktivität nicht steigern. Aber Robert J. Flanagan, der Autor der Studie, kommt noch zu einer anderen Erkenntnis. In einer Presseaussendung meint er:

„The salaries of symphony musicians increased more rapidly than the pay of most other groups of workers in the late 20th century.“

Die daraus resultierende Kostensteigerung konnte durch höhere Ticketpreise nicht kompensiert werden. Die wiederum ließen aber die Besucherzahlen zurückgehen. Flanagan ist überzeugt davon, dass das kein Problem einzelner Orchester ist, sondern alle angeht. Seine Schlussfolgerung daraus:

„You can’t go through this analysis and conclude that there’s a single solution—a single smoking gun.“

Die Studie, die hier zum Download zur Verfügung steht liefert interessante Einsichten und jede Menge Zahlenmaterial. Eine Fundgrube für alle, die z.B. gerade an einer Arbeit über Orchestermanagement schreiben oder eben ein Orchester managen.