„Audience 2.0“: ersetzt der mediale Kunstgenuss das reale Kunsterlebnis?

Vor nicht allzu langer Zeit hat Christian Reinboth in seinen „Sieben Thesen zum Museum 2.0“ geschrieben, dass der virtuelle Museumsbesuch eine Ergänzung und Erweiterung der realen, authentischen Museumserfahrung darstelle, keinesfalls aber als Ersatz zu verstehen sei. Damit hat er eine häufig erwähnte Sorge vieler Museen (aber auch vieler anderer Kultureinrichtungen) angesprochen, die vor der Frage stehen, ob und wenn ja, auf welche Weise sie das Internet nutzen sollen? Häufig herrscht die Angst vor, dass die virtuellen BesucherInnen bereits genug gesehen haben und dann auf den realen Besuch verzichten.

Ich halte diese Sorge auch für unbegründet (siehe dazu meinen Beitrag Web2.0: eine Herausforderung für Museen? (Teil II)), tat mir bis jetzt aber sehr schwer, entsprechend zu argumentieren. Für meinen Vortrag im Rahmen von stARTmuseum 10, in dem ich mich mit möglichen Zielen und Strategien des Social Media-Einsatzes im Museumsbereich beschäftige, habe ich recherchiert, um nicht nur mit dem Bauchgefühl „argumentieren“ zu müssen, sondern etwas „Handfestes“ zu haben, auf das ich bauen kann.

Dabei bin ich auf eine vom National Endowment for the Arts im Juni veröffentlichte Studie gestoßen, die den neugierig machenden Titel „Audience 2.0: How Technology Influences Arts Participation“ trägt und dem Thema entsprechend nicht nur als PDF, sondern auch in einer Multimedia-Fassung online zur Verfügung steht. In dieser Studie, die Joe Frandoni im Blog von Technology In The Arts besprochen hat (Teil I, Teil II), habe ich die folgende Grafik gefunden:

Diese Grafik (PDF, S.15) besagt, dass Menschen, die Kunst mit Hilfe diverser Medien (in dieser Studie sind das: „TV, radio, CDs/DVDs, computers or portable media devices) konsumieren, öfter reale Angebote nutzen als die Gruppe derer, die die medialen Kunstangebote nicht in Anspruch nehmen. Joe Frandoni zieht daraus den Schluss:

„Participation in the arts through electronic and digital media actually spurs participation in live arts performances and exhibitions.“

Die Tatsache, dass es so ist, zumindest in den USA, wäre damit evident. Offen bleibt die Frage, warum das so ist bzw. ob es hier einen kausalen Zusammenhang gibt? Darauf gibt die Studie leider auch keine Antwort, aber sie formuliert schon mal die richtigen Fragen:

  • „Does arts participation through electronic media lead to live arts attendance?
  • Is the gap between arts participation through electronic media and live attendance becoming smaller?
  • What role do arts preferences play in the relationship between arts participation through electronic media and live attendance?
  • To what degree does access to different forms of electronic media affect arts participation?“ (S.104f)

Mit den Antworten auf diese Fragen (nebenbei angemerkt: wäre das nicht ein schönes Thema für eine Diplomarbeit? ;-) ) wäre für die Kultureinrichtungen viel gewonnen, denn sie hätten damit eine Art Schlüssel, wie sie die medialen bzw. digitalen Inhalte aufbereiten müssen, um die Menschen besser ansprechen bzw. für einen Besuch motivieren können. Denn eines zeigt die Studie auch:

„Over half of all U.S. adults (53%, or 118 million) participate in the arts through electronic and digital media.“

Das ist ein enormes Potenzial.


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Kommentare

9 Antworten zu „„Audience 2.0“: ersetzt der mediale Kunstgenuss das reale Kunsterlebnis?“

  1. Ein schöner Fund – endlich mal ein konkretes Ergebnis, das man in einer Präsentation oder in einem Gespräch benennen kann, wenn es wieder mal um die Frage geht, ob ein zu großes digitales Engagement nicht dazu führt, dass am Ende niemand mehr das Museum / die Ausstellung besuchen will. Trotzdem: Eine Diplomarbeit mit einer tiefergehenden empirischen Analyse des Sachverhalts wäre in der Tat ein echter Gewinn…

    1. Janine

      Mit Statistikzahlen um sich werfen kommt doch total Politikermäßig und ist deshalb ein No-Go ohne Ende ^^

      1. Naja, wenn sich mit empirischen Zahlen etwas unterlegen lässt, dann wirft man ja noch nicht mit Statistikzahlen um sich. :-)

  2. @Christian: ich hoffe auch, dass solche Themen nach und nach das Interesse der StudentInnen wecken, denn die Oberthemen sind mittlerweile behandelt. Jetzt muss es in die Tiefe gehen. Ich stehe auch gerne mit all meinen Links zur Verfügung. ;-)

  3. Anja

    Hallo,
    ich hätte zu dem Ausschnitt der Studie zwei Fragen:

    1) Inwiefern werden die Medien genutzt, um Kultur zu konsumieren, sich an Kultur zu beteiligen oder sich über Kulturangebote zu informieren?
    2) Wenn hier Medien genannt werden wie TV und Radio dürfte doch wohl die Zahl derer, die überhaupt kein Medium benutzen relativ gering sein, oder wird der Zusammenhang irgendwo in der Studie deutlich.

    Grüße

  4. @Anja: Frage eins wird, so ich sie richtig verstehe, durch die Tabellen 3-1, 3-2 und 3-3 beantwortet (im PDF S. 31). Von Beteiligung im Sinne von Partizipation kann hier aber, denke ich, nicht die Rede sein, im Report wird meist das Verb „observe“ verwendet. Das umfasst einerseits den Konsum von bestimmten Kunstarten (die in den Tabellen aufgelistet werden) als auch die Information darüber.

    Frage zwei wird durch die Tabelle 1-1 auf Seite 11 im PDF beantwortet, zumindest teilweise. 53% der Erwachsenen in den USA konsumieren die dort aufgelisteten Kunstsparten. Wie hoch der Anteil derer ist, die über TV und/oder Radio verfügen, dort aber keine Kunstangebote konsumieren, kann ich leider nicht sagen. Dazu habe ich keine Infos gefunden, aber vielleicht habe ich diese Info auch einfach irgendwo überlesen. Aber ich würde auch sagen, dass der Anteil derer, die die genannten Medien überhaupt nicht nutzen, sehr gering sein dürfte.

  5. […] Eine Studie aus den USA, über die ich vor einiger Zeit bereits einen  Beitrag verfasst habe („Audience 2.0″: ersetzt der mediale Kunstgenuss das reale Kunsterlebnis?), zeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist. In „Audience 2.0: How Technology Influences […]

  6. […] Nicht nur sie, sondern auch andere Stimmen wiesen immer wieder darauf hin, dass es die Aura der Objekte sei, die die BesucherInnen in Erstaunen versetze und das Museum zu einem ganz speziellen Ort mache. Spätestens an diesem Punkt hatte ich ein kleines Problem, denn es gibt ja niemanden, der ernsthaft behauptet, die digitale Welt könne (und wolle) ein Museum ersetzen. Das Internet als Erweiterung des Museums wollen (oder können) sich viele noch nicht vorstellen. Dabei zeigt die 2010 vom “National Endowment for the Arts” veröffentlichte Studie “Audience 2.0: How Technology Influences Arts Participation“, dass Menschen, die Kunst mit Hilfe diverser Medien konsumieren, öfter reale Angebote nutzen als die Gruppe derer, die die medialen Kunstangebote nicht in Anspruch nehmen (siehe dazu mein Blogpost: “Audience 2.0″: ersetzt der mediale Kunstgenuss das reale Kunsterlebnis?). […]

  7. […] “‘Audience 2.0′: ersetzt der mediale Kunstgenuss das reale Kunsterlebnis?“ […]

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