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Suchmaschine oder soziales Netzwerk: Woher kommt mehr Website Traffic?

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Foto von Carlos Muza auf Unsplash

Die Frage, wie man mehr BesucherInnen auf die eigene Website oder das Blog bekommt, wird mir immer wieder gestellt. Das Problem: So leicht ist sie nicht zu beantworten, denn den einen Weg zum Erfolg gibt es leider nicht. Wir alle wissen, dass die sozialen Netzwerke ein wunderbarer Trafficlieferant sein können. Und ebenso klar ist uns allen, dass es sinnvoll ist, mit den eigenen Inhalten in den Suchmaschinen vertreten zu sein, um von den UserInnen gefunden zu werden. Wer also nichts falsch machen möchte, produziert jede Menge Content, der dann hoffentlich über die Suchmaschinen gefunden wird und nutzt die sozialen Netzwerke, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und die UserInnen auf die eigene Website oder das Blog zu lenken. Das bedeutet aber auch, viel Zeit in die Produktion neuer Inhalte zu stecken und mindestens ebenso viel Zeit für Facebook, Twitter & Co. aufzuwenden. Das mag in der Anfangseuphorie funktionieren, aber vermutlich hält das niemand lange durch. Recht schnell macht sich dann Ernüchterung breit und vorbei ist es mit den hochgesteckten Zielen.

Wenn wir nicht in diese Situation kommen möchten, sollten wir uns zwei Dinge vorher überlegen:

  • Wieviel Content können wir produzieren?
  • Welchen Marketingkanal nutzen wir, um unsere Inhalte zu bewerben?

Vielen wird es bei der Antwort auf die erste Frage so gehen wie mir: Ich habe mich in der Vergangenheit regelmäßig überschätzt. Idealerweise sollte ich zwei Beiträge pro Woche schreiben, aber ich denke, realistischerweise schaffe ich einen Beitrag alle zwei Wochen. Für mich passt diese Frequenz, für andere vermutlich nicht. Warum ist das so?

Die Antwort darauf hat mit Frage zwei zu tun. Ich bekomme nämlich den meisten Traffic über die Suchmaschinen:

Klar, wenn ein neuer Beitrag erscheint, erhöht sich kurzfristig die Zahl der Zugriffe über die sozialen Netzwerke. Aber die Hauptlieferanten für meinen Traffic sind Google und mit weitem Abstand Bing. Der Vorteil für mich: Ich muss nicht jeden Tag neue Inhalte produzieren. Die Beiträge werden gefunden, auch wenn sie schon älter sind. Deshalb reicht es auch, wenn ich alle zwei Wochen einen Beitrag veröffentliche.

Fragt man mich nach dem Marketingkanal, über den ich meinen Content bewerbe, ist die Antwort daher klar: Es sind die Suchmaschinen, über die mit Abstand die meisten Zugriffe erfolgen. Die sozialen Netzwerke sind aus anderen Gründen wichtig, aber nicht unbedingt, um den Traffic auf meinem Blog zu steigern. Warum ist das so? Ich habe den Grund bis jetzt immer darin gesehen, dass mein Blog schon relativ alt ist (zehn Jahre) und viel Content enthält (> 1800 Beiträge). Im Umkehrschluss habe ich immer behauptet, dass junge Blogs oder Websites viel stärker auf soziale Netzwerke angewiesen sind, weil sie sich in den Suchmaschinenrankings noch nicht nach oben gearbeitet haben. Diese Argumentation ist vermutlich nicht ganz falsch, aber der Beitrag „Social Traffic vs. Search Traffic“ von Kishen Sreehari auf der Blogger-Plattform ShoutMeLoud liefert noch eine andere Erklärung. Es gibt nicht die eine Lösung, denn es gibt ganz unterschiedliche Arten von Blogs beziehungsweise Websites. Davon hängt es dann ab, welche Marketingkanäle am sinnvollsten sind.

In die Tiefe gehender Content wird meist über die Suchmaschinen entdeckt

Kishen Sreehari hat ein paar Blogs analysiert und macht deutlich, warum manche Blogs eher über die Suchmaschinen gefunden werden, andere wiederum über die sozialen Netzwerke. Beim ersten Blogbeispiel handelt es sich mit Backlinko um einen der renommiertesten Blogs im Bereich SEO. Brian Dean, der 2012 mit diesem Blog startete, ist übrigens ein Beispiel dafür, dass man auch mit wenigen, aber qualitativ hochwertigen Beiträgen sehr erfolgreich sein kann.

Die Zugriffe auf sein Blog erfolgen vor allem über die Suchmaschinen, wie die Grafik zeigt. Wer über Google &Co. gefunden werden möchte, für den hat Sreehari folgenden Hinweis parat:

„If you want to do well with search traffic, you’ll need content which people will be actively searching for.“

Am ehesten funktioniert das mit Nischenthemen, Anleitungen oder Beiträgen, in denen Tipps und Tricks beschrieben werden. Auch in meinem Blog sind es vor allem die How-to-Beiträge, die auf diese Weise aufgerufen werden. Überraschend ist das nicht, denn wenn wir etwas wissen möchten, nutzen wir Google und suchen nicht auf Facebook.

Aber zurück zu Backlinko. Ein nicht unerheblicher Teil der UserInnen findet auch direkt zu seinem Blog. Für Sreehari ist das ein Hinweis darauf, dass Dean mit seinem Blog eine starke Marke aufgebaut hat. Viele UserInnen kennen und schätzen sein Blog und müssen dafür nicht die Suchmaschinen bemühen oder in den sozialen Netzwerken auf neue Beiträge hingewiesen werden. Letzteres würde auch deshalb nicht funktionieren, weil nur selten neue Beiträge erscheinen.

Tagesaktuelle Informationen verbreiten sich oft über soziale Netzwerke

Das Blog „Wait But Why“ geht in eine ganz andere Richtung. Man findet dort Beiträge über Themen, die Millennials, Hipster und Geeks interessieren. Nicht ein spezielles Thema steht im Vordergrund, sondern Dinge, die gerade bei dieser Zielgruppe angesagt sind. Wie erfolgen die Zugriffe auf diese Seite?

Im Unterschied zu den beiden ersten Blogs wird diese Seite sehr häufig über die sozialen Netzwerke gefunden. Wer möchte, dass die eigene Seite auf diese Weise entdeckt und der Inhalt möglichst oft geteilt wird, muss, so Kishen Sreehari, vor allem auf „Trending News, Funny Memes“ und „Popular Culture“ setzen. „Wait But Why“ ist aber auch eine bekannte Marke, viele warten schon auf neue Beiträge und steuern die Seite direkt an. Was muss man für so viele Direktzugriffe tun?

„If you want traffic to come to you directly, you need to be an authority, you need to be original, and you need to be the only one producing that kind of content“,

erklärt Sreehari.

Interessant ist sein letztes Beispiel, die Seite von Business Insider. Obwohl als Marke durchaus bekannt, hat sie im Verhältnis zu den letzten zwei Beispielen nur wenige Direktzugriffe.

Es ist natürlich schwer, die Gründe für die verhältnismäßig niedrige Zahl an Direktzugriffen zu bestimmen. Einerseits kann es daran liegen, dass es nicht die einzige Website ist, die solchen Content anbietet. Andererseits liegt es unter Umständen an den zahlreichen Beiträgen, die dort erscheinen. Die, die einen interessieren, zu finden, ist gar nicht so leicht und kostet vor allem Zeit. Da nutzt man dann eher die Suchmaschinen, um die gewünschten Inhalte zu finden.

Warum erfolgen aber so viele Zugriffe über die sozialen Netzwerke? Sreehari vermutet, dass es an der Berichterstattung über aktuelle Veranstaltungen liegt. Sein Tipp:

„If there’s one quick way to get a lot of traffic from social media, it’s to cover the latest news in your field.“

Fazit

Je unverwechselbarer Sie und Ihre Inhalte sind, je größer Ihre Reputation, desto höher wird die Zahl der Direktzugriffe auf Ihre Website oder Ihr Blog sein. Auf die sozialen Netzwerke sollte setzen, wer über tagesaktuelle Geschehnisse berichtet beziehungsweise über Trendthemen schreibt. Geht es um Anleitungen, tiefergehende Informationen oder Inhalte, die man sonst nirgends finden kann, kommen die UserInnen wohl über die Suchmaschinen.

Was bedeutet das für Kultureinrichtungen? Eine bekannte Marke und eine „logische“ Domain („namederkultureinrichtung.de“) sorgen dann für viele Zugriffe, wenn die Qualität der Inhalte stimmt. Kommen die UserInnen nicht nur, um sich über die kommende Ausstellung, die Abendveranstaltung zu informieren, müsste deren Verweildauer relativ hoch sein. Museen, die rund um ihre Ausstellungen vertiefenden Content anbieten, werden großteils über die Suchmaschinen gefunden, geht es um die Ausstellung selbst, beispielsweise die Eröffnung, werden die UserInnen wohl eher über die sozialen Netzwerke erreicht.  Oder am Beispiel Oper: Wenn Sie sich in einem Blogbeitrag mit der Aufführungsgeschichte des Fidelio beschäftigen, wird dieser Beitrag mittel- und langfristig über die Suchmaschinen gefunden werden. Geht es um die morgige Premiere, ist das was für die sozialen Netzwerke.

In der Analyse Ihrer Inhalte ist es Ihnen möglich, herauszufinden, ob sich die Zugriffe über soziale Netzwerke oder Suchmaschinen im normalen Rahmen bewegen. Sie wissen aber auch, wie Sie eine Entwicklung unterstützen oder bei Bedarf gegensteuern können.

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Apps im Kulturbereich: das sollten Kulturbetriebe wissen

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Foto von Rami Al-zayat auf Unsplash

Die Frage, ob eine App nötig oder sinnvoll sei, beschäftigt Kultureinrichtungen schon seit längerer Zeit. Manche haben sich bereits dafür oder dagegen entschieden, andere überlegen immer noch. „App oder nicht App?„, diese Frage stellte ich schon 2014 in einem Blogbeitrag. Und ein Jahr davor, also 2013, ging es hier im Blog um die Frage, ob sich eine App für Kultureinrichtungen lohnen würde? Während ich die (native) App damals der mobilen Website beziehungsweise einer Seite im Responsive Design gegenüberstellte, müsste ich heute wohl eher App und Chatbots als Konkurrenten betrachten. Rückblickend können wir sagen, dass Website und App zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Ob wir das auch mal von Apps und Chatbots behaupten werden, wird die Zukunft weisen. Erste Stimmen gehen zumindest schon in diese Richtung.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Benötigen Kultureinrichtungen heute eine App oder nicht? Über die Gründe, die Sie antreiben, kann ich wenig sagen, zu verschieden ist die jeweilige Ausgangslage. Oft ist es das Bedürfnis, die eigenen Inhalte nun endlich auch in einer App präsentieren zu können. Ob dieser Wunsch auch mit den Wünschen und Bedürfnissen derer korrespondiert, die als NutzerInnen vorgesehen sind, lässt sich mit Hilfe von Checklisten oder im Beratungsgespräch leicht herausfinden. Bevor Sie damit beginnen, möchte ich gerne das Umfeld beleuchten und Sie auf drei – in meinen Augen nicht unwichtige – Punkte aufmerksam machen.

Wir nutzen lieber Apps als das mobile Web,…

Nicht wenige UserInnen weigern sich, die Facebook-App auf ihre mobilen Endgeräte zu laden und zu nutzen, weil diese App ein gewaltiger Ressourcenfresser ist. Stattdessen läuft bei ihnen Facebook im mobilen Browser. Aber wenn man sich die Zahlen ansieht, dann ist das eher die Ausnahme als die Regel. Ich selbst bin den Browsern gar nicht so abgeneigt, muss aber zugeben, dass das eher für den Tablet-PC gilt, beim Smartphone bevorzuge ich Apps. Warum ist das so? In meinen Augen ist die Usability eine bessere, vor allem fällt mir die Navigation in einer App leichter. Und vermutlich hat es auch etwas mit der Aufbereitung der Inhalte zu tun.

Aber schauen wir uns die Zahlen erst einmal genauer an. Die Informationsplattform eMarketer hat herausgefunden, dass wir immer mehr Zeit mit Apps verbringen (werden), während die Nutzungsdauer der mobilen Webbrowser praktisch konstant bleibt-

Quelle: eMarketer 04/2017 http://bit.ly/2pl72oa

Während die US-BürgerInnen (ab 18 Jahren) 2015 auf ihren mobilen Endgeräten pro Tag 1:55 Stunden verbrachten, sind es heute bereits 2:25 Stunden. 2019 werden es 2:43 Stunden sein, ein Zuwachs von fast 50 Prozent. Die mobilen Browser hingegen profitieren von der verstärkten Nutzung der mobilen Endgeräte kaum, ihre Nutzungsdauer erhöht sich im gleichen Zeitraum von 00:25 Minuten (2015) auf 00:27 Minuten (2019), heißt es in dem eMarketer-Artikel.

Wenn wir uns jetzt noch vor Augen halten, dass immer mehr Menschen mobil auf das Internet zugreifen, spricht eigentlich alles dafür, sich so schnell wie möglich eine App zuzulegen. Schließlich verbringen die UserInnen nicht nur immer mehr Zeit mit ihren Apps, sondern es steigt auch die Zahl derer, die mobil online gehen.

…, aber die Zahl der verwendeten Apps geht zurück.

Allerdings hat eMarketer noch etwas anderes herausgefunden: Die US-BürgerInnen verbringen zwar immer mehr Zeit mit Apps, aber deren Zahl sinkt kontinuierlich, wie die folgende Grafik zeigt:

Quelle: eMarketer 04/2017 http://bit.ly/2pl72oa

Das ist keine große Überraschung, ich denke, die meisten von Ihnen werden heute auch wesentlich zurückhaltender beim Installieren von Apps sein als noch vor zwei Jahren.

Es sind vor allem die Apps der „Großen“, zum Beispiel die von Facebook. In den USA verbringen die UserInnen, so sie Desktop oder Laptop verwenden, ziemlich konstant 6 Minuten pro Tag auf der Seite des sozialen Netzwerks. Via App sind es schon 17 Minuten täglich, Tendenz steigend. Mit ein Grund dafür:

„Major publishers are combining multiple functionalities into their apps, contributing to the gradual consolidation of the app market,“

wird die Analystin Jaimie Chung zitiert. Sie liefern gebündelt einen großen Teil des Angebots, auf das sich die UserInnen in den USA konzentrieren:

  • Musik hören
  • social Networking
  • Videos anschauen
  • Spielen
  • per Messenger kommunizieren

Wenn wir jetzt die beiden Ergebnisse nebeneinanderstellen, wird es schon schwieriger, daraus irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen. Einerseits wäre es ungeschickt, auf eine App zu verzichten, weil die Nutzungsdauer weiter ansteigt. Andererseits werden es Apps von Kultureinrichtungen schwer haben sich durchzusetzen, schließlich werden sie nie zu den „Großen“ gehören und damit eher ein Nischendasein fristen. Aber muss es wirklich das Ziel sein, zu den weltweiten Top5 zu gehören oder Facebook Konkurrenz zu machen? Ich denke nicht. Apps von Kultureinrichtungen werden immer im Nischenbereich angesiedelt sein. Umso wichtiger ist es aber, sich schon in der Planungsphase genau zu überlegen, was die App können soll, warum es überhaupt eine App sein muss. Sich eine App anzuschaffen, weil die anderen auch eine haben, ist vermutlich ein schlechter Grund, um soviel Geld auszugeben. Sonst stellt man recht schnell fest: Die App hat sich nicht gelohnt. Und damit wäre man dann zum gleichen Schluss gekommen wie Colleen Dilenschneider, die für Impacts Research & Development arbeitet und dank der „National Awareness, Attitudes, and Usage (NAAU) Study“ über entsprechendes Datenmaterial zu verfügen scheint.

Eine Studie besagt: Der Mehrwert von Apps im Kulturbereich ist gering.

Die Zahlen, die sie präsentiert, sind interessant, die Schlussfolgerungen, die sie daraus zieht, erschreckend. Vor allem für diejenigen, die viel Geld in die Entwicklung einer App gesteckt haben oder vorhaben, das demnächst zu tun. In ihrem Beitrag „Are Mobile Apps Worth It For Cultural Organizations?“ schreibt sie nämlich:

„Not many visitors use mobile applications either prior to their visits or while onsite, and the ones who do use an organization’s app do not experience a significant increase in visitor satisfaction.“

Konkret besagen die Zahlen, dass sich die NutzerInnen kultureller Angebote vor ihrem Besuch vor allem über das Web (76,4%), das mobile Web (73,8%) und die verschiedenen Social Media-Kanäle (68%) informieren. Die App spielt da kaum eine Rolle. Nur 5,5% gaben an, eine solche auf ihren mobilen Endgeräten zu haben und diese vorab für Informationszwecke zu nutzen. Dem Gegenargument, viele BesucherInnen wüssten vielleicht gar nichts von der App, begegnet Dilenschneider mit der Feststellung, dass wir es erstens gewohnt sind, für Informationszwecke auch Apps zu nutzen und zweitens so viele Kultureinrichtungen eine App haben, dass InternetnutzerInnen es ganz selbstverständlich in Betracht ziehen, nach einer solchen zu suchen. So sie der Meinung sind, eine App wäre hilfreich, um den Besuch des kulturellen Angebots zu planen. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Zumindest in den USA, denn von dort stammen die Daten.

Wie sieht es während des Besuchs des kulturellen Angebots aus? Wer sich vor Ort informieren möchte, nutzt laut der Studie vor allem Social Media-Kanäle (52,3%), das mobile Web (31,5%) und das persönliche Gespräch (29,7%). Die App wird vor Ort noch seltener genutzt (4,1%) als vor dem Besuch. Ich persönlich hege Zweifel, dass die BesucherInnen die verschiedenen Kanäle nur nutzen, um sich zu informieren. Ich selbst bin zum Beispiel noch nie während eines Museumsbesuchs auf die idee gekommen, über die sozialen Netzwerke Informationen einzuholen. Was ich aber sehr wohl getan habe: Ich habe Fotos geteilt.

Was mich etwas ratlos zurücklässt, ist die Tatsache, dass vor Ort ein großer Teil der BesucherInnen das mobile Web nutzt, die App aber kaum berücksichtigt wird. Die Zahlen stehen klar im Widerspruch zu den von eMarketer erhobenen Daten. Eine mögliche Erklärung dafür: Wer die App im Vorfeld des Besuchs nicht auf sein mobiles Endgerät geladen hat, wofür es anscheinend nur wenig Gründe gibt, macht das vor Ort erst recht nicht. Das kann daran liegen, dass wir uns nicht die Zeit dafür nehmen wollen, es kein WLAN gibt oder Audio-/Multimedia-Guides vor Ort angeboten werden. Das kann aber auch heißen: Apps von Kultureinrichtungen sind in den Augen der UserInnen so wenig relevant, dass sie den Download einfach nicht in Erwägung ziehen. Weder davor noch während des Besuchs.

Diese nicht vorhandene Relevanz kommt zum Ausdruck, wenn wir uns eine dritte Datenreihe aus der NAAU-Studie ansehen, die in der folgenden Grafik abgebildet ist:

Quelle: Colleen Pilenschneider: http://bit.ly/2p8wB9c

Sie zeigt, wie zufrieden die BesucherInnen vor Ort mit der Nutzung der einzelnen Informationsquellen sind und vergleicht deren Grad der Zufriedenheit mit dem derer, die den jeweiligen Kanal nicht genutzt haben. Der Grad der Zufriedenheit liegt bei den NutzerInnen einer App bei 68,7%, der der NichtnutzerInnen bei 68,5%, also nur marginal geringer. Damit lassen sich der Aufwand und die Kosten der Appentwicklung in Frage stellen. Bei anderen Kanälen sind die Unterschiede ein Stück weit größer, zum Beispiel bei den NutzerInnen sozialer Netzwerke. Während deren Grad an Zufriedenheit bei 72,5% liegt, sind es bei denen, die die sozialen Netzwerke nicht nutzen, nur 68,4%. Ähnlich sieht es beim mobilen Web aus. Dessen NutzerInnen sind ein Stück weit zufriedener (71,6%) als die, die es vor Ort nicht nutzen (68,2%). Das heißt, Kultureinrichtungen, die ihre BesucherInnen mit Hilfe einer App Informationen zur Verfügung stellen, geben viel Geld aus und erreichen wenig.

Fazit

Was lassen sich aus all den Zahlen jetzt für Rückschlüsse ziehen? Auf der einen Seite nutzen wir auf unseren mobilen Endgeräten bevorzugt Apps, allerdings beschränken wir uns dabei auf einige wenige, Apps von Kultureinrichtungen sind da selten dabei. Die Apps, die es bereits gibt, scheinen nur einen geringen Nutzen zu haben, so sie überhaupt genutzt werden.

Aus meiner Sicht gibt es zwei Wege, um diesem Dilemma zu entgehen. Auf der einen Seite können Kultureinrichtungen darauf vertrauen, dass es auch im Bereich der Apps Nischen gibt, die besetzt werden können. Wer sich für Kunst und Kultur interessiert, wird auch Interesse an Apps aus diesem Bereich haben. Vermutlich haben fast alle von uns spezielle Interessen und so es dafür hilfreiche Apps gibt, nutzen wir diese auch. Auf der anderen Seite lässt sich aus der Entwicklung (und den Zahlen) ableiten, dass die Zeit vorbei ist, in denen jedes Unternehmen und jeder Kulturbetrieb eine eigene App haben muss. Ich denke, es ist an der Zeit, dass Apps auf einer übergeordneten Ebene entwickelt werden. Das kann zum Beispiel die Stadt sein, die in einer App alle relevanten Informationen zusammenfasst.

Wer sich für eine eigene App entscheidet, muss sich sehr genau überlegen, welche Zwecke mit ihr erfüllt werden sollen. Anja Gebauer, die sich in ihrem Blogbeitrag „App-solut überflüssig?“ ebenfalls mit dem Beitrag von Colleen Dilenschneider beschäftig hat, fasst das ganz gut zusammen:

„Diese Ergebnisse legitimieren meines Erachtens nach keine Abwehrhaltung gegen Apps in Kultureinrichtungen oder gar gegen digitale Vermittlungsmethoden generell. Vielmehr zeigt die Datenanalyse, dass die Konzepte inhaltlich durchdacht, pädagogisch konzipiert und auf die Bedürfnisse der Besucher abgestimmt sein müssen!“

Ich sehe das ähnlich. Eine App braucht ein gutes inhaltlich durchdachtes Konzept, das über die Bereitstellung von Informationen hinausgeht. Mir ist klar, dass es reizvoll ist, sich mit technologischen Entwicklungen zu beschäftigen und eine Augmented Reality-Anwendung in die App zu integrieren. Auch ich beschäftige mich gerne damit. Aber die Technologie sollte Mittel zum Zweck sein, nicht mehr und nicht weniger.

Eine App kann, wie Gebauer es fordert, pädagogisch konzipiert sein, das ist aber nur ein möglicher Ansatz. Mir ist vor allem ihr letzter Punkt wichtig, nämlich die Bedürfnisse der BesucherInnen. Oft gehen Kultureinrichtungen vermutlich von völlig falschen Bedürfnissen aus und scheitern deshalb mit ihrer App. Eigentlich sollten diese Bedürfnisse der Ausgangspunkt aller Überlegungen sein und erst dann gilt es die Frage zu beantworten, ob eine App dafür das richtige Instrument ist. Wer dann noch einen Wow-Effekt findet und nicht alle Inhalte von Website, Folder, etc. in die App reinpackt, ist schon mal auf einem guten Weg.

Damit habe ich die Ausgangsfrage, ob Kultureinrichtungen eine App brauchen, nicht wirklich beantwortet. Aber ich konnte hoffentlich ein paar Informationen liefern, die Sie in Ihrem Entscheidungsprozess unterstützen.

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Per Algorithmus ins Theater?

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Bild: Skyline of Vienna“ von reivax (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

Vor etwas mehr als sechs Jahren habe ich in einem Blogbeitrag gefragt, wo Kultureinrichtungen ihre Veranstaltungen ankündigen. Die meisten Kultureinrichtungen setzten damals auf Facebook, die eigene Website und diverse Veranstaltungskalender (siehe auch dazu den Beitrag: „Fazit: Kulturveranstaltungen anzukündigen ist gar nicht so einfach„). Natürlich spielten damals auch noch die klassischen Werbekanäle wie Plakat, Flyer Einladungen oder Newsletter eine wichtige Rolle.

An diese kleine Umfrage erinnerte ich mich, als ich in den letzten Tagen zwei Artikel las, die nur indirekt etwas miteinander zu tun haben. Da wurden auf der Seite der Digital Marketing-Agentur Smart Insights die LeserInnen danach gefragt, welche Aspekte im gerade begonnenen Jahr unsere Digital Marketing-Aktivitäten beeinflussen werden? Heraus kamen „The 14 top rated digital marketing techniques for 2017 according to Smart Insights readers“ und die Einsicht, dass Daten eine ganz wichtige Rolle spielen werden. Dass in diesem Ranking das Content Marketing ganz oben steht, überrascht nicht wirklich. Interessant sind aber mit Platz zwei und drei die Themen Big Data und Marketing Automation. Wir als UserInnen hinterlassen jede Menge Spuren, wenn wir uns im digitalen Raum bewegen. Die daraus resultierenden Daten werden immer häufiger genutzt, vor allem Marketing und Verkauf bekommen glänzende Augen, wenn sie mit diesen Daten und ihren Verknüpfungen arbeiten können. So interessant Apps für Ihre NutzerInnen sein mögen, für die Anbieter sind es vor allem die großen Datenmengen, an die sie auf diese Weise kommen. Wer mal genau hinschaut, welche Berechtigungen selbst die kleinste und unwichtigste App haben möchte, weiß, wovon ich spreche.

Auf diese Weise erhalten beispielsweise auch viele Kultureinrichtungen wertvolle Daten. Theoretisch, denn meist werden sie gar nicht genutzt. Aber nur so lassen sich beispielsweise die BesucherInnen der eigenen Website segmentieren. Schließlich sucht die UserIn, die tausende von Kilometern entfernt lebt, wahrscheinlich andere Informationen als die UserIn, die morgen die aktuelle Ausstellung oder Theaterproduktion zu besuchen beabsichtigt. Aus Marketingsicht geht es also darum, möglichst viele Daten zu sammeln, auf denen dann Marketing und Verkauf aufbauen.

Der zweite Artikel beschäftigt sich mit der Frage, wie wir Städte wahrnehmen, „(w)enn Algorithmen uns führen.“ Adrian Lobe konstatiert, dass das ziellose Flanieren allmählich aussterbe und wir stattdessen vor allem Google vertrauen. Das Prinzip ist ganz einfach:

„Reisende empfehlen Locations, die ihnen selbst von Algorithmen empfohlen wurden. Es ist eine ständige Rückkoppelungsschleife. So kanalisieren Applikationen immer mehr Besucherströme in urbanen Räumen.“

Wir kennen das bereits von den sozialen Netzwerken, in denen die Postings Andersdenkender und -meinender ausgeblendet und wir in Filterkammern eingeschlossen werden. Während wir uns beim Erkunden einer uns unbekannten Stadt früher auf glückliche Zufälle verlassen haben, vertrauen wir heute den Suchmaschinen beziehungsweise deren Algorithmen, basierend auf unseren (User)-Daten. Auf diese Weise sei, so Lobe, die Stadt als offenes, dynamisches und durchlässiges soziales System bedroht. Wir begeben uns nicht mehr auf Entdeckungsreise, sondern finden das, was wir suchen, mit Hilfe von Suchmaschinen oder Google Maps. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Google kein Tourismusverband ist, sondern ein Unternehmen, das mit Werbung sein Geld verdient. Für eine Suchmaschine spielt es keine Rolle, ob ganze Stadtteile unberücksichtigt bleiben, während das aus touristischer Perspektive ganz anders aussieht.

Nun  sind die Echokammern nicht erst mit den sozialen Netzwerken entstanden. Auch der Kunst- und Kulturbereich besteht aus Echokammern und so wie wir dank Google in den Städten nur noch vorgeschlagen bekommen, was unsereins gefällt, nehmen nur diejenigen Theater, Konzert oder Ausstellungen wahr, die dem entsprechenden Segment zugerechnet werden können. Während es früher beispielsweise die Bildungsbürger waren, die kulturelle Angebote nutzten, wissen wir heute viel mehr über diese Zielgruppe und können sie noch weiter segmentieren. Am Prinzip ändert sich nichts.

Ich möchte an dieser Stelle Algorithmen weder als Allheilmittel anpreisen noch sie verteufeln. Natürlich erinnere ich mich an viele glückliche Zufälle, dank derer ich ein gutes Lokal, eine tolle Ausstellung oder eine mich fesselnde Theaterproduktion entdecken durfte. Auf der anderen Seite kann es hilfreich sein, mit Hilfe von Google Angebote zu finden, die man in Anspruch nimmt, weil sie von Menschen empfohlen wurden, die ähnlich ticken, wie man selbst. Noch mehr bin ich aus Marketingsicht an Daten interessiert, um so an die heranzukommen, die sich am ehesten für meine Angebote interessieren beziehungsweise um neue Zielgruppen anzusprechen.

Was mich interessiert ist die Frage, wie wir beispielsweise zukünftig unseren Theaterbesuch planen und wie das Theater mit Algorithmen und  Echokammern umgeht? Theater befinden sich selbst meist in einer Blase, das heißt, ihre Angebote werden nur von ganz bestimmten Segmenten der Gesellschaft wahrgenommen. Was können Theater tun, um diese Segmentierung zu überwinden und inwieweit können/dürfen sie dabei auf Algorithmen setzen? Gelingt es ihnen, auf eine Metaebene zu springen, würden sie etwas schaffen, was uns in der Gesellschaft im Moment nicht gelingen zu scheint: über Echokammern hinweg miteinander ins Gespräch zu kommen.

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Ein neuer Leitfaden für Museen: „Der digital erweiterte Erzählraum“

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Foto von Joanna Kosinska auf Unsplash

Vor 6 Jahren beschäftigte sich das Forschungsprojekt „Audience+“ mit den Möglichkeiten, die das Social Web Museen bietet. Abgeschlossen wurde es mit der Herausgabe eines Leitfadens, der den Museen den Weg dorthin zeigen wollte (siehe dazu: „Der Leitfaden ‚Social Media für Museen‘ ist erschienen„). Diese Wege kennen wir mittlerweile, oft ist aber nicht klar, wie wir dort kommunizieren und was wir erzählen sollen. Um diese Fragen oder einfacher gesagt um das Thema Storytelling ging es im Nachfolgeprojekt „Audience+ STORY“, das wieder von der Hochschule Luzern initiiert wurde. Und auch hier gibt es am Ende wieder einen Leitfaden, in dem sich alles um den „digital erweiterte(n) Erzählraum“ dreht. Der von Axel Vogelsang, Bettina Minder und Barbara Kummler herausgebrachte Leitfaden möchte zeigen, wie sich Social Media und mobile Geräte als Erweiterung des musealen Erlebnis- und Erzählraumes nutzen lassen. Die AutorInnen erklären,

„wie man Museumsinhalte mediengerecht und medienübergreifend verwertet und erzählt, aber auch wie man das Geschehen vor Ort mit digitalen Aktivitäten verknüpft und wie man den Besucher mit einbindet“,

heißt es in der Ankündigung. Vor allem das zweite Kapitel klingt sehr vielversprechend, denn darin dürfen wir als LeserInnen Schritt für Schritt ein storytellingbasiertes Online-Offline-Projekt begleiten. Auf diese Weise erhalten Sie eine detaillierte Anleitung, um Ihren Erzählraum zu entwickeln. Begleitet werden die einzelnen Schritte von Checklisten, die einem dabei helfen, den nötigen Rahmen für die Umsetzung zu schaffen. Oft wissen Kultureinrichtungen nicht, warum sie sich in so ein Abenteuer stürzen, deshalb ist es ganz hilfreich, die Checkliste „Mögliche Projektziele, die Sie mit Online-Aktivitäten erreichen wollen“ durchzuarbeiten. Gleiches gilt für Fragen zum Thema Besuchergruppensegmentierung.

Die Vorgehensweise orientiert sich an einem Verfahren, das die von mir sehr geschätzten Rebecca Hagelmoser und Jelena Löckner für ihr eigenes Unternehmen NarraTool entwickelt haben. Gut gefällt mir, dass hier sehr klar beschrieben wird, dass es nicht um eine linear erzählte Geschichte, sondern um die Entwicklung einer Erzählwelt geht, in der es natürlich sehr viele – große und kleine – Geschichten geben kann.

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Wenn Ihr Interesse nun geweckt ist und Sie diesen Leitfaden durcharbeiten oder einfach nur lesen möchten, haben Sie drei Möglichkeiten. Entweder Sie nutzen das kostenlose PDF, bezahlen 9,90 Euro für das eBook auf Amazon oder Sie lassen sich das Buch zuschicken, das Sie für 20 Euro (zuzüglich Versandkosten) erwerben können. Alle Infos dazu finden Sie im Ankündigungstext auf den Seiten der Hochschule Luzern.

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2017: Herausforderungen für den Kunst- und Kulturbereich

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Foto von Brigitte Tohm auf Unsplash

Eine für mich große Herausforderung besteht darin, nach dem Jahreswechsel möglichst bald den ersten Blogbeitrag zu schreiben und mir dafür zu überlegen, wohin die Reise mich im neuen Jahr führen wird. Bevor ich das tue, möchte ich Ihnen aber erst einmal ein frohes und gutes neues Jahr wünschen. Viele von uns gehen mit einer Menge guter Vorsätze in so ein Jahr, ich könnte zum Beispiel hier kundtun, dass ich 2017 wieder mehr Blogbeiträge schreiben werde. Aber das hat die letzten Male nicht wirklich funktioniert, also lasse ich es lieber bleiben. Aber ein erster Beitrag am zweiten Tag des Jahres ist schon mal ganz gut. ;-)

Beginnen möchte ich mit einer Idee, die ich von Chris Brogan übernommen habe. Er überlegt sich zu Jahresbeginn immer drei Wörter, die ihn auf dem Weg zu einem erfolgreichen Jahr unterstützen. Meine drei Worte für dieses Jahr sind:

    • sozialer Raum: Ich habe bis jetzt immer von digitalen Erlebnisraum gesprochen, glaube aber, dass dieser Begriff mittlerweile überholt ist. Korrekterweise müssten wir von einem analogen Raum sprechen, der digital erweitert wird. Aber worum geht es in diesen Räumen? Es geht um Interaktion, um Kommunikation mit anderen Menschen und daher ist es in meinen Augen zielführender, von einem sozialen Raum zu sprechen. Dank eines Vortrag von Nils Müller und seinen beiden Blogbeiträgen über „analoge und digitale Räume“ (Teil 1, Teil 2, Teil 3 hat er uns bis jetzt vorenthalten) bin ich auf den von Dieter Läpple verfassten „Essay über den Raum“ gestoßen. Hier sehe ich interessante Ansatzpunkte, um Raummodelle für Städte und Regionen, aber auch Unternehmen und Kultureinrichtungenzu entwickeln. Entsprechende Konzepte zu entwickeln, ist eine der Herausforderungen im gerade beginnenden Jahr.
    • digitale Transformation: Es klingt so einfach beziehungsweise vielleicht sogar schon etwas abgedroschen, Unternehmen beziehungsweise in meinem Fall, Kultureinrichtungen dazu aufzufordern, sich mit dem Thema digitale Transformation zu beschäftigen. Es gibt eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen, an die man sich halten muss und schon passt alles. Behaupten zumindest die, die diese Empfehlungen aussprechen. Nein, so einfach ist das ist. Warum so viele – auch gut gemeinte – Pläne scheitern, habe ich in einem Vortrag, den ich Anfang Oktober in Frankfurt halten durfte, zu erklären versucht. Aber die Frage, wie der Weg zum digitalen Kulturbetrieb aussieht, muss natürlich beantwortet werden. Und da sind noch einige Fragen offen, wie auch das letzte stARTcamp im Wiener Volkstheater gezeigt hat.

  • Online Marketing: Die Zeiten, in denen wir geglaubt haben, Social Media sei das (kostenlose) Allheilmittel, sind vorbei. Natürlich bleibt Social Media Marketing weiter ein wichtiger Baustein der Marketingaktivitäten im Onlinebereich. Aber da gibt es noch jede Menge anderer Bausteine, die eine Rolle spielen. Suchmaschinenoptimierung, Content Marketing, Storytelling oder Gamification sind nur einige der Schlagworte, die auch 2017 fallen werden, wenn wir uns Gedanken darüber machen, wie Online Marketing im Kunst- und Kulturbereich funktioniert.

Diese drei Schlagworte sind natürlich nicht zufällig entstanden, sondern bauen einerseits auf den Themen auf, mit denen ich mich in den letzten Monaten und Jahren beschäftigt habe. Andererseits tragen sie meiner Einschätzung Rechnung, was wir zu erwarten haben, wenn wir uns mit den digitalen Technologien und den daraus entstehenden Möglichkeiten für Kunst und Kultur beschäftigen. Die Firma Adobe hat in ihrem bereits im Juli 2015 erschienenen Report „Vier Vorteile eines Konzeptes für digitale Reife“ wunderbar beschrieben, vor welchen Herausforderungen wir heute stehen beziehungsweise, was zu tun ist, um diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können:

  • „Reife Unternehmen investieren in Personal, Prozesse und Tools“: Viele Kultureinrichtungen investieren vor allem in irgendwelche Tools, vergessen dabei aber ihre MitarbeiterInnen und die Prozesse, um diese Tools gewinnbringend nutzen zu können.
  • „Reife Unternehmen passen sich an den Kunden an. Sie denken und handeln mobil“: Oft sind Kultureinrichtungen schon stolz, wenn man ihre Website auch mobil aufrufen kann. Das reicht nicht, denn eines der Ziele der Onlineaktivitäten muss es sein, möglichst viel über die (Website)-Besucher zu erfahren, ein Marketing aufzubauen, das möglichst automatisiert und personalisiert funktioniert.
  • „Unternehmen mit Reifeplan bauen ihren Vorsprung durch Lernbereitschaft aus“: Es ist zwar wichtig zu wissen, wie Facebook und Twitter, vielleicht sogar Snapchat funktionieren. Aber wenn ich die strategische Ebene komplett weglasse und meine Onlineaktivitäten lediglich als kostenlose Ergänzung der „normalen“Marketingaktivitäten betrachte, dann ist der Anschluss schon so gut wie verloren.
  • „Sie denken voraus“: Wenn Kultureinrichtungen heute stolz verkünden, dass sie jetzt eine Stelle für Social Media geschaffen haben, dann ist das zwar gut und zu begrüßen. Wer vorausdenkt, müsste aber schon weiter sein und sich die Frage stellen, auf welchen Mechanismen die Erfolge in der Interaktion mit den Usern in den sozialen Netzwerken und Messengersystemen beruhen. Der Adobe-Report stellt fest, dass reife Unternehmen eher bereit sind, für die Entwicklungen im digitalen Bereich Geld in die Hand zu nehmen und nennt in diesem Zusammenhang zwei Punkte, die auch mir sehr wichtig sind: Einerseits die Analyse, um überhaupt zu wissen, wo man steht und um sehen zu können, ob die gesetzten Maßnahmen Erfolge bringen.  Andererseits gilt es, sich mit dem Thema Content Management zu beschäftigen, um für alle Kanäle die passenden Inhalte zu haben. Für mich steckt dahinter die Beschäftigung mit Contentstrategien, also dem professionellen und strukturierten Umgang mit digitalen Inhalten, wie es auf Wikipedia heißt.

Sie sehen, es ist gar nicht so einfach, nicht den Überblick zu verlieren. Ich hoffe, meine drei Schlagworte unterstützen mich dabei, nicht die Orientierung zu verlieren. Ich würde mir natürlich auch wünschen, dass ich Ihnen damit ein klein wenig weiter helfen kann und freue mich, wenn Sie mich auf diesen Wegen begleiten.

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Rückblick auf das stARTcamp Wien

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Bild: ©www.lupispuma.com

Ich überlege schon seit einiger Zeit, wie ich auf das stARTcamp zurückblicken und welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehen soll. Und da ich bis heute nicht zu einem wirklichen Ergebnis gekommen bin, schreibe ich meine Gedanken dazu einfach mal zusammen.

Fangen wir mit der Location an: Die Rote Bar im Volkstheater Wien ist natürlich ein Traum gewesen und ich bin dem Haus und besonders Lena Fuchs sehr dankbar, dass wir dort zu Gast sein durften. Wenn Sie nicht selbst dabei waren, vermitteln die Fotos von Karola Riegler sehr schöne Eindrücke. Erstens vom Haus und zweitens vom stARTcamp selbst. Auch Dir Karola sage ich danke, dass Du das stARTcamp wieder mit der Kamera begleitet hast. Das Essen war super, RITA bringt’s hat das Essen nicht nur einfach gebracht, sondern auch gut gekocht.

Um aus diesen Zutaten ein stARTcamp zu machen, braucht es ein Team. Ich bedanke mich bei Anne Aschenbrenner, Barbara Royc und Michael Wuerges, dass ich mit ihnen zusammen die vierte Ausgabe des #scvie organisieren durfte. Ohne sie hätte es vermutlich das Experiment mit dem World-Café nicht gegeben. Ich spreche bewusst von einem Experiment, denn die Sache hätte ja auch schiefgehen können. Das ist sie zum Glück nicht, aber ich sehe die Sache ähnlich kritisch wie Anne Aschenbrenner in ihrem Rückblick auf das stARTcamp.

Wir reden oft über neue Technologien und den Content, der mit deren Hilfe unter die Leute gebracht werden soll. Der Kulturbetrieb selbst, der diese Aufgabe möglichst gut lösen soll, wird aber dabei in der Regel vergessen. Häufig ist dann von der Unternehmenskultur die Rede, die geändert werden müsse. Nur wie ändere ich diese „Kultur“ eigentlich? In meinem Beitrag über den „digitalen Kulturbetrieb“ habe ich auf ein Modell verwiesen, um zu zeigen, welche Stellschrauben es eigentlich gibt.

7S Modell

Unsere Idee war es, im Rahmen des World-Café drei Fragen zu stellen, die sich auf den oberen Teil der Grafik, konkret auf die Bereiche Strukturen und Prozesse beziehen sollten. Unsere Fragen lauteten:

  • Welche Strukturen wünsche ich mir für meine Arbeit?
  • Welche Prozesse und Arbeitsabläufe brauche ich, um meine Arbeitsziele zu erreichen?
  • Was kann ich tun, um Veränderungen von Strukturen und Prozessen herbeizuführen?

Anne kritisiert in ihrem Beitrag, dass die ersten beiden Fragen zu ähnlich gewesen seien, denn es zeigte sich, dass an den meisten Tischen nicht zwischen Struktur und Prozess unterschieden wurde. So gibt es bei den Antworten auf die ersten beiden Fragen viele Übereinstimmigkeiten. Fangen wir mit der Frage nach den Strukturen an, die wir uns für unsere Arbeit wünschen. Hier sehen Sie die Flipchartblätter aller sieben Tische:

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Nachdem Sie vermutlich Probleme haben werden, die Punkte zu entziffern, habe ich alle Beiträge auf den Flipchartblättern in einem Excel-Sheet zusammengefasst. Beachten Sie bitte, für jede Frage gibt es ein einzelnes Sheet, Frage 1, Frage 2 und Frage 3.

Hier sind die Tischergebnisse zur Frage 2:

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Unsere Idee war es, sich bei diesen beiden Fragen nicht unbedingt an der Realität zu orientieren, sondern in den „Wunschmodus“ zu gelangen. Mit Hilfe der dritten Frage sollten diese Wünsche dann „geerdet“ werden, es ging um die Frage, was wir selbst tun können, um diesen Wunschvorstellungen aus eigener Kraft ein Stück näher zu kommen. Anne Aschenbrenner schreibt in ihrem Beitrag, die dritte Frage wäre zu „pädagogisch angeleitet“. Ja, natürlich ist sie das, die Fragen richtig zu formulieren, ist sicher mit die größte Herausforderung bei diesem Format. Aber irgendeinen Plan muss man ja haben, wenn man Fragen stellt. Ich denke, diese „pädagogische“ Herangehensweise passt ganz gut.

Mich stört eher, dass wir es nicht geschafft haben, mit Frage eins und zwei auf die Ebene der Wunschvorstellungen zu kommen. Ich hätte mir gewünscht, dass hier beispielsweise gefordert wird, bestehende Strukturen aufzubrechen und nur noch in Projektteams zu arbeiten. Und jedes Team bekommt eine Art Kommandozentrale, in der gemeinsam gearbeitet wird.

Nicht geschafft haben wir es anscheinend auch, die Unterschiede zwischen Struktur und Prozess herauszuarbeiten. Viele der genannten Punkte finden sich sowohl als Statement zu Frage eins und zwei. Trotzdem sind die Ergebnisse hochinteressant, denn sie zeigen ein hohes Maß an Übereinstimmung, was in Kulturbetrieben geändert gehört. Und es kommen jede Menge konkrete Vorschläge, wie diese Änderungen angegangen werden könnten. Klar ist auch, dass es hier nicht ausschließlich um das Thema Social Media geht. Klar, der Wunsch, einen Redaktionskalender zu haben, bezieht sich auf die Social Media-Aktivitäten, aber der Wunsch, abteilungsübergreifend zu arbeiten, zeigt schon, dass der Wunsch vorhanden ist, das Potenzial des ganzen Hauses zu nutzen und alle ins Boot zu holen.

Und was können wir selbst tun, um unsere Wünsche wahr werden zu lassen? Die Antworten darauf sind oft sehr mutig und selbstkritisch, wie die einzelnen Blätter zeigen:

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Ich würde mich über Reaktionen bzw. Rückmeldungen zu diesen Ergebnissen freuen, werde mich aber selbst auch noch weiter damit beschäftigen.

Nach dem World-Café war die Spannung dann ein wenig raus, sei es durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema oder weil so ein Mittagessen schnell müde macht. Wir hatten uns erhofft, dass am Nachmittag die Chance genutzt wird, ausgehend von den Themen des Vormittags konkrete Aspekte oder auch Projekte zu diskutieren, vorzustellen, etc.. Vielleicht wäre es besser gewesen, stattdessen ein neues Thema zu beginnen und die drei Sessionrunden dafür zu nutzen. Hier habe ich die Willen, mal ganz egoistisch eigene Themen zu pushen, vermisst. Corinne Eckenstein, die Leiterin des Dschungel Wien, war die einzige, die die Chance genutzt hat und eine Frage in die Runde geworfen hat. Davon leben Barcamps. Stattdessen warteten, so mein Eindruck, viele darauf, jetzt noch möglichst informative und hilfreiche Vorträge vorgesetzt zu bekommen. Aber ok, ich will nicht meckern, das Engagement beim World-Café war großartig.

Soviel zum stARTcamp Wien, jetzt fehlt noch die Blogparade, mit der ich mich in einem nächsten Beitrag beschäftigen werde.

PS: Folgende Beiträge sind über das stARTcamp geschrieben worden (falls ich jemanden übersehen habe, bitte einfach hier kommentieren, ich ergänze die Liste dann.):

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Mit Google Adwords Veranstaltungen bewerben

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Bild: FirmBee (CC0 auf Pixabay.com)

Veranstaltungen zu bewerben gehört für sehr viele Kultureinrichtungen zum Alltagsgeschäft, dementsprechend groß ist auch ihre Erfahrung, wie sie dabei vorgehen. Oft sind es Instrumente, die sie jahre-, wenn nicht sogar jahrzehntelang verwenden, die größte Innovation in diesem Bereich war wohl das Aufkommen des Social Web mit der Möglichkeit, die eigenen Events über die sozialen Netzwerke anzukündigen. Eine Ausstellung, eine Theaterproduktion oder ein Konzert mit Hilfe eines Facebook-Events zu promoten, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Eine andere Möglichkeit, die eigenen Veranstaltungen zu bewerben, stellt Google Adwords dar. Wir alle kennen die Werbeeinschaltungen, die auftauchen, wenn wir auf Google eine Suche starten und dann die Ergebnisse präsentiert bekommen. Wer keinen Werbeblocker verwendet, kennt die „bezahltenAnzeigen“, die dort nicht stehen, weil die Seite so gut rankt, sondern weil Geld in die Hand genommen wurde.

Nachdem ich vermutlich nicht der einzige bin, der bei seiner Suche im Internet stark auf Google setzt, ist es doch eigentlich schlau, oberhalb oder rechts des (organischen) Suchmaschinenranking gut sichtbar vertreten zu sein. Und noch ein weiteres Argument spricht dafür, dass Kultureinrichtungen sich mit diesem Werbeformat beschäftigen sollten. Google hat mit Ad Grants ein Angebot entwickelt, das sich an gemeinnützige Einrichtungen richtet und diesen die Möglichkeit bietet, mit Hilfe von Adwords pro Monat (!) Anzeigen im Wert von 10.000 USD zu schalten. Die Herausforderung besteht darin, von Google als gemeinnützige Institution anerkannt zu werden (Infos, welche das sind, gibt es hier).

Welche Überlegungen müssen Kultureinrichtungen anstellen, bevor sie mit Google Adwords (oder Ad Grants) loslegen können. Nun könnten Sie sich die Informationen natürlich alle im Internet zusammensuchen. Stefan Kleinberger hat das vor einiger Zeit getan. Erstens, weil er Marketingverantwortlicher des TAK Theater Liechtenstein ist und Google Adwords ausprobieren wollte und zweitens, weil er Google Adwords im Rahmen seines Diplomlehrgangs „Online Marketing“  zum Thema seiner Abschlussarbeit gemacht hat. Netterweise stellt er uns die Ergebnisse seiner Arbeit zur Verfügung, wofür ich ihm ganz herzlich danken möchte.

 

In seiner Arbeit erfahren Sie kurz, was Suchmaschinenmarketing ist und welche Rolle die Suchmaschinenwerbung dabei spielt. Für mich besonders hilfreich waren die vier für ihn wichtigsten Parameter für die Arbeit mit Google Adwords. Dass Keywords und die Frage der Ortsauswahl entscheidend zum Erfolg einer Kampagne beitragen, ist für viele vermutlich nicht neu. Bei den anderen beiden Parametern „Sprache“ und „Anzeigentext“ habe ich dann einiges dazugelernt. Genau aus diesem Grund bin ich übrigens immer sehr froh, wenn solche Arbeiten online verfügbar sind. Erstens können andere auf diese Arbeit aufbauen, sich auf sie beziehen und zweitens lernt man als Leser oft sehr viel. So wie ich in diesem Fall. ;-)

Im Rahmen des Treffpunkt Kulturmanagement hat Stefan Kleinberger gestern auf der Basis seiner Arbeit den Input zu eben diesem Thema geliefert. Spannend war für mich unter anderem die Diskussion über die Frage, worin eigentlich der Unterschied zwischen Google Adwords und Anzeigen auf Facebook besteht und in welchen Situationen man das eine oder andere Angebot nutzen sollte. Falls Sie das Webinar gestern nicht verfolgen konnten oder einzelne Passagen noch einmal sehen möchten,  finden Sie die Aufzeichnung auf YouTube oder gleich hier unten:

digital marketing
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Theater und Social Media: Fragen an Lena Fuchs (Volkstheater Wien)

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Foto von Gilles Lambert auf Unsplash

Nachdem wir die letzten Jahre mit dem stARTcamp immer in Museen zu Gast waren, geht die diesjährige Ausgabe zum ersten Mal in einem Theater über die Bühne. Danke an das Volkstheater Wien für die Einladung! Ich möchte wenige Tage vor dem stARTcamp die Chance nutzen und der Frage nachgehen, wie Theater den digitalen Wandel bewältigen und deshalb habe ich Lena Fuchs, die den Bereich Kommunikation am Volkstheater leitet, per Mail ein paar Fragen gestellt.

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© www.lupispuma.com / Volkstheater

Kulturmanagement Blog: Zuallererst möchte ich mich noch einmal direkt bei Dir bedanken, dass wir mit dem stARTcamp dieses Jahr bei Euch zu Gast sein dürfen. Du hast spontan zugesagt, als ich Dich gefragt habe. Dabei sind, so hat es den Anschein, Theater eher zurückhaltend, wenn es um den digitalen Raum geht. Ist es für Theater schwieriger, digital präsent zu sein und zu kommunizieren als zum Beispiel für Museen?

Lena Fuchs: Theater ist immer live – dieses Alleinstellungsmerkmal ist Fluch und Segen zugleich. Ein Theaterstück lässt sich weniger leicht abbilden als ein Kunstwerk. Teilweise spielen, gerade auch bei Filmaufnahmen (die ja dem Erlebnis am nächsten kommen), technische Kapazitäten und Urheberrechte eine Rolle: Mit der Digitalisierung betreten wir hier Neuland. Aber wir holen auf!

Kulturmanagement Blog: Esther Slevogt hat gerade in einer Kolumne auf nachtkritik.de die Theater dazu aufgefordert, „mächtige soziale Plattformen im Netz zu schaffen“. Kannst Du Dir vorstellen, dass die Theater solche digitalen Räume schaffen und inhaltlich bespielen?

Lena Fuchs: Soll ich idealistisch oder pragmatisch antworten? Frau Slevogts „Kolumnist*innentraum“ ist nachvollziehbar argumentiert und ein plausibler Lösungsvorschlag für das dem Theater immer wieder vorgeworfene Reichweitenproblem. Aber – pragmatisch gesehen: Wie soll eine per se defizitäre und subventionierte Unternehmung wie ein Theater so etwas zusätzlich umsetzen? Sobald die Theater anfangen, wirkliche Gewinne zu machen – was bei der jetzigen Kostenstruktur unmöglich ist –, können wir darüber reden … aber dann unterliegen wir programmatisch wohl auch wieder dem in der Kolumne vorgeworfenen „marktorientieren Denken“.

Kulturmanagement Blog: Viele lehnen so eine Idee unter Umständen ab, weil sie Angst haben, das Theater könnte vollends ins Digitale abgedrängt werden und aufhören, als physischer Ort zu existieren. Siehst Du diese Gefahr auch?

Lena Fuchs: Ich finde nichts langweiliger als abgefilmte Theaterstücke. Und für mich ist Theater ohne das reale Zusammenkommen und gemeinsam in Echtzeit „im-Dunklen-ins-Helle-Schauen“, ohne Hustenzuckerl-Rascheln und den wunderbaren Geruch von Bühnennebel, der sich langsam im Zuschauerraum ausbreitet, nicht denkbar. Und noch bin ich nicht allein – bis also Virtual Reality solche Erlebnisse hervorbringt, sehe ich keinen Grund zur Sorge.

Kulturmanagement Blog: Neben der Chance, sich im digitalen Raum inhaltlich mit wichtigen Themen zu beschäftigen, ist das Internet natürlich auch für das Marketing wichtig geworden. Was für Möglichkeiten siehst Du dort für Theater?

Lena Fuchs: Neben klassischer Online-Werbung, die ja letztlich Print sehr ähnlich sieht, spielen natürlich die Medien mit Rückkanal eine große Rolle, Diskussionsforen und Gästebücher, aber natürlich insbesondere die sozialen Netzwerke.

Kulturmanagement Blog: In den letzten Jahren war es vor allem wichtig, in den sozialen Netzwerken präsent zu sein, die Marke zu stärken und auf sich aufmerksam zu machen. Auch das Volkstheater ist schon lange im Social Web aktiv. Welche Veränderungen nimmst Du dort wahr? Wird Facebook weiter das wichtigste Netzwerk bleiben und weiter an Bedeutung gewinnen oder hat es seine besten Tage bereits hinter sich?

Lena Fuchs: Derzeit hat Facebook, das am längsten bespielt wird, die meisten Nutzer/innen und auch bezogen auf das Involvement die größte Reichweite, bei kontinuierlichem Wachstum. Die nach wie vor steigenden Fan-Zahlen beobachte ich übrigens auch bei den Facebook-Auftritten der anderen Theaterhäuser in Wien. Die vielen Funktionalitäten von Facebook sind aus meiner Perspektive als Absender außerdem unschlagbar, das Publikum interagiert recht engagiert. Von daher ist es sicher das wichtigste Netzwerk, wobei im Falle des Volkstheaters Twitter und besonders Instagram als zuletzt hinzugekommener Kanal verhältnismäßig schneller zulegen.

Kulturmanagement Blog: Digitales Marketing bedeutet auch, sich mit anderen Themen zu beschäftigen. Inbound Marketing, Content Strategien oder auch Suchmaschinenoptimierung: Müssen sich Theater mit solchen Dingen heute beschäftigen?

Lena Fuchs: Die Kommunikations- und Marketingverantwortlichen unbedingt, ja! Diese Tools bieten ja auch die Möglichkeit, vergleichbare Reichweiten bei geringerem finanziellen Kostenaufwand zu erzielen. Für viele Häuser heißt das, dass sie überhaupt erst im öffentlichen Raum (wenn auch digital/virtuell) präsent sind, weil sie sich aufwändige Werbemaßnahmen sonst nicht leisten könnten.

Kulturmanagement Blog: Verändern sich durch die zunehmende Digitalisierung auch die Strukturen und Prozesse in einem Theater?

Lena Fuchs: Teilweise, aber man muss wissen: Im Volkstheater etwa arbeiten ca. 250 Personen in den unterschiedlichsten Jobs: Vom Maskenbildner/in über die Buchhaltung bis zur Direktion, vom Schlosser über den Regieassistenten bis zum Schauspieler. Da kommt man um Aushänge am Schwarzen Brett wie vor 125 Jahren nicht vorbei – und für ein digitales System für alle fehlen die Ressourcen. Was die Verwaltung angeht, stecken wir mittlerweile mitten im E-Mail-Zeitalter – auch nicht gerade fortschrittlich. Tatsächlich prüfen wir derzeit die Möglichkeiten, die uns ein Intranet bieten könnte, das steckt aber noch in den Kinderschuhen.

Kulturmanagement Blog: Und noch eine letzte persönliche Frage: welche Netzwerke oder Messenger bevorzugst Du selbst?

Lena Fuchs: Je mehr ich beruflich digital unterwegs bin, desto mehr schätze ich privat das persönliche Treffen – oder ein langes Telefonat. Wenn nichts anderes geht: Facebook: nicht sehr originell!

Kulturmanagement Blog: Danke für Deine Antworten!

PS: Informationen zum stARTcamp gibt es hier und hier, Tickets können Sie direkt im Onlineshop kaufen.

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#scvie: In zwei Wochen ist es soweit

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Foto von Finn Hackshaw auf Unsplash

Noch zwei Wochen sind es bis zum stARTcamp hier in Wien und nachdem ich nun schon ein paar Mal gefragt wurde, was da denn genau passiert, möchte ich gerne noch mal erklären, worum es in diesem Jahr gehen und wie das @scvie ablaufen wird.

Die wohl drängendste Frage ist die nach dem Thema. Anne Aschenbrenner, Barbara Royc, Michael Wuerges und ich haben uns darauf geeinigt, dass wir dem stARTcamp das Motto „(z)wischen Inhalten und Technologien“ voranstellen. Auf der einen Seite haben wir die Inhalte, den „Content“ und die Frage, wie wir damit das Interesse unserer Zielgruppen wecken können. Eine Methode, um bestimmte Inhalte zu transportieren, ist das Storytelling (siehe dazu mein Blogpost: „Storytelling: Es geht um das Wie, nicht um das Was„). Mit diesem Themenbereich beschäftigt sich das stARTcamp Bern, das ebenfalls am 21. November stattfinden wird.

Auf der anderen Seite haben wir die Entwicklungen im digitalen Bereich. die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Immer neue technologische Möglichkeiten tun sich auf, unseren Content zu verbreiten und sichtbar zu machen. Die Technologie ist ein unerbittlicher Treiber, wer von uns hatte zum Beispiel vor ein paar Monaten Chatbots auf dem Radar? Heute gibt es dazu bereits einen eigenen Wikipediaeintrag und in Bälde werden bei uns vermutlich die ersten Kultureinrichtungen damit zu experimentieren beginnen. Um diese Technologien geht es – auch am 21. November – beim stARTcamp in Essen.

Kultureinrichtungen können nicht einfach so damit beginnen, Inhalte mit Hilfe neuer Technologien zu kommunizieren, wenn sie auch wirklich davon profitieren wollen. Sie müssen sich verändern, weiterentwickeln und einen Veränderungsprozess einleiten, der zur Zeit mit dem Schlagwort „digitale Transformation“ etikettiert wird. In meinem letzten Blogbeitrag über den „digitalen Kulturbetrieb“ habe ich versucht zu zeigen, dass es dabei etliche Stellschrauben gibt, an denen wir drehen müssen. Martina Bär-Sieber, Rainer Krumm und Hartmut Wiehle haben in ihrem Buch „Unternehmen verstehen, gestalten, verändern“ (Affiliate-Link) ein Modell entwickelt, das die folgende Grafik abbildet:

7S Modell

Diese Grafik zeigt den Bereich, der „zwischen“ den Inhalten und den (neuen) Technologien liegt, mit dem wir uns beim stARTcamp Wien beschäftigen werden, das am 21. November im Volkstheater Wien stattfinden wird. Da wir leider nur begrenzt Zeit zur Verfügung haben, beschränken wir uns auf die obere Hälfte der Grafik, nämlich die Bereiche System/Prozesse, Struktur und Strategie.

Im Unterschied zu den klassischen Barcamps werden wir dieses Mal nicht mit den sonst üblichen Sessions beginnen, sondern ein anderes Format versuchen: das World-Café. Nachdem beim letzten stARTcamp im MAK der Wunsch aufkam, sich etwas länger mit einem Thema zu beschäftigen, probieren wir dieses für uns neue Format einmal aus. Für mich besteht der Vorteil darin, dass wir hier alle miteinander – ausgehend von unseren eigenen Erfahrungen und Vorstellungen – ins Gespräch kommen und gemeinsam überlegen können, wie diese Veränderungsprozesse idealerweise aussehen. Wir haben dafür drei Fragerunden a 30 Minuten zur Verfügung und das in einer Location, die dafür besser nicht sein könnte, die Rote Bar im Volkstheater. Am Ende fassen wir die Ergebnisse aller Tische zusammen, diskutieren sie und überlegen, welche Konsequenzen sie für unsere Arbeit haben.

Dafür steht dann am Nachmittag noch das Session-Format zur Verfügung, das wir alle von Bar-und stARTcamps her kennen. Hier haben wir die Möglichkeit, Inhalte zu vertiefen, Fragen zu beantworten oder einfach weiter zu diskutieren.

Und da wir als stARTconference glauben, dass wir es hier mit einem für den Kulturbereich wichtigen Thema zu tun haben, gibt es seit heute auch eine Blogparade dazu. Unter der Überschrift „Kultur an der real-digitalen Schnittstelle“ laden wir alle Interessierten dazu ein, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und dazu eigene Blogbeiträge zu verfassen. Die besten Blogbeiträge  und die Ergebnisse der stARTcamps fassen wir dann in einem eBook zusammen, das wir kostenlos zur Verfügung stellen. Wie das genau aussehen wird, können wir im Moment noch nicht sagen, weil das natürlich ein Stück weit davon abhängt, zu welchen Ergebnissen wir bei den stARTcamps kommen und welche Beiträge im Rahmen der Blogparade veröffentlicht werden.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und beim stARTcamp dabei sein möchte: hier gibt es die Tickets, die wie im letzten Jahr wieder 30 Euro kosten. Außerdem informieren drei Blogbeiträge über das stARTcamp, das auch dieses Jahr wieder den Hashtag #scvie haben wird:

Der digitale Kulturbetrieb
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Der digitale Kulturbetrieb

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Foto von William Iven auf Unsplash

Kultureinrichtungen können es sich heute nicht mehr leisten, auf die Kommunikation im digitalen Raum zu verzichten. Auf Facebook vertreten zu sein, ist mittlerweile Pflicht, ein eigenes Blog eigentlich selbstverständlich. Trotz meist großer Anstrengungen bleiben die Ergebnisse aber häufig hinter den Erwartungen zurück, oft ohne die genauen Ursachen dafür zu kennen. Für mich liegt es vor allem an der fehlenden Bereitschaft, sich über das Marketing hinaus mit dem Thema digitale Transformation zu beschäftigen und die dafür notwendigen Veränderungsprozesse einzuleiten. Auf dem von der Aventis Foundation organisierten Symposium „experimente#digital – Kulturschaffen im analog-digitalen Raum“ (alle Vorträge wurden via Periscope gestreamt, die Aufzeichungen sind auf der Website zu finden) ging ich Anfang Oktober der Frage nach, vor welchen Veränderungen Kultureinrichtungen auf der Managementebene stehen und welche Herausforderungen dabei zu bewältigen sind. Da mir dieses Thema sehr wichtig ist, möchte ich nicht einfach nur die Folien auf Slideshare online stellen, sondern ihm einen eigenen Blogbeitrag widmen.

Veränderung kennt kein Ende

„Digital ist die neue Normalität“ behauptet die im letzten Jahr von den Beratungsunternehmen Deloitte Digital und Heads! veröffentlichte Studie „Überlebensstrategie Digital Leadership“ und macht klar, dass nur die Unternehmen erfolgreich sein werden, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen. Dabei gilt es, erst einmal den aktuellen Status Quo zu bestimmen und die Frage zu beantworten, welche Veränderungen dem Unternehmen bevorstehen. Auf der Basis der beiden Faktoren „Einflussstärke“ (des Wandels) und „Zeitverlauf“ ist für 17 Branchen-Cluster eine sehr schöne „Disruption Map“ (siehe Seite 5 der Studie) entstanden, die zeigt, wie groß die Veränderungen in den einzelnen Branchen sein werden und wann sie zu erwarten sind. Leider taucht der Kunst- und Kulturbereich in dieser Darstellung nicht auf, aber in Anlehnung an andere Bereiche lässt sich vermuten, dass die Digitalisierung nicht irgendwann, sondern in den nächsten zwei bis drei Jahren auf die Kulturbetriebe zukommt.

Welche Herausforderungen das zum Beispiel für den Museumsbereich sind, zeigt die „2016 Museum Edition“ des Horizon Reports [1]. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht, was den Museen „bevorsteht“:

Horizon Report (2016 Museum Edition)

NMC Horizon Report: 2016 Museum Edition (CC BY 4.0)

Sie sehen, es geht nicht nur um die Frage, wie sich beispielsweise „Virtual Reality“ sinnvoll nutzen lässt, sondern es bedarf darüber hinaus auch neuer Strukturen und Prozesse, um das Potenzial der technologischen Entwicklungen auch ausschöpfen zu können. Das geschieht aber nicht, wenn – um beim Beispiel zu bleiben – „Virtual Reality“ als Thema in die Vermittlungs- oder Marketingabteilung delegiert wird, weil sich auf der obersten Führungsebene niemand damit beschäftigen möchte. Die eingangs erwähnte Studie „Digital Leadership“ macht deutlich, dass dieses Thema „ganz oben“ verankert sein muss und dort die folgenden vier Fragen beantwortet werden sollten:

  • „Wo stehen meine Branche und mein Unternehmen aktuell?
  • „Vor welche Herausforderungen wird die Digitalisierung mein Unternehmen stellen?“
  • „Ist meine Organisation in der Lage, die digitale Transformation erfolgreich umzusetzen?“
  • „Wie können wir konstanten Wandel und Innovation im Unternehmen sicherstellen?“ (Digital Leadership, S.6)

Natürlich ist in dieser Studie von Unternehmen die Rede, gemeint sind Firmen, die den wirtschaftlichen Erfolg suchen. Aber wir als Kunden oder Besucher kultureller Angebote werden zukünftig wohl kaum trennen zwischen marktwirtschaftlich agierenden Unternehmen und zum Beispiel einem Theater, wenn es darum geht ein Ticket zu kaufen.

Deshalb gilt für alle, was Mathias Hiebeler, Managing Partner bei Heads! gesagt hat:

„Die Transformation des Unternehmens in die digitale Zukunft ist nicht eine Frage der Technologie. Sie ist eine Frage der Unternehmensführung, getrieben durch den CEO und sein Top-Managementteam.“

Schließlich stehen Kultureinrichtungen ja nicht nur vor der Frage, ob sie neben Facebook nun auch auf WhatsApp oder Snapchat aktiv werden , sondern es geht um die Frage, wie sich der gesamte Alltag bewältigen lässt. Vielleicht kommen Ihnen die Probleme, die Aaron Dignan in seinem Blogpost „The OS Canvas“ anspricht, ja bekannt vor?

„We need to go faster. Be more innovative. Make better decisions. Break down silos. Work horizontally. Simplify our structure. Focus on the customer. Scale without losing what makes us great. Be more agile. Change our business model. Share information. Attract different talent. Retain the great talent we have.“

Eine andere Unternehmskultur muss her, nur, was ist denn diese Unternehmenskultur überhaupt und wie kann ich sie so verändern, dass mein Unternehmen oder meine Kultureinrichtung fit für die (digitale) Zukunft sind? Kann ich sie überhaupt verändern? Nils Pflaeging glaubt nicht daran und hat das in einem Tweet sehr schön zum Ausdruck gebracht:

OS Canvas: Wie Sie die Unternehmenskultur verändern können

Für Aaron Dignan besteht das Problem darin, dass wir Unternehmen mit Maschinen vergleichen, statt sie als komplexe menschliche Systeme zu verstehen. Es macht für ihn keinen Sinn, einfach ein einzelnes Teil auszutauschen oder eine neue Technologie einzuführen. Das Problem ist für Dignan das, was er als Betriebssystem eines Unternehmens bezeichnet. Technologisch betrachtet ist das Betriebssystem der Mittler zwischen Hard- und Software. Und bei Unternehmen?

„Like our technology, organizations run on code. But this code isn’t made of ones and zeroes. It’s made of principles and beliefs, practices and rules. This DNA is so pervasive, unquestioned, and deeply held that we don’t even notice it“,

gibt sich Dignan überzeugt. Woraus besteht nun aber diese DNA eines Unternehmens? Dignan hat in Anlehnung an das Business Model Canvas ein OS Canvas entwickelt, das so aussieht:

OS Canvas

In seinem Beitrag beschreibt er sehr ausführlich die verschiedenen Felder/Bereiche und erwähnt dabei immer wieder Unternehmen, die sich seiner Ansicht in bestimmten Bereichen vorbildlich verhalten. Am Ende erahnt man dann, wie eine Unternehmenskultur aussehen könnte, die den heutigen Anforderungen gerecht zu werden verspricht. Aber eine entscheidende Frage bleibt unbeantwortet, nämlich wie man diese Stufe erreicht? Lässt sich in jedem Unternehmen oder auch jeder Kultureinrichtung beispielsweise ein holokratisches Führungsmodell umsetzen? Gibt es nicht unzählige Unternehmen und Kulturbetriebe, die sich voller guter Absichten mit Strukturen, Prozessen und Strategien beschäftigt haben und daran gescheitert sind, ihre Unternehmung für die Zukunft zu rüsten?

Graves-Value-System: Warum so viele Veränderungsprojekte scheitern

Wer hat Schuld daran? Liegt es am Versagen der Führungskräfte? Oder wollen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Komfortzone nicht verlassen, wie es immer so schön heißt? Auf der Suche nach Antworten bin ich schon vor einiger Zeit auf Clare W. Graves gestoßen, einen 1986 gestorben Professor für Psychologie, der sich viele Jahre mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt hat. Seine Untersuchungen waren der Ausgangspunkt für Spiral Dynamics [2], ein von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan entwickeltes Modell, das – mittlerweile – neun Wertebenen aus entwicklungspsychologischer Sicht betrachtet. Mit jeder dieser Ebenen, die durch Farben benannt werden, verbinden wir bestimmte Werte, Verhaltensweisen und -muster sowie Kulturen.

Spiral Dynamics

Es würde zu weit führen, die verschiedenen Ebenen hier jetzt zu beschreiben, ich darf aber auf den Wikipedia-Eintrag verweisen, der in Kurzform die einzelnen Stufen erklärt, beginnend mit dem Menschen, der ums nackte Überleben kämpft (Stufe Beige) bis hin zu denen, die die Welt als Ganzes sehen und uneigennützig zum Wohle aller beitragen wollen (Stufe Türkis, die oberste Stufe, die aktuell existiert). Sehr spannend ist in meinen Augen das Wechselspiel zwischen einem Verhalten, bei dem das eigene ich im Vordergrund steht und einem, bei dem das Wir-Gefühl vorherrscht. In der Entwicklung „nach oben“ darf der Theorie zufolge keine Stufe übersprungen werden, Sprünge „zurück“ bzw. nach unten sind aber sehr wohl möglich, auch über mehrere Stufen hinweg.

Es liegt auf der Hand zu versuchen, dieses Modell auf die Ebene der Unternehmungen zu übertragen. Den für mich interessantesten Ansatz haben für mich Martina Bär-Sieber, Rainer Krumm und Hartmut Wiehle mit dem Graves-Value-System entwickelt. In ihrem Buch „Unternehmen verstehen, gestalten, verändern [3] (Affiliate-Link) erklären sie, warum es für Unternehmen so schwierig ist, erfolgreich Veränderungen über die Bühne zu bringen. Natürlich müssen sich Unternehmen permanent ändern, schreiben sie in ihrem Buch, aber diese Veränderungen zielten nicht auf das ganze Unternehmen ab, sondern blieben oft Stückwerk. Ein paar PS mehr unter der Motorhaube machen aus einem alten Auto noch keinen Rennwagen.  So ähnlich haben wir uns das auch im Unternehmensbereich vorzustellen. Ein Instagramaccount macht mich noch nicht zum Vorreiter in Sachen digitaler Transformation. Erstens muss ich das Unternehmen in allen Bereichen fit machen und zweitens muss ich die verschiedenen Ebenen durchlaufen, denn auch hier gilt: Sprünge sind nur nach unten möglich. Nach oben geht es nur Schritt für Schritt. Schauen wir uns die beiden Punkte etwas genauer an. Das von Bär-Sieber, Krumm und Wiehle verwendete Modell ähnelt dem von Aaron Dignam, wie Sie hier erkennen können:

 

7S Modell

Die drei AutorInnen verbinden nun die sieben Bereiche dieses Modells mit den verschiedenen (Farb)-Ebenen und zeigen, welche Veränderungen dort jeweils stattfinden. Wie die Entwicklungen aussehen, möchte ich am Beispiel der Struktur von Unternehmen zeigen:

Graves-Value-System: Beispiel Struktur

Die Ebene Purpur kennt, so die AutorInnen nur eine zweistufige Hierarchie, an deren Spitze sich eine Führungspersönlichkeit befindet, bei der wir oft von einem Patriarchen sprechen können. Unter diesem gibt es zwar durchaus eine Rangfolge, aber in der Hierarchie drückt sich das nicht aus. Oft ist es die Gunst des Chefs, die einen in der Rangfolge nach oben klettern lässt. Entzieht er einem die Gunst wieder, fällt man in der Rangfolge wieder nach unten. Es erscheint verständlich, dass ein ausgeklügeltes hierarchisches System hier fehl am Platz wäre. Als Beispiel für diese Ebene werden gerne Familienunternehmen genannt.

Rot setzt auf Leistung und erlaubt es einem auf diese Weise, in der Hierarchie nach oben zu klettern. Es ist also eher der Erfolg und weniger eine bestimmte Funktion beziehungsweise Qualifikation, die einen nach oben bringt. Oft sind es parallele Strukturen, zwischen den einzelnen „Strängen“ findet eine Art Wettkampf statt, der einzelneMitarbeiter, die einzelne Mitarbeiterin sind aber im Grunde genommen austauschbar und haben ihre Daseinsberechtigung nur, so lange sie Leistung bringen. In ihrem Buch führen Bär, Krumm, Wiehle den Bereich Investmentbanking an, in dem die sehr schnell nach oben gekommen sind, die entsprechend viel „verkauft“ haben und damit erfolgreich waren.

Streng hierarchische Strukturen und eine funktionale Gliederung kennzeichnen die Ebene Blau und sorgen für „Ordnung“ und ein klares „Oben und Unten“ in dieser Unternehmung. Kommen auf der funktionalen Ebene neue Aufgaben hinzu, entsteht oft ein Kampf um die Zuständigkeit. Je mehr Zuständigkeiten, desto „wichtiger“ ist etwa ein Geschäftsbereich. Ämter, Behörden, Ministerien, aber auch große Konzerne oder auch Banken und Versicherungen dienen als Beispiele für diese Ebene.

In der Ebene Orange dominieren nicht mehr die Funktionen, sondern eher Prozesse, die dazu beitragen sollen, ein bestimmtes Ziel möglichst gut und rasch zu erreichen. Statt einer schwerfälligen und viele Ebenen umfassenden Hierarchie werden schnelle, flache Strukturen bevorzugt. Dieser Ansatz ist in meinen Augen etwa hilfreich bei der Entwicklung einer App. Während in blauen Strukturen oft die Zuständigkeiten nicht klar sind und die notwendigen Prozessabläufe nicht existieren, bildet die orange Ebene diesen Prozess ab und strukturiert die Zusammenarbeit unter der Prämisse, am Ende eine funktionierende App zur Verfügung zu haben. Ob dafür die Struktur des Unternehmens auf Dauer geändert wird oder ein temporäres Projektteam gebildet wird, hängt unter anderem davon ab, ob es hier um die Kernkompetenz des Unternehmens geht oder ein singuläres Vorhaben. Die AutorInnen sehen vor allem Unternehmen aus der Fertigungsindustrie und dem Dienstleistungsbereich auf dieser Stufe.

Unternehmen, die sich auf der Ebene Grün befinden, verfügen oft über Matrix-Strukturen und setzen auf „multifunktionale, in ihren Fähigkeiten komplementäre Arbeitsteams“. Statt starrer Strukturen gibt es Kompetenz-Pools, aus denen die jeweils passenden Teams gebildet werden. Bei der Zusammenstellung der Teams setzt man bewusst auf Heterogenität, das heißt, die Aussage, „man müsse zueinander passen“ gewinnt eine ganz andere Bedeutung. Solche Unternehmen gibt es nur selten, oft kommen sie aus dem IT- oder Dienstleistungsbereich und arbeiten mit agilen Ansätzen.

Das gelbe Unternehmen gibt es so gar nicht, geben sich Bär, Krumm, Wiehle überzeugt, denn auf der Ebene Gelb finden sich nur noch Netzwerke, die ganz gezielt im Sinne eines virtuellen Unternehmens zusammengestellt werden. Oft sind es Einzelpersonen/Einzelunternehmen, die sich hier mit Universitäten, Think Tanks, aber natürlich auch „klassischen“ Unternehmen temporär zusammenschließen und versuchen, über ein Produkt/Dienstleistungsangebot hinaus auch neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Die beiden obersten Ebenen (Türkis, Koralle) existieren nur als Gedankengebilde, die dafür notwendigen Strukturen sind erst zu entwickeln, daher stoppe ich an dieser Stelle mit der Beschreibung der Ebenen am Beispiel der Unternehmensstruktur.

Nach diesem Muster lassen sich nun auch die restlichen sechs Bereiche durchspielen, hier nur als Grafik und ohne weitere Ausführungen der Bereich „Fähigkeiten“, der zeigt, wie die MitarbeiterInnen „lernen“ und sich Wissen aneignen.

Graves-Value-System: Fähigkeiten

Was bringt uns nun dieses Wissen? Mir hat es in den letzten Jahren dabei geholfen, Kultureinrichtungen davor zu bewahren oder auch nur zu warnen, zu hohe Erwartungen mit beispielsweise dem Einsatz von Social Media zu verbinden. Und das Graves-Value-System liefert mir Anregungen, auf welche Weise sich digitale Tools in Kulturbetrieben so einsetzen lassen, dass am Ende mehr dabei herauskommt als ein neuer Account auf irgendeiner Plattform inklusive ein paar hundert oder tausend Fans. Außerdem bringt mich dieses Modell meinem Ziel näher, Kultureinrichtungen, egal ob groß oder klein, dabei zu unterstützen, sich in Richtung der grünen oder gelben Ebene zu bewegen.

Ein paar Anmerkungen sind mir dabei sehr wichtig. Ich habe das Graves-Value-System bis jetzt nur auf Konferenzen vorgestellt, es jedoch nie in einer konkreten Beratungssituation verwendet beziehungsweise angesprochen. Der Grund: Wir würden vermutlich stundenlang darüber diskutieren, auf welcher Ebene sich die Kultureinrichtung befindet. So eine Zuordnung ist gar nicht so leicht und oft sind verschiedene Geschäftsbereiche auf unterschiedlichen Ebenen. Das muss kein Nachteil sein, denken Sie nur an das Qualitätsmanagement. Dafür ist die blaue Ebene ideal, denn vor allem hier gibt es ganz klare Regeln, die dafür sorgen, dass etwas nachprüfbar ist. Geht es darum, fremde Märkte zu erobern oder sich gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen, ist oftmals die rote Ebene im Spiel. So verständlich es ist, dass es alle auf die oberen Ebenen zieht. Wenn alle glauben, bereits dort zu sein, ist nicht viel gewonnen.

Evolution

Torley: Evolution (CC BY-SA 2.0) auf Flickr: http://bit.ly/2dUvgAl

Was haben Sie von den in diesem Beitrag beschriebenen Ansätzen und Modellen? Als Kultureinrichtung geht es Ihnen vermutlich auch darum, neue technologische Entwicklungen in Ihre Unternehmung zu integrieren und das auf eine nachhaltige Weise. Oft kommt an dieser Stelle die Unternehmenskultur ins Spiel, ein oft nebulös gebrauchter Begriff. Die in diesem Beitrag vorgestellten Instrumente sollen Sie dabei unterstützen, konkrete Maßnahmen zu entwickeln, um ihre Kultureinrichtung weiterzuentwickeln.

Und der Vollständigkeit halber ist hier noch der Link zu den Folien auf Slideshare.

 

    1. [1] Freeman, A., Adams Becker, S., Cummins, M., McKelroy, E., Giesinger, C., Yuhnke, B. (2016). NMC Horizon Report: 2016 Museum Edition. Austin, Texas: The New Media Consortium. …
    2. [2] Don Edward Beck & Christopher C. Cowan (2013). Spiral Dynamics: Leadership, Werte und Wandel (Affiliate Link)
    3. [3] Martina Bär-Sieber, Rainer Krumm, Hartmut Wiehle (2014). Unternehmen verstehen, gestalten, verändern